Anmerkungen zur Transkription
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ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
Leo Tolstoi
Das Licht leuchtet in
der Finsternis
Drama in vier Aufzügen
Aus dem
Russischen übertragen und eingeleitet
von Adolf Heß
Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig
Alle Rechte vorbehalten.
Den Bühnen und Vereinen gegenüber als Manuskript gedruckt. Das Recht
der Aufführung ist allein durch _Oesterheld & Co._, _Berlin_ ~W.~ 15
(Abteilung für Bühnenvertrieb) zu erwerben.
Berlin-Charlottenburg, Juni 1912.
Adolf Heß.
Druck von Philipp Reclam jun. Leipzig
Einleitung.
In Tolstois Nachlaß fanden sich neben den erzählenden Schriften
zwei größere dramatische Werke vor; das vollendete: »Der lebende
Leichnam«[1] und das unvollendete: »Das Licht leuchtet in der
Finsternis ...« Der Titel dieses letzteren Dramas ist dem Evangelium
Johannis Kap. I, Vers 5 entnommen und erhält seinen vollen Sinn durch
die zweite Hälfte des Verses: »und die Finsternis hat es sich nicht zu
eigen gemacht.«
[1] Deutsch von Fred M. Balte, Uni.-Bibl. Nr. 5364; von Adolf
Heß im Verlage von Schulze & Co., Leipzig.
Das Drama umfaßt fünf Aufzüge, deren letzter nur skizziert,
nicht ausgeführt ist. Die gründlichste Bearbeitung hat der erste
Aufzug erfahren. Begonnen wurde das Werk in den achtziger Jahren;
weitergeführt wurde es in den neunziger. Das ist vorläufig alles, was
wir über die Entstehung wissen. Wenn einmal der _gesamte_ Nachlaß
Tolstois, besonders die Tagebücher, veröffentlicht sein werden, die
uns infolge bekannter unglücklicher Verhältnisse noch immer nicht
zugänglich sind, werden wir Näheres auch über diese Arbeit erfahren,
von deren Existenz bei Lebzeiten des Dichters selbst seine nähere
Umgebung nichts wußte.
Tolstoi behandelt in diesem Werk -- und das erklärt vieles -- in
bisweilen autobiographischer Form die Kämpfe, die er in seiner Familie
durchzufechten hatte; die Zweifel, die ihn überkamen, als er die
Wirkung seiner Gedanken auf seine Umgebung beobachtete; den Widerstand,
dem er beim Umsetzen der Gedanken in die Tat begegnete, und die
Konflikte, die zwischen idealen Bestrebungen und dem realen Leben
überall zutage treten.
Der wohlhabende russische Gutsbesitzer Sarynzew, der nach dem
Evangelium leben, seine Habe an die Armen verteilen, seine Nächsten
wie sich selbst lieben will; der das Christentum nicht als schöne
Gedankenrichtung, sondern als praktische Lebensweisheit auffaßt; der
die Kirche als schadenbringende Institution verwirft und der Obrigkeit
den Gehorsam kündigt -- dieser Sarynzew ist Tolstoi selbst. Wir wissen,
wie Tolstoi sich bemüht hat, als echter Christ zu leben, wie er gleich
Sarynzew seine Habe den Armen geben wollte und, als ihm das nicht
gelang, die Besitzung auf den Namen seiner Frau überschreiben ließ;
wie er auf dem Felde und in der Werkstatt arbeitete; wie junge, den
Militärdienst verweigernde und dafür grausam bestrafte Bauern mit ihm
in Briefwechsel standen; wie er Bauern aus dem Gefängnis befreite,
und anderes mehr. Über diese Beziehungen zwischen den Vorgängen im
Drama und in Tolstois Leben ließe sich noch manches sagen. Wir haben
es hier in erster Linie mit dem Drama zu tun. Da fällt zunächst auf,
daß Tolstoi in diesem Werk ein Problem behandelt, das gerade unserer
Zeit so recht den Stempel aufdrückt. Es ist der Kampf und Ausgleich
zwischen arm und reich, in dem sich alle idealen Bestrebungen der
Gegenwart vereinen. Tolstoi sucht den Frieden dadurch herbeizuführen,
daß er den Reichen auf Grund eigener Erkenntnis freiwillig auf sein
Gut verzichten läßt. Aber dieser Verzicht gelingt Sarynzew nur zum
Teil, nur für seine Person, nicht für Weib und Kinder. Daraus entstehen
neue, unlösbare Konflikte. Hinzu kommen die heftigen Vorwürfe einer
Mutter, deren Sohn angeblich durch Sarynzews Lehren ins Verderben
gestürzt ist. Bekehrungsversuche eines Bischofs, den die besorgte
Schwägerin verschrieben hat. Abfall eines jungen Geistlichen von der
Landeskirche mit baldigem reumütigem Zurückkehren in ihren Schoß usw.
Die Katastrophe tritt, nach dem Szenarium, dadurch ein, daß die Mutter
des verführten jungen Mannes, als eine Audienz beim Zaren ergebnislos
verlaufen ist, Sarynzew ersticht. Diese Katastrophe wirkt, als Faktum,
ohne Worte, nach dem sehr auf Innerlichkeit und tiefreichenden
Gedankenaustausch gestellten übrigen Teil des Dramas stark theatralisch.
Alles in allem bedeutet Tolstois unvollendet gebliebenes Drama, das dem
unbezwinglichen Drange des Dichters, die wichtigsten inneren Erlebnisse
und schwersten Seelenkämpfe poetisch darzustellen, entsprungen ist,
ein ebenso wichtiges Zeugnis für Tolstois Leben, wie ein starkes
Glaubensbekenntnis und erschütterndes Drama eines Propheten und
Apostels, der starr wie ein Fels in unsere Zeit hineinragt. Daneben
aber mahnt und erinnert es, ohne eine Lösung des sozialen Problems
bieten zu wollen, mit größter Kraft und Eindringlichkeit an die
Pflichten, die jeder gegen seine Nächsten hat -- Pflichten, die kein
Gesetz befiehlt und keine Verordnung, sondern nur das eigene Gewissen.
Berlin, 1912.
~Dr.~ Adolf Heß.
Personen
=Nikolai Iwanowitsch Sarynzew=
=Maria Iwanowna Sarynzewa=, seine Gattin
=Ljuba=, ihre Tochter
=Stefan=, ihr Sohn
=Wanja=, ihr Sohn
=Missi=, ihre Tochter
=Kleine Kinder Sarynzews=
=Alexander Michailowitsch Starkowski=, Ljubas Verlobter
=Mitrofan Jermilytsch=, Wanjas Hauslehrer
=Gouvernante bei Sarynzews=
=Alexandra Iwanowna Kochowzewa=, Frau Sarynzews Schwester
=Peter Semjonowitsch Kochowzew=, deren Gatte
=Lisa=, beider Tochter
=Fürstin Tscheremschanowa=
=Boris=, ihr Sohn
=Tonja=, ihre Tochter
=Jüngere Tochter der Fürstin=
=Wassili Nikanorowitsch=, junger Priester
=Kinderwärterin= } bei Sarynzews
=Diener= }
=Iwan Sjabrem=, ein Bauer
=Malaschka=, seine Tochter
=Sein Weib=
=Peter=, ein Bauer
=Der Dorfpolizist=
=Pater Gerassim=, Bischof
=Ein Notar=
=Ein Tischler=
=Ein General=
=Adjutant des Generals=
=Ein Oberst=
=Ein Regimentsschreiber=
=Posten=
=Zwei Eskortesoldaten=
=Ein Gendarmerieoffizier=
=Schreiber=
=Regimentsgeistlicher=
=Oberarzt= }
=Unterarzt= } im Lazarett in der Abteilung für
=Mehrere Wärter= } Geisteskranke
=Ein kranker Offizier= }
=Klavierspieler=
Bauern. Bäuerinnen. Studenten. Damen. Tanzende Paare.
Erster Aufzug.
Bedeckte Veranda eines vornehmen Landhauses.
Vor der Veranda der Garten, Lawn-Tennis- und Krocketplatz.
Die Kinder spielen mit der Gouvernante Krocket. Auf der
Veranda sitzen Maria Iwanowna Sarynzew, mit vierzig Jahren
hübsch, elegant; ihre Schwester Alexandra Iwanowna Kochowzew,
fünfundvierzig Jahre alt, korpulent, energisch, dumm; und deren
Gatte, Peter Semjonowitsch Kochowzew, ein dicker, aufgedunsener
Herr im Sommeranzug und Pincenez. Auf dem gedeckten Tisch
ein Samowar und Kaffeegeschirr. Man trinkt Kaffee; Peter
Semjonowitsch raucht.
Erster Auftritt.
=Maria Iwanowna=, =Alexandra Iwanowna= und =Peter
Semjonowitsch=.
=Alexandra Iwanowna.= Wenn du nicht meine Schwester, sondern eine
fremde Person wärest und Nikolai Iwanowitsch nicht dein Mann, sondern
irgendein Bekannter, so würde ich seine Handlungsweise originell und
nett finden und ihn vielleicht sogar darin bestärken. Da ich aber sehe,
daß dein Gatte Narrheiten treibt, direkt Narrheiten, muß ich dir meine
Meinung sagen. Ihm, deinem Gatten, werde ich sie ebenfalls sagen. Angst
habe ich nicht.
=Maria Iwanowna.= Das kränkt mich durchaus nicht; ich sehe es ja selbst
ein. Glaubte nur nicht, daß die Sache so wichtig sei.
=Alexandra.= Ja, du glaubst es nicht; ich sage dir aber, wenn du den
Dingen ihren Lauf läßt, kommt ihr noch an den Bettelstab. So, wie er es
treibt!
=Peter Semjonowitsch.= Bettelstab! Bei ihrem Vermögen!
=Alexandra.= Jawohl: Bettelstab. Und du, mein Lieber, unterbrich mich
bitte nicht. Für dich ist natürlich alles gut, was Männer tun ...
=Semjonowitsch.= Ich weiß ja gar nicht, ich sage nur ...
=Alexandra.= Du weißt eben nie, was du sagst. Wenn ihr Männer einmal
anfangt, Dummheiten zu machen, gibt es kein Halten mehr. Ich sage nur,
ich an deiner Stelle würde das nicht erlauben. Würde dem schon einen
Riegel vorschieben. Was soll denn das heißen! Ein Mann, Familienvater,
beschäftigt sich mit gar nichts, gibt alles weg und spielt nach rechts
und links den Großmütigen. Ich weiß schon, wie das endet. Wir können
davon ein Lied mitsingen.
=Semjonowitsch= (zu Maria). So klären Sie mich doch endlich einmal
darüber auf, Maria, was diese neue Richtung bedeutet? Liberalismus:
Selbstverwaltung, Verfassung, Schulen, Lesehallen und was daran bimmelt
und bammelt -- das verstehe ich. Auch die Sozialisten mit ihren Streiks
und Achtstundentag sind mir noch begreiflich. Aber das hier? Was ist
das eigentlich? Erklären Sie es mir.
=Maria.= Er hat Ihnen gestern ja selbst die Erklärung gegeben.
=Semjonowitsch.= Offen gesagt, habe ich ihn nicht verstanden.
Evangelium, Bergpredigt; die Kirche sei überflüssig ... Wie soll man
denn da seine Andacht verrichten und alles?
=Maria.= Das ist es ja eben, daß er alles zerstört und nichts Neues an
die Stelle setzt.
=Semjonowitsch.= Wie hat es eigentlich angefangen?
=Maria.= Im vorigen Jahr. Mit dem Tode seiner Schwester. Er hatte sie
sehr lieb, und ihr Tod wirkte derart auf ihn, daß er ganz tiefsinnig
wurde, stets vom Sterben sprach und schließlich, wie Sie wissen, selbst
erkrankte. Dann, nach dem Typhus, war er wie umgewandelt.
=Alexandra.= Er war doch aber im Frühjahr bei uns in Moskau so lieb und
nett. Spielte Karten, genau wie andere ...
=Maria.= Und war doch schon ganz anders ...
=Semjonowitsch.= Ja, aber wie denn eigentlich?
=Maria.= Vollkommen gleichgültig gegen seine Familie und dabei von
dieser fixen Idee besessen. Ich meine das Evangelium. Er las tagelang
darin, schlief nachts nicht, stand auf, um zu lesen, machte sich
Notizen und Auszüge, fuhr dann zu Bischöfen und Mönchen und disputierte
mit ihnen.
=Alexandra.= Geht er denn zum Abendmahl?
=Maria.= Seit unserer Verheiratung, also seit fünfundzwanzig Jahren,
war er nicht hingegangen. Dann nahm er es einmal im Kloster, erklärte
aber hinterher sofort, es sei nicht nötig und der Kirchenbesuch
überflüssig.
=Alexandra.= Ich sage ja, keine Spur von Konsequenz.
=Maria.= Noch vor einem Monat hat er keinen Gottesdienst versäumt,
alle Fastentage streng gehalten -- und dann ist auf einmal alles
überflüssig. Da red’ einer mit ihm.
=Alexandra.= Ich habe mit ihm gesprochen und werde es tun.
=Semjonowitsch.= Aber das alles ist doch nicht so schlimm ...
=Alexandra.= Für dich ist nichts schlimm, weil ihr Männer keine
Religion habt.
=Semjonowitsch.= So laß mich doch ausreden. Ich meine, daß es darauf
doch nicht ankommt. Wenn er die Kirche verwirft, was soll ihm dann das
Evangelium?
=Maria.= Er sagt, man müsse nach dem Evangelium, nach der Bergpredigt
leben, alles hingeben.
=Semjonowitsch.= Wie soll man denn aber leben, wenn man alles hingibt?
=Alexandra.= Und wo hat er in der Bergpredigt dieses ~Shake hands~ mit
den Dienstboten gefunden? Da steht wohl: Selig sind die Sanftmütigen;
von Händedrücken steht aber nichts da.
=Maria.= Natürlich hat er sich wieder hinreißen lassen, wie das stets
bei ihm der Fall ist, und wie er sich eine Zeitlang von der Musik,
Jagd, von seiner Schule hinreißen ließ. Aber mein Los wird dadurch
nicht leichter.
=Semjonowitsch.= Wozu ist er denn wieder in die Stadt gefahren?
=Maria.= Das hat er mir nicht gesagt; ich weiß aber, daß es wegen
des Holzfrevels ist; die Bauern haben widerrechtlich bei uns Holz
geschlagen.
=Semjonowitsch.= In dem selbstangelegten Tannenwald?
=Maria.= Ja. Man hat die Täter auch zu Geld- und Gefängnisstrafe
verurteilt, und heute kommt, wie er mir sagte, die Sache im Plenum vor
dem Friedensrichter zur Verhandlung. Ich nehme an, daß er deswegen
hingefahren ist.
=Alexandra.= Er wird ihnen alles verzeihen, und morgen kommen sie dann
und schlagen unseren Park nieder.
=Maria.= Ja, so fängt die Sache an. Alle Apfelbäume haben sie
umgeknickt und den ganzen Rasen zertreten -- er sagt ihnen nichts.
=Semjonowitsch.= Sonderbar.
=Alexandra.= Eben deswegen mein’ ich: es kann nicht so bleiben. Wenn
das so fortgeht, bringt er alles durch. Meiner Ansicht nach bist du als
Mutter verpflichtet, deine Maßnahmen zu treffen.
=Maria.= Was kann ich dagegen tun?
=Alexandra.= Du? Ihn zurückhalten, sagen, daß es nicht so weitergeht.
Du hast Kinder! Was bekommen die für ein Beispiel!
=Maria.= Gewiß ist es schwer; aber ich ertrage alles in der Hoffnung,
daß es vergehen wird, wie die früheren Schwärmereien.
=Alexandra.= Sehr schön, aber es heißt: hilf dir selbst, so hilft dir
Gott. Man muß ihm zu verstehen geben, daß er nicht allein in der Welt
ist, und daß man so nicht leben kann.
=Maria.= Das Schlimmste ist, daß er sich nicht mehr um die Kinder
kümmert. Ich muß alles allein besorgen. Dabei habe ich das Kleine und
die Älteren, Mädchen und Knaben, die Aufsicht und Leitung verlangen.
Alles fällt mir zu. Früher ein so zärtlicher, besorgter Vater -- jetzt
ist ihm alles gleich. Ich sagte ihm gestern, daß Wanja nicht lernt und
sicher wieder durchs Examen fällt; da meinte er, es wäre viel besser,
wenn er das Gymnasium ganz verließe.
=Semjonowitsch.= Was soll er denn anfangen?
=Maria.= Nichts. Das ist ja das Schreckliche, daß er alles verurteilt,
selbst aber nicht sagt, was man tun soll.
=Semjonowitsch.= Sonderbar, sehr sonderbar.
=Alexandra.= Wieso sonderbar? Ist doch die gewöhnliche Art der Männer:
alles zu verurteilen und selbst nichts zu tun.
=Maria.= Stefan hat jetzt sein Studium beendet und muß sich für eine
Karriere entscheiden -- der Vater sagt ihm nichts. Anfangs wollte er in
eine Ministerialkanzlei eintreten, aber Nikolai Iwanowitsch meinte, das
sei eine überflüssige Tätigkeit; dann wollte der Junge zur Garde -- das
verwarf der Vater gänzlich. Schließlich fragt er ihn: was soll ich denn
eigentlich anfangen? Etwa pflügen? Da antwortet Nikolai Iwanowitsch:
warum nicht pflügen? Das ist weit nützlicher als in der Kanzlei
hocken. Also was soll er tun? Kommt natürlich zu mir, und ich muß die
Entscheidung treffen. Dabei hat er als Vater alles in Händen.
=Alexandra.= Das muß man ihm offen sagen.
=Maria.= Gewiß; und ich werde es auch tun.
=Alexandra.= Sag ihm direkt, du ertrügst es nicht länger. Du tätest
deine Pflicht, also müsse er die seinige erfüllen, oder dir alles
abtreten.
=Maria.= Ach, das ist so peinlich.
=Alexandra.= Wenn du willst, sage ich es ihm; ich nehme kein Blatt vor
den Mund.
=Ein junger Priester= (tritt verlegen und aufgeregt mit einem Buche in
der Hand ein; er begrüßt alle durch Händedruck).
Zweiter Auftritt.
=Die Vorigen= und der junge =Priester=.
=Priester.= Ich wollte nämlich zu Nikolai Iwanowitsch, um ihm das Buch
zurückzubringen.
=Maria.= Er ist in die Stadt gefahren, kommt aber bald zurück.
=Alexandra.= Was haben Sie denn für ein Buch?
=Priester.= Ein Werk von Renan. »Das Leben Jesu« nämlich.
=Semjonowitsch.= Nun sieh einer! Solche Bücher lesen Sie!
=Priester= (zündet sich in der Verlegenheit eine Zigarette an). Nikolai
Iwanowitsch hat es mir zur Durchsicht gegeben.
=Alexandra= (verächtlich). So, so, Nikolai Iwanowitsch hat es Ihnen zur
Durchsicht gegeben. Sind Sie denn mit Nikolai Iwanowitsch und diesem
Herrn Renan einer Meinung?
=Priester.= Natürlich bin ich das nicht. Wenn es der Fall wäre, wäre
ich nämlich kein Diener der Kirche mehr.
=Alexandra.= Wenn Sie ein treuer Diener der Kirche sind, weshalb
überzeugen Sie dann Nikolai Iwanowitsch nicht?
=Priester.= In diesen Dingen kann nämlich jeder seine eigenen Gedanken
haben, und Nikolai Iwanowitsch hat in mancher Hinsicht recht. In der
Hauptsache aber, bezüglich der Kirche, hat er sozusagen unrecht.
=Alexandra= (verächtlich). In welcher Hinsicht hat denn Nikolai
Iwanowitsch recht? Etwa, daß man nach der Bergpredigt sein Vermögen an
Fremde geben und die eigene Familie betteln lassen soll?
=Priester.= Die Kirche heiligt sozusagen die Familie, und die
Kirchenväter haben sie gesegnet; die höhere Vollkommenheit fordert aber
doch sozusagen Verzicht auf irdische Güter.
=Alexandra.= Gewiß, Glaubensstreiter haben so gehandelt: einfache
Sterbliche aber, denke ich, müssen so handeln, wie es sich für brave
Christen geziemt.
=Priester.= Niemand kann wissen, wozu er berufen ist.
=Alexandra.= Sie sind natürlich verheiratet?
=Priester.= Gewiß.
=Alexandra.= Und haben Kinder?
=Priester.= Zwei.
=Alexandra.= Warum verzichten Sie denn nicht auf die irdischen Güter?
rauchen sogar Zigaretten?
=Priester.= Aus Schwäche, Unwürdigkeit sozusagen.
=Alexandra.= Ja, ich sehe, anstatt Nikolai Iwanowitsch zur Vernunft zu
bringen, bestärken Sie ihn in seiner Torheit. Muß Ihnen offen sagen,
das ist nicht hübsch.
=Wärterin= (tritt ein).
Dritter Auftritt.
=Die Vorigen.= =Wärterin.=
=Wärterin.= Hören gnädige Frau denn nicht? Der Kleine schreit, will die
Brust haben.
=Maria.= Ich komme, komme schon. (Steht auf und geht ab.)
Vierter Auftritt.
=Die Vorigen= ohne Wärterin und Maria Iwanowna.
=Alexandra.= Sie tut mir schrecklich leid, die Schwester. Ich sehe, wie
sie sich quält. Wahrhaftig keine Kleinigkeit, solch einen Hausstand
zu führen. Sieben Kinder, eins noch an der Brust; dazu er mit seinen
»Ideen«. Mir scheint wirklich bisweilen, daß er hier nicht ganz richtig
ist. (Sie deutet auf die Stirn. Zum Priester.) Ich frage Sie: was haben
Sie da eigentlich für eine neue Religion entdeckt?
=Priester.= Ich verstehe nicht ganz ...
=Alexandra.= Hören Sie doch auf mit Ihren Spiegelfechtereien! Sie
verstehen sehr gut, was ich meine.
=Priester.= Erlauben Sie ...
=Alexandra.= Ich frage, was das für eine Religion ist, aus der
hervorgeht, daß man allen Bauern die Hand drücken, ihnen den Wald
überlassen und Geld zum Schnaps geben, die eigene Familie aber im Stich
lassen muß?
=Priester.= Davon weiß ich nichts ...
=Alexandra.= Er sagt, das sei Christentum. Sie sind Priester der
rechtgläubigen christlichen Kirche, also müssen Sie unbedingt Bescheid
wissen, ob das Christentum zum Diebstahl treibt.
=Priester.= Aber ich kann doch ...
=Alexandra.= Wozu sind Sie denn Priester, tragen langes Haar und ein
Talar?
=Priester.= Danach werden wir nicht gefragt ...
=Alexandra.= Wieso nicht gefragt? Ich frage doch aber. Er sagte mir
gestern, im Evangelium stände: So dich einer bittet, dem gib. In
welchem Sinne ist das zu verstehen?
=Priester.= Ich denke, ganz wörtlich.
=Alexandra.= Ich denke aber: nicht. Uns hat man gelehrt, jedem sei das
Seine von Gott bestimmt.
=Priester.= Natürlich, indessen ...
=Alexandra.= Man merkt ganz deutlich, daß Sie tatsächlich, wie man mir
gesagt, auf seiner Seite sind. Und ich muß Ihnen offen gestehen, daß
ich das für unrecht halte. Wenn irgendeine Lehrerin oder ein unreifer
Junge seine Gedanken nachredet, so ist das begreiflich; Sie in Ihrem
Amt müßten aber bedenken, welche Verantwortung auf Ihnen ruht.
=Priester.= Ich bemühe mich ...
=Alexandra.= Was ist das für eine Religion, wenn er nicht zur Kirche
geht und die Sakramente nicht anerkennt! Und Sie, statt ihn zur
Vernunft zu bringen, lesen Renan mit ihm und legen das Evangelium auf
Ihre Art aus.
=Priester= (erregt). Darauf weiß ich nichts zu erwidern. Bin sozusagen
einfach sprachlos.
=Alexandra.= Ich sollte nur Bischof sein, dann würde ich Ihnen das
Renanlesen und Zigarettenrauchen schon austreiben!
=Semjonowitsch.= Um Himmels willen hör auf! Was nimmst du dir da heraus!
=Alexandra.= Bitte keine Zurechtweisung! Batjuschka ist mir sicher
nicht böse, daß ich offen meine Meinung gesagt habe. Im Gegenteil, es
wäre schlimm, wenn ich hinter dem Berge hielte. Habe ich recht?
=Priester.= Verzeihen Sie, wenn ich mich nicht richtig ausgedrückt
habe; verzeihen Sie bitte.
(Ungemütliches Schweigen.)
=Ljuba= und =Lisa= (kommen. Ljuba, Maria Iwanownas Tochter, ein
zwanzigjähriges, hübsches, energisches Mädchen; Lisa, Alexandra
Iwanownas Tochter, ist etwas älter. Beide tragen Kopftücher und Körbe,
um Pilze zu sammeln. Ljuba begrüßt die Tante und den Onkel, Lisa Vater
und Mutter, sowie den Priester).
Fünfter Auftritt.
=Die Vorigen.= =Ljuba= und =Lisa=.
=Ljuba.= Wo ist denn Mama?
=Alexandra.= Eben fortgegangen, um den Kleinen zu nähren.
=Semjonowitsch.= Seht mal zu, daß ihr recht viel Pilze bringt. Ein
Mädchen hat heute herrliche weiße gebracht. Ich würde euch begleiten,
aber es ist so heiß.
=Lisa.= Komm doch mit, Papa.
=Alexandra.= Geh nur, geh; du wirst sonst zu dick.
=Semjonowitsch.= Also meinetwegen. Will nur Zigaretten holen. (Er geht
ab.)
Sechster Auftritt.
=Die Vorigen= ohne Peter Semjonowitsch.
=Alexandra.= Wo steckt denn das junge Volk?
=Ljuba.= Stefan ist per Rad zur Station; Mitrofan Jermilytsch begleitet
Papa in die Stadt; die Kleinen spielen Krocket, und Wanja jagt mit den
Hunden herum.
=Alexandra.= Hat Stefan sich nun für etwas entschieden?
=Ljuba.= Ja, er will als Freiwilliger dienen. Hat selbst ein Gesuch
eingereicht. Gestern ist er schrecklich frech gegen Papa geworden.
=Alexandra.= Na ja, leicht hat er es auch nicht. Schließlich reißt
jedem einmal die Geduld. Will jetzt anfangen zu leben, und da sagt man
ihm: geh pflügen.
=Ljuba.= So hat Papa es ihm nicht gesagt. Er sagte ...
=Alexandra.= Ganz egal. Jedenfalls beginnt jetzt sein Leben, und was er
auch unternimmt, alles wird ihm zuwider gemacht. Aber da ist er selbst.
=Priester= (tritt beiseite, öffnet sein Buch und liest).
=Stefan= (fährt auf dem Rade vor).
Siebenter Auftritt.
=Die Vorigen.= =Stefan.=
=Alexandra.= Wie der Wolf in der Fabel ... Eben war von dir die Rede.
Ljuba sagt, du hättest dich mit dem Vater gezankt.
=Stefan.= Absolut nicht. Nichts Besonderes. Er sagte mir seine Meinung,
ich ihm meine. Ich bin nicht schuld daran, daß unsere Ansichten
nicht übereinstimmen. Ljuba versteht gar nichts und will über alles
mitsprechen.
=Alexandra.= Was ist denn nun herausgekommen?
=Stefan.= Ich weiß nicht, was Papa beschlossen hat; fürchte, er ist
sich selbst nicht klar darüber. Ich für meine Person habe beschlossen,
als Einjähriger bei der Garde einzutreten. Hier wird aus allem so viel
Wesens gemacht; dabei ist die Sache ganz einfach. Mein Studium habe ich
beendet und muß nun meiner Dienstpflicht genügen. In der Linie unter
betrunkenen, rohen Offizieren ist das kein Vergnügen, deswegen diene
ich bei der Garde, wo ich Freunde habe.
=Alexandra.= Schön. Warum ist denn aber dein Papa dagegen?
=Stefan.= Ach der! Der steht jetzt ganz im Banne seiner fixen Idee
und sieht nur, was er sehen will. Er sagt, der Militärdienst sei der
abscheulichste von allen; deshalb dürfe man nicht dienen, und deswegen
gibt er mir kein Geld.
=Lisa.= Stefan, das hat er nicht gesagt! Ich war doch dabei! Er hat
gesagt, wenn man schon nicht anders könnte, sollte man wenigstens bis
zur Aushebung warten. Durch den Eintritt als Freiwilliger aber zeige
man, daß man diesen Dienst selbst wähle.
=Stefan.= Schließlich soll ich doch dienen und nicht er. Er hat ja
selbst gedient.
=Lisa.= Gewiß. Er sagt aber auch gar nicht, daß er dir kein Geld geben
will, sondern, daß er nicht an einer Sache teilnehmen kann, die gegen
seine Überzeugung geht.
=Stefan.= Es handelt sich hier nicht um Überzeugungen, sondern um den
Dienst, und damit basta!
=Lisa.= Und ich sage nur, was ich gehört habe.
=Stefan.= Ist ja ganz klar, daß du immer auf Papas Seite bist. Tante,
du weißt auch, daß Lisa stets Papa die Stange hält.
=Lisa.= Alles, was recht ist! ...
=Alexandra.= Für mich nichts Neues, daß Lisa stets alle Dummheiten
mitmacht. Sie wittert förmlich, wo eine Dummheit aushängt.
=Wanja= (kommt, von Hunden begleitet, in roter Bluse, ein Telegramm in
der Hand schwingend).
Achter Auftritt.
=Die Vorigen.= =Wanja.=
=Wanja= (zu Ljuba). Rat mal, wer da kommt.
=Ljuba.= Wie kann ich das raten! Gib her. (Sie streckt die Hand nach
dem Telegramm aus. Wanja gibt es ihr nicht.)
=Wanja.= Ich geb’ es nicht und sage es nicht. Der, bei dem du immer so
rot wirst.
=Ljuba.= Dummheit, von wem ist das Telegramm?
=Wanja.= O, wie sie rot wird, wie sie rot wird! Tante Aline, ist sie
nicht ganz rot geworden?
=Ljuba.= Ach, laß die Dummheiten. Von wem ist es? Tante Aline, von wem
ist das Telegramm?
=Alexandra.= Von Tscheremschanows.
=Ljuba.= Ach so!
=Wanja.= Na, siehst du wohl: ach so! Und bei wem wirst du immer rot?
=Ljuba.= Tante, zeig bitte. (Sie liest.) »Mit Schnellzug, drei
Personen, Tscheremschanows«. Also die Fürstin, Boris und Tonja. Das
freut mich aber wirklich.
=Wanja.= Es freut sie aber wirklich! Stefan, sieh mal, wie sie rot
geworden ist.
=Stefan.= Hör doch endlich auf; immer ein und dasselbe.
=Wanja.= Jawohl, das sagst du nur, weil du selbst in Tonja verkeilt
bist. Da müßt ihr beide schon losen, denn das geht doch nicht, daß die
Schwester den Bruder nimmt und der Bruder die Schwester.
=Stefan.= Laß dein dummes Geschwätz. Wie oft hat man dir gesagt, du
sollst nicht überall deinen Senf dazu geben!
=Lisa.= Mit dem Schnellzug müssen sie bald hier sein.
=Ljuba.= Gewiß. Also gehen wir nicht zum Pilzsammeln.
=Semjonowitsch= (kommt mit Zigaretten).
Neunter Auftritt.
=Die Vorigen= und =Peter Semjonowitsch=.
=Ljuba.= Onkel Peter, wir gehen nicht.
=Semjonowitsch.= Was ist denn los?
=Ljuba.= Tscheremschanows kommen bald. Laß uns lieber eine Partie
Tennis spielen. Stefan, machst du mit?
=Stefan.= Meinetwegen.
=Ljuba.= Ich spiele mit Wanja gegen dich und Lisa. Wollt ihr? Also ich
hole die Bälle und die Jungens. (Sie geht ab.)
Zehnter Auftritt.
=Die Vorigen= ohne Ljuba.
=Semjonowitsch.= Das nennt man: versetzt.
=Priester= (will gehen). Ich habe die Ehre.
=Alexandra.= Nein, warten Sie, Batjuschka; ich möchte mit Ihnen
sprechen. Auch muß Nikolai Iwanowitsch gleich kommen.
=Priester= (setzt sich wieder und zündet sich eine Zigarette an). Es
dauert vielleicht noch lange.
=Alexandra.= Eben kommt jemand angefahren -- das muß er sein.
=Semjonowitsch.= Was für eine Tscheremschanow ist das eigentlich? Die
geborene Golizyn?
=Alexandra.= Nun ja, die mit ihrer Tante in Rom lebte.
=Semjonowitsch.= Wird mir ein Vergnügen sein. Haben uns seit Rom nicht
wiedergesehen. Ach, die schönen Duette! Wie reizend sie sang! Hat ja
wohl zwei Kinder, nicht wahr?
=Alexandra.= Ja; mit denen kommt sie.
=Semjonowitsch.= Ich wußte gar nicht, daß sie und Sarynzews so intim
sind.
=Alexandra.= Intim nicht. Sie waren voriges Jahr zusammen im Ausland;
und es kommt mir vor, als ob die Fürstin für ihren Sohn Absichten auf
Ljuba hat. Sie ist eine ganz Gerissene. Spekuliert auf eine große
Mitgift.
=Semjonowitsch.= Tscheremschanows waren doch selbst reich?
=Alexandra.= Das war einmal. Der Fürst lebt ja noch, hat aber alles
durchgebracht und vertrunken. Sie hat dann an höchster Stelle eine
Eingabe gemacht und wenigstens den Rest des Vermögens gerettet. Der
Mann hat sie verlassen, dafür aber den Kindern eine ausgezeichnete
Erziehung gegeben. Die Gerechtigkeit muß man ihm lassen. Die Tochter
ist sehr musikalisch; der Sohn hat die Universität absolviert und ist
ein lieber Bursche. Ich fürchte nur, unsere Hausfrau wird von den
Gästen jetzt nicht sehr erbaut sein. Aber da ist ja Nikolai!
=Nikolai= (tritt auf).
Elfter Auftritt.
=Die Vorigen= mit =Nikolai Iwanowitsch=.
=Nikolai.= Guten Tag, Aline und Peter Semjonowitsch. (Zum Priester.)
Ach, Wassili Nikanorowitsch! (Er begrüßt ihn.)
=Alexandra.= Kaffee ist noch da. Soll ich dir eingießen? Er ist etwas
abgekühlt, aber man kann ihn wärmen. (Sie klingelt.)
=Nikolai.= Nein, danke. Ich habe schon getrunken. Wo ist meine Frau?
=Alexandra.= Sie nährt das Kind.
=Nikolai.= Fühlt sie sich wohl?
=Alexandra.= Es geht. Na, hast du deine Angelegenheiten erledigt?
=Nikolai.= Ja. Übrigens, wenn noch Tee oder Kaffee da ist, gib her.
(Zum Priester.) Haben Sie das Buch mitgebracht? Es gelesen? Ich habe
während der ganzen Reise an Sie gedacht.
=Ein Diener= (tritt ein).
Zwölfter Auftritt.
=Die Vorigen= und ein =Diener=, der Nikolai Iwanowitsch
begrüßt. Dieser reicht ihm die Hand. Alexandra Iwanowna tauscht
achselzuckend mit ihrem Manne Blicke.
=Alexandra.= Wärmen Sie bitte den Samowar.
=Nikolai.= Ach das ist nicht nötig, Aline. Wenn ich trinken will,
trinke ich so.
Dreizehnter Auftritt.
=Die Vorigen.= =Missi.=
=Missi= (die den Vater vom Krocketplatz erblickt hat, kommt auf ihn
zugelaufen und wirft sich ihm um den Hals). Papa, du sollst mitkommen!
=Nikolai= (sie streichelnd). Sofort, sofort, laß mich nur erst trinken.
Geh spielen, ich komme sofort.
=Missi= (geht ab).
Vierzehnter Auftritt.
=Die Vorigen= ohne Missi.
=Alexandra.= Nun, sind die Bauern schuldig?
=Nikolai= (setzt sich an den Tisch, trinkt hastig Tee und ißt etwas
dazu).
=Alexandra.= Sind sie verurteilt?
=Nikolai.= Gewiß sind sie verurteilt; haben ja alles zugegeben. (Zum
Priester.) Ich habe mir gedacht, daß Renan Sie nicht überzeugen
würde ...
=Alexandra.= Du bist aber mit dem Urteil nicht einverstanden?
=Nikolai= (ärgerlich). Natürlich nicht. (Zum Priester.) Für Sie handelt
es sich nicht um die Gottheit Christi und nicht um die Geschichte des
Christentums, sondern um die Kirche ...
=Alexandra.= Was heißt das: die Bauern geben ihre Schuld zu, und du
widerlegst ihre Aussagen? Sie haben das Holz wohl nicht gestohlen,
sondern einfach genommen?
=Nikolai= (beginnt wieder mit dem Geistlichen zu reden, wendet sich
dann aber energisch an Alexandra Iwanowna). Liebe Aline, laß mich
endlich mit deinen Sticheleien und Anspielungen in Ruhe.
=Alexandra.= Aber ich habe doch gar nicht ...
=Nikolai.= Wenn du ernstlich wissen willst, weshalb ich wegen des
Holzes, das sie nötig hatten, mit den Bauern nicht prozessieren kann ...
=Alexandra.= Vielleicht haben sie diesen Samowar auch nötig ...
=Nikolai.= Also, wenn du wirklich wissen willst, weshalb ich es nicht
zulassen kann, daß diese Leute ins Gefängnis wandern, weil sie in dem
Walde, der als meiner gilt, zehn Bäume gefällt haben ...
=Alexandra.= Er _gilt_ nicht als deiner, er _ist_ es!
=Semjonowitsch.= Schon wieder Streit!
=Nikolai.= Ja, selbst wenn es, was ich nie zugeben kann, mein von
allen anerkanntes Eigentum ist, so besitze ich neunhundert Morgen
Wald, auf jeden Morgen kommen zirka fünfhundert Bäume, macht
vierhundertfünfzigtausend Bäume, nicht wahr? Zehn von diesen, das heißt
ein Fünfundvierzigtausendstel, haben sie gefällt. Nun frage ich: lohnt
es sich, darf man wegen solcher Lappalie jemanden von seiner Familie
losreißen und ins Gefängnis werfen?
=Stefan.= Ja; wenn sie aber wegen dieses einen
Fünfundvierzigtausendstel nicht bestraft werden, hauen sie
die übrigen vierundvierzigtausendneunhundertneunundneunzig
Fünfundvierzigtausendstel auch bald um!
=Nikolai.= Ich sage das nur der Tante. Tatsächlich habe ich gar kein
Recht auf diesen Wald. Der Grund und Boden gehört allen gemeinsam, kann
also nicht Eigentum eines einzelnen sein. Wir haben auf diesen Grund
und Boden keine Arbeit verwandt.
=Stefan.= Du hast ihn doch aber in Stand gehalten, bewachen lassen ...
=Nikolai.= Wie habe ich denn das gemacht? Hab’ doch nicht selbst die
Arbeit getan ... Aber das läßt sich nicht beweisen. Wenn jemand nicht
fühlt, wie schändlich es ist, einen andern zu ruinieren ...
=Stefan.= Das tut ja niemand.
=Nikolai.= Genau so, wie man jemandem, der sich nicht schämt, ohne
eigene Tätigkeit die Arbeit anderer zu benutzen, das nicht beweisen
kann. Und die ganze Nationalökonomie, die du auf der Universität
studiert hast, ist nur dazu da, um die sozialen Zustände, in denen wir
leben, zu rechtfertigen.
=Stefan.= Im Gegenteil: die Wissenschaft beseitigt alle vorgefaßten
Meinungen.
=Nikolai.= Übrigens lege ich darauf nicht viel Wert. Für mich ist
wichtig, zu wissen, daß ich an Stelle der Bauern genau so gehandelt
hätte und verzweifeln würde, wenn man mich dafür ins Gefängnis würfe.
Da ich nun gegen andere so handeln muß, wie ich selbst behandelt
werden möchte, kann ich sie unmöglich schuldig sprechen, sondern muß
alles tun, was ich kann, um sie frei zu bekommen.
=Semjonowitsch.= Wenn das richtig ist, darf man }
überhaupt nichts besitzen. }
} (Alle
=Alexandra.= Dann ist Stehlen weit vorteilhafter als } gleichzeitig.)
Arbeiten. }
}
=Stefan.= Du gehst nie auf meine Argumente ein. Ich }
sage, wer Aufwendungen für einen Gegenstand macht, }
erwirkt dadurch ein Anrecht auf seine Benutzung. }
=Nikolai= (lächelnd). Ich weiß nicht, wem ich zuerst antworten soll.
(Zu Peter Semjonowitsch.) Man darf auch nichts besitzen.
=Alexandra.= Wenn man nichts besitzen darf, darf man auch keine
Kleidung, kein Brot haben, sondern muß alles hingeben und darf
überhaupt nicht leben.
=Nikolai.= Man darf auch nicht so leben wie wir jetzt.
=Stefan.= Das heißt, den Tod vorziehen. Folglich taugt diese Lehre
nicht für das Leben.
=Nikolai.= Im Gegenteil: sie gilt nur für das Leben. Ja, man muß alles
hingeben. Das heißt, nicht den Wald, den man nicht benutzt und niemals
sieht, sondern Kleidung und Nahrung muß man hingeben.
=Alexandra.= Auch die der Kinder?
=Nikolai.= Auch die. Und nicht nur Kleidung und Nahrung muß man
hingeben, sondern sich selbst. Darin besteht die ganze Lehre Christi.
Alle Kraft muß man darauf verwenden, sich völlig hinzugeben.
=Stefan.= Das heißt mit anderen Worten: sterben.
=Nikolai.= Wenn du für deine Freunde stirbst, so ist das schön für dich
wie für sie. Freilich ist der Mensch nicht nur Geist, sondern Geist im
Fleische. Das Fleisch aber, der Körper, trachtet danach, für sich zu
leben, während der aufgeklärte Geist für Gott, für andere lebt. Unser
aller Leben ist kein tierisches, sondern es liegt auf der Mittellinie,
und je näher es dem göttlichen kommt, um so besser ist es. Deswegen
müssen wir möglichst nach Gott trachten; der Leib sorgt schon für sich
selbst.
=Stefan.= Wozu denn aber die Mittellinie? Wenn schon solches Leben gut
ist, muß man eben alles hingeben und sterben.
=Nikolai.= Gewiß; das ist sehr schön. Bemüh dich, trachte danach, so
wird dir wohl sein und andern.
=Alexandra=. Nein, das ist unklar, durchaus nicht einfach, sondern an
den Haaren herbeigezogen.
=Nikolai.= Was soll ich dazu sagen. Mit Worten läßt sich das nicht
erklären. Übrigens -- genug davon.
=Stefan.= Ja, wirklich genug. Ich verstehe es auch nicht. (Er geht ab.)
Fünfzehnter Auftritt.
=Die Vorigen= ohne Stefan.
=Nikolai= (zum Priester). Also, welchen Eindruck hat das Buch auf Sie
gemacht?
=Priester= (erregt). Wie soll ich sagen: die historische Seite ist
genügend berücksichtigt, aber ganz zuverlässig, völlig überzeugend
wirkt das Ganze nicht, weil das Material nicht genügt. Die Göttlichkeit
oder Nichtgöttlichkeit Christi kann man historisch nicht beweisen; es
gibt nur einen unwiderleglichen Beweis ...
(Während der Unterhaltung entfernen sich zunächst die Damen,
dann auch Peter Semjonowitsch. Es bleiben nur der Priester und
Nikolai Iwanowitsch.)
=Nikolai.= Sie meinen die Kirche?
=Priester.= Nun gewiß doch, die Kirche, das Zeugnis zuverlässiger,
heiliger Männer.
=Nikolai.= Allerdings wäre es schön, wenn solch eine sündlose
Gemeinschaft existierte, der man glauben könnte. Sogar sehr
wünschenswert. Daß etwas wünschenswert ist, beweist aber noch nicht,
daß es existiert.
=Priester.= Ich denke doch, gerade das beweist es. Gott konnte seine
Gebote nicht der Möglichkeit aussetzen, daß sie verdreht, entstellt,
falsch gedeutet wurden, sondern mußte eine Hüterin seiner Wahrheiten
einsetzen, die dafür sorgte, daß sie rein erhalten blieben.
=Nikolai.= Schön. In diesem Falle müssen Sie aber nicht nur die
Wahrheiten selbst, sondern auch die Daseinsberechtigung ihrer Hüterin
beweisen.
=Priester.= Daran muß man eben glauben.
=Nikolai.= Gewiß muß man glauben; ohne Glauben kommt man nicht aus.
Aber nicht an das muß man glauben, was andere einem sagen, sondern an
das, was die eigenen Gedanken, die eigene Vernunft einem zeigen ...
Dahin gehört der Glaube an Gott, an ein wahres, ewiges Leben.
=Priester.= Die Vernunft kann trügerisch sein; jeder hat seine eigene
Vernunft.
=Nikolai= (leidenschaftlich). Das ist eine schreckliche
Gotteslästerung! Nur dieses eine heilige Werkzeug zur Erkenntnis der
Wahrheit, das einzige, das uns alle vereinigen kann, hat Gott uns
gegeben. Und dabei glauben wir nicht daran!
=Priester.= Wie kann man auch, wo so viele Meinungsverschiedenheiten
existieren.
=Nikolai.= Wo sind die! Daß zweimal zwei vier ist; daß man einem
anderen nicht zufügen darf, was man sich selbst nicht wünscht; daß
alles in der Welt eine Ursache hat und ähnliche Wahrheiten anerkennen
wir alle, weil sie mit unserer Vernunft übereinstimmen. Daß aber Gott
sich auf dem Berge Sinai Moses geoffenbart, daß Buddha auf einem
Sonnenstrahl davongeflogen, oder Mohammed gen Himmel gefahren und
Christus ebenfalls -- in diesen und ähnlichen Dingen sind wir alle
verschiedener Meinung.
=Priester.= Nein, die in der Wahrheit sind, sind nicht verschiedener
Meinung. Wir sind alle eins in dem einen Glauben an Gott, Christus.
=Nikolai.= Nicht einmal darin sind wir einig. Und dann: warum soll ich
Euch mehr glauben als einem buddhistischen Lama? Nur, weil ich in Eurem
Glauben geboren bin?
(Streit zwischen den Tennisspielern. Eine Stimme ruft: »~Out!~«
-- »Nein, nicht ~out~!« _Wanja_: »Ich hab’ es gesehen!« --
Während der Unterhaltung räumt ein Diener den Tisch auf und
bringt wieder Tee und Kaffee.)
=Nikolai.= Sie sagen: die Kirche führt die Einigung herbei. Im
Gegenteil: die schrecklichste Zwietracht ist stets von der Kirche
ausgegangen. »Wie oft wollte ich euch sammeln, wie eine Henne die
Küchlein ...«
=Priester.= Das war vor Christus; Christus aber hat alle versammelt.
=Nikolai.= Wohl hat Christus alle versammelt, wir aber haben sie wieder
zerstreut, weil wir ihn verkehrt verstanden haben. Er hat alle Kirchen
zerstört.
=Priester.= Wie stimmt dazu das: »Sag es der Kirche.«
=Nikolai.= Es kommt nicht auf Worte an. Diese Worte sagen übrigens
gar nichts über die Kirche. Ausschlaggebend ist der Geist einer
Lehre. Die Lehre Christi ist für die ganze Welt bestimmt, schließt
alle Bekenntnisse in sich und läßt keine Sonderheiten, nichts
Ausschließliches zu; keine Auferstehung, keine Gottheit Christi, keine
Sakramente -- nichts, was die Menschen voneinander trennt.
=Priester.= Das ist denn doch wohl nur Ihre Auslegung der christlichen
Lehre. Diese Lehre selbst aber fußt durchaus auf der Gottheit und
Auferstehung.
=Nikolai.= Das ist ja gerade das Schreckliche an den Kirchen.
Eben dadurch säen sie Zwietracht, daß sie im Besitz der vollen,
unzweifelhaften, unfehlbaren Wahrheit zu sein behaupten. »Uns und
dem Heiligen Geist hat es gefallen« ... Das begann schon bei der
ersten Versammlung der Apostel. Seit der Zeit trat man mit der
Behauptung auf, im Besitz der völligen, ausschließlichen Wahrheit zu
sein. Wenn ich nämlich sage, es gibt einen Gott, einen Ursprung der
Welt, werden alle mir beipflichten. Dieses Bekenntnis vereint uns.
Wenn ich aber sage, es gibt einen Gott Brahma, oder einen Gott der
Juden, oder eine Dreieinigkeit -- so bewirkt eine solche Gottheit
Zwietracht. Die Menschen trachten nach Vereinigung und gebrauchen,
um sie herbeizuführen, alle möglichen Mittel. Vergessen aber das
eine, Unzweifelhafte: Streben nach Wahrheit. In der Art, wie wenn
Menschen, die in einem ungeheuren Gebäude, in das das Licht von oben
in die Mitte fällt, sich vereinigen wollen, und nun in den Ecken sich
versammeln, anstatt alle zusammen zum Licht zu wandeln, wo sie ohne
viel Nachdenken vereint werden.
=Priester.= Wie kann man aber das Volk ohne ganz bestimmte -- nun sagen
wir: Wahrheiten leiten?
=Nikolai.= Das ist wieder das Schreckliche. Wir, jeder von uns muß
selbst seine Seele retten, selbst Gottes Werk tun; statt dessen bemühen
wir uns, andere zu retten und zu unterweisen. Und was bringen wir
ihnen bei? Es ist fürchterlich, daran zu denken. Jetzt, am Ende des
neunzehnten Jahrhunderts, lehren wir, Gott hätte die Welt in sechs
Tagen geschaffen, dann die Sintflut geschickt, alle Tiere in die Arche
gesperrt, und alle Dummheiten und Garstigkeiten des Alten Testamentes.
Dann, Christus habe geboten, alle mit Wasser zu taufen oder an den
Unsinn und das Abscheuliche einer Erlösung zu glauben, ohne die niemand
selig werden könne, und sei dann in den Himmel geflogen und säße dort,
im Himmel, der nicht existiert, zur Rechten des Vaters. Wir haben uns
an all diese Dinge gewöhnt, sie sind aber schrecklich. Ein frisches,
für alles Gute und die Wahrheit empfängliches Kind fragt uns, was
die Welt sei und welche Gesetze sie regierten? und anstatt ihm die
überlieferte Lehre der Liebe und Wahrheit mitzuteilen, geben wir uns
alle erdenkliche Mühe, den schrecklichsten Unsinn einzutrichtern. Das
ist fürchterlich. Das ist das schlimmste Verbrechen, das es gibt.
Und wir und Sie, samt Ihrer Kirche, begehen ununterbrochen dieses
Verbrechen. Verzeihen Sie.
=Priester.= Ja, wenn man die christliche Lehre so, sagen wir:
rationalistisch auffaßt, mag das der Fall sein.
=Nikolai.= Wie man sie auch auffaßt, es ist und bleibt so.
(Schweigen.)
=Alexandra= (tritt ein).
Sechzehnter Auftritt.
=Die Vorigen.= =Alexandra Iwanowna.=
=Alexandra.= Leben Sie wohl, Batjuschka. Er macht Sie ganz konfus;
hören Sie nicht auf ihn.
=Priester.= Nein, lesen Sie die Heilige Schrift. Die Sache ist zu
wichtig, um sie so leicht abzutun. (Er zieht sich zurück.)
Siebzehnter Auftritt.
=Die Vorigen= ohne Priester.
=Alexandra.= Wirklich, Nikolai, du nimmst keine Rücksicht. Trotz seines
geistlichen Standes ist er doch noch so jung, kann noch keine festen
Überzeugungen haben ...
=Nikolai.= Man soll ihm wohl Zeit lassen, in seinen verkehrten
Ansichten fest und sicher zu werden. Nein, wozu das? So ein braver,
aufrichtiger Mensch!
=Alexandra.= Was würde aus ihm, wenn er dir glaubte?
=Nikolai.= Mir zu glauben braucht er nicht; es wäre aber gut für ihn,
wie für alle anderen, wenn er die Wahrheit einsähe.
=Alexandra.= Wenn das gut wäre, würden alle dir glauben; dir glaubt
aber niemand -- deine Frau am allerwenigsten. Sie kann einfach nicht.
=Nikolai.= Wer hat dir das gesagt?
=Alexandra.= Du magst ihr alles noch so deutlich erklären -- sie
wird dich nie begreifen, wie ich nicht, und wie die ganze Welt nicht
begreift, daß man sich um fremde Leute kümmern und seine eigenen Kinder
im Stich lassen muß. Das mach mal deiner Frau begreiflich!
=Nikolai.= Auch Mascha wird mich sicher einst verstehen. Und, nimm
es mir nicht übel, Aline, aber wenn hier keine fremden Einflüsse
mitwirkten, denen sie sehr leicht unterliegt, würde sie mich schon
verstehen und mit mir gehen.
=Alexandra.= Um ihre Kinder zugunsten des trunkenen Jefim und Konsorten
zu verstoßen? Niemals! Du wirst mir deswegen böse sein, aber verzeih
mir, ich kann nicht anders, ich muß dir das sagen.
=Nikolai.= Ich bin dir nicht böse. Im Gegenteil, ich freue mich, daß
du alles ausgesprochen hast und mir dadurch Veranlassung gibst, ihr
unumwunden meine Meinung zu sagen. Ich habe unterwegs alles überlegt
und werde es ihr sofort sagen, und du sollst sehen, daß sie mir
beistimmt, weil sie gut und verständig ist.
=Alexandra.= Das möchte ich doch bezweifeln.
=Nikolai.= Nein, es ist ganz sicher. Es handelt sich doch nicht um
etwas, das ich mir ausgedacht habe, sondern um das, was wir alle
wissen, was Christus uns geoffenbart hat.
=Alexandra.= Ja, deiner Auffassung nach hat Christus _das_ geoffenbart,
meiner Meinung nach etwas anderes.
=Nikolai.= Das kann nicht sein.
(Geschrei bei den Tennisspielern. _Ljuba_: »~Out!~« _Wanja_:
»Nein, wir haben nichts gesehen.« _Lisa_: »Ich hab’s gesehen,
dort ist der Ball niedergefallen.« _Ljuba_: »~Out! Out! Out!~«
_Wanja_: »Ist nicht wahr!« _Ljuba_: »Erstens ist es nicht fein,
zu sagen: es ist nicht wahr.« _Wanja_: »Und erst recht nicht
fein, die Unwahrheit zu sagen.«)
=Nikolai= (fortfahrend). Wart einen Augenblick; sag einmal nichts
dagegen, sondern hör mich an.
=Alexandra.= Schön. Ich höre.
=Nikolai.= Es ist doch wahr, daß wir alle jede Minute sterben können
und entweder in das Nichts eingehen oder zu Gott, der von uns ein Leben
nach seinem Willen verlangt.
=Alexandra.= Nun?
=Nikolai.= Was kann ich also in diesem Leben anderes tun, als nur das,
was der oberste Richter in meiner Seele, mein Gewissen, Gott verlangt?
Und dieses Gewissen, Gott, verlangt, daß ich alle Menschen für gleich
halte, allen diene, alle liebe.
=Alexandra.= Also auch die eigenen Kinder.
=Nikolai.= Gewiß, auch sie; aber dabei alles tue, was mir mein Gewissen
befiehlt. Die Hauptsache ist, daß ich begreife, daß mein Leben nicht
mir, deins nicht dir, sondern Gott gehört, der uns in dieses Leben
gesandt hat und verlangt, daß wir seinen Willen tun. Sein Wille aber ...
=Alexandra.= Davon willst du Mascha überzeugen?
=Nikolai.= Sicherlich.
=Alexandra.= So daß sie aufhört, ihre Kinder zu erziehen, wie es sich
gehört, und sie im Stich läßt? Niemals!
=Nikolai.= Nicht nur sie, auch du wirst es begreifen, wirst begreifen,
daß dir nichts anderes übrig bleibt.
=Alexandra.= Nie! Niemals!
=Maria Iwanowna= (tritt ein).
Achtzehnter Auftritt.
=Die Vorigen.= =Maria Iwanowna.=
=Nikolai.= Nun, Mascha, ich habe dich heute morgen doch nicht geweckt?
=Maria.= Nein, ich schlief nicht. Nun, ist deine Reise glücklich
verlaufen?
=Nikolai.= Ja, sehr glücklich.
=Maria.= Du trinkst ja alles kalt? Aber jetzt muß man an die Gäste
denken. Du weißt, daß Tscheremschanows mit Sohn und Tochter kommen.
=Nikolai.= Freut mich, wenn sie dir angenehm sind.
=Maria.= Ich hab’ sie gern, und die jungen Leute ebenfalls. Nur kommen
sie nicht sehr gelegen.
=Alexandra= (sich erhebend). Sprich dich nur mit ihm aus; ich sehe beim
Spiel ein wenig zu.
Neunzehnter Auftritt.
=Die Vorigen= ohne Alexandra Iwanowna. Schweigen. Dann beginnen
beide auf einmal zu sprechen.
=Maria.= Sie kommen ungelegen, weil wir uns aussprechen }
müssen. }
}
=Nikolai.= Diesen Augenblick sagte ich zu Aline ... }
=Maria.= Was denn?
=Nikolai.= Nein, sprich du nur.
=Maria.= Ich wollte über Stefan mit dir reden. Da muß endlich eine
Entscheidung getroffen werden. Der arme Junge quält sich, weiß nicht,
was aus ihm wird. Er kommt zu mir, aber ich kann nichts entscheiden.
=Nikolai.= Was ist denn da zu entscheiden. Mag er doch selbst seinen
Entschluß fassen.
=Maria.= Du weißt, daß er als Freiwilliger bei der Garde eintreten
will. Dazu braucht er eine Bescheinigung von dir und die Mittel zum
Unterhalt; und die willst du ihm nicht geben! (Sie spricht erregt.)
=Nikolai.= Reg dich um Gottes willen nicht auf, Mascha. Hör mich an.
Weder will ich etwas geben noch nicht geben. Ich halte den freiwilligen
Eintritt beim Militär für dumm, sinnlos, für ein Zeichen von geringer
Bildung, wenn jemand das Abscheuliche des Berufes nicht kennt; oder
aber für niederträchtig, wenn Berechnung im Spiele ist ...
=Maria.= Für _dich_ ist jetzt alles dumm oder niederträchtig. Stefan
muß doch aber leben. _Du_ hast auch gelebt.
=Nikolai= (sich ereifernd). Das war, als ich noch nichts verstand
und niemand mich aufklärte. Hier handelt es sich aber nicht um mich,
sondern um ihn.
=Maria.= Wieso? Du bist doch der, der ihm kein Geld geben will.
=Nikolai.= Ich kann nicht geben, was mir nicht gehört.
=Maria.= Wieso nicht gehört?
=Nikolai.= Mir gehört nicht das, was andere Leute erarbeitet haben. Das
Geld, das ich ihm gebe, muß ich anderen abnehmen. Dazu habe ich kein
Recht, das kann ich nicht. Solange ich die Verfügung über das Gut habe,
kann ich nicht anders darüber verfügen, als mir mein Gewissen befiehlt.
Ich bringe es nicht fertig, die sauer erarbeiteten letzten Groschen der
Bauern für Leibhusarenzechen herzugeben. Nehmt mir das Besitztum, dann
bin ich nicht mehr verantwortlich.
=Maria.= Du weißt doch, daß ich das nicht will, nicht kann. Ich soll
die Kinder gebären, nähren, erziehen -- das ist zu viel! ...