Seekrieg und wohl der an Ereignissen reichste, der je ausgefochten ist.
England, Frankreich und Spanien spannten ihre maritimen Kräfte bis aufs
äußerste an, in allen Meeren maßen sich große Flotten, gegen 20
Schlachten fanden statt. Und doch brachte der Krieg keinem der Länder
wesentliche Vor- oder Nachteile, außer daß England durch ihn in dem
Landkriege mit seinen nordamerikanischen Kolonien unterlag. Dies war die
Folge einer mangelhaften Strategie auf beiden Seiten. Die Entstehung des
Krieges, die Ziele der Verbündeten sowie die allgemeine militärische Lage
beider Parteien wurden bereits bei Beginn seiner Darstellung
erörtert[190] und auf die einzelnen Abschnitte seines Verlaufes folgte
stets eine kritische Besprechung; es erscheint aber wünschenswert, zum
Schluß nochmals =die Kriegführung der Gegner im großen= zu
betrachten[191].
[190] Vgl. »Entstehung des Krieges«, Seite 215; »Kennzeichnung des
Krieges«, Seite 218; »Anordnung der Schilderung nach den
Kriegsschauplätzen«, Seite 243.
[191] Mahan (Band I, Kapitel XIV, Kritische Besprechung des Seekrieges
von 1778) benutzt diesen Krieg zur Darlegung verschiedener
wichtiger Grundsätze der Strategie, gegen die auf beiden Seiten
verstoßen sei. Wir bringen in nachstehendem einiges aus den sehr
lesenswerten Auslassungen, ohne sie jedoch auch nur annähernd zu
erschöpfen.
=Das eigentliche Ziel der Verbündeten= war, früher erlittene Demütigungen
zu rächen und die tyrannische Herrschaft zu brechen, die England auf dem
Ozean sich anmaßte. Frankreich gedachte dabei, seinen Besitz in
Westindien zu vermehren und in Ostindien wieder überwiegenden Einfluß zu
gewinnen; Spanien hoffte, Gibraltar, Minorka, Florida und womöglich auch
Jamaika zurückzuerhalten. Die Herrschaft Englands beruhte auf seiner
großen aktiven und latenten Seemacht, auf seiner Kriegsmarine und seinem
Seehandel, seinen Marinestationen und Kolonien in allen Teilen der Welt.
Hierin lagen mithin auch die Angriffspunkte für die Gegner. Infolge des
Aufstandes der Amerikaner sah sich England mit Verlust seiner damals
wichtigsten Kolonie bedroht; verlor es diese, so büßte es auch eine Reihe
von Häfen ein und dadurch entstand eine Lücke in der Kette seiner
Stützpunkte zwischen Kanada und Westindien; seine Flotte hatte es aber
durch Frankreich und Spanien wenigstens in der Zahl der Schiffe überholen
lassen. Die Gelegenheit zum Angriff war also für die Gegner günstig.
Die nächste Frage bildete nun =die Wahl der Angriffsobjekte seitens der
Verbündeten=: der Hauptpunkte, die man nie aus dem Auge lassen durfte,
und der Ziele zweiter Ordnung, die die Verteidigung ablenken und ihre
Kräfte zersplittern sollten. Da der Hauptzweck der Verbündeten nicht war,
den Amerikanern zu nutzen, sondern England zu schaden, gebot die
militärische Politik, jene nur soweit zu unterstützen, daß sie den Krieg
fortsetzen konnten. England in seinen anderen Kolonien mit Erfolg
anzugreifen, erforderte unbedingte Seeherrschaft, aber nicht nur an Ort
und Stelle, sondern überhaupt, denn keine der beiden Parteien besaß in
den fernen Meeren so leistungsfähige Stützpunkte, daß die Flotten dort
auf die Dauer see- und gefechtsbereit erhalten werden konnten; die
Kolonien selber waren noch auf Zufuhren aus Europa angewiesen. Amerika
und die anderen Kolonien eigneten sich also nur zu Diversionen, während
als Hauptangriffspunkte England als Basis seiner Flotte und diese selber,
sowohl als Streitmacht an und für sich wie als Sicherung der Verbindung
mit den auswärtigen Kriegsschauplätzen anzusehen waren. Hier mit
Übermacht aufzutreten, ward den Verbündeten dadurch erleichtert, daß
England sich entschloß, seine Streitkräfte in weitgehendem Maße zu
verteilen, um überall einem Angriffe entgegentreten zu können.
=Diese Maßnahme Englands= fordert zur Kritik heraus; um sie mit
Sicherheit durchzuführen, wäre Überlegenheit an Streitkräften nötig
gewesen. Man konnte nie wissen, wohin der Gegner den Hauptstoß richten
würde; dies ist ein Nachteil der Verteidigung, der im Seekriege besonders
hervortritt, da marschierende Flotten keine Spuren hinterlassen. Jede
ferne Station hätte stark besetzt gehalten werden und außerdem jeder von
Europa auslaufenden feindlichen Flotte eine derartig starke eigene
angehängt werden müssen, daß man auf dem bedrohten Punkte überlegen war.
Dies konnte aber die schwächere Partei nicht durchführen und England
setzte sich mit seinem Entschluß der Gefahr aus, an irgendeiner Stelle
mit Übermacht angegriffen zu werden. Im großen und ganzen ist es ihm
gelungen, dem Gegner auf den fernen Kriegsschauplätzen mit genügenden
Kräften entgegenzutreten, jedoch nicht immer. In Westindien mußten sich
seine Flotten mehrfach unter die Kanonen von Landbefestigungen
zurückziehen und konnten den Verlust einiger Inseln nicht hindern; in
Nordamerika entschied das Übergewicht der französischen Seestreitkräfte
1781 den Landkrieg. Dieses hatten die Franzosen dadurch erlangt, daß
ihrer Flotte (=de Grasse=) beim Verlassen Westindiens nur ein Teil der
englischen folgte, um Westindien und den dortigen Handel nicht ganz
preiszugeben; ein sprechendes Beispiel für die Schwäche der englischen
Strategie. In den heimischen Gewässern aber war England stets weit
unterlegen. Seine Flotte hier war sogar zu schwach, auch nur die
Verteidigung der eigenen Küsten sicherzustellen; nur infolge der
mangelnden Tatkraft der Gegner hat sie diese Aufgabe lösen und auch noch
Vorstöße machen können.
=Eine richtigere Strategie Englands= wäre wohl gewesen, den Hauptangriff
auf die feindlichen Seestreitkräfte zu richten; diese aber waren am
sichersten vor ihren eigenen Häfen zu finden; England konnte dabei den
Vorteil ausnützen, daß seine Flotte eine gemeinschaftliche Basis hatte,
in einer Hand lag und aus einem Guß war. Es mußte die europäischen
Gewässer, Nordamerika und Westindien als =einen= Kriegsschauplatz ansehen
und mit seiner Hauptmacht die Vereinigung der Gegner zu hindern, deren
Plänen gleich bei ihrem Auslaufen entgegenzutreten suchen. Um hierzu in
Europa die nötigen Kräfte zu haben, hätte man allerdings die auswärtigen
Angriffspunkte durch Schwächung der Geschwader dort bis zu einem gewissen
Grade aufs Spiel setzen müssen, jedoch konnte man dies in Nordamerika
durch eine gegen jeden Seeangriff genügende Befestigung der
Hauptstützpunkte, New York und Newport, zum Teil ausgleichen. Mit einem
derartigen Auftreten vor den feindlichen Häfen soll keineswegs auf eine
strenge Blockade hingewiesen sein, mit der eitlen Hoffnung, jeden Vorstoß
zu verhindern oder jeden Konvoi abzufangen, sondern auf die Aufgabe,
jeder großen ausgelaufenen Flotte auf den Fersen zu folgen und sie mit
Übermacht zu schlagen[192]. Dem Landkriege in Nordamerika wäre dies
gleichfalls zugute gekommen, denn die Amerikaner konnten sich nur mit
Hilfe der französischen Marine, sowie durch Zufuhren aus Europa halten
und endlich wurde auf diese Weise leichter den Gegnern die Versorgung
ihrer Stützpunkte draußen erschwert. Um es nochmals hervorzuheben, auch
England mußte als erstes Ziel die Vernichtung der feindlichen
Seestreitkräfte ansehen.
[194] Nach diesem Gesichtspunkte handelten die Engländer in den
späteren Kriegen (vgl. Mahan, Band I, Seite 512), aber auch schon
in den beiden vorhergegangenen war ihm Rechnung getragen (vgl. in
unseren Betrachtungen Seite 115 den Ausspruch Colombs, und Seite
125 »Das Vorgehen der englischen Flotte«).
Es ist allerdings fraglich, ob die englische Regierung der Volksmeinung
gegenüber, der sie stets hat Rechnung tragen müssen, Kolonien und Handel
scheinbar im Stich lassen durfte, wenn auch ihr Verhalten tatsächlich nur
deren Verteidigung schon in den europäischen Gewässern bezweckt hätte.
=Wie lösten nun die Verbündeten ihre Aufgabe?= Frankreich hatte den Krieg
vorbereitet und begann den Feldzug 1778 mit einer Diversion nach
Nordamerika (=d'Estaing=), die sich später gegen Westindien wenden
sollte, es hatte aber nicht genügend gerüstet, um in diesem Jahre schon
in Europa kräftig auftreten zu können; nicht einmal das Auslaufen einer
englischen Flotte unter =Byron= nach dem bedrohten Punkte vermochte es zu
hindern. 1779 verstärkte es seine Kräfte in Westindien und bereitete mit
Spanien vereint einen Einfall in England vor. Das Unternehmen schlug
fehl, weil Spanien zu spät fertig war und dann dem Oberbefehlshaber
=d'Orvilliers= die nötige Tatkraft mangelte. Von 1780 an machte sich die
Verschiedenheit der Interessen geltend; Frankreich legte ein zu großes
Gewicht auf den westindischen Kriegsschauplatz und Spanien auf die
Eroberung von Gibraltar. Dieses war ein Nebenziel ohne Einfluß auf den
Großen Krieg und hätte leichter sowie sicherer durch Lösung der
Hauptaufgabe, Vernichtung der feindlichen Seemacht, erreicht werden
können; Frankreich gab trotz besserer Einsicht hierin nach. So brachten
denn die weiteren Kriegsjahre den Verbündeten außer der gleichfalls
belanglosen Eroberung von Minorka in Europa keine Erfolge, obgleich ihre
Flotte stets bedeutend überlegen war; allerdings führte auch noch ein
unfähiger Admiral (=Cordoba=) den Oberbefehl. Man unternahm nichts
Ernstes mehr gegen England und seine Kanalflotte. Dieser gelang es sogar,
in jedem Jahre Gibraltar zu verstärken und mehrfach die Verbindung der
Gegner mit anderen Kriegsschauplätzen zu stören. Die Kraft der englischen
Marine infolge ihres inneren Wertes sowie der Kühnheit und
Geschicklichkeit ihrer Admirale, die sich hierbei zeigte, dürfte ein
Beweis sein, daß eine Strategie Englands, wie sie oben geschildert ist,
trotz der zahlenmäßigen Überlegenheit der Gegner wahrscheinlich Erfolg
gehabt hätte.
In Westindien besaß Frankreich mehrfach die Übermacht, nützte sie jedoch
nicht aus. Es bemächtigte sich verschiedener Inseln, dachte dann aber nur
an deren Schutz, obgleich die Leichtigkeit der Eroberungen darauf hätte
hinweisen müssen, daß nach Erringung der unbedingten Seeherrschaft auch
die anderen englischen Inseln bald gefallen wären. Wollte Frankreich den
Kampf in Westindien über den Rahmen einer Diversion hinausgehen lassen,
so konnte es noch mehr Mittel darauf verwenden; die Flotte der
Verbündeten in Europa wäre zu dem, wozu man sie verwandte, stark genug
geblieben. Doch auch ohne dies hätten die Gegner Englands auf diesem
Kriegsschauplatze eine große Übermacht entfalten können, wenn Spanien
seine Pflicht tat. Aber die Flotte =Solanos=, die 1780 dort erschien,
konnte oder wollte sich nicht an französischen Unternehmungen beteiligen.
Sie lag untätig in Havanna, nur auf den Schutz der gar nicht bedrohten
eigenen Kolonien bedacht, und trat nur einmal zur Eroberung Floridas
hervor; ein Unternehmen von reinstem Sonderinteresse, das wie eine
Einnahme von Gibraltar gar keinen Einfluß auf den Großen Krieg hatte. Der
mit großen Mitteln ins Werk gesetzte gemeinsame Angriff auf Jamaika 1782
kam nicht zur Ausführung; schon der moralische Eindruck der Niederlage
der Franzosen bei Dominica genügte, davon Abstand nehmen zu lassen.
In den gleichen Fehler, der von der obersten Leitung im großen gemacht
wurde, verfielen aber auch die französischen Führer der verschiedenen
Flotten bei der Durchführung ihrer Aufgaben. Mit Ausnahme =Suffrens= in
Ostindien[193] und =de Grasses= bei seinem Auftreten in Nordamerika 1781
beharrten sie auf dem Standpunkte, der sich in allen Kriegen des vierten
Abschnittes gezeigt hat: Sie schonten ihre Schiffe und vermieden
Entscheidungsschlachten, obgleich sich ihnen mehrfach Gelegenheit bot,
den feindlichen Seestreitkräften einen schweren Schlag zu versetzen; nach
Erfolgen traten sie meist strategisch in die Defensive, und taktisch
defensiv war das Verhalten der verbündeten Flotten eigentlich bei allen
Begegnungen mit dem Feinde. Über die spanischen Admirale in dieser
Hinsicht zu sprechen, lohnt sich überhaupt nicht, und das Nachgeben
Frankreichs Spanien gegenüber äußert sich darin am bezeichnendsten, daß
es von 1780 an den Oberbefehl der gemeinsamen Flotte in Europa =Cordoba=
überließ, obgleich es dessen Unfähigkeit wohl erkannt hatte.
[193] Diesen Kriegsschauplatz haben wir zu unseren Betrachtungen hier
nicht herangezogen. Bei seiner großen Entfernung von den anderen
sowie von den Heimatshäfen stand er selbständig da und das für
ihn Bemerkenswerte haben wir Seite 402 bereits gebracht.
=Die Flotten boten überall das Mittel zur Entscheidung.= England hätte
selbst in der Verteidigung mehr erreichen können, wenn es die eigenen
Seestreitkräfte zur Vernichtung der feindlichen zusammengehalten hätte.
Die militärische Politik der Verbündeten muß jedoch noch schärfer
verurteilt werden. Ihnen stand es frei, nach Vereinigung ihrer Kräfte --
und diese hinderte der Gegner nicht -- in der Offensive zu wählen, wo sie
überwältigend schlagen wollten. Sie faßten ja auch große Pläne, besonders
Frankreich, führten sie aber nicht durch, Nebenzwecke lenkten sie ab.
Diese liefen auseinander -- eine Schwäche, die Bündnissen häufig anhaftet
--, und bei ihrer Durchführung gab Frankreich des guten Einvernehmens
halber nach, in der Hoffnung, Spanien doch noch seinen Plänen geneigt zu
machen; Spaniens Verhalten dagegen streifte, wenigstens 1780 in
Westindien, fast an Treulosigkeit. =Mahan= schreibt: »Wie machten sich
die Verbündeten ihre großen Vorteile zunutze? Indem sie an den Rändern
des britischen Reiches herumnagten und sich am Felsen von Gibraltar die
Köpfe einstießen.« Wir können im Sinne Mahans hinzufügen: »Anstatt vor
allem die feindlichen Flotten zu vernichten.«
Bei Beurteilung der Leistungen der Verbündeten muß aber auch wohl in
Betracht gezogen werden, was über den inneren Wert ihrer Marinen gesagt
ist (vgl. Seite 33 ff. und Seite 220 ff.). Der französischen Marine
fehlte es an Offizieren und Seeleuten, wodurch die Qualität ihrer
Schiffsbesatzungen beträchtlich herabgesetzt wurde. Dieser Umstand wird
unter anderem schon dadurch gekennzeichnet, daß die Seereisen
französischer Flotten meist weit längere Zeit in Anspruch nahmen, und
daß die Schiffe in Stürmen sehr viel mehr litten als die der Engländer.
Die spanische Marine stand noch schlechter da.
So brachte der Krieg den Verbündeten nur überall Fehlschläge. Mahan
schließt seine Betrachtungen mit den Worten: »Die Absicht der Verbündeten
war, zugefügtes Unrecht zu rächen und der tyrannischen Herrschaft ein
Ende zu machen, die England sich auf dem Ozean anmaßte. Die Rache, die
sie genommen, brachte ihnen selber wenig Nutzen. Sie hatten, wie die
damalige Generation annahm, England durch die Befreiung Amerikas
geschädigt, aber sie hatten weder in Gibraltar noch in Jamaika das ihnen
widerfahrene Unrecht gut gemacht; die englische Flotte war von ihnen
nicht derart mitgenommen worden, daß sich dadurch ihr hochmütiges
Selbstvertrauen vermindert hätte; die bewaffnete Neutralität der
nordischen Mächte hatte man fruchtlos im Sande verlaufen lassen, und die
englische Seeherrschaft wurde bald ebenso tyrannisch und noch
schrankenloser wie je zuvor.«
$Über Taktik[194].$ Während der österreichische Erbfolgekrieg nur zwei
und der Siebenjährige Krieg nur vier rangierte Schlachten brachte, kann
man von den 1778-1783 erfolgten Zusammenstößen wohl vierzehn als solche
ansehen. Sie liefern uns viel Bemerkenswertes für den Stand der Taktik in
der Zeit des vierten Abschnittes. Nach Schilderung einer jeden finden
sich die hierfür wichtigen Punkte hervorgehoben, da aber mit diesem
Kriege die Periode abschließt, ist es angebracht, sie noch einmal
zusammenzustellen.
[194] Anschließend an die Entwicklung der Taktik im zweiten Kapitel
(Seite 36-44), sowie an die Auslassungen darüber nach dem
Österreichischen Erbfolgekriege (Seite 113) und nach dem
Siebenjährigen Kriege (Seite 204).
In allen Schlachten, mit Ausnahme derer auf dem ostindischen
Kriegsschauplatze, tritt die Neigung =der Franzosen= hervor, in der
Abwehr zu fechten; niemals sind sie die Angreifer. Wenn sie =die
Luvstellung= einnehmen, so wollen sie in ihr nur einen ernsten Kampf
vermeiden, nicht sie zum Angriff ausnutzen. Gelang es dann den Engländern
an sie heranzukommen, so kam es zum Passiergefechte -- =Ouessant=, 27.
Juli 1778; =Martinique=, 15. und 19. Mai 1780; =Dominica=, 12. April 1782
-- oder zum laufenden Gefechte -- =Martinique=, 29. April 1781. Beides
sind Kampfarten, die nur selten eine Entscheidung herbeiführen.
Wenn sie =in der Leestellung= waren, so warteten sie den Angriff ab und
nutzten auch etwaige Übermacht -- =Chesapeakebucht=, 5. September 1781 --
oder besonders günstige Umstände -- =Grenada=, 6. Juli 1779 -- nicht zu
einem Vorstoße aus, vermieden also auch hier die Entscheidung. Einige
Fälle dieser Lage der Flotten zueinander bringen uns für die
verschiedenartige Taktik der Gegner treffliche Beispiele, die den vierten
Abschnitt kennzeichnen, besonders die Schlachten vor der
=Chesapeakebucht= am 16. März und am 5. September 1781. Der Verlauf eines
derartigen Kampfes ist bekannt: die Franzosen erwarten den Feind unter
kleinen Segeln (einmal, in der ersten Schlacht vor der Chesapeakebucht,
geben sie hierzu sogar die Luvstellung freiwillig auf), die Engländer
greifen die ganze Linie, Schiff gegen Schiff, an, erhalten beim
Heransegeln schweres Feuer in ungünstiger Lage, kommen aber selten zum
Nahkampfe, weil die Franzosen vorher Segel mehren, das Gefecht abbrechen
und weiter in Lee die abwartende Stellung wieder einnehmen. Da die
Engländer wegen Beschädigung eines Teils ihrer Schiffe keinen zweiten
Angriff wagen mögen, werden die Schlachten nicht durchgefochten. -- Mit
Recht bezeichnet man also diesen Zeitraum als den der »unentschiedenen
Schlachten«.
Der Krieg bringt aber auch den Anfang zu einer =Änderung der Taktik= auf
beiden Seiten. =Rodney= versucht bei =Martinique=, 17. April 1780, seinen
Angriff mit Übermacht nur auf den hinteren Teil der feindlichen Linie zu
richten. Es mißlingt und der Kampf entspinnt sich fast in der alten
Weise, aber der Versuch bewirkt doch, daß sein Gegner in dieser Schlacht,
=Guichen=, sich später ihm gegenüber stets die Luvstellung bewahrt.
=Suffren= bricht in Ostindien völlig mit der bisherigen französischen
Taktik; wie er strategisch stets die Vernichtung des Gegners als erstes
Ziel im Auge hatte, so bevorzugte er auch taktisch den Angriff. Er suchte
dann in seiner ersten Schlacht, =Sadras= am 17. Februar 1782, von Luward
her den Feind durch Dublieren von hinten mit Überlegenheit anzugreifen.
Auch ihm gelingt es nicht und er sieht bei späteren Begegnungen davon ab,
aber er wählt, wenn möglich, die Luvstellung und greift an --
=Providien=, 12. April; =Trincomali=, 3. September 1782; =Cuddalore=, 20.
Juni 1783 --, wobei er dann allerdings nach der unvollkommenen englischen
Weise verfährt. Da sein Gegner, =Hughes=, bei dem Zusammemtoß vor
=Negapatam=, am 6. Juli 1782, diese Form gleichfalls anwendet, enden auch
die Schlachten in Ostindien ohne durchschlagende Entscheidung.
Die Versuche Rodneys und Suffrens, neue Gedanken in der Taktik zur
Geltung zu bringen, scheiterten an dem Verhalten ihrer Unterführer;
befangen in der alten Anschauung, gingen diese auf die Absichten ihrer
Oberbefehlshaber nicht ein.
Nur zwei Zusammenstöße der Gegner in diesem Kriege bringen einen vollen
Erfolg, und zwar zugunsten der Engländer. In der schon als Passiergefecht
genannten Schlacht bei =Dominica=, 12. April 1782, durchbricht die Flotte
Rodneys die feindliche Linie an drei Stellen und gewinnt dadurch an den
Durchbruchspunkten ein verhängnisvolles Übergewicht für ihre Artillerie.
Zwar ist der Durchbruch wohl kaum schon beim Ansetzen des Angriffes
beabsichtigt gewesen, aber die Engländer -- Oberbefehlshaber wie
Unterführer -- weichen doch von dem alten starren Schema ab, indem sie
die günstige Gelegenheit benutzen. Daß in England überhaupt eine freiere
Auslegung der Gefechtsinstruktion aufkam, beweist die Beurteilung zweier
Admirale im Gegensatz zu kriegsgerichtlichen Sprüchen in vorangegangenen
Kriegen. =Keppel= wurde freigesprochen, als er nach =Ouessant= angeklagt
war, den Kampf vor Herstellung einer guten Ordnung begonnen zu haben,
=Arbuthnot= dagegen wurde ein Vorwurf daraus gemacht, daß er in der
Schlacht vor der =Chesapeakebucht=, am 16. März 1781, zu viel Wert auf
die Erhaltung einer solchen gelegt habe.
Die zweite der entscheidenden Schlachten war keine rangierte, sondern das
von =Rodney= mit Umsicht und Kühnheit durchgeführte Verfolgungsgefecht
bei =Kap St. Vincent= am 16. Januar 1780.
[Illustration]
* * * * *
[Illustration]
Sechstes Kapitel.
Nebenkriege 1740-1793.
Kämpfe mit den Barbaresken. Schwedisch-Russischer Krieg 1741-1743. Die
schwedische und russische Marine im Siebenjährigen Kriege.
Russisch-Türkische Kriege 1768-1774 und 1787-1791.
Schwedisch-Russischer Krieg 1788-1790.
Kämpfe mit den Barbaresken[195].
Auch noch während der Zeit des vierten Abschnittes belästigten die
Fahrzeuge der Raubstaaten Marokko, Algerien, Tunis, Tripolis die
Schiffahrt im Mittelmeer, und die Marinen der größeren Seestaaten traten,
besonders in Friedenszeiten, zum Schutze ihres Handels in Tätigkeit; die
Malteserritter sahen in der Unterdrückung des Seeraubes die Fortsetzung
ihrer ursprünglichen Aufgabe des Kampfes gegen die Ungläubigen. Aber wie
früher hatte das Auftreten der europäischen Staaten keine dauernden
Erfolge, die Barbaresken brachen immer wieder die ihnen durch
Demonstrationen oder Strafexpeditionen aufgezwungenen Verträge. Es wird
genügen, die Tätigkeit der beteiligten Marinen kurz anzuführen.
[195] Anschließend an Band I, Seite 592/593. Näheres findet man in den
Spezialwerken der verschiedenen Völker, z. B.: Clowes, Band III;
Lacour I, Bonfils, Band II; de Jonge, Band IV. De Jonge
beschreibt alle die holländische Marine betreffenden Ereignisse
sehr eingehend; aus diesen Schilderungen ergibt sich klar, wie
sich die Kämpfe im allgemeinen abspielten.
=England= hielt stets Schiffe in solcher Zahl an der afrikanischen Küste
und im Mittelmeer überhaupt, daß -- wie seine Quellen sagen -- der Handel
nicht so litt wie im 17. Jahrhundert, und daß es nicht nötig war, größere
Expeditionen zu entsenden; es wird nur eine solche unter =Kommodore
Keppel= 1751 nach Algier erwähnt, die schwebenden Verhandlungen Nachdruck
geben sollte[196]. Die Barbaresken scheuten mit Recht die Seemacht
Englands.
[196] Das energische Auftreten Keppels wird durch die Anekdote
gekennzeichnet, die in den Personalien dieses Admirals bereits
erwähnt ist (Seite 249).
=Holland= scheint weit mehr Mühe gehabt zu haben, seine Schiffahrt zu
schützen, obgleich es sich soweit demütigte, den Herrschern der
Barbareskenreiche in der Form von Geschenken einen nahezu regelmäßigen
Tribut zu zahlen; zwischen ihm und den einzelnen Raubstaaten, besonders
Marokko und Algerien, kam es mehrfach zur förmlichen Kriegserklärung. Man
war genötigt, ständig kleine Geschwader von Linienschiffen und Fregatten
im Mittelmeer zu halten, seine Konvois stets zu decken und
verschiedentlich Expeditionen zu entsenden, um seinen Forderungen
Nachdruck zu geben. Zu größeren Waffentaten kam es jedoch nicht.