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CARL B. LORCK
HANDBUCH DER GESCHICHTE
DER
BUCHDRUCKERKUNST
HANDBUCH DER GESCHICHTE
DER
BUCHDRUCKERKUNST
VON
CARL B. LORCK.
ERSTER TEIL
ERFINDUNG. VERBREITUNG. BLÜTE. VERFALL.
1450-1750.
[Illustration:Verlagslogo]
LEIPZIG
VERLAG VON J. J. WEBER
MDCCCLXXXII.
[Illustration:Kapitelanfang]
_VORWORT._
_Jeder denkende Mensch, mag er nun als Buchdrucker, Buchhändler oder
Schriftsteller der weltumgestaltenden Erfindung Gutenbergs näher stehen
oder auch nur als Laie die Segnungen, derselben schätzen gelernt haben,
fühlte gewiss den Trieb, etwas Zusammenhängendes über die Entstehung,
die allmähliche Verbreitung und die technische Vervollkommnung der
Buchdruckerkunst zu erfahren, und hegte den Wunsch Näheres über das
Leben des Erfinders und seiner bedeutenderen Nachfolger, die bis auf
die Jetztzeit für oder durch diese Kunst wirkten, zu hören._
_Verlangte jedoch ein solcher Wissbegieriger nach einem leicht
verständlichen, übersichtlich geordneten Handbuch der Geschichte der
Buchdruckerkunst, das ihm als Führer durch die mehr als vierhundert
Jahre dienen konnte, in welchen das von der Presse ausströmende Licht
bereits die Welt erleuchtet, so wird er die Erfahrung gemacht haben,
dass sein Suchen ein vergebliches war._
_Wir besitzen gelehrte, höchst wertvolle Prachtwerke über
die vorgutenbergischen Drucke und die Zeit der Inkunabeln; es
existieren hunderte von Parteischriften über Gutenberg und die ihm
gegenübergestellten, zu Erfindern heraufgeschraubten, mythischen
Persönlichkeiten; wir haben eine Reihe von zumteil erschöpfenden
Schilderungen einzelner berühmter Drucker oder Druckerfamilien; ferner
zahlreiche Jubelschriften, welche von dem Gange der Kunst in einzelnen
Städten erzählen; auch ist kein Mangel an fachlichen Lehrbüchern oder
an Berichten über die verschiedenen mit der Typographie in Verbindung
stehenden Erfindungen._
_Es steht uns somit ein reiches, mitunter fast durch seine
Fülle erdrückendes Material für eine allgemeine Geschichte der
Buchdruckerkunst zu Gebote. An einem Handbuch jedoch, welches dieses
Material in natürliche Perioden systematisch einzuordnen, nach Ländern
und nach mit einander verwandten Gruppen zu gliedern versuchte, um in
einer einigermassen gleichmässigen Durchführung jeder Zeit, jedem Lande
sein Recht zu gewähren, ohne dass der Verfasser dabei vergässe, dass
er für die Angehörigen einer bestimmten Nationalität schreibt, fehlt
es noch heute, wie in meiner Jugendzeit, wo ich vergeblich nach einem
solchen Leitfaden auf dem typographisch-geschichtlichen Gebiet mich
umsah und schliesslich darauf angewiesen war, aus den verschiedenen
Quellen die mir erwünschten Belehrungen selbst zu sammeln._
_Somit wurzeln die Anfänge dieses Handbuches in dem eigenen wirklich
und lebhaft gefühlten Bedürfnis nach einem solchen. In späteren Jahren
fing ich an in den von mir herausgegebenen „Annalen der Typographie“
das Gesammelte in einer Reihe von Artikeln, die jedoch nur die älteren
Perioden der Kunst behandelten, zu veröffentlichen. Das Vorhaben,
diese Artikel bis auf die neueste Zeit zu vervollständigen und sie
dann zu einem Gesamtbild zusammenzufügen, wurde durch Berufsarbeiten
für lange in den Hintergrund gedrängt, die Arbeit jedoch nach Zeit und
Gelegenheit immer wieder aufgenommen._
_So entstand das jetzt vorliegende Buch als ein Ergebnis längerer
Vorarbeiten ohne den bestimmten Entschluss einer Veröffentlichung. Als
jedoch die jetzigen Inhaber der Verlagshandlung J. J. Weber zu Anfang
des Jahres 1880 den Wunsch äusserten, dass eine Veröffentlichung und
zwar in ihrem Verlag stattfinden möchte, bin ich unter Benutzung der
inzwischen erschlossenen, teilweise wichtigen Quellen ernstlich an eine
nochmalige Durcharbeitung des Manuskripts gegangen._
_Bei meinen Verlegern war inzwischen der, ihrerseits gewiss vollständig
berechtigte Wunsch rege geworden, das Buch in einer „illustrierten
Prachtausgabe“ erscheinen zu lassen, und sie hatten mir bereits zu
Ostern 1881 ihre desfallsigen Ansichten in der Form eines gedruckten
Prospektus für das Publikum unterbreitet._
_So viel Verlockendes es auch für jeden haben mag, sein Buch in ein
prächtiges Gewand kleiden zu lassen, so konnte ich, das ganz bestimmte
Ziel vor Augen, ein knappes und einfaches Handbuch für den praktischen
Bedarf, wie es mir als wünschenswert vorschwebte, zu liefern, mich
doch meinerseits mit dieser Ansicht zu jener Zeit nicht befreunden.
Ich würde mich damit der unvermeidlichen Gefahr ausgesetzt haben, der
Illustration zuliebe von dem mir vorgezeichneten Weg abgedrängt zu
werden._
_Obgleich nicht allein der persönlichen Neigung, sondern auch
dem pekuniären Interesse meiner Verleger durch eine illustrierte
Prachtausgabe wohl am besten entsprochen worden wäre, liessen diese
doch bereitwilligst meinem Standpunkt Gerechtigkeit widerfahren._
_Sowohl das über die Entstehung und den Zweck der vorliegenden Arbeit
oben gesagte, als auch mein Lebensberuf schliessen schon von allem
Anfang die Erwartung aus, als habe man es hier mit einem gelehrten
Werk zu thun, bestimmt, die Ergebnisse tiefer Forschung ans Tageslicht
zu fördern. Weder sollte meine Aufgabe noch konnte dieselbe eine
höhere sein, als meinen Berufsgenossen oder denjenigen, die sonst
Drang nach einer leichteren Orientierung in dem Gewirr der Geschichte
der Buchdruckerkunst empfinden, nützlich zu sein, indem ich den
Versuch machte, das aufgespeicherte Material nach bestem Wissen und
Gewissen zu sichten, zu ordnen, und indem ich mich, die geschäftliche
Praxis zurhand, bestrebte, einige von der Gelehrsamkeit im Dunkel
gelassene Punkte klar zu stellen. Was die neue Zeit betrifft, so gab
ein Geschäftsleben, das sich fast über die ganze Periode der neuen
Blüte der Typographie und der verwandten Künste und Gewerbe seit
den dreissiger Jahren erstreckt, wohl auch manchmal Gelegenheit, das
vorhandene Material durch die eigene Erfahrung zu vervollständigen._
_Es konnte nicht in meinem Plan liegen, mit der Geschichte der
Buchdruckerkunst die des Buchhandels zu verbinden. Beide Berufszweige
sind jedoch derart eng mit einander verknüpft und so viele der
auftretenden Persönlichkeiten wirkten zu gleicher Zeit als Drucker
und als Verleger, dass es nicht zu umgehen war, auch Ausflüge auf
das Gebiet des Buchhandels zu unternehmen. Sehr nahe lag ebenfalls
die Versuchung, die Geschichte der übrigen graphischen Künste und
Gewerbe, welche zur Herstellung eines Buches mitwirken, ausführlicher
zu behandeln. Um jedoch die Übersichtlichkeit nicht zu stören und
den Umfang des Buches nicht gar zu sehr über die gesteckten mässigen
Grenzen hinaus zu vermehren, war es geboten, dieser Versuchung nur
in so weit nachzugeben, als es zum Verständnis der gestellten Aufgabe
notwendig war._
_Die Geschichte der Buchdruckerkunst zerfällt in zwei natürliche
Hauptabschnitte. Der erste, welcher die Erfindung, Verbreitung, Blüte
und den allmählichen Verfall behandelt, und sich über einen Zeitraum
von über dreihundert Jahren erstreckt, findet seinen Abschluss in
der letzten Hälfte des XVIII. Säculums. Der zweite Hauptabschnitt
führt uns durch die Periode des Wiederaufwachens der Typographie und
deren Schwesterkünste in die Zeit der zweiten, mittels der enormen
technischen Fortschritte und der neuen Vervielfältigungsarten im Verein
mit der freiheitlichen Entwickelung der Presse hervorgerufenen Blüte,
deren wir uns heute erfreuen._
_Jeder dieser beiden Hauptteile, die sich wieder in mehrere Abteilungen
verzweigen, ist in seinem Wesen so eigenartig und verlangt eine so
verschiedene Art der Darstellung, dass auch eine äusserliche Trennung
in zwei vollständig abgeschlossene Hälften geboten schien._
_Zur Beurteilung der Grundsätze für die Behandlung der verschiedenen
Abschnitte verweise ich auf die, jedem der Bücher vorangeschickte
„Einführung“, in welcher ich mich sowohl über den jedesmal leitenden
Gesichtspunkt als auch über die jedesmaligen Quellen und deren
Benutzung ausgesprochen habe. Dass mir nur sehr wenige der letzteren
unbekannt geblieben sind, habe ich vor allem der Fachbibliothek
des Börsen-Vereins der deutschen Buchhändler, der Liberalität
des Vorstandes derselben und der unermüdlichen Gefälligkeit der
Bibliothek-Verwaltung zu verdanken._
_Dass trotz aller angewendeten Sorgfalt noch Vieles für die mir
Nachfolgenden (denen ich jedoch das Arbeiten in mancher Beziehung
leichter gemacht haben dürfte, als es mir geworden ist) zu thun übrig
geblieben, und dass selbst die grösste Mühe und der redlichste Wille,
etwas Brauchbares zu liefern, fehlende Eigenschaften nicht immer
ersetzen können, fühlt vielleicht niemand mehr als der unterzeichnete_
_Carl B. Lorck._
[Illustration:Kapitelende]
GESCHICHTE
DER
BUCHDRUCKERKUNST
1450-1750.
[Illustration:Kapitelanfang]
INHALTS-VERZEICHNIS.
ERSTES BUCH.
ERFINDUNG UND VERBREITUNG DER BUCHDRUCKERKUNST
1450-1500.
Seite
EINFÜHRUNG IN DAS ERSTE BUCH (3-10).
I. KAPITEL.
ZUR VORGESCHICHTE DER BUCHDRUCKERKUNST.
Älteste Spuren der Vervielfältigung. Die Manuskripte.
Der Metall- und Holzschnitt. Die Kunstschulen. Die
xylographischen Werke. Die Vorbedingungen für die
Erfindung der Buchdruckerkunst. 11-22
II. KAPITEL.
DIE ERFINDUNG.
Johannes Gutenberg. Herkunft. Aufenthalt in Strassburg.
Gutenberg in Mainz. Verbindung mit Johann Fust. Peter
Schöffer. Gutenbergs Unglück. Sein Tod. Sein Andenken. 23-36
III. KAPITEL.
DIE VERBREITUNG DER BUCHDRUCKERKUNST IN DEUTSCHLAND.
Schnelle Verbreitung der Kunst. Die Nachfolger Gutenbergs
in Mainz. Peter Schöffer und seine Nachkommen. Ulm.
Beromünster. Basel. Bamberg. Albrecht Pfister. Augsburg.
Nürnberg. Wien. Der Norden: Köln, Münster, Magdeburg,
Leipzig. 37-54
IV. KAPITEL.
DIE VERBREITUNG DER BUCHDRUCKERKUNST IM AUSLANDE.
□Italien□: Subiaco und Rom. Venedig. Foligno. Mailand.
Florenz. □Spanien und Portugal.□ □Frankreich□: Paris.
Lyon. □Die Niederlande□: Die _Histoires_. Colard
Mansion. □England□: William Caxton. □Skandinavien□:
Dänemark. Schweden. □Die slawischen Länder.□ □Ungarn.□
□Die Türkei.□ 55-76
V. KAPITEL.
DIE TECHNIK DER BUCHDRUCKERKUNST UND DIE LITTERARISCHE
PRODUKTION.
□Die Technik□: Schriftgiesserei. Satz. Druck. Korrektur.
Die Pressen. Die Farbe. Die Ausschmückung der Bücher.
Das Pergament und das Papier. Die Buchbinderkunst. □Die
Litterarische Produktion□: Der Buchhandel. Die Zensur. 77-96
ZWEITES BUCH.
GLANZPERIODE UND VERFALL DER BUCHDRUCKERKUNST
1500-1750.
EINFÜHRUNG IN DAS ZWEITE BUCH (98-104).
VI. KAPITEL.
DIE ILLUSTRIERENDE KUNST IN DEUTSCHLAND.
Die deutschen Malerschulen. Der Kupferstich und der
Holzschnitt. Michel Wolgemut. Albrecht Dürer, seine
Zeitgenossen und Nachfolger: Hans Burgkmair, Hans
Schaeuffelein, die „Kleinmeister“. Hans Holbein d. j.
Lucas Cranach d. ä. Die Schweizer und Elsasser Künstler.
Über die „eigenhändigen“ Holzschnitte der Zeichner. 105-126
VII. KAPITEL.
DIE TYPOGRAPHIE IN DEUTSCHLAND UND IN DEN SKANDINAVISCHEN
LÄNDERN.
□Nürnberg□: Der Theuerdank. Die deutschen Schriften.
□Augsburg□: Hans Schönsperger d. ä. □Frankfurt am Main□:
Chr. Egenolff, Sigism. Feyerabend, die Merians. □Mainz□:
Die Nachfolger Schöffers. □Tübingen□: Der slawische
Druck. Cotta. □Strassburg□: Illustrierter Druck.
□Basel□: Joh. Froben, die Familie Petri, Joh. Oporinus.
□Zürich□: Chr. Froschauer. □St. Gallen□: Leon. Straub.
□Wien□: Johan Sigriener, Hans Kohl, Joh. v. Gehlen.
□Leipzig□: Melch. Lotter, Valentin Bapst. Gute und
schwere Zeiten. □Wittenberg.□ □Der Norden.□ □Berlin.□
DIE SKANDINAVISCHEN LÄNDER. □Dänemark□, □Norwegen□ und
□Island□, □Schweden□ und □Finnland□. 127-158
VIII. KAPITEL.
DER DRUCKBETRIEB UND DAS BUCHGEWERBE IN DEUTSCHLAND.
□Die Schriftgiesserei□ und die Druckschriften. □Die
Technik□ des Setzens und Druckens: Der Satzapparat, die
Korrektur, die Presse, die Farbe. Prinzipal, Geselle und
Lehrling. □Die Buchbinderkunst.□ □Der Buchhandel□: Die
litterarische Produktion, das Verhältnis zwischen Autor
und Verleger. 159-174
IX. KAPITEL.
ITALIEN, SPANIEN, PORTUGAL UND DAS SÜDLICHE AMERIKA.
□Venedig.□ Die Familie Aldus: Aldus Pius Manutius, Paul
Manutius, Aldus □ii.□ Dan. Bomberg. Mechitar. □Rom□: Die
Buchdruckerei der „Propaganda“. □Genua.□ □Florenz□: Die
Giunta. □Padua.□ □Die Xylographie□: Ces. Vecellius, der
_Clair-obscur_-Druck. Ugo da Carpi, Graf Ant. Zanetti,
John Jackson.
□Spanien und Portugal.□ Brocario und die complutinsche
Polyglotte. □Madrid.□ Ant. Bortazar. -- □Mexico.□ Joh.
Kromberger, Juan Pablos. □Lima.□ □Peru.□ □St. Domingo□
u. a. 175-192
X. KAPITEL.
FRANKREICH.
Die Lage des Buchdruckers. Der Staat und die Presse.
Die Xylographie, die _livres d'heures_. Anton Verard.
Geofroy Tory. Jodocus Badius. Conrad Néobar. Berühmte
Druckerfamilien. Die Stephane: Heinrich □i.□, Robert
□i.□, Heinrich □ii.□, Ende der Familie. Die Gründung der
königlichen Buchdruckerei. Ant. Vitré. Savary de Brèves.
□Lyon□: Seb. Gryphius, Jean de Tournes, Steph. Dolet.
Die Schriftgiesserei. Die Buchbinderkunst. 193-216
XI. KAPITEL.
DIE NIEDERLANDE.
Die Illustration. Christoph Plantin, seine Nachkommen,
das Plantinsche Museum. Die Familie Blaeu. Die
Elzeviere: Ludwig □i.□, Matthias und Bonaventura,
Isaack, Bonaventura und Abraham □i.□ Johann und
Daniel. Ludwig und Daniel, das Ende des Hauses. Die
Nachahmer der Elzeviere. Die Familie Enschedé und die
Schriftgiesserei. 217-254
XII. KAPITEL.
ENGLAND. NORDAMERIKA.
Das allmähliche Wachstum der englischen Presse. Wynkyn
de Worde, Richard Pynson, Reynold Wolfe, John Day,
Th. Vautrollier, Th. Roycrofft, Sam. Palmer, Sam.
Richardson. □Oxford□, □Cambridge□. Die schottische und
die irische Presse. Die Stereotypie und Will. Ged. Das
Zeitungswesen. Die Schriftgiesserei.
NORDAMERIKA. Kleine Anfänge der Presse. John Glover, James
Franklin, Benjamin Franklin. Die deutschen Einwanderer
und ihre Presse. Christoph Sauer und seine Nachkommen. 255-276
XIII. KAPITEL.
DIE SLAWISCHEN LÄNDER. DIE TÜRKEI. DIE OSTASIATISCHEN LÄNDER.
□Polen.□ □Russland□: Moskau, St. Petersburg. □Die
Türkei□: Konstantinopel, Ibrahim und Said Efendi.
Syrien. □Das östliche Asien□, China, das chinesische
Tafeldruckverfahren und die Papierfabrikation.
Europäischer Druck in Asien. Afrika. 277-288
Register.
A. Namen- und Sachregister 289-300
B. Nachweis der angeführten Quellenschriften 301-304
[Illustration:Kapitelende]
ERSTES BUCH.
[Illustration:Verzierung]
ERFINDUNG UND VERBREITUNG
DER
BUCHDRUCKERKUNST
1450-1500.
[Illustration:Kapitelanfang]
EINFÜHRUNG IN DAS ERSTE BUCH.
Das Dunkel der
Erfindung.
MIT Dunkelheit und Vorurteilen ist die Geschichte derjenigen Kunst
umhüllt, welche geschaffen war, Licht über die Wissenschaften zu
verbreiten, sie zu erhalten und fortzupflanzen -- so klagte schon
der berühmte Johann Gottlieb Immanuel Breitkopf in seinem leider nur
Bruchstück gebliebenen Werk über die Geschichte der Buchdruckerkunst.
Hundertmal wurde diese Klage seit Breitkopf wiederholt, teils
mit Recht, teils mit Unrecht. Allerdings sind manche Punkte der
Erfindungsgeschichte noch heute in ein Dunkel gehüllt, das kaum je
gelichtet werden wird, wenn nicht ein absonderlicher Glücksfall ein
typographisches Pompeji oder Olympia aus irgend einem verschütteten
Keller an das Tageslicht fördern sollte; jedoch mit solchen
Glücksfällen kann selbstverständlich nicht gerechnet werden und nicht
jeder, der nach Funden gräbt, ist im Finden ein Schliemann.
In manchen Punkten jedoch hat das Licht der wissenschaftlichen Kritik
die, durch unpraktische Gelehrsamkeit, missverstandenen Patriotismus,
Mangel an technischen Kenntnissen bei den Schriftstellern, kritiklose
Kompilation oder Köhlerglauben an zweideutige Zeugnisse noch mehr
verdichteten Wolken endlich durchbrochen.
Was ist Typo-
graphie?
Was mehr als alles Andere zu dem langen Zustande der Unsicherheit
beigetragen hat, in welchem sich die Geschichte der Erfindung der
Buchdruckerkunst befand, ist, dass man nicht im voraus einig gewesen,
was man eigentlich unter Buchdruckerkunst -- □Typographie□ -- zu
verstehen hatte. Wie leicht wäre bei genügender Klarheit hierüber
mancher Streit zu verhindern gewesen! Die Kunst des „Druckens“ bestand,
selbst in Deutschland, lange vor Gutenberg, ja die Chinesen übten, wenn
man sich auch nur an das streng historisch Beglaubigte hält, einen
umfangreichen „Bücherdruck“ wenigstens 500 Jahre vor Gutenberg. Ist
trotzdem auch nur ein Wort darüber zu verlieren, dass die Chinesen
nicht die „Typographie“ erfunden haben? Cicero spricht, so klar wie
man es verlangen kann, das Prinzip des Setzens aus. Ist deshalb der
gelehrte Römer ein Gutenberg gewesen? Zugegeben selbst, dass in Haarlem
ein ehrlicher Küster oder Lichtzieher, zugleich ein guter Grossvater,
als Spielzeug für seine Enkel Buchstaben in Baumrinde geschnitten hat;
ja, noch viel weiter gegangen und angenommen, er hätte in dieser Weise
sogar ein Büchlein fertig gebracht, konnte man diesen Mann als den
Prototypographen bezeichnen? Gewiss nicht, wenn wir die unerlässlichen
Bedingungen vor Augen haben, welche das Wesen der „Typographie“ bilden.
Mit diesem Namen kann man nur diejenige Kunst bezeichnen:
den niedergeschriebenen Gedanken, mittels „mechanisch durch
Guss vervielfältigter“ Typen (also beweglicher Metalltypen)
gesetzt, wiederzugeben und diesen Satz nach dessen Einreibung
mit Druckfarbe „mechanisch“ durch die „Druckerpresse“ in einer
beliebigen Anzahl vollständig gleicher Abdrücke herzustellen.
Mit anderen Worten: die Erfindung der Buchdruckerkunst schliesst die
Erfindung der Schriftgiesserei, des Setzens, des Pressendruckes, der
Farbenbereitung in sich ein. Als Bestandteile gehören zu ihr: die
Stempel, die Matern, die Metalltypen, die mechanische Presse nebst den
verschiedenen Utensilien, die Farbe.
Die Erfindung einzelner, zu dieser Gesamtheit gehörender Teile macht
nicht die Erfindung der Buchdruckerkunst aus. Würde man Gutenberg zwar
die Presse, die Farbe und die in Holz geschnitzten Buchstaben lassen,
jedoch die Erfindung der Schriftgiesserei auf Schöffer übertragen, so
wäre Gutenberg nicht der Erfinder derjenigen Kunst gewesen, welcher
die ganze zivilisierte Welt bereits auf vier Säkularfeiern als ihrer
grössten Wohlthäterin, als der Verbreiterin des Lichtes, als der
Befreierin von allen geistigen Fesseln gehuldigt hat, derjenigen Kunst,
welche die Grossmacht der Presse geschaffen hat.
Gutenberg allei-
niger Erfinder.
Jedoch, es steht unzweifelhaft fest, die Erfindung gehört in
ihrem vollen Umfange Gutenberg „und ihm allein“. Dies hat die
wissenschaftliche Kritik, welche in neuerer Zeit eine, blosses Material
anhäufende Gelehrsamkeit ablöste, unwiderruflich festgestellt. Über
diesen Punkt muss man endlich die Akten als geschlossen betrachten, wie
dies auch in den folgenden Blättern geschieht.
Ob die 36zeilige Bibel vor der 42zeiligen gedruckt wurde, ob Caxton
1476 oder 1477 die Kunst nach London brachte, ob in Köln die _Fratres
vitæ communis_ zuerst gedruckt haben und dergleichen Einzelnheiten
werden die Federn der Gelehrten noch lange in Bewegung setzen und die
Entscheidung ist gewiss von dem höchsten Interesse. Es kann jedoch
nicht der Zweck dieses Handbuches sein, das Für und Wider solcher
Fragen breit zu erörtern, ohne doch ein bestimmtes Resultat ziehen
zu können. Selbst eine, vielleicht zu zuversichtliche Annahme eines
zweifelhaften Datums oder Faktums ist in einem Handbuch manchmal
weniger nachteilig, als eine Verwirrung des Urteils durch die sich
fortwährend wiederholende Erhebung von Zweifeln.
Die Litteratur
der Erfindung.
Von den Werken, welche im allgemeinen die Vorgeschichte der Erfindung,
diese selbst und die früheste Periode der Kunst behandeln, erwähnen wir
folgende, welche, namentlich so weit sie die älteren xylographischen
und typographischen Druckerzeugnisse in Reproduktionen vorführen,
mutmasslich eine grössere Anzahl von Lesern interessieren werden.
K. Falkenstein.
Wenn wir die Jubelschrift des Oberbibliothekars Dr. □Karl Falkenstein□:
„Geschichte der Buchdruckerkunst in ihrer Entstehung und Ausbildung“,
mit vielen Illustrationen (Leipzig 1840), obenan stellen, so geschieht
es, weil dies Werk sehr vieles dazu beigetragen hat, die Lust an der
Geschichte der Typographie zu wecken und zu nähren, zugleich, weil es
das einzige ist, welches den Anlauf nimmt, die Geschichte bis auf die
damals neueste Zeit, 1840, fortzuführen. Der Zweck eines Handbuches
für den täglichen Gebrauch konnte und wollte das Buch jedoch nicht
erfüllen, welches als Jubelschrift zur Verherrlichung der Erfindung
und des Erfinders das Hauptgewicht auf die Vorgeschichte und die
Erfindung selbst, sowie auf die Bekämpfung der Gegner Gutenbergs legen
musste. Auch konnte es nicht anders sein, als dass die Behandlung vom
gewerblich-technischen Standpunkt aus gegen die bibliographische Arbeit
zurücktreten musste, was ja vollständig aus dem Berufe des berühmten
Bibliothekars, aus dessen Feder das Buch stammt, sich erklärt. Dies
macht sich namentlich in Betreff der Ausführung sowohl der Periode
des nachmaligen Aufblühens der Kunst seit der Mitte des □xviii.□
Jahrhunderts als auch der neuesten, den ganzen technischen Betrieb
umgestaltenden Zeit geltend. Seit dem Erscheinen des Werkes, das schon
lange im Buchhandel fehlt, sind ausserdem mehr als 40 Jahre verflossen,
die nicht nur manches Bedeutende in der Kunst zutage gefördert haben,
sondern auch über die Vergangenheit derselben in vielen Beziehungen
ein helleres Licht verbreiteten. Es werden dem Werke viele fehlerhafte
Angaben vorgeworfen; solche waren wohl kaum zu vermeiden, und darf
dieser Umstand denjenigen, der den Versuch macht ein Kompendium der
Geschichte der Buchdruckerkunst zu liefern, der Pflicht nicht entheben,
dankbar anzuerkennen, dass diese Aufgabe ohne die Anhaltspunkte, welche
das Falkensteinsche Buch gewährt, eine weit mühsamere gewesen sein
würde.
T. O. Weigel.
Ad. Zestermann.
Ein sehr bedeutendes Werk ist □T. O. Weigels□ und □Ad. Zestermanns□:
„Die Anfänge der Druckerkunst in Bild und Schrift an deren frühesten
Erzeugnissen in der Weigelschen Sammlung erläutert. Mit 125 Facsimiles
und vielen in den Text gedruckten Holzschnitten“. 2 Bde. fol. (Leipzig
1866). Die Verfasser stellen sich ganz entschieden auf die Seite
Gutenbergs: „Es gelang mir nicht“, sagt Weigel, „für Hollands Ansprüche
auch nur ein einziges Dokument vor 1460 zu entdecken“. Das Werk, in
den Brockhausschen Druck- und Kunstanstalten ausgeführt, ist zugleich,
indem es die alte Kunst uns vor Augen führt, ein würdiges Denkmal der
neueren graphischen Kunst Deutschlands.
A. v. d. Linde
Ein merkwürdiges, eine ganze Gutenberg-Bibliothek ersetzendes Werk ist:
„Gutenberg, Geschichte und Dichtung, aus den Quellen nachgewiesen von
□A. van der Linde□“ (Stuttgart 1878). Der Verfasser musste, nachdem
er die Koster-Legenden der Holländer in mehreren Streitschriften
auf das grausamste der Lächerlichkeit preisgegeben hatte, Holland
verlassen und lebt als kgl. Bibliothekar in Wiesbaden. Die erste
Abteilung des Werkes giebt die Geschichte der Erfindung, wie wir
sie nun endlich als feststehend betrachten müssen, wenn nicht ein
vollständig neues Material geboten werden sollte, denn mit dem alten
kommt man dem Ziele nicht näher. Die zweite Abteilung erzählt die
verschiedenen Erfindungs-Märchen und berichtet auf nicht weniger als
500 enggedruckten Seiten über die Fälschungen und Irrtümer. Zahlreiche
Urkunden machen den Beschluss. Der Verfasser bietet mit seinem Buche
keine leichte Lektüre und erschwert sie den meisten ausserdem durch
die ungewohnte Schreibweise und die unzähligen Einschaltungen und
Erläuterungen.
Leider schlägt der gekränkte und hart behandelte Verfasser einen
gehässigen und einem streng wissenschaftlichen Werk nicht ganz
angemessenen Ton an, der eher seiner guten Sache schadet als sie
fördert. Das Wahre bleibt jedoch wahr und es mag sein, dass es, Gegnern
gegenüber, die recht wohl sehen und hören können, aber nicht wollen,
unmöglich ist, sich nicht von der Leidenschaft hinreissen zu lassen.
Die von anderen Seiten dem Peter Schöffer auf Kosten Gutenbergs
gewordene Bevorzugung hat möglicherweise van der Linde in seiner
scharfen Kritik gegen Schöffer viel zu weit geführt.
Von den bereits noch vor Falkensteins Jubelschrift erschienenen Werken,
die namentlich dazu beigetragen haben Gutenbergs Namen hoch zu halten
und seine Erfinderehre den holländischen Ansprüchen gegenüber zu
wahren, sind zu nennen:
C. A. Schaab.
J. Wetter.
„Die Geschichte der Erfindung der Buchdruckerkunst durch Johann
Gensfleisch genannt Gutenberg“, von □C. A. Schaab□. 3 Bde. (Mainz
1830-1831).
„Kritische Geschichte der Erfindung der Buchdruckerkunst durch Johann
Gutenberg zu Mainz“, von □J. Wetter□. Mit einem Atlas (Mainz 1836).
J. G. I. Breitkopf.
□J. G. I. Breitkopf□, der mehr, als irgend jemand, die Befähigung
hatte, eine Geschichte der Buchdruckerkunst zu schreiben, hat uns
leider nur einzelne wenn auch wertvolle Bruchstücke hinterlassen.
G. W. Ottley.
S. Sotheby.
Im Gegensatz zu Weigel treten zwei englische Autoren □Ottley□ und
□Sotheby□ entschieden für die holländischen Ansprüche in die Schranken
und lassen Gutenberg wenig von seinem Ruhm. Interessant sind beide
Werke durch die grosse Zahl von Nachbildungen. Der Titel von Ottleys
Werk lautet:
„_An inquiry concerning the Invention of printing by the late William
Young Ottley, with an introduction by J. Ph. Berjeau. Illustrated with
37 plates and numerous wood engravings_“ (London 1863). Herr Ottley
findet es sehr natürlich, dass Fust dem Gutenberg den Stuhl vor die
Thüre gesetzt, nachdem letzterer sich unfähig bewiesen hatte, seine
Aufgabe zu lösen: „Er war ein schlauköpfiger Schwindler, geschickt
genug, die Arbeit anderer zu benutzen, aber nicht befähigt eigene Ideen
zu erzeugen und durchzuführen, ein Mann ohne mechanisches Geschick und
ohne Erfindungsgabe“. So urteilt Ottley über Gutenberg.
Herr Samuel Sotheby ist zwar kein Verehrer von Gutenberg, lässt
sich jedoch nicht auf eine so gehässige Polemik wie Ottley ein. Das
Endergebnis seiner Untersuchungen ist, dass die Kunst mit beweglichen
Typen zu drucken in den Niederlanden bereits 1454 geübt wurde. Das von
seinem Sohne Samuel Ligh Sotheby herausgegebene Werk ist betitelt:
„_Principia typographica. The block-books or xylographic delineations
of Scripture history, issued in Holland, Flanders and Germany, during
the XV Century. Exemplified and considered in connection with the
origin of printing_“ (London 1858).
J. W. Holtrop.
Hieran schliessen sich: □J. W. Holtrop□, „_Monuments typographiques des
Pays-Bas au XV Siècle_“ (Haag 1851-1868).
W. A. Chatto.
J. Jackson.
Ein lehrreiches und verdienstliches Buch ist: „_A treatise on wood
engraving historical and practical by Jackson and W. A. Chatto. 2.
Ed._“ (London 1861). □Chatto□ lieferte den Text; □J. Jackson□ gegen 300
vortreffliche xylographische Nachbildungen, wenn auch zum grossen Teil
in verkleinertem Formate.
T. F. Dibdin.
Namentlich durch ihre vorzüglichen Abbildungen instruktiv sind
die Werke □Thomas Frognall Dibdins□, des berühmten Bibliomanen und
Bibliothekars des Lord Spencer auf Althorp. Sein Hauptwerk: „_The
bibliographical Decameron or ten days' pleasant discourse upon
illuminated Manuscripts and Subjects connected with early Engraving,
Typography and Bibliography_“ (London 1817) strotzt von prachtvollen
Stichen und Holzschnitten, die in vandalischer Weise zerstört wurden,
um das Buch selten zu erhalten. Der Text ist schwatzhaft; die Noten,
welche neun Zehnteile des grossen dreibändigen Werkes bilden, strömen
von Gelehrsamkeit und Belesenheit über, sind aber schwer geniessbar.
H. N. Hum-
phreys.
Unter den populären Werken, welche Nachbildungen bringen, sind
erwähnenswert: □H. N. Humphreys'□ „_The illuminated books of the middle
age_“ (London 1844) und desselben Verfassers: „_History of the art
of printing_“ (London 1867), eine anspruchslose klare und fassliche
Darstellung der Verbreitung der Kunst. Die 100, teils schwarzen, teils
farbigen, Reproductionen haben zwar den Vorzug, dass sie meist in den
Originalgrössen aufgenommen sind, die Photolithographie lässt jedoch
an Klarheit zu wünschen übrig. Eine dritte Sammlung von Humphreys ist:
„_Masterpieces of the early printers and engravers_“ (London 1869).
L. de Vinne.
In dem Verfasser des Werkes: „_The invention of printing_“ □L. De
Vinne□. Mit vielen Abbildungen (New-York 1876) haben wir es nicht
mit einem Gelehrten, jedoch mit einem tüchtigen Praktiker, zugleich
durchgebildeten Manne zu thun. Sein Buch ist klar und verständlich
geschrieben, namentlich sind seine technischen Exkurse sehr
lehrreich und anziehend. Beigegeben ist eine grosse Zahl besonders
gut ausgeführter, wenn auch in den meisten Fällen reduzierter
Illustrationen. Herr de Vinne ist ein enthusiastischer Verteidiger
Gutenbergs, demzufolge auch leicht geneigt, ein zu strenges Urteil über
die Thätigkeit Schöffers zu fällen, dem, wie schon gesagt, v. d. Linde
ganz beistimmt.
A. Bernard.
Von französischen Werken seien erwähnt: □A. Bernards□ „_De l'origine et
des débuts de l'imprimerie en Europe_“ (Paris 1853).
A. F. Didot.
Ein Werk, das in kleinem Umfang einen Schatz des Wissenswerten birgt,
ist □Ambroise Firmin Didots□ „_Essai typographique et bibliographique
sur l'histoire de la gravure sur bois_“ (Paris 1853). Der berühmte
Buchdrucker, Buchhändler, Gelehrte und Sammler (gestorben 1876)
verband mit der grössten Vertrautheit der deutschen Verhältnisse eine
vollkommene Unparteilichkeit.
J. P. A. Madden.
In neuester Zeit erregten in der typographischen Welt ein
nicht gewöhnliches Aufsehen □J. P. A. Maddens□, „_Lettres d'un
Bibliographe_“. 5 Bde. (Paris, 1868-1878). Zahlreiche Abhandlungen in
Briefform, welche eine Menge von Fragen in Bezug auf die Erfindungs-
und die Inkunabelnzeit behandeln, bilden den Inhalt. Ein Hauptzweck
des Verfassers ist die Führung des Beweises, dass die _Fratres
vitæ communis_ in ihrem Kloster am Weidenbach bei Köln eine grosse
Druckanstalt gehabt haben, aus welcher eine Anzahl der ältesten
bedeutenden Typographen als Ulrich Zell, Nik. Jenson, Collard
Mansion, Will. Caxton, Mentelin u. a. hervorgegangen sind. Von seiner
seltenen Kombinationsgabe und seinem ungemeinen Scharfsinne sowohl im
Aufstellen der eigenen Wahrscheinlichkeitsbeweise als im Entdecken der
Trugschlüsse anderer legt zwar fast jede Seite Zeugnis ab, doch wird es
nicht leicht sein, alles zu unterschreiben, was Madden behauptet, und
solange er nicht Thatsachen bringen kann, bleibt der Wert seiner Briefe
für die Geschichte mehr negativer Art, indem sie zur Vorsicht in der
Annahme manches bis jetzt als thatsächlich Anerkannten mahnen.
Die Schriften, welche die Geschichte einzelner Perioden, Länder, Städte
oder Persönlichkeiten berühren, sind an den betreffenden Stellen des
Textes, soweit es der Plan des Buches notwendig oder wünschenswert
erscheinen liess, angeführt.
[Illustration:Kapitelende]
[Illustration:Kapitelanfang]
I. KAPITEL.
ZUR VORGESCHICHTE DER BUCHDRUCKERKUNST.
Älteste Spuren der Vervielfältigung. Die Manuskripte. Der Metall-
und Holzschnitt. Die Kunstschulen. Die xylographischen Werke. Die
Vorbedingungen für die Erfindung der Buchdruckerkunst.
Vorbedingungen
der Erfindung.
IST es auch bei jeder Erfindung, bei welcher ja der Zufall und der
Blitz des Geistes eine so wesentliche Rolle spielen, eine schwer zu
beantwortende Frage, warum sie gerade zu „der“ Zeit oder bei „dem“
Volke entstanden, so lässt sich andererseits doch nicht leugnen, dass
jede Erfindung in der Zeit wurzeln und im Zusammenhange mit dem Geiste
der Zeit stehen muss, wenn sie nicht ein Embryo bleiben soll. Ein
Denker, der seiner Zeit vorauseilt, empfängt vielleicht die Idee; ist
jedoch das Zeitalter für sie nicht reif, so bleibt sie in dem Kopfe
des Empfangenden ruhen, oder letzterer wird, wenn er sie ausspricht,
als ein Phantast oder gar als ein Wahnsinniger betrachtet, bis er in
dem vergeblichen Kampf gegen den Unverstand wohl gar schliesslich ein
solcher wird.
Es kann auch keineswegs als eine blosse Zufälligkeit betrachtet
werden, dass die Kunst mit beweglichen Typen zu drucken von den Alten
trotz der hohen Kulturstufe, auf welcher sie standen, nicht erfunden
wurde, obwohl ihre Kinder durch Schablonen schreiben lernten und mit
geschnittenen, zu Worten zusammenzureihenden Buchstaben spielten. Eben
so wenig kann man es jedoch als ein Spiel des Zufalls betrachten, dass
die Erfindung der Buchdruckerkunst in das fünfzehnte Jahrhundert, das
Jahrhundert des Wiedererwachens der Poesie, der Wissenschaft und des
Kampfes für die kirchlich-religiöse Freiheit, fiel. Die Zeit brauchte
die Waffe für den grossen geistigen Kampf und der Geist der Zeit
schaffte sie, als die Reife einmal gekommen war.
In dem Gesagten liegt schon, dass wir es hier nicht mit einer
urplötzlich aus dem Kopfe des Erfinders entsprungenen, bereits
vollständig gewaffneten Erscheinung zu thun haben. Viel eher passt
der einfache Vergleich mit einem, schon in den ältesten Zeiten
gelegten Samenkorn, das, sich selbst überlassen, zwar gekeimt und
Blätter getrieben hatte, aber erst unter der aufmerksamen Pflege des
verständigen Gärtners die schönsten Blüten spendete.
Versuchen wir es in dem Folgenden in Kürze die Spuren des Entstehens
und des Wachstums der Pflanze zu verfolgen.
Aelteste Spuren.
In Stein gehauen, in Erz gegraben, in Thon eingedrückt oder in
Wachstafeln geritzt, sind von den Völkern des Altertums die ersten
Dokumente auf uns gekommen: Regententafeln, Gesetze und Nachrichten
über denkwürdige Ereignisse oder bedeutende Persönlichkeiten. Als die
Kultur stieg, schrieb man auf Papyrusblätter oder auf Pergamentrollen
und ganze Werke wurden auf diese Weise der Nachwelt erhalten. Die
Autoren hielten sich ihre Schreiber, die entweder Sklaven oder
Freigelassene waren. Es bildete sich die Klasse der Abschreiber und
wir finden sowohl bei den Griechen wie bei den Römern Buchhändler,
welche die Bücher-Rollen (_volumina_) in grösserer Zahl entweder zum
Verleihen oder zum Verkaufen abschreiben liessen und reich assortierte
Bücher-Lager hielten. Selbst Spuren des Farbendrucks, sowie der
Vervielfältigung der Illustrationen durch Schablonendruck, trifft man
an.
„Es brennt“, heisst es im Kinderspiel, wenn Einer nahe daran ist, den
versteckten Gegenstand zu finden. Und so konnte man auch hier sagen
„es brannte“, denn man war der Kunst der mechanischen Vervielfältigung
durch Typen und Druck nahe; doch gefunden ward sie nicht, denn die
Zeit drängte nicht auf die Erfindung hin. Die wohlfeile Arbeitskraft
der Abschreiber und die gute Organisation ihrer Arbeit genügten
vollkommen für billige und rasche Herstellung der Werke. Das freie
öffentliche Leben bei den Kulturvölkern des Altertums, der heitere
südliche Himmel, das leichte, fröhliche Dasein waren ohnehin nicht
geeignet, Stubengelehrsamkeit zu nähren. Man hörte die Dichterwerke
öffentlich vorlesen, sah in den, Allen zugänglichen Theatern den
Schauspielen oder den Wettkämpfen zu, lauschte den Rednern des Forums.
Alle Staatsakte geschahen öffentlich; das ganze politische und geistige
Leben gipfelte in der Hauptstadt; man hatte genügende Gelegenheit
öffentlich die Ansichten auszutauschen; es fehlte das Bedürfnis, im
stillen Kämmerlein, von Büchern umgeben, über das Erlebte nachzugrübeln
und sich gelehrten Forschungen hinzugeben[1].
[1] □J. A. Arnett□, _An inquiry etc. of the books of the
ancients_. London 1837. -- □J. A. Bräutigam□, Ein Blick
in das Bücherwesen des Alterthums. Leipzig 1867. -- □J.
O. Le Clerc□, _Des journaux chez les Romains_. Paris
1838. -- □J. A. Bräutigam□, Zur Gesch. d. Zeitungswesens
bei den Römern. Leipzig 1868. -- □W. Schmitz□,
Schriftsteller und Buchhändler in Athen. Heidelberg 1876.
-- □E. Caillemer□, La propriété littéraire à Athènes.
Paris 1868.
Die Klöster und
die Manuskripte.
Es folgte die Völkerwanderung und damit die Zertrümmerung des
frischen geistigen Lebens. Alle Völker Europas versanken in Barbarei.
Die Überreste der Gelehrsamkeit und des Studiums fanden sich nur
in den Klöstern vor. Hier entstand nach und nach das Bedürfnis,
die liturgischen Bücher und die Lehrmittel zu vervielfältigen. Die
Mönche hatten in ihrem beschaulichen Leben Zeit nicht allein zu
einem Abschreiben in einfacher Weise, sondern auch, dies zu einer
Kunst auszubilden. In roter Farbe ausgeführte Zierrate waren schon
bei den Römern gebräuchlich, die sich des Miniums bedienten, um die
Überschriften der Bücher oder Kapitel ins Auge fallend zu machen.
Das Verfahren verpflanzte sich nach Griechenland und dem Orient, uns
ist daraus noch die Bezeichnung „Rubrik“ geblieben. Später wurden die
Anfangsbuchstaben der Abschnitte und Paragraphen durch Hinzufügung von
roten Strichen bemerkbarer gemacht, oder man malte die Buchstaben ganz
rot aus. Im Griechischen Reiche wurde die rote Farbe ganz besonders
in Ehren gehalten und zu den heiligen Schriften sogar rotes Pergament
verwendet mit Buchstaben in Silber oder Gold. Auch bei den Gothen ward
diese Ausschmückungskunst geübt, wie der berühmte _Codex argenteus_,
die Übersetzung des Neuen Testaments von dem Bischof Ulfilas, beweist,
der einen Schatz der Universitätsbibliothek zu Upsala in Schweden
bildet. Die fränkischen Könige nahmen bald die Pracht der Handschriften
an, die in Deutschland durch Karl den Grossen bekannt wurde[2].
[2] □Th. Astle□, _The origin and progress of writing,
illustr._ London 1784. -- □J. G. I. Breitkopf□, Beiträge
zu einer Geschichte der Schreibkunst. Leipzig 1801. --
□U. J. Kopp□, Bilder und Schriften der Vorzeit. Mannheim
1819. -- Die Buchschriften des Mittelalters. Wien
1852. -- □H. N. Humphreys□, _The origin and progress of
writing_. _2. Ed._ London 1855. -- □Digby Wyatt□, _The
art of illuminating_. London 1860. -- □K. Wattenbach□,
Das Schriftenwesen des Mittelalters. 2. Aufl. Leipzig
1875. -- □H. Shaw□, _Illuminated Ornaments selected from
manuscripts of the middle ages_. London 1833. -- □K.
Faulmann□, Illustr. Geschichte der Schrift. Wien 1880.
Die Illumination.
Die Mönche gingen in der kunstreichen Abschrift und Ausschmückung der
Bücher immer weiter. Es fand eine förmliche Teilung der Arbeit nach den
verschiedenen Fähigkeiten statt. Einige schrieben, andere verglichen,
korrigierten und rubrizierten. Kunstfertige Brüder (_rubricatores_,
_illuminatores_, _miniatores_) malten Anfangsbuchstaben,
Randverzierungen und bildliche Darstellungen und oft entstanden auf
Pergament geschriebene wahre Prachtwerke mit herrlichen Miniaturen in
kostbare Deckel von Sammet oder sogar von edlem Metall, mit Edelsteinen
besetzt, gebunden, die mit goldenen Spangen geschlossen wurden. Solche
Werke hatten natürlich einen sehr hohen Preis und wurden mitunter mit
einem Rittergut aufgewogen, konnten also selbstverständlich nur von
Fürsten und reichen Leuten angeschafft werden.
Zu dieser Pracht der Ausstattung passte schlecht die im □vii.□
Jahrhundert aufgekommene Sitte, eine Menge von Wörtern so zu
abbrevieren, dass schliesslich eine besondere Gelehrsamkeit dazu
gehörte, ein Manuskript zu entziffern. Diese Unsitte wurzelte nicht
bloss in dem Wunsch, das teure Pergament zu sparen, sondern wohl auch
in der römischen Geschwindschrift (den tironianischen Noten), welche
schon zu Ciceros Zeiten gebräuchlich waren.
Der Manuskrip-
tenhandel.
Als gegen das Ende des elften Jahrhunderts ein, namentlich durch die
Benediktinermönche genährtes, regeres geistiges Leben begann, als die
Menschheit durch die Kreuzzüge in eine, bis dahin ungeahnte Bewegung
geraten war, als der Geschmack für die Klassiker sich wieder zu zeigen
begann und die Nachfrage nach abgeschriebenen Büchern grösser ward,
da fingen auch Laien an Bücher abzuschreiben und den Bücherhandel
zu treiben. Förmliche Korporationen bildeten sich (_stationarii_,
_librarii_). In Italien und Frankreich beschränkten sich die
Handschriftenhändler auf einige Universitätsstädte; sie waren, wie
später auch die Buchdrucker, in Paris Beamte der Universität, und
standen, was Ein- und Verkauf betraf, unter Aufsicht der letzteren.
Ohne Vorwissen des Rektors durften sie einem Studenten nichts abkaufen,
mussten schwören, reell zu sein und dem Käufer nur den 40. Pfennig
als Gewinn abzunehmen. Unter den deutschen Städten fand nur in Wien
eine ähnliche Kontrolle statt, die, wenn sie auch in Einzelnheiten
ihr Gutes gehabt haben mag, doch im allgemeinen nachteilig wirkte. Die
Produktion der Manuskripte und der Handel mit denselben entwickelten
sich deshalb auch in Deutschland viel freier, manchmal selbst an Orten,
wo keine innere Veranlassung vorlag, so in dem Städtchen Hagenau (um
1430). Die Manuskriptenhändler, die noch lange nach der Erfindung der
Buchdruckerkunst fortbestanden, besuchten die Jahrmärkte und Messen und
selbst in Frankfurt blühte nach der Erfindung der Buchdruckerkunst der
Manuskriptenhandel neben dem Buchhandel. Auch die Lehrer verkauften an
die Schüler die denselben notwendigen Bücher.
Bilderschrift.
Die Abschriften und das Material für diese war aber immer noch
teuer und nur die Auserwählten konnten lesen. Man nahm also,
um auf das grössere Publikum zu wirken, seine Zuflucht zu der,
Allen verständlichen, in Metall- oder Holzschnitt ausgeführten
„Bilderschrift“. Um Heiligen- und andere Bilder herzustellen,
entstanden die Zünfte der Briefmaler und Illuministen. Brief (_Breve
sc. scriptum_) wurde jedes einseitig gedruckte einzelne Blatt genannt,
es mochte nun eine Spielkarte, ein Heiligenbild, ein Ablassbrief, eine
Anordnung o. dgl. sein.
Als bekannt darf das Wesen des Holzschnittes, wodurch dieser sich
von dem Kupferstich unterscheidet und der Schrifttype gleichkommt,
angenommen werden, nämlich darin bestehend, dass im Holzschnitt das
auf den Holzstock gezeichnete Bild stehen gelassen wird, während alle
nicht gezeichneten Stellen weggeschnitten werden, so dass schliesslich
die Zeichnung erhaben auf dem Holzstock zurückbleibt, während im
Kupferstich umgekehrt die Zeichnung graviert oder geätzt wird, also
in der Tiefe liegt. Das Material für den Holzschnitt war zu der Zeit,
von welcher hier die Rede ist, Linden-, Birn- oder Buchenholz, das
in Längenschnitten mit dem Messer bearbeitet wurde, während man jetzt
beinahe ausschliesslich nur Buchsbaum in Querschnitten verbraucht und
mit dem Stichel behandelt.
Metallschnitt.
Früher war man gewohnt, alle erhaben geschnittenen Formen als
Holzschnitte zu bezeichnen. Durch aufmerksame Prüfung kam man
jedoch zu der Erkenntnis, dass ein Teil der vorhandenen Abdrücke von
Metallplatten herrühren, und dass der Metallschnitt dem Holzschnitt
vorangegangen sei. Die Möglichkeit des Unterscheidens liegt namentlich
in der Farbe der vorhandenen Drucke, indem die Metallschnitte etwas
grauer, griesslicher und weniger gesättigt erscheinen, als die
Holzschnitt-Drucke. Öfters kann man auch in den Umfassungslinien
Verbiegungen wahrnehmen, die in einer Holzplatte nicht möglich
gewesen sein würden; man hat auch heute noch erhaltene Metallstiche
vorgefunden.
Der Zeugdruck.
Wir nähern uns hiermit schon der Buchdruckerkunst. Die erste
ausgedehnte Anwendung eines Druckverfahrens ist der farbige Zeugdruck,
der in Europa mutmasslich zuerst in Italien geübt wurde. Ohne uns
in ältere Zeiten zu verlieren steht es fest, dass schon im □xii.□
Jahrhundert Seiden- und Leinenstoffe durch Formendruck verziert
wurden. Eine allgemeinere Verwendung fand der Zeugdruck im □xiii.□
Jahrhundert und erscheint oft auf den Futterstoffen der reicheren
liturgischen Ornate. Gegen den Schluss des □xiii.□, namentlich aber
zu Beginn des □xiv.□ Jahrh., wurde auch Leder bedruckt und als Tapete
verwendet, selbst auf Bucheinbänden findet man farbige Muster auf
dünnes Schafsleder gepresst. Die verzierten Tapeten zeigen nicht nur
biblische Scenen sondern auch Gegenstände aus dem Sagenkreise; unter
die vorzüglichsten gehören die zu Sitten in der Schweiz. Die beim
Zeugdruck vorkommenden Farben beschränken sich zuerst hauptsächlich
auf Schwarz und Rot, die Goldverzierungen sind durch Bestäuben
erzielt. Auf grösseren Gemälden kommt an den Gewändern der Figuren
eine besondere Art von Farbendruck vor, indem die Stellen mit einer
kreide- oder gipsartigen Masse überzogen und dann mittels Formen
mit Mustern bedruckt wurden (Teigdrucke). Auch nach der Erfindung
der Buchdruckerkunst wurde der Zeugdruck mit Holz- oder Metallformen
fortgesetzt, der in neuerer Zeit in grossartiger Weise als Kattundruck
ausgebildet wurde.
Aelteste Bilder-
drucke.
Die ältesten uns bekannten bildlichen Darstellungen in Metallschnitt
reichen nach den gründlichsten Untersuchungen bis gegen Ende des □xii.□
Jahrhunderts zurück, Holzschnitte bis gegen Ende des □xiv.□ Einer
der ältesten Metallschnitte ist das, früher in der T. O. Weigelschen
Sammlung in Leipzig, jetzt in dem Germanischen Museum in Nürnberg
befindliche Blatt „Christus am Kreuze“. Unzweifelhaft beglaubigt
ist der Holzschnitt „Der heilige Christoph“ aus dem Jahre 1423. Die
Erhaltung dieser, wie mancher anderen alten Drucke ist der Sitte
zu verdanken, die Deckel der Büchereinbände durch Aufeinanderkleben
solcher auszufüttern oder zu bekleben. Freilich haben wir durch diese
Sitte andererseits den Verlust zahlreicher Blätter zu beklagen.
Die bildlichen Darstellungen hatten hauptsächlich religiöse Vorwürfe
und das Bedürfnis zeigte sich namentlich in den Zeiten bedeutender
religiöser Aufregung, wie zu Ende des □xiv.□ und zum Beginn des
□xvi.□ Jahrhunderts. Um die Andacht beim Gebet zu erhöhen, wurden die
Angerufenen durch Bilder versinnlicht. So entstanden die zahlreichen
Darstellungen der heiligen Jungfrau, der Kreuzigung, der Himmelfahrt,
der gesamten Passion, der Heiligen, des Weltgerichts. Gesteigert
wurde der Verbrauch durch die religiösen Brüderschaften und die
Wallfahrten. Es folgten die zusammenhängenden Bildwerke, die zumteil
schon im frühen Mittelalter gezeichnet vorhanden waren, und im □xv.□
Jahrhundert xylographisch und typographisch vervielfältigt wurden. Die
Hauptsache ward im Bilde dargestellt und die notwendige Erklärung und
die Nutzanwendung in Schrift beigegeben.