=Nikolai.= Mascha, Liebling! Darum handelt es sich ja gar nicht. Als du

zu reden anfingst, fing ich auch an -- ich wollte einmal so recht von

Herzen mit dir sprechen. So geht es nicht weiter. Wir leben zusammen

und verstehen uns nicht. Es macht bisweilen den Eindruck, als sei das

Absicht.

=Maria.= Ich gebe mir alle erdenkliche Mühe, bringe es aber nicht

fertig. Ich verstehe dich nicht, verstehe nicht, was mit dir

vorgegangen ist.

=Nikolai.= Nun, dann will ich dir etwas sagen. Es ist zwar jetzt nicht

die Zeit dazu, aber Gott weiß, wann die ist. Bemüh dich weniger, mich

zu verstehen, als dich selbst, dein Leben. Man kann nicht so leben,

ohne zu wissen, wozu.

=Maria.= Wir haben es aber doch bislang getan und uns sehr wohl dabei

gefühlt. (Den ärgerlichen Ausdruck in seinem Gesicht bemerkend.) Nun

gut, ich höre schon.

=Nikolai.= Auch ich habe so dahingelebt, ohne nachzudenken, warum ich

lebe. Aber dann kam die Zeit, wo ich erschrak. Schön: wir leben von der

Arbeit anderer, zwingen andere, für uns zu arbeiten, setzen Kinder in

die Welt und erziehen sie zu ebensolchem Leben. Dann kommt das Alter,

der Tod, und ich frage mich: wozu habe ich gelebt? Um die Zahl solcher

menschlichen Parasiten wie ich zu vermehren? Was aber die Hauptsache:

solch ein Leben macht kein Vergnügen. Es ist noch erträglich, wenn, wie

bei Wanja, die Lebensenergie in einem überschäumt ...

=Maria.= Dabei leben doch alle so...

=Nikolai.= Und sind alle unglücklich.

=Maria.= Durchaus nicht.

=Nikolai.= Ich wenigstens habe eingesehen, daß ich sehr unglücklich bin

und dich und die Kinder ebenfalls unglücklich mache. Und da fragte ich

mich: Hat Gott uns wirklich dazu geschaffen? Und sobald ich darüber

nachdachte, fühlte ich, daß das nicht der Fall sei. Darauf fragte ich

mich: Wozu hat Gott uns eigentlich geschaffen?

=Ein Diener= (kommt).

Zwanzigster Auftritt.

=Die Vorigen= und der =Diener=.

=Maria= (hört nicht auf ihren Gatten, sondern wendet sich dem Diener

zu). Bringen Sie etwas gekochte Sahne.

=Diener= (geht ab).

=Nikolai.= Und im Evangelium fand ich die Antwort, daß wir nicht um

unserer selbst willen leben. Das wurde mir klar, als ich einmal über

das Gleichnis von den Weingärtnern nachdachte. Kennst du es?

=Maria.= Ja, das von den Arbeitern.

=Nikolai.= Nun, dieses Gleichnis zeigte mir ganz klar, worin mein

Irrtum bestand. Wie die Weingärtner den Garten für ihr Eigentum

hielten, glaubte ich, mein Leben sei -- mein. Da war denn alles

schrecklich. Sobald ich aber begriff, daß mein Leben nicht mir gehöre,

sondern daß ich in die Welt gesandt sei, um das Werk Gottes zu

verrichten ...

=Maria.= Nun ja, das wissen wir alle.

=Nikolai.= Wenn das der Fall ist, können wir unmöglich derart weiter

leben, daß unser ganzes Leben nicht nur keine Erfüllung des Willens

Gottes, sondern im Gegenteil seine ununterbrochene Übertretung bedeutet.

=Maria.= Wie ist das möglich, wenn wir niemandem Böses tun?

=Nikolai.= Was heißt: niemandem Böses tun? Das ist ja genau die

Lebensauffassung der Weingärtner. Wir müssen doch ...

=Maria.= Ich kenne das Gleichnis. Er gab allen gleichen Lohn.

=Nikolai= (nach kurzem Schweigen). Nein, das ist nicht das Wesentliche.

Bedenk doch, Mascha, daß wir nur _ein_ Leben besitzen, das wir entweder

heiligen oder zugrunde richten können.

=Maria.= Ich bin nicht imstande, so viel zu denken und zu überlegen.

Nachts schlafe ich nicht, nähre das Kind, besorge den ganzen Haushalt,

und anstatt mir zu helfen, redest du mir Dinge vor, die ich nicht

verstehe.

=Nikolai.= Mascha!

=Maria.= Dazu nun noch der Besuch.

=Nikolai.= Schon gut. Wir werden uns schon verständigen. (Er küßt sie.)

Nicht wahr?

=Maria.= Ja; wenn du nur so bist, wie früher.

=Nikolai.= Das kann ich nicht; du mußt auf mich hören.

(Es ertönt Schellengeläut und Wagenrollen.)

=Maria.= Jetzt ist keine Zeit. Die Gäste sind da. Ich muß zu ihnen.

(Sie geht um die Hausecke.)

=Ljuba= und =Stefan= (gehen auch dorthin).

=Wanja= (springt über eine Bank). Ich höre nicht auf, wir spielen die

Partie zu Ende. Ljuba! Na, also?

=Ljuba= (ernst). Bitte, mach keine Dummheiten.

=Alexandra Iwanowna= mit ihrem Gatten und =Lisa= (kommen auf die

Veranda).

=Nikolai Iwanowitsch= (geht nachdenklich auf und ab).

Einundzwanzigster Auftritt.

=Nikolai Iwanowitsch.= =Alexandra Iwanowna.= =Peter

Semjonowitsch= und =Lisa=.

=Alexandra.= Nun, hast du sie bekehrt?

=Nikolai.= Aline! Was zwischen uns vorgeht, ist etwas Großes,

Bedeutendes! Scherze sind hier nicht angebracht. Nicht ich bekehre sie,

sondern das Leben, die Wahrheit, Gott. Deswegen muß sie sich überzeugen

lassen, wenn nicht heute, so morgen, und wenn nicht morgen, dann ...

Schrecklich, daß nie jemand Zeit hat. Wer ist denn da gekommen?

=Semjonowitsch.= Tscheremschanows, Katja Tscheremschanowa, die ich

achtzehn Jahre nicht gesehen habe. Das letztemal sang sie mit mir: ~Là

ci darem la mano.~ (Singt.)

=Alexandra= (zu ihrem Gatten). Bitte, fall mir nicht ins Wort. Glaub’

nicht, daß ich mit Nikolai zanke. Ich sage die Wahrheit. (Zu Nikolai.)

Ich mache durchaus keinen Scherz, aber es kam mir sonderbar vor, daß du

Mascha gerade in dem Augenblick bekehren wolltest, als sie daran ging,

mit dir zu sprechen.

=Nikolai.= Schon gut, schon gut. Da kommen sie. Sag Mascha, daß ich in

meinem Zimmer bin. (Ab.)

Zweiter Aufzug.

Derselbe Schauplatz auf dem Lande, acht Tage später.

Die Bühne stellt einen großen Saal dar. Der Tisch ist gedeckt.

Samowar, Tee und Kaffee. An der Wand ein Flügel, Notenständer.

Am Tisch sitzen Maria Iwanowna, die Fürstin Tscheremschanowa

und Peter Semjonowitsch.

Erster Auftritt.

=Maria Iwanowna.= =Peter Semjonowitsch= und die =Fürstin=.

=Semjonowitsch.= Ja, Fürstin, es ist lange her, daß Sie die Rosine

gesungen haben, und ich ... tauge nicht einmal mehr zum Don Basilio ...

=Fürstin.= Jetzt könnten unsere Kinder singen. Leider haben die Zeiten

sich geändert.

=Semjonowitsch.= Ja, man ist mehr für das Positive ... Ihre Tochter

spielt übrigens sehr gut. Was treibt die Gesellschaft, schlafen sie

wirklich noch?

=Maria.= Ja. Sind gestern bei Mondschein spazieren geritten und sehr

spät heimgekehrt. Ich hörte sie, als ich den Kleinen nährte.

=Semjonowitsch.= Und wann wird meine glaubenstüchtige Gemahlin wieder

hier sein? Habt ihr den Wagen geschickt?

=Maria.= Ja; sie ist schon früh fortgefahren. Muß bald zurück sein.

=Fürstin.= Ist sie wirklich nur hingefahren, um Pater Gerassim zu holen?

=Maria.= Ja. Gestern kam ihr der Gedanke, und sofort führte sie ihn aus.

=Fürstin.= Diese Energie. Ich bewundere sie.

=Semjonowitsch.= O, damit sind wir reichlich versehen. (Nimmt eine

Zigarre aus dem Etui.) Ich werde ein wenig rauchen und mit den Hunden

im Park spazierengehen, bis die liebe Jugend aufsteht. (Er geht ab.)

Zweiter Auftritt.

=Fürstin.= =Maria Iwanowna.=

=Fürstin.= Ich weiß nicht, liebe Maria Iwanowna, aber es kommt mir vor,

als wenn Sie sich das alles zu sehr zu Herzen nehmen. Ich verstehe ihn

recht gut. Er befindet sich in gehobener Stimmung. Was ist schließlich

dabei, wenn er auch den Armen etwas zukommen läßt? Wir denken sowieso

zu viel an uns.

=Maria.= Wenn es dabei sein Bewenden hätte; aber Sie kennen ihn nicht,

wissen nicht alles. Das ist keine Armenunterstützung mehr, sondern

völlige Umwälzung, Vernichtung alles Bestehenden.

=Fürstin.= Ich möchte mich nicht in Ihr Familienleben mischen, wenn Sie

aber gestatten ...

=Maria.= Bitte sehr. Ich rechne Sie zur Familie, besonders jetzt.

=Fürstin.= Dann möchte ich Ihnen raten, offen und ehrlich Ihre

Forderungen auszusprechen und sich mit ihm zu einigen, bis zu welcher

Grenze ...

=Maria= (erregt). Da gibt es keine Grenzen! Alles will er fortgeben!

Verlangt, daß ich in meinen Jahren Köchin, Wäscherin werde.

=Fürstin.= Nicht möglich! Das ist allerdings erstaunlich!

=Maria= (zieht einen Brief aus der Tasche). Wir sind allein und ich

freue mich, daß ich Ihnen alles sagen kann. Gestern hat er mir diesen

Brief geschrieben. Ich will ihn Ihnen vorlesen.

=Fürstin.= Was? Er lebt mit Ihnen unter einem Dach und schreibt Ihnen

Briefe? Sonderbar.

=Maria.= Nein, das verstehe ich schon. Er regt sich beim Reden immer so

sehr auf. Ich fürchte nächstens für seine Gesundheit.

=Fürstin.= Was schreibt er denn?

=Maria.= Also: (Liest.) »Du machst mir den Vorwurf, ich zerstörte

unser früheres Leben, setzte aber nichts Neues an die Stelle, und

sagte nicht, wie ich mit der Familie zurechtkommen wollte. Wenn wir

das mündlich erörtern, regen wir uns zu sehr auf -- deswegen schreibe

ich dir. Warum ich nicht so weiterleben kann, wie bisher, habe ich

schon oft gesagt; dich überzeugen, daß man so nicht leben darf, sondern

christlich leben muß -- vermag ich brieflich nicht. Dir steht eins von

beiden frei: entweder glaubst du der Wahrheit und gehst aus freien

Stücken mit mir, oder du vertraust mir und folgst mir nach.« (Sie

unterbricht die Lektüre.) Ich kann weder das eine noch das andere.

Ich glaube nicht an die Notwendigkeit: so zu leben, wie er will; die

Kinder tun mir leid, ich kann ihm hierin nicht vertrauen. (Sie liest

weiter.) »Mein Plan ist folgender: Wir geben all unser Land den Bauern

und behalten nur fünfzig Morgen, den Garten, das Gemüseland und die

Rieselwiesen. Dann wollen wir sehen, daß wir das Land selbst bestellen,

ohne uns oder den Kindern Zwang anzutun. Das Land, das wir behalten,

kann uns immerhin fünfhundert Rubel abwerfen.«

=Fürstin.= Eine Familie mit sieben Kindern soll von fünfhundert Rubeln

leben? Das ist unmöglich.

=Maria.= Dann folgt hier der ganze Plan. Das Haus soll als Schule

dienen, wir selbst wohnen im Gärtnerhäuschen in zwei Zimmern.

=Fürstin.= Ich glaube nachgerade wirklich, daß die Sache krankhaft ist.

Was haben Sie ihm erwidert?

=Maria.= Ich sagte, ich brächte das nicht fertig. Allein würde ich ihm

überallhin folgen, aber mit den Kindern ... Bedenken Sie doch nur: der

Kleine bekommt ja noch die Brust. Ich sagte ihm: ich kann doch nicht

alles so hinwerfen. Habe ich denn dazu geheiratet? Ich bin schwach und

alt. Neun Kinder gebären und aufziehen ist doch keine Kleinigkeit.

=Fürstin.= Ich hätte nie geglaubt, daß die Sache schon so weit gekommen

ist.

=Maria.= So liegen die Dinge. Ich weiß nicht, was nun wird. Gestern hat

er den Bauern aus Dmitrowka den Pachtzins erlassen und will ihnen das

Land ganz und gar übergeben.

=Fürstin.= Meiner Meinung nach dürfen Sie das nicht zulassen. Sie haben

die Pflicht, Ihre Kinder sicherzustellen. Wenn er sein Besitztum nicht

mehr verwalten kann, soll er es Ihnen abtreten.

=Maria.= Das will ich nicht.

=Fürstin.= Sie sind es den Kindern schuldig. Die Besitzung kann ja auf

Ihren Namen eingetragen werden.

=Maria.= Das hat meine Schwester Sascha ihm schon gesagt. Er erwiderte

darauf, er hätte kein Recht dazu; das Land gehöre denen, die es

bearbeiteten; er sei verpflichtet, es den Bauern abzutreten.

=Fürstin.= Ja, jetzt begreife ich, daß die Sache weit ernster ist, als

ich glaubte.

=Maria.= Und der Priester, der Priester ist auf seiner Seite!

=Fürstin.= Ja, das habe ich gestern bemerkt.

=Maria.= Deshalb ist auch meine Schwester nach Moskau gefahren,

um mit dem Notar zu sprechen und hauptsächlich, um Pater Gerassim

mitzubringen, der ihn überzeugen soll.

=Fürstin.= Ja, ich denke auch, das Christentum besteht nicht darin,

seine Familie ins Unglück zu stürzen.

=Maria.= Leider glaubt er auch dem Pater nicht. Er ist so bestimmt in

allem, und wenn er spricht, kann ich ihm nichts erwidern. Das ist ja

das Schreckliche, daß es mir stets vorkommt, als hätte er recht.

=Fürstin.= Das kommt daher, daß Sie ihn lieben.

=Maria.= Ich weiß nicht, woher es kommt; jedenfalls ist es schrecklich.

Auf diese Weise bleibt alles unentschieden. Das soll nun Christentum

sein.

=Wärterin= (tritt ein).

Dritter Auftritt.

=Die Vorigen.= =Wärterin.=

=Wärterin.= Bitte, gnädige Frau. Der Kleine ist aufgewacht und schreit.

=Maria.= Sofort; ich bin so unruhig, und der Kleine hat Leibschmerzen.

Ich komme schon.

=Nikolai= (tritt mit einem Schreiben in der Hand zur andern Tür ein).

Vierter Auftritt.

=Maria Iwanowna.= =Die Fürstin.= =Nikolai Iwanowitsch.=

=Nikolai.= Nein, das darf nicht sein, das ist unmöglich!

=Maria.= Was denn?

=Nikolai.= Daß wegen dieser einen Tanne Peter ins Gefängnis kommt.

=Maria.= Wieso?

=Nikolai.= Ganz einfach. Er hat sie gefällt, wurde deswegen angeklagt

und jetzt vom Friedensrichter zu drei Monaten Gefängnis verurteilt.

Seine Frau ist da.

=Maria.= Nun, was ist denn dabei unmöglich?

=Nikolai.= Nein, es darf nicht sein! Eins kann ich: keinen Wald

besitzen. Und das werde ich. Aber was weiter? Ich werde zu ihm gehen

und sehen, ob ich nicht helfen kann bei dem Unglück, das wir verursacht

haben. (Er geht zur Veranda und stößt auf Boris und Ljuba.)

Fünfter Auftritt.

=Die Vorigen.= =Boris= und =Ljuba=.

=Ljuba.= Guten Morgen, Papa. (Sie küßt ihn.) Wohin willst du?

=Nikolai.= Ins Dorf, wo ich war. Da wird ein hungriger Mensch ins

Gefängnis geschleppt, weil er ...

=Ljuba.= Wirklich -- Peter?

=Nikolai.= Ja, Peter. (Er geht ab.)

=Maria= (folgt ihm).

Sechster Auftritt.

=Die Vorigen= ohne Nikolai Iwanowitsch und Maria Iwanowna.

=Ljuba= (setzt sich an den Samowar). Wünschen Sie Kaffee oder Tee?

=Boris.= Einerlei ...

=Ljuba.= Immer dasselbe. Ich weiß nicht, wie das endet.

=Boris.= Ich verstehe ihn nicht. Ich weiß, daß das Volk arm, unwissend

ist, daß man ihm helfen muß; aber nicht in der Art, daß man Diebe

ermutigt.

=Ljuba.= Wodurch denn?

=Boris.= Durch unsere ganze Tätigkeit. Unser ganzes Wissen, alle

Kenntnisse muß man in den Dienst des Volkes stellen -- sein Leben darf

man aber nicht hingeben.

=Ljuba.= Papa sagt, gerade das sei notwendig.

=Boris.= Das verstehe ich nicht. Man kann dem Volk dienen, ohne sein

Leben zugrunde zu richten. So will ich meine Zukunft einrichten. Wenn

du nur deinerseits ...

=Ljuba.= Ich will, was du willst. Ich fürchte mich nicht.

=Boris.= Und diese Ohrringe, das Kleid?

=Ljuba.= Die Ohrringe kann man verkaufen, das Kleid ist nicht viel

wert. Trotzdem braucht man ja nicht als Vogelscheuche herumzulaufen.

=Boris.= Ich möchte noch mit deinem Vater sprechen. Was meinst du, bin

ich ihm im Wege, wenn ich ihn im Dorf aufsuche?

=Ljuba.= Durchaus nicht. Ich sehe, daß er dich gern hat. Gestern wandte

er sich meistens an dich.

=Boris= (leert seine Kaffeetasse). Also ich gehe.

=Ljuba.= Ja, geh nur. Ich werde Lisa und Tonja wecken.

=Beide= (gehen ab).

Verwandlung.

Dorfstraße.

Vor seiner Hütte liegt, mit dem Schafpelz bedeckt, Iwan Sjabrem.

Erster Auftritt.

=Iwan= allein.

=Iwan= (ruft). Malaschka!

(Hinter der Hütte kommt ein schmächtiges, kleines Mädchen mit

einem Kleinen auf dem Arm zum Vorschein. Der Kleine schreit.)

Zweiter Auftritt.

=Iwan= und =Malaschka= mit dem =Kleinen=.

=Iwan.= Wasser. Trinken!

=Malaschka= (geht in die Hütte -- dort hört man das Kind laut schreien.

Sie kommt mit einem Krug voll Wasser).

=Iwan.= Weshalb haust du den Kleinen immer, daß er schreit? Ich sag’s

der Mutter.

=Malaschka.= Das tu nur. Er schreit, weil er hungrig ist.

=Iwan= (trinkt). Solltest bei Demkins um etwas Milch bitten.

=Malaschka.= Da bin ich gewesen. Die haben nichts. Da ist auch niemand

zu Hause.

=Iwan.= Ach, wenn doch der Tod käme. Hat’s zu Mittag geläutet?

=Malaschka.= Schon vor ein paar Stunden. Da kommt der gnädige Herr.

=Nikolai Iwanowitsch= (tritt auf).

Dritter Auftritt.

=Die Vorigen= und =Nikolai Iwanowitsch=.

=Nikolai.= Na? Du bist hier draußen?

=Iwan.= Ja, wegen der Fliegen. Und dann die Hitze.

=Nikolai.= Ist dir jetzt warm?

=Iwan.= Brennt alles wie Feuer.

=Nikolai.= Wo ist denn Peter? zu Hause?

=Iwan.= Ach wo, bei solchem Wetter. Auf dem Felde ist er, um

einzufahren.

=Nikolai.= Und da sagt man mir, er solle ins Gefängnis!

=Iwan.= Das stimmt; der Polizist will ihn gerade vom Felde holen.

(Ein schwangeres Weib kommt mit einer Hafergarbe und Harke und

schlägt Malaschka sofort in den Nacken.)

Vierter Auftritt.

=Die Vorigen= und das =Weib=.

=Weib.= Weshalb läßt du den Kleinen allein! Hörst doch, wie er brüllt.

Immer nur auf der Straße herumlungern!

=Malaschka= (heult). Ich bin gerade herausgekommen. Vater wollte

trinken.

=Weib.= Ich werd’ dich kriegen! (Sie sieht den Herrn.) Ah, grüß Gott,

Väterchen Nikolai Iwanowitsch. Ist das ein Leiden hier! Alles muß ich

allein besorgen; hab’ schon keine Kraft mehr. Und da wirft man den

letzten, der noch arbeitet, ins Gefängnis. Der Taugenichts aber räkelt

sich da herum.

=Nikolai.= Was redest du! Er ist doch krank.

=Weib.= Schön krank! Bin ich nicht krank? Wenn’s an die Arbeit geht,

ist man krank. Aber faulenzen und mir die Zöpfe ausreißen -- das kann

er. Soll er doch verrecken wie ein Hund; was schert’s mich!

=Nikolai.= Das ist Sünde! Fühlst du das nicht?

=Weib.= Ich weiß, daß es Sünde ist, kann aber mein Herz nicht zwingen.

Trag’ ein Kind im Leib und arbeite für zwei. Die andern Bauern haben

abgeerntet; bei uns sind zwei Viertelmorgen noch nicht gemäht. Ich

müßte Garben binden, kann aber nicht. Bin zu Hause nötig, muß nach den

Kindern sehen.

=Nikolai.= Den Hafer will ich mähen lassen durch Arbeiter, und binden

auch.

=Weib.= Das Binden ist nicht schlimm -- das besorge ich selbst; wenn

nur erst gemäht ist. Was glauben Nikolai Iwanowitsch, muß er wohl

sterben? Geht ihm doch sehr schlecht.

=Nikolai.= Ich weiß nicht. Gewiß steht es schlecht mit ihm. Ich denke,

man bringt ihn ins Krankenhaus.

=Weib.= Ach Herrgott! (Sie beginnt laut zu weinen.) Bring ihn nicht

fort, laß ihn hier sterben. (Zu ihrem Manne.) Was hast du?

=Iwan.= Ins Krankenhaus will ich. Hier hab’ ich’s schlimmer als ein

Hund.

=Weib.= Nun weiß ich schon gar nichts mehr. Hab’ den Verstand verloren.

Malaschka, mach das Mittagessen zurecht.

=Nikolai.= Was habt ihr denn zu essen?

=Weib.= Was wird’s sein? Kartoffel und Brot. Und auch das reicht nicht.

(Sie geht in die Hütte. Man hört ein Schwein quieken und das Kind

schreien.)

Fünfter Auftritt.

=Die Vorigen= ohne das Weib.

=Iwan= (stöhnt). Ach Gott, könnte ich doch sterben.

=Boris= (kommt).

Sechster Auftritt.

=Die Vorigen= und =Boris=.

=Boris.= Kann ich Ihnen irgendwie nützlich sein?

=Nikolai.= Nützlich sein? Kaum. Das Leiden sitzt zu tief. Nützlich sein

können Sie nur sich selbst, indem Sie erkennen, worauf wir unser Glück

begründen. Da ist eine Familie, fünf Kinder, die Frau schwanger, der

Mann krank, nichts zu essen als Kartoffel. Jetzt entscheidet sich die

Frage, ob man im nächsten Jahre satt wird oder nicht. Helfen kann man

nicht. Womit auch? Ich besorge ihr einen Arbeiter. Wer ist aber dieser

Arbeiter? Eben solch armer Teufel, dessen Wirtschaft durch Trunkenheit,

Not zugrunde gegangen ist.

=Boris.= Verzeihung, was tun Sie denn aber hier?

=Nikolai.= Ich lerne meine Lage kennen, erfahre, wer unsern Garten

besorgt, unser Haus baut, uns kleidet und ernährt.

=Bauern= mit Sensen, =Weiber= mit Rechen (kommen und verbeugen sich).

Siebenter Auftritt.

=Die Vorigen.= =Bauern= und =Bäuerinnen=.

=Nikolai= (hält einen an). Jermil, willst du ihnen nicht gegen Lohn den

Hafer mähen?

=Jermil= (den Kopf schüttelnd). Ich tät’s von Herzen gern, kann aber

unmöglich abkommen, hab’ das eigene noch nicht eingefahren. Gerade

wollen wir daran. Wie steht’s hier? wird der Iwan sterben?

=Ein anderer Bauer.= Ob Onkel Sebastian es übernehmen wird? He,

Sebastian! Da wird ein Mäher gesucht!

=Sebastian.= Vermiet _du_ dich doch. Heute schafft’s fürs ganze Jahr.

=Die Bauern= (gehen weiter).

Achter Auftritt.

=Die Vorigen= ohne Bauern und Weiber.

=Nikolai.= Lauter halb verhungerte, kranke, oft schon alte Leute, die

allein von Brot und Wasser leben. Der Greis da hat einen Bruch, der ihm

viel Schmerzen macht; dabei arbeitet er von vier Uhr früh bis zehn Uhr

abends und lebt kaum noch. Wir dagegen? Wie kann unsereins, der das

versteht, ruhig weiterleben und sich für einen Christen halten? Was

sage ich: Christen? Wilde Tiere handeln so!

=Boris.= Was soll man denn tun?

=Nikolai.= An dem Bösen nicht teilnehmen; kein Land besitzen, nicht

die Frucht ihrer Arbeit verzehren. Wie das einzurichten ist, weiß ich

nicht. Hier handelt es sich darum ... wenigstens war das mit mir der

Fall. Ich habe gelebt, ohne zu wissen, wie; ohne zu begreifen, daß

ich Gottes Sohn, wie wir alle Gottes Söhne und Brüder sind. Als ich

das aber begriff, daß wir alle gleiches Recht auf das Leben haben,

wurde mein Leben ein ganz anderes. Doch das kann ich Ihnen jetzt nicht

erklären. Nur das eine will ich sagen, daß ich früher blind war, wie

die Meinigen zu Hause es noch sind. Jetzt aber bin ich sehend geworden

und kann nicht anders, ich muß sehen. Und weil ich sehe, kann ich nicht

so weiterleben. Übrigens davon später. Jetzt muß ich tun, was ich kann.

=Der Dorfpolizist=, =Peter=, sein =Weib= und =kleiner Knabe= (kommen).

Neunter Auftritt.

=Die Vorigen.= =Der Polizist.= =Peter=, sein =Weib= und sein

=Sohn=.

=Peter= (fällt Nikolai Iwanowitsch zu Füßen). Verzeih mir, um Christi

willen, ich gehe zugrunde! Was wird aus meinem Weibe! Könnte ich

wenigstens gegen Bürgschaft freikommen.

=Nikolai= (zum Polizisten). Ich fahre zum Gericht und mache die

Eingabe. Kannst du ihn jetzt nicht freilassen?

=Polizist.= Wir haben Befehl, ihn aufs Amt zu bringen.

=Nikolai.= Also dann geh mit; ich besorge Hilfe und tue, was ich kann.

Das bin ich selbst. Wie kann man nur so leben. (Er geht ab.)

Verwandlung.

Wieder auf dem Gut.

Draußen Regen. Gastzimmer mit Flügel. Tonja hat eine Sonate

von Schumann gespielt und sitzt noch am Flügel. Daneben steht

Stefan. Boris sitzt. Ljuba, Lisa, Mitrofan Jermilytsch, der

Priester -- alle sind vom Spiel ergriffen.

Erster Auftritt.

=Tonja.= =Stefan.= =Boris.= =Ljuba.= =Lisa.= =Mitrofan.=

=Priester.= =Bauern= von außen.

=Ljuba.= Wie entzückend, das Andante.

=Stefan.= Nein, das Scherzo. Alles wundervoll.

=Lisa.= Sehr schön.

=Stefan.= Ich hätte Sie nie für solche Künstlerin gehalten. Das ist

wirklich meisterhaftes Spiel. Technische Schwierigkeiten existieren

für Sie nicht; Sie denken nur an den Gefühlsinhalt und drücken alles

wunderbar zart aus.

=Ljuba.= Und vornehm.

=Tonja.= Ich fühle aber, daß es nicht so ist, wie ich möchte ... Mir

fehlt noch vieles.

=Lisa.= Wie ist das möglich? Ich finde alles wunderbar.

=Ljuba.= Schumann ist schön, aber Chopin greift doch mehr ans Herz.

=Stefan.= Er ist lyrischer.

=Tonja.= Man kann die beiden nicht vergleichen.

=Ljuba.= Kennst du sein Prélude?

=Tonja.= Das sogenannte George Sand-Prélude? (Sie spielt den Anfang.)

=Ljuba.= Nein, das nicht. Es ist schön, wird aber reichlich viel

gespielt. Nun, spiel nur, bitte.

=Tonja= (spielt, soweit sie kann, bricht dann aber plötzlich ab).

=Ljuba.= Nein, D-Moll.

=Tonja.= Ach, das -- das ist herrlich. Es hat so etwas Elementares,

Vorweltliches.

=Stefan= (lacht). Ja, ja. Nun, spielen Sie, bitte. Aber Sie sind müde.

Also haben wir wenigstens einen herrlichen Morgen verbracht -- dank

Ihnen.

=Tonja= (steht auf und schaut zum Fenster hinaus). Wieder die Launen.

=Ljuba.= Was die Musik alles vermag! Ich verstehe König Saul. Mich

quält kein böser Geist, aber ich begreife ihn. Keine Kunst läßt so

alles vergessen, wie die Musik. (Sie tritt zum Fenster.) Was wollt ihr?

=Bauern.= Wir haben Nikolai Iwanowitsch gebeten.

=Ljuba.= Er ist nicht hier. Wartet etwas.

=Tonja.= Und dabei heiratest du einen Menschen, der nichts von Musik

versteht.

=Ljuba.= Das ist nicht möglich.

=Boris= (zerstreut). Musik ... Nein, ich liebe sie, oder besser, ich

bin ihr nicht feind. Ziehe aber etwas Einfacheres vor, zum Beispiel ein

schlichtes Lied.

=Tonja.= Wieso? Ist denn diese Sonate nicht reizend?

=Boris.= Sie scheint mir nicht wichtig. Ich beneide die Leute, die

solchen Dingen Wichtigkeit beimessen.

(Auf dem Tische stehen Süßigkeiten.)

=Alle= (essen davon).

=Lisa.= Das finde ich nett: ein Bräutigam und dann diese Süßigkeiten ...

=Boris.= Daran bin ich unschuldig. Das hat Mama besorgt.

=Tonja.= Ich finde es sehr nett.

=Ljuba.= Musik ist dadurch wertvoll, daß sie ergreift, erhebt und die

Wirklichkeit vergessen macht. Wie düster war vorhin alles -- nun hast

du gespielt, und plötzlich ist es ringsum licht geworden. Wirklich

licht geworden.

=Lisa.= Die Chopinschen Walzer sind etwas abgeleiert und dennoch ...

=Tonja.= Dieser zum Beispiel ... (Sie spielt.)

Das Licht leuchtet in der Finsternis: Drama in vier Aufzügen · 第 2 / 6 段