Von eigentlichen festen Einbänden gaben die römischen Diptychen, d.

h. zwei mit Wachs überzogene, an der einen Langenseite verbundene

Holztafeln, die ersten Proben. Waren in dieser Weise, statt zwei, drei

oder mehr Platten verbunden, so hatte man Triptychen oder Polyptychen.

Die Deckelseiten wurden öfters mit Schnitzwerk, Bildnissen von Konsuln

oder Kaisern, in der christlichen Zeit von Heiligen geschmückt, wobei

es mitunter einem Kaiser passierte zu einem Heiligen zu avancieren. Für

die schweren Ritualbücher auf Pergament wurden ähnliche feste Einbände

beibehalten, und die Deckel in Holz oder Elfenbein künstlich geschnitzt

oder in durchbrochenem Metall gearbeitet, oft unter Ausschmückung mit

Perlen und Edelsteinen. Auch Sammet- und Seidenüberzüge mit reichen

Goldstickereien kamen zur Anwendung. Während des □xi.□ Jahrhunderts

machte sich der deutsche Kunstfleiss und Geschmack, namentlich am

Niederrhein, geltend. Es entstanden eine grosse Anzahl Arbeiten in

Metall mit farbenprächtigem Schmelz überzogen, eine Technik, die im

□xii.□ Jahrh. besonders in Limoges in Frankreich zur Geltung kam.

Solche wertvolle Bände sind in ziemlich grosser Zahl erhalten. Die

Werkstätten befanden sich in den Klöstern; die Verfertiger waren Mönche

oder Laienbrüder und arbeiteten mit den Abschreibern und Illuminatoren

Hand in Hand.

Lederbereitung.

Durch die Kreuzzüge lernte man die kunstreiche Lederbearbeitung des

Orients kennen. Das Gerben der Tierfelle ward schon in alter Zeit von

den Chinesen und Ägyptern in hoher Vollendung geübt. Durch die Araber

wurde diese Technik nach Spanien und Sicilien gebracht. Der Corduan,

der Saffian, das Chagrinleder und die Juchten gaben ein vortreffliches

Material für Bucheinbände ab.

Der Corduan (so nach der Stadt Cordova, von den Franzosen _Maroquin_,

von den Engländern _Morocco_ genannt) ist ein narbiges Ziegenleder, von

dem sich der Saffian nur durch seine Glätte unterscheidet. Der Chagrin

(persisch _Sagre_) ist wie mit runden Körnchen übersät, was durch

Hineintreten von Samenkörnern hervorgebracht wird. Juchten ist meist

Rinds- oder Pferdeleder, welches mit Laugen, Beizen und Farbstoffen

behandelt und durch Birkenöl geschmeidig gemacht wird.

Durch Verzierungen wurden die Lederflächen belebt, in der ältesten Zeit

sind diese gewöhnlich in das Leder eingeschnitten und die vertieften

Stellen mit Farbe ausgemalt. Der Grund wird öfters punktiert oder

mit kleinen eingetriebenen Verzierungen in Kreisform ausgefüllt. Das

feuchte Leder wurde auch mit dem Modellier-Eisen plastisch bearbeitet

und reiche Figurenbilder hergestellt. Manchmal kam die Schrotmanier

zur Anwendung. Von den mit Stanzen und Rollen eingepressten Ornamenten

wurde ein sehr freigebiger Gebrauch gemacht. Die Ecken waren gewöhnlich

mit, meist durchbrochenen, Metallbeschlägen versehen. Spangen

(Klausuren, Schleissen), teils von Leder, teils von Metall, hielten die

Deckel zusammen. Die grossen Folianten waren ungemein schwer, ruhten

gewöhnlich auf Schrägpulten und waren oft in den Bibliotheken an Ketten

gelegt.

Die Einbände des

König Matthias

Corvinus.

Den Übergang zur Renaissancezeit bilden die Arbeiten, welche der

ungarische König Matthias Corvinus in seiner ausgezeichneten Bibliothek

zu Ofen gesammelt hatte. Sämtliche Bücher dieser Bibliothek, für welche

jährlich 33000 Dukaten verwendet wurden, wurden in Sammet oder Leder

gebunden, mit goldenen oder silbernen Spangen und mit dem Wappen des

Königs geschmückt. Dreissig Schreiber und Maler, darunter bedeutende

Künstler, waren regelmässig für die Bibliothek beschäftigt.

* * * * *

Segensreicher

Einfluss der Buch-

druckerkunst.

DIE LITTERARISCHE PRODUKTION[8]. Es ist nicht die Aufgabe eines

Handbuches der Geschichte der Buchdruckerkunst, die Werke alle

aufzuzählen, welche den Pressen ihr Dasein verdanken, noch weniger eine

Kritik zu üben, aber es dürfte doch geboten sein, in aller Kürze zu

überblicken, in welcher Weise die Presse und der Buchhandel sich bei

der Verbreitung der Erzeugnisse des Geistes in der ersten Zeit -- der

Periode der Wiegendrucke (Inkunabeln) -- beteiligten[9].

[8] Von den vielen bibliographischen Werken, welche die

früheren Erzeugnisse der Presse verzeichnen und zumteil

näher beschreiben, nennen wir nur einige wenige der

hervorragendsten und vollständigsten, da kaum anzunehmen

ist, dass viele der dem Buchdruckfach angehörenden Leser

dieses Handbuches in solchen Werken Belehrung suchen

werden, und andere, dem Litteraten- und Buchhändlerberufe

sich widmende, die betreffende Litteratur kennen:

□Mich. Maittaire□, _Annales typographici ab artis inventæ

origine ad Annum MD_. (Die bis zum Jahr 1500 erschienenen

Werke bezeichnet man im engeren Sinn als Wiegendrucke,

Inkunabeln.) Tom. I des ganzen Werkes. Haag 1719,

vervollständigt durch die _Ed. nova_ (als Tom. IV).

Amsterdam 1733. -- □Georg Wolfg. Panzer□, _Ann. typ. ab

etc. ad annum MDCXXXVI_. 11 Bände. Nürnberg 1793-1803.

-- □Ludw. Hain□, _Repertorium Bibliogr. ab etc. usque

ad annum MD_. Stuttgart 1826-1838. -- □J. Ch. Brunet□,

_Manuel du libraire et de l'amateur de Livres_. 5. Aufl.

6 vols. Paris 1860 u. flg. -- □J. G. Th. Grässe□, _Trésor

de livres rares et précieux_. Dresden 1859 u. flg.

Des näheren verweisen wir auf □Dr. Julius Petzholdt□,

_Bibliotheca Bibliographica_, Kritisches Verzeichnis

der das Gesamtgebiet der Bibliographie betreffenden

Litteratur des In- und Auslandes. 938 S. gr. 8. Der

Umfang beweist schon den enormen Reichtum dieser

Litteratur.

[9] □Ch. F. Harless□, Die Litteratur der ersten hundert Jahre

nach der Erfindung der Typographie. Leipzig 1840. -- □A.

Kirchhoff□, Die Handschriftenhändler des Mittelalters.

2. Ausg. Leipzig 1853. -- □A. Kirchhoff□, Beiträge zur

Gesch. des deutschen Buchh. 2 Bde. Leipzig 1851-1853;

weitere Beiträge 1855. -- □Dr. F. Sachse□, Die Anfänge

der Büchercensur in Deutschland. Leipzig 1869.

Musste auch die Presse in ihren Anfängen vielfach der mystischen

Schwärmerei, der pedantischen Scholastik und spitzfindigen Dialektik

sowie dem Aberglauben und der Charlatanerie dienen, so dauerte es

doch nicht lange, bis ihr segensreicher Einfluss sich auf das ganze

wissenschaftliche und Kulturleben geltend machte. In allen Fächern

entbrannte ein Wettkampf der Gelehrten und Kunstverständigen, um

durch die Presse ihre Kenntnisse, Erfahrungen und Entdeckungen weiter

zu verbreiten, Irrtümer aufzuklären und die Fesseln des Wahnes zu

sprengen.

Verbreitung der

heil. Schriften.

Als die segensreichste Wirkung der Erfindung der Buchdruckerkunst ist

die rasche Durchführung der Reformation zu bezeichnen. Die Presse

bemächtigte sich sofort der heiligen Schriften, und wie schon oben

berichtet wurde waren nicht weniger als drei Ausgaben der lateinischen

Bibel die Hauptwerke des Erfinders und seiner Geschäfts-Nachfolger.

Zu diesen kamen die weiteren Bibel-Ausgaben des Mentelin und des

Eggesteyn in Strassburg, des Günther Zainer und des Ant. Sorg in

Augsburg, des Bernh. Richel in Basel, des Ulrich Zell und des Nik.

Götz in Köln, des Sweynheim und Pannartz in Rom, des Sensenschmid

und der Koberger in Nürnberg. In Paris erschien die Bibel 1476, in

Venedig 1475, in Neapel 1476; deutsche Bibeln wurden verbreitet in

Strassburg 1466, in Augsburg 1469, in Nürnberg 1471; Ausgaben in

französischer, italienischer, spanischer und holländischer Sprache gab

es in den siebenziger Jahren; plattdeutsche in Köln 1480, in Lübeck

1494; englische, dänische, schwedische und polnische Bibeln folgten zu

Anfang des □xvi.□ Jahrhunderts. Wie es die lateinisch gedruckte Bibel

war, welche Luther das Licht anzündete, so war es wieder die deutsch

gedruckte Bibel in Luthers unübertroffener Übersetzung, die im Verein

mit seinen eigenen Schriften und denen Philipp Melanchthons, Ullrich

Zwinglis, Joh. Calvins, John Knox' und anderer Reformatoren, unter das

Volk ein helles, nicht mehr zu verlöschendes Licht verbreiten.

Die Kirchenväter

und Scholastiker.

Neben der Bibel wurden namentlich die □Kirchenväter□ in korrekten

und schönen Ausgaben gedruckt, als: Lactantius, Augustinus,

Eusebius, Nemesius, Clemens von Alexandrien u. a. War der Nutzen

dieser und ähnlicher Werke für die Wissenschaft auch kein durchweg

unzweifelhafter, so wurde durch sie doch manche nützliche Kenntnis

verbreitet. Selbst die Häupter der Scholastik Thomas von Aquino,

Michael Scotus, Albertus Magnus blieben nicht ohne fruchtbringende

Anregungen, nicht zu vergessen Roger Baco.

Die klassische

Litteratur.

Gross waren die Fortschritte auf dem Gebiete der □klassischen

Litteratur□ und der Philologie. Italien, dessen Boden am besten

vorgeebnet war, ging voran; es folgten in ruhmwürdiger Weise namentlich

Frankreich und die Niederlande. Zuerst kamen die römischen Klassiker

an die Reihe, dann die griechischen in lateinischer Übersetzung,

schliesslich die Ausgaben in der griechischen Ursprache. Die ersten

Förderungsmittel der Linguistik waren die Donate, denen dann viele

andere Grammatiken folgten.

Die Zahl der Klassiker-Ausgaben und der Kommentare war eine bedeutende.

Den Anfang machte _Cicero de officiis_ (1465 bei Fust und Schöffer);

bis zum Jahre 1500 erschienen verschiedene Werke Ciceros zusammen

in über 100 Ausgaben. Den Vorrang in dem Klassikerdruck behauptete

Venedig, dann folgten Rom, Florenz, Mailand, Neapel, Bologna, Paris,

Köln, Augsburg, Nürnberg, Ulm. Die römischen Dichter erschienen fast

alle in den ersten 25 Jahren der Kunst, die griechischen in den letzten

Dezennien des □xv.□ und in den ersten des □xvi.□ Jahrhunderts. Der

Lieblingsdichter war Virgil (1469 bei Sweynheim), von welchem im Jahre

1500 schon siebenzig Ausgaben existierten.

Philosophen und

Naturforscher.

Unter den □Philosophen□ und □Naturforschern□ stand Aristoteles

begreiflicherweise obenan. Seine Werke erschienen, jedoch sehr

entstellt, in lateinischer Übersetzung nach syrischen oder arabischen

Bearbeitungen; eine vollständige lateinische Ausgabe nach dem Originale

erblickte erst 1473 das Licht durch Andreas de Asola in Venedig; die

erste Original-Ausgabe brachte Aldus Manutius (1495-1498) in 5 Bänden;

Plato fand erst später Anerkennung.

Auch die □Historiker□, □Geographen□ und □Mathematiker□ der Alten wurden

verbreitet. Bemerkenswert sind namentlich die Ausgaben des Ptolomäus

mit 27 grossen in Kupfer gestochenen Karten von Arnold Buckink e

Germania und des Euklid in der prachtvollen Ausstattung durch Ratdolt

(1482).

Die Reise-

beschreibung.

Dass die Typographie sich auch der neuen □Erd-□ und □Reisebeschreibung□

zuwendete, war schon durch die einflussreichen Ereignisse der Kreuzzüge

und der grossen Entdeckungen gegeben. Die Kreuzzüge hatten nicht nur

die Streiter für die Kirche massenhaft in Bewegung gesetzt, sondern

auch manche friedliche und wissbegierige Reiselustige, Minstrels und

auch Abenteurer aller Art wurden nach dem Orient gelockt. Dadurch

entstanden nicht nur jene romantischen Legenden von dem heiligen

Lande, von den Heldenthaten und Abenteuern der Ritter, sondern auch

Beschreibungen von Reisen und Erlebnissen auf letzteren. Öfters

gingen auch Gesandtschaften an die Herrscher Asiens. Berühmt geworden

vor allen Reisenden in Asien ist der Venetianer Marco Polo. Eine

italienische Ausgabe seiner Reisen ist erst aus dem Jahre 1496 bekannt;

ob eine frühere existierte, weiss man nicht, eine deutsche, nach

einer lateinischen Ausgabe veranstaltete Übertragung war schon 1477

vorhanden. Die Reise Bernh. Breydenbachs fand grossen Anklang.

Die Entdecker.

Eine noch grössere Bedeutung für die geographische Litteratur als

die Kreuzzüge hatten die grossen Entdeckungen von Christoph Columbus,

Amerigo Vespuzzi, Fernando Cortez in Amerika, sowie von Vasco de Gama,

Albuquerque in Afrika und Indien. Berichte über diese Entdeckungen

lieferten teils die Entdecker selbst, teils Andere. Bedeutend für

die Kosmographie und die Kartographie war Martin Behaim aus Nürnberg

(1436-1507).

Die Chroniken.

Weniger anziehend waren die Erscheinungen auf dem Gebiete der

□Geschichte□. Die Annalen und Chroniken waren meist trockene

kritiklose Aufzählungen von Daten, oder mehr oder weniger dichterisch

ausgeschmückte Erzählungen von den Heldenthaten der Ritter. Durch ihre

reiche Illustrierung epochemachend war die Schedelsche Chronik.

Die juristische

Litteratur.

Unter den Werken der □Jurisprudenz□ waren namentlich die _Institutiones

juris Justiniani_, zuerst von Schöffer 1468 gedruckt, welche in

zahlreichen Ausgaben verbreitet wurden.

Die Naturwissen-

schaften und die

Heilkunde.

Die Werke auf dem Gebiete der gesamten □Naturwissenschaften□ und

der □Heilkunde□ blieben zumeist ohne grossen Wert. Den Anfang machte

auch hier der Druck der Schriften der alten römischen, griechischen

und arabischen Ärzte, namentlich des sogenannten Fürsten der Ärzte,

Avicenna, von dessen Schriften bereits vor 1500 mehr als 25 Ausgaben

im Druck erschienen waren. Bedeutende wissenschaftliche Ausbeute geben

sie nicht. Leerer Dogmatismus, Alchemismus und Astrologismus hemmten

die freie Forschung. Die grossen geographischen Entdeckungen sollten

jedoch auch nicht ohne wohlthätigen Einfluss auf die Naturwissenschaft

und ihre Litteratur bleiben, man lernte neue Pflanzen, neue Heilmittel

und leider auch neue Krankheiten kennen. Es entstanden hierdurch die

zahlreichen mit Illustrationen geschmückten Kräuterbücher und Gärten

der Gesundheit.

Die Poesie.

Italien hatte, wie oben schon erwähnt wurde, noch vor der Erfindung der

Buchdruckerkunst seine grossen □Dichter□: Dante Alighieri, Boccaccio

und Petrarca hervorgebracht. Dantes _Divina commedia_ wurde zum

erstenmale 1472 in Foligno gedruckt; seine gesammelten Gedichte 1500.

Boccaccios _Decamerone_ erschien schon 1470 und dann in sehr vielen

Ausgaben, unter welchen die berühmte Valdarfersche (1471). Die erste

Gesamtausgabe des Boccaccio datiert aus dem Jahre 1490. Petrarcas

_Sonetti e trionfi_ wurden 1471 durch den Druck veröffentlicht.

An die Meisterwerke der Poesie Italiens reichen die dichterischen

Erzeugnisse der anderen Länder nicht heran. Mit wenigen Ausnahmen

bewegen sich diese in der breiten, epischen Romantik des Rittertums, in

den Heldenliedern, in den lyrisch-elegischen Gesängen der Troubadours

und Minnesänger, in den, teils scherzhaften, teils ernsten Volksliedern

oder in langweiligen didaktischen Gedichten. Unter den humoristischen

und satirischen Schriften macht namentlich Sebastian Brants

Narrenschiff mit seinen Illustrationen Epoche.

Trennung der

Buchdruckerei

vom Buchhandel.

Der BUCHHANDEL. Mit den steigenden Bedürfnissen der Lesewelt und

der Verbreitung der Pressen selbst nach kleineren Städten musste

die Vereinigung des Schriftgiessers, Buchdruckers, Verlegers

und Händlers in einer Person von selbst fallen und die einzelnen

Geschäftszweige lösten sich nach und nach vom Stamme ab. Zuerst

musste der Buchdrucker-Verleger bei der Schwierigkeit des Betriebs

Persönlichkeiten suchen, die seine Fabrikate an das Publikum

verhandelten. So nahmen schon Peter Schöffer den Conrad Henliff;

Joh. Mentel den Adolf Rusch als Bevollmächtigte und Teilnehmer an,

welche weite Reisen machten, um die Bücher an den Mann zu bringen,

wozu sie sich auch der Kaufleute bedienten, die Bücher zugleich

mit anderen Waren führten. Neben dem kaufmännisch organisierten

Vertrieb fand auch das Kolportieren, das Webern, statt. Schon im

□xv.□ Jahrhundert fanden sich bedeutende Buchhändler. Niederlagen

wurden an den Knotenpunkten des Verkehrs errichtet, und gegen Ende des

Jahrhunderts war der Buchhandel in Venedig, Lyon, Frankfurt am Main

schon von grosser Bedeutung. Auch Köln war, wenn als Verlagsplatz auch

unter dem drückenden Einfluss der geistlichen Bevormundung stehend,

ein wichtiger Ort namentlich für die Vermittelung des Absatzes nach

den reichen Niederlanden, wo die Buchhändler der angesehenen St.

Lucas-Gilde angehörten, und nach England, wo indes der Buchhandel sich

nur langsam entwickelte, da es keine Bücher in Tausch anzubieten hatte.

Um bedeutende Werke erscheinen lassen zu können, wurde öfters zur

Association unter Buchdruckern und Buchhändlern geschritten. Man teilte

dann gewöhnlich die Auflagen.

Die Zensur.

Als die Bedeutung der neuen Kunst den geistlichen und weltlichen

Behörden klar geworden war, fand sich, als unwillkommener Gast,

baldigst die □Zensur□ ein, schon in den sechziger Jahren in Köln,

später in Mainz. Die Formel in Köln lautete: _admissum ac approbatum ab

alma universitate Coloniensi_. Ob jedoch vom Beginn ab die Einholung

der Approbation ein Zwang war, oder ob diese mehr als eine Empfehlung

nachgesucht wurde, ist nicht ganz klar. Gegen das Ende des □xv.□

Jahrh. findet man jedoch in allen deutschen Erzdiözesen eine wirkliche

geistliche Zensur eingeführt.

[Illustration:Kapitelende]

ZWEITES BUCH.

[Illustration:Verzierung]

GLANZPERIODE UND VERFALL

DER

BUCHDRUCKERKUNST

1500-1750.

[Illustration:Kapitelanfang]

EINFÜHRUNG IN DAS ZWEITE BUCH.

WIR haben in dem vorstehenden gesehen, wie überraschend schnell

die Verbreitung der Buchdruckerkunst durch alle Länder Europas sich

vollzog, auch die Verhältnisse und Gründe kennen gelernt, welche zu

diesen ausserordentlichen Erfolgen beitrugen. Wir treten jetzt an die

zweite, die schönste, Periode der Typographie heran, in welcher sie

ihren Weltgang vollendete und in Europa zur hohen Blüte gelangte.

Gelehrte von Ansehen wenden sich, teils direkt als praktische Ausüber,

teils indirekt als fördernde Herausgeber, Redaktoren und Korrektoren,

der Buchdruckerei zu, als dem vollendetsten Mittel, Aufklärung

überallhin zu verbreiten. Sie schaffen durch dieselbe zahlreiche

Ausgaben der Klassiker und andere Werke, deren äussere Ausstattung mit

dem inneren Wert harmoniert. Eine Anzahl von Familien, die man als

den Adel der Buchdrucker bezeichnen kann, erwirbt durch treffliche

Arbeiten Ruhm und bewahrt diesen durch lange Reihen von Jahren.

Gebildete Herrscher, in Deutschland voran der Kaiser Maximilian □i.□

und die sächsischen Fürsten, in Frankreich Franz □i.□ und fast alle

seine Nachfolger, verschmähen es nicht der Typographie und den mit ihr

verwandten Gewerben ihre persönliche Aufmerksamkeit zu schenken.

Die Buchdruckerkunst ist in den Dienst der Wissenschaft getreten, sie

ist ihr aber mehr eine sorgsame Genossin denn eine rastlos für alles

schaffende Magd.

Die schönsten Früchte der ersten Hälfte des □xvi.□ Jahrhunderts

reifen jedoch erst durch die enge Vereinigung der Xylographie mit

der Typographie. Bedeutende Künstler, die zum Teil nur durch die

Holzschnitte ihren Ruf haben, welche, wenn nicht von ihnen selbst, so

doch unter ihrer Leitung ausgeführt wurden, widmen sich mit Vorliebe

der Illustration. So entstehen sowohl viele, heute noch mustergiltige

ganze Werke, als zahllose Einzelblätter.

Diese Hinneigung zum Holzschnitt war nicht dem Zufall oder nur der

Bequemlichkeit, für ihn zu zeichnen, zuzuschreiben, sondern sie lag

in den Verhältnissen tiefer begründet. Es konnte nicht anders sein,

als dass die Maler der Reformationszeit, welche Zeugen der Segnungen

der Erfindung Gutenbergs waren, die populärste Kunst, die Xylographie,

deren Erzeugnisse so leicht und so weit durch die Druckerpresse

verbreitet werden konnten, freudig begrüssen und begierig eine

Gelegenheit ergreifen würden, durch welche auch sie berufen waren, an

dem grossen Werke der Reformation thätig mitzuwirken.

So wurde das Zeitalter der Reformation, wie die Gegenwart, zugleich ein

Zeitalter der Illustration und die glückliche Verbindung von Bild und

Wort hat denn auch gar viel zur schnellen Verbreitung der Bildung durch

alle Schichten beigetragen. Die Geschichte der illustrierenden Künste,

speziell der Xylographie, ist deshalb nicht von der Geschichte der

Typographie dieser Periode zu trennen.

Bei den in der Gegenwart mächtig sich kundgebenden ernsten

Bestrebungen, die zur Zeit der Renaissance bestandene innige

Verbindung der Kunst mit dem Gewerbe wieder herzustellen, musste

sich notwendigerweise auch die Aufmerksamkeit aller strebenden Jünger

Gutenbergs den goldenen Tagen der Druckkunst zuwenden.

Ehrt man auch die vorangegangenen Anfänge der druckenden Künste als

die ältesten ehrwürdigen Denkmale, verfolgt man auch mit lebhafter

Teilnahme die allmählichen Fortschritte der Kunst bis zum Beginn des

□xvi.□ Jahrhunderts, so kann doch nur ein einseitiges Schwärmen für

die Vergangenheit in diesen Leistungen -- mit wenigen Ausnahmen --

nachahmungswürdige Vorbilder erblicken.

Anders verhält es sich jedoch mit den Werken derjenigen Periode,

vor welcher wir jetzt stehen. Hier haben wir es nicht mehr mit nur

historisch interessantem oder relativ gutem zu thun, sondern mit

Erzeugnissen der besten Schriftschneider, Buchdrucker und Holzschneider

und mit meisterlichen Schöpfungen noch heute nicht übertroffener

Künstler. Die Werke der Renaissancezeit bilden einen Born, aus dem man

immer und immer schöpfen kann, ohne dass ein Versiegen bemerkbar wäre.

Deshalb kann auch ein Zurückgreifen der Schriftschneider auf die besten

Schriften des späteren Mittelalters oder ein Hervorholen der, lange

Zeit in den Kunstsammlungen und Bibliotheken für das grosse Publikum

begraben gewesenen Ornament- oder sonstigen Illustrations-Schätze nicht

als ein Rückschritt zu etwas „veraltetem“ bezeichnet werden. Nach den

Ausschreitungen über die Grenzen des Schönen, des Zweckmässigen und

der wirklichen Fortschritte hinaus, an welche die neuere Zeit ebenso

reich ist wie an wirklichen Verbesserungen, trat das Bedürfnis ein, die

ruhigen, einfachen und doch kräftigen Formen der Glanzperiode wieder

aufzusuchen, und was die Illustration betrifft, so kehren Künstler

ersten Ranges mit Befriedigung zu der edlen einfachen Weise eines Dürer

oder Holbein zurück.

Damit sei aber nicht behauptet, dass in dieser Richtung nicht das

rechte Mass vielfach überschritten werde und dass nicht sklavische

Nachahmungssucht auf Irrwege geführt habe, aber im grossen und

ganzen bleibt es doch wahr, dass der denkende Schriftgiesser, der

illustrierende Künstler und der Typograph in der Renaissancezeit

die reichste Anregung und schönste Ermunterung für ein gedeihliches

Schaffen auf ihren Gebieten suchen können und finden werden.

Darum bedarf es auch nicht der Entschuldigung, wenn wir bei dieser

bevorzugten Zeit und den hervorragenden Persönlichkeiten derselben mit

Vorliebe etwas länger verweilen; mussten doch gar zu bald fast in allen

Ländern die Folgen der kirchlichen und politischen Spaltungen sich

kund geben und der helle Glanz dem mehr oder weniger tiefen Dunkel des

Verfalls weichen.

Leider sollte dieser Rückfall auf das empfindlichste das Heimatland

der Erfindung treffen. Der Bauernkrieg, die langen inneren religiösen

Kämpfe, vor allem der unselige dreissigjährige Krieg und die

verwüstenden Züge der Franzosen schlugen der geistigen Entwickelung

Deutschlands und seinem nationalen Wohlstande tiefe Wunden, die

nur langsam vernarben konnten. Erst zu Ende der vorliegenden

Periode zeigten sich der aufgehende Stern des preussischen Staates

und die Anfänge der neueren nationalen Litteratur als Vorboten

des Fortschrittes auf dem Gebiete der politischen und geistigen

Machtstellung Deutschlands.

Je höher der Gipfel war, den Kunst und Bildung in Italien erreicht

hatten, um so tiefer war der Fall, der auch hier eintrat. Zu gleicher

Zeit seufzte Spanien unter dem Joche der Jesuiten und den Greueln der,

den physischen und geistigen Tod verbreitenden Inquisition.

Frankreich musste unter politischen und Religionskämpfen bluten,

erreichte jedoch trotzdem in dieser Periode unter der glanzvollen

Regierung Ludwigs □xiv.□ sein höchstes äusseres Ansehen und seinen

litterarischen Zenith. Infolgedessen sinkt die Typographie hier auch

nicht so schnell und erst zu einer Zeit, wo wir bereits von einem

beginnenden Wiederaufblühen in anderen Ländern, namentlich in England,

zu berichten haben.

Hier war eine Regierungsumwälzung der anderen gefolgt und die Presse

hatte in schweren Fesseln gelegen, bis gegen den Schluss der Periode

die Freiheit für immer einen festen Boden gewann, auf dem dann auch die

Buchdruckerkunst sich eben so mächtig wie schnell entfaltete.

Handbuch der Geschichte der Buchdruckerkunst. Erster Teil Erfindung. Verbreitung. Blüte. Verfall. 1450-1750. · 第 9 / 29 段