Groote selbst sollte die eigentliche Ausbildung der Gesellschaft der

Brüder nicht erleben; er starb, indem er liebevoll andere pflegte,

an der Pest am 20. Aug. 1384. Die Stiftung in Deventer hob sich mehr

und mehr. Florentinus fand in dem gebildeten Gerhard von Zütphen eine

wesentliche Hülfe. Andere Städte folgten dem Beispiel Deventers, so

Delft und Münster. Der Neid veranlasste Verfolgungen; die Brüder wurden

bei dem Papste Martin □v.□ als der Todsünde schuldig, als Mörder und

als falsche Propheten denunziert, jedoch freigesprochen, und eine Bulle

Eugens □iv.□ aus dem Jahre 1431 bedrohte denjenigen, der dem Wirken der

Brüder etwas in den Weg legte, mit dem Banne.

Nach der Erfindung der Buchdruckerkunst nahmen die Brüder, statt des

Abschreibens, das Drucken in die Hand und erwarben sich namentlich in

Holland, in Westfalen und in den Nordwestmarken Deutschlands grosse

Verdienste um die Anlegung von Druckereien. In Deventer, wo die

Schule zum Schluss des ersten Drittels des □xvi.□ Jahrhunderts ihre

höchste Blüte erreichte, war dies zwar nicht der Fall, vielleicht

weil Paffs Druckerei einen ausgezeichneten Rang einnahm, dagegen in

Gouda, Brüssel, Löwen, an welchem letzteren Ort die Druckerei jedoch

nicht reussierte, sodass die Brüder sich wieder dem Abschreiben

zuwendeten[8].

[8] Dass die „Brüder des gemeinsamen Lebens“, nach ihren hohen

Kopfbedeckungen auch „Kogelherren“ genannt, die früher

Gutenbergische Druckerei nach Bechtermünzes Tod erwarben,

lasen wir schon S. 35.

Haarlem.

Koster-Legende.

HAARLEM erhielt 1483 seinen ersten Buchdrucker □Jakob Bellaert□. Nach

einem langen Zeitraume, in welchem Haarlem keine Buchdruckerei hatte,

associiert sich 1561 □Jan van Zuren□ mit □Dirk Volckharts Coornhert□

zur Errichtung einer solchen. In einem Empfehlungsschreiben an den

Rat zu Haarlem vindiziert letzterer der Stadt die Ehre der Erfindung

und auch sein Socius erzählt hiervon, jedoch ohne den Namen des

Erfinders zu nennen. Zu diesen gesellt sich ein Florentiner Luigi

Guicciardini, der sich 1550 in Antwerpen aufhielt und eine Beschreibung

der Niederlande herausgab, in der viele Erzählungen von Meermännern und

Meerweibern, die in Haarlem gelebt haben, enthalten sind. Auch dieser

berichtet, dass die Buchdruckerkunst in Haarlem erfunden sei, lässt

jedoch die Wahrheit dahingestellt.

Koster-Legende.

Diese Nachrichten wurden nun oft nachgeschrieben und jeder neue Abdruck

als ein neuer Beweis für Haarlem ausgebeutet. Indes wären diese Mythen

wahrscheinlich längst vergessen, wäre nicht Hadrianus Junius (_Adrian

de Jonghe_), Doktor und Rektor zu Haarlem, aufs neue als Vertreter der

Erfindungsrechte Haarlems aufgetreten und zwar unter genauer Angabe

des Namens, Zunamens, der Wohnung des Erfinders und der Jahreszahl der

Erfindung. In seinem, auf Veranlassung der Deputation der Stände von

Holland geschriebenen Werke: _Batavia_, das von grossartigen Fabeln

wimmelt, erzählt er, dass □Laurenz, Johanns Sohn□, mit dem Beinamen

□Koster□ (Küster), beim Spazierengehen in einem Wäldchen bei Haarlem

Buchstaben aus Baumrinde als Spielzeug für seine Enkel geschnitzt

habe. Ein zufälliger Abdruck eines solchen Buchstabens veranlasste

ihn, der ein Mann von grossem Verstand war, mit seinem Schwiegersohne

Thomas Peter weitergehende Entwürfe zu machen und schliesslich die

Buchdruckerkunst in _optima forma_ zu erfinden und zu betreiben.

Das Geschäft erweiterte sich und warf reichlichen Gewinn ab. Unter

seinen Gehülfen befand sich jedoch ein ungetreuer Diener, „Johannes,

wahrscheinlich Faust“. Dieser steckte am Christabend, während der

Meister und seine Familie in der Kirche war, die Offizin in den Sack,

und fort war er, als man nach den Feiertagen die Druckerei wieder

eröffnete. Hadrianus Junius erinnert sich ganz genau, dass ein alter

ehrwürdiger Mann mit langen weissen Haaren, Namens Nikolaus Gelius,

erzählt habe, wie „er“ sich wieder erinnere, in „seiner“ Jugend von

einem gewissen Buchbinder, Cornelius, damals ein Mann von 80 Jahren,

die Geschichte gehört zu haben, und dass letzterer, wenn er von dem

Räuber erzählte, jedesmal bitterlich geweint habe.

Das ist die Koster-Legende, die so viele Federn in Bewegung gesetzt,

so viele Bitterkeit hervorgerufen und Kosters Manen zwei öffentliche

Denkmäler eingebracht hat. Die Holländer haben, wie aus dem nächsten

Abschnitt hervorgehen wird, so viele wahrhaft grosse Verdienste um

die Buchdruckerkunst, die von der ganzen gebildeten Welt freudig

anerkannt werden, dass sie ohne Nachteil ihren Koster-Missgriff zugeben

können[9].

[9] □G. Meermann□, _Origines typr._ 2 Bde. Haag 1765.

Ausserdem eine grosse Anzahl mehr oder weniger wertvoller

Parteischriften, deren Aufzählung nur für wenige Leser

Interesse haben dürfte.

* * * * *

Nachdem über die Einführung der Kunst in ENGLAND vieles hin und her

gestritten worden, kann es jetzt als feststehend betrachtet werden,

dass sie im Jahre 1477 durch Caxton stattfand.

William Caxton.

□William Caxton□[10] wurde in der Grafschaft Kent geboren. Da er im

Jahre 1438 bei einem der angesehensten Kaufleute der City, Robert

Large, in die Lehre kam und eine solche Lehre gewöhnlich sieben Jahre

dauerte und mit dem 24. Jahre endigte, so ist, wenn wir diese Zahlen

für Caxton gelten lassen, sein Geburtsjahr etwa 1421.

[10] □W. Blades□, _The biogr. and typogr. of W. Caxton_,

2., einfachere Ausg. London 1877. -- □W. Blades□, _How

to tell a Caxton_. London 1870. -- _Caxton Celebration

1877._ London 1877. -- □F. C. Price□, _Facsimiles

illustrating the labours of W. Caxton_. London 1877.

-- Fast alle Hauptwerke Caxtons sind entweder in

typographischen oder in photographischen Reproduktionen

erschienen.

Caxton am Bur-

gundischen Hof.

Das erste eng-

lische Buch.

Nach der Vermählung des Herzogs von Burgund, Karl des Kühnen, mit der

Schwester Edwards □iv.□ von England, Margaretha, war es das eifrigste

Bemühen der englischen Regierung, die zum Nachteil beider Länder

erloschenen Handelstraktate wiederherzustellen. Caxton, der in Brügge

lebte, wo die Engländer eine „Nation“ bildeten und eine angesehene

Stellung als Geschäftsmann und Gouverneur (etwa Konsul) einnahm, war

einer der drei Abgeordneten, die zum Zweck der Unterhandlung nach dem

Burgundischen Hoflager gesandt wurden, wo er bald eine _persona grata_

wurde, die namentlich bei der Herzogin so hoch in Gunst stand, dass

sie ihn bewog, in ihren Dienst zu treten. In diesem fand Caxton Musse

genug, mit litterarischen Arbeiten, denen er stets zugethan gewesen,

sich zu beschäftigen. Im Jahre 1469 begann er die Übersetzung des

schon erwähnten Buches Raoul le Fèvres: _Histoires de Troyes_ und auch

die englische Übersetzung fand, wie das Original, so grossen Beifall,

dass Caxton den Entschluss fasste, es durch den Druck vervielfältigen

zu lassen. So erschien in den Jahren 1473 bis 1474 im Druck das erste

englisch geschriebene Buch: _The recuyell of the historyes of Troy_,

351 Folio-Seiten. Früher hielt man allgemein dafür, dass dies Buch den

Pressen Ulrich Zells in Köln entstamme, doch sprechen viele äussere

und innere Zeichen dafür, dass es ein Werk Colard Mansions in Brügge

sei. Während des Druckes seiner Übersetzung scheint nun Caxton sich

mit der Technik der Buchdruckerkunst vertraut gemacht zu haben und

der Entschluss bei ihm gereift zu sein, seinem Vaterlande die Kunst

zuzuführen. Nach einer Abwesenheit von 35 Jahren kehrte er nach LONDON

zurück, den kostbaren Schatz einer Druckerei-Einrichtung mit sich

führend.

Caxtons Thätig-

keit in London.

Das erste Buch von Caxton, welches von ihm mit einem vollständigen

Impressum versehen wurde, ist: _The dictes and sayings of the

philosophers_, das im November 1477 erschien. Seine Offizin war in

Westminster gelegen, jedoch nicht in der Abtei selbst. 15 Jahre wirkte

er noch als Drucker, zugleich als Übersetzer und Bearbeiter eines

grossen Teils der von ihm gedruckten Schriften, deren Zahl 94 beträgt

inkl. 7 Drucke, die er bereits in Brügge hat ausführen lassen, und 3,

die erst nach seinem Tode erschienen. Da unter diesen nicht weniger

als 33 Unica sind, zumteil nicht einmal im vollständigen Zustande,

so ist anzunehmen, dass die Zahl der Erzeugnisse seiner Pressen

eine noch wesentlich grössere gewesen ist. Die umfangreichsten sind:

Chaucers _Canterbury tales_ in zwei Auflagen von je 742 und 622 Seiten;

_Polychronicon_, 890 Seiten; _The noble history of King Arthur_, 862

Seiten; und _The golden Legend_, 892 Seiten. Letzteres mit vielen

Illustrationen versehene Buch, von dem kein vollständiges Exemplar

erhalten wurde, muss als Caxtons Hauptwerk betrachtet werden. Die

Technik sowohl als die Korrektur seiner Bücher waren höchst mangelhaft

und die Holzschnitte sehr untergeordneter Natur, wie überhaupt damals

von Kunst und Künstlern in England nicht zu reden war.

Aus dem gesagten geht hervor, dass Caxton nicht einer der begeisterten

Jünger Gutenbergs war, wie sie in anderen Ländern in nicht geringer

Zahl getroffen wurden, welche die Kunst ihrer selbst wegen liebten.

Er war ein praktischer Engländer und Geschäftsmann, der nicht

den Wissenschaften Opfer brachte oder seine Ehre in korrekten,

geschmackvollen Ausgaben der Klassiker suchte, sondern Bücher druckte,

von welchen er einen tüchtigen Absatz und raschen Gewinn hoffen durfte.

Kann aus den wenigen Exemplaren, die von seinen vielen Büchern auf

die Gegenwart gekommen sind, auf die Aufnutzung geschlossen werden, so

hätte er nicht falsch gerechnet. Im ganzen existieren 5-600 Exemplare

seiner Druckwerke, die sich fast ausnahmslos in englischen Händen

befinden und grösstentheils mit den höchsten Preisen erworben wurden.

Für ein nicht vollständiges Exemplar von: _The historyes of Troy_ wurde

in der Versteigerung des Herzogs von Roxburgh 1060 £ Sterl. 10 s. über

(21000 Mark) gezahlt.

Caxtons Tod.

Caxton starb, geehrt und geachtet, gegen Ende des Jahres 1491. Wenn

die Engländer ihn und seine Werke, obwohl sie typographisch auf

einer niedrigen Stufe stehen, so hoch halten und im Jahre 1877 sein

vierhundertjähriges Jubiläum so glänzend begingen, so zeigten sie damit

eine, sie selbst ehrende Dankbarkeit gegen einen Mann, der ihnen die

Wohlthaten der Presse, die in keinem anderen Lande sich grösser als in

England erwiesen, teilhaft werden liess.

Es erübrigt, einen Blick auf SKANDINAVIEN zu werfen.

„Der gothische Sprachstamm ist eine Lyra, deren Saiten zwischen den

österreichischen Alpen und den skandinavischen Bergen gespannt sind,

und es lässt sich nicht in Abrede stellen, dass Vieles, dessen Wert

nicht hoch genug geschätzt werden kann, von Deutschland kam. Von dort

erhielt der Norden die Buchdruckerkunst, von dort die Reformation.“

Die Runen.

Die ersten schriftlichen Aufzeichnungen im Norden waren in Stein

gemeisselte oder in Holz geschnittene Runen. Noch wichtiger für das

spätere Kulturleben waren die Sagen und Lieder, die von Mund zu Mund,

von Generation zu Generation sich verpflanzten. Selbst nach Einführung

des Christentums hatte das neue Alphabet einen harten Kampf mit den

Runen zu bestehen und noch im Jahre 1547 kamen Fälle der Benutzung

solcher vor.

Dänemark.

Joh. Snell.

Nach DÄNEMARK[11] brachten deutsche Mönche die ersten Bücher. Die

Bildung unter der dänischen Geistlichkeit war nicht gross, obwohl

die Universität Paris stark von Dänen besucht wurde. _Stationarii_

und _librarii_ hatte Dänemark nicht aufzuweisen. Das erste Buch: eine

lateinische Beschreibung der Belagerung von Rhodos, wurde in ODENSE

auf der Insel Fühnen im Jahre 1482 von einem fahrenden deutschen

Buchdrucker, □Johann Snell□, gedruckt.

[11] □C. Nyrop□, _Bidrag til den danske Boghandels

Historie_, 2 Bde. Kopenhagen 1870. -- □G. F. Ursin□,

_Bogtrykkerkunstens Opfindelse og Udvikling_. Kopenhagen

1840. -- □J. H. Schröder□, _Incunabula artis typ. in

Svecia_. Upsala 1842.

G. van Gehmen.

Im Jahre 1485 druckte □Steph. Arendes□ in Schleswig: _Missale

Slesvicense_. Die Hauptstadt des Reiches, KOPENHAGEN, erhielt erst 1490

eine Offizin durch □Godfred van Gehmen van Os□, der früher in Gouda in

Holland gewirkt haben soll. Nur 19 Bücher können mit Sicherheit als

aus seinen Pressen hervorgegangen bezeichnet werden. Das bekannteste

darunter ist: _Dansk Rimkrönike_, welche in den Jahren 1495-1508

viermal aufgelegt wurde und das einzige in dänischer Sprache gedruckte

Buch aus dem □xv.□ Jahrhundert ist. Gehmens Type ist eine sehr

hübsche und sein Druck ein guter. In RIPEN in Jütland druckte 1504

□Matthäus Brand□ aus Lübeck, der später nach Kopenhagen zog. Ihm folgte

□Povel Räff□, früher Rektor der Universität, der erste Däne, der die

Buchdruckerei betrieb.

Schweden.

In SCHWEDEN druckte (1483) der aus Dänemark gekommene □Johann Snell□

das erste Buch: _Dialogus creaturum moralizatus_. Auf Snell folgte

□Johann Fabri□ mit dem _Breviarium Strengnense_ 1494, während Fabris

Witwe 1496 das _Breviarium Upsalense_ vollendete. Von da ab tritt eine

Unterbrechung von über 50 Jahren ein, in welcher man von der Kunst in

Schweden keine Spuren findet.

* * * * *

Auch Ungarn und die Slawischen Länder[12] eigneten sich bald die neue

Erfindung an.

[12] □Ludw. Fischer□, König Matthias Corvinus und seine

Bibliothek. Wien 1878. -- □Joh. Németh□, _Mem.

Typographiarum inclyti regni Hungariæ et magn. principatus

Transsilvaniæ_. Pest 1818. -- □Jos. Dobrowsky□, Über

die Einführung und Verbreitung der B. in Böhmen. Prag

1782. (Abhdl. einer Privatgesellsch. V. Bd.) -- □G. S.

Bandtkie□, _De primis Cracoviæ etc. incunabulis dissert.

brevis_. Krakau 1812. In polnischer Sprache lieferte

Bandtkie mehrere wertvolle Werke über die Typographie

Polens.

Ungarn.

UNGARN stand zur Zeit der Erfindung unter dem Scepter des aufgeklärten

und sich für die Wissenschaften sehr interessierenden Königs Matthias

Corvinus. Derselbe hatte mit grossen Kosten unter Mitwirkung des

bekannten Joh. Regiomontanus seine berühmte Bibliothek einrichten

lassen. Wenn auch die Angabe der Bändezahl auf 50000 jedenfalls eine

äusserst übertriebene ist, so war sie doch für damalige Zeit eine

höchst bedeutende. Berühmt waren auch die vorzüglichen Einbände, die

noch heute als grosse Schätze bei den Sammlern gelten.

Der Kanzler Ladislas Gerab berief einen, damals in Italien weilenden

deutschen Buchdrucker □Andreas Hess□ nach OFEN, wo er auf Kosten des

Königs die _Chronica Hungarorum_ (1473) druckte. Der Typencharakter

dieses gut ausgeführten Werkes ist der der Antiqua. Da man von Hess

nur noch ein sehr mittelmässiges Buch ohne Datum: _Magni Basilii de

legendis poetis libellus_ kennt, so wird man versucht, diesen Druck für

einen früheren als die _Chronica_ zu halten.

Unter den Nachfolgern des Matthias schwand die geistige Blüte. Auch

die berühmte Bibliothek ging nach und nach zurück und litt durch

Vernachlässigung, Diebstahl u. s. w. grosse Verluste, so dass sie

bereits sehr von ihrem Glanze heruntergekommen war, bevor die Eroberung

Ofens durch den Sultan Soliman den Prächtigen ihr den vollständigen

Ruin brachte, indem vieles verwüstet, der Rest nach Konstantinopel

geführt wurde, von wo aus später einiges, namentlich als Geschenke der

Sultane, nach Wien und Pest zurückkam.

Böhmen.

Auch BÖHMEN und POLEN standen zur Zeit der Erfindung der Kunst auf

einer hohen Stufe der Kultur. Prag liess sich in der Aufnahme der Kunst

von PILSEN überflügeln, von wo aus schon aus dem Jahre 1475 ein Neues

Testament in böhmischer Sprache stammt. Zwar trägt ein Buch, Guido

de Colonnas trojanischer Krieg, die Jahreszahl 1468, doch bezieht

sich diese wohl nur auf die Zeit der Abfassung des Manuskripts. Die

Schriften in diesem Werk sind eben so schön, wie die Ausführung eine

liederliche ist. PRAG folgte im Jahre 1478 mit: _Statuum utraquestorum

articuli_. 1488 erschien die erste Bibel in der Landessprache; die

zweite, mit Holzschnitten illustriert, wurde 1489 in der kleinen

Bergstadt KUTTENBERG durch den gelehrten □Martin von Tissnova□

gedruckt, der später Dekan der philosophischen Fakultät in Prag wurde.

An diese Stadt knüpft sich eine der lächerlichsten Gutenberg-Legenden,

nach welcher Johann Faust das Licht der Welt in Kuttenberg erblickte,

eine Legende, die noch im J. 1840 Verteidiger aus missverstandenem

Patriotismus fand. Dieser Faust soll in Prag studiert, in Mainz aber

seiner Vaterstadt zu Ehren sich Johann Kuttenberger genannt haben.

Polen.

In KRAKAU, dem Sitz der Wissenschaften und der Kunst in Polen, druckte

zuerst □Swaybold Frank□ 1491; er lieferte auch russische Werke. In

RUSSLAND soll 1493 in TSCHERNIGOW gedruckt worden sein und zwar Werke

in illyrischer Sprache mit cyrillischen Schriften. Diese Schrift, deren

sich die Süd- und Ostslawen schon im □ix.□ Jahrh. bedienten, war von

dem Bischof Cyrillus und seinem Bruder Methodus erfunden.

Türkei.

Selbst die TÜRKEI, wo die Ausübung der Buchdruckerei durch den Sultan

Bajazet □ii.□ 1483 unter Todesstrafe verboten war, hat Drucke aus

dem □xv.□ Jahrh. aufzuweisen, die von Juden ausgeführt wurden. Eine

hebräische Geschichte des Josephus Ben Gorion trägt das Impressum

□Konstantinopel□ 1490.

[Illustration:Kapitelende]

[Illustration:Kapitelanfang]

V. KAPITEL.

DIE TECHNIK DER BUCHDRUCKERKUNST UND DIE LITTERARISCHE PRODUKTION.

□Die Technik.□ Schriftgiesserei. Satz. Druck. Korrektur. Die Pressen.

Die Farbe. Die Ausschmückung der Bücher. Das Pergament und das

Papier. Die Buchbinderkunst. □Die Litterarische Produktion.□ Der

Buchhandel. Die Zensur.

Schriftgiesserei.

DIE SCHRIFTGIESSEREI[1], die wichtigste aller der zum Druckgewerbe

gehörenden Beschäftigungen, ist zugleich diejenige, deren Anfange uns

am unbekanntesten geblieben. Dies ist jedoch sehr erklärlich, denn

gerade in diesem Teil der Thätigkeit lagen der Schwerpunkt und das

eigentliche Geheimnis der Typographie. Eine Zeichnung von Jost Amann[2]

aus dem Jahre 1568 zeigt uns einen Giesser, vor einem niedrigen

Ofen sitzend, in welchen die Giesspfanne eingelassen ist. Werkzeuge

liegen umher. Neben dem Giesser steht die Mulde mit fertigen Typen,

an welchen der Anguss noch haftet. Auf einem Wandbrett sind Siebe,

Tiegel und Giessinstrumente gereiht. Die Siebe dienten ohne Zweifel

dazu, den Sand fein zu sieben, in welchem sowohl die Metallstangen

als auch die grossen Buchstaben geformt wurden. Die äussere Gestalt

des Giessinstruments weicht etwas von der des jetzigen ab und nähert

sich der eines Stereoskop-Apparates. Eine Feder zum Halten der Mater

ist nicht zu erblicken, dagegen bemerkt man ein Loch an der Seite des

Instruments, durch welches jedenfalls die Mater gesteckt wurde, so dass

sie festlag, solange der Guss des Buchstabens dauerte. Die erwähnte

Abbildung ist jedoch über hundert Jahre jünger als die Erfindung; was

sich in der Zwischenzeit geändert hatte, ist nicht bekannt. Dass die

Giessinstrumente aus Messing gefertigt wurden, scheint aus der öfteren

Erwähnung der Typen: „als in Messing gegossen“ hervorzugehen, denn dass

man damit „Messingtypen“ gemeint haben sollte, ist undenkbar.

[1] Unter den eingangs erwähnten Werken enthalten namentlich

die von □W. Blades□ und □Th. de Vinne□ Beachtenswertes

über die ältere Technik.

[2] Eigentliche Beschreibung aller Stände auf Erden etc.

Frankfurt a. M. 1568. Mit Stichen von □Amann□ und Versen

von □Hans Sachssen□.

Die Stempel.

Aus welchem Stoff die Stempel in der allerersten Zeit gewesen, lässt

sich nicht sagen, wahrscheinlich versuchte man es erst mit Holz

und ging dann zu einem leicht zu bearbeitenden Metall über. Unter

solchen Umständen konnte von einem „Einschlagen“ des Stempels in das

Mater-Metall natürlich keine Rede sein; man wird also annehmen müssen,

dass die Herstellung der Matern anfänglich mittels „Eindrückens“ in

eine halberstarrte Masse geschah. Jedoch konnten solche Stempel und

Matern nicht auf die Dauer befriedigen und man musste zum Stahl für die

Stempel, zum Kupfer für die Matern greifen. Dass der Handel mit Schrift

und Matern sehr schnell in Aufnahme kam, geht daraus hervor, dass

dieselben Schriften an den verschiedensten Orten vorkommen.

Mangel an

Schriftsystem.

Ein korrektes „Kegelsystem“ ist im □xv.□ Jahrh. noch nicht bemerkbar.

Die Dimensionen der Typen hingen von den Eigentümlichkeiten des gerade

vorliegenden Manuskripts ab. Der Buchdrucker von damals hatte noch

nicht den Wert regelmässig sich abstufender Schriftgrade kennen gelernt

und ahnte noch nicht, welche Unannehmlichkeiten er durch die Willkür

in der Schriftgrösse auf sich und seine Nachkommen laden würde. Bei der

Kostspieligkeit der Giessinstrumente ist nicht anzunehmen, dass man für

jede einzelne Schrift ein besonderes Instrument hätte haben sollen,

wahrscheinlicher ist es, dass die Instrumente eingerichtet waren um

sowohl auf Kegelhöhe als auf Buchstabenweite gestellt zu werden.

Beschaffenheit

der alten Typen.

Auffällig genug ist es, dass auch nicht eine der Millionen Typen

aus der ersten Zeit der Druckkunst auf uns gekommen ist, ja dass

wir, mit einer unfreiwilligen Ausnahme, nicht einmal eine getreue

Abbildung einer solchen besitzen. Einem Drucker, der 1476 in der

Offizin des Konrad Winter in Köln arbeitete, müssen wir auf Grund

seiner Unachtsamkeit sehr verpflichtet sein. Indem er nämlich eine,

vielleicht zu locker geschlossene Schriftform einschwärzte, hat er

mit dem Farbeballen einen schwachen Buchstaben herausgezogen und dies

nicht beim Einfahren der Form bemerkt. Die liegengebliebene Type

ist nun durch den Tiegel so fest in die Schrift hineingedrückt und

auf den Bogen so genau abgedruckt worden, dass wir eine ganz genaue

Seitenansicht derselben besitzen. Die Buchstabenhöhe stimmt ganz genau

mit der alten französischen von 10½ geom. Linie oder 24 mm neuen Masses

überein. An der sichtbaren (rechten) Seitenfläche der Type befindet

sich eine runde Vertiefung von etwa 3 mm im Durchmesser. Da die Type

keine Signatur hat, so diente augenscheinlich diese Vertiefung dem

Setzer als Richtschnur beim Aneinanderreihen der Buchstaben. Der Fuss

ist nicht ausgekehlt, man sieht daraus, dass die ersten Typen keinen

Gusszapfen gehabt haben und dass die Höhe durch Absägen reguliert

wurde.

Über die üblichen Schrift-Quantitäten ist es fast unmöglich etwas

zu ermitteln. Die rasche Förderung vieler der älteren umfangreichen

Druckwerke, trotz der Erschwerung durch das Einreihen der Bogen in

Lagen, lässt vermuten, dass die Typenvorräte manchmal beträchtlich

gewesen sind.

* * * * *

Der Setzer.

Die wandernden

Druckereien.

Die Beschäftigung des SETZERS, des DRUCKERS und des Giessers war, wie

jetzt, im allgemeinen eine getrennte. Die Zahl der Setzer war grösser,

als die der Drucker. Erstere waren nicht selten Männer von Bildung

und Verständnis für ihr Fach. Diejenigen, die sich für das Geschäft

so ausbilden wollten, dass sie später selbst Meister werden konnten,

mussten eine angemessene Entschädigung zahlen. Wie jetzt, rekrutierten

sich auch die Prinzipale von damals hauptsächlich aus der Klasse der

Setzer. Hatte ein solcher vom Drucken und Giessen so viel gelernt,

dass er die Arbeit Anderer überwachen konnte, so war es nicht gar zu

schwierig eine Buchdruckerei zu gründen. Mit den erkauften Matern und

einem Giessinstrument zog der Meister nach irgend einer Stadt. Die

einfachen Utensilien konnten überall angefertigt werden, das Metall für

die Schrift und das Papier waren in den grösseren Städten zu haben.

Der Buchdrucker fing nun zu giessen an, schlug seine Presse auf,

mischte seine Farbe und konnte dann die Arbeit beginnen. Fing solche

an zu fehlen, so lud er seine Druckerei auf einen Wagen und zog nach

einem andern Ort, wo man eines Buchdruckers benötigt war, um dort seine

Thätigkeit zu beginnen.

Der Setzkasten.

Handbuch der Geschichte der Buchdruckerkunst. Erster Teil Erfindung. Verbreitung. Blüte. Verfall. 1450-1750. · 第 7 / 29 段