=Nikolai.= Mein Liebling, Täubchen, ich weiß, daß dir das alles schwer,

ja schrecklich vorkommt, obwohl es anders sein müßte. Ich bin jetzt

so weit, daß ich das Leben verstehe. Und ich sage dir: es kann nichts

Schlimmes geben. Alles was uns schlimm erscheint, ist für das Herz eine

Freude und Stärkung. Du mußt aber begreifen, daß jemand, der diesen

Weg geht, zunächst vor eine Wahl gestellt ist. Und es gibt Lagen, wo

das Göttliche und Teuflische sich das Gleichgewicht halten, wo die

Wage schwankt. Gerade dann geht Gottes Werk im Menschen vor sich und

gerade dann ist jede Einmischung äußerst gefährlich und verhängnisvoll.

Wie soll ich sagen, es ist, als ob jemand schreckliche Anstrengungen

macht, um eine Last zu schleppen -- dabei kann eine Berührung mit den

Fingerspitzen ihm das Kreuz brechen.

=Ljuba.= Wozu muß man denn aber leiden?

=Nikolai.= Das ist gerade, wie wenn eine Mutter sagt: Wozu die Wehen?

Es gibt keine Geburt ohne Wehen. Dasselbe ist im geistigen Leben der

Fall. Eins will ich dir sagen: Boris ist ein wahrer Christ und deswegen

im Innern frei. Und wenn du noch nicht so sein kannst wie er, nicht

wie er von selbst an Gott glauben kannst, so glaub durch ihn an den

Höchsten, an Gott.

=Maria= (hinter der Tür). Darf ich herein?

=Nikolai.= Immer herein. Das ist ja heute der reine Empfangstag.

Dritter Auftritt.

=Die Vorigen= und =Maria Iwanowna=.

=Maria.= Unser Priester, Wassili Nikanorowitsch, ist da. Er fährt zum

Bischof, hat sein Amt niedergelegt.

=Nikolai.= Nicht möglich!

=Maria.= Hier ist er. Ljuba, ruf ihn. Er will dich sprechen.

=Ljuba= (geht).

Vierter Auftritt.

=Die Vorigen= ohne Ljuba.

=Maria.= Ich möchte auch noch über Wanja mit dir sprechen. Er ist

schrecklich ungezogen und lernt so schlecht, daß er sicher nicht

versetzt wird. Wenn ich es ihm sage, wird er frech.

=Nikolai.= Mascha, du weißt doch, daß ich mit seiner ganzen Lebensweise

und mit der Erziehung nicht einverstanden bin. Immer wieder quält mich

die Frage: Darf ich ruhig zusehen, wie vor meinen Augen Wesen zugrunde

gehen ...?

=Maria.= Dann muß man eben andere bestimmte Maßregeln treffen. Was

schlägst du vor?

=Nikolai.= Ich kann nicht sagen, was. Ich will nur eins sagen: erstens,

man muß sich von diesem verderblichen Luxus befreien.

=Maria.= Damit die Kinder verbauern? Dazu kann ich meine Einwilligung

nicht geben.

=Nikolai.= Nun, dann frag mich nicht. Dann ist dir eben nicht zu helfen.

=Der Priester= und =Ljuba= (kommen).

Fünfter Auftritt.

=Die Vorigen.= Der =Priester= und =Ljuba=.

=Der Priester= und =Nikolai= (küssen sich).

=Nikolai.= Haben Sie wirklich ein Ende gemacht?

=Priester.= Ich konnte nicht länger.

=Nikolai.= So schnell hatte ich das nicht erwartet.

=Priester.= Es ging nicht anders. In unserem Beruf kann man nicht

indifferent sein. Man soll die Beichte abnehmen, das Abendmahl reichen

-- und wenn man erkannt hat, daß das alles nicht die Wahrheit ist ...

=Nikolai.= Und was wird jetzt?

=Priester.= Jetzt fahre ich zum Bischof, zum Examen. Ich fürchte,

man schickt mich ins Kloster Solowezk. Anfangs dachte ich daran, ins

Ausland zu fliehen. Wollte Sie um Ihre Unterstützung bitten. Dann kam

ich zur Besinnung: es wäre Kleinmut. Das einzige ist: meine Frau.

=Nikolai.= Wo ist sie?

=Priester.= Zu ihrem Vater gereist. Ihre Mutter war bei uns und hat das

Söhnchen mitgenommen. Das tat weh. Ich hätte ihn gern ... (Er stockt,

drängt die Tränen zurück.)

=Nikolai.= Helf Gott Ihnen. Werden Sie bei uns bleiben?

=Die Fürstin= (kommt ins Zimmer gelaufen).

Sechster Auftritt.

=Die Vorigen= und die =Fürstin=.

=Fürstin.= Das war zu erwarten. Er hat den Gehorsam verweigert und

sitzt im Arrest. Ich war dort, man hat mich nicht zu ihm gelassen.

Nikolai Iwanowitsch, fahren Sie hin.

=Ljuba.= Wieso den Gehorsam verweigert? Woher wissen Sie das?

=Fürstin.= Ich war selbst dort. Wassili Andrejewitsch hat mir alles

erzählt, ein Mitglied der Untersuchungskommission. Er kam einfach

herein und erklärte, er würde nicht dienen, den Fahneneid nicht leisten

-- kurz alles, was Nikolai Iwanowitsch ihm beigebracht hat.

=Nikolai.= Fürstin! Wie kann man das jemandem beibringen?

=Fürstin.= Das weiß ich nicht. Jedenfalls ist das kein Christentum. Wie

wäre das möglich? Sagen Sie doch ein Wort, Batjuschka.

=Priester.= Ich bin kein Batjuschka mehr.

=Fürstin.= Ganz egal. Sie sind ja ebenso. Freilich, Sie haben es gut.

Aber ich lasse die Dinge nicht so gehen. Und was ist das für ein

schändliches Christentum, durch das die Menschen leiden und zugrunde

gehen. Ich hasse dieses euer Christentum. Ihr habt es gut, da ihr wißt,

daß es euch nicht an den Kragen geht. Ich habe aber nur diesen einen

Sohn, und ihr habt ihn ins Verderben gestürzt.

=Nikolai.= So beruhigen Sie sich doch, Fürstin.

=Fürstin.= Sie, Sie haben das fertig gebracht. Sie haben ihn

unglücklich gemacht, Sie müssen ihn auch retten. Fahren Sie hin, reden

Sie ihm zu, daß er diese Dummheiten unterläßt. Reiche Leute können sich

das leisten, nicht aber wir.

=Ljuba= (weint). Papa, was soll nun werden?

=Nikolai.= Ich fahre hin. Vielleicht kann ich helfen. (Er nimmt die

Schürze ab.)

=Fürstin= (hilft ihm beim Ankleiden). Mich hat man nicht zu ihm

gelassen; wir fahren zusammen, dann erreiche ich mein Ziel. (Sie geht

ab.)

Verwandlung.

Militärkanzlei.

Ein Schreiber sitzt am Tisch; vor der Tür gegenüber geht ein

Posten auf und ab. Ein General mit seinem Adjutanten tritt ein.

Der Schreiber springt auf, der Posten präsentiert.

Erster Auftritt.

=General.= =Adjutant.= =Schreiber.=

=General.= Wo ist der Herr Oberst?

=Schreiber.= Bei dem Rekruten, Ew. Exzellenz.

=General.= Schön. Ich lasse ihn hierher bitten.

=Schreiber.= Zu Befehl, Ew. Exzellenz.

=General.= Was schreiben Sie da ab? Wohl die Aussagen des Rekruten?

=Schreiber.= Zu Befehl, jawohl, Ew. Exzellenz.

=General.= Geben Sie doch mal her.

=Schreiber= (übergibt das Schriftstück und geht ab).

Zweiter Auftritt.

=Die Vorigen= ohne Schreiber.

=General= (gibt das Schriftstück dem Adjutanten). Lesen Sie bitte vor.

=Adjutant= (liest). »Auf die mir vorgelegten Fragen: 1) Warum ich den

Fahneneid nicht leiste, 2) warum ich mich weigere, die Befehle der

Vorgesetzten zu erfüllen, und 3) was mich dazu veranlaßt hat, nicht

nur gegen das Militär, sondern auch gegen die höchste Macht im Staate

kränkende Äußerungen zu tun -- erwidere ich zu 1) ich leiste den Eid

deswegen nicht, weil ich mich zum Christentum bekenne. Das Christentum

aber verbietet klar und deutlich den Eid, sowohl im Evangelium

Matthäi V, 33--37 wie auch in der Epistel des Jakobus V, 12.«

=General.= Schwadroneur. Der legt die Bibel auf seine Weise aus.

=Adjutant= (fortfahrend). »Im Evangelium heißt es: ›Ihr sollt überhaupt

nicht schwören. Eure Rede sei: Ja, ja, oder nein, nein; was darüber

hinausgeht, ist vom Bösen.‹ In der Epistel des Jakobus: ›Vor allem,

meine Brüder, schwört nicht; weder beim Himmel, noch bei der Erde,

noch sonst einen Schwur. Euer Ja sei Ja, euer Nein -- Nein, damit

ihr nicht unter das Gericht fallt.‹ Aber ich will von dieser ganz

klaren Vorschrift im Evangelium, daß man nicht schwören darf, ganz

absehen; selbst wenn diese Vorschrift nicht existierte, könnte ich

nicht schwören, die Befehle von Menschen auszuführen, da ich nach

christlichem Gebot stets den Willen Gottes tun muß, der dem der

Menschen widersprechen kann.«

=General.= Schwadroneur. Wenn es nach mir ginge, gäbe es das nicht.

=Adjutant= (liest). »Ich weigere mich aber, die Befehle von Leuten

auszuführen, die sich Vorgesetzte nennen, weil ...«

=General.= Diese Frechheit!

=Adjutant.= ... »weil diese Befehle verbrecherisch, schlecht sind.

Man verlangt von mir, ich soll in die Armee treten, mich zum Morde

vorbereiten und ihn erlernen. Das ist im Alten wie im Neuen Testament

verboten, und hauptsächlich verbietet es mir mein Gewissen. Auf die

dritte Frage ...«

=Der Oberst= (kommt mit dem Schreiber).

=Der General= (gibt ihm die Hand).

Dritter Auftritt.

=Die Vorigen= und der =Oberst= mit dem =Schreiber=.

=Oberst.= Sie lesen das Protokoll?

=General.= Ja. Unverzeihliche Frechheiten. Nun, fahren Sie fort.

=Adjutant= (liest). »Auf die dritte Frage: was mich veranlaßt hat,

in der Verhandlung beleidigende Worte zu gebrauchen, erwidere ich,

daß mich dazu der Wunsch veranlaßt hat, Gott zu dienen und den Betrug

aufzudecken, der in Seinem Namen geschieht. Diesem Wunsch hoffe ich bis

zu meinem Tode zu willfahren. Und deshalb ...«

=General.= Nun, genug davon. Das Geschwätz nimmt ja gar kein Ende.

Es handelt sich darum, hier gründlich Remedur zu schaffen, damit die

Mannschaften nicht angesteckt werden. (Zum Oberst.) Haben Sie mit ihm

gesprochen?

=Oberst.= Jawohl, die ganze Zeit. Habe mich bemüht, ihm ins Gewissen zu

reden, ihn zu überzeugen, daß er damit gar nichts ausrichtet, daß es

das schlimmste ist, was er tun kann. Habe seine Familie erwähnt. Das

regte ihn sehr auf; trotzdem blieb er bei seinem Standpunkt.

=General.= Das viele Reden hat gar keinen Zweck. Wir sind Soldaten,

nicht um zu reden, sondern um zu handeln. Lassen Sie ihn mal vorführen.

=Adjutant= und =Schreiber= (gehen ab).

Vierter Auftritt.

=General= und =Oberst=.

=General= (setzt sich). Nein, Herr Oberst, das ist nicht das richtige.

Mit solchen Burschen muß man anders umspringen. Da heißt es energisch

eingreifen, das kranke Glied schleunigst entfernen. Ein räudiges

Schaf steckt die ganze Herde an. Zarte Rücksichten sind hier nicht

angebracht; daß er Fürst ist, und eine Mutter und Braut hat, geht uns

gar nichts an. Für uns ist er Soldat, und wir haben den Willen unseres

allerhöchsten Vorgesetzten zu erfüllen.

=Oberst.= Ich bin der Meinung, daß man ihn durch Zureden leichter

schwankend macht.

=General.= Ganz und gar nicht. Bestimmtheit, nur Bestimmtheit. Habe

mit solchen Burschen schon zu tun gehabt. Der Mann muß fühlen, daß

er ein Nichts, ein Sandkorn unter einem Wagen ist, der dadurch nicht

aufgehalten wird.

=Oberst.= Ja, man muß die Sache untersuchen.

=General= (gerät allmählich in Wallung). Ach was, untersuchen. Ich habe

nichts zu untersuchen. Ich diene meinem Kaiser seit vierundvierzig

Jahren, bin diesem Dienst mit Leib und Seele ergeben, und nun kommt

plötzlich so ein Bürschchen und will mich belehren und mir den

Bibeltext lesen. Mag er sich mit Pfaffen darüber zanken, für mich ist

er Soldat oder Arrestant. Damit basta.

=Boris= (erscheint, von zwei Soldaten eskortiert).

=Adjutant= und =Schreiber= (hinter ihm).

Fünfter Auftritt.

=Die Vorigen.= =Boris= mit zwei =Eskortesoldaten=, =Adjutant=

und =Schreiber=.

=General= (mit dem Finger zeigend). Da stellt ihn hin.

=Boris.= Mich braucht man nicht hinzustellen. Ich stehe oder sitze, wo

ich will; Ihre Macht über mich kann ich nicht ...

=General.= Maul halten! Du erkennst keine Macht an? Ich werd’ dich

schon lehren!

=Boris= (setzt sich auf einen Stuhl). Wie unvernünftig, so zu schreien.

=General.= Aufrichten, hinstellen den Mann.

=Die Soldaten= (ziehen Boris in die Höhe).

=Boris.= Das können Sie, Sie können mich sogar töten, aber mich nicht

zwingen, Ihnen zu gehorchen ...

=General.= Maul halten, hab’ ich befohlen. Hör’ zu, was ich dir sage.

=Boris.= Ich will gar nicht hören, was _du_, _du_ sagst.

=General.= Der Mann ist übergeschnappt. Muß ins Lazarett, auf seinen

Geisteszustand untersucht werden. Weiter ist da nichts zu machen.

=Oberst.= Wir haben Befehl, ihn auch von der Gendarmerie vernehmen zu

lassen.

=General.= Na also, schaffen Sie ihn hin. Aber vorher: einkleiden.

=Oberst.= Er weigert sich.

=General.= Dann wird er gefesselt. (Zu Boris.) Hören Sie also, was

ich Ihnen sage. Mir ist es egal, was aus Ihnen wird. In Ihrem eigenen

Interesse aber rate ich Ihnen: kommen Sie zur Vernunft. Sie werden in

der Festung ja verfaulen. Und richten nicht das mindeste aus. Also

lassen Sie das. Haben sich ereifert und ich ebenfalls. (Klopft ihn

auf die Schulter.) Gehen Sie hin, leisten den Eid und unterlassen in

Zukunft solche Sachen. (Zum Adjutanten.) Ist der Priester da? (Zu

Boris.) Na, wie ist’s? (Boris schweigt.) Weshalb antworten Sie nicht?

Es ist wirklich besser so. Man kann doch nicht mit dem Kopf durch die

Wand rennen! Ihre Gedanken behalten Sie hübsch für sich. Dienen Ihr

Jahr ab -- wir werden Sie nicht zwiebeln. Na, wie ist’s?

=Boris.= Ich habe nichts weiter zu sagen.

=General.= Sie erwähnen da in Ihrer Aussage einen Bibelvers. Darüber

wissen die Popen besser Bescheid. Sprechen Sie mit Batjuschka und

überlegen sich die Sache. Es ist wirklich besser so. Also leben Sie

wohl; ich hoffe auf Wiedersehen, wenn Sie des Kaisers Rock tragen.

Schicken Sie den Geistlichen her. (Er geht ab.)

=Oberst= und =Adjutant= (folgen ihm).

Sechster Auftritt.

=Boris.= Der =Schreiber= und die =Soldaten=.

=Boris= (zum Schreiber und den Soldaten). Da seht ihr, wie die Leute

reden. Sie wissen selbst, daß sie euch betrügen. Gehorcht ihnen nicht!

Legt die Waffen nieder! Geht auf und davon! Selbst wenn sie euch ins

Strafbataillon stecken und halbtot prügeln -- ist immer noch leichter

als diesen Betrügern gehorchen.

=Schreiber.= Wie kann man ohne Militär leben? Nein, das geht nicht.

=Boris.= Das ist nicht unsere Sache. Wir haben nur daran zu denken, was

Gott von uns will. Gott aber will, daß wir ...

=Soldat.= Es heißt doch aber immer: das christliche Heer?

=Boris.= Das steht nirgends. Das haben die Betrüger sich ausgedacht.

=Soldat.= Wie ist das möglich? Die Bischöfe müssen das doch wissen.

=Gendarmerieoffizier= mit =Schreiber= (tritt ein).

Siebenter Auftritt.

=Die Vorigen.= =Gendarmerieoffizier= und =Schreiber=.

=Gendarmerieoffizier= (zum Schreiber). Ist hier der Rekrut Fürst

Tscheremschanow?

=Schreiber.= Zu Befehl. Da ist er.

=Gendarmerieoffizier.= Bitte sich hierher zu verfügen. Sind Sie Fürst

Boris Semjonowitsch Tscheremschanow, der den Fahneneid nicht leisten

will?

=Boris.= Ja.

=Gendarmerieoffizier= (setzt sich und deutet auf einen Platz

gegenüber). Bitte, setzen Sie sich.

=Boris.= Ich glaube, unsere Unterhaltung ist vollkommen überflüssig.

=Gendarmerieoffizier.= Das glaube ich nicht. Für Sie wenigstens

durchaus nicht, wie Sie sich sofort überzeugen werden. Mir ist

mitgeteilt, Sie weigern sich, zu dienen und den Eid zu leisten; es

besteht daher Verdacht, daß Sie zur revolutionären Partei gehören.

Das habe ich zu untersuchen. Wenn es richtig ist, müssen wir Sie vom

Militär fortnehmen und einsperren oder verbannen, je nach dem Grade

Ihrer Beteiligung an der Revolution. Anderenfalls überlassen wir Sie

der Militärbehörde. Sie sehen, daß ich offen mit Ihnen spreche und

hoffe, daß Sie uns ebensolches Vertrauen entgegenbringen.

=Boris.= Vertrauen kann ich zu Leuten, die das da tragen, (er deutet

auf die Uniform) nicht haben. Außerdem ist Ihre Tätigkeit derart,

daß ich sie durchaus nicht respektiere, sondern auf das gründlichste

verabscheue. Ihre Fragen aber werde ich beantworten. Was wünschen Sie

zu wissen?

=Gendarmerieoffizier.= Gestatten Sie zunächst: Ihr Name, Beruf,

Konfession?

=Boris.= Das wissen Sie alles; darauf antworte ich nicht. Für mich ist

nur eins wichtig: ich gehöre nicht zur griechisch-katholischen Kirche,

bin kein sogenannter Rechtgläubiger.

=Gendarmerieoffizier.= Welchen Glauben haben Sie denn?

=Boris.= Das läßt sich nicht so schnell sagen.

=Gendarmerieoffizier.= Nun, Sie werden doch irgendeine Antwort geben?

=Boris.= Also ich bin Christ, nach der Lehre der Bergpredigt.

=Gendarmerieoffizier.= Schreiben Sie.

=Schreiber= (tut es).

=Gendarmerieoffizier= (zu Boris). Sie betrachten sich doch aber als

Angehörigen eines bestimmten Staates und Standes?

=Boris.= Nein. Ich bezeichne mich als Mensch, Diener Gottes.

=Gendarmerieoffizier.= Warum bezeichnen Sie sich nicht als russischen

Staatsangehörigen?

=Boris.= Weil ich keinen Staat anerkenne.

=Gendarmerieoffizier.= Was heißt das? Wünschen Sie sein Aufhören?

=Boris.= Ohne Frage. Darauf arbeite ich ja hin.

=Gendarmerieoffizier= (zum Schreiber). Schreiben Sie. (Zu Boris.) Mit

welchen Mitteln arbeiten Sie darauf hin?

Boris. Indem ich den Betrug, die Lüge aufdecke und die Wahrheit

verbreite. Gerade als Sie eintraten, sagte ich zu diesen Soldaten, sie

sollten nicht an den Betrug glauben, den man an ihnen verübt.

=Gendarmerieoffizier.= Außer diesen Mitteln der Überredung gebrauchen

Sie doch noch andere?

=Boris.= Nein. Jede Gewalttat halte ich für die größte Sünde. Nicht nur

jede Gewalt, sondern sogar jede Heimlichkeit, jede List ...

=Gendarmerieoffizier.= Schreiben Sie. Es ist gut. Jetzt gestatten Sie,

daß ich mich nach Ihrem Umgang erkundige. Kennen Sie Iwaschenkow?

=Boris.= Nein.

=Gendarmerieoffizier.= Klein?

=Boris.= Ich habe von ihm gehört, ihn aber nie gesehen.

=Ein bejahrter Geistlicher= (mit Kreuz und Bibel tritt ein).

=Schreiber= (läßt sich von ihm segnen).

Achter Auftritt.

=Die Vorigen= und der =Geistliche=.

=Gendarmerieoffizier.= Ich denke, ich kann hier Schluß machen. Ich

halte Sie nicht für gefährlich und nicht zu unserem Ressort gehörig.

Wünsche Ihnen, daß Sie bald freikommen. Grüße Sie. (Gibt ihm die Hand.)

=Boris.= Ich möchte Ihnen noch eins sagen. Verzeihen Sie mir, aber

ich kann nicht anders. Warum haben Sie diese schlimme, böse Tätigkeit

gewählt? Ich möchte Ihnen raten, sie aufzugeben.

=Gendarmerieoffizier= (lächelnd). Ich danke Ihnen für Ihren Rat. Das

hat seine Gründe. Also, ich empfehle mich. Batjuschka, ich trete Ihnen

meinen Platz ab. (Er geht mit dem Schreiber ab.)

Neunter Auftritt.

=Die Vorigen= ohne Gendarmerieoffizier und Schreiber.

=Priester.= Wie können Sie nur der Obrigkeit solchen Kummer machen?

Ihre Christenpflicht nicht erfüllen, dem Zaren und Vaterlande nicht

dienen?

=Boris= (lächelnd). Gerade weil ich meine Christenpflicht erfüllen

will, kann ich nicht Soldat sein.

=Priester.= Warum nicht? Es heißt doch: »Wer sein Leben hingibt für

seine Freunde, der ist ein wahrer Christ ...«

=Boris.= Jawohl, sein Leben hingibt, aber nicht fremde vernichtet. Mein

Leben hingeben, das will ich ja gerade.

=Priester.= Sie urteilen nicht richtig, junger Mann. Johannes der

Täufer sagte zu den Kriegsknechten: »... Lasset euch genügen an eurem

Solde ...«

=Boris= (lächelnd). Das beweist nur, daß schon damals die Soldaten

plünderten, was er ihnen verbot.

=Priester.= Aber warum wollen Sie nicht schwören?

=Boris.= Sie wissen, daß das im Evangelium verboten ist.

=Priester.= Ganz und gar nicht. Als Pilatus sagte: »Ich beschwöre

dich beim lebendigen Gotte, bist du Christus?« antwortete Herr Jesus

Christus: »Du sagst es.« Das heißt, der Eid ist nicht verboten.

=Boris.= Schämen Sie sich wirklich nicht? Sie alter Mann ...

=Priester.= Legen Sie Ihren Trotz ab, rate ich Ihnen! Wir können die

Welt nicht ändern. Leisten Sie den Eid und alles geht gut. Was Sünde

ist und was nicht, das zu entscheiden überlassen Sie der Kirche.

=Boris.= Ihnen? Haben Sie denn keine Angst, so viel Sünde auf sich zu

nehmen?

=Priester.= Welche Sünde? Wer wie ich fest im Glauben erzogen ist und

dreißig Jahre lang das Priesteramt versehen hat, der ist nicht voll

Sünde.

=Boris.= Auf wen fällt denn die Sünde, daß ihr so viele Menschen

betrügt? Was steckt denn in all den Köpfen? (Er deutet auf den Posten.)

=Priester.= Das wollen wir lieber nicht untersuchen, junger Mann.

Dagegen würde uns Respekt vor dem Alter nicht übel anstehen.

=Boris.= Lassen Sie mich. Sie tun mir leid und sind mir gleichzeitig

widerwärtig. Wenn Sie noch wie jener General wären -- so aber kommen

Sie mit Kreuz und Bibel und wollen mich im Namen Christi bereden,

von Christus abzufallen. Gehen Sie fort. (Erregt.) Gehen Sie, lassen

Sie mich! Führt mich fort, daß ich niemand mehr sehe. Ich bin müde,

schrecklich müde.

=Priester.= Also dann leben Sie wohl.

=Adjutant= (tritt ein).

Zehnter Auftritt.

=Die Vorigen= und der =Adjutant=. =Boris= sitzt im Hintergrund.

=Adjutant.= Nun, wie ist’s?

=Priester.= Schrecklicher Trotz und Eigensinn.

=Adjutant.= Er will also weder den Eid leisten noch dienen?

=Priester.= Unter keinen Umständen.

=Adjutant.= Dann muß er ins Lazarett.

=Priester.= Ach so, Sie wollen ihn für krank erklären? Das ist

allerdings bequemer. Solches Beispiel wirkt leicht ansteckend.

=Adjutant.= Er soll auf seinen Geisteszustand untersucht werden. Das

ist so befohlen.

=Priester.= Gewiß, gewiß. Ich habe die Ehre. (Er geht ab.)

Elfter Auftritt.

=Die Vorigen= ohne Priester.

=Adjutant= (auf Boris zutretend). Bitte. Ich habe Befehl, Sie

fortzuführen.

=Boris.= Wohin?

=Adjutant.= Zunächst ins Hospital, wo Sie mehr Ruhe haben und Zeit zum

Nachdenken ...

=Boris.= Ich habe längst alles überlegt. Also fahren wir. (Er geht ab.)

Verwandlung.

Empfangszimmer im Lazarett.

Ober- und Unterarzt, ein kranker Offizier im Kittel, Wärter in

Blusen.

Erster Auftritt.

=Ein kranker Offizier.= =Oberarzt.= =Unterarzt.= =Wärter.=

=Kranker.= Ich sage Ihnen, Sie machen mich hier krank. Habe mich

mehrfach schon ganz gesund gefühlt.

=Oberarzt.= Regen Sie sich nur nicht auf. Ich bin durchaus

einverstanden, Sie zu entlassen; aber Sie wissen selbst, daß die

Freiheit für Sie gefährlich ist. Wenn ich wüßte, daß Sie gute Pflege

haben ...

=Kranker.= Sie denken, ich würde wieder trinken? Nein, ich hab’ meinen

Denkzettel weg. Dagegen wirkt jeder Tag, den ich hier noch verbringe,

höchst schädlich auf mich. Sie tun das gerade Gegenteil von dem --

(erregt) was Sie müßten. Sie sind grausam. Sie haben es freilich gut ...

=Oberarzt.= Beruhigen Sie sich. (Er gibt den Wärtern ein Zeichen.)

=Wärter= (treten von hinten heran).

=Kranker.= Sie haben gut von Freiheit reden; was wird aber aus

unsereins zwischen all den Verrückten? (Zu den Wärtern.) Was schleichst

du da heran, Kerl! Scher dich fort!

=Oberarzt.= Ich bitte Sie, beruhigen Sie sich.

=Kranker.= Und ich bitte Sie und fordere Sie auf, mich zu entlassen.

(Er kreischt laut auf und stürzt vorwärts.)

=Wärter= (packen ihn).

(Kampf; der Kranke wird abgeführt.)

Zweiter Auftritt.

=Oberarzt.= =Unterarzt.=

=Unterarzt.= Geht die Sache wieder los? Beinah’ hätte er Sie gepackt.

=Oberarzt.= Säufer und ... nichts zu machen. Kleine Besserung ist

allerdings zu konstatieren.

=Adjutant= (tritt ein).

Dritter Auftritt.

=Die Vorigen= und der =Adjutant=.

=Adjutant.= Guten Tag.

=Oberarzt.= Guten Morgen.

=Adjutant.= Ich bringe Ihnen einen interessanten Fall. Fürst

Tscheremschanow, der seiner Militärpflicht genügen soll, weigert sich

auf Grund der Bibel. Zunächst wurde er zur Gendarmerie geschafft; die

erklärt sich für inkompetent und findet ihn nicht verdächtig. Dann hat

der Pope ihn ins Gebet genommen -- ebenfalls umsonst.

=Oberarzt= (lacht). Und nun kommen Sie, wie stets, zu uns als letzter

Instanz. Na, schaffen Sie den Herrn mal her.

=Unterarzt= (geht hinaus).

Vierter Auftritt.

=Die Vorigen= ohne Unterarzt.

=Adjutant.= Soll ein sehr gebildeter junger Mensch sein. Dabei eine

reiche Braut. Höchst merkwürdig. Ich glaube wirklich, daß er hier am

besten aufgehoben ist.

=Oberarzt.= Na ja, ~mania simplex~ ...

=Boris= (wird hereingeführt).

Fünfter Auftritt.

=Die Vorigen= und =Boris=.

=Oberarzt.= Treten Sie näher. Setzen Sie sich, bitte. Wir wollen uns

etwas unterhalten. (Zum Adjutanten.) Lassen Sie uns allein.

=Adjutant= (geht ab).

Sechster Auftritt.

=Die Vorigen= ohne Adjutant.

=Boris.= Wenn es sich einrichten läßt, möchte ich Sie bitten, falls Sie

mich einsperren wollen, dieses recht bald zu tun, damit ich zur Ruhe

komme.

=Oberarzt.= Entschuldigen Sie, wir müssen unbedingt die bestehenden

Vorschriften befolgen. Nur ein paar Fragen. Was empfinden Sie? Welches

Leiden haben Sie?

=Boris.= Gar keins. Ich bin vollkommen gesund.

=Oberarzt.= Gewiß; Sie handeln aber nicht so wie alle anderen Menschen.

=Boris.= Ich handle so, wie mein Gewissen mir befiehlt.

=Oberarzt.= Sie haben sich geweigert, Ihrer Militärpflicht zu genügen.

Wie motivieren Sie das?

=Boris.= Ich bin Christ und kann deswegen nicht töten.

=Oberarzt.= Man muß doch aber sein Vaterland gegen äußere Feinde

verteidigen, muß den Feind im Innern, den Feind der öffentlichen

Ordnung im Zaum halten.

Das Licht leuchtet in der Finsternis: Drama in vier Aufzügen · 第 4 / 6 段