Am 12. Aug. 1451 bewilligte der Papst Nikolaus □v.□ denjenigen, welche

zur Unterstützung des Königreichs Cypern in seinem Krieg gegen die

Türken Geld spendeten, einen allgemeinen Ablass, der für die drei

Jahre vom 1. Mai 1452 - 1. Mai 1455 erteilt wurde. Paulinus Zapp

(_Chappe_) besorgte von Mainz aus den Vertrieb der Ablassbriefe für

Deutschland. Das Geschäft wollte aber nicht recht gehen, bis, nach

dem Fall von Konstantinopel (1453), Europa aufschrak. Nunmehr nahm

der Generalinquisitor Johann von Capistran die Sache in die Hand und

predigte den Kreuzzug gegen die Türken. Jetzt fand der Ablasshandel

einen günstigeren Boden. Zur massenhaften Anfertigung dieser

„Anteilscheine auf Seligkeit“ eignete sich Gutenbergs Erfindung ganz

vorzüglich. Man liess nur den Raum für den Ort, den Tag und den Namen

des Aktieninhabers offen und die Ausstellung konnte in raschester

Weise vor sich gehen. Ein vollständig „geschriebener“ Ablassbrief aus

Lübeck, datiert vom 6. Okt. 1454, ist noch vorhanden, daneben sind

aber auch „typographisch“ hergestellte Exemplare mit der Jahreszahl

□mccccliiii□ aufgefunden. Nach dem ersten Mai 1455 waren die Urkunden

wertlos und deshalb die Pergamentblätter namentlich von den Buchbindern

benutzt, oder sie gingen im Laufe der Jahrhunderte verloren. Allmählich

sind jedoch 23 solcher Denkmale der ältesten Typographie ans Licht

gezogen, die alle aus dem Zeitraum vom 25. Nov. 1454 bis zum 30. April

1455 stammen. Aus diesen geht hervor, dass Gutenberg im Jahre 1454

wenigstens zwei Schriftgattungen besessen hat: die grosse Donattype und

eine kleinere, die jedoch zu keinem Buche von ihm benutzt wurde.

Bibeldruck.

Mit Resultaten wie die erwähnten war Gutenberg jedoch nicht zufrieden;

sein Sinn trachtete nach einem grösseren Ziele. Und welches Ziel

konnte der neuen Erfindung würdiger sein, als die Verallgemeinerung der

heiligen Schrift. Wir stehen nun vor einem der wichtigsten der vielen,

noch dunklen Punkte in der Erfindungsgeschichte.

Welche Bibel ist

die erste?

Es liegen zwei Bibeln vor, über welche Meinungsverschiedenheit

obwaltet: die „42zeilige“ (die sogenannte „Mazarinsche“), unzweifelhaft

von Gutenberg und Fust begonnene und von Fust und Schöffer vollendete,

und die „36zeilige“ (die „Schellhornsche“)[1]. Welcher von beiden

gebührt die Priorität? Früher wurde diese allgemein der 42zeiligen

zugesprochen und die 36zeilige Bibel als ein Druck Alb. Pfisters in

Bamberg betrachtet. Alle neueren Forscher jedoch, Didot, Weigel und

Zestermann, Madden, de Vinne, van der Linde, sind darin einig, dass

die 36zeilige Bibel die erste sei und ebenfalls aus Gutenbergs Offizin

stamme. Diese neuere Ansicht wird durch eine, aus der Schöfferschen

Druckerei direkt stammende Überlieferung bestätigt, welche Ulrich Zell

nach Köln brachte und die 1499 gedruckt erschien. Hiernach wäre die

erste Bibel die mit den „grossen Missalbuchstaben“ gedruckte d. i.

die „36zeilige“. Dieselben Typen, die für den erwähnten Donat dienten,

wurden 1454 zu: „Eyn manūg d' christēheit widd' die Durkē“ verwendet

und gingen wahrscheinlich später in den Besitz Pfisters in Bamberg

über. Dies mag Veranlassung zu der Annahme gegeben haben, dass die

36zeilige Bibel aus Pfisters Offizin stamme, wogegen jedoch dessen

sonstige typographische Leistungen und viele äussere Umstände und

innere Gründe entschieden sprechen.

[1] „Mazarinsche“, weil das erste Exemplar in der Bibliothek

des Kardinal Mazarin entdeckt wurde; „Schellhornsche“,

weil der Superintendent Schellhorn besonders bemüht war,

derselben ihr Recht als ein Werk Gutenbergs zu wahren.

Die 36zeilige

Bibel.

Die 36□zeilige Bibel□ umfasst 881 Blätter oder 1762 zweispaltige

Seiten, zumeist in Lagen von 5 Bogen gefalzt, und ist in der Regel in

drei Bände gebunden. Zum Zweck der kalligraphischen Ergänzung sind die

Räume für die grossen Initialen freigelassen. Die neue Kunst wollte

eine genaue Reproduktion der Manuskripte geben. Deshalb wurden auch die

Drucklettern den geschriebenen Buchstaben mit den vielen Abbreviaturen

nachgebildet. Was in Druck nicht nachgeahmt werden konnte, wurde

hineingezeichnet. Eine beabsichtigte Täuschung hierin erblicken zu

wollen dürfte kaum zutreffend sein; man wagte es einfach nicht von

dem herrschenden Geschmack abzugehen. Ähnliches findet man noch heute

bei den für den Orient bestimmten Druckschriften, deren Schwierigkeit

hauptsächlich darin liegt, dass alle Abwechselungen der Handschrift

genau nachgebildet werden müssen. Das Druckjahr der 36zeiligen Bibel

ist nicht zu entdecken gewesen. Ein rubriziertes Exemplar in Paris

trägt das Datum 1461. Dies würde allerdings sehr gegen die Priorität

dieser Ausgabe sprechen, wenn es nicht auch sonst vorkäme, dass

Exemplare eines Buches erst später rubriziert wurden. Im Jahre 1460

hatte man schon Blätter dieser Bibel als Makulatur benutzt. Die ersten

Bogen zeigen in technischer Beziehung noch Unsicherheit, der Druck ist

sehr stark, das Register steht nicht gut, und auch andere Mängel sind

sichtbar, der spätere Teil ist besser gearbeitet[2].

[2] Exemplare besitzen Leipzig, Jena, Stuttgart, Wolfenbüttel.

Die 42zeilige

Bibel.

Sollte die 36zeilige Bibel die erste und somit die zuerst aufgefundene

42□zeilige Bibel□ dem Alter nach die zweite gewesen sein, so bleibt

sie nichtsdestoweniger ein höchst ehrwürdiges und bedeutendes

Druckmonument. Es ist ein zweibändiger Foliant von 324 und 317,

im ganzen also von 641 Blättern von zweispaltigen Zeilen. Die 66

Lagen bestehen meist aus je fünf Bogen (Quinternionen). Gedruckte

Seitenzahlen, Signaturen, Kustoden und Initialen fehlen. Ein

rubriziertes Exemplar ist mit dem Datum 24. Aug. 1456 bezeichnet. Man

hat Exemplare sowohl auf Pergament wie auf Papier. Die auf Pergament

gedruckten Exemplare, von denen man sechs kennt (davon je eins in

Leipzig und Berlin), sind mit brillant ausgemalten Initialen mit

Goldverzierungen geschmückt; die auf Papier gedruckten, von welchen

neun erhalten wurden (darunter in Frankfurt a. M., Leipzig, München,

Wien), haben wechselnd rote und blaue Initialen.

Peter Schöffer.

Einen tüchtigen Mitarbeiter fanden Gutenberg und Fust in □Peter

Schöffer□. Im Prinzip hatte Gutenberg die Erfindung allein vollbracht,

aber in der technischen Ausführung der Einzelnheiten mag vieles

noch gefehlt haben. Die Stempel und Formen (Matrizen) waren noch

unvollkommen. Die Schärfe der Typen verlor sich schnell auf Grund

der Weichheit des Metalls für die Schrift und die Matern; auch die

Zeichnung und der Schnitt der Stempel (Patrizen) liessen zu wünschen

übrig. Hier scheint nun Peter Schöffer zum Vorteil der Kunst energisch

eingegriffen zu haben.

Schöffer[3] war in Gernsheim zwischen 1420 und 1430 geboren. Näheres

über seine Familie und seine Jugend ist nicht bekannt, nur dass

er sich zuerst der Jurisprudenz widmete und sich längere Zeit in

Paris aufhielt, wo er sich einen Ruf als tüchtiger Illuminator und

Rubrikator erwarb. Nach Mainz scheint er in dem Jahre 1450 oder 1451

gekommen zu sein, wahrscheinlich um in den erwähnten Eigenschaften

in der Gutenbergschen Offizin zu wirken. Hier hat er nun mutmasslich

weitergehende Talente entwickelt, ohne dass es sich jedoch genau

feststellen lässt, wie weit seine Thätigkeit sich erstreckte.

Jedenfalls hat er die Form der Buchstaben verbessert, ein grösseres

Ebenmass derselben sowie auch eine bessere Legierung des Schriftmetalls

veranlasst, und einen schöneren Schnitt der Stempel in härterem

Metall (Stahl) eingeführt, wodurch man in den Stand gesetzt wurde,

dieselben in kupferne Matrizen einzutreiben. Kurz: hat auch Schöffer

die Schriftgiesserei nicht erfunden, so bleibt ihm doch das grosse

Verdienst, sie in die Bahn gelenkt zu haben, die sie bis jetzt nicht

verlassen hat. Auch die Verbesserung der Schwärze durch Zusatz von

Firnis soll sein Werk gewesen sein.

[3] □H. Künzel□, Peter Schöffer von Gernsheim, der Miterfinder

der Buchdruckerkunst. Darmstadt o. J.

Dass die Verdienste Schöffers nicht klein sein konnten, lässt sich

schon daraus schliessen, dass der angesehene und wohlhabende Fust

kein Bedenken trug, dem armen Schreiber seine Tochter Christine zur

Ehefrau zu geben. Diese Tüchtigkeit und dieses Zutrauen, welches Fust

in Schöffer setzte, sollten leider Gutenberg verderblich werden, denn

sie gaben Fust die Zuversicht, feindlich gegen ihn aufzutreten. Für

Schöffers Beteiligung bei diesen Schritten liegt kein Beweis vor;

zweideutig jedoch hat er sich wenigstens insofern gezeigt, als er

später auf Kosten Gutenbergs sich die Ehre der Erfindung anzueignen

versuchte.

Fust klagt gegen

Gutenberg.

Mag nun sein, dass die Auslagen zu gross und die Auflagen zu klein,

oder, dass Gutenberg in der praktischen Geschäftsführung nicht der

rechte Mann gewesen, die neue Kunst hatte trotz aller technischen

Fortschritte keinen finanziellen Erfolg gehabt. Es kam soweit, dass

Fust Klage gegen Gutenberg erhob. Er forderte:

Erstes eingeschossenes Kapital: 800 Goldgulden

Zinsen darauf: 250 "

Zweites Kapital: 800 "

Zinsen darauf: 140 "

Zins vom Zins: 36 "

------------------------------

zusammen 2026 Goldgulden.

Gutenberg machte dagegen geltend, 1) dass Zinsen von den 800 Gulden

zwar in dem Dokument festgestellt seien, dass aber Fust versprochen

habe, solche nicht zu erheben; 2) dass die ersten 800 Gulden nicht

voll eingezahlt gewesen; 3) dass er in Betreff der zweiten 800

Gulden zwar die Verantwortung, nicht aber Zinsen zu tragen habe;

4) dass die zugesagten 300 Gulden jährliches Betriebskapital nicht

entrichtet worden seien. Hiergegen wird Fust der Eid auferlegt,

welchen er leistet, und Gutenberg, der nicht persönlich erschienen

war, wird am 6. Nov. 1455 zur Zahlung verurteilt. Auf Fusts Verlangen

stellte der Kleriker und Notar Ulrich Helmasperger eine Urkunde

über die Verhandlung auf, welche ein wichtiges Dokument in der

Erfindungsgeschichte bildet.

Trennung Guten-

bergs und Fusts.

Der Vertrag zwischen Gutenberg und Fust hatte somit seine Endschaft

erreicht; wie sich jedoch die schliessliche Auseinandersetzung

gestaltet hat, ist nicht bekannt. Aus später erschienenen Druckwerken

geht hervor, dass die Typen der noch nicht vollendeten 42zeiligen

Bibel auf Fust übergegangen sind, dass Gutenberg dagegen die Typen der

36zeiligen behielt. Denn nach dem Tode Fusts druckte sein Nachfolger

Peter Schöffer mit der zuerst erwähnten Schrift einen Donat, während

gegen Ende des Jahres 1456 mit den zuletzt genannten Typen ein Kalender

auf das Jahr 1457 fertiggestellt wurde.

Gutenbergs

weitere Wirk-

samkeit.

Gutenbergs Mut war durch den ihm beigebrachten Schlag nicht

erschüttert, und es scheint ihm nicht einmal schwer geworden zu

sein, wieder in Besitz von Betriebsmitteln zu kommen. Zwar wurde auch

diesmal eine Verpfändung notwendig, aber sein Gläubiger Conrad Humery,

„der Stadt Mainz Pfaff und Jurist“, war ein verständiger, Gutenberg

wohlgesinnter Mann. Gutenberg fertigte ganz neue Typen an und druckte

mit diesen zuerst zwei kleine undatierte Schriften: _Matthäus de

Cracovia, tractatus racionis et consciencie_, 22 Blatt in Quarto, und

_Thomas de Aquino, Summa de articulis fidei_, 12 Blatt in Quarto. Dann

aber brachte er im Jahre 1460 mit der neuen Schrift ein Riesenwerk

zustande, einen Folianten von 373 zweispaltig und eng gedruckten

Blättern (ohne Signatur, Kustoden und Seitenzahlen). Diese bedeutende

Leistung war die berühmte erste Ausgabe des Joannis de Janua: _Summa

quae vocatur Catholicon_. Den Anfang bildete eine lateinische Grammatik

in vier Abteilungen (64 Blatt), dann folgt als fünfter Teil ein

lateinisches Lexikon. Am Ende des Buchstaben I (Blatt 189 rechte Seite)

steht gedruckt das Wort _sequitur_ und darunter geschrieben _in alio

folio_; die Rückseite des Blattes ist weiss gelassen und somit konnte

das Werk in zwei Bände gebunden werden.

Gutenbergs ein-

zige Ansprache.

Zum Schluss des Werkes ergreift der Erfinder selbst, jedoch ohne seinen

Namen zu nennen, zum ersten, zugleich zum letzten male das Wort. Die

Schlussschrift (_Kolophon_) ist lateinisch und lautet übersetzt[4]:

„Unter dem Beistande des Allerhöchsten, auf dessen Wink

die Zungen der Kinder beredt werden und der oft den Kleinen

offenbart, was er den Weisen verbirgt, ist dieses vortreffliche

Buch _Catholicon_ im Jahre der Menschwerdung des Herrn □mcccclx□

in der guten, der ruhmwürdigen deutschen Nation angehörigen Stadt

Mainz, welche die Gnade Gottes mit so hehrem Geisteslichte und

freiem Gnadengeschenke den anderen Völkern der Erde vorzuziehen

und zu verherrlichen gewürdigt hat, gedruckt und zustande

gebracht worden, und zwar nicht mittels des Rohres, des Griffels

oder der Feder, sondern durch das bewundernswerte Zusammenpassen,

Verhältnis und Ebenmass der Patronen und Formen[5].“

[4] Nach □J. Wetters□ Uebersetzung. Krit. Gesch. S. 319.

[5] Patrizen. -- Matrizen.

So spricht sich der Erfinder selbst über die Erfindung aus. Es ist

kaum anzunehmen, dass er sich nur aus Bescheidenheit oder aus falschem

Stolz nicht genannt haben sollte, oder gar aus Verdruss, weil seine

Leistungen durch die Schöffers überflügelt waren. Wir müssen leider

eher glauben, dass derjenige, der für andere die Goldminen entdeckt

hatte, nicht in der Lage war, seinen Namen nennen zu dürfen, mögen nun

die Gründe in einem noch nicht geregelten Verhältnis zu Fust oder in

seiner neuen Stellung zu Humery oder sonst wo gelegen haben.

Gutenberg in

Eltville.

Aus dem Jahre 1461 haben wir noch einen Ablassbrief, mit den Typen des

Catholicons gedruckt. Dann kam das für Mainz und die junge Kunst so

verhängnisvolle Jahr 1462. Der Erzbischof von Mainz, Diether, Graf zu

Isenburg, war von Kaiser und Papst abgesetzt. Die Domherren wählten den

Grafen Adolf von Nassau; die Bürger aber nahmen Partei für Diether.

In der Nacht vom 27. zum 28. Oktober 1462 erstürmte Adolf die Stadt.

Hunderte von Bürgern fielen, andere wurden ausgeplündert und vertrieben

und ihre Häuser verwüstet. Dies Schicksal traf auch die Offizin

Fust und Schöffers. Mainz war in wenigen Tagen entvölkert und seiner

Privilegien beraubt. Handel und Gewerbe lagen auf lange darnieder und

von einer weiteren Ausdehnung der Buchdruckereien in Mainz konnte

vorläufig keine Rede sein. Obwohl die Offizin Gutenbergs verschont

geblieben war, da der Besitzer zum Grafen hielt, so musste er doch

mit seiner Druckerei auswandern. Er führte dieselbe nach Eltville, der

Residenz Adolfs, über.

Gutenberg tritt

in Hofdienst.

Am 15. Januar 1465 wurde er zum Hofdienstmann des Grafen auf Lebenszeit

ernannt. Als solcher hatte er jährlich die Hofkleidung eines Edlen,

für sein Haus zwanzig Malter Korn und zwei Fuder Wein steuerfrei.

Wachdienst, Einschätzung u. s. w. ward ihm auf immer erlassen. Da die

Hofdienstmänner für ihre Person freien Tisch am Hoflager und für ihre

Pferde Futter erhielten, so dürfen wir uns Gutenberg wenigstens nicht

als von materiellen Sorgen zu seinem Lebensende gequält vorstellen.

Seine Offizin hatte er pachtweise seinen Verwandten □Heinrich□ und

□Nikolaus Bechtermünze□ überlassen.

Gutenbergs

Tod.

Gutenberg starb in der Zeit zwischen dem 24. Nov. 1467 und dem

24. Febr. 1468 und wurde aller Wahrscheinlichkeit nach in der

Dominikanerkirche[6] zu Mainz begraben. Diese ging in der Nacht vom 20.

zum 21. Juli 1793 bei der Beschiessung von Mainz durch die Franzosen

in Flammen auf und auch die an derselben Stelle errichtete Fruchthalle

brannte (1875) nieder.

[6] □Dr. K. G. Bockenheimer□, Gutenbergs Grabstätte. Mainz

1876.

Fortführung des

Geschäfts durch

Bechtermünze.

Am 24. Febr. 1468 bescheinigt Humery, dass der Graf ihm den Vorrat

der zu Gutenbergs Nachlass gehörenden Formen, Buchstaben und

Werkzeuge verabfolgt habe. Gleichzeitig verpflichtet sich Humery,

den betreffenden Apparat nur in der Stadt Mainz zu benutzen. Sollte

er jedoch denselben verkaufen und ein Mainzer Bürger soviel dafür

geben wollen, wie ein Fremder, dann gebühre dem Mainzer der Vorzug.

Aus dieser Fürsorge Adolfs muss man schliessen, dass er Gutenberg

sehr zugethan und dass dessen Aufnahme an seinem Hofe eine Belohnung

gewesen, entweder für die Verdienste Gutenbergs im allgemeinen oder um

ihn selbst insbesondere.

Die Offizin ging in den vollständigen Besitz des □Nikolaus

Bechtermünze□ über, dessen Bruder Heinrich bereits 1467 verstorben war.

Nikolaus setzte das Geschäft bis 1477 in Verbindung mit einem anderen

Patrizier □Wigand Spiess□ von Ortenberg fort. Gegen das neu aufgeblühte

Geschäft Fust und Schöffers aufzukommen mag wohl schwer gewesen sein.

Die ersten Drucke der neuen Offizin waren mit den Typen des Catholicons

ausgeführt.

Weitere Schicksale

der Offizin

Gutenbergs.

Nach dem Tode des Nikolaus überliessen seine Erben das sämtliche

Material der Brüderschaft des gemeinsamen Lebens zu Marienthal in

der Nähe von Eltville. Von diesen kam es 1508 an □Fr. Hewmann□ aus

Nürnberg, Buchdrucker im Kirschgarten zu Mainz. Beim genauen Durchgehen

eines Buches aus dessen Offizin soll die älteste Type Gutenbergs aus

den Ablassbriefen von 1454 und 1455 und der 36zeiligen Bibel wieder

erkannt worden sein, während die Nachfolger Gutenbergs bis dahin von

dessen Typen nur die des Catholicons benutzt hatten[7].

[7] □Henri Helbig□, _Une découverte pour l'histoire de

l'imprimerie_. Bruxelles 1855.

Gutenbergs

Andenken.

Hiermit nehmen wir Abschied von Gutenberg und dessen Offizin. Das erste

äussere Andenken an ihn wurde 1504 von Ivo Wittig gestiftet und bestand

in einem Denkstein im Hofe „Zum Gutenberg“. Seitdem hatte Mainz seinen

grossen Bürger ganz vergessen und die typographischen Schätze von Mainz

waren in ausgedehntester Weise verschleudert. Die Stadt musste die

Demütigung erleben, dass der französische Präfekt Jeanbon-St.-André

1804 den ersten Vorschlag machte, Gutenberg ein Denkmal zu setzen, zu

dem ganz Europa beitragen sollte, und dass Napoleon im Sept. 1804 in

Mainz dekretierte, dass ein grosser Gutenbergplatz geschaffen werden

sollte. Es blieb allerdings beim Dekret. Erst die mit vielem Pomp,

1821, in Haarlem begangene vierte Säkularfeier der, von den Holländern

für sich in Anspruch genommenen Erfindung der Buchdruckerkunst war

imstande Gutenbergs Vaterstadt aufzurütteln. Die Kasinogesellschaft

liess ihrem neu eingeweihten Hause den ursprünglichen Namen „Zum

Gutenberg“ wiedergeben und eine goldene Inschrift über das Eingangsthor

setzen. Am 24. Oktb. 1824 folgte ein Denkstein im Garten. Im Hofe

selbst stiftete der Kunstverein ein Standbild in Sandstein, den

„Ritter“ Gutenberg, eine Satzform haltend, darstellend.

Die Denkmäler

Gutenbergs.

Im Jahre 1831 erging ein Aufruf „an die gebildete Welt“ zur Errichtung

eines erhabenen Monuments zur Säkular-Feier der Buchdruckerkunst

1836![8] Es wurde eine Aufforderung an die Künstler der Plastik

erlassen, Entwürfe einzusenden, „um dann das beste aus jedem zu

benutzen“. Thorwaldsen erklärte 1832 die Ausführung eines, für den

Erzguss berechneten Modells ohne Entgelt übernehmen zu wollen, jedoch

ohne Konkurrenz. Der Vorschlag wurde angenommen und Crozatier in Paris

mit dem Guss betraut. Die feierliche Einweihung fand am 17. Aug. 1837

statt[9].

[8] Diese Jahreszahl war eine Marotte von dem um das Andenken

und die Ehrenrettung Gutenbergs so verdienten □A. C.

A.□ Schaab, die er selbst als solche anerkannte, aber

trotzdem aufrecht hielt.

[9] Ausführlicheres über die Denkmal-Angelegenheit, die

Inaugurationsfeier und die vierhundertjährige Feier

der Erfindung 1840 ist in □Meyers□ „Journal der

Buchdruckerkunst“, Jahrgang 1836 und 1840, enthalten.

Seit dem 24. Juni 1840 besitzt auch Strassburg auf dem Gutenbergsplatz

ein Standbild des Erfinders, von David modelliert und von Soyez &

Ingé in Paris gegossen. Ein drittes schönes Denkmal von Herrn von der

Launitz in Frankfurt a. M. zeigt Gutenberg, Fust und Schöffer in einer

Einigkeit, wie sie bei ihren Lebzeiten so sehr erwünscht gewesen wäre,

die jedoch auf dem Denkmal fast wie eine Satire aussieht.

„Alles zusammengenommen“, so sagt Dr. van der Linde, „existiert noch

kein der Erfindung der Typographie entsprechendes Monument. Gleichwie

das nächste Jahrhundert bei seiner Säkularfeier den schlüpfrigen

Boden der Sage zu verlassen und sich auf den Felsen der Geschichte zu

stellen, das heisst, das erste halbe Jahrtausend der Typographie

•1450-1950•

zu feiern hat, so errichte auch das neu entstandene Deutsche

Reich entweder in seiner politischen Hauptstadt □Berlin□ oder in

seiner typographischen Hauptstadt □Leipzig□ ein grossartiges, alle

Kleinkrämerei beschämendes □Gutenberg-Monument□.“

[Illustration:Kapitelanfang]

III. KAPITEL.

DIE VERBREITUNG DER BUCHDRUCKERKUNST IN DEUTSCHLAND.

Schnelle Verbreitung der Kunst. Die Nachfolger Gutenbergs in Mainz.

Peter Schöffer und seine Nachkommen. Ulm. Beromünster. Basel.

Bamberg, Albrecht Pfister. Augsburg. Nürnberg. Wien. Der Norden:

Köln, Münster, Magdeburg, Leipzig.

Art der Verbrei-

tung der Kunst.

ES ist eins der Hauptwunder der überhaupt wunderbaren Geschichte

der Buchdruckerkunst, dass sie sich in einer verhältnismässig so

kurzen Zeit von 1455-1475 beinahe über das ganze zivilisierte Europa

verbreitete. Zwar liegt es auf der Hand, dass eine so wichtige

Erfindung, nachdem sie einmal in den ersten Erzeugnissen der Presse

ans Licht getreten war, auch von Anderen erfasst werden und, durch

kein Gesetz geschützt, sofort Nachahmung finden würde. Vergleichen wir

jedoch ihr schnelles Vordringen mit dem Gang der grossen Erfindungen

der neueren Zeit, z. B. der Gasbeleuchtung oder der Eisenbahnen, so

wird man finden, dass letztere, obwohl durch viele mitwirkende Umstände

unterstützt, sich nicht so schnell Bahn gebrochen haben wie die

Buchdruckerkunst.

Und wie geschah dieses Wunder?

Zu einer Zeit, wo das Reisen ein so beschwerliches und gefahrvolles

Unternehmen war, wie wir es uns jetzt nicht mehr recht vorstellen

können, bahnten ausdauernde deutsche Arbeiter, die unermüdlichen

Pioniere der Erfindung, sich ihren Weg über die weiten Gefilde

Deutschlands und Frankreichs, ja überschritten die Alpen und

die Pyrenäen, um die Fahne der neuen Kunst in fremden Ländern

aufzupflanzen. Es war, als ob Gutenberg ihnen einen unwiderstehlichen

Talisman vermacht hätte, durch welchen Deutschland bestimmt wurde,

die Wiege der Reformation zu werden und den Weg für jegliche Art des

Fortschrittes im Vaterlande sowohl wie in fremden Ländern zu ebnen.

War auch die Absicht, den Lebensunterhalt zu verdienen, die

erste Triebfeder der Jünger Gutenbergs gewesen, so ist doch die

Unermüdlichkeit, mit der sie, das Geheimnis der neuen Kunst mit sich

führend, nach den fernsten Teilen Europas drangen, der höchsten

Bewunderung wert. Ein gewisser berechtigter Künstlerstolz und ein

achtungswerter Ehrgeiz erwarben ihnen Zuneigung und Vertrauen, wo sie

erschienen. Mit Energie verfolgten sie ihr Ziel ohne Rücksicht auf

Hindernisse und Gefahren, als furchtlose Apostel und prädestinierte

Verbreiter eines neuen Glaubens, von dem sie durchdrungen und

begeistert waren[1].

[1] Worte eines Engländers □H. Noel Humphreys□, in seiner

_History of the art of printing_.

Folgen wir nun diesen begeisterten Jüngern auf ihren Wegen

in Deutschland und in den fremden Ländern bis zum Schluss des

Jahrhunderts, nachdem wir erst Kenntnis von dem Fortschreiten der

Druckerei von Fust und Schöffer genommen.

* * * * *

Fust und

Schöffers Offizin

in Mainz.

Im Besitz des neuen Gutenbergschen Materials und der genügenden

Geldmittel, mit der technischen Tüchtigkeit verbunden, gelang es bald

Fust und Schöffer, den Erfinder der Kunst zu überflügeln und nach der

kurzen Zeit von noch nicht zwei Jahren eine grossartige Leistung der

Typographie zu vollenden: das Psalterium von 1457. Dieses Druckwerk

ist das erste, welches mit der Angabe des Druckers, des Druckortes,

der Jahreszahl und des Datums (14. Aug. 1457) zugleich mit farbigen

Initialen versehen ist, während Seitenzahl, Signatur und Kustoden immer

noch fehlen. Man kennt 6 Exemplare, von denen drei 175, die anderen

nur 143 resp. 136 Blätter zählen. Als unvollständig können letztere

jedoch nicht bezeichnet werden, da alle den Schlusssatz enthalten. Die

Auslassungen geschahen wahrscheinlich aus Sparsamkeitsrücksichten, um

nicht zu viel Pergament zu verbrauchen[2].

[2] Es befindet sich je eins der Exemplare in Darmstadt,

Dresden (nicht vollständig) und Wien (sehr schön und

vollständig).

Das Psalterium

von 1457.

Handbuch der Geschichte der Buchdruckerkunst. Erster Teil Erfindung. Verbreitung. Blüte. Verfall. 1450-1750. · 第 3 / 29 段