Daneben machte jedoch auch das profane Leben seine Forderungen geltend

und wurde durch eine Menge, teilweise sittenloser Darstellungen

befriedigt. Johann Gerson in Paris, zu Anfang des □xv.□ Jahrhunderts,

drang -- wie später Luther -- auf eine sittliche Umkehr und auf

Beseitigung schlechter und sittenverderbender Bücher und Bilder, die

sogar in den Kirchen zu Paris an hohen Festtagen verkauft wurden.

Es ist jedoch von solchen Erscheinungen nichts auf uns gekommen.

Das öffentliche Schamgefühl scheint das Vernichtungswerk gründlich

betrieben zu haben. Von profanen Büchern mit achtbaren Zwecken

sind einige erhalten worden, z. B. das „_moral play_“, die „zehn

Lebensalter“, das „Glücksrad“.

Die Spielkarten.

Neben den Heiligenbildern, ja vielleicht noch vor diesen, war das Buch

des Teufels, die □Spielkarten□, ein sehr gesuchter Artikel, der stark

abgenutzt wurde. Schon um das Jahr 1300 wurden die Karten in Italien

bekannt, kamen aber wahrscheinlich erst in dem letzten Viertel des

□xiv.□ Jahrh. nach Deutschland. Um der grossen Nachfrage zu genügen,

benutzte man ein Druckverfahren, durch welches die Figuren (darunter

auch Heilige) nach den Farben in Metallblätter ausgeschnitten und die

Farben schablonenmässig auf das Papier getragen wurden. Später schnitt

man die Umrisse in Holz, druckte diese und malte den inneren Raum

aus[3].

[3] □J. G. I. Breitkopf□, Versuch den Ursprung der Spielkarten

zu erforschen. Leipzig 1801. -- □W. S. Singer□,

_Researches into the history of playing cards_. London.

-- □W. A. Chatto□, _History of playing cards_. London

1865. -- □P. Lacroix□, _Origine des cartes à jouer_.

Paris 1837. -- □N. H. Willshire□, _Descriptive Catalogue

of playing cards in the British Museum_, mit Illustr.

1877. -- □J. Duchesne□ l'ainé, _Jeux de Cartes etc. du XIV

au XVIII Siècle_. Paris 1844.

Feststellung der

Schnitte.

Die Entscheidung über das Alter eines Metall- oder Holzschnittes

ist eine schwierige Aufgabe. Kolorit, Technik, Papier, Kleidung

der Figuren, die Art das Haar zu tragen, Bewaffnung u. s. w. müssen

in Betracht gezogen werden, um den Ort und die Zeit der Entstehung

festzustellen. Später kommt der Vergleich mit den wenigen datierten

Drucken hinzu. Auch die Mundart der, von den Figuren ausgehenden

Sprüche und die Form der, zu diesen benutzten Schrift gewähren

Anhaltepunkte, letztere jedoch insofern weniger, als die Mönchsschrift

sich ziemlich unverändert das □xv.□ Jahrh. hindurch erhielt. Nach

den erwähnten Merkmalen lassen sich die graphischen Kunsterzeugnisse

vor Gutenberg in gewisse Schulen einordnen: die □Schwäbische□ (Ulm,

Augsburg); die □Fränkische□ (Nürnberg, Nördlingen); die □Bayerische□

(Freising, Tegernsee, Kaisersheim, Mondsee); die □Niederrheinische□

(Köln, Burgund). Von diesen Schulen lieferten die beiden letzteren die

besten Zeichnungen; die letzte ausserdem auch noch die besten Schnitte.

Fortschritte in

der Kunst.

Beim Fortschreiten der Kunst bekommen die Zeichnungen Andeutungen

von Schattierung. Auf die einfachen Unterschriften der Bilder folgen

ganze Sprüche, gewöhnlich Bibelstellen und Verse; oft in der Form

von Devisen aus dem Munde einer Figur hervorgehend. Aus den Sprüchen

werden schliesslich ganze Textseiten, die dem Bilde gegenüberstehen.

Das Bedürfnis der weltlichen Belehrung führt schliesslich zu

einem Buch ohne Bilder, dem _Donatus_. Aus den Briefmalern werden

□Briefdrucker□ (am Rhein _printers_ genannt) und □Formenschneider□,

welche Massen produzieren, von denen leider sehr vieles in der Zeit

des dreissigjährigen Krieges vernichtet, einiges aber doch erhalten

wurde[4].

[4] □C. F. v. Rumohr□, Zur Geschichte der Formschnitte. 1837.

-- □J. D. F. Sotzmann□, Älteste Gesch. der Xylographie.

Leipzig 1837 (Raumers Taschenbuch). □J. M. Garnier□,

_Histoire de l'imagerie populaire et des Cartes à jouer à

Chartres_. Chartres 1869.

Kunst-Zünfte.

Die Zünfte der Genannten standen oft in grossem Ansehen. Als die

bedeutendsten sind zu nennen: die in Augsburg (1418), Nürnberg,

Frankfurt a. M., Mainz, Köln, Lübeck. In Ulm sind um das Jahr 1410

schon Kartenmacher und Kartenmaler, Formenschneider jedoch erst

1441. In Brügge bestand 1454 eine Brüderschaft St. Johannis des

Evangelisten, zu welcher Schreiber, Schulmeister, Buchhändler,

Buchbinder, Bildermacher, Bildschnitzer, Illuminatoren, Holzdrucker,

Formenschneider und Briefdrucker gehörten und die noch lange nach

Erfindung der Buchdruckerkunst blühte. In Italien und Frankreich kannte

man solche Vereinigungen erst im □xvi.□ Jahrhundert; sie hiessen im

letztern Lande: _tailleurs et imprimeurs d'histoires et figures_.

Reiberdrucke.

Noch druckte man nicht auf einer Presse, sondern das Papier wurde

auf die Druckform, welche mit leichter Erdfarbe, später mit einer aus

Lampenruss und Firnis gemischten Schwärze eingerieben war, gelegt. Mit

einem harten Lederballen, der mit Pferde- oder Kalbshaaren gestopft

war, strich man über die Rückseite des Papiers hin und her, ähnlich

wie die Holzschneider mittels des Falzbeines ihre Probeabdrücke machen

und wie die Chinesen noch heutigentages ihre Bücher drucken. Da der

Reiber einen sehr starken Eindruck in dem Papier hinterliess, so konnte

man nicht auf die Rückseite desselben nochmals drucken, sondern diese

sogenannten □Reiberdrucke□ sind nur einseitige (anopistographische).

Um ein Blatt mit bedruckter Vorder- und Rückseite zu bilden, musste das

Blatt umgebogen und an den beiden Rändern zusammengeklebt oder geheftet

werden, wie es heut zu Tage noch bei den chinesischen Büchern der Fall

ist.

Selbst nach Erfindung der beweglichen Typen hört der □Tafeldruck□ nicht

ganz auf, namentlich für Sachen, wozu kleinere Typen erforderlich,

deren Guss noch zu schwierig war. In dieser Weise vertraten die

Holzplatten zumteil die späteren Stereotypplatten. Man konnte die

ersteren, deren Material so gut wie nichts kostete, bequem aufbewahren,

um nach Bedürfnis Abdrücke zu machen, und hatte nicht nötig, den

Aufwand an Papier für längere Zeit im voraus zu bestreiten. Nach

Erfindung der Buchdruckerpresse konnte man selbstverständlich beide

Seiten des Papiers bedrucken.

Die xylographi-

schen Werke.

Von den Tafeldrucken in Buchform, speziell □Xylographische Werke□

genannt, sind etwa 30 auf unsere Zeit gekommen, von denen die

umfangreichsten gegen 50 Blatt umfassen. Sie sind teils nur Bilder ohne

Text, teils Bilder mit Text, schliesslich Text ohne Bilder. Von einigen

sind die Federzeichnungen, welche der Anfertigung der Holzschnitte

vorausgingen, erhalten, andere sind später typographisch ausgeführt,

andere wieder xylographisch auf der Buchdruckerpresse gedruckt. Der

grösste Teil ist religiösen Inhalts, der künstlerische Wert gewöhnlich

unbedeutend. Wir nennen die hauptsächlichsten:

_Ars moriendi._ Eine Anleitung, selig zu sterben, in einer kompendiösen

und in einer ausführlichen Darstellung (_speculum artis bene

moriendi_). Das Buch schildert die Versuchungen des Menschen durch

den Teufel, dem der Schutzengel entgegentritt. Der Stoff war ein sehr

beliebter und das Buch wurde in allen germanischen und romanischen

Sprachen bearbeitet. Der Verfasser ist nicht bekannt. Ein, früher im

Besitz von T. O. Weigel in Leipzig befindliches, jetzt dem _British

Museum_ einverleibtes xylographisches Exemplar der _ars moriendi_ gilt

als die erste, zugleich die vollendetste Ausgabe. Sie besteht aus 12

Bogen kl. fol., in bräunlicher Farbe gedruckt. Die Schrift ist die

Mönchsschrift. Die Konzeption und die Ausführung übertrifft in dem

geistigen Ausdruck der Figuren und in kunstgerechter Handhabung des

Messers alles, was von Kunstblättern des □xv.□ Jahrh. bekannt ist.

Allen Anzeichen nach stammt das Werk aus Köln, wo es auch aufgefunden

wurde[5].

[5] Das Buch erschien in einer vortrefflichen photographischen

Nachbildung 1869. Das Original erzielte in der am 27.-29.

Mai 1872 abgehaltenen Versteigerung der Weigelschen

Sammlung die Summe von 21450 Mark. Der Seite 17 erwähnte

Metallschnitt „Christus am Kreuze“ wurde mit 3375 Mark

bezahlt.

Die xylographi-

schen Werke.

_Historia St. Johanni eiusque visiones apocalypticae_ oder „das Buch

der haymlichē Offenbarungē Sant Johans“ war schon frühzeitig der

Gegenstand bildlicher Darstellung. Es giebt drei Ausgaben mit 50, drei

mit 48 Vorstellungen.

_Ars memorandi_: Die Kunst, die Erzählungen der vier Evangelisten in

Erinnerung zu behalten. Ein ebenfalls beliebtes, öfters aufgelegtes

Werk in 15 rohen, mit blasser Farbe gedruckten Holztafeln, und 15

Blättern mit Text.

_Biblia Pauperum_, „Die Armenbibel“, ist eine Reihe neutestamentlicher

Darstellungen von der Geburt der heiligen Jungfrau an bis zum jüngsten

Gericht, unter beständiger Hinweisung auf das Alte Testament. Das Buch

ist wahrscheinlich niederrheinischen Ursprungs. Die Benennung erklären

Einige, als sei das Buch für die geringeren Ordensgeistlichen, die sich

_Pauperes Christi_ nannten, bestimmt, Andere nehmen an, es solle damit

gesagt sein, sie sei eine Bibel für die an Gütern oder am Geiste Armen.

_Speculum humanæ salvationis_ (holländ.: _Spieghel der menscheliker

Behoudnisse_): „Der Heilsspiegel“, ist ebenfalls eine Reihe

neutestamentlicher Darstellungen. Von den vielen Ausgaben dieses

beliebten Buches ist nur eine mit in den Tafeln geschnittenem Text, die

übrigen sind typographisch ausgeführt. Das Buch ist niederrheinischen

Ursprungs und die Holländer erklären dieses späte Produkt für ein von

Koster mit beweglichen Typen gedrucktes Werk.

„Der Entkrist“, die Legende von dem falschen Messias. 26 Bl. in kl. fol.

„Die Legende des heiligen Meinrad“, 48 xylogr. Blätter in 8°.

Von den xylographischen Werken weltlichen Inhalts sind folgende

besonders erwähnenswert:

„Die Kunst Ciromantia Dr. Joh. Hartliebs“, Leibarzt des Herzogs

Albrecht des Frommen zu Bayern, 24 auf beiden Seiten bedruckte Blätter.

„Der Kalender des Magisters Johannes de Gamundia“, die älteste bekannte

Ephemeride (gedruckt um d. J. 1470). Das Werk bestand nicht bloss aus

der uns allein erhaltenen Tafel, sondern hatte 11 Foliobogen Text.

„Der deutsche Kalender von Magister Johann von Kunsperk“

(_Regiomontanus_) um d. J. 1473. Von diesem Werke hat man Exemplare,

welche nach dem Druck abgeschrieben sind, ein Beweis, dass die

gedruckten Bücher damals noch teuer waren und dass man in den Klöstern

immer noch Zeit übrig hatte.

Von den Lehrbüchern war namentlich der _Donatus_ sehr verbreitet. Der

Verfasser Älius Donatus, welcher um 335 n. Chr. in Rom lehrte, hat

mehrere kleine grammatische Schriften hinterlassen, aus welchen man

einen Auszug in Katechismusform: _Donatus minor_ bildete, der bis tief

in das □xviii.□ Jahrhundert noch im Gebrauch war.

* * * * *

Ebnung des

Bodens für

Gutenberg.

Um die Mitte des □xv.□ Jahrh. hebt sich der Sinn für die klassische

Litteratur in merklicher Weise. In Italien erblüht ein frisches

Geistesleben, durch Dante, Boccaccio und Petrarca geweckt. Die

fürstlichen Häuser der Medici, Visconti und Este suchen ihre Ehre in

der Beschützung und Pflege der Dichtkunst und der Wissenschaften.

Im Norden bilden der Hof von Burgund und die niederländischen

Städte Pflanzschulen der Kultur. In Deutschland geht das Lehns- und

Ritterwesen zuende und der Bürgerstand erhebt sich mächtig. Die Fragen

der Kirche sind auf die Tagesordnung gesetzt: Wiclef und Huss haben der

Reformation vorgearbeitet.

Streitigkeiten an der Prager Universität veranlassen die Auswanderung

von Lehrern und Schülern, welche die Gründung der Hochschulen zu

Wien, Heidelberg, Köln, Erfurt, Würzburg und Leipzig zur Folge haben.

Die Zeit war für die Entdeckung der Buchdruckerkunst gereift und die

neue Welt des Geistes sollte noch eher, als die neue Welt jenseit des

Meeres, ihren Columbus finden. Dieser war: □Johannes Gutenberg□.

[Illustration:Kapitelende]

[Illustration:Kapitelanfang]

II. KAPITEL.

DIE ERFINDUNG.

Johannes Gutenberg. Herkunft. Aufenthalt in Strassburg. Gutenberg

in Mainz. Verbindung mit Johann Fust. Peter Schöffer. Gutenbergs

Unglück. Sein Tod. Sein Andenken.

JOHANNES GENSFLEISCH ZU GUTENBERG, geboren in Mainz um das Jahr

1397, gehörte einer dortigen angesehenen Patrizierfamilie an. Sein

Vater, □Frielo Gensfleisch□, heiratete □Else□, letzte Sprosse des

Patriziergeschlechtes „zum Gutenberg“. Dieser Ehe entstammten zwei

Söhne □Frielo□ und □Henne□ (Johannes).

Herkunft und

Jugend Guten-

bergs.

Von den Jugendjahren und dem Bildungsgang des Johannes ist nichts

bekannt. In die Streitigkeiten zwischen dem Adel und den Bürgern von

Mainz verwickelt, wanderte die Familie Gensfleisch 1421 von Mainz

aus und zog wahrscheinlich zuerst nach Eltville im Rheingau, wo sie

Güter besass. Hier wohnte 1434 noch der älteste Sohn Frielo. Aus einer

Urkunde, welche □Johannes Gutenberg□ (bei diesem seinen Weltnamen

werden wir ihn künftig nennen) im Jahre 1434 in Strassburg ausstellte,

erfährt man erst mit Bestimmtheit, dass er dort sein Domizil

aufgeschlagen hatte. Er wohnte im Kloster Arbogast an der Ill, eine

Viertelstunde vor dem Weissturmthore, an der, jetzt Grüneberg genannten

Stelle. In der erwähnten Urkunde erklärt Gutenberg, dass er, dem

Strassburger Magistrat zuliebe, den Mainzer Stadtschreiber Nikolaus,

den er hatte festnehmen lassen, um die Zahlung einer Rente von dem

Mainzer Rate zu erzwingen, welche dieser beanstandete, weil Gutenberg

nicht nach Mainz zurückgekehrt war, loslassen wolle. Gleichzeitig

verzichtet Gutenberg auf jede Forderung an die Stadt Mainz.

Gutenbergs

Associationen.

Als industrielles Talent zeigt sich Gutenberg erst um das Jahr 1435

(„etliche Jahre vor 1439“). Zu der erwähnten Zeit sucht □Andreas

Dritzehn□ ihn auf, mit dem Begehren, Gutenberg möge ihn in einige

von den Künsten einweihen, mit welchen er sich abgebe. Gutenberg ging

hierauf ein und schloss einen Vertrag in Betreff des „Steinepolierens“

mit Dritzehn ab. Im Jahre 1437 traf Gutenberg ein weiteres Abkommen mit

□Hans Riffe□, Voigt zu Lichtenau, bezüglich des „Spiegelmachens“, einer

Kunst, die man anlässlich der 1439 bevorstehenden Wallfahrt nach Aachen

mit Vorteil auszubeuten hoffte. Gutenberg sollte zwei Anteile von

dem Ertrag haben, Riffe einen. Als Dritzehn hiervon Kenntnis erhielt,

drang er darauf, auch in diese Gemeinschaft aufgenommen zu werden und

Gutenberg gab ihm schliesslich den einen seiner zwei Anteile. Später

erlangte Anthonin Heilmann, ein geistlicher Herr, noch für seinen

Bruder □Andreas Heilmann□, der wie Dritzehn zur Kürschnerzunft gehörte,

eine Teilnahme. Man einigte sich schliesslich dahin, dass er die Hälfte

von Dritzehns Drittel bekam. Jeder Teilnehmer musste an Gutenberg 80

Gulden zahlen.

Als die Aachener Wallfahrt auf das Jahr 1440 verschoben wurde,

entschlossen sich die Teilnehmer, den Vertrag zu prolongieren und auf

andere Zweige zu erweitern. Andr. Dritzehn und Andr. Heilmann sollten

je 125 Gulden einzahlen. Nach einigen Schwierigkeiten wurde der Vertrag

im Sommer 1438 auf fünf Jahre abgeschlossen. Starb in dieser Zeit einer

der Beteiligten, so sollten dessen Erben nach Ablauf des Vertrags mit

100 Gulden abgefunden werden. Das Verhältnis unter den Teilnehmern

blieb ein freundliches. Das Geschäft war namentlich Spiegelmachen, eine

Kunst, die damals Bedeutung hatte. Besonderes Gewicht wurde bei dieser

Fabrikation auf die gepressten Metallrahmen gelegt. Dass die Compagnons

sich mit Metallarbeiten beschäftigten, geht deutlich aus ihren Ankäufen

hervor.

Dritzehns Tod.

Weihnachten 1438 erkrankte Dritzehn in gefährlicher Weise und starb

an einem der Weihnachtsfeiertage. Andr. Heilmann, dem daran liegen

musste, dem Gerede Neugieriger vorzubeugen, ersuchte den Tischler

Saspach, der für die Gesellschaft eine Presse gefertigt hatte, diese

auseinanderzunehmen, „dann wisse niemand, was die Stücke zu bedeuten

hätten“. Saspach ging auch am 26. Dez. hin, aber „das Ding“ war fort.

Auch Gutenberg hatte seinen Diener Lorenz Beildeck mit einem ähnlichen

Auftrage gesandt. Vergebens; die Presse war fort. Wozu sollte sie aber

gedient haben? Es konnte eine Druckerpresse gewesen sein, aber ebenso

wohl eine Art von Prägepresse für die Verzierungen der Spiegelrahmen.

Andere haben die Vermutung ausgesprochen, es handle sich um ein

Giessinstrument, einen Apparat, der wirklich neu und für die Ausbeutung

der Erfindung der Buchdruckerkunst, falls es sich doch um diese

gehandelt haben sollte, weit massgebender war als eine Presse. Was ein

auseinandergenommenes Giessinstrument bedeuten könne, sollte allerdings

dem Uneingeweihten zu erraten schwer geworden sein.

Ende der Asso-

ciation.

Gegen die klaren Bestimmungen des Vertrags forderten die Brüder des

verstorbenen Dritzehn, in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden.

Gutenberg, der diesen Antrag verwarf, ward nunmehr von den Dritzehns

bei dem grossen Rate zu Strassburg verklagt, jedoch nach Abhören von

vielen Zeugen freigesprochen. Das Urteil vom 12. Dezbr. 1439 lautete:

Die Erben Dritzehns hätten sich bei der festgesetzten Entschädigung von

100 Gulden zu beruhigen, von welchen 85 Gulden, welche Dritzehn noch an

Gutenberg angeblich schuldete, abgezogen werden sollten, vorausgesetzt,

dass letzterer die Richtigkeit der Angabe beschwören würde. Den Eid

leistete Gutenberg.

Wüssten wir auch nicht aus diesem Rechtsstreit, dass Gutenberg bis

zum Sommer 1443 in Strassburg gebunden gewesen, so könnten wir aus

dem Steuerregister, in welchem er in den Jahren 1439, 1443 und 1444

verzeichnet ist, leicht erfahren, dass er um diese Zeit in Strassburg

verweilte. In diesem Register wird Gutenberg als „Konstofler“

bezeichnet, d. h. als Mitglied einer lokalen Innung im Gegensatz zu den

gewerblichen. Auch eine Bürgschaftsurkunde Gutenbergs aus dem Jahr 1441

ist vorhanden. Einem anderen Dokument ist sein Siegel beigefügt mit

der Umschrift: •S. Hans Gensfleisch dei Gutenb'g•. Aus dem

Strassburger Aufenthalt erfährt man ferner, dass Gutenberg auf Grund

eines angeblich nicht gehaltenen Eheversprechens von □Anna zur eisernen

Thüre□ in Anspruch genommen wurde. Von einer Heirat ist keine Spur zu

finden, jedoch schreibt sich Anna später □Annel Gutenbergerin□.

Gutenbergs

Rückkehr nach

Mainz.

Die pekuniären Erfolge der Strassburger Unternehmungen entsprachen den

Erwartungen der Teilnehmer nicht und Gutenberg kehrte, wahrscheinlich

in der Hoffnung von seinen Verwandten das erforderliche Geld zur

Durchführung seiner Pläne zu erlangen, nach Mainz zurück. Am 23. April

1444 weilt er noch in Strassburg. Nach Mainz muss er, in Begleitung von

seinem treuen Diener Lorenz Beildeck, zu Ende d. J. 1444 oder zu Anfang

d. J. 1445 gekommen sein. In Strassburg finden sich keine Spuren einer

Buchdruckerkunst vor.

Vertrag mit Fust.

Von den ersten fünf Jahren aus dem Aufenthalt Gutenbergs in Mainz ist

so viel wie nichts bekannt, nur dass sein Oheim Henne Gensfleisch der

ältere den „Hof zum Jungen“ mietete und ihn darin aufnahm, ferner,

dass ein anderer Verwandter Arnold Gelthuss für ein Darlehn von

150 Goldgulden, welches er am 6. Oktober 1448 gegen einen Zins von

5 Goldgulden für das Hundert aufnahm, sich verbürgte. Nur hieraus

kann der Schluss gezogen werden, dass seine Pläne sich in einem

vorgeschrittenen Stadium befanden, dass jedoch seine Mittel zur

Durchführung nicht genügten.

Da erschien zu einer, in ihrer Folge teueren Hülfe ein angesehener

und gut situierter Bürger, □Johannes Fust□. Am 22. Aug. 1450 wurde

ein Vertrag zwischen diesem und Gutenberg abgeschlossen, nach

welchem Fust 800 Goldgulden gegen 6% Zinsen vorstreckte. „Das

Gezüge“ blieb Unterpfand. Sollten die Kontrahenten in Differenzen

geraten, so hatte Gutenberg die 800 Gulden zurückzuzahlen. Ausserdem

wurde übereingekommen, dass Fust jährlich bis zu 300 Gulden für

Löhne, Hauszins, Pergament, Papier, Farbe und andere Erfordernisse

vorschiessen sollte. Der ganze Vertrag hatte somit einen rein

finanziellen Charakter. Gutenberg gab den Gedanken, das Werkzeug, die

Arbeit; Fust das Geld. Von einer Miterfinderschaft des letzteren ist

mit keinem Worte die Rede.

Damaliger Stand

der Erfindung.

In seinem ganzen nachherigen Verfahren zeigt sich Fust als ein so

vorsichtiger und klug berechnender Geschäftsmann, dass unbedingt

angenommen werden muss, die Erfindung habe beim Abschluss des Vertrags

bereits auf einer weit vorgerückten Stufe der Entwickelung gestanden.

Mit einem projektmachenden Junker, der weiter nichts mitbrachte, als

etwa den Gedanken, Holztafeln in einzelne Buchstaben zu zersägen und

diese Buchstaben einzeln an einander zu reihen und zu drucken, würde

ein Fust kaum den Vertrag abgeschlossen haben. Und wie sollte ein

strebender Geist, wie Gutenberg, der jahrelang sich in Metallarbeiten

geübt hatte, auf den Gedanken kommen, grosse Hebel in Bewegung zu

setzen, um xylographische Drucke zu liefern oder bewegliche Holztypen

zu schaffen? Was heutzutage mit allen Raffinements der Hülfsmaschinen

kaum gelingen würde, sollte im Jahre 1450 denkbar gewesen sein!

Gutenberg müsste kein Erfindergenie gewesen sein, wenn er hölzerne

Typen je zu einem anderen Zweck hergestellt hätte, als um Versuche zu

machen und allenfalls sie als Stempel zu benutzen, um Matern zum Guss

der Buchstaben zu schaffen. Und, hat auch Gutenberg wirklich seine

ersten Stempel in Holz geschnitten, so wird es nicht lange gedauert

haben, bis er eingesehen hat, dass für die Stempel Metall, und zwar ein

härteres als das der Mater oder der Type, unumgänglich notwendig sei.

Es kann nicht genug betont werden: „Die mechanische Vervielfältigung

der Typen bildet das Wesen der Typographie“. Hätte Gutenberg nicht die

Schriftgiesserei erfunden, so gehörte ihm auch nicht die Erfindung der

Buchdruckerkunst. Dass Peter Schöffer wesentliche Verbesserungen in

diesem Zweige eingeführt habe, muss man jedoch annehmen.

Gutenbergs neue

Verlegenheiten.

Mit dem grossen Werke Gutenbergs ging es, wie mit so vielen anderen

Unternehmungen von Bedeutung: es verschlang, bevor es in seiner

Vollendung Geld bringen konnte, mehr Geld, als berechnet war. Im

Dezember 1452 schoss Fust abermals 800 Goldgulden vor, sorgte aber

vorsichtigerweise auf das beste für die Sicherstellung. Nicht allein

das „Gezüge“, sondern das „Werk des Buches“ wurde ihm verpfändet und

der Vorteil sollte ein gemeinschaftlicher sein. Hier ist also von einer

wirklichen Beteiligung die Rede, was einen sicherern Beweis liefert,

dass nicht mehr an der Rentabilität gezweifelt wurde.

Erste Press-

erzeugnisse.

Welches waren nun die ersten unbestreitbaren Erzeugnisse der

Gutenbergschen Presse? Den grössten Absatz versprachen natürlich

Schulbücher, namentlich die schon früher erwähnte sehr beliebte

Grammatik des Älius Donatus. Ein Fragment (jetzt in Paris), zwei

Pergamentblätter, eines solchen von Gutenberg gedruckten Donats, wurde

als Einschlag einer alten Rechnung entdeckt. Die grossen Typen des

Schriftchens sind die der 36zeiligen Bibel. Verkehrtstehende Buchstaben

weisen unwiderleglich auf eine typographische Herstellung hin, die um

das Jahr 1451 stattgefunden haben muss.

Die Ablassbriefe.

Handbuch der Geschichte der Buchdruckerkunst. Erster Teil Erfindung. Verbreitung. Blüte. Verfall. 1450-1750. · 第 2 / 29 段