Da der Norden Rußlands infolge des Türkenkrieges fast ganz von Truppen

entblößt war, hoffte =Gustav= mit einem plötzlichen Schlage Großes zu

erreichen; sein Plan war, Petersburg zu überrumpeln. Bei Oranienbaum in

Ingermanland wollte er 20000 Mann landen und gleichzeitig von Finnland

aus vordringen. Der Krieg ward aber ohne genügende Vorbereitung und ohne

Rückhalt begonnen. Die Streitmittel waren nicht rechtzeitig fertig und

die fremde Unterstützung entsprach nicht der Erwartung. Die Türkei hatte

die ersten Ausgaben erstatten und später jährlich eine Million Piaster

zuschießen wollen, machte dies aber davon abhängig, daß Schweden die

Abfahrt russischer Schiffe nach dem Mittelmeer hindere; erst 1789 ward

ein Subsidienvertrag in sehr abgeschwächter Form geschlossen. England

zahlte überhaupt nichts.

$Die Seestreitkräfte Rußlands.$ =Die Hochseeflotte= in den nördlichen

Gewässern hatte unter =Katharina= einen großen Aufschwung genommen; sie

zählte 1788 nahezu 50 Linienschiffe nebst einem Dutzend Fregatten. Die

in Kronstadt, Reval und Archangel stationierten Schiffe befanden sich

in gutem Ausrüstungszustande. Als Offiziere und Unteroffiziere dienten

viele Ausländer, besonders Briten; der englische Admiral =Knowles=

hatte die Ausbildung der Seeoffiziere mit gutem Erfolge geleitet. Die

Besatzungen ließen jedoch noch immer zu wünschen übrig, da bei den

Nationalrussen nur wenig Neigung und Anlage zum Seedienste vorhanden

war; die Flotte, die 1788 auftrat, war zum großen Teile mit eben

ausgehobenen Leuten ohne jede Seeerfahrung bemannt.

Schon im Herbst 1787 war mit den Vorbereitungen zu einer Expedition ins

Mittelmeer begonnen, die wie im Türkenkriege 1768 Truppen und

Kriegsmaterial für einen Aufstand in Griechenland mit sich führen

sollte; infolgedessen war die Indienststellung der Flotte bei Ausbruch

des Krieges mit Schweden erleichtert.

Rußland verfügte ferner über bedeutende Reste der früher großen

=Galeren- und Schärenflottille=, doch waren die Fahrzeuge so

verwahrlost, daß sie im ersten Kriegsjahre kaum verwendet werden

konnten.

$Die Seestreitkräfte Schwedens.$ =Die Hochseeflotte= war nach dem

letzten Kriege wegen Geldmangels so heruntergekommen, daß man 1765 nur

noch 10 brauchbare Linienschiffe besaß, und erst von 1767 an, besonders

aber seit der Thronbesteigung =Gustavs III.= ward ihr wieder die nötige

Fürsorge zuteil. 1788 zählte sie 26 Linienschiffe von 64-74 Kanonen und

13 Fregatten, die sich in gutem Zustande befanden; sie war in

Karlskrona stationiert, ein kleineres Geschwader ständig nach

Gothenburg abgezweigt. Zu einer beabsichtigten jährlichen

Indienststellung von Übungsgeschwadern hatten meist die Mittel nicht

gereicht, aber für die wissenschaftliche Ausbildung der Offiziere

hatte man viel getan und einige von ihnen in fremde Marinen

abkommandiert, um Erfahrungen zu sammeln.

Der =Küstenflottille= hatte man schon seit 1756 besondere

Aufmerksamkeit geschenkt. Man hatte sie unter der Bezeichnung

»Armeeflotte« ganz von der Hochseeflotte abgezweigt und im Laufe der

Jahre neben den alten Galeren -- nach Mittelmeermuster mit Masten zum

Niederlegen und mit 1 oder 2 Geschützen -- durch verschiedene neue

Typen ergänzt[202]. Besonders traten verschiedene Klassen größerer

Segelfahrzeuge hinzu, die eine feste Takelage (die größeren

Vollschiffstakelung) besaßen, 4-24 schwere Geschütze führten und deren

Batterien sowie Ruderreihen eingedeckt waren. An Ruderfahrzeugen mit

Hilfstakelage zum Niederlegen waren Kanonenschaluppen mit 2 und

Kanonenbarkassen mit einem schweren Geschütz eingeführt.

[202] Kirchhoff gibt Band I, Seite 328 ff., lesenswerte Angaben über

die Entwicklung der Armeeflotte, sowie über die verschiedenen

Schiffstypen.

1788 zählte die Armeeflotte in ihrem schwedischen Geschwader zu

Stockholm: 28 Galeren nebst je einem großen Beiboot und 30 Schaluppen;

in dem finnländischen Geschwader zu Sweaborg: 15 Fahrzeuge des neuen

Segeltyps, 8 Mörserbarkassen; 40 Schaluppen und 15 Kanonenbarkassen. Zu

jedem Geschwader gehörten 2 Fregatten sowie ein großer Troß von anderen

Fahrzeugen, die bei dem mangelnden Raum an Bord der stark bemannten

Ruderschiffe zum Unterbringen von Munition, Proviant, Wasser und

Kranken stets folgen mußten.

$Der Aufmarsch der Schweden 1788.$ Im März ließ =Katharina= in Stockholm

bekanntgeben, daß sie eine Flotte ins Mittelmeer zu senden beabsichtige,

und =Gustav= befahl daraufhin die Indienststellung der Flotte; 12

Linienschiffe nebst 5 Fregatten sollten Ende Mai seeklar sein. Als der

russische Gesandte am 18. Mai nach dem Zwecke dieser Maßnahme fragte,

erhielt er am 23. die gereizte Antwort, er habe innerhalb 8 Tagen

Stockholm zu verlassen, und schon am 22. bekam die finnländische

Hauptmacht Marschbefehl an die russische Grenze; 15000 Mann sammelten

sich am Kymeneflusse.

=Die Hochseeflotte= lief in voller Stärke mit 3500 Soldaten am 9. Juni

unter =Herzog Karl von Södermanland=, dem Bruder des Königs, von

Karlskrona aus, unter ihm befehligte als Flottenchef Admiral =Graf

Wrangel=. Gegen Ostwind aufkreuzend, gelangte sie erst am 21. bis zur

Insel Dagö am Eingang zum Finnischen Meere und stieß hier auf ein

russisches Geschwader von 3 Dreideckern und 4 Fregatten unter Admiral

=van Dessen=. Diese Schiffe waren bestimmt, der noch in Kronstadt

ausrüstenden Mittelmeerflotte Vorräte vorauszuführen; man hatte sie so

zeitig abgesandt, weil die Dreidecker während des Passierens der Drogden

bei Kopenhagen die Materialien auf Fregatten abgeben mußten. =Herzog

Karl= hatte noch keinen Befehl zur Eröffnung der Feindseligkeiten und

ließ Dessen ungehindert vorbei -- eine grobe Nachlässigkeit der

Oberleitung, da ein überraschender Bruch mit Rußland beabsichtigt war. Am

28. Juni traf die Flotte bei Hangö ein.

=Die Schärenflottille von Stockholm= war schon Ende Mai in See gegangen.

Sie führte auf Transportern 9000 Soldaten mit sich, und der König

=Gustav= begleitete sie. Gleichfalls durch Gegenwinde aufgehalten,

erreichte sie erst am 2. Juli Helsingfors, wo die Truppen gelandet

wurden. =Die gesamte schwedische Landmacht= in Finnland betrug Anfang

Juli gegen 44000 Mann, in Schweden standen noch 14000 und in Pommern

4000.

Inzwischen hatte =König Gustav= an =Katharina= ein Ultimatum mit kaum

glaublichen Forderungen gesandt: Strenge Bestrafung des russischen

Gesandten wegen seiner Umtriebe, Herausgabe der in den Friedensschlüssen

von Nystad und Abo abgetretenen Landesteile, Überlassung der Krim an die

Türkei. Die Kaiserin wies es schroff zurück, obgleich Petersburg in

großer Gefahr schwebte, denn =die russische Landmacht= war sehr gering;

in der Umgebung der Hauptstadt standen nur 8000 Mann, die während des

ganzen ersten Kriegsjahres kaum auf das Doppelte verstärkt werden

konnten. In Finnland vermochte man dem Feinde nicht mehr als 10000 Mann

entgegenzustellen; die Festungen waren ungenügend besetzt und in

schlechtem Zustande. =Die Hochseeflotte= war noch nicht kriegsbereit und

=die Küstenflottille= wurde es in diesem Jahre überhaupt nicht.

Ein schnelles und tatkräftiges Vorgehen der Schweden würde verhängnisvoll

geworden sein, aber sie hatten schon viel Zeit verloren und waren auch

weiterhin nicht vom Glück begünstigt.

$Die Operationen der Hochseeflotten 1788.$ Die schwedische Flotte erhielt

am 6. Juli die Nachricht von der Kriegserklärung. Am 8. langte sie vor

Sweaborg an und ward hier auf 15 Linienschiffe und 11 Fregatten

verstärkt, ging aber erst am 14. wieder in See, um den Feind im Osten zu

suchen. Am 17. Juli trat ihr der aus dem ersten türkischen Kriege

bekannte russische Admiral =Greigh= mit 17 Linienschiffen (1 zu 108, 16

zu 66-74 Kanonen) und 8 Fregatten -- die Expedition nach dem Mittelmeer,

die dieser Admiral führen sollte, war natürlich aufgegeben -- etwa 30

Seemeilen westlich der Insel Hogland entgegen, und es kam zur rangierten

Schlacht.

$Die Schlacht bei Hogland, 17. Juli 1788.$ Die russische Flotte stand

bei östlichem Winde zu Luward; die Gegner sichteten sich zwischen 9 und

10 Uhr vormittags. Nach verschiedenen Manövern lag die schwedische

gegen 4 Uhr nachmittags in Kiellinie über Steuerbordbug beim Winde und

die russische griff in gleicher Formation und über denselben Bug

liegend in der bekannten englischen Art an, so daß sich der Kampf

beider Linien Schiff gegen Schiff entspann, wobei sich wie gewöhnlich

die Vorhuten und Mitten näher standen als die Nachhuten. Da die Russen

2 Linienschiffe mehr zählten, hatten die Schweden 5 40-Kanonenfregatten

(von ihnen oft Linienfregatten genannt) in die Linie eingestellt; die

Russen hingen eine solche der ihrigen an; es standen 1450 russische

gegen 1290 schwedische Geschütze im Gefecht. Der Kampf war heiß;

mehrere russische Schiffe mußten beschädigt hinter ihre Linie

geschleppt werden, aber auch das schwedische Flaggschiff wurde fast

manövrierunfähig.

Um 8 Uhr abends ließ =Herzog Karl= alle Schiffe zugleich halsen, weil

die Spitze sich den Bänken vor der estländischen Küste zu sehr näherte,

und =Greigh= folgte diesem Beispiele. Des flauen Windes halber konnte

das Manöver mit den beschädigten Schiffen nur schwer ausgeführt werden,

beide Linien verloren ihre Ordnung; dadurch gerieten sowohl ein

russisches wie ein schwedisches Schiff zwischen mehrere feindliche und

mußten die Flagge streichen. Um 10 Uhr abends endete der Kampf und die

Flotten trennten sich während der Nacht.

=Der Verlust= betrug auf schwedischer Seite 130 Tote und 340

Verwundete, auf russischer fast 1000 Mann.

=Die Schlacht blieb unentschieden.= Die Schweden schrieben sich den Sieg

zu, weil der Gegner wegen der Beschädigung seiner Schiffe den Angriff

nicht erneuert habe, obgleich er zu Luward stand. Die Russen sagten, der

Feind habe das Feld geräumt. Es war tatsächlich =ein strategischer Erfolg

der Russen=, denn die Schweden unterließen den Angriff zur See auf

Petersburg, weil sie erkannt hatten, daß ihre Flotte der feindlichen

nicht so unbedingt überlegen sei, wie man bisher angenommen hatte.

Die russische Flotte ging nach der Schlacht zum Ausbessern bis zur Insel

Seskär, 40 Seemeilen westlich von Kronstadt, zurück; hier vermochte sie

Zufuhren zu erhalten und die Verbindung Petersburgs mit den Festungen

Wiborg und Frederikshamn zu sichern. Die Schweden segelten nach Sweaborg,

um Vorräte, vor allem Munition, aufzufüllen, die jedoch von der Heimat

kommen mußten, da man versäumt hatte, in Helsingfors Depots anzulegen.

=Greigh= erschien bald wieder, überraschte am 6. August eine schwedische

Erkundungsdivision und nahm ihr ein Linienschiff ab. Er segelte dann nach

Reval, ließ aber 8 Linienschiffe vor Sweaborg, die den Gegner

beobachteten und der finnländischen Küste die Zufuhren von See her

erschwerten. Die schwedische Flotte blieb für dieses Jahr untätig.

$Der Schären- und Landkrieg 1788.$ Die Armeeflotte ging erst am 26. Juli

-- 2 Fregatten, 15 der großen Küstensegler, 18 Galeren und 36

Kanonenschaluppen stark -- mit 6000 Soldaten nach Osten vor. Man wollte

Frederikshamn durch das Landheer und eine Landung angreifen. Die Stadt

wurde auch am 3. August eingeschlossen und wäre sicher gefallen, wenn

nicht =eine Empörung im Landheere= den König gezwungen hätte, die

Belagerung aufzugeben. Der größere Teil der Offiziere gehörte der

Oppositionspartei in Schweden an, die den ohne Zustimmung der Stände

begonnenen Angriffskrieg für verfassungswidrig erklärte. Sie forderten

die Rückberufung der Armee, und der König sah sich genötigt, diese hinter

den Kymene zurückzuziehen; die Flottille ward nach Westen bis Borgaa

gesandt, wo man die Landungstruppen ausschiffte. Die Meuterer gingen noch

weiter. Nach einer Versammlung in Anjala -- nach der sie sich den

=Anjalabund= nannten -- traten sie mit =Katharina= in Verhandlung und

schlossen einen Waffenstillstand ab. =Gustav= reiste zu seiner eigenen

Sicherheit am 27. August nach Stockholm; die Nachricht von einem

dänischen Angriff auf Schweden gab ihm guten Vorwand dazu. =Herzog Karl=,

der den Oberbefehl übernahm, bestätigte den Vertrag des Anjalabundes.

=Der Krieg war= am Lande =zu Ende= und bald auch zur See. =Greigh=

blockierte bis Ende Oktober die finnländische Küste. Er hatte inzwischen

Hangö-Udde besetzt und sperrte hier die Schären ab, so daß auch auf

diesem Wege die westlich dieser Halbinsel gesammelten Zufuhren von

Schweden nicht nach Helsingfors-Sweaborg gelangen konnten; sie wurden

schließlich zu Lande über die Halbinsel geschafft und dann wieder

verladen. Mit Beginn des früh einsetzenden Winters ging Greigh nach

Kronstadt zurück. Die nun freigewordene schwedische Flotte segelte am 19.

November nach Karlskrona; die Schiffe mußten schon ausgeeist werden und

am Tage darauf fror der Hafen vor Sweaborg ganz zu.

$Dänemarks Angriff auf Schweden 1788.$ Nach einem älteren

Bündnisvertrage war Dänemark verpflichtet, 6 Linienschiffe sowie 12000

Mann Landtruppen für Rußland zu stellen und auch dem Gegner in den

Rücken zu fallen, wenn es von Schweden angegriffen würde. Als nun 1788

der Krieg ausbrach, kam die dänische Regierung ihrer Verpflichtung zwar

nicht sofort und völlig nach, aber sie ließ doch im September von

Norwegen aus Truppen in Schweden einrücken; die ersten Schüsse waren an

der Grenze schon Ende Juni gefallen. Sie erklärte dabei, es sei kein

Krieg Dänemarks gegen Schweden, die verwendeten Soldaten seien nur

Hilfstruppen Rußlands. Ähnliche Auslegungen von Unterstützungen hat

schon der österreichische Erbfolgekrieg gebracht (vgl. z. B. Seite 48).

Dem weiteren Vordringen der Dänen machte aber das persönliche

Erscheinen und tatkräftige Auftreten =König Gustavs= in Gothenburg ein

Ende, um so leichter, da England und Preußen die Auffassung Dänemarks

nicht teilten und mit ihrem Einschreiten drohten.

=Die Verwicklung mit Dänemark geriet König Gustav zum Glück.= Die neue,

durch Rußland heraufbeschworene Gefahr brachte die Stände auf seine

Seite; die Umtriebe des Anjalabundes scheiterten in Schweden; Bauern,

Bürger und Geistlichkeit erklärten sich für den König, diesem ward das

Recht zugestanden, auch Angriffskriege selbständig zu erklären; die

Vorrechte der Krone wurden erweitert und der Krieg gegen Rußland ward

volkstümlich.

$Das russische Geschwader van Dessen$ in Kopenhagen nahm an dem

dänischen Angriffe nicht teil. Dagegen landete es, noch mit den

Umschiffungsarbeiten begriffen, Anfang August Mannschaften bei

Helsingborg und plünderte einige Ortschaften; anderseits aber wurden

später zwei seiner Fregatten im Skagerrak von drei schwedischen genommen,

denen dabei viel Kriegsmaterial in die Hände fiel. =Dessen= trat dann

seine Reise zum Mittelmeer an, kehrte jedoch in der Nordsee um, als ihm

bekanntgeworden war, daß er in englischen Häfen keinerlei Unterstützung

finden würde. Zu ihm stießen 4 Linienschiffe nebst 2 Fregatten von

Archangel, und er überwinterte darauf in Kopenhagen. Es ist

unverständlich, daß er nicht zurückgerufen wurde, als man die Expedition

ins Mittelmeer aufgab; man scheint ihn fast daheim vergessen zu haben.

$Die Gründe der schwedischen Mißerfolge 1788.$ Die Mißerfolge sind in

erster Linie dem Umstande zuzuschreiben, daß der an sich gute Plan,

Petersburg anzugreifen, nicht früh genug durchgeführt wurde; erlaubten

dies die Verhältnisse nicht, so waren eben die Vorbereitungen ungenügend.

Er ist auch später nicht umsichtig und tatkräftig verfolgt worden, noch

Anfang Juli wäre es aussichtsreich gewesen, die unfertige russische

Flotte bei Kronstadt anzugreifen, und die Armeeflotte hätte mit den um

diese Zeit in Sweaborg vorhandenen Truppen weiter östlich landen müssen.

Nach den ersten Mißerfolgen erlahmte dann Schwedens Tatkraft gänzlich;

die Offensive schlug völlig in Defensive um; besonders bei der

Hochseeflotte, die infolge ungenügender Vorbereitungen durch Mangel an

Munition längere Zeit lahmgelegt war. Rechtzeitige Erfolge hätten

belebend gewirkt, vielleicht sogar den Ausbruch der offenen Meuterei im

finnländischen Heere gehindert.

* * * * *

$Die Tätigkeit der Hochseeflotten 1789.$ =Die schwedische Flotte= war

Ende Mai seeklar, litt aber noch an Mannschaftsmangel; erst am 6. Juli

ging =Herzog Karl= mit 21 Linienschiffen, 9 Linien- und 5 kleineren

Fregatten in See. Seine Aufgabe war, die Vereinigung der russischen

Flotten von Kronstadt und Kopenhagen zu verhindern, sowie die Überführung

der Truppen von Vorpommern nach Schweden zu sichern. Während er bis zum

11. zwischen Schonen, Rügen und Seeland kreuzte, wurden die Soldaten nach

Schweden übergeführt. Das russische Geschwader =van Dessens= lag neben

einem dänischen in der Kjögebucht; es anzugreifen, verbot der Umstand,

daß die Friedensverhandlungen mit Dänemark noch nicht abgeschlossen

waren. =Herzog Karl= hielt sich dann östlich von Bornholm und erfuhr hier

am 23. Juli, daß man die Kronstadtflotte bei Gotland gesehen habe.

=Diese russische Hauptflotte= unter Admiral =Tschitschagoff= zählte 21

Linienschiffe, darunter 3 Dreidecker, und 10 Fregatten. Sie war schon

seit Ende Juni in See und hatte sich Anfang Juli vor Hangö Udde gezeigt.

Nach den schlechten Erfahrungen des Vorjahres hatten aber die Schweden

hier Befestigungen angelegt, und die Russen machten keinen ernsten

Versuch, sich dieser wichtigen Stellung zu bemächtigen, sondern segelten

nach Westen weiter.

Am 25. Juli sichteten sich die Gegner etwa 50 Seemeilen südöstlich der

Insel Öland und die schwedische Flotte suchte nun der russischen den Weg

nach der Kjögebucht zu verlegen. Abends waren beide einander ziemlich

nahe, da aber der Wind sehr heftig wurde, blieben sie die Nacht über in

Gefechtslinie parallel zueinander liegen. Am 26. Juli kam es zur

=Schlacht bei Öland=, die jedoch unentschieden blieb. Die Schweden

standen zu Luward und =Herzog Karl= griff an. Da er aber von seiner

Nachhut im Stich gelassen[203] wurde und =Tschitschagoff= durch Abhalten

beständig auswich, kam es nur zweimal zum ernsteren Zusammenstoß zwischen

den Vorhuten und Mitten; die Schlacht endete mit Eintritt der Dunkelheit

ohne große Verluste auf beiden Seiten. An den beiden nächsten Tagen

gelang es den Schweden überhaupt nicht, an den Feind heranzukommen,

ebensowenig am 30. Juli, als sich die Gegner nochmals bei Bornholm

sichteten; der russische Admiral wollte eben einen Entscheidungskampf vor

seiner Vereinigung mit =Dessen= vermeiden. Als dann der Wind für dessen

Herankommen günstig wurde, lief =Herzog Karl= in Karlskrona ein, um nicht

durch den übermächtigen Feind von diesem Stützpunkte abgeschnitten zu

werden; zudem litten seine Besatzungen schwer unter Krankheiten. Am 2.

August sollte auf Befehl des Königs eine Division von 3 Linienschiffen

und 3 Fregatten nach Finnland auslaufen, mußte aber umkehren, weil sie

die Russen vor dem Hafen antraf.

[203] Das Verhalten der Nachhut grenzte hart an Verrat. Der Führer,

Admiral =Liljehorn=, nahm seinen Posten nicht ein, er rief sogar

einige seiner Schiffe zurück, die den Kampf suchten.

Wahrscheinlich war sein und einiger seiner Kommandanten Verhalten

Folge der Parteizwiste in Schweden; er ward kriegsgerichtlich zum

Tode verurteilt, aber vom Könige zu Dienstentlassung begnadigt.

=Karlskrona war blockiert.= =Tschitschagoff= hatte sich mit =Dessen=

vereinigt und verfügte jetzt über 33 Linienschiffe, darunter 6

Dreidecker, nebst 13 Fregatten; er hielt die Blockade bis Ende August

aufrecht und segelte dann zum Finnischen Meerbusen. Nun erst konnte die

schwedische Division in See gehen. Ihre Bestimmung war, eine russische

Stellung bei Porkala zu nehmen, die den Verkehr in den Schären hinderte,

da sie aber bald auf eine größere Zahl russischer Schiffe stieß, kehrte

sie unverrichteter Dinge zurück.

=Herzog Karl= ersetzte seine Kranken durch Landrekruten, lief aber erst

auf wiederholten Befehl Mitte Oktober aus und kreuzte dann nur auf

Übungsfahrten in der südlichen Ostsee; als er erfahren hatte, daß neun

russische Schiffe in Reval aufgelegt hätten und der Rest nach Kronstadt

gesegelt sei, kehrte er am 21. Oktober nach Karlskrona zurück.

$Der Landkrieg 1789.$ Nach einem harten Winter begann =der Feldzug in

Finnland= erst im Juni und wurde dann mit wechselndem Waffenglück

geführt. Das schwedische Hauptheer unter =König Gustav= stand am

Kymeneflusse, ein kleineres unter Oberst =von Stedingk= weiter nördlich

in Savolaks. Hier überschritten die Russen Anfang Juni die Grenze und

drängten ihre Gegner zurück. Der König war am 25. Juni über den Grenzfluß

gegangen und siegreich vorgedrungen, ging aber dann der Lage im Norden

halber wieder bis Likala nahe Frederikshamn zurück; durch weiteres

Vorgehen gegen Wilmanstrand und Wiborg hätte er voraussichtlich Stedingk

entlastet und selber mehr erreicht; später wurden durch das Vorgehen des

Hauptheeres tatsächlich die Russen im Norden zum Rückzuge gezwungen und

der Oberst konnte wieder vorrücken. Bald aber gelang es dem Feinde, die

Verbindungstruppe zwischen dem Hauptheere und Stedingk zu schlagen, und

so dieses in der Flanke zu bedrohen. Der König wich darauf bis zum

Kymene, und nach der Schärenschlacht im Svensksunde, am 24. August, sogar

über den Fluß zurück, weil die Russen schon westlich von seiner Mündung

landeten.

Bei Eintritt der Winterruhe war die Stellung der Heere nahezu die gleiche

wie im Frühjahr.

$Die Operationen der Schärenflotten.$ =Das schwedische

Stockholmgeschwader= litt wie die Hochseeflotte unter Mannschaftsmangel.

Im Juni und Juli ging es nach und nach zur finnländischen Küste, wobei es

Truppen geleitete; diese Transporte erforderten große Vorsicht, weil die

russische Hochseeflotte die nördliche Ostsee und den Finnischen Busen

beherrschte. Dieses Galerengeschwader erreichte eine Stärke von 30

Fahrzeugen mit 1650 Seeleuten und 6700 Soldaten. =Das Sveaborggeschwader=

wurde Anfang Juni abteilungsweise bis zum Svensksunde, etwa 10 Seemeilen

südwestlich von Frederikshamn vorgeschoben; hier verfügte der

=Oberadmiral Graf Ehrensvärd= über 86 armierte Fahrzeuge mit rund 5600

Mann Land- und Seetruppen.

Das weitere Vorgehen des Stockholmgeschwaders nach Osten ward aber durch

den Feind erschwert. Die Russen hatten sich zwar der Stellung bei Hangö

nicht wieder bemächtigen können, weil die Schweden sie befestigt hatten,

sich aber eine ähnliche auf der Halbinsel Porkala, 20 Seemeilen westlich

von Sweaborg, geschaffen und sperrten hier das Schärenfahrwasser, das sie

außerdem durch Schiffe ihrer Hochseeflotte an der ganzen Küste, besonders

in der Nähe von Helsingfors, beunruhigten. Die Schweden besetzten deshalb

eine große Zahl von Wachtstellen, um den Verkehr aufrechtzuerhalten,

wodurch Ehrensvärd sehr geschwächt und verhindert wurde, auf dem rechten

Flügel des Landheeres weiter nach Osten vorzudringen.

=Die russische Küstenflottille= war in diesem Jahre rechtzeitig bereit

und fast doppelt so stark als die schwedische beim Svensksunde. Sie

erschien Mitte August dort; das Hauptgeschwader von 78 Fahrzeugen führte

der =Prinz von Nassau-Siegen=, den man nach seinen Erfolgen im Schwarzen

Meere nach Norden berufen hatte; ein zweites von 29 Fahrzeugen befehligte

Admiral =Kruse=.

Seekriege und Seekriegswesen, Zweiter Band in ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung. Mit besonderer Berücksichtigung der grossen Seekriege des XVII. and XVIII. Jahrhunderts. · 第 59 / 63 段