Zweiter Auftritt.
=Die Vorigen.= =Nikolai Iwanowitsch.=
=Nikolai.= Wo ist Mama?
=Ljuba.= Ich glaube im Kinderzimmer.
=Stefan= (ruft einen Diener).
=Ljuba.= Papa, wie wundervoll Tonja spielt. Wo warst du denn?
=Nikolai.= Ich war im Dorf.
=Der Diener= (tritt ein).
Dritter Auftritt.
=Die Vorigen.= =Der Diener.=
=Stefan.= Bring noch einen Samowar.
=Nikolai= (begrüßt wieder den Diener mit Händedruck). Guten Tag!
=Der Diener= (geht verlegen ab).
=Nikolai= (geht ab).
Vierter Auftritt.
=Die Vorigen= ohne Diener und Nikolai Iwanowitsch.
=Stefan.= Der unglückliche Bursche! Wie verlegen er war. Ich verstehe
das nicht! Als ob wir an etwas schuld wären.
=Nikolai Iwanowitsch= (kehrt ins Zimmer zurück).
Fünfter Auftritt.
=Die Vorigen.= =Nikolai Iwanowitsch.=
=Nikolai.= Ich wäre fast in mein Zimmer gegangen, ohne euch
mitzuteilen, was ich empfinde. Und das halte ich nicht für gut. (Zu
Tonja.) Wenn Sie, als Gast, durch meine Worte verletzt werden, so
verzeihen Sie mir -- aber ich kann nicht anders. Du, Ljuba, sagst, die
Fürstin spiele wunderschön. Ihr sitzt hier mit sieben, acht gesunden
jungen Leuten, habt bis zehn Uhr geschlafen, gegessen, getrunken,
eßt noch jetzt, macht Musik und unterhaltet euch darüber. Dort aber,
wo ich jetzt herkomme, sind die Menschen um drei Uhr aufgestanden --
einige haben draußen beim Vieh die ganze Nacht nicht geschlafen -- und
nun sind alte, kranke, schwache Leute, Kinder, Frauen mit Säuglingen
und schwangere Frauen ununterbrochen bei der schwersten, ihre Kräfte
übersteigenden Arbeit, damit wir hier die Früchte ihres Schaffens
verzehren. Ja, noch mehr: soeben wird einer von ihnen, der beste,
einzige Arbeiter der Familie, ins Gefängnis geschleppt, weil er im
Frühjahr in »meinem« Walde -- das heißt angeblich meinem -- eine der
dort wachsenden hunderttausend Tannen gefällt hat. Wir aber sitzen
hier sauber gewaschen und gekleidet, indem wir den Dienstboten das
Reinigen des Nachtgeschirrs im Schlafzimmer überlassen, essen, trinken
und unterhalten uns geistreich darüber, ob Schumann oder Chopin uns
mehr ergreift und besser unsere Langeweile vertreibt. Diese Gedanken
kamen mir, als ich an euch vorüberging, und deswegen habe ich sie euch
gesagt. Denkt einmal nach, ob man solches Leben führen kann! (Er bleibt
in heftiger Erregung stehen.)
=Lisa.= Das ist wahr, wirklich wahr.
=Ljuba.= Wenn man sich solche Gedanken macht, kann man nicht leben.
=Stefan.= Weshalb? Ich sehe nicht ein, warum man nicht über Schumann
sprechen soll, wenn das Volk arm ist. Eins schließt das andere nicht
aus. Wenn die Leute ...
=Nikolai= (zornig). Wenn man kein Herz hat, wenn man sich so hölzern ...
=Stefan.= Schon gut, ich schweige schon.
=Tonja.= Eine schreckliche Frage, die Frage unserer Zeit. Man darf sich
aber nicht vor ihr fürchten, muß der Wirklichkeit mutig ins Auge sehen,
um die Frage zu lösen.
=Nikolai.= Auf Maßregeln der Gemeinde darf man nicht warten. Jeder von
uns kann heute, morgen sterben. Wie soll man mit solchem Zwiespalt im
Innern weiterleben?
=Boris.= Es gibt nur _ein_ Mittel: an solchem Leben nicht teilnehmen.
=Nikolai.= Also verzeiht, wenn ich euch wehgetan. Aber ich mußte meine
Empfindungen einmal aussprechen. (Er geht ab.)
Sechster Auftritt.
=Die Vorigen= ohne Nikolai Iwanowitsch.
=Stefan.= Was heißt das: nicht teilnehmen? Unser ganzes Dasein ist ja
aufs engste damit verknüpft.
=Boris.= Eben deswegen sagt er ja: man darf vor allen Dingen kein
Eigentum haben, muß sein ganzes Leben ändern; es nicht so einrichten,
daß andere uns dienen, sondern daß wir anderen dienen.
=Tonja.= Du bist ja schon ganz auf seiner Seite!
=Boris.= Ja, ich habe ihn zum erstenmal richtig verstanden. Und dann
das, was ich im Dorfe sah. Man braucht nur die Brille abzunehmen,
durch die wir das Leben des Volkes betrachten, und den Zusammenhang
zwischen ihren Leiden und unsern Freuden wahrzunehmen, so wird alles
entschieden.
=Mitrofan.= Gewiß, aber das Mittel dazu besteht nicht darin, sein Leben
zu ruinieren.
=Stefan.= Wunderbar, Mitrofan Jermilytsch und ich nehmen einen ganz
verschiedenen Standpunkt ein und treffen in diesem Punkt doch zusammen:
sein Leben darf man nicht ruinieren, das sind meine Worte.
=Boris.= Sehr begreiflich. Ihr beide wollt ein angenehmes Leben führen
und trachtet daher nach Zuständen, die euch diese Annehmlichkeiten
garantieren. Sie (zu Stefan) möchten die jetzige Ordnung der Dinge
beibehalten, während Mitrofan Jermilytsch eine neue herbeizuführen
wünscht.
=Ljuba= (flüstert Tonja etwas zu).
=Tonja= (geht zum Flügel und spielt ein Notturno von Chopin).
=Alle= (verstummen).
=Stefan.= Das ist schön. Das löst alle Fragen.
=Boris.= Verdunkelt alles und schiebt die Entscheidung hinaus.
=Maria Iwanowna= und die =Fürstin= (sind während des Spiels leise
eingetreten, haben Platz genommen und hören zu).
(Vor dem Ende des Notturnos ertönt Schellenläuten.)
Siebenter Auftritt.
=Die Vorigen.= =Maria Iwanowna= und die =Fürstin=.
=Ljuba.= Da kommt Tante zurück. (Sie geht ihr entgegen.)
=Tonja= (spielt weiter).
=Alexandra Iwanowna=, =Pater Gerassim=, ein Priester mit dem
Brustkreuz, und der =Notar= (treten ein).
=Alle= (erheben sich).
Achter Auftritt.
=Die Vorigen.= =Alexandra Iwanowna=, =Pater Gerassim= und der
=Notar=.
=Pater Gerassim.= Bitte, lassen Sie sich nicht stören. Ich höre gern zu.
=Die Fürstin= und der =Priester= (bitten um seinen Segen).
=Alexandra.= Was ich mir vorgenommen, habe ich auch ausgeführt.
Pater Gerassim wollte gerade nach Kursk, aber ich habe ihn beredet,
mitzukommen. Und der Notar ist auch da. Alle Papiere sind fertig, es
fehlt nur die Unterschrift.
=Maria.= Wollen die Herrschaften nicht etwas frühstücken?
=Der Notar= (legt die Papiere auf den Tisch und geht ab).
Neunter Auftritt.
=Die Vorigen= ohne Notar.
=Maria.= Ich bin Pater Gerassim sehr dankbar ...
=Pater Gerassim.= O bitte. Der Besuch liegt zwar nicht auf meinem
Reisewege, trotzdem hielt ich es für meine Christenpflicht, zu kommen.
(Alexandra Iwanowna flüstert der Jugend etwas zu. Die jungen
Leute besprechen sich miteinander und gehen dann, außer Boris,
sämtlich auf die Veranda. Der Priester will ebenfalls gehen.)
Zehnter Auftritt.
=Maria Iwanowna.= =Alexandra Iwanowna.= =Die Fürstin.= =Pater
Gerassim.= =Der Priester.= =Boris.=
=Pater Gerassim.= Was ist denn? Bleiben Sie doch! Als Seelenhirt und
Beichtvater können Sie hier sich und andern nützen. Also bleiben Sie
nur, wenn Maria Iwanowna nichts dagegen hat.
=Maria.= Durchaus nicht; ich habe Pater Wassili gern und rechne ihn
zur Familie. Habe mich auch oft mit ihm beraten -- leider besitzt er,
infolge seiner Jugend, zu wenig Autorität.
=Pater Gerassim.= Gewiß, natürlich.
=Alexandra= (näher tretend). Sie sehen also, Pater Gerassim, wie die
Dinge hier liegen. Sie allein können helfen und ihn zur Vernunft
bringen. Er ist sonst so klug und gelehrt; aber Sie wissen, daß
Gelehrsamkeit oft nur Schaden anrichtet. Ganz allmählich hat sich
bei ihm eine Art geistiger Trübung entwickelt. Er behauptet, dem
Christentum zufolge dürfe man kein Eigentum besitzen. Kann das sein?
=Pater Gerassim.= Willkür, Überhebung, Lug und Trug! Die Kirchenväter
haben die Frage längst entschieden. Aber wie hat es nur so weit kommen
können?
=Maria.= Wenn ich Ihnen alles erzählen soll, so war er zunächst, als
wir heirateten, völlig gleichgültig gegen jede Religion. So lebten wir
in bestem Einvernehmen die ersten zwanzig Jahre. Dann begann er zu
grübeln. Vielleicht beeinflußte seine Schwester ihn, oder die Lektüre
-- jedenfalls grübelte er viel, las das Evangelium und wurde dann
plötzlich sehr religiös, ging in die Kirche und suchte Mönche auf. Dann
warf er das alles plötzlich beiseite, änderte seine ganze Lebensweise,
verrichtete alle Arbeit, ließ sich nicht mehr bedienen und beginnt
jetzt sogar sein Hab und Gut zu verteilen. Gestern hat er ein großes
Stück Wald verschenkt. Ich habe Angst wegen der sieben Kinder. Sprechen
Sie mit ihm. Ich werde ihn fragen, ob er Sie sehen will. (Sie geht ab.)
Elfter Auftritt.
=Die Vorigen= ohne Maria Iwanowna.
=Pater Gerassim.= Groß ist heutzutage die Zahl der Abtrünnigen! Gehört
die Besitzung ihm oder der Frau?
=Fürstin.= Ihm. Das ist ja das Leiden.
=Pater Gerassim.= Und welchen Rang bekleidet er?
=Fürstin.= Keinen sehr hohen. Rittmeister, glaube ich. Er war Militär.
=Pater Gerassim.= So fallen viele von der Kirche ab. In Odessa
verschrieb sich eine Dame dem Spiritismus und richtete viel Unheil
an. Trotzdem hat Gott der Herr sie in den Schoß der heiligen Kirche
zurückgeführt.
=Fürstin.= Sie werden verstehen, um was es sich handelt. Mein Sohn
heiratet die eine Tochter. Ich habe meine Einwilligung gegeben. Aber
das Mädchen ist an Luxus gewöhnt und muß versorgt werden. Meinem Sohn
kann ich diese Last nicht zumuten, obgleich er sehr arbeitsam ist und
viel verspricht.
=Maria Iwanowna= und =Nikolai Iwanowitsch= (treten ein).
Zwölfter Auftritt.
=Die Vorigen.= =Maria Iwanowna= und =Nikolai Iwanowitsch=.
Später =Stefan=, =Ljuba=, =Lisa=, =Tonja= und =Diener=.
=Nikolai.= Guten Tag, Fürstin. Guten Tag ... Entschuldigen Sie, wie ist
Ihr Name?
=Pater Gerassim.= Meinen Segen wünschen Sie nicht?
=Nikolai.= Nein.
=Pater Gerassim.= Gerassim Fedorowitsch. Sehr angenehm.
=Ein Diener= (bringt Frühstück und Wein).
=Pater Gerassim.= Angenehme Witterung. Für die Ernte sehr günstig.
=Nikolai.= Ich nehme an, Sie sind auf Veranlassung meiner Schwägerin
in der Absicht gekommen, mich von meinen Verirrungen zu befreien und
mich wieder auf den wahren Weg des Heils zurückzuführen. Wenn das der
Fall ist, wollen wir nicht wie die Katze um den heißen Brei herumgehen,
sondern uns sofort ans Werk machen. Ich leugne nicht, daß ich mit der
Kirchenlehre nicht übereinstimme. Es war einmal der Fall: später wurde
ich anderer Meinung. Doch wünsche ich von ganzer Seele die Wahrheit
kennen zu lernen und nehme sie sofort an, wenn Sie sie mir zeigen.
=Pater Gerassim.= Wie können Sie sagen, daß Sie der Kirchenlehre nicht
glauben? Woran glauben Sie, wenn nicht an die Kirche?
=Nikolai.= Ich glaube an Gott und sein Gebot, das uns im Evangelium
gegeben ist.
=Pater Gerassim.= Das lehrt auch die Kirche.
=Nikolai.= Wenn sie es täte, würde ich ihr glauben; sie lehrt aber
gerade das Gegenteil.
=Pater Gerassim.= Sie kann nicht das Gegenteil lehren, weil sie von dem
Herrn selbst bestätigt ist. Es heißt: »Euch ist die Macht gegeben ...
und auf diesen Felsen will ich meine Gemeine bauen, und die Pforten der
Hölle sollen sie nicht überwältigen.«
=Nikolai.= Das hat damit nicht das geringste zu tun. Aber selbst
zugegeben, daß Christus eine Kirche gegründet hat -- woher weiß ich
denn, daß diese Kirche gerade Ihre ist?
=Pater Gerassim.= Weil es heißt: »Wo zwei oder drei versammelt sind in
meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.«
=Nikolai.= Auch das hat hierauf gar keine Beziehung und beweist nicht
das geringste.
=Pater Gerassim.= Wie kann man nur so die Kirche verwerfen, die doch
allein alle Gnadenmittel besitzt.
=Nikolai.= Ich habe sie erst verworfen, als ich mich überzeugt hatte,
daß sie alle möglichen Einrichtungen unterstützt, die dem Christentum
direkt zuwiderlaufen.
=Pater Gerassim.= Die Kirche kann nicht irren, weil in ihr allein die
Wahrheit ist. Im Irrtum wandeln die Abtrünnigen; die Kirche aber ist
heilig.
=Nikolai.= Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich das nicht anerkenne.
Ich erkenne es deswegen nicht an, weil ich -- wie es im Evangelium
heißt: »an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen,« weil ich erkannt
habe, daß die Kirche den Eid, Morde und Hinrichtungen segnet.
=Pater Gerassim.= Die Kirche erkennt die von Gott selbst eingesetzte
Obrigkeit an und segnet sie.
=Stefan=, =Ljuba=, =Lisa= und =Tonja= (treten im Verlauf des Disputs
nach und nach ein, setzen sich oder bleiben stehen und hören zu).
=Nikolai.= Ich weiß, daß es im Evangelium heißt, nicht nur: du sollst
nicht töten, sondern: du sollst nicht zürnen. Die Kirche aber erteilt
ganzen Armeen den Segen. Im Evangelium heißt es: du sollst nicht
schwören; die Kirche läßt den Eid zu. Im Evangelium heißt es ...
=Pater Gerassim.= Erlauben Sie, als Pilatus sagte: »Ich beschwöre dich
beim lebendigen Gotte ...« erkannte Christus den Eid an, indem er
antwortete: »Ich bin es.«
=Nikolai.= Ach, was reden Sie da! Das ist doch einfach lächerlich.
=Pater Gerassim.= Deswegen erlaubt die Kirche nicht jedem einzelnen,
das Evangelium auszulegen, damit er nicht in Irrtum verfällt, sondern
sie sorgt für ihn, wie eine Mutter für ihr Kind, und gibt jedem die
Auslegung, die für ihn paßt. Nein, lassen Sie mich zu Ende reden. Die
Kirche bürdet ihren Anhängern keine unerträglichen Lasten auf, sondern
verlangt nur die Erfüllung der Gebote: Liebe deinen Nächsten, du sollst
nicht töten, nicht stehlen, nicht ehebrechen.
=Nikolai.= Jawohl: du sollst mich nicht töten, mir nicht stehlen, was
ich selbst gestohlen habe. Wir alle haben das Volk bestohlen, haben ihm
den Grund und Boden genommen und erlassen hinterher Gebote: Du sollst
nicht stehlen. Die Kirche aber gibt allem ihren Segen.
=Pater Gerassim.= Arglist, Hochmut spricht aus Ihnen. Ihren Stolz
müssen Sie bezwingen.
=Nikolai.= Durchaus nicht. Ich frage Sie, wie ich nach christlichem
Gebote handeln muß. Ich habe meine Sünde erkannt, die darin liegt, daß
ich das Volk des Grundes und Bodens beraube und dadurch in Knechtschaft
halte. Was soll ich jetzt tun? Noch weiter Land besitzen und die
Dienstleistungen hungriger Menschen für solche Dinge benutzen? (Er
deutet auf den Diener, der das Frühstück und den Wein hereingebracht
hat.) Oder soll ich das Land denen zurückgeben, denen meine Vorfahren
es geraubt haben?
=Pater Gerassim.= Sie müssen handeln, wie es einem Sohn der Kirche
geziemt. Sie haben eine Familie und Kinder, für die Sie sorgen, die Sie
standesgemäß erziehen lassen müssen.
=Nikolai.= Warum?
=Pater Gerassim.= Weil Gott Sie in diese Lage versetzt hat. Wenn Sie
Wohltätigkeit üben wollen, tun Sie es, indem Sie einen Teil Ihrer Habe
den Armen geben und sie durch Zuspruch trösten.
=Nikolai.= Dem reichen Jüngling wurde doch aber gesagt, ein Reicher
könne nicht ins Himmelreich kommen.
=Pater Gerassim.= Mit dem Zusatz: Wenn du vollkommen sein willst.
=Nikolai.= Ich möchte eben vollkommen sein. Es heißt im Evangelium:
Seid vollkommen, wie auch euer Vater im Himmel vollkommen ist.
=Pater Gerassim.= Man muß aber auch wissen, worauf sich solche Worte
beziehen.
=Nikolai.= Ich bemühe mich darum. Alles, was in der Bergpredigt steht,
ist durchaus einfach und verständlich.
=Pater Gerassim.= Das sagt Ihr Hochmut.
=Nikolai.= Wieso Hochmut? Heißt es doch: Was den Weisen verborgen ist,
wird den Unmündigen offenbar.
=Pater Gerassim.= Den Sanftmütigen, von Herzen Demütigen, aber nicht
den Hochmütigen.
=Nikolai.= Wer ist denn hier hochmütig? Ich, der ich mich für genau
solchen Menschen halte wie alle anderen, und der deswegen genau wie
alle anderen von seiner Hände Arbeit in ebensolcher Not wie die Brüder
leben will -- oder diejenigen, die sich als besondere Wesen, als
Heilige betrachten, die im alleinigen Besitz der Wahrheit sich nicht
irren können und die Worte Christi nach ihrer Art auslegen?
=Pater Gerassim= (gekränkt). Verzeihen Sie, Nikolai Iwanowitsch, ich
hin nicht hergekommen, um mit Ihnen darüber zu streiten, wer von uns
beiden recht hat, und auch nicht, um Belehrungen entgegenzunehmen,
sondern ich bin auf Bitten Alexandra Iwanownas gekommen, um mit Ihnen
über verschiedene Dinge Rücksprache zu nehmen. Sie wissen aber alles
besser, deswegen schließe ich lieber die Unterredung. Nur möchte ich
Sie zu guter Letzt im Namen Gottes noch einmal bitten: kommen Sie zur
Besinnung; Sie sind in schrecklichem Irrtum befangen und richten sich
zugrunde. (Er erhebt sich.)
=Maria.= Wollen Sie nicht etwas frühstücken?
=Pater Gerassim.= Nein, danke. (Er geht mit Alexandra Iwanowna ab.)
Dreizehnter Auftritt.
=Die Vorigen= ohne Alexandra Iwanowna und Pater Gerassim.
=Maria= (zum Priester). Nun, was wird jetzt?
=Priester.= Wieso? meiner Meinung nach hat Nikolai Iwanowitsch ganz
recht; Pater Gerassim hat ihn nicht widerlegt.
=Fürstin.= Er ist gar nicht zu Worte gekommen; besonders scheint es ihm
mißfallen zu haben, daß hier eine Art Turnier veranstaltet wurde. Alle
hörten zu. Da hat er sich aus Bescheidenheit entfernt.
=Boris.= Denkt nicht daran. Alles, was er sagte, war falsch. So
offenkundig falsch, daß er nicht weiter wußte.
=Fürstin.= Ich sehe, daß du bei deinem wetterwendischen Sinn dich schon
ganz auf Nikolai Iwanowitschs Seite schlägst. Wenn du aber so denkst,
darfst du eben nicht heiraten.
=Boris.= Ich sage nur: was wahr ist, muß wahr bleiben. In diesem Falle
kann ich nicht schweigen.
=Fürstin.= Du hättest am allermeisten Grund zu schweigen.
=Boris.= Warum?
=Fürstin.= Weil du arm bist und nichts zu verteilen hast. Übrigens geht
uns das alles nichts an. (Sie geht ab.)
=Alle übrigen= (folgen ihr außer Nikolai Iwanowitsch und Maria
Iwanowna).
Vierzehnter Auftritt.
=Nikolai Iwanowitsch= und =Maria Iwanowna=.
=Nikolai= (sitzt nachdenklich da; lächelt dann über seine Gedanken).
Mascha! Wozu das? Warum hast du diesen kläglichen, im Irrtum befangenen
Menschen kommen lassen? Warum mischen sich diese laute Frau und dieser
Priester in unser intimstes Leben? Können wir unsere Angelegenheiten
nicht selbst ordnen?
=Maria.= Was soll ich tun, wenn du unsere Kinder ohne alle Mittel
lassen willst. Das kann ich nicht ruhig mit ansehen. Du weißt, daß ich
nicht selbstsüchtig bin und für mich nichts brauche.
=Nikolai.= Das weiß ich und glaube ich. Das Unglück ist, daß du nicht
glaubst, weder an die Wahrheit -- ich weiß, daß du sie siehst, du
kannst dich aber nicht entschließen, an sie zu glauben. Weder an die
Wahrheit glaubst du, noch an mich. Du glaubst dem Haufen -- der Fürstin
und den anderen.
=Maria.= Ich glaube dir, habe dir stets geglaubt; wenn du aber die
Kinder zu Bettlern machen willst ...
=Nikolai.= Das zeigt ja eben, daß du keinen Glauben hast. Meinst du,
ich hätte nicht gekämpft, nicht Angst ausgestanden? Dann habe ich mich
aber überzeugt, daß man so nicht nur handeln kann, sondern muß; daß es
so allein für die Kinder das Notwendige, Gute ist. Du sagst immer, wenn
die Kinder nicht wären, könnten wir leben wie wir wollten; dann würden
wir nur uns zugrunde richten. Wir richten sie aber zugrunde.
=Maria.= Was soll ich tun, da ich das nicht verstehe.
=Nikolai.= Und was soll _ich_ tun? Ich weiß ja, weshalb ihr diesen
kläglichen Menschen im Priesterkleid mit dem Kreuz auf der Brust
verschrieben, und weshalb Aline den Notar mitgebracht hat. Ich soll
die Besitzung auf deinen Namen schreiben lassen. Das kann ich nicht.
Zwanzig Jahre lang habe ich dich geliebt. Ich liebe dich noch und will
dein Bestes und kann deswegen das Gut nicht verschreiben. Wenn ich es
tue, sollen die es haben, denen es fortgenommen ist -- die Bauern. Ich
kann nicht anders, ich muß es ihnen geben. Und ich freue mich, daß der
Notar zugegen ist, und will das gleich jetzt tun.
=Maria.= Nein, das ist fürchterlich! Wie kann man nur so grausam sein.
Du hältst es für sündhaft, das Gut zu behalten; so gib es doch mir.
(Sie weint.)
=Nikolai.= Du weißt nicht, was du sprichst. Wenn ich es dir gebe, kann
ich nicht weiter mit dir leben, dann muß ich fort. Ich kann unter
diesen Bedingungen nicht weiterleben; kann es nicht mit ansehen, daß,
nicht mehr in meinem, sondern in deinem Namen, den Bauern das Mark aus
den Knochen gepreßt wird und man sie ins Gefängnis wirft. Also wähle.
=Maria.= Wie bist du grausam! Was ist denn das für ein Christentum?
Das ist ja Bosheit. Ich kann doch nicht so leben, wie du willst. Kann
meinen Kindern nicht alles nehmen, um es dem ersten besten zu geben.
Und deshalb willst du mich verstoßen? Gut, tue es. Ich sehe, daß du
mich nicht mehr liebst, und weiß auch, weshalb.
=Nikolai.= Also gut, ich unterschreibe. Aber du verlangst von mir etwas
Unmögliches, Mascha. (Er geht zum Tisch und unterschreibt.) Du hast es
gewollt. Ich kann so nicht leben.
Dritter Aufzug.
In Moskau. Großes Zimmer.
Darin eine Hobelbank, Tisch mit Papieren, Bücherschrank,
Spiegel und ein durch Bretter verstelltes Bild.
Erster Auftritt.
=Nikolai Iwanowitsch= und ein =Tischler=.
Nikolai Iwanowitsch arbeitet mit vorgebundener Schürze an der
Hobelbank. Der Tischler hobelt.
=Nikolai= (nimmt ein Brett aus der Hobelbank). Ist es so gut?
=Tischler= (stellt seinen Schlichthobel). Nicht besonders. Sie müssen
stärker drücken; sehen Sie, so!
=Nikolai.= Sie haben gut reden. Es wird doch nichts.
=Tischler.= Wozu geben Ew. Gnaden sich auch mit der Tischlerei ab? Gibt
heutzutage so viele Tischler, daß man nicht mehr sein Auskommen findet.
=Nikolai= (wieder bei der Arbeit). Man schämt sich, zu faulenzen.
=Tischler.= Sie haben es doch nicht nötig. Ihnen hat ja Gott Vermögen
gegeben.
=Nikolai.= Ich bin eben der Meinung, Gott hat den Menschen nichts
gegeben, sondern sie haben es sich genommen, ihren Brüdern abgenommen.
=Tischler= (verwundert). Das ist schon richtig. Aber für Sie hat es
doch keinen Zweck.
=Nikolai.= Ich verstehe, daß Ihnen das wunderbar vorkommt. In diesem
Hause, wo so viel Überfluß herrscht will jemand arbeiten.
=Tischler= (lachend). Nein, das nicht gerade. Die Herrschaften sind mal
so; die machen alles. Jetzt fahren Sie mal mit dem Schrupphobel darüber
hin.
=Nikolai.= Sie werden es nicht glauben, werden wieder lachen -- und
doch sage ich Ihnen, daß ich früher ebenso gelebt und mich nicht
geschämt habe. Jetzt glaube ich aber an Christi Lehre, daß wir alle
Brüder sind, und geniere mich, so zu leben.
=Tischler.= Wenn es Sie geniert, verschenken Sie doch Ihr Vermögen.
=Nikolai.= Das wollte ich; es ist mir aber nicht geglückt. Ich hab’ es
meiner Frau übergeben.
=Tischler.= Sie können ja auch nicht; haben sich daran gewöhnt.
=Ljuba= (hinter der Tür). Papa, darf ich herein?
=Nikolai.= Gewiß, gewiß, du darfst immer.
Zweiter Auftritt.
=Die Vorigen= und =Ljuba=.
=Ljuba= (eintretend). Guten Tag, Jakob.
=Tischler.= Wünsche guten Tag, gnädiges Fräulein.
=Ljuba.= Boris ist zum Regiment abgereist. Ich fürchte, er richtet da
etwas an oder sagt etwas Ungehöriges. Was glaubst du?
=Nikolai.= Was kann ich glauben? Er wird tun, was sein Inneres ihm
befiehlt.
=Ljuba.= Aber das ist schrecklich. Er hat nur noch so kurze Zeit zu
dienen und richtet sich nun plötzlich zugrunde.
=Nikolai.= Nur gut, daß er nicht zu mir gekommen ist; er weiß, daß ich
ihm nichts anderes sagen kann, als was ihm bereits bekannt ist. Hat mir
selbst gesagt, daß er deswegen seinen Abschied nähme, weil er einsieht,
daß es keine gesetzwidrigere, tierisch grausamere Tätigkeit gibt
als diese einzig auf Mord gerichtete, und daß nichts erniedrigender
und gemeiner ist, als sich dem ersten besten rangälteren Beamten
bedingungslos zu unterwerfen -- er weiß das auch alles.
=Ljuba.= Das fürchte ich ja gerade, daß er es weiß und nun danach
handeln will.
=Nikolai.= Darüber entscheidet sein Gewissen, der Gott, der in ihm
ist. Wenn er zu mir käme, würde ich ihm den einen Rat geben: nie aus
Berechnung handeln, sondern nur, wenn sein ganzes Wesen es fordert. Es
gibt nichts Schlimmeres. So wollte ich dem Gebot Christi gemäß Weib
und Kinder verlassen und Ihm nachfolgen und war schon im Begriff, das
auszuführen. Aber was war das Ende? Das Ende war, daß ich zurückkehrte
und mit euch in der Stadt von Luxus umgeben lebe. Weil ich etwas tun
wollte, was über meine Kräfte ging, geriet ich in diese erniedrigende
Lage ohne Sinn und Verstand. Ich will einfach leben und arbeiten;
dabei in dieser Umgebung mit Türhütern und Bedienten -- da muß ja
eine Komödie herauskommen. Eben diesen Augenblick sehe ich, wie Jakob
Nikanorowitsch mich auslacht ...
=Tischler.= Wie werde ich! Sie bezahlen mich, geben mir schönen Tee.
Dafür danke ich Ihnen.
=Ljuba.= Ich denke, ob ich nicht zu ihm fahren soll.