und Schweden verzehrte ausserdem seine Kräfte in dem dreissigjährigen
Krieg und in den Kämpfen mit Russland. Die Türken überschwemmten Ungarn
und Österreich. Schwere und weitverbreitete Seuchen glichen in ihren
Folgen den Kriegen.
Somit war ein grosser Teil des zweiten und des dritten Jahrhunderts
der Buchdruckerkunst eine, dieser sehr ungünstige Zeit, in der sie
nothwendigerweise leiden musste, und erst das vierte Jahrhundert sollte
sie zum neuen Glanz wieder erstehen sehen.
Werke, welche ein Gesamtbild dieser interessanten Periode der
typographischen und xylographischen Thätigkeit geben, oder auch
nur die Geschichte der einzelnen Hauptländer in ihrer Totalität
schildern, besitzen wir nicht. Dagegen giebt es eine stattliche Reihe
erschöpfender Schilderungen der Wirksamkeit hervorragender Familien
oder einzelner Persönlichkeiten, welche den Kern dieser Zeit bilden.
Was die Meister der Typographie betrifft, so befindet sich das Ausland
in einer besseren Lage als Deutschland, welches nicht einmal ein
biographisch-kritisches Werk über die Familie Breitkopf aufzuweisen
hat. Es sind namentlich die Franzosen, die sich durch solche Arbeiten
Verdienste erworben haben.
Dahingegen bietet Deutschland vorzügliche Werke über seine grossen
Künstler, die auch für die Illustration thätig gewesen sind. Solche
Quellen des In- und Auslandes werden an den betreffenden Stellen
angeführt, hier sei nur der bereits eingangs erwähnten allgemeinen
Schilderungen □Jacksons, Chattos□ und □Firmin Didots□ gedacht, sowie
des, von Dr. □Rob. Dohme□ herausgegebenen Kollektiv-Werkes: „Kunst und
Künstler des Mittelalters und der Neuzeit“. 5 Bde. (Leipzig 1875-1881),
das kritische Würdigungen und biographische Skizzen fast aller der
Kleinmeister, die für die Illustration so Bedeutendes geschaffen haben,
enthält.
Einen grossen Vorteil bieten die Kunstverfahren der Neuzeit:
Photographie, Lichtdruck, Photolithographie und Zink-Hochätzung,
durch die Möglichkeit, mittels derselben eine Anzahl von Werken
aus der Renaissancezeit, die auf Grund ihrer Seltenheit und ihrer
hohen Preise nur einem kleinen Kreis zugänglich waren, in getreuen
Nachbildungen allgemein zu verbreiten; denn Werke, die wie □R.
Weigels□ wertvolles „Holzschnitte berühmter Meister“ (Leipzig 1857),
vorzügliche Nachbildungen in Xylographie bringen, sind nur bei grosser
Opferwilligkeit des Verlegers möglich.
Unter den Kollektivwerken, welche durch die oben erwähnten Verfahren
eine reiche Auswahl des für den Typographen zu Studium und Nacheiferung
Geeigneten bringen, sind namentlich die von □G. Hirth□ in München und
Leipzig herausgegebenen: „Der Formenschatz der Renaissance 1500-1600“
und „Die Bücherornamentik der Renaissance“ erwähnenswert.
Die Schriften der deutschen Fachgenossen aus älterer Zeit geben in
Bezug weder auf äussere noch innere Verhältnisse der Buchdruckereien
eine nennenswerte Ausbeute. Zu erwähnen sind:
□J. H. G. Ernesti□, „Die wol-eingerichtete Buchdruckerey“, (Nürnberg
1721). Mit vielen deutschen, lateinischen und orientalischen Schriften.
□Chr. Fr. Gessner□, „Die so nöthig als nützliche Buchdruckerkunst und
Schriftgiesserey“. 4 Teile. (Leipzig 1740-1745). Ein reichhaltiges,
fleissig zusammengetragenes Buch mit vielen Illustrationen technischer
und geschichtlicher Natur.
□Ch. G. Täubel□, „Theoretisch praktisches Wörterbuch der
Buchdruckerkunst und Schriftgiesserei“ (Wien 1805).
Höher stehen folgende Werke des Auslandes.
□M. D. Fertel□, _La science pratique de l'imprimerie. Avec des fig._ 2
Bde. (St. Omer 1723).
□P. S. Fournier, Le Jeune□, _Manuel typographique_. 2 Bände (Paris
1764). Das auf vier Bände berechnete Werk wurde durch den Tod des
Verfassers unterbrochen.
□Joseph Moxon□, Mechanick Exercises; or the doctrine of Handy-works,
applied to the art of printing_ (London 1677-1696). Das Buch ist sehr
selten und Schreiber dieses nicht zurhand gewesen.
□John Johnson□, _Typographia or the Printers Instructor_. 2 Bde.
(London 1824), und □Thomas Curson Hansard□, _Typographia_ (London
1825), erschienen fast gleichzeitig und beide Verfasser waren tüchtige
Typographen.
□C. H. Timperley□, _Encyclopaedia of literary and typographical
anecdote_ (London 1842) ist als eine vorsorglich gefüllte Vorratskammer
zu betrachten. Die unzähligen Artikel sind nach den Jahreszahlen, aus
allen Ländern untereinander, gereiht.
Ein sehr schätzbares Werk aus allerneuester Zeit ist:
□E. C. Bigmore□ _and_ □C. W. H. Wyman□, _A Bibliography of printing
with notes and illustrations_. I. Band. A-L (London 1880). Das Buch
enthält nicht nur eine reiche, wir möchten fast sagen überreiche,
typographische Bibliographie aller Länder von der ältesten Zeit bis
auf heute, sondern auch eine Menge von schätzbaren historischen Notizen
und Illustrationen. Die Fortsetzung des Werkes erscheint vorerst in der
von C. Wyman herausgegebenen vortrefflichen Fachzeitschrift: _Printing
times and Lithographer_.
Die bereits in dem □i.□ Buch erwähnten Spezialgeschichten einzelner
Druckorte werden in dem □ii.□ Buch nicht wiederholt.
[Illustration:Kapitelende]
[Illustration:Kapitelanfang]
VI. KAPITEL.
DIE ILLUSTRIERENDE KUNST IN DEUTSCHLAND.
Die deutschen Malerschulen. Der Kupferstich und der Holzschnitt.
Michel Wolgemut. Albrecht Dürer, seine Zeitgenossen und Nachfolger:
Hans Burgkmair, Hans Schaeuffelein, die „Kleinmeister“. Hans Holbein
d. j. Lucas Cranach d. ä. Die Schweizer und Elsasser Künstler. Über
die „eigenhändigen“ Holzschnitte der Zeichner.
Die Maler-
schulen.
UNTER wenig günstigen Verhältnissen hatte die Malerkunst in Deutschland
sich gestaltet. Das rauhe Klima gestattete keine Entwickelung der
Wandmalerei mit ihren grossen Verhältnissen und die alles beherrschende
gothische Baukunst benutzte die zeichnenden Künste fast nur zum
Zweck der Ornamentierung. Erst um die Mitte des □xiv.□ Jahrhunderts
entstanden eigentliche Malerschulen, die jedoch in ihrer ganzen Weise
noch die Spuren der früheren Unterordnung der Malerkunst unter die
Architektur tragen.
Köln.
Unter diesen war die rheinische, nach dem Hauptorte KÖLN gewöhnlich
die Kölnische Malerschule genannt, die bedeutendste. Sie zeichnete
sich durch ideales Streben im Dienste der Kirche aus. Ihr eigentümlich
waren demgemäss die schlanken, duftigen Gestalten mit heiligem
Gesichtsausdruck in weichen Farben auf Goldgrund gemalt. Rundere,
gedrungenere Formen entstanden erst beim Schärferwerden der
fortschreitenden Naturbeobachtung und der Vervollkommnung der Technik.
Wie früher die Menschen der Künstler mehr Heilige waren, so wurden
jetzt die Heiligen mehr gewöhnliche Menschen.
Prag.
Im Osten war PRAG ein Hauptsitz der Kunst geworden, welche hier unter
dem Einfluss des Kaiserhauses, besonders Karls □iv.□, eine, zunächst
die weltliche Macht verherrlichende Richtung nahm.
Brügge.
Wie Köln und Prag der geistlichen und staatlichen Gewalt huldigten,
so entwickelte sich in Brügge, wie in Nürnberg, wo Handel und Verkehr
blühten und ein mächtiges Bürgertum herrschte, die Kunst mehr in der
realistischen und begrenzteren Richtung des Bürgertums. BRÜGGE wurde
die Pflanzstätte der niederländischen Kunst, die ihre besondere Grösse
im kleinsten Genre entwickelte und sich unter der Führung Huberts van
Eyck durch eine, bis dahin unbekannte Naturtreue auszeichnete.
Nürnberg.
Unterstützt durch die Energie seiner Bürger und begünstigt durch
seine, allerdings reizlose, Zentrallage war NÜRNBERG nicht allein
ein Stapelplatz für die Produkte und Fabrikate Deutschlands geworden,
sondern auch ein Knotenpunkt des Zwischenhandels des Nordens und des
Westens mit dem Süden und dem Osten. Die Selbstregierung ruhte nach
liberalen Grundsätzen in den Händen eines aufgeklärten und reichen
Patriziertums, welches die Rechte der, in kleineren Verhältnissen
Lebenden zu schonen verstand. Der rege Verkehr hatte den Gesichtskreis
nicht allein in staatlichen und kirchlichen Verhältnissen erweitert,
sondern auch den Sinn für Wissenschaft und Kunst verallgemeinert, und
der Reichtum gab die Mittel, sie zu fördern.
Die Malerschule in Nürnberg nahm zwar unter solchen Umständen, wie
in Brügge, einen bürgerlichen Charakter an, jedoch mit einer weit
vornehmeren, gemütreicheren und religiöseren Richtung.
Kupferstich und
Holzschnitt.
Unter Einwirkung der Buchdruckerkunst und der Reformation mussten die
neuen Kunstverfahren des Kupferstechers und des Holzschneiders einen
besonders günstigen Boden in Deutschland finden. Ohne Unterstützung
des sinnebestrickenden Farbenreizes und ohne andere Effektmittel,
als die mehr oder weniger geschwellten Linien und die weiteren
oder engeren Strichlagen, war der Künstler gehalten, eine um so
grössere Aufmerksamkeit der Idee, der Komposition und der korrekten
Formengebung zuzuwenden. Bald erreichten diese Künste, indem sie sich
den Bestrebungen der sich neu gestaltenden Zeit dienstbar machten,
trotz des räumlich kleinen Umfanges die Bedeutung einer monumentalen
Kunst, die am fröhlichsten dort gedeihen musste, wo die erwähnten
Bestrebungen sich am kräftigsten äusserten, demgemäss also auch in dem
geistig-bewegten Nürnberg.
Die Formen-
schneider.
Der erste Formenschneider, der als solcher im Bürgerbuche genannt
wird und zwar in den Jahren 1449-1492, ist □Hans Formenschneider□.
Bei dem langen Zeitraum ist es anzunehmen, dass man es mit zwei
Persönlichkeiten, vielleicht mit Vater und Sohn, zu thun hat. Auch
andere werden genannt, von denen jedoch keine Arbeiten bekannt sind.
Ein sehr unternehmender Mann war um diese Zeit □Hans Sporer d. j.□
Seine Hauptwerke sind: „Der Endtkrist“ 2. Ausg. 1472; „Die Kunst zu
sterben“ 1473; „Die Armenbibel“ 1475, in denen der Ausdruck der Figuren
zum Teil noch etwas entschieden Fratzenhaftes und Gespenstisches hat.
Auch □Georg Glockendon d. ä.□ arbeitete schon um 1480 und schnitt u.
a. eine „Marie“ mit fünf weiblichen Heiligen und eine „Himmelfahrt
Christi“. Von □Wolfgang Hamer□ hat man eine „Heilige Familie“[1].
[1] □R. von Rettberg□, Nürnbergs Kunstleben. Stuttgart 1854.
Michel Wolge-
mut.
Wilh. Pleyden-
wurf.
Der eigentliche Begründer der Nürnberger so berühmten
Holzschneiderschule und wahrscheinlich der Einführer des Kupferstiches
in Nürnberg ist □Michel Wolgemut□ (geboren 1434). Seine künstlerische
Ausbildung erhielt er am Rhein. Nach Nürnberg zurückgekehrt, heiratete
er die Witwe des Hans Pleydenwurf, eines achtbaren Künstlers. Einen
seiner Stiefsöhne, □Wilhelm Pleydenwurf□, bildete er als Künstler
aus und errichtete, namentlich um die Ansprüche Kobergers für seine
grossen Unternehmungen befriedigen zu können, mit ihm zusammen ein
Holzschneide-Atelier. Dasselbe nahm eine grosse Ausdehnung an und es
entstanden in sehr kurzer Zeit die bereits früher erwähnten Werke: „Der
Schatzbehalter“ und Schedels „Buch der Chroniken“[2]. Pleydenwurf starb
bereits kurz nach Vollendung derselben (1495); Wolgemut, der auch eine
bedeutende Thätigkeit als Kupferstecher entwickelte, am 30. Nov. 1519.
Abgesehen von seinen eigenen künstlerischen Verdiensten behält Wolgemut
eine grosse Bedeutung als Lehrer Albrecht Dürers, der stets mit grosser
Hochachtung von ihm sprach.
[2] Vergl. S. 47.
Albrecht Dürer.
□Albrecht Dürer□[3], mit dem der Holzschnitt einen hohen Standpunkt
erreichte, war am 21. Mai 1471 als dritter Sohn des gleichnamigen
Vaters in Nürnberg geboren. □Dürer d. ä.□ war als Goldschmiedegesell
1455 nach Nürnberg gekommen, wo sein Meister Hieronymus Holper ihm
seine Tochter zur Frau gab, die ihm achtzehn Kinder gebar. Albrecht
wurde von seinem Vater in dem Goldschmiedehandwerk unterwiesen,
jedoch auf seinen dringenden Wunsch, Künstler zu werden, mit seinem
fünfzehnten Jahre bei Michel Wolgemut in die Lehre gebracht, und er
nahm somit vielleicht schon an den Unternehmungen Kobergers thätigen
Anteil.
[3] □A. v. Eye□, Leben und Wirken Dürers. 2. Ausg. Nördlingen
1869. -- □M. Thausing□, Dürer, Geschichte seines Lebens
und seiner Kunst. Leipzig 1876.
Jugendjahre.
Von seinen Lehrjahren und Wanderungen ist wenig bekannt. Zu Pfingsten
1494 kehrte er von letzteren nach Nürnberg zurück mit den äusseren
Vorzügen des Körpers sowohl als mit den inneren des Charakters und
der Tüchtigkeit ausgestattet. Er heiratete Jungfrau Agnes Frey, die
hübsch und nicht unbemittelt war. Es ist behauptet worden, dass die Ehe
nicht glücklich gewesen, doch liegen keine Beweise dafür vor, wenn es
auch den Anschein hat, als sei die Agnes mehr eine tüchtige Hausfrau,
als eine mit der Künstlernatur Dürers sympathisch gestimmte Seele
gewesen. Er bezog ein Haus am oberen Ende der Zisselgasse, welches er
gekauft hatte, um dort sein Atelier einzurichten. Das Haus, innerlich
und äusserlich leidlich unverändert erhalten, ist in den Besitz des
Dürer-Vereins übergegangen.
Die Offenbarung
St. Johannis.
Neue Bahnen für
den Holzschnitt.
Dürer, der noch nicht seinen Weltruf hatte, musste des Verdienstes
wegen manche Arbeiten übernehmen, an denen er sich sonst kaum versucht
haben würde. Aber schon frühzeitig beschäftigte er sich mit einem
Gegenstande, woran er seine ganze Kraft bethätigen und sich selbst
genügen wollte. Im Jahre 1498 erschien sein Bildercyklus von 15
xylographischen Darstellungen in Folio zur „Offenbarung St. Johannis“.
Der Text ist zweispaltig auf die Rückseite der Bilder gedruckt, jedoch
nicht immer so, dass Text und Bild korrespondieren. Das Werk erschien
sowohl in einer deutschen als in einer lateinischen Ausgabe und in
mehreren Auflagen. Komplette Exemplare sind selten. Hiermit war der,
bis dahin bekannte Kreis der Leistungen weit überschritten und die
Thätigkeit des Geistes zeigte sich selbst der aussergewöhnlichen
Fertigkeit der Hand so weit überlegen, dass die Ausübung der Kunst
nicht mehr als Handwerk gelten konnte.
Dürers bahnbrechende Richtung für den Holzschnitt lag in seiner Manier
für diesen zu zeichnen. Bis dahin bestand der Holzschnitt hauptsächlich
nur in derben Umrissen auf das Kolorieren berechnet. Zwar hatte
Wolgemut eine künstlerische Richtung mit Glück eingeschlagen, aber
erst Dürer erreichte die Vollendung. Durch Abwechselung von Licht
und Schatten erzielte er eine grössere malerische Wirkung, als durch
Kolorit möglich war. Dazu gehörten jedoch Formenschneider, die auf
seine Intentionen eingingen. Solche konnte aber Dürer ausbilden, denn
niemand verstand es besser, als er, seinen künstlerischen Willen fest
und bestimmt mit der Feder anzugeben. Es blieb für den Formenschneider
nichts anderes übrig, als Strich für Strich der Zeichnung zu folgen.
Dürer wusste ganz genau, was er der Technik des Holzschneiders zumuten
konnte. Es war dies zwar weitergehenderes als sonst üblich, jedoch
nicht mehr, als was mit dem einfachen Material geleistet werden konnte.
Wie sicher er dies zu berechnen wusste, zeigt am besten der Vergleich
seiner Holzschnitt-Technik mit seiner Kupferstich-Technik, für die
keine solche hemmenden Schranken existierten.
Verschiedene
Arbeiten.
Aus den ersten Jahren des □xvi.□ Jahrh. stammen eine grosse Zahl
von Zeichnungen, Stichen und Holzschnitten von seiner Hand. Sein
überströmender Geist legte in seinen Zeichnungen zum Teil die Gedanken
nieder, die er später zu abgeschlossenen Werken ausarbeitete.
Italien. Reise.
Nach zehnjähriger und aufreibender Arbeit machte er eine Reise nach
Italien. Aus den mitgenommenen kleinen Kunstwerken und den Vorräten
seiner Stiche und Drucke hoffte er Vorteile zu erzielen, die indes
nicht so reichlich ausfielen, wie die Ehrenbezeigungen, die ihm
erwiesen wurden. Bei seiner Rückkehr malte er eine grosse Altartafel
für den Kaufherrn Jakob Heller in Frankfurt, welche allgemeine
Bewunderung erregte, aber doch so wenig lohnte, dass Dürer wieder zur
Feder und zum Stichel griff. Zu den bedeutendsten seiner Leistungen
gehören die drei „Passionen“ und das „Leben der Maria“ in Holzschnitt
und Kupferstich. Sie haben durch Jahrhunderte ihren unvergänglichen
Wert behauptet und sind wieder und wieder nachgebildet, nachdem die
Originale nicht mehr für den Bedarf ausreichten.
Die Passionen.
Eine der Passionen in Folio und eine in Oktav sind in Holzschnitt
ausgeführt, die dritte, auch in Oktav, ist in Kupfer gestochen. Die
beiden ersteren erschienen 1511 in Buchform. Die „grosse Passion“ ist
12 Blätter stark mit ebenso vielen Darstellungen; die „kleine Passion“
38 Blätter mit 37 Darstellungen, beide mit lateinischen Versen von
Chelodonius, einem Benediktinermönch und Freund Dürers. Die dritte
„Passion“ in Kupferstich von 16 Blättern ward erst 1513 vollendet; sie
ist ohne Text und scheint nie in Buchform ausgegeben worden zu sein.
Die, ihrem Stoff nach umfangreichste „kleine Passion“ fängt mit dem
Sündenfall an und endigt mit dem jüngsten Gericht; die Bezeichnung
Passion ist demnach nicht ganz korrekt.
Unser Frauen
Leben.
In keinem Werke aber prägt sich der eigentümliche Geist Dürers und
überhaupt der deutschen Kunst voller und klarer aus, als in der Reihe
von zwanzig, „Unser Frauen Leben“ behandelnden Holzschnitten. Auch was
die Ausführung betrifft, gehört dieser Cyklus zu dem vorzüglichsten,
was die Holzschneidekunst je geliefert hat.
Einzelblätter.
Neben diesen Hauptwerken schenkte uns Dürer in diesem Zeitpunkt seines
reichen Schaffens eine grosse Anzahl von Einzelblättern, die den
genannten an Originalität der Erfindung und in der Ausführung nicht
nachstehen. Daneben musste er auch Zeit und Lust finden, Blätter für
Kinder und zum Schmücken von Schachteln; Zeichnungen von Wappen der
Patrizier zum Einkleben in ihre Bücher; Nachbildungen naturhistorischer
Gegenstände, u. dgl. m. zu liefern.
Die Arbeiten für
Maximilian I.
Eine besondere Klasse von Arbeiten, die zu den, für den Typographen
interessantesten gehören, sind die Werke, die er für den Kaiser
Maximilian ausführte, der zwar ein poetisches Gemüt und einen regen
Sinn für die schönen Künste besass, diese jedoch hauptsächlich
nur durch deren Ausbeutung zu seiner persönlichen Verherrlichung
bethätigte.
Hans Burgkmair.
Der Kaiser hatte den Gedanken gefasst, die ganze Glanzfülle seiner
ruhmreichen Abstammung, seine weite Herrschaft, Leben und Thaten durch
eine „Ehrenpforte“, einen „Triumphzug“ nebst einem „Triumphwagen“
darstellen zu lassen. Den hauptsächlichsten Teil der Arbeit wollte er
Dürer übertragen, aber auch andere Künstler sollten bei den Werken
beschäftigt sein. Unter diesen ragte besonders □Hans Burgkmair□,
geboren zu Augsburg 1473, gestorben ebendaselbst 1529, hervor, der,
durch seinen Aufenthalt in Venedig von der dortigen Kunst beeinflusst,
einer der Hauptvertreter der Renaissance in Deutschland wurde. Berühmt
ist er hauptsächlich durch seine Holzzeichnungen zu den erwähnten und
anderen durch Maximilian □i.□ hervorgerufenen Werken. Er lieferte
30 Platten zur Ehrenpforte, 66 zu dem Triumphzug. Von ihm stammen
grösstenteils die 245 Zeichnungen zu dem „Weisskunig“, auch eine
Verherrlichung des Kaisers, des weiteren arbeitete er mit an den 124
Blatt: „Heilige des österreichischen Kaiserhauses“. Berühmt ist auch
sein „Turnierbuch“ mit 52 Illustrationen.
Die Ehrenpforte.
Den Auftrag zur „Ehrenpforte“ erhielt Dürer mutmasslich schon im J.
1512. Der gelehrte Johannes Stabius war mit der litterarischen Leitung
und der Abfassung der vielen Inschriften betraut. Dürer ergriff die
Sache mit grossem Eifer und vollendete seine Arbeit schon 1515, obwohl
die Aussichten auf die entsprechende Entschädigung nicht gross waren,
da der Rat von Nürnberg das Ansinnen des Kaisers, der nicht gern aus
eigener Tasche zahlte, „Dürer Steuerfreiheit zu gewähren“, ablehnte
oder vielmehr Dürer veranlasste, selbst den Antrag zurückzunehmen.
Ebenso weigerte sich der Rat, ein, vom Kaiser auf Grund verschiedener
Arbeiten Dürer zugestandenes Jahresgehalt von 100 Gulden zugunsten
des Künstlers von den an Maximilian zu zahlenden Abgaben in Abzug zu
bringen.
Die „Ehrenpforte“ ist das grossartigste, was jemals in Holzschnitt
geschaffen worden ist. Sie besteht aus 92 Holzstöcken, die
zusammengestellt eine Ausdehnung von nahe an 3 Meter 50 ctm. Höhe und
3 Meter Breite einnehmen. Mit einer Sicherheit ohne gleichen zeichnete
Dürer die Blätter mit Feder und Pinsel. Mit gleicher Genauigkeit
schnitt sie □Hieronymus Andreä□. Das Werk ist nicht ein Triumphbogen
im antiken Stil, sondern ein hoher giebelgekrönter Renaissancebau,
durch runde Türme flankiert und mit drei Thoren versehen. Der Reichtum
an historischen Darstellungen, Allegorien, Portraitfiguren und
ornamentalem Schmuck ist geradezu überwältigend.
Der Triumphzug.
Der „Triumphzug“ bildet in seiner Entfaltung ein Tableau von 54 Metern
Länge bei 37 ctm. Höhe und besteht aus 135 Stöcken, war jedoch auf
eine noch grössere Zahl berechnet. Von den Stöcken lieferte Burgkmair
66, Dürer zeichnete 24 Blatt. Dieses grossartige xylographische Werk
bietet, abgesehen von dem Kunstgenuss, einen höchst interessanten
Stoff für das Studium der Kostüme, Waffen, Geräte und Sitten damaliger
Zeit. Das eingehende Programm verfasste des Kaisers Sekretär Marx
Treytz-Saurwein.
Der Triumph-
wagen.
Der „Triumphwagen“, sozusagen der Mittel- und Schwerpunkt der gesamten
Unternehmungen, ist ein Werk Dürers. Die Zeichnungen entstanden
1514-1515, die Holzschnitte waren 1522 fertig. Der Rat Pirckheimer
hatte die Idee ausgearbeitet, die sich lediglich auf schale Lobrednerei
gründet. Der Kaiser fährt auf einem von 12 Pferden gezogenen
Triumphwagen, umgeben von allegorischen Figuren, die alle seine
Tugenden repräsentieren. Die aus 8 Holzstöcken bestehende Komposition
hat eine Länge von 2 Meter 32 ctm. bei einer Höhe von 47 ctm.
Als Kaiser Maximilian am 12. Jan. 1519 starb, gerieten seine
Kunstunternehmungen ins Stocken. Dass der Kaiser nicht gern zahlte,
wurde schon erwähnt. Dürer und Andere hatten ihr Honorar noch nicht
erhalten. Um sich bezahlt zu machen, gab Dürer den „Triumphwagen“ auf
seine Rechnung heraus. Die erste Ausgabe erschien 1522 mit deutschem,
die zweite 1523 mit lateinischem Text; nachgedruckt wurde das Werk in
Venedig 1589. Auch von dem „Triumphzug“ verkaufte man einzelne Blätter.
König Ferdinand, dem daran lag, dass das Werk des Kaisers nicht in
Privathände zersplittert würde, erwarb durch Vermittelung des Rates
zu Nürnberg die noch unbezahlten Stöcke, die nach Wien kamen. Im Jahre
1759 machte man den Versuch, das ganze Werk herauszugeben. 1799 wurde
eine neue Ausgabe veranstaltet und die noch fehlenden Stöcke durch
Radierungen ersetzt.
Maximilians
Gebetbuch.
Zu seinem eigenen Gebrauch hatte Maximilian ein Gebetbuch
zusammenstellen lassen, das er von □Joh. Schönsperger□ in Augsburg in
kostbarem Pergamentdruck ausführen liess. Die Initialen wurden nach
einem, dem Congrevedruck ähnlichen Verfahren mehrfarbig eingedruckt.
Man kennt bloss drei Exemplare dieses Werkes, eins in der k. k.
Bibliothek zu Wien, das andere in der Münchner Bibliothek, das dritte
in dem _British Museum_. Zu 45 Blättern zeichnete Dürer mit farbiger
Tinte Einfassungen, die einen wahren Schatz von Ornamenten und
Allegorien, Ernst und Scherz, Profanem und Heiligem in bunter Reihe
enthalten. Dürer scheint die Absicht gehabt zu haben, sie durch seine
Schüler fortsetzen zu lassen. Es existieren auch acht Blatt von anderer
Hand gezeichnet, die fälschlich Lucas Cranach zugeschrieben wurden;
eher dürften sie Hans Springinklee gehören[4].
[4] Diese Randzeichnungen sind von □N. Strixner□ 1808 in
Lithographie vorzüglich nachgebildet und später auch
anderweit reproduziert.
Reise nach den
Niederlanden.