Ordnung sind in den Kreisen der Regierenden weit häufiger als unter
denen, die von der Regierung vergewaltigt werden.
=Oberarzt.= Das heißt -- wie meinen Sie das?
=Boris.= Eine der Hauptursachen alles Elends bei uns in Rußland ist der
Branntwein. Er wird von der Regierung verkauft. Falsche Religionen,
die zu Lug und Trug verleiten, werden von der Regierung verbreitet.
Der Militärdienst, dessen Ableistung man von mir verlangt und der die
Sittlichkeit am meisten untergräbt -- wird von der Regierung verlangt.
=Oberarzt.= Ihrer Ansicht nach sind also Regierung und Staat
überflüssig?
=Boris.= Das weiß ich nicht. Dagegen weiß ich bestimmt, daß ich an dem
Bösen nicht teilnehmen darf.
=Oberarzt.= Was wird dann aber aus der Welt? Wir haben doch unsere
Vernunft bekommen, um sie auch für Zukünftiges zu gebrauchen.
=Boris.= Und ebenso, um einzusehen, daß die soziale Ordnung nicht
mittels Gewalt, sondern auf gütlichem Wege aufrechterhalten wird, und
daß die Weigerung eines einzelnen, am Bösen teilzunehmen, keine Gefahr
bedeutet.
=Oberarzt.= Jetzt möchte ich Sie ein wenig untersuchen. Bitte, legen
Sie sich hin. (Er beginnt ihn zu betasten.) Fühlen Sie hier Schmerz?
=Boris.= Nein.
=Oberarzt.= Und hier?
=Boris.= Nein.
=Oberarzt.= Holen Sie tief Atem. Halten Sie den Atem an. Ich danke.
Jetzt gestatten Sie. (Er holt ein Maß hervor und mißt Boris’ Stirn und
Nase.) Jetzt seien Sie so gut, schließen Sie die Augen und gehen ein
paar Schritte.
=Boris.= Schämen Sie sich nicht, solche Sachen zu machen?
=Oberarzt.= Was heißt, wie meinen Sie das?
=Boris.= All diese Dummheiten? Sie wissen doch, daß ich gesund bin;
daß man mich hierher geschickt hat, weil ich mich weigere, an den
Verbrechen der anderen teilzunehmen; daß man auf die Wahrheit nichts zu
erwidern weiß und daß man sich deswegen stellt, als hielte man mich für
anormal! Und dazu leisten Sie Beistand! Das ist häßlich, schändlich.
Lassen Sie das.
=Oberarzt.= Also, Sie wollen die paar Schritte nicht gehen?
=Boris.= Nein, ich will nicht. Sie können mich quälen, wie Sie wollen
-- aber ich werde Ihnen dabei nicht behilflich sein. (Erregt.) Lassen
Sie das!
=Der Oberarzt= (drückt auf die Klingel).
=Zwei Wärter= (treten ein).
Siebenter Auftritt.
=Die Vorigen= und die =Wärter=.
=Oberarzt.= Beruhigen Sie sich. Ich begreife vollkommen, daß Ihre
Nerven aufgeregt sind. Wollen Sie nicht in Ihr Zimmer gehen?
=Unterarzt= (tritt ein).
Achter Auftritt.
=Die Vorigen= und der =Unterarzt=.
=Unterarzt.= Da ist Besuch für Tscheremschanow.
=Boris.= Wer denn?
=Unterarzt.= Sarynzew nebst Tochter.
=Boris.= Ich möchte sie gern sehen.
=Oberarzt.= Lassen Sie sie nur kommen. Sie können sie hier empfangen.
(Er geht ab.)
=Unterarzt= und die =Wärter= (folgen ihm).
=Nikolai Iwanowitsch= und =Ljuba= (treten ein).
=Die Fürstin= (blickt zur Tür hinein). Geht vorauf, ich komme später.
Neunter Auftritt.
=Boris=, =Nikolai Iwanowitsch= und =Ljuba=. Dann =Kranker= und
=Wärter=.
=Ljuba= (eilt auf Boris zu, faßt ihn am Kopf und küßt ihn). Armer
Boris.
=Boris.= Nein, bedaure mich nicht. Mir ist so gut, so froh, so leicht.
Ich grüße Sie herzlich! (Er küßt Nikolai Iwanowitsch.)
=Nikolai.= Ich bin gekommen, um dir vor allen Dingen eins zu sagen:
in solcher Lage, wie du dich jetzt befindest, ist es weit schlimmer,
sein Vorhaben zu ändern, als es nicht vollständig auszuführen. Zweitens
muß man in solchen Fällen handeln, wie es im Evangelium heißt, nicht
fortwährend daran denken, was man tun und was man sagen wird: »Wenn
man euch vor die Obrigkeit und vor die Gewaltigen führt, so macht euch
keine Sorge, was ihr sagen werdet, denn der Geist Gottes wird aus euch
sprechen.« Das heißt, man muß nicht dann handeln, wenn die Überlegung
es einem befiehlt, sondern wenn man mit seinem ganzen Wesen fühlt, daß
man nicht anders kann.
=Boris.= Das habe ich auch getan. Ich habe nicht die Absicht gehabt,
den Dienst zu verweigern. Als ich aber diese ganze Verlogenheit sah,
diese dicken Folianten,[2] die Akten, Polizisten, Kommissionsmitglieder
mit der Zigarette im Munde -- _konnte_ ich nicht anders: ich _mußte_
das sagen, was ich sagte. Es war schrecklich, aber nur so lange, bis
ich begonnen hatte. Dann war alles einfach, froh und leicht.
[2] Russisch: ~Serzalo~, etwa: Gerichtsspiegel. Es ist ein
dreiteiliges mit dem Adler geschmücktes Gestell mit drei
Ukasen Peters I. das in keinem Amtslokal fehlen darf.
D. Ü.
=Ljuba= (sitzt da und weint).
=Nikolai.= Die Hauptsache ist: tu nichts um Menschenruhm, um den
Beifall derer zu erringen, auf deren Meinung du Wert legst. Von mir
kann ich sagen, daß wenn du jetzt den Eid leistest und dienst, daß ich
dich dann nicht weniger liebe und verehre, ja noch mehr als früher,
weil nicht das Wert hat, was in der äußeren Welt, sondern was in der
Seele geschieht.
=Boris.= Gewiß, denn was im Inneren geschehen ist, bewirkt auch in der
äußeren Welt Veränderungen.
=Nikolai.= Ja, das möchte ich dir ans Herz legen. Deine Mutter ist
hier. Sie ist schrecklich niedergeschlagen. Was du der tun kannst, um
was sie dich bittet, tu es. Das wollte ich dir sagen.
(Im Korridor ertönt wahnsinniges Geheul.)
=Ein Kranker= (kommt hereingestürzt).
=Wärter= (hinter ihm, die ihn fortschleppen).
=Ljuba.= Das ist fürchterlich. Und in solcher Umgebung sollst du
bleiben? (Sie weint.)
=Boris.= Es schreckt mich nicht. Mir ist jetzt nichts mehr schrecklich.
Mir ist so gut. Nur eins macht mir Sorge: wie du das alles aufnimmst.
Du mußt mir helfen. Ich bin überzeugt, du wirst mir helfen.
=Ljuba.= Soll ich etwa vergnügt sein?
=Nikolai.= Nicht vergnügt. Das kann man nicht, das bin ich auch nicht.
Ich leide um ihn und würde von Herzen gern an seine Stelle treten;
trotzdem leide ich und weiß, daß das gut ist.
=Ljuba.= Schön. Wann wird er aber entlassen?
=Boris.= Das weiß niemand. Ich denke nicht an die Zukunft. Die
Gegenwart ist so schön. Und du kannst sie mir noch schöner machen.
=Die Fürstin= (tritt ein).
Zehnter Auftritt.
=Die Vorigen= und die =Fürstin=.
=Fürstin.= Nein, ich kann nicht länger warten. (Zu Nikolai
Iwanowitsch.) Nun, haben Sie ihm zugeredet? Gibt er nach? Boris, mein
Liebling, begreif doch, was ich ausstehe. Fast dreißig Jahre habe ich
nur für dich gelebt, dich aufgezogen, meine Freude an dir gehabt. Und
jetzt, wo alles fertig, wo das Werk vollendet ist, soll ich plötzlich
allem entsagen! Ins Gefängnis -- diese Schande ... Nein, das ertrage
ich nicht. Boris ...
=Boris.= Mama, so hör doch.
=Fürstin.= Weshalb reden Sie denn keinen Ton? Sie haben ihn ins
Verderben gestürzt, Sie müssen ihn zur Vernunft bringen. Ljuba, sprich
du doch mit ihm.
=Ljuba.= Was kann ich ausrichten!
=Boris.= Mama, begreif doch endlich, daß es Dinge gibt, die man nicht
fertig bringt, ebensowenig fertig bringt wie das Fliegen. Dazu gehört
für mich das Dienen.
=Fürstin.= Ach, das bildest du dir ein. Unsinn, alle haben gedient
und dienen noch. Du und Nikolai Iwanowitsch, ihr habt euch da ein
Christentum ausgedacht, das gar keins ist. Eine Satanslehre, die nichts
als Leiden schafft.
=Boris.= Es steht so im Evangelium.
=Fürstin.= Gar nichts steht da, und wenn es so dasteht, ist das sehr
dumm ausgedrückt. Boris, mein Herzensjunge, hab doch Mitleid. (Sie
fällt ihm um den Hals und weint.) Mein ganzes Leben war nichts als
Kummer. Der einzige Sonnenstrahl warst du, und nun machst auch du mir
diese Schmerzen. Boris, hab doch Erbarmen.
=Boris.= Mama, es wird mir schrecklich schwer, aber ich kann dir nichts
sagen.
=Fürstin.= Schlag es mir nicht ab, versprich, daß du dienen wirst.
=Nikolai.= Sag, du würdest es dir überlegen, und tu das.
=Boris.= Also schön. Aber hab auch du mit mir Mitleid, Mama. Ich hab’
es auch nicht leicht. (Man hört wieder Geschrei im Korridor.) Ich bin
hier im Irrenhause und kann leicht selbst den Verstand verlieren.
Elfter Auftritt.
=Die Vorigen= und der =Oberarzt=.
=Oberarzt= (eintretend). Durchlaucht, Ihr Besuch kann schädliche Folgen
haben. Ihr Sohn ist sehr aufgeregt. Ich glaube, es ist angebracht, den
Besuch zu beenden. Donnerstags und Sonntags ist Empfang, da kommen Sie
bitte um zwölf Uhr.
=Fürstin.= Schön, schön; also ich gehe. Leb wohl, Boris. Überleg es
dir, hab Mitleid mit deiner Mutter, die sich freut, dich Donnerstag
wiederzusehen. (Sie küßt ihn.)
=Nikolai= (reicht ihm die Hand). Überleg mit Gott, als ob du morgen
sterben müßtest. Nur dann triffst du das Richtige. Leb wohl.
=Boris= (tritt zu Ljuba). Und was wirst du mir sagen?
=Ljuba.= Ich kann nicht lügen. Ich verstehe nicht, warum du dich und
andere quälst. Ich verstehe es nicht und kann dir nichts sagen. (Sie
geht weinend ab. Hinter ihr alle übrigen, außer Boris.)
Zwölfter Auftritt.
=Boris= allein.
=Boris.= Ach, wie ist das schwer. Ach, wie schwer! Herrgott, hilf mir.
(Er betet.)
=Wärter= (treten mit dem Anstaltskittel ein).
Dreizehnter Auftritt.
=Boris= und die =Wärter=.
=Ein Wärter.= Kleiden Sie sich gefälligst um.
=Boris= (gehorcht).
Vierter Aufzug.
Ein Jahr später in Moskau.
Saal in Sarynzews Haus, der zu einem Tanzabend mit
Klavierbegleitung hergerichtet ist. Diener stellen
Blattpflanzen vor dem Flügel auf. Maria Iwanowna tritt in
elegantem Seidenkleid mit Alexandra Iwanowna ein.
Erster Auftritt.
=Maria Iwanowna.= =Alexandra Iwanowna= und die =Diener=.
=Maria.= Was redest du da von einem Ball? Das ist doch kein Ball,
sondern einfach ein Tanzkränzchen, ~thé dansant~, wie man früher sagte.
Ich kann doch meine Kinder nicht nur bei anderen Leuten tanzen lassen.
Bei Makows haben sie Theater gespielt, überall getanzt -- da muß ich
mich doch revanchieren.
=Alexandra.= Ich fürchte nur, Nikolai ist nicht sehr entzückt davon.
=Maria.= Was kann ich dabei ändern? (Zu einem Diener.) Hier stellen
Sie die Pflanzen hin. Gott weiß, wie sehr ich mich bemühe, ihm alle
Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu räumen. Ich glaube übrigens, er ist
jetzt schon nicht mehr so anspruchsvoll.
=Alexandra.= O nein; er zeigt es nur nicht mehr so. Nach Tisch ist er
sehr verstimmt in sein Zimmer gegangen.
=Maria.= Was kann ich dabei machen? Was soll ich anfangen? Wir müssen
doch alle leben. Sind jetzt sieben Kinder. Wenn man ihnen nicht ab und
an zu Hause ein kleines Vergnügen bietet, stellen sie Gott weiß was an.
Ich bin nur glücklich, daß es mit Ljuba so gekommen ist.
=Alexandra.= Hat er schon seinen Antrag gemacht?
=Maria.= So ungefähr. Er hat mit ihr gesprochen, und sie hat ihm ihr
Jawort gegeben.
=Alexandra.= Das ist wieder ein schwerer Schlag für ihn.
=Maria.= Aber er weiß es doch. Muß es längst wissen.
=Alexandra.= Er kann ihn nicht ausstehen.
=Maria= (zu den Dienern). Stellen Sie die Früchte aufs Büfett. -- Wen?
Alexander Michailowitsch? Natürlich liebt er ihn nicht, weil Alexander
der verkörperte Widerspruch gegen all seine Theorien ist: ein lieber,
guter, angenehmer Mensch und dabei Weltmann. Ach, dieser unglückliche
Boris, der wie ein Alp auf mir lastet -- was macht er eigentlich?
=Alexandra.= Lisa war bei ihm. Er ist immer noch »dort«. Soll
schrecklich abgemagert sein; die Ärzte fürchten für sein Leben oder
seinen Verstand.
=Maria.= Den hat er mit seinen Ideen tatsächlich so weit gebracht.
Warum mußte er zugrunde gehen! Ich habe die Verbindung übrigens nie
gewünscht.
=Ein Klavierspieler= (tritt ein).
Zweiter Auftritt.
=Die Vorigen= und der =Klavierspieler=.
=Maria.= Sie sind der Klavierspieler?
=Klavierspieler.= Jawohl, gnädige Frau.
=Maria.= Bitte, nehmen Sie Platz. Es dauert noch etwas. Vielleicht
wünschen Sie Tee?
=Klavierspieler.= Nein, danke. (Er geht zum Flügel.)
=Maria.= War stets dagegen. Ich hatte Boris sehr gern, trotzdem war er
keine Partie für Ljuba. Besonders, als er sich für Nikolai Iwanowitschs
Ideen begeisterte.
=Alexandra.= Erstaunlich bleibt doch diese Überzeugungskraft! Was hat
er auszustehen! Man sagt ihm, wenn er nicht nachgäbe, würde er entweder
im Irrenhause bleiben oder auf Festung kommen. Trotzdem wiederholt er
stets dasselbe. Und wie Lisa sagt, ist er froh, ja heiter gestimmt.
=Maria.= Diese Fanatiker. Da ist übrigens Alexander Michailowitsch.
=Alexander Michailowitsch Starkowski= (elegante Erscheinung im Frack,
tritt ein).
Dritter Auftritt.
=Die Vorigen= und =Starkowski=.
=Starkowski.= Ich komme wohl zu früh? (Er küßt beiden Damen die Hand.)
=Maria.= Um so besser.
=Starkowski.= Wie geht es Ihrem Fräulein Tochter? Sie wollte beim Tanz
alles Versäumte nachholen, und ich hatte die Absicht, ihr zu helfen.
=Maria.= Sie macht die Kotillonsachen zurecht.
=Starkowski.= Da werde ich ihr helfen -- darf ich?
=Maria.= Sehr liebenswürdig.
=Starkowski= (will gehen).
=Ljuba= (kommt ihm mit einem Kissen voll Orden und Bändern entgegen).
Vierter Auftritt.
=Die Vorigen= und =Ljuba=.
=Ljuba= (in Abendtoilette, nicht dekolletiert). Ach, da sind Sie. Das
ist schön. Sie können mir helfen. Da im Gastzimmer liegen noch zwei
Kissen, die bringen Sie bitte her. Guten Abend, guten Abend!
=Starkowski.= Ich eile, ich fliege. (Er geht ab.)
Fünfter Auftritt.
=Maria Iwanowna.= =Alexandra Iwanowna.= =Ljuba.=
=Maria= (zu Ljuba). Hör mal, Ljuba. Heute kommen Bekannte, die
Anspielungen machen und Fragen stellen. Darf ich die Verlobung
bekanntgeben?
=Ljuba.= Ach nein, Mama, nein. Wozu? Laß sie doch fragen. Es ist Papa
so unangenehm.
=Maria.= Aber er weiß es doch, oder errät es. Früher oder später muß
man ihn doch einweihen. Ich denke, es ist am besten, heute alles
bekanntzugeben. Es weiß ja jedes Kind ...
=Ljuba.= Nein, nein, Mama, bitte nicht. Du verdirbst mir den ganzen
Abend. Es ist wirklich nicht nötig.
=Maria.= Wie du willst, mein Kind.
=Ljuba.= Oder höchstens ganz gegen Schluß, eh’ wir zu Tisch gehen.
=Starkowski= (kommt).
Sechster Auftritt.
=Die Vorigen= und =Starkowski=.
=Ljuba.= Nun, haben Sie die Sachen?
=Maria.= Also ich werde mal nach Natalie sehen. (Sie geht mit Alexandra
Iwanowna ab.)
Siebenter Auftritt.
=Ljuba= und =Starkowski=.
=Starkowski= (trägt drei Kissen, von denen er eins mit dem Kinn stützt
und unterwegs fallen läßt). Bitte, bemühen Sie sich nicht, ich hebe es
sofort auf.
=Ljuba.= Ach, was haben Sie da gemacht! Hätten die Sachen richtig
verteilen müssen. Wanja, komm mal her.
Achter Auftritt.
=Die Vorigen= und =Wanja=.
=Wanja= (bringt noch mehr Kissen). Jetzt sind es alle. Ljuba, Alexander
Michailowitsch und ich haben gewettet, wer am meisten Orden bekommt.
=Starkowski.= Du hast es gut, du kennst alle, ich dagegen muß die
Mädchenherzen erst erobern, um meine Belohnung zu erhalten. Trotzdem
gebe ich dir vierzig Points vor.
=Wanja.= Dafür bist du auch Bräutigam und ich noch ein Schuljunge.
=Ljuba.= Wanja, geh doch bitte in mein Zimmer und hol mir den Gummi und
das Nadelkissen von der Etagere.
=Wanja= (setzt sich in Bewegung).
=Ljuba.= Aber mach um Gottes willen nichts entzwei!
=Wanja.= Alles mach’ ich entzwei. (Er läuft fort.)
Neunter Auftritt.
=Ljuba= und =Starkowski=.
=Starkowski= (faßt Ljuba bei der Hand). Ljuba, darf ich? Ich bin so
glücklich. (Er küßt ihre Hand.) Die Masurka ist mein, aber die genügt
mir nicht. Dabei kann man sich so wenig unterhalten. Und ich habe so
viel auf dem Herzen. Darf ich meinen Eltern telegraphieren, daß ich
glücklicher Bräutigam bin?
=Ljuba.= Ja, heute abend.
=Starkowski.= Und noch eins: wie wird dein Vater die Nachricht
aufnehmen? Habt ihr mit ihm gesprochen, ja?
=Ljuba.= Ich nicht. Aber ich werde es ihm sagen. Er wird die Nachricht
aufnehmen, wie alles, was die Familie betrifft; wird sagen: tu, was du
für richtig hältst. Aber innerlich wird er traurig sein.
=Starkowski.= Weil ich nicht Tscheremschanow bin, sondern Kammerjunker
und Adelsmarschall?
=Ljuba.= Ja. Ich habe mit mir selbst gekämpft, mich seinetwillen
belogen. Nicht, weil ich ihn zu wenig liebe, kann ich nicht auf das
eingehen, was er will, sondern weil ich mich nicht verstellen kann.
Mein sehnlicher Wunsch ist: leben, leben!
=Starkowski.= Das ist auch das einzig Wahre. Na, aber Tscheremschanow?
=Ljuba= (erregt). Sprich nicht von ihm. Ich könnte mich hinreißen
lassen, ihn zu verurteilen, jetzt, wo er leidet. Und ich weiß, daß das
daher rührt, daß ich vor ihm schuldig bin. Ich weiß aber auch, daß es
eine Liebe, eine wahre Liebe gibt, die ich für ihn nie empfunden habe.
=Starkowski.= Ljuba, ist das wahr?
=Ljuba.= Du möchtest von mir hören, daß ich diese wahre Liebe für dich
empfinde? Aber das kann ich nicht. Gewiß, ich liebe dich anders --
aber auch nicht richtig. Wenn man das eine und das andere zusammentun
könnte ...
=Starkowski.= Nun, ich bin schon zufrieden. Ljuba! (Er küßt ihr die
Hand.)
=Ljuba= (abwehrend). Nein, wir wollen hier aufräumen. Da kommen schon
Gäste.
=Die Fürstin= (kommt mit =Tonja= und einem kleinen Mädchen).
Zehnter Auftritt.
=Die Vorigen= und die =Fürstin= mit =Tonja= und dem kleinen
=Mädchen=.
=Ljuba.= Mama muß sofort erscheinen.
=Fürstin.= Sind wir die ersten?
=Starkowski.= Irgend jemand muß den Anfang machen. Vielleicht wird
nächstens eine Gummipuppe erfunden, die immer die erste ist.
=Stefan= (tritt ein).
=Wanja= (bringt die gewünschten Sachen).
Elfter Auftritt.
=Die Vorigen.= =Stefan= und =Wanja=.
=Stefan.= Ich hoffte, Sie gestern bei den Italienern zu treffen?
=Tonja.= Wir waren bei Tante; haben Armenkleider genäht.
=Studenten=, =Damen=, =Maria Iwanowna=, eine =Gräfin= (kommen).
Zwölfter Auftritt.
=Die Vorigen.= =Maria Iwanowna=, die =Gräfin=, =Studenten= und
=Damen=.
=Gräfin.= Werden wir Nikolai Iwanowitsch nicht sehen?
=Maria.= Nein, er kommt nie aus seinem Zimmer.
=Starkowski.= Bitte zur Quadrille die Herrschaften. (Er klatscht in die
Hände. Man nimmt Aufstellung und tanzt.)
=Alexandra= (tritt zu Maria Iwanowna). Er ist schrecklich erregt. War
bei Boris, und als er nach Hause kommt, sieht er die Vorbereitungen
zum Ball. Jetzt will er fort. Ich stand an der Tür und hörte seine
Unterhaltung mit Alexander Petrowitsch.
=Maria.= Worüber denn?
=Starkowski.= ~Rond des Dames. Les cavaliers en avant.~
=Alexandra.= Er erklärt es für unmöglich, hier weiter zu leben, und
geht fort.
=Maria.= Was für ein Quälgeist ist dieser Mann! (Sie geht ab.)
Verwandlung.
Nikolai Iwanowitschs Zimmer.
Gedämpfte Klänge der Musik. Nikolai Iwanowitsch, im Überzieher,
legt einen Brief auf den Tisch. Bei ihm der zerlumpte Alexander
Petrowitsch.
Erster Auftritt.
=Nikolai Iwanowitsch= und =Alexander Petrowitsch=.
=Alexander.= Seien Sie unbesorgt, bis zum Kaukasus kommen wir ohne
einen Groschen. Und dort richten Sie sich schon ein.
=Nikolai.= Bis Tula fahren wir, und dann geht’s zu Fuß. Nun ist alles
fertig. (Er legt den Brief mitten auf den Tisch und will hinausgehen.
Da stößt er auf Maria Iwanowna.)
Zweiter Auftritt.
=Nikolai Iwanowitsch=, =Alexander Petrowitsch= und =Maria
Iwanowna=.
=Nikolai.= Nun, was willst du hier?
=Maria.= Was ich will? Ich will verhindern, daß du deine Grausamkeit
auf die Spitze treibst. Warum das? Warum?
=Nikolai.= Weil ich nicht länger so leben kann. Ich kann dieses
entsetzliche, durch und durch unmoralische Leben nicht ertragen.
=Maria.= Das ist fürchterlich. Mein Leben, das ich ganz dir und den
Kindern widme, soll plötzlich unmoralisch sein! (Sie erblickt Alexander
Petrowitsch.) ~Renvoyez au moins cet homme. Je ne veux pas qu’il soit
témoin de cette conversation.~
=Alexander.= ~Je comprends, madame; je pars aussitôt.~[3]
[3] »Schick wenigstens diesen Menschen fort. Ich will nicht,
daß er Zeuge dieser Unterhaltung wird.«
»Ich verstehe, gnädige Frau. Ich reise sofort ab.«
=Nikolai.= Erwarten Sie mich dort, Alexander Petrowitsch, ich komme
sogleich.
=Alexander= (geht ab).
Dritter Auftritt.
=Nikolai Iwanowitsch= und =Maria Iwanowna=.
=Maria.= Was kannst du mit solchem Menschen gemein haben? Weshalb steht
er dir näher als deine Frau? Das ist einfach unverständlich. Wohin
willst du jetzt?
=Nikolai.= Ich habe dir einen Brief hinterlassen. Ich wollte nicht mit
dir sprechen; es wird mir zu schwer. Wenn du aber willst, werde ich dir
alles sagen, so ruhig ich nur kann.
=Maria.= Nein, ich kann dich nicht verstehen. Weshalb haßt und
folterst du dein Weib, das dir alles hingegeben hat. Sag: habe ich
Bälle besucht, mich geputzt, kokettiert? Mein ganzes Leben gehörte der
Familie. Alle Kinder habe ich selbst genährt, erzogen; im letzten Jahre
lag die ganze Last der Erziehung und all die geschäftlichen Sorgen auf
meinen Schultern ...
=Nikolai= (sie unterbrechend). Das kam daher, weil du nicht so leben
wolltest, wie ich dir vorschlug.
=Maria.= Ach, das ist ja unmöglich. Frag die ganze Welt. Wie kann ich
die Kinder ohne jeden Unterricht lassen, wie deine Absicht ist, und
selbst waschen und kochen.
=Nikolai.= Das habe ich nie gewollt.
=Maria.= Na, dann ungefähr so. Nein, du willst Christ sein, willst
Gutes tun, sagst, du liebst die Menschen. Warum folterst du dann die
Frau, die dir ihr ganzes Leben hingegeben hat?
=Nikolai.= Wieso foltere ich dich? Ich liebe dich, aber ...
=Maria.= Ist das keine Tortur, wenn du mich verstößt und fortgehst? Was
werden die Leute sagen? Eins von beiden ist nur möglich: entweder bin
ich ein verworfenes Frauenzimmer, oder du bist verrückt.
=Nikolai.= Vielleicht bin ich verrückt; jedenfalls kann ich so nicht
weiterleben.
=Maria.= Was ist denn Schreckliches dabei, daß ich den ganzen Winter
ein einziges Mal -- in ewiger Sorge, es könnte dir unangenehm sein --
bei uns tanzen lasse! Frag Manja und Barbara Wassiljewna -- alle haben
mir gesagt, es ginge nicht anders, es sei unbedingt nötig. Und das soll
nun ein Verbrechen sein, für das ich diese Schande auf mich nehmen muß!
Ja, nicht nur Schande -- das Schlimmste ist, daß du mich nicht mehr
liebst; du liebst die ganze Welt, bis zu diesem betrunkenen Alexander
Petrowitsch -- -- und dennoch liebe ich dich, kann nicht ohne dich
leben. Warum das, warum? (Sie weint.)
=Nikolai.= Du willst mein Leben, mein geistiges Leben nicht verstehen.
=Maria.= Ich will es, kann es aber nicht. Ich sehe, daß dein
Christentum bewirkt, daß du mich, deine Familie haßt. Wozu das nötig
ist, begreife ich nicht.
=Nikolai.= Andere begreifen es.
=Maria.= Wer denn? Alexander Petrowitsch, der dich anbettelt?
=Nikolai.= Er und andere, wie Tonja und Wassili Nikanorowitsch. Aber
darauf kommt es nicht an. Wenn niemand mich verstehen würde, würde das
nichts ändern.
=Maria.= Wassili Nikanorowitsch hat Buße getan und sein Amt wieder
angetreten. Tonja tanzt in diesem Augenblick und flirtet mit Stefan.
=Nikolai.= Das ist sehr traurig, kann aber nicht bewirken, daß Schwarz
Weiß wird, und kann mein Leben nicht ändern. Mascha! Ich bin für
dich nicht nötig. Laß mich gehen. Ich habe versucht, an eurem Leben
teilzunehmen, in dieses Leben das hineinzutragen, was für mich alles
bedeutet. Es ist unmöglich. Die Folge ist nur, daß ich euch und mich
quäle. Mich nicht nur quäle, sondern das Werk, das ich vorhabe,
zuschanden mache. Jeder Mensch, wie zum Beispiel dieser Alexander
Petrowitsch, hat das Recht, mir zu sagen, ich sei ein Betrüger, der
nicht so handelt, wie er spricht, der nach dem Evangelium Armut
predigt, selbst aber in Luxus lebt unter dem Vorwande, alle Habe an
seine Frau abgetreten zu haben.
=Maria.= Du schämst dich vor den Leuten? Kannst du dich darüber nicht
erheben?
=Nikolai.= Ich schäme mich nicht -- oder doch nur wenig -- aber ich
richte das Werk Gottes zugrunde.
=Maria.= Du hast selbst gesagt, daß dieses Werk auch dann geschieht,
wenn wir uns ihm widersetzen. Doch darum handelt es sich nicht. Sag,
was du von mir forderst.
=Nikolai.= Das habe ich schon gesagt.
=Maria.= Aber Nikolai, du weißt doch, daß das unmöglich ist. Bedenk
doch, Ljuba soll jetzt heiraten. Wanja bezieht die Universität. Mischa
und Katja besuchen die Schule -- soll denn das alles unterbrochen
werden?
=Nikolai.= Also was soll ich jetzt tun?
=Maria.= Was du selbst predigst: ausharren, uns lieben. Wird dir das so
schwer? Ertrag nur unsere Gegenwart, entzieh dich uns nicht. Was quält
dich denn so?
=Wanja= (kommt hereingelaufen).
Vierter Auftritt.
=Die Vorigen= und =Wanja=.
=Wanja.= Mama, du wirst gerufen.
=Maria.= Sag, ich könnte jetzt nicht. Geh, geh.
=Wanja.= Komm aber bald. (Er geht ab.)
Fünfter Auftritt.
=Nikolai Iwanowitsch= und =Maria Iwanowna=.