$Die zweite Schlacht bei Dominica$ (häufig $Les Saintes$ genannt[169])

$am 12. April 1782$. Dreimal hatte das Glück =de Grasse= zu einem großen

Erfolge vergeblich die Hand geboten -- am 29. April 1781 stand er bei

Martinique mit 24 Schiffen gegen 18, im Januar 1782 bei St. Christopher

mit 30 gegen 22 und am 9. April mit 33 gegen 20 --, jetzt aber verließ es

ihn. =Rodney= setzte am 10. die Verfolgung beharrlich fort, auf günstige

Zwischenfälle hoffend, und diese traten ein. Am 10. April morgens konnten

die Engländer die französische Flotte noch von Deck aus sehen, bei

Tagesanbruch am 11. nur noch von den Toppen der Masten; =de Grasse=

schien sich wirklich seinem Verfolger zu entziehen.

[169] Die Engländer nennen die Schlacht »=Les Saintes=« oder »=am

12. April=«, die französischen sowie die deutschen

Geschichtswerke »=Dominica=«.

Wenn in diesem Falle die französische Flotte der englischen an

Schnelligkeit überlegen war und nicht durch ungekupferte Schiffe

aufgehalten wurde, so liegt dies daran, daß sie gerade beim

Aufkreuzen, zumal gegen flauen Wind, die größere Segelfähigkeit zu

entfalten vermochte, die sie infolge besserer Bauart ihrer Schiffe

besaß.

Aber es kam anders. In der Nacht vom 10. auf 11. stießen zwei Schiffe

zusammen, »Jason« und »Zélée«; so daß das erste nach Guadeloupe geschickt

werden mußte. Im Laufe des 11. sah sich dann =de Grasse= gezwungen, einen

Teil seines Vorsprunges aufzugeben, um zwei Schiffe, »Magnanime« und

»Zélée«, wieder an sich zu ziehen, die zu weit nach Lee geraten waren.

»Zélée« schien ein Unglücksschiff zu sein. Es war schon unter Dominica am

9. April von der Flotte abgekommen, in der Nacht vom 11./12. stieß es

wiederum zusammen und dieses Mal sogar mit dem Flaggschiff »Ville de

Paris«; die Wache hatte ein junger Unterleutnant gehabt -- ein die

Verhältnisse in der französischen Marine kennzeichnender Umstand. Die

Takelage des Flaggschiffes ward etwas beschädigt, »Zélée« aber verlor

Bugspriet und Fockmast, so daß eine Fregatte sie nach Guadeloupe

schleppen mußte. Der französischen Flotte fehlten nun außer den beiden

50-Kanonenschiffen, die den Konvoi begleiteten, bereits 3 Linienschiffe.

Der Zusammenstoß hatte außerdem die Flotte in Unordnung gebracht und

aufgehalten.

Am nächsten Tage kam es durch die Wiederherstellung der Ordnung sowie

Manöver zur Deckung der »Zélée«, deren Verbindung mit dem Schlepper fast

bis Tagesanbruch gedauert hatte, zum Zusammenstoß mit dem Verfolger. Er

wurde die größte rangierte Schlacht des Krieges, ja des Jahrhunderts bis

zu dieser Zeit. Sie wurde am gleichen Tage geschlagen wie die heißeste

dieses Krieges in Ostindien; die Sonne hatte sich noch nicht über den

erschöpften Geschwadern der Admirale =Suffren= und =Hughes= bei

Providien, an der Küste Ceylons südlich von Trincomali, gesenkt, als ihre

ersten Strahlen die Flotten bei Les Saintes beschienen. (Der

Zeitunterschied zwischen den beiden Orten beträgt 9-1/2 Stunden.)

Die Schlachtordnungen der Flotten.

Beide sind in »Kehrt« angegeben, da die Flotten so ins Gefecht traten.

=Die englische Flotte=:

=Vorhut= =Mitte= =Nachhut=

Marlborough 74 America 64 Prince William 64

Arrogant 74 Hercules 74 Magnificent 74

Alcide 74 Protée 64 Centaur 74

Nonsuch 64 Resolution 74 Belliqueux 64

Conqueror 74 Agamemnon 64 Warrior 74

Princesa 1) 70 Duke 98 Monarch 74

Prince George 98 Formidable 2) 98 Barfleur 3) 98

Torbay 74 Namur 90 Valiant 74

Anson 64 St. Albans 64 Yarmouth 64

Fame 74 Canada 74 Montagu 74

Russel 74 Repulse 64 Alfred 74

Ajax 74 Royal Oak 74

Bedford 74

1) Flaggschiff des Kontreadmirals =Francis Samuel Drake=.

2) Flaggschiff des Admirals =Sir George Bridges Rodney=.

3) Flaggschiff des Kontreadmirals =Sir Samuel Hood=.

=Die französische Flotte.=

=Vorhut= =Mitte= =Nachhut=

Hercule 74 [170]Hector 74 Diadème 74

Souverain 74 [170]César 74 Destin 74

Palmier 74 |----- Magnanime 74

Northumberland 74 Dauphin-Royal 70 Réfléchi 64

Neptune 74 Languedoc 80 Conquérant 74

Auguste 1) 80 [170]Ville de Paris 2) 104 Magnifique 74

[170]Ardent 64 Couronne 80 Triomphant 3) 80

Scipion 74 Eveillé 64 Burgoyne 74

Brave 74 Sceptre 74 Duc de Bourgogne 80

Citoyen 74 [170]Glorieux 74 Marseillais 74

|----- Pluton 74

1) Flaggschiff des Chef d'Escadre =De Bougainville=.

2) Flaggschiff des Lieutenant-Général =Comte de Grasse=.

3) Flaggschiff des Chef d'Escadre =De Vaudreuil=.

|----- Hinter »Glorieux« durchbrach =Rodney= und hinter »César«

=Hood= die französische Linie.

[170] Die fünf Schiffe wurden von den Engländern genommen.

Am 12. April mit Tagesanbruch, gegen 5-1/2 Uhr, steuerte die englische

Flotte bei SO-Wind südlich; sie lag über Steuerbordbug mit »Kiellinie in

Kehrt«, so daß also die eigentliche Vorhut (Geschwader Hood) zur Nachhut

wurde. Man sah die französische Flotte in NO, gleichfalls über

Steuerbordbug bei OSO-Wind, aber in einer breiten Masse liegend (Plan I

a); sie war durch ungünstige Zufälle sehr auseinandergekommen. Ihre

östlichsten Schiffe befanden sich 8-10 Seemeilen von den westlichsten

entfernt; unter diesen befand sich das Flaggschiff »Ville de Paris«, das

etwa 10 Seemeilen von Rodneys Flaggschiff stand. Noch westlicher sah man

»Zélée« im Schlepp der Fregatte (b). =Rodney= ließ sofort seine 4 letzten

Schiffe auf diese abhalten (c), wohl um de Grasse zu ihrer Deckung nach

Lee zu locken. Mit seiner Flotte wendete er, alle Schiffe zugleich, und

bildete dann wieder die Kiellinie beim Winde über Backbordbug, also mit

Kurs ONO (d). Sein Plan gelang.

=De Grasse= gab gegen 6 Uhr Befehl, abzuhalten, Segel zu mehren und

gleichzeitig die Schlachtlinie über Steuerbordbug »in Kehrt« herzustellen

(e). Gegen 7 Uhr rief =Rodney= die jagenden Schiffe zurück und ließ seine

Linie auf eine Kabellänge Entfernung zwischen den Schiffen schließen.

Gleichzeitig hatte =de Grasse= erkannt, daß er die Luvstellung verlieren

würde, wenn er wie bisher weiter raum steuerte; er ging wieder an den

Wind, der um diese Zeit nach Ost drehte. So begann ein Rennen zwischen

den beiden Flotten um die Luvstellung; die französische lag über

Steuerbordbug etwa SSO (f), die englische über Backbordbug etwa NNO (f'),

aber die erste war noch nicht gut ausgerichtet, als der unvermeidliche

Zusammenstoß erfolgte.

Rodney hatte auch während des Aufkreuzens an den letzten Tagen von Zeit

zu Zeit nach Möglichkeit ausrichten lassen, jetzt wurde die

Gefechtslinie bald in guter Ordnung hergestellt. =De Grasse= dagegen

wurde es schwer, die Formation einzunehmen, da die Schiffe so weit

verstreut waren; als der Zusammenstoß erfolgte, hatten noch nicht

sämtliche Schiffe der Vorhut und Nachhut ihre Posten eingenommen (Plan

II, V. und N.). =Vaudreuil=, der die Nachhut befehligte, also zuletzt

ins Gefecht kam und alles gut übersehen konnte, schrieb später: »Wir

bildeten unsere Linie unter Gewehrfeuer.«

[Illustration: Schlacht bei Dominica 12. April 1782.]

Aus Besorgnis um »Zélée« hatte =de Grasse= entgegen seiner sonstigen

Vorsicht die Bewegungen hastig und unüberlegt ausgeführt. Es lag in

seiner Hand, den Zusammenstoß zu verzögern, bis er besser geordnet war,

wenn er länger unter kleinen Segeln blieb und nicht so weit abhielt. Dies

soll nach Augenzeugen überhaupt nicht nötig gewesen sein; »Zélée« lief im

Schlepp 5-6 Knoten Fahrt, und =Rodney= würde sich gehütet haben, seine

Schiffe länger hinter ihr herlaufen zu lassen, sobald die französische

Flotte nur Anstalt zum Kampf machte. Ferner war es falsch, daß die Flotte

über Steuerbordbug nach Süden ging, da man erfahrungsmäßig unter Dominica

flaue umspringende Winde antraf, während in der Mitte des Kanals frischer

Passat wehte. All diese Umstände sind dem Admiral später zum Vorwurf

gemacht.

Die führenden französischen Schiffe erreichten und passierten zuerst den

Punkt, in dem sich die schnell zusammenführenden Kurse der Flotten

schnitten. Das englische Spitzenschiff »Marlborough« traf auf das achte

Schiff der feindlichen Linie »Scipion«, dessen Hintermann »Brave« um

7-3/4 Uhr vormittags das Feuer eröffnete. Da ein Durchbrechen nicht

beabsichtigt war, hielt »Marlborough« auf Signal Rodneys ab und lief in

Lee der feindlichen Linie entlang; ihm folgten die übrigen Schiffe im

Kielwasser (Plan II). Die Schlacht wurde damit zu einem Passiergefecht,

das gewöhnlich keine Entscheidung bringt, und dies entsprach auch wohl

der Absicht des französischen Admirals. Da aber die Schiffe bei flauem

Winde nur 3-4 Knoten liefen, wurde der Kampf heftiger als sonst bei

dieser Gefechtsart[171], ferner gab =de Grasse= seiner Spitze Befehl, bis

SSW abzuhalten und brachte so seine bisher ganz unbeschäftigte Vorhut ins

Gefecht. Er wurde sich aber doch jetzt bewußt, daß dieser Kurs die Flotte

in die Region des flauen, umspringenden Windes führen und ihr

voraussichtlich die Luvstellung kosten würde; diese war jedoch unbedingt

nötig, wenn er sich ohne entscheidende Schlacht der Verfolgung entziehen

wollte. =De Grasse= gab deshalb um 8-1/2 Uhr Befehl, gleichzeitig zu

halsen, und bald darauf, als dies nicht ausgeführt wurde, im Kontremarsch

zu halsen, jedoch auch dieses Kommando wurde nicht befolgt.

[171] Wie langsam das Passieren der Flotten verlief, beweist die

Angabe, daß Rodneys Flaggschiff, das 18. der Linie, erst um 8-1/2

Uhr, und Hoods Schiff gar erst gegen 9-1/2 Uhr das Feuer

eröffnete.

Ein gleichzeitiges Halsen hätte die französischen Schiffe in eine

geradezu verhängnisvolle Lage gebracht; da die Flotten so nahe

beieinander lagen, würden sie bei dem flauen Winde alle zugleich lange

Zeit einem vernichtenden Enfilierfeuer von hinten ausgesetzt gewesen

sein. Der Kommandant des Schlußschiffes »Pluton«, Kapitän d'=Albert de

Rions=, der das Manöver hätte beginnen müssen, sah das Signal, hielt es

aber aus genanntem Grunde für einen Irrtum und befolgte es nicht; auch

sein Geschwaderchef =Vaudreuil=, der nun auf Ausführung hätte dringen

müssen, sowie noch andere Kommandanten scheinen gleicher Ansicht

gewesen zu sein. Das zweite Signal ward für einen Augenblick vom

Spitzenschiff gesehen, das hier beginnen mußte, aber bald durch

Pulverdampf verhüllt. Der Kommandant dieses Schiffes wollte die

Verantwortung nicht übernehmen, da er seiner Sache nicht ganz sicher

war; auch bei diesem Manöver wären die französischen Schiffe, eins nach

dem anderen, dem Enfilierfeuer aus nächster Nähe ausgesetzt gewesen.

Einige Minuten nach 9 Uhr trat nun das Gefürchtete ein. Der Wind sprang

plötzlich auf SSO und kam allen französischen Schiffen, die noch nicht

abgehalten hatten, fast von vorn, so daß sie etwa SW steuern mußten, um

volle Segel zu behalten. Sie lagen nun nicht mehr in Kiellinie, sondern

mit dem Bug auf die feindliche Linie zu (Plan III), während den

Engländern frei stand, ihren Kurs beizubehalten oder anzuluven; auch ging

die Fühlung zwischen den französischen Schiffen verloren und es

entstanden Lücken. =Rodney= war um diese Zeit querab vom vierten Schiff

hinter de Grasse, und hier war eine besonders große Lücke, da das fünfte

Schiff hinter dem französischen Flaggschiffe, »Diadème«, alle Segel back

bekommen hatte. In diesen Zwischenraum, also hinter »Glorieux«, brach

Rodney mit dem »Formidable« ein, gefolgt von den nächsten fünf Schiffen,

und kurze Zeit darauf drang das letzte Schiff der englischen Mitte,

»Bedford«, hinter dem »César« durch eine Lücke, hinter ihm die ganze

Nachhut unter =Hood=. Der Vordermann Rodneys, der »Duke«, ging nach dem

Beispiel seines Admirals hinter dem »Réfléchi« durch. =Rodney= hatte beim

Durchbruch das Signal »Schlachtlinie« niedergeholt.

Die französischen Schiffe an den Durchbruchsstellen litten natürlich

sehr. Infolge von Rodneys Manöver stauten sich die vier Schiffe

»Diadème«, »Destin«, »Magnanime«, »Réfléchi« zu einem Haufen, in den

die durchbrechende Kolonne das Feuer ihrer Backbordbatterien und »Duke«

das seiner Steuerbordbatterie schmetterten; also 7 Schiffe, worunter 3

Dreidecker. Die Steuerbordbatterien der Kolonne entluden sich auf

»Glorieux«, der alle Masten verlor. Unter dem Feuer der Kolonne Hoods

hatten besonders »César« sowie dessen Vordermann »Hector« zu

leiden.[172]

[172] Die später von den Engländern genommenen Schiffe sind im Plan III

und IV mit einem kleinen Kreuz bezeichnet.

[Illustration: Schlacht bei Dominica, 12 April 1782.]

Die französische Linie war somit an zwei Stellen von Kolonnen

durchbrochen und nach Lee gedrängt. Die ganze englische Vorhut sowie 5

Schiffe der Mitte waren weiter gelaufen; die vordersten Schiffe der

Vorhut müssen zur Zeit des Durchbruches bereits das Ende der

französischen Linie passiert haben. Auffallend ist, daß diese 16 Schiffe

keinen Befehl zum Wenden erhielten, um dem Feinde zu folgen; der Admiral

der Vorhut hätte ihn auch selber geben können, da das Signal

»Schlachtlinie« nicht mehr wehte. Keine englische Quelle äußert sich

hierüber, es wird nur erwähnt, daß das 11. Schiff »Russel« und das 12.

»America« aus eigenem Antriebe gewendet hätten. Dieses wendete zurück,

da kein Signal kam, »Russel« blieb auf dem neuen Kurse und konnte

infolgedessen später bei der Verfolgung der »Ville de Paris« kräftig

eingreifen. Auch die englische Flotte war in drei Gruppen geteilt, und

beide Oberbefehlshaber strebten nun, ihre Kräfte wieder zu sammeln; das

Feuer hatte im allgemeinen zwischen 10-1/2 und 11 Uhr aufgehört, nur die

letzten Schiffe der englischen Nachhut scheinen es bis gegen Mittag noch

unterhalten zu haben.

=Rodney= wendete nach dem Durchbruch mit seiner Gruppe und gab gegen

11-1/2 Uhr auch der Vorhut Befehl hierzu. Das Manöver erlitt jedoch

erhebliche Verzögerung, da die Takelagen beschädigt waren und der Wind

flau und unbeständig wehte; =Hood= war mit der Nachhut nach dem

Durchbruch anstatt sogleich zur Mitte zu steuern, am Winde geblieben und

bald in Stille geraten. Als gegen 1 Uhr nachmittags etwas frischere Brise

von Osten aufkam und den Pulverrauch vertrieb, lagen die beiden Flotten,

wie aus Plan IV ersichtlich: die französische Vorhut (V) stand etwa zwei

Seemeilen zu Luward der Gruppe bei de Grasse (M), die Nachhut (N) etwa 4

Seemeilen in Lee von dieser; die englische Flotte bot ein ähnliches Bild

(V^1, M^1, N^1). Zwischen beiden Flotten lagen die französischen Schiffe

»Glorieux«, »César«, »Hector« fast bewegungslos.

=De Grasse= gab im Laufe des Nachmittags wiederholt Befehl, die Ordnung

auf die am meisten in Lee befindlichen Schiffe wieder herzustellen, aber

ohne Erfolg. Die drei Gruppen näherten sich wohl etwas, ein wirkliches

Sammeln kam jedoch nicht mehr zustande; die Beschädigungen und der

schwache Wind mögen es vereitelt haben, die Schiffe konnten wohl raum

segeln, aber schlecht manövrieren, vielleicht hat auch der Eindruck der

Niederlage das Seinige dabei getan. =Rodney= hat, als um 1 Uhr Wind

aufkam und man die Lage übersehen konnte, keine Maßregeln zur Ausnützung

des bisherigen Erfolges ergriffen; er heißte zwar das Signal

»Nahgefecht«, holte es aber bald wieder nieder. Er scheint mit dem

Flaggschiff längere Zeit dem Feinde nur unter kleinen Segeln gefolgt zu

sein, und viele seiner Schiffe taten das gleiche. So näherten sich die

englischen Gruppen wohl dem Gegner, aber eine scharfe Verfolgung trat

nicht ein. Dennoch fielen fünf Franzosen vorausgeeilten Engländern in die

Hände. Etwa um 4 Uhr wurden die obengenannten drei vereinzelten Schiffe

und auch ein schlechter Segler der Vorhut, »Ardent«, genommen, und gegen

6 Uhr strich das Flaggschiff »Ville de Paris« nach tapferster Gegenwehr

die Flagge vor »Barfleur« und »Russel«; es soll um diese Zeit von 9

englischen Schiffen umgeben gewesen sein.

Die Nacht brach nun herein. Der Chef d'Escadre =de Vaudreuil= übernahm

auf französischer Seite den Oberbefehl. Er mehrte auf »Triomphant« Segel,

hielt ab und befahl, ihm zu folgen, doch konnte der aufzunehmende Kurs

nur durch Zuruf von Schiff zu Schiff weitergegeben werden. =Rodney= ließ

um 6-3/4 Uhr die Linie über Steuerbordbug bilden und beidrehen.

=Der Verlust= der Engländer betrug 243 Tote, darunter 2 Kommandanten, und

816 Verwundete; der der Franzosen ist nirgend verzeichnet, doch sagen

ihre eigenen Quellen, er sei viel stärker gewesen. Acht Kommandanten

waren gefallen und 5 Schiffe verloren; der Zufall wollte, daß sich auf

dem Flaggschiffe reiche Geldmittel und auf den anderen der größere Teil

der Artillerie für die Expedition gegen Jamaika befand. Diese 5 in der

Schlacht genommenen Schiffe, sowie zwei weitere, die später Hood in die

Hände fielen, sind aber nie nach England gekommen; »César« flog noch in

der Nacht auf und die anderen sind sämtlich in Westindien oder auf der

Fahrt nach England, stark beschädigt wie sie waren, in stürmischem Wetter

untergegangen.

$Die französischen Verluste$ müssen sehr viel höher gewesen sein.

Während der stärkste Verlust auf einem englischen Schiffe (»Duke«) 73

Mann betrug, sind mit »César« allein 400 Franzosen umgekommen, und

Troude schreibt, »Ville de Paris« habe 400 Tote und 600 Verwundete

gehabt; die Engländer seien beim Anbordkommen vor Entsetzen starr

gewesen. Dieses Mißverhältnis ist nicht allein dadurch bedingt, daß die

Franzosen wieder besonders auf die Takelage gefeuert hatten, sondern

auch durch die zweifellos bessere Artillerie der Engländer. Ihre

Schiffe führten Karronaden, deren große Vorteile im Nahgefecht wir

kennen; ihre Geschütze waren teilweise mit Hammerschlössern versehen,

die Zielen und Abfeuern durch denselben Mann erlaubten; neue

Vorrichtungen an den Lafetten gestatteten schnelleres Richten. Daß die

französische Marine die englischen Verbesserungen noch nicht eingeführt

hatte, war eine um so gröbere Nachlässigkeit des Ministeriums, als

Offiziere wie Suffren auf Vervollkommnungen der Artillerie gedrungen

hatten, so auf Einführung von Haubitzen auf Oberdeck für

Kartätschfeuer, also etwas Ähnliches wie die Karronaden, die Sache war

aber verschleppt worden. Ferner häufte auch der Umstand die Verluste

der Franzosen, daß auf ihren Schiffen sich 5400 Soldaten befanden, die

nun als Kanonenfutter dienten.

$Kritik der Schlacht am 12. April[173].$ Gerade diese Schlacht ist bis

zur Jetztzeit Gegenstand eingehender Besprechung gewesen. Sie war nach

langer Zeit die größte rangierte Schlacht und gewann besondere Bedeutung

für die Seetaktik, da in ihr durch Brechen mit dem langjährigen Schema

eine große Entscheidung herbeigeführt wurde; wir wissen, daß mit ihr das

Wiederaufleben der Taktik beginnt. Wir wollen die hauptsächlichsten

Auslassungen bedeutender Autoren der neueren Zeit kurz zusammenfassen.

[173] Es sei besonders verwiesen auf Mahan I, Clowes Band III,

Chevalier II. Von diesen behandelt der erste besonders den

Durchbruch Rodneys, der zweite die Kritik Hoods über Rodneys

fehlerhaftes Verhalten nach dem Durchbruch, der dritte die

Führung der französischen Flotte und das deswegen abgehaltene

Kriegsgericht über de Grasse und die von diesem angeschuldigten

Offiziere.

$Rodneys Durchbruch.$ Es ist gestritten worden, ob es richtig war, die

feindliche Linie zu durchbrechen, oder ob =Rodney= nicht besser seinen

Kurs fortgesetzt, die feindliche Nachhut mit seiner ganzen Linie

beschossen, dann mit seiner Spitze hinter ihr gewendet und die letzten

Schiffe zwischen zwei Feuer genommen hätte. Die feindliche Linie von

hinten von beiden Seiten anzugreifen, ist allerdings unter anderen

Umständen von Vorteil, aber ob es hier möglich war, bleibt fraglich. Die

englische Linie hatte schon längere Zeit im Gefechte gelegen und nicht

alle Schiffe hätten schnell wenden und dann den Gegner einholen können;

es wäre wahrscheinlich bei einem Passiergefechte geblieben, ähnlich wie

bei Ouessant (1778), nach dem die Engländer höchstens die Luvstellung

gewonnen hätten. Zuzugeben ist nun allerdings, daß der Durchbruch der

Kolonne Rodneys den letzten elf Franzosen den Rückzug nach Lee freigab,

nachdem sie nur von der englischen Vorhut beschossen waren, während diese

das Feuer der ganzen französischen Linie erhielt, dafür aber waren sie

durch das Ausweichen nach Lee für einen längeren und wichtigen Zeitraum

außer Gefecht gesetzt und wären nicht imstande gewesen, dem Reste ihrer

Flotte Hilfe zu bringen; die Engländer konnten diesen mit erdrückender

Überzahl angreifen, da sie die Luvstellung gewonnen hatten, während die

elf französischen Schiffe hoffnungslos in Lee lagen.

Dadurch, daß auch =Hood= durchbrach, wurde die Sache nur wenig anders.

Die Gruppe der sechs Schiffe bei =de Grasse= war von dem vorderen und dem

hinteren Teile der Flotte abgeschnitten und gleichfalls nach Lee

getrieben; die französische Linie war in drei Teile getrennt, die sich

nur schwer wieder vereinigen konnten, und man darf auch den moralischen

Eindruck nicht unterschätzen, der hierdurch entstand. Dazu kommt nun die

größere Ausnutzung des Feuers seitens der durchbrechenden Schiffe. Beim

Passiergefecht würden unter gleichen Umständen Breitseiten abgegeben und

empfangen sein, hier erhielten die französischen Schiffe an den

Durchbruchsstellen nacheinander das Feuer aller Schiffe der

durchbrechenden Kolonne, und diese hätten sogar die Kanonen beider Seiten

zur Verwendung bringen können; tatsächlich tat es nur »Formidable«, da

die Backbordbatterien der anderen nicht bereit waren. =Rodneys Manöver=

hatte also zur Folge: die Gewinnung der Luvstellung und damit die

Möglichkeit zum angriffsweisen Vorgehen; die Vereinigung des Feuers auf

einen Teil der feindlichen Schlachtordnung; das Auseinandersprengen und

Verwirren dieser. Es ist kein stichhaltiger Einwurf, daß sich die

Franzosen bei geschickterem Manövrieren früher wieder hätten vereinigen

können; ein Unternehmen, das beim Gelingen Vorteil verspricht, verliert

dadurch nicht an Wert, daß es vom Gegner pariert werden kann.

Sicher ist wohl, daß =Rodney= den Durchbruch nicht vorher beabsichtigt

hat, sondern nur die günstige Gelegenheit -- den raumenden Wind und die

sich bietende Lücke -- wahrnahm. Der Admiral soll sogar dabei gar nicht

eigenem Antriebe, sondern nur einem Drucke seines Stabschefs, Kapitän

=Sir Charles Douglas=, gefolgt sein; gewichtige Beweisgründe, die dessen

Sohn beibringt, scheinen dies zu bestätigen. Sie dürften indessen doch

mit Vorsicht aufzunehmen sein, denn zweifellos hat Rodney die von =Clerk=

aufgestellten taktischen Grundsätze (vgl. Seite 44) gekannt und

gebilligt, und dieser sieht den Durchbruch mit der eigenen Mitte vor.

Wohl ist es möglich, daß Douglas die Anregung gegeben, aber

unwahrscheinlich, daß es längerer Vorstellungen bedurft hätte, zu denen

überdies nicht einmal die Zeit vorhanden war.

$Rodneys eigene Ansicht über die Schlacht ist bemerkenswert.$ Er hielt

nur wenig von seinem Siege am 12. April und würde es vorgezogen haben,

seinen Ruf auf die Taktik zu gründen, die er in der Schlacht bei

Martinique am 17. April 1780 hatte anwenden wollen. Er war überzeugt,

daß die damals gebotene Gelegenheit, mit einer schwächeren Flotte einen

tüchtigen Führer (er hielt =de Guichen= für den Besten der Franzosen)

zu schlagen, ihm ohne die Fehler seiner Kommandanten größeren Ruhm

erworben haben würde. Das Schicksal fügte es sonderbar. Sein Ruhm

gründet sich auf der allerdings glänzenden Schlacht am 12. April 1782,

an der aber seine Fähigkeiten den geringsten Anteil hatten, und die

Haupttat seines Lebens, in der Verdienst sowie Erfolg sich entsprachen,

nämlich die Vernichtung der spanischen Flotte =Langaras= beim Kap St.

Vincent am 16. Januar 1779, ist kaum noch bekannt. Übrigens schrieb

auch im letzterwähnten Falle das Tagesgeschwätz dem Kommandanten des

Flaggschiffes das Verdienst zu, doch ist dies zweifellos widerlegt.

(Vorstehendes nach Mahan I, Seite 488.)

Seekriege und Seekriegswesen, Zweiter Band in ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung. Mit besonderer Berücksichtigung der grossen Seekriege des XVII. and XVIII. Jahrhunderts. · 第 51 / 63 段