=Maria.= Ich will schon, aber ich kann nicht.
=Nikolai.= Nein, du willst nicht, wir kommen immer mehr auseinander.
Dring einmal in mein Inneres ein, versetz dich einen Augenblick in
meinen Zustand, so wirst du mich verstehen. Zunächst ist unser ganzes
Leben hier unmoralisch. Du bist böse über dieses Wort, ich kann aber
ein Leben, das ganz und gar auf Ausbeutung anderer beruht, nicht
anders nennen. Das Geld, von dem ihr lebt, ist der Ertrag des Landes,
das ihr dem Volk abgenommen habt. Außerdem sehe ich, daß dieses
Leben die Kinder verdirbt. »Wehe dem, der dieser Geringsten einen
ärgert«, heißt es; ich aber sehe, wie die Kinder vor meinen Augen
verdorben werden und zugrunde gehen. Ich kann es nicht mit ansehen, daß
erwachsene Menschen, gleich Sklaven, in Livreen gesteckt werden und uns
bedienen müssen. Jedes Mittagessen ist für mich eine Qual.
=Maria.= Aber das war doch immer so, bei allen, im Auslande und überall.
=Nikolai.= Seitdem ich begriffen habe, daß alle Menschen Brüder sind,
kann ich das nicht mehr mit ansehen und darunter leiden.
=Maria.= Es steht doch aber jedem frei. Schließlich kann man sich alles
ausdenken.
=Nikolai= (erregt). Diese Verständnislosigkeit ist aber wirklich
schrecklich. Heute zum Beispiel. Ich bin morgens im Asyl für
Obdachlose, sehe, wie da ein Kind direkt vor Hunger stirbt, wie ein
Knabe Alkoholiker geworden ist, wie eine schwindsüchtige Wäscherin
Wäsche spült. Dann komme ich nach Hause, ein Diener in weißer Binde
öffnet mir die Tür; ich sehe, wie mein Herr Sohn sich von dem Diener
Wasser bringen läßt, sehe diese Armee von Bedienten, die für uns
arbeiten. Darauf fahre ich zu Boris, einem Menschen, der für die
Wahrheit sein Leben läßt, sehe, wie man den gesunden, kräftigen,
entschlossenen Mann mit Vorbedacht dem Wahnsinn und Verderben in
die Arme jagt, um ihn los zu werden. Die Leute wissen, daß er einen
Herzfehler hat, und erregen und reizen ihn, schleppen ihn ins
Irrenhaus. Nein, das ist fürchterlich, fürchterlich. Und dann komme ich
nach Hause und erfahre, daß die eine Tochter, die nicht mich, sondern
die Wahrheit verstanden hatte, daß die gleichzeitig ihrem Bräutigam,
dem sie ihre Liebe versprochen, und der Wahrheit entsagt hat und einen
Lakaien und Lügner heiraten will ...
=Maria.= Nennst du das christlich gedacht?
=Nikolai.= Nein, es ist häßlich, ich fühle mich schuldig; aber ich will
doch nur, daß du dein Ich einmal in das meinige hineinversetzt. Ich
sage nur, sie hat der Wahrheit entsagt ...
=Maria.= Du sagst: der Wahrheit; andere, die meisten, sagen: dem
Irrtum. Wassili Nikanorowitsch glaubte auch, er sei auf falschem Wege
-- jetzt ist er aber in den Schoß der Kirche zurückgekehrt.
=Nikolai.= Nicht möglich!
=Maria.= Er hat Lisa geschrieben; sie wird dir den Brief zeigen. Lauter
vorübergehende Erscheinungen. So auch mit Tonja; ganz zu geschweigen
von Alexander Petrowitsch, der die Sache einfach ausnutzt.
=Nikolai= (ärgerlich). Einerlei. Ich bitte nur, mich zu verstehen.
Wahrheit bleibt für mich stets Wahrheit. Aber das alles tut sehr weh.
Dort sterben Leute Hungers, hier sehe ich diesen Ball, der Hunderte
verschlingt. Ich kann so nicht leben. Hab Erbarmen mit mir, ich bin am
Ende meiner Kraft. Laß mich gehen. Leb wohl.
=Maria.= Wenn du gehst, gehe ich mit dir. Wenn ich dich nicht begleiten
kann, werfe ich mich unter die Räder des Zuges, mit dem du fortfährst.
Dann mögen alle zugrunde gehen, mit Mischa und Katja. Mein Gott, mein
Gott! Diese Qual! Wofür das, wofür? (Sie weint.)
=Nikolai= (in der Tür). Alexander Petrowitsch, gehen Sie nach Hause.
Ich fahre nicht. Ich bleibe, schön. (Er legt den Rock ab.)
=Maria= (umarmt ihn). Wir haben nicht mehr lange zu leben. Laß uns
unser Leben nicht nach achtundzwanzigjähriger Ehe verderben. Ich werde
keine Bälle mehr geben. Aber straf mich nicht auf diese Weise.
Sechster Auftritt.
=Die Vorigen.= =Wanja= und =Katja=.
=Wanja= und =Katja= (kommen hereingelaufen). Mama, komm doch schnell.
=Maria.= Ich komme schon, ich komme. Also wollen wir uns gegenseitig
verzeihen. (Sie geht mit Wanja und Katja ab.)
Siebenter Auftritt.
=Nikolai Iwanowitsch= allein.
=Nikolai.= Ein Kind, genau wie ein Kind, oder ein listiges Weib. Nein,
ein listiges Kind. Ja, ja. Herr Gott, ich sehe, du willst nicht, daß
ich an deinem Werk mitarbeite; ich soll erniedrigt werden, auf daß
alle mit dem Finger auf mich deuten und sagen: er redet, handelt aber
nicht. Nun, mag es so sein. Du weißt am besten, was not tut. Demut,
Herzenseinfalt. Wenn ich nur zu Ihm gelange.
=Lisa= (kommt).
Achter Auftritt.
=Nikolai Iwanowitsch= und =Lisa=.
=Lisa.= Verzeihen Sie, ich bringe Ihnen einen Brief von Wassili
Nikanorowitsch. Er schreibt an mich, bittet aber, Ihnen Mitteilung zu
machen.
=Nikolai=. Ist es denn wahr?
=Lisa.= Ja. Soll ich vorlesen?
=Nikolai.= Lies nur.
=Lisa= (liest). »Ich schreibe Ihnen und bitte Sie, Nikolai Iwanowitsch
Mitteilung zu machen. Ich bedaure die Verirrung, in der ich offen
von der heiligen, griechisch-katholischen Kirche abgefallen bin, und
freue mich, in ihren Schoß zurückgekehrt zu sein. Ihnen und Nikolai
Iwanowitsch wünsche ich dasselbe. Bitte, verzeihen Sie mir.«
=Nikolai.= Wie wird man den Ärmsten gequält haben! Trotzdem ist es
schrecklich.
=Lisa.= Dann möchte ich Ihnen noch sagen, daß die Fürstin da ist.
Sie kam schrecklich erregt zu mir nach oben und will Sie unter
allen Umständen sprechen. Sie kommt von ihrem Sohn. Ich glaube, es
ist besser, Sie empfangen sie nicht. Was kann aus der Unterredung
herauskommen?
=Nikolai.= Nein, bring sie nur her. Dies scheint heute ein
schrecklicher Tag der Prüfungen zu sein.
=Lisa=. Also ich hole sie. (Sie geht ab.)
Neunter Auftritt.
=Nikolai Iwanowitsch= allein.
=Nikolai.= Ja, ja, nur stets daran denken, daß das Leben im Dienste des
Höchsten besteht, daß, wenn Er mir Prüfungen schickt, es geschieht,
weil Er mich für stark genug hält, sie zu ertragen. Sonst wären es
keine Prüfungen ... Vater! hilf mir, nicht meinen, sondern Deinen
Willen zu tun.
=Die Fürstin= (tritt ein).
Zehnter Auftritt.
=Nikolai Iwanowitsch= und die =Fürstin=.
=Fürstin.= Also man würdigt mich wirklich, empfangen zu werden. Alle
Achtung! Die Hand gebe ich Ihnen nicht, weil ich Sie hasse und verachte.
=Nikolai.= Was ist denn geschehen?
=Fürstin.= Ins Strafbataillon wird er gesteckt. Und das haben Sie
fertig gebracht.
=Nikolai.= Fürstin, wenn Sie etwas von mir wünschen, so sagen Sie
es; wenn Sie mich aber nur schelten wollen, schaden Sie sich selbst.
Kränken können Sie mich nicht, weil ich Sie von ganzem Herzen bedaure
und Mitleid mit Ihnen habe.
=Fürstin.= Schöne Mitleid, dieses Pharisäertum! Nein, Herr Sarynzew,
mich betrügen Sie nicht. Wir kennen Sie jetzt. Meinen Sohn haben Sie
zugrunde gerichtet, das macht Ihnen nichts aus -- aber Sie selbst
geben Bälle, und die Braut meines Sohnes, Ihre Tochter, heiratet einen
anderen, macht eine Partie, die Ihnen gefällt. Dabei predigen Sie
Einfachheit, Rückkehr zur Natur, machen Tischlerarbeit. O, wie ich Sie
verabscheue in Ihrem neuen Pharisäertum!
=Nikolai.= Fürstin, beruhigen Sie sich. Sagen Sie, was Sie von mir
wünschen. Sie sind doch nicht nur hergekommen, um mich zu beschimpfen.
=Fürstin.= Deshalb auch. Ich muß meinen Schmerz auslassen. Und ich
wünsche von Ihnen folgendes. Er wird ins Strafbataillon gesteckt. Das
ertrage ich nicht. Sie haben es dahin gebracht. Sie, Sie, Sie!
=Nikolai.= Nicht ich, sondern Gott. Und Gott sieht, wie sehr Sie mir
leid tun. Widersetzen Sie sich Gottes Willen nicht. Er will Sie prüfen.
Ertragen Sie diese Prüfung.
=Fürstin.= Das kann ich nicht. Mein Sohn war mein ganzes Leben; Sie
haben ihn mir genommen und ins Verderben gestürzt. Da kann ich nicht
ruhig sein. Ich bin zu Ihnen gekommen, um Ihnen das zu sagen. Es ist
mein letzter Versuch. Sie haben ihn unglücklich gemacht, Sie müssen ihn
retten. Fahren Sie hin, bewirken Sie, daß er freigelassen wird. Fahren
Sie zu den Vorgesetzten, zum Zaren, zu wem Sie wollen. Sie sind dazu
verpflichtet. Wenn Sie sich weigern, weiß ich, was ich tue. Sie sind
für ihn verantwortlich.
=Nikolai.= Sagen Sie mir, was ich tun soll. Ich bin zu allem bereit.
=Fürstin.= Ich wiederhole nochmals: Sie müssen ihn retten. Wenn Sie es
nicht tun, sollen Sie es büßen. Ich gehe. (Sie geht ab.)
Elfter Auftritt.
=Nikolai Iwanowitsch= allein. Dann =Stefan=.
=Nikolai= (legt sich auf das Sofa).
(Schweigen. Die Tür wird geöffnet. Man hört Musik:
»Großvatertanz«.)
=Stefan= (eintretend). Papa ist nicht hier, kommt nur.
=Große= und =kleine Paare= (treten ein).
Zwölfter Auftritt.
=Nikolai Iwanowitsch=, =Stefan= und die =Paare=.
=Ljuba= (erkennt den Vater). Ach, du bist hier, entschuldige.
=Nikolai= (erhebt sich). Es macht nichts.
=Die Paare= (ziehen vorüber).
Dreizehnter Auftritt.
=Nikolai Iwanowitsch= allein.
=Nikolai.= Der junge Priester hat sich bekehrt; Boris habe ich ins
Unglück gestürzt; Ljuba heiratet. Bin ich wirklich auf falschem Wege?
Ist es verkehrt, an Dich zu glauben? Nein, nein! Vater im Himmel, hilf
mir!
188...; 1900; 1902.
Unter den nachgelassenen Manuskripten Tolstois findet sich weiter
folgende Skizze des fünften Aufzuges, der aus drei Auftritten bestehen
sollte:
Fünfter Aufzug.
Strafbataillon. Arrestantenzelle. Arrestanten sitzen und liegen
ringsum. Boris liest aus dem Evangelium vor und legt es aus.
Ein Arrestant, an dem die Prügelstrafe vollzogen ist, wird
hereingeführt. »Ach, daß kein Pugatschew über euch kommt!« Die
Fürstin stürzt herein und wird hinausgetrieben. Zusammenstoß
mit einem Offizier. Kommando: »Zum Gebet!« Boris wird in eine
Einzelzelle geschafft, soll gepeitscht werden.
Verwandlung.
Arbeitszimmer des Kaisers. Zigaretten, Nippsachen, Andenken.
Die Fürstin wird gemeldet. »Soll warten.« Bittsteller,
unterwürfig schmeichelnd. Dann die Fürstin. Wird abgewiesen.
Verwandlung.
Maria Iwanowna spricht mit dem Arzt über die Krankheit Nikolai
Iwanowitschs. Er hat sich verändert, ist milder geworden, aber
gleichzeitig mutloser.
Nikolai Iwanowitsch tritt ein, spricht mit dem Arzt. Alle
Medizin sei unnütz; der »Geist« sei wertvoller. Seiner Gattin
zuliebe gibt er nach.
Es treten ein Tonja mit Stefan, Ljuba mit Starkowski.
Unterhaltung über den Landbesitz, Nikolai Iwanowitsch bemüht
sich, die anderen nicht zu kränken. Alle ab. Er bleibt mit
Lisa. »Ich bin fortwährend im Zweifel, ob ich recht gehandelt
habe. Ausgerichtet habe ich nichts; im Gegenteil: habe Boris
ins Unglück gestürzt; Wassili Nikanorowitsch ist zur Kirche
zurückgekehrt. Ich bin ein Beispiel der Schwäche. Offenbar
will Gott nicht, daß ich Sein Diener sei. Er hat viele andere
Diener, erreicht Sein Ziel auch ohne mich. Wenn ich mir das
deutlich vorhalte, bin ich ruhig.« Lisa ab. Er betet. Die
Fürstin stürzt herein, tötet ihn. Alle kommen herbeigeeilt;
er sagt, er hätte sich aus Versehen selbst die tödliche Wunde
beigebracht. Schreibt noch ein Bittgesuch an den Zaren. Der
junge Priester kommt mit Duchoborzen. Er stirbt, froh darüber,
daß der Betrug, den die Kirche verübt, enthüllt ist und daß
sein Leben einen Sinn bekommen hat.
[Illustration]
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*
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Nr. 5573
Druck und Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig