kleinere Verbände im östlichen wie im westlichen Mittelmeer kreuzen ließ,
entsandte mehrfach Strafexpeditionen, die schärfer vorgingen. Im Juni
1765 beschoß der Chef d'Escadre =Graf Du Chaffault= mit einem
Linienschiffe, 4 Fregatten, 2 Mörserbooten und 2 kleineren Fahrzeugen die
Städte Sale und Larache an der Westküste Marokkos; der Versuch, mit den
Schiffsbooten in einen Fluß nahe der letztgenannten Stadt einzudringen,
um dort liegende Raubschiffe zu zerstören, ward aber unter Verlust von
300 Mann zurückgeschlagen. Als Frankreich 1769 mit der Besetzung Corsicas
einen guten Stützpunkt im Mittelmeer gewann, sah der Bei von Tunis darin
eine Gefahr für seine Interessen, d. h. den Seeraub; er versuchte England
aufzureizen und erregte so Frankreichs Zorn. 1770 beschoß der Kapitän
=Graf de Broves= mit 2 Linienschiffen, 2 Fregatten und 2 Mörserbooten im
Juni die Städte Biserta und Susa, worauf der Bei um Frieden bat.
=Spanien= unternahm 1775 sogar eine Expedition mit einer starken Flotte
und einem Landungskorps von 25000 Mann gegen die Stadt Algier. Man
landete auch, aber das schlecht geleitete Unternehmen schlug unter großen
Verlusten fehl.
Der Schwedisch-Russische Krieg 1741-1743[197].
Bei Ausbruch des Österreichischen Erbfolgekrieges fürchtete Frankreich,
daß Rußland für Österreich Partei nehmen würde, und suchte ihm Schweden
auf den Hals zu hetzen, um es anderweitig zu beschäftigen. Seine Ränke
fanden guten Boden, weil die im schwedischen Reichstage herrschende,
kriegerische Adelspartei der »Hüte« in den seit dem Tode der Kaiserin
Anna zerfahrenen inneren Verhältnissen Rußlands, sowie in dem nach Peter
des Großen Tode eingetretenen Verfall der russischen Marine eine günstige
Gelegenheit zu finden glaubte, die im Frieden von Nystad (1721)
aufgegebenen Provinzen Livland, Esthland, Ingermanland, Karelien und
damit die Vorherrschaft in der Ostsee wiederzugewinnen. Obgleich Schweden
selber im Innern durch jahrzehntelange Zwiste der französisch gesinnten
Partei der »Hüte« und der russisch gesinnten der »Mützen« sehr geschwächt
war, gelang es doch der ersteren, den Reichstag am 4. August 1741 zu
einer übereilten Kriegserklärung zu bestimmen.
[197] Kirchhoff, Band I, schildert die Kriege in der Ostsee bis in
Einzelheiten genau; die Darstellung folgt ihm in der Hauptsache.
In seinem Werke findet man auch die eingehende innere Geschichte
der Marinen Rußlands, Schwedens und Dänemarks, ähnlich wie sie
hier für die der Westmächte fortlaufend gegeben wird.
Bei dem mangelhaften Zustand der Flotten auf beiden Seiten hatten die
Unternehmungen zur See wenig Bedeutung; es genügt deshalb, den Krieg ganz
kurz zu fassen.
$Die Streitmittel[198].$ =Die russische Marine= zählte zwar 1736 36
Linienschiffe, 12 Fregatten und etwa 250 Galeren für den Schärenkrieg,
aber die Fahrzeuge waren in schlechter Verfassung und es mangelte an
Seeleuten, da es eine Handelsflotte kaum gab; 1740 war von den für die
Linienschiffe nötigen 9000 Mann kaum die Hälfte vorhanden.
[198] Angaben über die nordischen Marinen in der früheren Zeit siehe
Band 1, Seite 582 ff.
=Die schwedische Marine= besaß 1734 22 Linienschiffe, 8 Fregatten und
einige 30 Fahrzeuge für den Küstenkrieg.
In Voraussicht des kommenden Krieges war der schwedische Vizeadmiral =von
Rajalin= schon im Mai 1741 mit 10 Linienschiffen und 4 Fregatten von
Karlskrona nach den Aspöinseln südlich von Frederikshamn an der
finnländischen Küste gesegelt, wo er Verstärkungen erwarten sollte.
Infolge schlechter Verpflegung brach aber bald auf der Flotte eine
Epidemie aus, der bis Anfang August über 700 Mann erlagen. Da außerdem
der Krankenbestand mehr als 2000 Mann betrug, waren die Schiffe völlig
gefechtsunfähig; zum Glück zeigte sich die russische Flotte nicht.
=Rajalin= unternahm nichts und kehrte im Oktober nach Karlskrona zurück;
die inzwischen eingetroffene Schärenflottille folgte ihm, ohne irgendwie
verwendet worden zu sein. Nur schwedische Kreuzer waren im Skagerrak und
in der Ostsee durch Aufbringen von Schiffen mit Zufuhren für Rußland von
Nutzen gewesen.
$Im Landkriege$ hatte Rußland 1741 einen Erfolg zu verzeichnen. General
=Keith= -- der spätere preußische Feldmarschall -- drang Ende August in
Finnland ein, schlug die Schweden bei Wilmanstrand und erstürmte diese
wichtige Grenzfestung. Beide Heere bezogen dann Winterquartiere. Im
Februar 1742 plante der Feldmarschall Lacy von Narwa aus über das Eis
in Finnland bei Frederikshamn einzufallen. Eintretendes Tauwetter
verhinderte die Ausführung und das Eindringen von Karelien aus ward
durch Unruhen im Heere längere Zeit hingehalten; erst Ende Juni begann
der Feldmarschall längs der Küste vorzurücken, wobei er mit den
Seestreitkräften in Verbindung zu bleiben strebte.
$1742$ hatten die schwedischen Seestreitkräfte ebensowenig Erfolg. Zwar
sammelte sich im Sommer wiederum eine Flotte von 12 Linienschiffen nebst
6 Fregatten unter Vizeadmiral =Sjöstjerna=, sowie eine Schärenflottille
bei den Aspöinseln, abermals jedoch schwächte Krankheit die Besatzungen.
Als dann der am Lande befehligende =General Löwenhaupt= die Forderung
stellte, den russischen Seestreitkräften -- 12 Linienschiffe und 40
Galeren -- entgegenzutreten, die das von Wiborg her vordringende
feindliche Heer begleiteten, wagte der Admiral dies nicht. Er segelte mit
dem Hochseegeschwader nach Hangö-Udde und berief auch die Flottille zu
sich, als die russische Hochseeflotte dort erschien. =Löwenhaupt=
leistete nirgend ernstlichen Widerstand, sondern wich von Ort zu Ort
zurück; so konnten die Russen ohne Kampf das befestigte Frederikshamn
besetzen und im September mit 17000 Mann das schwedische Hauptheer von
12000 Mann, das westlich von Helsingfors zu Lande und zu Wasser
eingeschlossen war, zur Übergabe zwingen. Sie drangen dann noch unter
=Keith= bis Abo vor.
Durch einen nach der Kapitulation geschlossenen Waffenstillstand wurden
die schwedischen Seestreitkräfte frei und kehrten nach Schweden zurück.
Man sandte nun ein Geschwader nach der Nordsee, um 6 russischen
Linienschiffen entgegenzutreten, die in Archangel ausgerüstet waren;
diese sahen sich genötigt, umzukehren. Die Russen benutzten aber die
Abwesenheit der schwedischen Flotte, sich im Herbst noch der
Aalandsinseln zu bemächtigen.
Im Frühjahr $1743$ setzten sich die Schweden durch rasches Vorgehen
wieder in Besitz dieser Inseln und sammelten hier 30 Galeren; ein
Versuch, nach Osten vorzudringen, ward aber durch =Keith= mit 30 Galeren
von Abo aus verhindert. Im Juni kam dann =Lacy= mit 50 Galeren bis
Hangö-Udde heran, konnte sich jedoch nicht mit =Keith= vereinigen, weil
inzwischen die schwedische Flotte von 16 Linienschiffen unter Admiral
=von Utfall= hier erschienen war. Bald aber zeigte sich auch der
russische Admiral =Golowin= mit 17 Linienschiffen bei Hangö, =Utfall=
ließ sich von ihm zur Verfolgung bis Reval verlocken und die Vereinigung
der beiden russischen Schärenflottillen fand statt. =Lacy= hatte nun über
70 Galeren mit 20000 Mann gegenüber den 30 schwedischen, während sich die
beiderseitigen Hochseeflotten in Schach hielten.
Schweden mußte jetzt wie zu Ende des Nordischen Krieges eine Verwüstung
der eigenen Küsten befürchten und war deshalb zu Verhandlungen bereit. Am
18. August 1743 ward der =Frieden zu Abo= geschlossen, in dem Schweden
die Grenzfestungen Wilmanstrand, Nyslot und Frederikshamn, sowie Finnland
bis zum Kymeneflusse abtrat.
Der Krieg hatte Schweden 11 Millionen Taler und große Menschenopfer
gekostet; auf der Hochseeflotte waren 6000 und auf der Schärenflottille
1500 Mann allein Krankheiten erlegen. Die Gründe seiner Mißerfolge liegen
in der Uneinigkeit der Führer am Lande infolge der Parteizwiste in
Schweden, die bei einigen Führern hart an Verrat streiften, sowie in dem
Mangel eines einheitlichen Zusammenwirkens der Land- und Seestreitkräfte;
auf russischer Seite ist dagegen ein planmäßiges Hand in Hand Gehen der
beiden Waffen zu erkennen.
$Ein Zusammenstoß Schwedens mit Dänemark$ ward durch russische Hilfe
verhindert. In Schweden war nach langen Wahlkämpfen Herzog =Adolf
Friedrich von Holstein-Lübeck= zum Thronfolger erwählt. Da auch der
Kronprinz von Dänemark zur Wahl gestanden hatte, begann Dänemark im
Sommer 1743 zu einem Einfall in Schweden zu rüsten. Dieses bat nach dem
Friedensschluß Rußland um Unterstützung und eine russische
Galerenflottille mit 10000 Mann nahm Winterquartiere zwischen Nyköping
und Westerwik. Darauf stand Dänemark von seinem Vorhaben ab.
Die schwedische und die russische Marine im Siebenjährigen
Kriege 1756-1763.
Die Beteiligung der beiden Marinen an diesem Kriege war sehr gering.
=Die Hochseeflotten= wurden nur zu Demonstrationen und zur Beschießung
Kolbergs benutzt. Als 1758 eine englische Flotte in der Ostsee zu
erwarten war, vereinigten sich im Juni ein schwedisches, sowie ein
russisches Geschwader mit einem dänischen in der Kjögebucht und blieben
dort bis zum Herbst liegen. 1759 trat eine schwedisch-russische Flotte
zusammen, die Swinemünde blockierte und die Einnahme der Insel Usedom
unterstützte, als man sichere Nachricht erhalten hatte, daß die Engländer
nicht kommen würden. 1760 ging eine verbündete Flotte der drei
Ostseemächte schon nach einer vierzehntägigen Kreuzfahrt wieder
auseinander. Das russische Geschwader von 27 Schiffen, unter =Admiral
Mischakow=, durch 8 schwedische verstärkt, erhielt dann Befehl, Kolberg
zu bombardieren und dort 8000 Mann zu landen; das Unternehmen hatte aber
keinen Erfolg. Auch 1761 erschien Ende August eine russisch-schwedische
Flotte von 40 Schiffen vor der belagerten Stadt und beteiligte sich an
der Beschießung, doch erst am 16. Dezember ergab sich Kolberg aus
Hungersnot.
Es war ein Glück für =Friedrich den Großen=, daß Schweden und Rußland mit
ihren Flotten nicht Landungen in größerem Maße an den pommerschen oder
mecklenburgischen Küsten unternahmen. Dagegen hätte das versprochene
Auftreten englischer Seestreitkräfte in der Ostsee durch Erschwerung der
Zufuhren für Schweden und Rußland dem König große Erleichterung gebracht.
=Ein Teil der schwedischen Schärenflotte= erhielt vorteilhaftere
Verwendung. 1757 ging eine Flottille von 4 Galeren und 2 Geschützprähmen
mit einer Besatzung von 1000 Mann nach Pommern hinüber und wurde 1758
noch durch einige Fahrzeuge verstärkt. Mehrfach unterstützte sie
Unternehmungen der Landtruppen, beschoß die Befestigungen bei Peenemünde,
griff die Fähre bei Anklam an und räumte im Fahrwasser von Swinemünde
versenkte Fahrzeuge fort. Sie lief dann in die Haffs ein, um eine in
Stettin gebildete preußische Flottille von 4 Galeren, 4 Galioten und
einigen Barkassen mit insgesamt 700 Mann zu vernichten.
Diese stellte sich am 11. September in der Enge zwischen dem Großen und
dem Kleinen Haff beim =Reppiner Haken= der schwedischen, die z. Z. 4
Galeren, 4 Halbgaleren und 3 Schaluppen zählte. Die Preußen lagen zu
Anker, ihre Galeren in der Mitte, je 2 Galioten auf den Flügeln, die
Barkassen dahinter. Die Schweden griffen an und gingen sogleich zum
Entern über, weil sie die Überlegenheit der feindlichen Artillerie
erkannt hatten. Die preußische Flottille mußte die Ankertaue kappen, um
nach Osten zu entkommen, auf der Verfolgung wurden 8 Fahrzeuge mit 106
Kanonen, 26 Offizieren und 640 Mann genommen; die Überlegenheit der
Schweden an Mannschaften und ihre größere seemännische Geschicklichkeit
hatten den Ausschlag gegeben.
Trotz dieser Niederlage stellte Preußen eine neue Flottille von 2
flachgehenden Fregatten mit je 12 18-Pfündern und kleineren Schiffen auf,
die auch im weiteren Verlauf des Krieges einige schwedische Fahrzeuge
nahmen.
$Über die Stellung Friedrich des Großen$ zur Schaffung einer Flotte,
über die Gründe hierfür, die Vorschläge, die dem Könige gemacht wurden,
und dessen Entscheide darauf gibt =Kirchhoff= (Band I, Seite 311-317)
lesenswerte Angaben. Es sei daraus hier nur erwähnt, daß Friedrich nach
seinem berühmten Testament von 1752 die Schaffung einer Flotte neben
dem Halten eines starken Heeres für nicht angebracht erachtete, weil
das Land zu arm und sein Hauptgegner zunächst Österreich sei. Man muß
bedenken, daß der König beim Regierungsantritt nichts von
Seestreitkräften vorfand und daß eine neugegründete Flotte bis zum
Beginn der von ihm sicher vorausgesehenen Kriege kaum leistungsfähig
werden konnte. Nachher lagen ihm andere Aufgaben zur Erhaltung und
Stärkung seines Staates näher.
Die russisch-türkischen Kriege 1768-1774 und 1787-1791.
$Der Krieg 1768-1774.$ Die Versuche der Kaiserin =Katharina= II., das
polnische Reich ganz ihrem Willen zu unterwerfen, erregte die Besorgnis
der Türkei, die von Frankreich und Österreich noch gesteigert wurde, um
dadurch Rußland von Polen abzuziehen. 1768 erklärte die Pforte den Krieg.
Rußland hatte im Österreichisch-Russisch-Türkischen Kriege 1736-1739 Asow
gewonnen und war so ans Schwarze Meer gelangt; =Katharina= (1762-1796)
begann am Don eine Flotte zu bauen, wie es schon =Peter der Große=
geplant hatte[199]. Diese war allerdings zum ersten Kriege noch nicht
bereit, aber die russische Ostseeflotte sollte in diesem für das
Mittelmeer eine Rolle spielen.
[199] Vgl. Band I, Seite 583.
$Der Hauptkrieg am Lande$ in Europa ist für diese Darstellung ohne
Bedeutung; er verlief zum Nachteil der Türken. Diese drangen zwar 1769
gegen die russische Grenze vor, wurden aber am Dnjestr geschlagen, und
die Russen eroberten 1770 die Moldau sowie die Walachei und 1771 die
Krim. Im Juni dieses Jahres trat ein Waffenstillstand ein, die
Friedensverhandlungen führten aber nicht zum Ziel. 1773 wurde der Krieg
an der Donau fortgesetzt, bis die Türkei nach einer schweren Niederlage
im Juni 1774 zum Frieden bereit war.
=Im Mittelmeere= geriet nämlich die Türkei durch Aufstände in
Griechenland, Ägypten und Syrien, die von Rußland unterstützt wurden, in
Bedrängnis.
=Katharina= sandte im Oktober 1769 eine Flotte von 12 Linienschiffen, 12
Fregatten nebst Transportern mit einigen Bataillonen Infanterie zum
Mittelmeer. Den Oberbefehl führte dem Namen nach =Alexej Orlow=, ein
Günstling der Kaiserin, der gar keine maritime Kenntnis besaß, in
Wahrheit =Admiral Spiridoff=, unterstützt durch seinen Flaggkapitän,
Kontreadmiral =Greigh=, und seinen Vizeadmiral =Elphinstone=; beide waren
Engländer, wie auch sonst viele Seeoffiziere dieser Nation in der
russischen Flotte dienten.
=Die türkische Flotte= zählte einige 20 Linienschiffe, die an sich wohl
besser waren als die russischen, aber Offizieren wie Besatzungen fehlte
jede Ausbildung; nur eine geringe Zahl von Angehörigen der
Barbareskenstaaten waren seemännisch-militärisch brauchbar.
=Orlow= traf im April 1770 in Griechenland ein und landete die Soldaten
auf dem Peloponnes. Hier hatten sich die Mainoten des Taygetus erhoben,
durch russische Agenten aufgewiegelt; sie drangen nun mit den Russen im
Peloponnes vor, wobei viele Grausamkeiten an türkischen Einwohnern in
Mistra und Kalamaka verübt wurden. Man erreichte nicht viel; Methone und
Koroni auf der Südwestspitze der Halbinsel wurden vergeblich belagert.
Die Türken, durch Albanesen vom Festlande her verstärkt, unterdrückten
nach und nach den Aufstand, besonders nachdem Ende Mai die schwachen
russischen Truppen wieder eingeschifft waren.
Eine herangekommene türkische Flotte ward dagegen durch die russische
gezwungen, sich unter die Kanonen von Nauplia zu legen und hier am 15.
und 16. Mai beschossen; sie zog sich dann in den Archipel zurück, wo auf
einigen Inseln Aufstände ausgebrochen waren. =Orlow= folgte ihr nach
Einschiffung der Truppen, fand sie nach längerem Suchen -- 16
Linienschiffe, 6 (9?) Fregatten und 11 kleinere Fahrzeuge stark -- in der
Straße von Chios und vernichtete sie völlig =in der Bucht von Tscheschme=
am nahen Festlande.
$Die Vernichtung der türkischen Flotte vor Tscheschme, 5. Juli 1770.$
Gejagt von den Russen, hatte die türkische Flotte am 5. Juli am
Eingange der unverteidigten Bucht geankert; der befehligende
Kapudan-Pascha begab sich sofort an Land, »um den Bau von Schanzen zu
veranlassen« und überließ das Admiralschiff dem Algerier =Hassan=.
=Spiridoff= enterte dieses mit seinem Flaggschiffe; während des Kampfes
fingen beide Feuer, das türkische flog auf, das russische verbrannte.
=Hassan=, der sich heldenmütig verteidigt hatte, kam mit dem Leben
davon und tat später lange Jahre hindurch als Kapudan-Pascha viel zur
Hebung der türkischen Marine. Die übrigen türkischen Schiffe kappten
ihre Ankertaue und trieben in völliger Verwirrung eng zusammengedrängt
zum Ende der Bucht. Die Russen richteten schnell drei Fahrzeuge als
Brander zu; mit diesen, durch englische Offiziere geführt und beim
Angriff durch das Feuer der Flotte gedeckt, wurden noch in der
folgenden Nacht fast alle türkischen Schiffe verbrannt oder
aufgesprengt; gegen 8000 Mann fanden ihren Tod. Ein Linienschiff und 5
kleinere Fahrzeuge wurden genommen.
=Orlow= nutzte den Sieg nicht weiter aus, obgleich =Elphinstone= riet,
bis Konstantinopel vorzudringen und auch am 26. Juli mit 3 Linienschiffen
und 4 Fregatten bei der Verfolgung zweier türkischer Linienschiffe die
Befestigungen am Eingange der Dardanellen passierte. (Kum Kaleh und
Seddil Bahr.) Er scheint dann aber nur bis Kepes Burun gelangt zu sein,
weil die durch einen französischen Offizier kürzlich verstärkten Werke
an der Enge (Kilid Bahr und Kaleh Sultanie) zu mächtig waren; es steht
dahin, ob nicht der gesamten Flotte ein weiteres Vordringen doch gelungen
wäre.
Die russische Flotte trat hierauf noch im Mittelmeer auf. In Akka hatte
sich ein Beduinenscheich, =Daher=, und in Ägypten der Pascha =Ali Bey=
gegen den Sultan erhoben; beide vereint führten Krieg gegen die Paschas
von Damaskus und Saïda. =Orlow= unterstützte sie beim Angriff auf
Küstenstädte, z. B. Jaffa, Beirut und Damiette, konnte aber ihr
schließliches Unterliegen nicht hindern. Im allgemeinen beschränkte sich
die Tätigkeit der Flotte sonst auf den Kreuzerkrieg. Im Januar 1775
kehrte sie nach der Ostsee zurück. Hin- und Rückreise brachten bei der
Unerfahrenheit der Besatzungen viele Fährnisse, hatten aber doch wie der
Aufenthalt im Mittelmeer überhaupt die Ausbildung der russischen
Ostseeflotte sehr gefördert.
=Der Frieden von Kücük-Kainardschi=, 21. Juli 1774, war für Rußlands
Stellung am Schwarzen Meere und die Entwicklung seiner Seemacht dort von
großer Bedeutung. Es erhielt Asow, Kertsch mit der Festung Jenikale und
Kinburn an der Einfahrt zu dem Mündungsgebiet des Dnjepr und Bug
Otschakow gegenüber, das noch türkisch blieb; ferner wurde ihm das Recht
der freien Schiffahrt in den türkischen Gewässern, selbst in den
Dardanellen, zugestanden. Die Moldau und die Walachei gab es zurück und
die Krim wurde für unabhängig erklärt.
* * * * *
$Der Krieg 1787-1791.$ 1783 trat der Khan der Krim sein Gebiet gegen ein
Jahrgeld an =Katharina= ab. Die Türkei war darüber erbittert, und da
Rußland sich auch in Georgien festzusetzen suchte, erklärte sie im August
1787 wiederum den Krieg. Obgleich die russische Ostseeflotte seit 1774
sehr erstarkt und auch im Schwarzen Meere eine neue Seemacht geschaffen
war, spielten doch deren Streitkräfte in diesem Kriege keine große Rolle.
Die Anführung ihrer wenigen Waffentaten wird genügen.
$Der Verlauf des Landkrieges.$ Österreich war durch Verträge zu
Rußlands Beistand verpflichtet; der Kaiser versuchte zunächst
vergeblich zu vermitteln und trat dann Februar 1788 in den Krieg ein.
Die österreichischen Truppen fochten an den türkischen Grenzen von
Kroatien bis Galizien, das Hauptheer an der Donau, rechts und links
davon selbständig das kroatische, slawonische, banater, siebenbürger
und galizische Korps, die Russen schlossen sich vom linken Flügel bis
zum Schwarzen Meere an. Wenn auch mit wechselndem Waffenglück gekämpft
wurde, so blieb doch der Enderfolg den Verbündeten. Die wichtigen
Festungen Jassy (September), Otschakow (Dezember 1788), Belgrad
(September), Bender (November 1789) und Orsova (April 1790) nebst
anderen wurden genommen; Bessarabien, die Walachei sowie ein Teil von
Serbien fielen in ihre Hände. Auf Vermittlung Preußens und Englands
schloß Österreich am 23. September 1790 Waffenstillstand und am 4.
April den =Frieden zu Sistowa=, in dem es seine Eroberungen zurückgab.
Rußland setzte den Krieg fort, eroberte Ismail an der unteren Donau
(Dezember 1790) und drang im April 1791 über diesen Fluß vor. Nach
einer empfindlichen Niederlage bei Tultscha (9. Juni) schloß die Türkei
am 9. Januar 1792 den =Frieden zu Jassy=.
=Die russische Ostseeflotte= sollte auch in diesem Kriege kräftig im
Mittelmeere eingreifen, wurde aber durch den Ausbruch des Kampfes mit
Schweden im Norden zurückgehalten. =Die Schwarze Meer-Flotte= war aber
schon kampfkräftig. Am Dnjepr war 1778 die Stadt Cherson als Kriegshafen
gegründet[200] und 1788 standen hier 19 Schiffe von 36 bis 66 Kanonen in
Dienst, während noch 11 an der Werft lagen; hierzu trat eine starke
Flottille von kleinen Segelfahrzeugen und Ruderkanonenbooten für den
Küstenkrieg. Rußland war jetzt der Türkei an Seestreitkräften gewachsen.
[200] Der Kriegshafen ward 1788 nach Nikolajew am Bug verlegt.
Als die =Belagerung von Otschakow= im Mai 1788 aufgenommen wurde,
erhielten die Hochseeflotte unter Kontreadmiral =Paul Jones= -- dem
bekannten amerikanischen Freibeuterführer (vgl. Seite 406) -- und die
Küstenflottille unter dem =Prinzen von Nassau-Siegen= Befehl, die Stadt
von der See abzuschließen. Sie lieferten der türkischen Flotte unter dem
Kapudan-Pascha =Gazi-Hassan= verschiedene Gefechte und vernichteten am
28. und 29. Juni einen großen Teil von ihr. Vom 12. Juli an war die
Festung von der See abgeschnitten und blieb es, obgleich die türkische
Flotte später noch einmal erschien, bis zum erfolgreichen Sturm im
Dezember, den die Ruderflotte durch ihr Feuer von See her mit vorbereitet
hatte.
$1791$ sandten die Türken eine Flotte von 18 Linienschiffen und 12
Fregatten ins Schwarze Meer, um die russische Seemacht dort anzugreifen.
Es kam zuerst am 19. Juli unweit =Jenikale= zu einer unentschiedenen
Schlacht, später vertrieb dann Admiral =Uschakow= durch siegreiche
Gefechte am 8. und 9. September die Türken.
Bei der =Belagerung von Ismail= zu Ende des Krieges schloß die
Küstenflottille die Stadt von der See ab.
=Im Frieden von Jassy=, 9. Januar 1792, gab Rußland zwar seine sonstigen
Eroberungen zurück, behielt aber die Krim und die Küste bis zum Dnjestr
mit der Festung Otschakow; =Rußlands Stellung am Schwarzen Meere war
damit fest begründet=.
Der Schwedisch-Russische Krieg 1788-1790[201].
=Gustav III. von Schweden= (1771-1792) hatte seit langem geplant, unter
günstigen Umständen Dänemark und Rußland anzugreifen, um durch
kriegerischen Ruhm wie Gustav Adolf Macht und Ansehen zu erringen,
insbesondere die auf dem Festlande verlorenen Provinzen wieder zu
erobern. Die Verwicklungen Rußlands mit der Türkei erschienen ihm
geeignet, zunächst gegen diesen Staat vorzugehen. Er knüpfte mit England
und der Türkei Verhandlungen wegen Lieferungen von Subsidien an, aber ehe
diese noch zu einem Abschluß gekommen waren, beschloß er, loszuschlagen,
durch Umtriebe der =Kaiserin Katharina II.= hierzu gereizt. Diese
betrachtete die seit längerer Zeit mit französischem Gelde betriebene
Rüstung der schwedischen Marine mit Recht als gegen sich gerichtet und
schürte deshalb den Streit der Parteien in Schweden; da sie ferner die
Eroberung Finnlands stets im Auge hatte, wirkte sie auch hier zuungunsten
Schwedens auf den Adel des Landes ein, der sich mit dem Gedanken eines
Abfalls von Schweden trug. Bei einer Reise =Gustavs= in Finnland 1787
zeigte sich klar, daß die aufrührerische Bewegung unter dem Adel und den
Offizieren des schwedisch-finnländischen Heeres große Fortschritte
gemacht hatte; ein Umstand, der den König gleichfalls bewog, den Krieg
sobald als möglich zu beginnen.
[201] Hauptquelle: Kirchhoff, vgl. die Anmerkung zu Seite 418. Das Werk
behandelt besonders auch die Ereignisse des Schärenkrieges sehr
eingehend, die hier kürzer gefaßt sind.