$Admiral de Grasse in Westindien 1781. Zusammenstoß mit Hood bei

Martinique.$ Etwa eine Woche nach der Besetzung der Insel St. Eustache

brachte ein Handelsschiff die Nachricht dorthin, daß es am 31. Dezember

1780 in der Biskaya einen großen, für Westindien bestimmten französischen

Konvoi unter Geleit von 8 oder 10 Linienschiffen gesehen habe. =Rodney=

sandte daraufhin am 12. Februar den Kontreadmiral =Sir Samuel Hood= mit

11 Schiffen nach Martinique, um sich mit den dort schon befindlichen 6 zu

vereinigen und dann zu Luward genannter Insel zu kreuzen. Er erklärte es

für notwendig, selber behufs Durchführung von Maßregeln zur Sicherung der

Beute und der Insel noch bei St. Eustache zu bleiben und behielt zwei

Schiffe zurück. Die Nachricht über den Konvoi erwies sich bald darauf als

falsch, aber der Befehl für =Hood= blieb bestehen, nur wurde er

angewiesen, sich in Lee von Martinique zu halten. Er machte hiergegen

geltend, daß er dann leicht nach Lee vertrieben werden könne, aber

=Rodney= erklärte, daß es nach seinen Erfahrungen wohl durchführbar sei,

sich wochenlang dicht vor dem französischen Hafen zu halten und daß dann

die Schiffe, die zeitweise zum Wasser- oder Proviantauffüllen nach Sta.

Lucia gesandt werden müßten, leicht wieder zur Flotte stoßen könnten,

falls ein feindliches Geschwader von Europa ankäme. Bald aber sollte sich

die Berechtigung von Hoods Einwurf zeigen.

=Lieutenant-Général de Grasse=[158] hatte am 22. März Brest mit 26

Linienschiffen verlassen. Bei den Azoren zweigte er 5 von ihnen nach

Ostindien, 1 nach Nordamerika ab und segelte mit 20 nebst einem großen

Konvoi von Transportern und Handelsschiffen nach Westindien weiter; zur

Beschleunigung der Reise ließ er die schlechtesten Segler des Konvois von

Kriegsschiffen in Schlepp nehmen. Die Flotte sichtete Martinique am 28.

April und vernahm am Abend bei Point de Salines, der Südspitze der Insel,

von der Anwesenheit der englischen. Zur größeren Sicherheit seines

Konvois drehte =de Grasse= die Nacht über bei, setzte die Fahrt am

anderen Morgen fort und stieß gegen Mittag mit =Hood= zusammen[159], der

seine Ankunft erfahren hatte. Der Konvoi erreichte an diesem Tage Fort

Royal unbehelligt, da sich die englische Flotte nicht zwischen ihn und

den Hafen schieben konnte. Zu einer entscheidenden Schlacht nutzte aber

=de Grasse= seine Überlegenheit nicht aus; ihm war an dem sicheren

Einlaufen seiner Schutzbefohlenen zunächst mehr gelegen.

[158] =François Joseph Paul Chevalier= (später Comte)

=de Grasse-Tilly=, geboren 13. September 1722, Garde-Marine 1739,

Lieutenant 1754, Capitaine 1762, Chef d'Escadre 1778,

Lieutenant-Général 22. März 1781, gestorben 11. Januar 1788. Er

hatte sich in den beiden letzten Kriegen als tüchtiger Offizier

bewährt, ohne jedoch besonders hervorzutreten. 1779 diente er

unter =d'Estaing=, 1780 unter =de Guichen= in Westindien.

Französische Quellen nennen ihn »tapfer, unterrichtet und

erfahren, aber mehr theoretisch als praktisch beanlagt; wohl

geeignet zum Geschwaderchef, aber nicht zum Führer großer

Flotten«. Wir werden sehen, daß er bei der Abfahrt von Westindien

nach Nordamerika Scharfblick, Schnelligkeit und Tatkraft zeigte.

Bei Dominica 1782 geschlagen und gefangen genommen, schob er alle

Schuld auf seine Untergebenen. Seine Taktlosigkeit hierbei sowie

seine Anfechtung des kriegsgerichtlichen Spruches zog ihm die

Mißachtung seiner Kameraden und die Ungnade des Königs zu.

[159] =Sir Samuel Hood= (1782 Baron, 1796 Viscount), geboren 1724,

Kapitän 1756, Kontreadmiral 1780, Vizeadmiral 1787, Admiral der

blauen Flagge 1794, der weißen 1799, gestorben 27. Januar 1816.

Er nahm am Siebenjährigen Kriege als Leutnant und später als

Kommandant einer Fregatte mit Auszeichnung teil. Er war ein sehr

tüchtiger Admiral, wohl befähigt zur Führung großer Flotten. Er

stand 1781 in Nordamerika unter =Graves= und 1782 unter =Rodney=

in Westindien; beiden wies er verschiedene Fehler nach. 1782

zeichnete er sich als Oberbefehlshaber bei St. Christopher in

strategischer und taktischer Hinsicht aus. Im nächsten Kriege

(1793 bis 1802) befehligte er 1793/94 die Mittelmeerflotte und

besetzte 1793 Toulon.

$Das Gefecht bei Martinique am 29. April 1781.$ Die französische Flotte

zählte 20 Linienschiffe -- eins zu 100 Kanonen, 3 zu 80, 15 zu 74, 1 zu

64 -- 3 Fregatten und 2 Kutter, die englische 18 Linienschiffe -- 1 zu

90, 1 zu 80, 12 zu 74, 1 zu 70, 3 zu 64 --, 1 Fregatte und 1 Sloop. Es

muß hervorgehoben werden, daß von den französischen Linienschiffen nur

etwa die Hälfte, die englischen jedoch sämtlich gekupfert waren;

Rodneys Vorstellungen in dieser Hinsicht hatten Erfolg gehabt.

Am 29. April in der Frühe rundete =de Grasse= die Südspitze von

Martinique bei östlichem Winde (Passat); =Hood= konnte dies nicht

hindern, da er zu weit in Lee stand. Der französische Konvoi segelte

unter der Küste nach Norden, von der Flotte in Lee gedeckt. Die

englische Flotte kam dieser mit südlichem Kurse entgegen, wendete gegen

10-1/2 Uhr vormittags, so daß nun beide parallel steuerten, wobei die

französische Vorhut etwa querab von der englischen Mitte stand. Gegen

11 Uhr eröffneten die Franzosen das Feuer, die Engländer antworteten

jedoch der großen Entfernung halber nicht. Um 11-3/4 Uhr befanden sich

beide Linien vor der Bucht von Fort Royal, die englische Spitze näherte

sich zu sehr ihrem nördlichen Strande und =Hood= wendete deshalb mit

der ganzen Flotte, alle Schiffe zugleich. Der französische Konvoi war

jetzt imstande, in die Bucht einzulaufen. =De Grasse= sah seine

Schutzbefohlenen in Sicherheit; er halste alle Schiffe zugleich, und um

diese Zeit hängten sich die vier im Hafen befindlichen Linienschiffe --

1 zu 74 Kanonen, 3 zu 64 -- ihm an. Beide Flotten steuerten nun

südlich, die Engländer in der Leestellung, aber es standen jetzt 24

Franzosen gegen 18 Engländer. Die Manöver hatten die Gegner einander

näher gebracht, auch die Engländer nahmen das Feuer auf.

[Illustration: de Grasse.]

Gegen Mittag drehte =Hood= unter Marssegeln bei, des Angriffs gewärtig,

da er selber nicht näher an den Feind herankommen konnte. Die beiden

Flaggschiffe lagen querab voneinander, das Gefecht ward allgemein, aber

immer noch auf so weite Entfernung, daß nur wenige Schüsse ihr Ziel

erreichten. Da die Franzosen weiter segelten und ihre vordersten

Schiffe die englische Spitze überholten, nahm auch =Hood= um 1 Uhr die

Fahrt wieder auf. Als gegen 1-1/2 Uhr die beiden Spitzen vor dem Kanal

zwischen Martinique und Sta. Lucia anlangten, hier frischeren Wind

erhielten und vorliefen, befahl =Hood= seiner Flotte, sich geschlossen

zu halten und das Feuer abzubrechen; der Kampf der Spitzen setzte sich

aber noch einige Zeit fort und die vier vordersten Engländer hatten

dabei 8 Franzosen abzuwehren. =Hood= scheint sich dann nach

Wiederherstellung der Ordnung außer Schußweite gehalten und versucht zu

haben, den Feind von der Küste abzuziehen, sowie die Luvstellung zu

gewinnen. Aber auch =de Grasse= schritt nicht zum Angriff; es ist

anzunehmen, daß er sich nicht weiter von der Insel entfernen wollte,

ehe nicht sämtliche Fahrzeuge des Konvois einen sicheren Ankerplatz bei

Fort Royal erreicht hätten.

=Der Verlust= an diesem Tage betrug auf französischer Seite 18 Tote und

56 Verwundete (ein englischer Autor gibt allerdings die Zahlen 119 und

150), auf englischer 39 Tote und 162 Verwundete. Die französischen

Schiffe hatten wenig gelitten, von den englischen waren die vier

vordersten beträchtlich beschädigt; Hood mußte eins derselben nach St.

Eustache senden.

Seiner Sorge um den Konvoi ledig und durch 4 Schiffe aus Martinique

verstärkt, während 4 englische Schiffe am 29. beschädigt waren,

beabsichtigte =de Grasse= am 30. April eine Schlacht herbeizuführen.

Jetzt aber hatte =Hood= keinen Anlaß mehr, sich einem so ungleichen

Kampfe, zumal in der Leestellung, auszusetzen. Er versuchte zwar, die

Luvstellung zu gewinnen, ließ aber den Feind nie nahe herankommen. Mit

seinen gekupferten Schiffen hatte er es in der Hand, die Entfernung zu

bestimmen; wenn die Franzosen die Jagd ernstlich aufnahmen, blieben ihre

ungekupferten zurück. Am Abend gab =Hood= das Spiel auf und nahm Kurs

nach Norden; er segelte nicht nach Sta. Lucia, da er befürchtete, daß

seine beschädigten Schiffe es bei der starken westlichen Strömung nicht

erreichen würden. =De Grasse= ankerte am 6. Mai vor Fort Royal.

$Das Verhalten der beiden Admirale$ am 29. und 30. April ist einer

kurzen Betrachtung wert, um so mehr, da die beiderseitigen Autoren

mehrfach angeben, der Gegner sei einem Kampfe ausgewichen. Nun ist aber

wohl als sicher anzunehmen, daß =Hood= am ersten Tage den Kampf

erstrebt hat: Anfangs versuchte er an den Feind heranzukommen, später

bot er diesem Gelegenheit zum Angriff. Dies war eigentlich gewagt, da

der Gegner Verstärkung erhalten hatte. Am zweiten Tage hielt er weiter

das Feld, wahrscheinlich um abzuwarten, ob nicht der Zufall ihn in die

Lage setzen würde, einen Teil der französischen Flotte anzugreifen.

Seine seemännische Tüchtigkeit, sowie der Umstand, daß er durchgehends

über gekupferte Schiffe verfügte, erlaubten ihm das gewagte Spiel; ein

solches war es immerhin, denn leicht konnte er genötigt werden, seine

beschädigten Schiffe im Stich zu lassen oder ihrethalben eine

allgemeine Schlacht anzunehmen. =De Grasse= war am ersten Tage zu

vorsichtig, aber nach dem bekannten französischen Brauche sah er wohl

seine nächste Aufgabe in der unbedingten Sicherung des Konvois.

=De Grasse= ging schon am 8. Mai zu einem =Angriff auf Sta. Lucia=

wiederum in See. Es lag den Franzosen besonders daran, sich in Besitz der

Gros-Islet-Bucht an der Nordspitze dieser Insel, dem üblichen Ankerplatz

der englischen Flotten zur Beobachtung Martiniques, zu setzen. Der

Admiral hielt sich mit der Flotte zu Luward der Bucht, um jederzeit einem

nahenden Gegner entgegentreten zu können, und der kriegerische Gouverneur

von Martinique, =de Bouillé=, landete während der Nacht mit 1200 Mann.

Man fand aber die von =Rodney= angelegten Befestigungen zu stark, um

sich in kurzer Zeit festsetzen zu können, schiffte die Gelandeten wieder

ein und kehrte nach Fort Royal zurück.

$Eroberung von Tabago.$ Am 8. Mai wurde auch eine Expedition gegen diese

Insel entsandt. Sie zählte 2 Linienschiffe nebst einigen Fregatten und

1300 Soldaten unter Kapitän =d'Albert de Rions=. Am 22. Mai erfuhr =de

Grasse=, daß die Flotte Rodneys auf der Fahrt nach Süden, wahrscheinlich

nach Barbados, gesichtet sei. Besorgt um die Tabagoexpedition, ging er am

25. mit der Flotte in See und nahm 3000 Soldaten mit. =Rodney= hatte von

der Ankunft der französischen Flotte in Westindien erst durch ein Schiff

Kenntnis erhalten, das nach dem Gefecht bei Martinique beschädigt in St.

Eustache eingetroffen war. Er segelte sobald als möglich mit seinen

beiden unversehrten Schiffen, sowie dem in Eile ausgebesserten ab, traf

am 11. Mai bei Antigua auf =Hood= und führte nun die Flotte nach

Barbados, denn er fürchtete für diesen Hauptstützpunkt, der durch einen

Orkan verwüstet war und ohne seinen Schutz einem Angriffe kaum hätte

widerstehen können. Hier erfuhr er den Vorstoß der Franzosen gegen Tabago

und sandte am 29. Mai den Kontreadmiral =Drake= mit 6 Linienschiffen

dahin ab. Dieser sichtete am 30. die Flotte de Grasses und kehrte sofort,

eine Zeitlang verfolgt, nach Barbados zurück, wo er am 3. Juni morgens

eintraf. Jetzt setzte sich =Rodney= mit der ganzen Flotte in Bewegung,

aber es war zu spät. Am 4. in Sicht der bedrohten Insel angelangt, erfuhr

er, daß diese bereits am 2. Juni kapituliert habe.

$Die Besetzung Tabagos$ war den Franzosen leicht gelungen. Am 24. Mai

landete die erste Expedition; der englische Gouverneur zog sich mit

seinen schwachen Kräften -- 400 Regulären, 500 Milizen, 6 Geschützen --

in die Berge zurück. Am 30. wurden dann die Soldaten ausgeschifft, die

mit der Flotte kamen, und der Gouverneur sah sich genötigt, der großen

Macht gegenüber die Waffen zu strecken, zumal seine Leute übermüdet und

entmutigt waren.

Die Oberbefehlshaber, beide tüchtige Admirale, standen sich nun einander

gegenüber, =de Grasse= mit 23 und =Rodney= mit 20 Linienschiffen, aber es

kam nicht zum Kampfe. =Rodney= stand zu Luward, griff jedoch nicht an. Er

erklärte später, die Besorgnis, nach einer vielleicht ungünstig

verlaufenen großen Schlacht mit den beschädigten Schiffen durch den

starken westlichen Strom nach Lee vertrieben zu werden, habe ihn vom

Angriff abgehalten; er würde dann in die schwierigen Gewässer der

Grenadinen, die wie auch St. Vincent in französischem Besitze waren,

geraten und der Gegner möglicherweise zwischen ihn und Barbados gekommen

sein. Er segelte nach der genannten Insel zurück. =De Grasse= verfolgte

nicht. Zufrieden mit der Einnahme Tabagos, lief er die Eroberungen des

Jahres 1779, Grenada sowie St. Vincent, an, überzeugte sich von ihrem

guten Verteidigungszustande und ankerte am 18. Juni bei Martinique.

$De Grasse segelt nach Nordamerika, Hood folgt ihm.$ Der französische

Admiral verließ am 5. Juni 1781 Fort Royal mit seiner ganzen Flotte von

24 Linienschiffen, um 200 Handelsfahrzeuge nach Cap Français auf St.

Domingue zu geleiten, wo er am 16. eintraf; unterwegs war eins seiner

Linienschiffe infolge einer Explosion verbrannt. Hier fand er Briefe

=Washingtons=, =Rochambeaus= sowie =Barras=', des Geschwaderchefs in

Nordamerika, vor, in denen er dringend gebeten wurde, Unterstützung an

Schiffen, Soldaten und Geldmitteln (mindestens 1200000 Francs) nach der

Chesapeake- oder der Narragansettbucht zu senden, da ihre Lage

verzweifelt sei. Obgleich er Befehl hatte, 9 oder 10 Schiffe, die sich

schon seit 1778 in Westindien befanden, als Deckung des Konvois nach

Europa heimzusenden, entschloß er sich, mit der ganzen Flotte -- noch

verstärkt durch die 5 Schiffe der St. Dominguestation, die am 10. Juli

von der Expedition gegen Pensacola (s. Seite 307) zurückkamen -- während

der Orkanzeit nach der Chesapeakebucht zu gehen. Von diesem Entschluß

sandte er sofort Nachricht an Barras, so daß dieser wie die genannten

Generale schon am 15. August Kenntnis erhielten. Er schrieb dabei an

diesen, er möge ganz nach eigenem Ermessen handeln, sich mit ihm

vereinigen oder selbständig zum allgemeinen Nutzen vorgehen. Die

Vorbereitungen zur Abfahrt dauerten jedoch einige Zeit.

Der Gouverneur von St. Domingue stellte 3200 Mann nebst einigen Feld- und

Belagerungsgeschützen erst, als ihm zur Sicherung seiner Kolonie ein

spanisches Geschwader von Kuba zugesagt war; das nötige Geld war in der

französischen Kolonie nicht aufzubringen, es mußte von Havanna bezogen

werden, wo zwar die Staatskassen leer waren, aber Privatleute die

verlangte Summe vorschußweise lieferten. Am 5. August ging =de Grasse=

mit 28 Linienschiffen in See. Um nicht durch Transporter aufgehalten zu

werden, waren die Truppen auf den Kriegsschiffen untergebracht, und um

den Marsch möglichst lange geheimzuhalten, wählte der Admiral den Weg

durch den wenig befahrenen Bahamakanal. Am 30. August 1781 ankerte die

französische Flotte im Eingange der Chesapeakebucht.

=Rodney= erhielt von den Plänen und Bewegungen der Franzosen nicht

genügend Kenntnis, um volle Maßregeln ergreifen zu können. Er faßte die

Wahrscheinlichkeit ins Auge, daß der Kriegsschauplatz während der

Orkanmonate in die nördlichen Gewässer verlegt werden würde, und schickte

deshalb am 7. Juli Befehl an den Stationschef in New York, Admiral

=Graves=, zwischen diesem Hafen und der Chesapeakebucht Kreuzer zu

halten, die etwa von ihm gesandten Verstärkungen Nachrichten übermitteln

könnten. Als er dann am 9. Juli die Abfahrt der französischen Flotte von

Martinique nach St. Domingue erfuhr, befahl er dem Admiral =Hood=, sich

für Nordamerika bereit zu machen. Er teilte ihm aber nur 15 Linienschiffe

zu, da er gehört hatte, daß auch =de Grasse= nicht mehr dorthin senden,

sondern mit dem Rest seiner Flotte den Konvoi nach Europa geleiten würde.

Zwei Schiffe zweigte er zum Schutze von Handelsfahrzeugen nach Jamaika

ab, jedoch mit dem Befehl an den dortigen Chef, =Sir Peter Parker=, sie

und mit ihnen noch einige seiner Schiffe sofort nach Amerika

nachzusenden. Mit 2 oder 3 wohl einer Grundausbesserung bedürftigen

Schiffen ging =Rodney= selber aus Gesundheitsrücksichten =nach England=.

=Hood= segelte, durch verschiedene belanglose Umstände aufgehalten, am

10. August von Antigua mit 14 Linienschiffen nach der Chesapeakebucht ab.

Kurz vorher war eine Brigg mit der Bitte =Graves=' um Unterstützung

eingetroffen. Sie wurde am 6. August mit der Nachricht von Hoods Kommen

zurückgesandt, fiel aber in Feindeshand. So blieb =Graves= im Gegensatz

zu seinen Gegnern lange ohne jede Kenntnis der Vorgänge, denn auch eine

am 7. Juli abgesandte Nachricht hatte ihn nicht erreicht. Das Schiff

langte zwar in New York an, traf aber den auf einer Kreuzfahrt

befindlichen Admiral nicht und ging verloren, als es ihn suchte. Eine

Abschrift dieser Nachricht fand =Graves= erst am 16. August in New York

vor, das Kommen Hoods erfuhr er erst kurz vor dessen Ankunft am 28.

August.

Mit der Abfahrt der Flotten wurde für 1781 Nordamerika Kriegsschauplatz.

In Westindien begannen die Operationen erst wieder nach der Rückkehr de

Grasses.

$In Nordamerika$ war der Landkrieg zu Ende des Jahres 1780 sowohl im

Norden wie in den Carolinas zum Stillstande gekommen. Die Verbündeten

wagten nicht, ohne weitere Unterstützung von Frankreich etwas gegen New

York zu unternehmen (vgl. Seite 311); die Engländer hatten ihre Erfolge

im Süden aufgeben und sich auf Winnsborough zurückziehen müssen, um

Verstärkungen zu erwarten (Seite 309). Das französische Geschwader von 7

Linienschiffen lag unter Kapitän =Des Touches= in der Narragansettbucht

und wurde von dem englischen Admiral =Arbuthnot= mit 12 (?)

Linienschiffen von New York und der Gardinerbucht (Long Island) aus

beobachtet.

Um die Jahreswende aber kam wieder Leben in den Krieg im Süden. General

=Clinton= benutzte wie im Vorjahre die Winterruhe im Norden zu

kräftigerem Auftreten dort, indem er im Dezember 1780 den General

=Leslie= mit Verstärkungen nach Charleston und gleichzeitig den General

=Arnold= zu einem Angriff auf Virginien entsandte. Die Ereignisse auf dem

südlichen Kriegsschauplatze im Jahre 1781 wurden entscheidend für den

Kampf Englands mit seinen Kolonien, und die Beherrschung des Meeres

spielte bei ihnen die Hauptrolle, so daß wir die Unternehmungen am Lande

und zu Wasser nicht voneinander trennen können[160].

[160] Auf die Ereignisse am Lande soll nur soweit eingegangen werden,

als es nötig erscheint, um die Tätigkeit der Seestreitkräfte

sowie den Verlauf des ganzen Krieges beurteilen zu können; ihre

Schilderung wird deshalb nicht vollständig, selbst nicht immer

ganz genau sein.

$Cornwallis dringt nach Virginien vor. Frühjahr 1781.$ Sobald =Leslie=

mit 3000 Mann in Charleston eingetroffen war, zog =Cornwallis= einen Teil

dieser Truppen an sich und brach dann von seinem Winterlager aufs neue

gegen Nordcarolina auf; =Leslie= folgte mit dem Reste. Der amerikanische

General =Greene= fühlte sich mit seinen Milizen und schlecht geschulten

Soldaten diesen regulären Truppen im Felde nicht gewachsen; er ließ einen

Teil seines Heeres unter General =Morgan= den Kleinen Krieg in

Südcarolina führen, den er selbst an der Grenze von Nordcarolina

aufnehmen wollte. Morgan näherte sich unvorsichtig der englischen

Hauptmacht. =Cornwallis= sandte, um dies zu benutzen, den Oberst

=Parleton= mit einem großen Teil seiner Truppen gegen ihn; dieser aber,

der seinen Gegner unterschätzte, ließ sich zu einem übereilten Angriff

verleiten und wurde am 7. Januar bei Cowpens vernichtend geschlagen.

Als sich dann =Cornwallis= und =Leslie= am 18. Januar vereinigt hatten,

schritten sie zur Verfolgung Morgans. Zur Beschleunigung des Marsches

ließen sie den ganzen Troß zurück, was ihnen später große Verlegenheiten

bereitete und doch die Vereinigung Morgans mit Greene nicht hinderte.

Auch der Versuch, das feindliche Heer von Virginien abzuschneiden,

mißlang; es erreichte den Grenzfluß am 14. Februar und =Cornwallis= mußte

wegen Erschöpfung seiner Truppen zurückgehen. =Greene= rückte nach,

vermied aber eine Schlacht, obgleich er durch Milizen aus Virginien,

Nord- und Südcarolina auf 6000 Mann verstärkt war. Das Gerücht gab seine

Zahl gar auf 10000 Mann an; trotzdem griff =ihn Cornwallis= am 15. März

bei Guilfords-Court an und siegte. Aber auch die Engländer hatten große

Verluste und waren wegen Mangel an allem genötigt, den Rückzug auf

Wilmington an der Küste fortzusetzen, wo Cornwallis für derartige Fälle

von Charleston aus Depots hatte anlegen lassen. Im Inneren von

Südcarolina stand noch ein kleines englisches Heer unter =Lord Rawdon=;

gegen dieses wandte sich Greene.

Es sei hier gleich erwähnt, daß dieser kleine Krieg nicht zur

Entscheidung beitrug. =Rawdon= verteidigte sich gut, mußte aber

schließlich doch auf Charleston zurückgehen und ward hier

eingeschlossen, als sich der Hauptkrieg nach Virginien zog und die

beiden Carolinas sowie Georgien ganz den Amerikanern zufielen.

=Cornwallis= hatte nun die Wahl, nach Erholung seiner Truppen aufs neue

um die Herrschaft in Carolina zu kämpfen oder nach Virginia zu

marschieren und der dort operierenden Expedition die Hand zu reichen. Er

wählte das letztere, da er sich für ersteres zu schwach fühlte und

außerdem den Kampf um das Chesapeakegebiet für wichtiger hielt. Er

überließ =Rawdon= seinem Schicksal. Nach 18tägiger Ruhe trat er am 25.

April den Marsch an, vereinigte sich am 20. Mai in Petersburg mit den

Truppen des Generals =Arnold= und übernahm den Oberbefehl.

=Clinton= war mit dem von =Cornwallis= auf eigene Faust unternommenen

Zuge durchaus nicht einverstanden. Er schrieb: »Operationen im

Chesapeakegebiete sind so lange mit großer Gefahr verknüpft, als wir

nicht einer ununterbrochenen Seeherrschaft sicher sind. Ich zittere vor

den verhängnisvollen Folgen, die daraus entstehen können.« In den

Carolinas auf Charleston zurückgetrieben, war die englische Macht nur

noch auf zwei Stellen konzentriert, in New York und an der

Chesapeakebucht. Da New Jersey und Pennsylvanien in der Hand der Gegner

waren, hing die Verbindung der beiden Kriegsschauplätze vollständig von

der Offenhaltung des Seeverkehres ab. Aber trotz seines ungünstigen

Urteils über das Vorgehen =Cornwallis=' hatte ja =Clinton= selber schon

eine starke Abteilung im Chesapeakegebiete aufs Spiel gesetzt!

$Die englische Expedition gegen Virginia. Erste Seeschlacht vor der

Chesapeakebucht, 16. März 1781.$ Ende Dezember 1780 ging =Arnold= mit

1600 Mann nach der Chesapeakebucht, drang den Jamesfluß hinauf, verheerte

das Land, ohne nennenswerten Widerstand zu finden und setzte sich dann in

Portsmouth, einem als maritimem Stützpunkt geeigneten Platze, fest.

=Washington= bat Rochambeau und Des Touches, den schwachen amerikanischen

Kräften in Virginien Unterstützung zu bringen. Die Gelegenheit hierzu

erschien nicht ungünstig, da das englische Geschwader augenblicklich

geschwächt war. =Arbuthnot= hatte nämlich drei seiner Schiffe in See

gehabt, um drei französische abzufangen, die zur Aufnahme eines von

Europa erwarteten Transportes ausgelaufen waren. In einem Sturme wurden

zwei der englischen Schiffe entmastet und das dritte strandete, während

die französischen vor Ausbruch des Unwetters wieder einlaufen konnten.

Aber gerade dieses Mißgeschick der Gegner bestimmte =Des Touches=, nicht

sein ganzes Geschwader den Unbilden der Jahreszeit auszusetzen; er sandte

nur ein Linienschiff nebst 2 Fregatten am 9. Februar zur Chesapeakebucht.

Diese richteten aber nichts aus, da sich =Arnolds= kleinere Fahrzeuge in

den Flüssen verbargen; sie kehrten Ende des Monats zur Flotte zurück,

wobei ihnen allerdings eine von Charleston kommende Fregatte in die Hände

fiel. Inzwischen hatte =Washington= aber doch die französischen Führer zu

einem gemeinsamen Unternehmen gegen =Arnold= gewonnen.

Seekriege und Seekriegswesen, Zweiter Band in ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung. Mit besonderer Berücksichtigung der grossen Seekriege des XVII. and XVIII. Jahrhunderts. · 第 46 / 63 段