brachte der englischen Marine einen empfindlichen Verlust. Die Schiffe
waren viel in See gewesen und vielfach ausbesserungsbedürftig, es
gebrach aber an Zeit, sie in Trockendocks aufzunehmen. So wurde unter
anderen der »Royal George«, ein Schiff mit 100 Kanonen, Flaggschiff des
Admirals =Kempenfelt=, am 29. August auf der Rhede von Spithead auf die
Seite gelegt, um einige Arbeiten an Unterwasserteilen vorzunehmen; ein
Manöver, das nur bei stillem Wetter und ruhigem Wasser ausgeführt
werden darf. Die Lage der schadhaften Stelle verlangte ein ungewöhnlich
weites Überlegen und der Zufall führte eine Katastrophe herbei. Es war
Löhnungszahltag dicht vor der Abreise und infolgedessen befanden sich
außer der 8-900 Köpfe starken Besatzung zahlreiche Frauen und Kinder
der Leute, sowie Händler an Bord, so daß durch das Gewicht und die
Bewegungen der vielen Menschen die Gefahr des Kenterns vergrößert
wurde. Ungefähr um 10 Uhr vormittags, während der Admiral in der Kajüte
mit Schreiben beschäftigt war und der größere Teil der Anwesenden sich
unter Deck befand, warf eine plötzliche starke Bö das Schiff auf die
Seite; das Wasser drang in die offenen Pforten ein, und es sank
schnell. Der Admiral, mehrere Offiziere, sowie die meisten der unter
Deck befindlichen Personen, insgesamt 900-1000 Menschen, ertranken; ein
längsseit liegendes Proviantfahrzeug ward mit in die Tiefe gezogen.
Dieser Unglücksfall, der mehrfach als Beweis für die mangelhafte
Seefähigkeit der großen Dreidecker angeführt wird, findet sich
anschaulich dargestellt in Kapitän =Marryats= Romane »the Kings Own«.
$Der große, erfolglose Angriff auf Gibraltar, September 1782[164].$ Zwei
Tage nachdem =Howe= England verlassen hatte, spielte sich die berühmte
Schlußszene der Belagerung von Gibraltar ab. Seit Juli 1779 hielten die
Spanier diese Feste zu Lande und von Algeciras aus auch zu Wasser
eingeschlossen, aber trotzdem war es zweimal englischen Flotten gelungen,
sie mit Vorräten und Truppen zu unterstützen. Auch der Angriff vom Lande
her machte keine Fortschritte, obgleich Spanien nach und nach gegen 30000
Mann dazu heranzog und auf der Landzunge, die den Felsen mit dem
Festlande verbindet, mächtige Belagerungswerke erbaute. Der englische
Kommandant, =George Augustus Elliot=, leitete den Widerstand mit Geschick
und Tapferkeit. Zu der Zeit, als Admiral =Darby= 1781 Verstärkungen
brachte, wurde die Stadt drei Wochen lang täglich mit 4-5000 Geschossen
überschüttet und, nachdem so 75000 Vollkugeln und 25000 Bomben verfeuert
waren, gab man noch wochenlang täglich 600 Schuß ab.
[164] Besonders benutzte Quellen: Campbell Band VII, Seite 60;
Chevalier II, Seite 336; gerade in diesem Werke sehr eingehend
behandelt.
Aber die Besatzung hatte vom 12. April bis Ende Juni nur 53 Tote und 260
Verwundete eingebüßt. Die Stadt lag zwar in Trümmern, doch war dies ohne
Bedeutung, denn die Verteidiger fanden an verschiedenen Stellen des
Felsens in Lagern sichere Unterkunft. Am 27. November 1781 gelang es
ihnen, durch einen Ausfall der ganzen Garnison unter =Elliots=
persönlicher Führung den Gegner zu überraschen, der jetzt seine
Parallelen weit genug vorgeschoben glaubte; in kurzer Zeit waren die
Geschütze vernagelt, die Werke aufgesprengt und verbrannt, die
Angriffsarbeiten von mehreren Monaten vernichtet. Spanien verdoppelte
seine Anstrengungen. Man war zu der Überzeugung gelangt, daß die Festung
durch Angriff vom Lande her allein nicht bezwungen werden könnte. Zu
einem gleichzeitigen Vorgehen von See aus wollte man aber die
Hochseeflotte nicht einsetzen; die feindliche Stellung war weit stärker
befestigt, armiert und bemannt, als zu jener Zeit, wo =Rooke= mit der
englischen Flotte sich Gibraltars bemächtigte. Man baute deshalb nach
Entwürfen des französischen Ingenieurobersten =Chevalier d'Arçon= 10
mächtige schwimmende Batterien, die 152 schwere Geschütze führten; sie
waren Anfang September fertiggestellt.
$Die schwimmenden Batterien$ waren 6 bis 1400 tons große Seeschiffe,
die außen mit einer vierfachen Polsterung von Holz, Sand, Kork sowie
ungegerbten Häuten und mit einer schrägen Holzbedachung versehen
wurden, auf der eine Decke von altem Tauwerk und Fellen lag. Um eine
Wirkung glühender Kugeln zu hindern, war durch die mit der Panzerung 5
Fuß dicken Bordwände ein vielverzweigtes Kanal- und Röhrensystem
gezogen, durch das von einem Reservoir aus beständig Wasser spülte. Die
Polsterung sollte so stets ganz mit Wasser durchtränkt gehalten werden
und einschlagende Kugeln selber ihr Ablöschen hervorrufen, indem sie
die Röhren verletzten; auch die Dächer konnten berieselt werden. Die
Schiffe waren mit schweren, neugegossenen Bronzekanonen armiert; fünf
von ihnen führten 18-24 Geschütze in zwei, fünf 6-11 in einer Batterie,
und es war etwa die Hälfte der Zahl als Reserve zum Auswechseln an Bord
gegeben. Die Kanonen wurden nur auf einer Seite der Schiffe
aufgestellt; Ballast auf der anderen hielt diese auf ebenem Kiel, so
boten die 10 Batterien dem Gegner eine Breitseite von 152 Geschützen
dar.
Der Bau in der Bucht von Algeciras war im Februar beschlossen, schritt
aber nach spanischer Art nur langsam vorwärts. Erst Anfang September
war er mit einem Kostenaufwande von 2 Millionen Piastern beendet. Bei
der Probe zeigte sich, daß die Bewässerungsanlagen nicht richtig
arbeiteten, das Wasser drang in die Schiffe und die Kanäle mußten
teilweise verstopft werden. Der Erfinder bat um Zeit für
Verbesserungen, aber der =Herzog von Crillon= verweigerte sie ihm.
(Vorstehendes sehr eingehend in Chevalier II, Seite 337.)
Auch sonst wurden Vorbereitungen zu einem überwältigenden Angriffe
getroffen. 30 (40?) Kanonenboote und 30 (40?) Mörserboote, sowie 300
große Ruderboote waren gesammelt, um den schwimmenden Batterien während
des Kampfes Ersatzmannschaften und Munition zuzuführen. In den Werken auf
der Landzunge standen 186 Geschütze; die von Minorka zurückkehrenden
spanischen Truppen, sowie 10000 Franzosen hatten das Belagerungsheer, das
jetzt vom =Herzog von Crillon=, dem Eroberer Minorkas, befehligt wurde,
auf über 40000 Mann gebracht. Endlich sollte die Flotte =Cordobas= den
Angriff gegen jede Störung von See her decken, wenn erforderlich, auch
unterstützen.
Gibraltar war im Norden und Westen wie schon früher durch eine Umwallung
mit zahlreichen Batterien gedeckt (vgl. Skizze im Bande I, Seite 526).
Diese erste Verteidigungslinie war aber jetzt weit stärker und wurde
durch eine zweite, höher gelegene und zum Teil in den Fels gehauene
unterstützt; die Werke, die den Gibraltarfelsen selber zu einer
uneinnehmbaren Feste machen, sind während dieser Belagerung begonnen. Die
Wasserfront ward durch starke Forts auf den beiden Molen flankiert, und
etwa in ihrer Mitte, etwas nördlicher, befand sich ein größeres Werk, die
Kings-Bastion. In den Befestigungen standen 280 Geschütze. Die Besatzung
betrug 7000 Mann auserlesener Truppen[165], im besonderen vorzüglicher
Artilleristen; 12 Kanonenboote, mit je einem schweren Geschütze, besetzt
mit Mannschaften einiger bei Gibraltar stationierter Fregatten und
kleinerer Kriegsschiffe, standen zur Verfügung.
[165] Etwa zwei Drittel von diesen waren Hannoveraner, die Stammtruppen
der jetzigen Regimenter: Füsilierregiment Prinz Albrecht von
Preußen (Hannoversches) Nr. 73, Infanterieregiment v.
Voigts-Rhetz (3. Hannoversches) Nr. 79 und des Jägerbataillons
Nr. 10, denen zur Erinnerung an die ruhmreiche Verteidigung von
Gibraltar als Abzeichen ein hellblaues Band mit der Inschrift
»Gibraltar« am rechten Unterarm verliehen ist.
Das ganze militärische Europa erwartete mit Spannung den Ausgang des so
lange vorbereiteten Angriffes. Neutrale Mächte sandten höhere Offiziere
dorthin; zwei französische Prinzen erschienen, um die erwartete
Katastrophe zu verherrlichen, denn die Verbündeten zweifelten nicht am
Erfolge.
Nach Eintreffen der großen Flotte in Cadiz am 6. September wurde die
Ausführung des Angriffes beschlossen. =Cordoba= ging schon am 9. in See
und ankerte am 12. bei Algeciras, wo nun 48 Linienschiffe der Verbündeten
vereinigt waren. Am 13. erfolgte der Angriff, aber schon am 8. hatte der
Kampf begonnen, und es ist kennzeichnend für =General Elliot=, daß dies
von seiner Seite ausging.
$Schilderung des Angriffes auf Gibraltar.$ Als =Elliot= erkannt hatte,
daß ein Angriff starker Kräfte bevorstand, überschüttete er während des
8. September die feindlichen Werke derartig mit Geschossen, daß sie
außer Gefecht gesetzt wurden. Die Spanier eröffneten jedoch schon am 9.
aus einer neuen Batterie von 64 Kanonen ein heftiges Feuer auf die
Stadt, und das eigentliche Blockadegeschwader unter =Moreno= beteiligte
sich, indem es in Linie an der Wasserfront vorübersegelte. Das
Bombardement aus den Landwerken ward bis zum 12. fortgeführt. Gegen 8
Uhr vormittags am 13. September setzten sich die schwimmenden Batterien
in Bewegung und die Landwerke nahmen das Feuer wieder auf. Admiral
=Moreno= ankerte mit dem stärksten der Batterieschiffe »La Pastora« auf
etwa 1200 m Entfernung vor der Kings-Bastion, vier andere gingen
südlich und fünf nördlich von ihm vor Anker.
So lagen die 10 Fahrzeuge in einer Linie von der Nordmole bis fast zur
Südmole; sie begannen den Kampf um 10 Uhr. Entschieden war diese
Aufstellung fehlerhaft. Nach dem Plane =d'Arçons= sollten sie massiert
von der Höhe der Nordmole aus angreifen, um ihr Feuer möglichst
zusammenzuhalten und mit dem der Landwerke zu vereinigen, selber aber
nur wenigen feindlichen Geschützen ausgesetzt zu sein. Jetzt jedoch
boten sie Ziele für die ganze Wasserfront, deren südlicher Teil vom
Feuer der Landwerke nicht erreicht werden konnte. Ein zweiter
verhängnisvoller Fehler wurde dadurch gemacht, daß die bei Algeciras
liegenden Mörser- und Kanonenboote nicht eingriffen, und gerade diese
hätten die Wasserfront beschäftigen, womöglich flankieren sollen; nur
einige Kanonenboote erschienen für kurze Zeit. Endlich nahmen auch
keine Schiffe der großen Flotte teil, die gleichfalls den Gegner hätten
ablenken sollen.
Es folgte nun ein heftiger Geschützkampf. Anfangs widerstanden die
schwimmenden Batterien den Geschossen, auch den glühenden Kugeln, die
von den Engländern mit Vorliebe verwendet wurden. Aber am Nachmittage
gerieten doch »La Pastora«, sowie ihr Nebenschiff »La Talla Piedra«,
von einem Prinzen von Nassau befehligt, in Brand. Man konnte das
langsame Umsichgreifen des Brandes nicht hindern, so daß »Talla Piedra«
sich genötigt sah, um 3 Uhr ihr Feuer zu vermindern und um 5 Uhr ganz
einzustellen. Der Prinz von Nassau bat, sein Schiff wegzuschleppen,
machte auch den Versuch, es aus dem Gefecht zu warpen, es fehlte ihm
jedoch an Matrosen. Um 5 Uhr brachen auch die spanischen Landwerke den
Kampf ab; =d'Arçon= behauptete später, es habe ihnen an Munition
gefehlt, ihre Geschütze seien überhaupt schlecht bedient und schlecht
gerichtet worden. Die übrigen schwimmenden Batterien hatten noch wenig
gelitten, aber ihr Rückzug ward doch befohlen, um sie zu retten. Für
diesen waren jedoch gar keine Vorkehrungen getroffen, und man sah sich
schließlich gezwungen, ihr Verlassen und Verbrennen anzuordnen; auf
Notsignale sandte die Flotte Boote zum Abholen der Besatzungen. In die
nun entstehende Verwirrung brachen gegen 2 Uhr morgens die englischen
Kanonenboote unter Führung des Kapitäns =Curtis=, des ältesten
Seeoffiziers in Gibraltar, ein. Sie flankierten mit ihrem Feuer die
spanische Linie, vermehrten die Unordnung auf den fast nur mit Soldaten
besetzten Fahrzeugen und trieben die rettenden Boote zurück. Bei
Sonnenaufgang flog eins der Batterieschiffe in die Luft, drei weitere
traf bald das gleiche Schicksal, die anderen standen in Flammen. Die
Engländer stellten jetzt das Feuer ein und taten ihr Bestes zur Rettung
der Gegner; sie bargen unter eigener Gefahr gegen 400 Mann. Der Rest
der Batterien flog im Laufe des 14. September auch noch auf.
=Der Verlust= der Spanier soll allein auf den schwimmenden Batterien
1500 Tote, Verwundete und Gefangene betragen haben. Die Engländer
büßten nur 65 Tote und 188 Verwundete ein; ihre Werke hatten im
Verhältniß zu dem auf sie gerichteten Feuer nur wenig gelitten.
$Beurteilung des Angriffes.$ Die schwimmenden Batterien sind nach der
Katastrophe vielfach als verfehlt bezeichnet. Besonders höhere
spanische Offiziere, so auch =Crillon=, erklärten, niemals Vertrauen zu
ihnen gehabt zu haben. Weshalb wartete er aber nicht ab, bis sie
leistungsfähiger geworden waren? Er konnte während der Monate September
und Oktober noch immer auf günstige Witterung für den Angriff rechnen,
und die große Flotte war zur Stelle, um einer etwa erscheinenden
englischen entgegenzutreten. Das Mißlingen des Unternehmens, wenigstens
sein trostloser Ausgang, ist anderen Umständen zuzuschreiben. =Crillon=
hat (nach Chevalier) zu kurzer Hand den Tag des Angriffes festgesetzt
und ungenügende Bestimmungen getroffen. Infolgedessen lagen die
Batterien falsch und die Mörser- sowie die Kanonenboote fehlten; die
Spanier behaupteten zwar, die See sei zu rauh für diese gewesen, aber
einzelne waren doch erschienen und hatten sich auch am Kampf beteiligt.
Es war ferner nichts vorgesehen, um die Batterien aus dem Gefechte
ziehen zu können. Endlich waren die Führer der Flotte nicht zu Rate
gezogen und gar nicht oder doch zu spät vom Angriff in Kenntnis
gesetzt. =Chevalier= stützt sich bei diesen Behauptungen allerdings
besonders auf Berichte =d'Arçons=, also eines beteiligten Zeugen, aber
seine Aussagen werden auch durch das Journal eines französischen
Schiffes der Flotte bestätigt. (Chevalier II, Seite 348.)
Der Angriff wurde nach vorstehendem nicht nur ein Fehlschlag, sondern
sogar eine empfindliche Niederlage der Spanier; man mußte sich vorläufig
wieder auf den Versuch beschränken, Gibraltar auszuhungern. Dies hätte
gelingen müssen, da man über 48 Linienschiffe verfügte, aber die
Seegewandtheit der Engländer machte auch diese Hoffnung zuschanden.
$Lord Howe versorgt Gibraltar, Oktober 1782.$ Die Fahrt des Admirals war
bis zur spanischen Küste sehr langsam, teils weil er Gegenwind traf,
teils weil er sorgsam auf das Zusammenbleiben des wichtigen Transportes
hielt; bei Kap Finisterre waren aber auch sämtliche 183 Segel noch
vereint. Hier entließ er die Konvois und erreichte mit der Flotte sowie
den 31 Transportern am 8. Oktober Kap St. Vincent. Dort erhielt er am 10.
die Nachricht von den Ereignissen bei Gibraltar, sowie von der
Anwesenheit der feindlichen Flotte bei Algeciras. Er gab nun den
Unterführern seine Absichten bekannt und ließ den Kapitänen der
Transportschiffe genaue Angaben über die Wind- und Stromverhältnisse bei
Gibraltar zukommen, damit sie ihre Ankerplätze leicht und sicher
erreichen könnten. Am 11. mittags lief er bei westlichem Winde in die
Straße ein. Die Transporter segelten voran, die Flotte folgte in drei
Geschwadern; sie war also zu Luward jener und somit imstande, sie zu
verteidigen. Um 6 Uhr nachmittags standen die Proviantschiffe vor dem
Eingang der Bucht von Gibraltar, aber nur 4 Fahrzeugen nebst einem
Linienschiffe gelang das Einlaufen, die übrigen hatten die Vorschriften
nicht befolgt und wurden durch den Strom ins Mittelmeer versetzt. Die
Flotte mußte ihnen folgen.
=Cordoba= lag seit Anfang Oktober zum sofortigen Auslaufen bereit. Am 10.
fielen schwere Böen ein. Mehrere Schiffe trieben vor ihren Ankern und
stießen zusammen; das Flaggschiff des Admirals =Moreno= strandete bei
Gibraltar und wurde von den Engländern genommen; ein anderes
Linienschiff, sowie eine Fregatte trieben ins Mittelmeer. Sei es, weil
einzelne Schiffe beschädigt waren, sei es -- wie französisch-spanische
Berichte sagen -- weil in der Bucht von Algeciras völlige Windstille
herrschte, tatsächlich unternahm =Cordoba= nichts gegen das Einlaufen der
vier Transporter und ging auch erst am 13. Oktober mit 46 Linienschiffen,
darunter 14 oder 15 Franzosen, in See. Besorgt um das Schicksal der
vertriebenen Schiffe steuerte er östlich, anstatt den Engländern die
Rückkehr in die Straße zu verlegen; =Howe= stand um diese Zeit etwa 30
Seemeilen im Osten von Gibraltar. Zwei Tage manövrierten nun die Flotten
bei leichtem westlichen Winde und zeitweisem Nebel, oft aus Sicht
voneinander. Am 15. kam Ostwind auf und =Howe= steuerte unbemerkt vom
Feinde westlich, die Transporter wieder voraussendend. Am 16. abends
waren 18 von diesen, am 18. alle in Gibraltar angelangt; außerdem wurden
Soldaten gelandet, die auf einzelnen Linienschiffen untergebracht waren,
und dem Gouverneur auf dessen Bitte noch ein Brander mit 1500 Barrel
Pulver überlassen. =Gibraltar war aufs neue reichlich versorgt.=
Der spanische Admiral hatte erst am 16. Oktober den Kurs nach Westen
aufgenommen, als er am 19. vor Gibraltar erschien, trat die englische
Flotte gerade ihre Heimreise an. Er folgte ihr in einer Schlachtlinie, in
der die Schiffe nach ihrer Geschwindigkeit rangiert waren, die
schnelleren voran.
$Das Seetreffen bei Kap Spartel am 20. Oktober 1782. Ende des Seekrieges
in den europäischen Gewässern.$ =Howe= wollte der Strömungen wegen nicht
in der Straße von Gibraltar fechten und erwartete den Gegner außerhalb.
=Cordoba= stand bei nördlichem Winde zu Luward und hielt am 20. Oktober
gegen Sonnenuntergang zum Angriff ab. Er hatte Befehl gegeben, den Kampf
zu beginnen, sobald man auf zwei Kabellängen an den Gegner heran wäre.
=La Motte-Picquet= eröffnete in der hellen Mondnacht mit der Vorhut das
Feuer auf die englische Vorhut in der befohlenen Entfernung; die Mitte
war noch nicht so nahe heran und die Nachhut, 12 Schiffe unter =de
Guichen=, stand weit achteraus. Ehe diese herankam, mehrte =Howe= Segel
und brach das Gefecht ab. Er hatte mit seiner Mitte der großen
Entfernung halber das Feuer der feindlichen Schiffe gar nicht erwidert,
seine Nachhut kam jedoch beim Absegeln noch zum Geschützkampf. Der großen
Übermacht wollte sich der englische Admiral nicht aussetzen; er hat den
Gegner wohl nur herankommen lassen, weil er mit der Möglichkeit rechnete,
infolge günstiger Umstände ihn teilweise zu schlagen. =La Motte= wagte
mit seinen wenigen Schiffen nicht am Feinde zu bleiben, =Cordoba=
sammelte um Mitternacht die Flotte und folgte weiter.
=Die Verluste= bezifferten sich bei den Engländern auf 68 Tote und 268
Verwundete, bei den Verbündeten auf 60 und 320.
Am nächsten Tage waren die Gegner etwa 12 Seemeilen voneinander entfernt.
=Cordoba= gab sich jedoch keine Mühe, näher heranzukommen, sondern
segelte am 22. nach Cadiz. =Howe= zweigte 8 Linienschiffe für Westindien
ab und erreichte dann am 14. November Portsmouth.
Die größeren Flottenunternehmungen in den europäischen Gewässern waren
damit nicht nur für das Jahr 1782, sondern für den Krieg überhaupt zu
Ende.
$Über die Kriegführung in Europa 1782$ ist wenig zu sagen. Das Auftreten
der großen Flotte der Verbündeten in den nördlichen Gewässern war ebenso
schwächlich wie im Vorjahre. Sie brachte einen Teil eines englischen
Konvois auf und beherrschte zum Schutze des eigenen Handels während der
Monate Juni bis August den Eingang des Kanals, sowie die Biskaya, machte
aber keine ernstlichen Versuche zur Vernichtung der schwächeren
feindlichen Seemacht. Wieder trifft die Hauptschuld die Spanier, die den
größeren Teil der Flotte gestellt hatten und in deren Hand der Oberbefehl
lag. Mit Recht sagt ein französischer Autor (Lacour II, Seite 382) über
Cordoba, es sei zu beklagen, daß Männer wie =Guichen= und =La
Motte-Picquet= stets an einen Führer gebunden gewesen wären, der keinen
Plan durchgeführt habe -- falls er überhaupt einen gehabt hätte.
Die weit schwächere englische Flotte hatte schon vorher den äußerst
wichtigen Transport für Ostindien aufgebracht, die Streitmacht Hollands
festgehalten und dessen Handel unterbunden. Als die Verbündeten dann auf
der See erschienen, gelang es =Lord Howe= doch, den Jamaikakonvoi sicher
einzuholen. Der Schaden für Handel und für Militärtransporte war auf
beiden Seiten etwa gleich; der Ruhm der erfolgreicheren Verwendung ihrer
Seestreitkräfte gebührt also England als der schwächeren Partei. Hierbei
ist allerdings darauf hinzuweisen, daß Howes Aufgabe ein Wagnis war, denn
die größere Hälfte der Kanalflotte wurde einem übermächtigen Feinde
gegenüber aufs Spiel gesetzt.
Die Expedition nach Gibraltar war ein noch gefahrvolleres Unternehmen.
Bei ihr entwickelte =Lord Howe= dieselben Fähigkeiten, die er 1778/79 in
Nordamerika gezeigt hatte, seemännische Tüchtigkeit vereint mit klarem
Blick und schnellem Entschluß. Er hielt seine Kräfte zusammen und behielt
sie in der Hand, durch geschicktes Manövrieren löste er seine Aufgabe,
vermied aber den Kampf mit dem überlegenen Feinde. =Cordoba= dagegen
versagte auch bei dieser Gelegenheit.
Einige $Aussprüche neuerer französischer Autoren$ zu diesen Vorgängen
sind bemerkenswert. =Chevalier= schreibt (II, Seite 358, hier gekürzt):
»Die Eigenschaften, die =Lord Howe= bei dieser kurzen Kampagne
entfaltete, entsprachen voll der Aufgabe, die er zu lösen hatte. Seine
Operation, eine der schönsten dieses Krieges, verdient das gleiche Lob
wie ein Sieg. Wenn auch die englische Flotte durch die Verhältnisse
begünstigt wurde -- und es ist selten, daß derartige Unternehmungen
ohne Glück gelingen --, so haben doch vor allem der richtige Blick des
Führers, die Sicherheit seines Urteils und seine schnelle
Entschlußfähigkeit den Erfolg herbeigeführt.«
=Lacour= schreibt (II, Seite 447): »Daß die Flotte der Verbündeten
mehrere Tage hindurch in der Straße von Gibraltar manövriert hat, ohne
die englische zu erreichen, daß es dieser gelungen ist, stets
auszuweichen und ihre Vorräte zu landen, daß =Howe= die Straße
unbelästigt wieder verlassen konnte, alles dies erscheint bei der
Beschränktheit des Schauplatzes, auf dem sich die Ereignisse einer
Woche abspielten, kaum glaubhaft.«
=Chevalier= weist gerade bei dieser Gelegenheit auf den höheren Stand
der englischen Marine im allgemeinen hin und erklärt damit manche
Erfolge der Engländer, sowie manche Fehlschläge der Franzosen in diesem
Kriege. Er sagt: »Unter den 34 Schiffen der englischen Flotte befand
sich keins jener Fahrzeuge, die den Oberbefehlshaber in der
Durchführung seiner Absichten hindern. Alle waren gekupfert und von
nahezu gleicher Geschwindigkeit. =Howe= hatte dadurch, wenn auch nicht
die Gewißheit, so doch die größte Aussicht, einen Kampf nach Belieben
aufnehmen oder vermeiden zu können. Der gleiche Vorteil zeigte sich
auch bei anderen Gelegenheiten in diesem Kriege. Er konnte sich ferner
auf seine Kommandanten verlassen. Es kamen keine Trennungen, keine
Zusammenstöße und Havarien, kurz keine jener Vorfälle vor, die den
Oberbefehlshaber so oft zwingen, anders zu handeln, als er beabsichtigt
hatte. Man kann nicht umhin, sich dabei der Ereignisse zu erinnern, die
der französischen Flotte des Admirals =de Grasse= vom 9. bis 12. April
1782 so schwere Ungelegenheiten bereiteten.« Der Autor führt diese dann
kurz an; wir werden sie bald bei der Schilderung des Krieges in
Westindien (Schlachten bei Dominica) kennen lernen.
Der Krieg in Westindien und Nordamerika 1782.
Im November 1781 waren =de Grasse= von Nordamerika mit 32 Linienschiffen
in Martinique und im Dezember =Hood= in Barbados mit 18 eingetroffen; am
26. November hatte der Gouverneur von Martinique die Insel St. Eustache
wiedergenommen.