Bouillé= schiffte sich mit 6000 Mann auf der Flotte ein, und =de Grasse=
lief mit dieser, 26 Linienschiffe stark, am 26. Dezember aus, um Barbados
anzugreifen; der Rest der Flotte blieb zu Ausbesserungen vorläufig
zurück. Er kreuzte mehrere Tage gegen starken böigen Passat vergeblich an
und ging am 3. Januar wieder nach Fort Royal. Am 5. Januar 1782 brach die
Expedition abermals auf, jetzt aber =gegen St. Christopher= (englisch St.
Kitts). Sie landete hier am 11. ohne Widerstand auf Basseterre, dem
Südteile der Insel. Die einschließlich einiger Milizen kaum 1000 Mann
starke englische Garnison unter dem Gouverneur General =Shirley= zog sich
nach Brimstonhill, einem befestigten Hügel im Nordwesten der Insel,
zurück, den =Bouillé= nicht stürmen konnte, sondern regelrecht belagern
mußte. Die Einwohner der Insel erklärten sich neutral und unter gleichen
Bedingungen ergab sich das naheliegende Nevis. Die französische Flotte
blieb auf der Rhede von Basseterre.
Admiral =Hood= erhielt am 14. Januar in Barbados die Nachricht von
=Shirley=, daß die französische Flotte am 10. in der Nähe von St.
Christopher gesehen und ein Angriff zu befürchten sei. Er ging sofort mit
22 Linienschiffen in See, erfuhr am 16. die Landung und ankerte am 21.
bei Antigua, wo er nähere Auskunft erhielt und 700 Soldaten an Bord nahm.
Trotz seiner Unterlegenheit beschloß er, die bedrohte Insel zu entsetzen.
Es gelang ihm nicht, aber sein Versuch zeugt von hervorragendem
militärischem Blicke und großer seemännischer Geschicklichkeit. Englische
wie französische Autoren stellen =Hoods= Manöver denen eines =Nelson= und
=Suffren= gleich.
[Illustration: Samuel Hood.]
$Die Schlacht bei St. Christopher, 25. Januar 1782[166].$ =Hood=
unterrichtete die Unterführer eingehend über seine Absichten, verließ
dann am 23. Januar nachmittags Antigua und steuerte nach Nevis hinüber;
er mußte diese Insel südlich passieren, da der Kanal zwischen ihr und St.
Christopher für Linienschiffe zu flach war. Er hoffte die Franzosen bei
Tagesanbruch auf ihrem Ankerplatze zu überraschen, auf dem sie keine
Verteidigungsstellung eingenommen hatten, sondern 3-4 Reihen tief lagen;
er wollte dann seine Schiffe in Linie zu Luward an der Masse der
feindlichen vorüberführen und dieses wiederholen, durch Halsen und Wenden
einen Kreis laufend. Der Plan scheiterte infolge des Zusammenstoßes
zweier Schiffe während der Nacht; die Fahrt wurde durch die
unvermeidliche Ausbesserung mehrere Stunden aufgehalten und die Flotte am
24. morgens von feindlichen Fregatten gesichtet, ehe sie die Südspitze
von Nevis passiert hatte, was erst um 1 Uhr mittags geschah.
[166] Hauptquellen: Mahan I, Clowes III, Chevalier II, Lacour II, deren
Angaben in den Hauptsachen übereinstimmen.
=De Grasse= lichtete um 3 Uhr nachmittags Anker und ging ihr entgegen. Er
glaubte, Hood wolle bei Sandy Hook, einer Rhede nahe Brimstonhill,
ankern, um der Besatzung dort Hilfe zu senden, auch war er für 4 Schiffe
besorgt, die er von Martinique erwartete. =Hood= steuerte nun gegen
Sonnenuntergang südlich, zog sich scheinbar zurück, manövrierte aber
während der Nacht so, daß er bei Tagesanbruch des 25. Januar dicht unter
der Küste von Nevis zwischen dieser Insel und den etwa 9 Seemeilen
entfernten Franzosen, die sich nicht nahe unter Land gehalten hatten, und
bei ONO-Wind zu Luward von ihnen stand. Seine Absicht war jetzt, auf dem
bisherigen Ankerplatz der Franzosen eine Verteidigungsstellung
einzunehmen. Auch von dort aus konnte er die Engländer am Lande
unterstützen und lag, falls =de Grasse= nach Sandy Hook ging, zwischen
ihm und Martinique; so war es möglich, dem Gegner die Zufuhren
abzuschneiden, auf die dieser durchaus angewiesen war, da die kleine
Insel auf längere Zeit soviel Truppen nicht zu ernähren vermochte.
Hoods Plan war bei seiner Unterlegenheit immerhin gewagt. Aber der
Admiral erwartete Rodney mit einer Flotte, der vielleicht rechtzeitig
ankam, und England brauchte nach der Niederlage in Nordamerika einen
Erfolg. So mußte man auf gut Glück etwas wagen, und Hood kannte sich,
seine Offiziere -- sowie auch den Gegner.
=Hood= bildete die Gefechtslinie eng geschlossen über Backbordbug und
nahm um 10 Uhr vorm. Kurs nach Basseterre; er wurde vom Glück begünstigt,
da der Wind auf OSO ging, so daß er raum steuern konnte. Die Franzosen
lagen um diese Zeit über Steuerbordbug nach Süden, wendeten und hielten
in Staffel auf den Feind zu (Plan I A--A zeigt die englische Linie um 10
Uhr, A'--A' die französische), kamen aber nicht mehr, wie sie wohl
beabsichtigt hatten, mit ihrer ganzen Linie querab von der englischen zum
Angriff. Um 2 Uhr nachmittags waren die vordersten Engländer so weit, daß
Hood ihnen das Signal zum Ankern geben konnte; er befahl, dies mit Spring
auf den Ankern auszuführen, um die Schiffe sofort mit den Breitseiten
nach See legen zu können. Um 2-1/2 Uhr war die französische Vorhut auf
Kanonenschußweite an die englische Mitte heran, und das Feuer begann. =De
Grasse= war aber nicht imstande, seinen Gegner festzuhalten; die
englischen Schiffe erreichten sämtlich den Ankerplatz.
Durch den Angriff der Franzosen war also besonders die hintere Hälfte
der englischen Linie bedroht, die, wie häufig bei langen Kolonnen,
nicht so gut Schiff hinter Schiff aufgeschlossen fuhr. =Hood= nahm
jedoch hierauf keine Rücksicht, gab vielmehr der vorderen Hälfte den
Befehl, Segel zu mehren, und um 3-1/2 Uhr ankerten die ersten Schiffe,
um 4 Uhr das Flaggschiff. Die vier letzten Schiffe waren
zurückgeblieben, da das vorderste schlecht segelte. In die so
entstandene Lücke versuchte =de Grasse= mit seinem Flaggschiff »Ville
de Paris« von 104 Kanonen einzubrechen, um die Nachzügler
abzuschneiden, aber das letzte englische Schiff vor der Lücke,
»Kanada«, 74 Kanonen, unter Kapitän =Cornwallis=, dem Bruder des
Generals, warf alle Segel back, und sackte quer vor dem mächtigen
Gegner achteraus; seine beiden Vordermänner blieben gleichfalls zur
Unterstützung zurück (Plan I, B-B, B'-B'). So wurde der Durchbruch
verhindert; die letzten 7 englischen Schiffe setzten ihre Fahrt trotz
arger Bedrängnis unter beständigem Gefecht fort und kamen Schiff nach
Schiff zu Anker, wobei nun die schon verankerten Schiffe in den Kampf
eingriffen. So konnte die vordere Hälfte der englischen Linie,
gewissermaßen gedeckt durch den Kampf der hintern, unbelästigt ihre
Ankerplätze einnehmen, ebenso diese, ihrerseits unterstützt durch das
Feuer der ersteren. =De Grasse= lief noch an der feindlichen Linie
entlang, gab sein Feuer ab und steuerte dann nach Süden.
[Illustration: I. Schlacht bei Christopher, 25. Januar 1782.
II. Ankergefecht am 26. Januar 1782.]
$Das Ankergefecht am 26. Januar 1782.$ Der Ankerplatz Hoods war nicht
genau der gleiche, wie ihn de Grasse innegehabt hatte (s. Plan II), aber
er beherrschte diesen. Die Nacht vom 25./26. Januar wurde benutzt, die in
Eile eingenommene Ankerordnung zu verbessern und zu verstärken; so wurden
drei Schiffe der Nachhut zwischen das Spitzenschiff und die Küste
gelegt, um jedes Umgehen der Linie hier auszuschließen. =Hood= durfte
nun seine Stellung als stark betrachten.
Sein linker Flügel lehnte sich an die Küste. Von hier zog sich die
Linie in ost-westlicher Richtung bis zum 16. Schiff, dem Flaggschiff,
und bog dann in scharfer Kurve um, so daß die letzten Schiffe in der
Richtung Nord-Süd lagen (Plan II, A--A). Die Stellung vom Rücken her
anzugreifen, war bei den Windverhältnissen kaum möglich, und beim
Frontangriff hatten die Engländer den Vorteil, daß Beschädigungen der
Takelage für sie ohne Bedeutung waren, für die angreifenden Schiffe
aber verhängnisvoll werden konnten.
=De Grasse= hätte wohl seinen früheren Ankerplatz wieder einnehmen
können, aber dieser lag in Lee des Feindes und war auch für eine große
Flotte nicht günstig. Er beschloß anzugreifen; durch Ankunft der Schiffe
von Martinique standen ihm schon am nächsten Tage mindestens 27,
vielleicht bereits 29 Linienschiffe zur Verfügung. Am 26. Januar steuerte
er in Kiellinie auf den linken Flügel der englischen Stellung zu (Plan II
B-B). Infolge plötzlich schralenden Windes traf das Spitzenschiff[167] um
8-1/2 Uhr vorm. erst auf das dritte englische vom Flügel und erhielt die
Breitseiten von vier Gegnern, so daß man die Plankenstücke seiner
Bordwände herausfliegen sah, dann lief es die englische Linie entlang.
Die anderen Schiffe folgten, einige nahe, andere in weiterer Entfernung;
»Ville de Paris« kam sehr dicht heran und verlangsamte auch auf kurze
Zeit ihre Fahrt. Das Feuergefecht war äußerst heftig, der Pulverrauch
hüllte die Schiffe oft völlig ein, aber die englische Stellung blieb
unerschüttert und =de Grasse= führte seine Flotte wieder nach See zu. Ein
zweiter Angriff am Nachmittage, nur gegen Mitte und rechten Flügel der
Engländer gerichtet, blieb ebenso erfolglos.
[167] Dieses Schiff befehligte Kapitän =d'Albert de Rions=, nach
Suffrens Ansicht der tüchtigste Offizier der Marine; er hatte
sich schon mit Suffren unter d'Estaing ausgezeichnet, und wir
werden ihm noch öfter begegnen.
=Die Verluste am 25. und 26. Januar= betrugen englischerseits 72 Tote und
244 Verwundete, französischerseits 107 und 207.
Während der nächsten Wochen kreuzte nun die französische Flotte zu
Luward, drohte fast täglich mit einem Angriff und gab auch Feuer auf
weite Entfernung ab. =Hood= war somit zwar blockiert, konnte aber auf dem
Lande eingreifen, was er auch mit etwa 1200 Mann versuchte. =Bouillés=
Macht war jedoch zu stark, und die Gelandeten mußten schon nach 24
Stunden wieder eingeschifft werden. =Brimstonhill kapitulierte am 13.
Februar.=
=Hood= hatte am 1. Februar durch =Kempenfelt= Nachricht erhalten, daß die
französische Verstärkung für Westindien von ihm zerstreut sei (s. Seite
322). Dies hob seine Hoffnung auf das Gelingen seines kühnen
Unternehmens, wenn nur Rodney bald einträfe. Jetzt aber nach der
Waffenstreckung der Truppen am Lande mußte er befürchten, daß =Bouillé=
Batterien gegen die Flotte erbaue, und an das Verlassen seines
Ankerplatzes denken. Dies konnte aber nur mit großer Vorsicht ausgeführt
werden, denn die französische Flotte war auf 32 Linienschiffe
angewachsen; es waren außer dem letzten der 4 Schiffe von Martinique am
2. Februar noch die beiden Linienschiffe zu ihr gestoßen, die nach der
Zerstreuung des Konvois durch =Kempenfelt= die Fahrt fortgesetzt hatten.
Doch eine Gelegenheit bot sich bald. Am 14. führte =de Grasse= seine
Flotte unter die Küste von Nevis, um aus Transportern, die hier am 13.
von Martinique eingetroffen waren, seine fast erschöpften
Proviantbestände zu ergänzen. In der folgenden Nacht kappten die
Engländer die Ankertaue, ließen aber auf deren Bojen Laternen brennen, um
die Ausguckfregatten des Feindes zu täuschen, und segelten nördlich um
St. Christopher herum nach Antigua, wo sie am 19. Februar eintrafen. =De
Grasse= hielt eine Verfolgung für aussichtslos, ankerte zunächst bei
Basseterre, ging aber bald darauf nach Martinique, um nicht von diesem
Stützpunkt abgeschnitten zu werden, wenn =Rodney= einträfe; er erreichte
Fort Royal am 26. Februar.
Auf der Rückfahrt nach Martinique ließ =de Grasse= am 22. Februar die
Insel =Montserrat= besetzen. England hatte kurz vorher weitere Verluste
erlitten, da sich eine französische Division leichter Schiffe am 22.
Januar =Demeraras=, sowie am 5. und 8. Februar =Berbices= und
=Essequibos= bemächtigte.
$Beurteilung der Admirale Hood und de Grasse.$ =Hoods= kühnes Vorgehen,
mit Geistesgegenwart und Geschick durchgeführt, war trotz des mangelnden
Erfolges eine glänzende seemännische Tat. An und für sich lohnte der
Entsatz der Insel wohl kaum das Wagnis, aber er war nicht unmöglich, und
England brauchte um diese Zeit Erfolge. =Hood= hatte vor der
Chesapeakebucht (Seite 339) ähnlich handeln wollen; hätte er dort den
Oberbefehl geführt, so wäre =Cornwallis= vielleicht gerettet worden. Dem
Admiral =de Grasse= wird vorgeworfen, daß er seine gewaltige
Überlegenheit -- vom 1. bis 13. Februar 32 Linienschiffe gegen 22 --
nicht ausgenützt habe. Er habe gewußt, daß =Rodney= mit 12-15 Schiffen
nahe, während die französische Flotte keine Verstärkungen mehr zu
erwarten hatte, mithin hätte er =Hood= vorher vernichten müssen; der
Besitz von St. Christopher habe erst in zweiter Linie gestanden. Der
Vorwurf ist berechtigt. Gewiß war die englische Stellung sehr stark und
wäre mit äußerster Hartnäckigkeit verteidigt worden. Aber sie wurde doch
nicht wie die des Admiral =Barrington= bei Sta. Lucia 1778 durch Werke am
Lande geschützt, und dort riet der tüchtige =Suffren= dem
Oberbefehlshaber =d'Estaing=, unbedingt anzugreifen, ehe der Gegner
Verstärkung erhielte; er erachtete den Erfolg für sicher. (Vgl. Seite
283.)
Die Verhältnisse lagen bei Sta. Lucia ganz ähnlich, und =Suffren
äußerte sich= damals in einer für den jetzigen Fall geradezu
=prophetischen Weise=. Er schrieb: »Trotz der geringen Ergebnisse der
Beschießungen am 25. September (1781) können wir auf Erfolg rechnen.
Der einzige Weg dafür ist aber ein kräftiger Angriff auf das feindliche
Geschwader, das sich bei unserer Überlegenheit trotz der Batterien am
Lande nicht halten kann, »wenn wir längsseit der feindlichen Schiffe
gehen oder auf deren Bojen ankern«. Wenn wir zögern, können tausend
Umstände den Feind retten. =Er kann die Nacht benützen, um zu
entwischen.=«
=De Grasses= Verhalten entspricht wieder ganz der bekannten Auffassung in
der französischen Marine jener Zeit, die, wie erwähnt, ein französischer
Taktiker in dem Ausspruche kennzeichnete: »Unsere Marine hat stets den
Ruhm, eine Eroberung zu sichern, dem vielleicht glänzenderen aber
praktisch wertloseren vorgezogen, einige Schiffe zu nehmen.« Die
Erwägung, daß die Seestreitkräfte des Feindes der ausschlaggebende Faktor
seien und deshalb sein eigentliches Angriffsobjekt bilden müßten, lag ihm
bei dieser fast allgemeinen Auffassung fern. So hatten die Franzosen
einige Inseln genommen, aber die feindliche Flotte blieb intakt, und
infolgedessen fand die französische Überlegenheit in den westindischen
Gewässern bald ein Ende.
=Admiral Rodney= hatte am 15. Januar England mit 12 Linienschiffen
verlassen, war am 19. Februar in Barbados eingetroffen und vereinigte
sich am 25. bei Antigua mit Hood, der im Begriff war, nach Barbados zu
segeln. Die Gesamtflotte folgte nun den Franzosen, kam jedoch zu spät, um
ihnen den Weg nach Martinique zu verlegen, und ging nach Sta. Lucia. Hier
stießen noch 3 Linienschiffe von England zu ihr, so daß =Rodney= jetzt
über 37 Linienschiffe und 11 Fregatten verfügte. Als er dann erfuhr, daß
de Grasse einen großen Konvoi erwarte, ließ er eine Hälfte seiner Flotte
östlich vor der Durchfahrt zwischen Dominica und Martinique, die andere
vor der zwischen Martinique und Sta. Lucia kreuzen. Der erwartete Konvoi
hatte mit =de Guichen= im Februar Frankreich verlassen. Sein Führer
navigierte mit Umsicht, er passierte die Desiraden nördlich, steuerte
dann zwischen Guadeloupe und Dominica durch und erreichte so unbelästigt
Fort Royal am 20. März. =De Grasse= sah durch die Begleitschiffe seine
Flotte auf 35 Linienschiffe, einschließlich 2 50-Kanonenschiffe, und 5
Fregatten verstärkt. =Rodney= nahm Stellung bei Sta. Lucia in der
Gros-Islet-Bucht an der Nordspitze der Insel.
$Der Plan der Verbündeten, Jamaika zu erobern$, hatte schon lange
bestanden; in diesem Jahre sollte er ausgeführt werden. Man wollte bei
Cap Français (Haiti) 50 Linienschiffe und 20000 Mann vereinigen. Aus
Spanien war bereits im Januar eine Division Linienschiffe nebst
Transportern mit 4000 Soldaten dahin abgegangen, zu ihr sollte die Flotte
in Havanna unter Admiral Solano stoßen. =De Grasse= war beauftragt, seine
Gesamtflotte nebst allen auf den Kleinen Antillen entbehrlichen Truppen
dorthin zu führen und den Oberbefehl zu übernehmen; er mußte aber erst
den erwähnten Konvoi erwarten, da seine Schiffe von Vorräten entblößt und
die Magazine in Martinique leer waren. Die Aufgabe war schwierig, denn
der von ihm zu deckende Transport von Truppen und Kriegsmaterial, dem
sich noch nach Europa bestimmte Handelsschiffe anschlossen, zählte 150
Segel. De Grasse beabsichtigte nicht direkten Kurs nach Haiti zu nehmen,
sondern wollte nahe den Kleinen Antillen entlang steuern, um die eigenen
und die neutralen Inseln stets als Zufluchtsort für den Konvoi benutzen
zu können.
=Rodney= mußte also jetzt die Vereinigung der feindlichen Kräfte bei
Haiti hindern; er zog deshalb zwischen den nur 30 Seemeilen voneinander
entfernten Ankerplätzen der beiden Flotten eine Kette von Fregatten, um
sofort Nachricht vom Inseegehen des Gegners zu erhalten. Jetzt zeigte
sich die strategische Bedeutung Sta. Lucias für die Engländer. Bei ihrem
eigentlichen Stützpunkte, Barbados, wären sie zu weit ab gewesen, um mit
Aussicht auf Nutzen die Verfolgung aufzunehmen, und bei einem Kreuzen vor
Fort Royal würde es nicht möglich gewesen sein, stets die Wasser- und
Proviantbestände aufgefüllt zu halten; in der Gros-Islet-Bucht dagegen
konnte die Flotte in unmittelbarer Nähe des Feindes immer seeklar liegen.
=De Grasse= mußte die Fehler seiner Vorgänger büßen; =Rodney= zog den
Nutzen von =Barringtons= Scharfblick und Schneid.
$Die erste Schlacht bei Dominica, 9. April 1782[168].$ Am 5. April
erhielt =Rodney= die Nachricht, daß die französischen Soldaten
eingeschifft würden, und am 8., bald nach Tagesanbruch, erfuhr er, daß
der Feind den Hafen verlasse. Da dies bei der großen Zahl der Schiffe
Zeit in Anspruch nahm und Rodney auch schon mittags frei vom Hafen die
Verfolgung aufnehmen konnte, sichteten die Engländer bereits bei
Sonnenuntergang von den Toppen aus die Franzosen und kamen dann während
der Nacht beträchtlich auf. Am 9. bei Tagesanbruch lag der größere Teil
der französischen Flotte nebst dem Konvoi bekalmt unter der
Nordwestspitze von Dominica; nur etwa 15 Linienschiffe waren frei von der
Insel und kreuzten gegen frischen Passat vor dem Eingange des Kanals
zwischen Les Saintes und Dominica. Auch die englische Flotte lag in
Stille etwa 12 Seemeilen westlich der feindlichen, bald aber erhielten
etwa 8 Schiffe ihrer Vorhut, Admiral =Hood=, einen leichten Windhauch aus
SO, der sie von der Hauptflotte fort und auf 2 französische Schiffe zu
führte, die während der Nacht stark nach Lee geraten waren und jetzt in
Stille nördlich der englischen Flotte lagen. Hood hätte sie
abgeschnitten, wenn sie nicht auch einen Windstoß aus NW erhalten hätten,
mit dessen Hilfe sie östlich segelten; sie erreichten später ihre
Hauptflotte. Zur selben Zeit wie Hood bekamen auch die französischen
Schiffe unter der Insel eins nach dem andern leichten Luftzug vom Lande
her und setzten sich in Bewegung (s. Plan I a); die englische Hauptflotte
blieb vorläufig noch in Stille liegen (I b).
[168] Hauptquellen für beide Schlachten bei Dominica vgl. Fußnote
Seite 355.
=De Grasse= sah ein, daß er in Verbindung mit dem Konvoi eine Schlacht
nicht vermeiden könne. Er gab deshalb diesem den Befehl, unter dem
Schutze der beiden 50-Kanonenschiffe nach Basseterre hinüberzulaufen.
Mit der Flotte wollte er dann zwischen Guadeloupe und Dominica
aufkreuzen. Er hoffte so den Feind hinter sich her vom Konvoi abzuziehen
und glaubte, mit seinen besser gebauten Schiffen auch die Verfolgung
abwerfen zu können; so würden sowohl Flotte wie Konvoi unbelästigt ihr
Ziel erreichen.
$Die Rettung des Konvois gelang.$ Während sich das Gefecht entspann,
segelten die Fahrzeuge unbelästigt nach Norden und waren schon um 2 Uhr
nachmittags aus Sicht. Von Guadeloupe erreichten sie später glücklich
Haiti.
Je weiter =Hood= vorrückte, um so frischer ward der Wind, bis er den
Kanal von Les Saintes gut offen sah und den Passat erhielt (I e). Da nun
einerseits die beiden abgekommenen Schiffe noch nicht aus ihrer
gefährlichen Lage heraus waren (I d), anderseits die 8 Schiffe Hoods
weit von ihrer Flotte entfernt standen, gab =de Grasse= seinen schon im
Passat kreuzenden 15 Schiffen -- es waren die französische Vorhut unter
Chef d'Escadre =de Vaudreuil=, sowie 3 Schiffe der Mitte -- den Befehl,
diesen Teil der Engländer anzugreifen. Es entspann sich ein Gefecht auf
halbe Kanonenschußweite, das von 9-3/4-10-1/2 Uhr vorm. dauerte und in
das nach und nach auf beiden Seiten noch einige Schiffe eingriffen, die
den Passat erreicht hatten.
=Hood= mußte bald beidrehen, um sich nicht zu weit von der Hauptflotte
zu entfernen. Die französischen Schiffe steuerten in Linie auf das
Schlußschiff der Engländer zu, liefen dann an der englischen Linie
entlang, wendeten nacheinander und wiederholten das Manöver; sie
segelten also eine Ellipse zu Luward des Feindes ab (I e). =Vaudreuil=
wählte diese Entfernung, da er fürchtete, daß auf einer näheren die
Takelagen seiner Schiffe zu sehr durch das Feuer der Karronaden leiden
würden, mit denen die englischen Schiffe ausgerüstet waren. (Vgl.
Kapitel II, Seite 21 ff.)
[Illustration: Erste Schlacht bei Dominica 9. April 1782.]
Während dieses Gefechtes hatte sich =Rodney= mit etwa 8 Schiffen der
englischen Mitte unter sorgfältiger Benutzung der schwachen Windstöße
näher an Land herangearbeitet, die dort frischere Brise abgefangen und
steuerte dann gegen 10-1/2 Uhr nach Norden (Plan II a); der Rest seiner
Flotte lag immer noch nahezu fest (II b). Als =Vaudreuil= dies sah, brach
er das Gefecht ab und segelte nach Süden, damit Rodney sich nicht
zwischen ihn und =de Grasse= schieben könne. Um 11-1/2 Uhr aber griff er
=Hood= aufs neue und in gleicher Weise an, da auch die französische Mitte
und Nachhut den Kampf aufnahmen. Diese eröffneten nämlich jetzt das Feuer
auf =Rodney=, aber auf so weite Entfernung, daß die Engländer es nur
schwach erwiderten (II c). Als dann =de Grasse= um 1-1/4 Uhr nachm. auch
die englische Nachhut herankommen sah, ließ er das Gefecht überall
abbrechen und begann mit der ganzen Flotte in den Kanal aufzukreuzen; ein
Schiff wurde wegen Beschädigungen in der Takelage nach Basseterre
gesandt, um die Bewegungen der Flotte nicht zu behindern. Auch =Rodney=
sammelte seine Schiffe und drehte für die Nacht zum Ausbessern bei. Er
bildete aber zu diesem Zwecke seine Formation in »Kehrt«, so daß die
Vorhut zur Nachhut wurde, denn nur die Vorhutschiffe hatten gelitten,
zwei von ihnen sogar beträchtlich, sie blieben aber trotzdem bei der
Flotte.
$Kritik der Schlacht vom 9. April.$ Wieder muß man fragen: warum hat =de
Grasse= nicht die Gelegenheit benutzt, einen Teil der englischen Flotte
zu vernichten? =Vaudreuil= stand anfangs mit 15 Schiffen gegen 8, und
auch später war das Verhältnis ähnlich. Warum griff er nicht von hinten
auf beiden Seiten an, der Wind war ihm günstig und =Hood= hatte keine
Aussicht auf baldige Unterstützung. Im zweiten Teile des Kampfes standen
gar insgesamt 33 Franzosen gegen höchstens 20 Engländer, denn 16
englische Schiffe -- die ganze Nachhut und 4 der Mitte -- vermochten
nicht, einzugreifen. Wären Hoods Schiffe vernichtet worden, so war
=Rodney= lahmgelegt, und =de Grasse= konnte seine Aufgabe durchführen.
Die Franzosen verloren am 12. April nur 5 Schiffe und doch war die
Schlacht für sie eine entscheidende Niederlage. Zu erklären ist dies nur
dadurch, daß der französische Admiral es für seine wichtigste Aufgabe
hielt, die Flotte unversehrt zu erhalten. Der Angriff auf den gefährdeten
Teil des Feindes sollte dann wohl nur diese Schiffe in ihrer
Bewegungsfähigkeit so weit schädigen, daß sie an der Verfolgung nicht
teilnehmen konnten oder sie doch aufhielten. Es ist nirgend zu ersehen,
ob =Vaudreuil= nach eigener Überlegung oder auf Anordnung den Kampf so
vorsichtig geführt hat. Das erste ist möglich, wenn er die fast
allgemeine französische Auffassung teilte, doch das zweite ist wohl
wahrscheinlicher. Wenn er aber wußte, daß =de Grasse= nicht entscheidend
schlagen, sondern sogar sich der Verfolgung entziehen wollte, war sein
Bestreben richtig, außerhalb der Wirkung der Karronaden zu bleiben.