trefflichen Hafen =Port Mahon= war bisher von beiden Parteien außer
acht gelassen. England war nicht imstande, auch im Mittelmeer eine
starke Flotte zu halten, und infolgedessen war dieser Stützpunkt für
die Verbündeten gleichfalls ohne Wichtigkeit gewesen. Aber Spanien
reizte es stets, den Platz im Besitze Englands zu sehen, und der
spanische wie der französische Handel litten immerhin durch die
feindlichen Freibeuter, die von hier aus ihr Handwerk betrieben. Man
hoffte bei der Eroberung leichtes Spiel zu haben; die Engländer hatten
zwar Port Mahon stark befestigt, aber der Kommandant, General =Murray=,
verfügte nur über etwa 3000 Mann, ein englisches und zwei hannoversche
Bataillone sowie gegen 200 Seeleute. Die spanische Expedition bestand
aus 9 Kriegsschiffen unter Admiral =Buonaventura Moreno=, zu denen vor
Cartagena noch 3 Linienschiffe stießen, und 11000 Mann vom
Belagerungsheere vor Gibraltar unter dem =Herzog von Crillon=, einem
Franzosen in spanischen Diensten. Da keine Störung durch englische
Schiffe zu befürchten war, wählte man nicht, wie die Franzosen 1756,
den weiter entfernten Hafen von Ciudadela zur Ausschiffung, sondern
landete am 8. August gleichzeitig etwa 3-4 Seemeilen im Norden und im
Süden Port Mahons. Man hoffte so, den Gegner zu überraschen, aber es
gelang Murray doch, seine Außenposten heranzuziehen und reichlich
Proviant in die Zitadelle Fort San Felipe zu schaffen. Dahin zog er
sich zurück, da seine Kräfte nicht ausreichten, auch die sonstigen
Befestigungen der Stadt zu besetzen.
Die Franzosen fanden in dieser reiche Beute: Bargeld im Werte von 25000
Goldpiastern, Ladungen der durch Freibeuter aufgebrachten Prisen,
Getreidemagazine, Waffen, Munitionsvorräte, sowie Material zum
Ausbessern von Schiffen in solchen Mengen, wie sie in den Häfen von
Cadiz, Cartagena und Ferrol zusammen nicht vorhanden waren -- nach
Ausspruch Morenos --, ein bedenkliches Zeugnis für die spanischen
Kriegshäfen. =Crillon= schloß die Zitadelle ein, denn zu einer
regelrechten Belagerung war er nicht ausgerüstet, da man die Expedition
auf Überraschung angelegt hatte. Der förmliche Angriff begann erst im
Oktober, nachdem die Belagerungsgeschütze sowie Verstärkungen von
Barcelona und auch 4000 Franzosen von Toulon eingetroffen waren. Die
Angriffsmacht zählte jetzt 16000 Mann mit 109 schweren Kanonen und 36
Mörsern. Trotzdem kapitulierte =Murray= erst am 4. Februar 1782, nur
durch Hunger und Krankheit überwunden. Seine Leute litten schwer unter
Skorbut und Dysenterie, bei der Übergabe waren nur noch 660 Mann
dienstfähig und auch von diesen nur 100 ganz gesund, 415 Mann waren
aber allein für die Besatzung der notwendigen Wachen erforderlich, es
konnten also keine Ablösungen eintreten. Das Belagerungsheer zog dann
im Mai wieder vor Gibraltar. =Crillon= wurde »wegen seines Erfolges«
zum Oberbefehlshaber hier ernannt und mit dem Titel »Herzog von Mahon«
ausgezeichnet.
=Cordoba= steuerte mit der mächtigen Flotte vom Kap St. Vincent aus nach
Norden, jedoch in größerer Entfernung vom Lande, damit die Engländer
nicht durch Kauffahrer unter der Küste Nachricht erhielten, aber seine
Hoffnung, die feindliche Flotte in der Biskaya anzutreffen, erfüllte sich
nicht. Vor dem Kanaleingange breitete er seine Schiffe, insbesondere die
leichten, von Ouessant bis zu den Scillys aus, um den ganzen Kanal unter
Beobachtung zu halten. In England hatte man tatsächlich keine Nachricht.
Admiral =Darby= war nach zeitraubender Instandsetzung seiner Flotte am 1.
August wieder mit 30 Linienschiffen in See gegangen, da um diese Zeit die
Rückkehr der großen Konvois bevorstand. Infolge widriger Winde stand er
erst bei Kap Lizard, als er durch ein Handelsschiff von der Nähe des
Feindes erfuhr. Unfähig, der Übermacht entgegenzutreten, ging er nach
Torbay und nahm hier am Eingange der Bucht eine Verteidigungsstellung
ein.
Den Verbündeten bot sich jetzt Gelegenheit, mit einem Schlage den größten
Teil der englischen Seestreitkräfte zu vernichten. =Guichen=, der in
Person die Stellung des Feindes erkundet hatte, sprach sich in einem
Kriegsrate der Flaggoffiziere begeistert für rücksichtslosesten Angriff
aus und =La Motte-Picquet= sowie der spanische Admiral =Don Vincent Droz=
schlossen sich ihm mit Entschiedenheit an. Aber =Cordoba= war anderer
Ansicht, und als der Chef =d'Escadre de Bausset=, ein besonders
leidenschaftlicher Anhänger des Handelskrieges, dafür eintrat, den Kampf
zu meiden und statt dessen lieber die englischen Konvois abzufangen,
stimmte er ihm zu, und seinem Beispiele folgten die übrigen spanischen
Flaggoffiziere. Cordoba führte jedoch auch diese Aufgabe nicht durch;
möglich, daß er die herankommende Zeit der Herbststürme fürchtete, da wie
1779 seine Schiffe in schlechter Verfassung waren und der
Gesundheitszustand der Besatzungen zu wünschen übrig ließ. Am 5.
September gab er in der Nähe von Ouessant Befehl zur Auflösung der Flotte
trotz der Bitten Guichens, wenigstens noch einige Zeit gegen die
englischen Konvois und zum Schutz gleichfalls erwarteter französischer
zu kreuzen. Er segelte mit seinen 30 Schiffen, sowie 9 französischen nach
Cadiz und entließ =Guichen= mit dem Rest nach Brest.
$Hollands Eintreten in den Krieg. Die Schlacht auf der Doggerbank, 5.
August 1781.$ =Holland=[155] hatte mit Ausbruch des Krieges, Ende
Dezember 1780, seinen Handelsschiffen verboten, ohne Erlaubnis die
Heimatshäfen zu verlassen; teils um sie vor Aufbringen durch die
Engländer zu bewahren, teils um ihre Besatzungen für die Kriegsschiffe
heranziehen zu können. Ferner wurde zur Warnung schleunigst an alle
Kriegsschiffe in fernen Gewässern, sowie an die Kolonien die Nachricht
vom Ausbruch des Krieges gesandt; die Botschaft traf jedoch an den
meisten Orten zu spät ein. Von den 69 Kriegsschiffen Hollands befanden
sich 51 im Dienst oder doch zu sofortiger Indienststellung bereit. Aber
schon bald fielen einige in Feindeshand, andere wurden im Auslande vom
Gegner blockiert gehalten, so daß in Holland selber im Januar 1781 nur 33
Schiffe -- darunter 11 Linienschiffe, nämlich 2 zu 70 und 74 Kanonen, 2
zu 60 und 68, 7 zu 50-54 -- bereitstanden, und auch diese waren nur
mangelhaft ausgerüstet und bemannt. Der Versuch, fertige Schiffe in den
Staaten der »Bewaffneten Neutralität«, besonders in Dänemark und
Schweden, zu kaufen, scheiterte wohl infolge englischer Einwirkung.
[155] Anschließend an Seite 298, (Ende Europäische Gewässer 1780),
Kleindruck. Über die jetzt hier folgenden Verhältnisse und
Ereignisse, sowie über Zusammenstöße einzelner holländischer
Schiffe mit englischen sehr genaue Angaben in de Jonge, Band IV,
Seite 474 ff.
[Illustration: Johan Arnold Zoutman.]
So war es im Frühjahr weder möglich, englische Konvois von Bremen und
Hamburg abzufangen, noch für die übliche Frühjahrsfahrt der eigenen
Handelsschiffe nach der Ostsee eine genügend starke Begleitung
aufzustellen, obgleich auch die Engländer in der Nordsee nur geringe
Streitkräfte hatten. Erst im Juni wagte man es, den Ostseekonvoi
abzusenden, und es sammelten sich nach und nach im Vliestrome 70
Kauffahrer. Das Zusammenziehen des Begleitgeschwaders verzögerte sich,
und erst am 1. August konnte die Reise unter Führung des Schout biy Nacht
=Johan Arnold Zoutman= angetreten werden; selbst jetzt noch fehlten zwei
Linienschiffe zu 74 und 60 Kanonen, durch widrige Winde zurückgehalten,
die bei dem Zusammentreffen mit dem Feinde voraussichtlich von großem
Nutzen gewesen wären.
Englischerseits hatte der Vizeadmiral =Hyde Parker= im Juni mit 5
Linienschiffen einen Konvoi von 500 Segeln in die Ostsee geführt und kam
Ende Juli mit 200 Handelsschiffen in die Nordsee zurück; hier stieß noch
ein Linienschiff zu ihm, das ihm mit der Nachricht vom Sammeln der
Holländer entgegengeschickt war.
=Zoutman und Hyde Parker= trafen am 5. August =auf der Doggerbank= in
einer Schlacht zusammen, die von beiden Admiralen in einer so einfachen,
an alte Zeiten erinnernden Art durchgeführt wurde, daß sie fast
belustigend wirken könnte, wenn der Kampf nicht so überaus blutig gewesen
wäre.
$Die Schlacht auf der Doggerbank, 5. August 1781[156].$ Beide
Geschwader zählten 7 Schiffe in der Linie, die sich in folgender
Reihenfolge gegenüberstanden:
die holländischen: 54 Kanonen, 74, 40, 54, 68*, 54, 68 } * Die Flagg-
die englischen: 74 " 44, 60, 74*, 80, 50, 64 } schiffe
[158] Besonders benützte Quellen: Clowes, Band III, Seite 505 ff.; de
Jonge, Band IV, Seite 514 ff. In letzterer ist die Schlacht sehr
genau mit Eingehen auf den Kampf der einzelnen Schiffe
beschrieben.
Von den englischen Schiffen waren nur die zu 74 Kanonen gute, neue
Fahrzeuge; die übrigen stammten aus alten Beständen und man hatte sie
ihres Zustandes halber sogar mit leichteren Kalibern armieren müssen,
als ihrer Klasse entsprach. Dennoch standen englischerseits in einer
Breitseite 223 Geschütze gegen 206 holländischerseits und das
Geschoßgewicht einer Lage war 4347 Pfund gegen 3474.
Die englische Linie ward durch 4, die holländische durch 5 schwere
Fregatten unterstützt, die sich bei Beginn der Schlacht dicht in
Feuerlee ihrer Schlachtschiffe hielten. Auf beiden Seiten deckten
einige Fregatten sowie kleinere Fahrzeuge die Konvois, die weiterab auf
der dem Kampfe abgewandten Seite segelten. Als Hyde Parker zum Angriff
schritt, gab er seinem Konvoi sofort Befehl, nach England
weiterzufahren.
Bei Tagesanbruch sichteten sich die Gegner. Es wehte frisch von
Nordost, aber die See war glatt; die Holländer hatten die Leestellung.
=Zoutman= bildete die »Kiellinie beim Winde« über Steuerbordbug mit
einer Kabellänge Zwischenraum zwischen den Schiffen. Er führte nur
Mars- und Vorsegel, woraus hervorging, daß er den Angriff erwartete.
=Parker= befahl trotzdem, und obgleich er den ganzen langen Sommertag
vor sich hatte, zunächst »allgemeine Jagd«; er wollte sich den Kampf um
keinen Preis entgehen lassen; er war immer noch erbittert über Rodneys
Vorwurf nach der Schlacht am 17. April 1780, sowie darüber, daß die
Admiralität ihm vorgeworfen hatte, er habe als stellvertretender
Oberbefehlshaber in Westindien, von Byrons Heimreise bis zu Rodneys
Ankunft, nicht schneidig genug gehandelt. So jagten die englischen
Schiffe auf den Feind zu, wobei die schlechteren Segler alles beisetzen
mußten und nicht Zeit hatten, Vorbereitungen zum Gefecht zutreffen. Um
6-1/4 Uhr vormittags wurde der Befehl gegeben, Dwarslinie zu bilden;
jetzt kam Ordnung in die Aufstellung, aber die langsameren Schiffe
waren noch beschäftigt, ihr Leesegelsgut zu bergen, als kurz vor 8 Uhr
der Befehl zum Nahkampf folgte.
Die holländischen Schiffe erwarteten den Angriff in einer Ordnung wie
bei der Parade. Die Besatzungen standen auf ihren Gefechtsstationen,
die Seesoldaten auf Deck mit geschultertem Gewehr. Kein Schuß fiel bei
der Annäherung der Engländer, die man doch unter verheerendes
Enfilierfeuer hätte nehmen können. Erst als sie etwa auf Schiffslänge
zum Kampfe aufdrehten, =Parker= um 8 Uhr den ersten Schuß feuerte und
die rote Flagge heißte, gab auch =Zoutman= das Signal zum Eröffnen des
Feuers. Der englische Admiral hatte nach üblicher Weise seine Linie so
herangeführt, daß er mit seinem Flaggschiff, dem vierten von vorn, das
feindliche, das fünfte von vorn, angriff. Da beide Geschwader tadellos
ausgerichtet waren, hatten nunmehr anfangs das letzte englische Schiff
und das vorderste holländische keinen Gegner, später griffen diese dann
in ihrer Nähe ein, und so waren die Engländer vorn, die Holländer
hinten im Nachteil. Bis 11 Uhr wurde auf das erbittertste gefochten.
Jetzt war das holländische Schlußschiff durch seine zwei Gegner fast
außer Gefecht gesetzt und Parker segelte nun, gefolgt von den
Hinterleuten, zwischen seinem schwer beschädigten Vordermann und der
feindlichen Linie hindurch auf, um das Gleichgewicht vorn herzustellen.
Das Manöver wurde unter heftigstem Kugelwechsel ausgeführt und brachte
die englische Linie in Unordnung. Um diese wieder herzustellen, ging
=Parker= mit seinen Schiffen höher an den Wind, konnte aber seine
Absicht nicht durchführen, da die Takelagen sehr zerschossen waren.
=Zoutman= blieb noch eine halbe Stunde liegen, »um das Feld behauptet
zu haben«, und nahm dann Verbindung mit seinem Konvoi, den er gegen 10
Uhr nach Texel zurückgeschickt hatte; ihm zu folgen, waren die
Engländer vorläufig nicht imstande.
=Der Verlust= der Engländer in dem dreieinhalbstündigen Kampfe betrug
104 Tote und 339 Verwundete, mehr als in größeren Schlachten dieses
Krieges, in denen sich 20-30 Schiffe auf jeder Seite gegenüberstanden.
Die Holländer verloren gar 142 Tote und 403 Verwundete. Beide Gegner
hatten auf den Rumpf der Schiffe gefeuert, so waren die Beschädigungen
in den Takelagen nicht schwer, wenn sie auch für kurze Zeit die
Manövrierfähigkeit behinderten. Kein Schiff war genommen; nur ein
holländisches (das letzte in der Linie) sank auf der Weiterfahrt, doch
konnte die Besatzung bis auf wenige Schwerverwundete gerettet werden.
$Beurteilung der Führer.$ Beide Admirale zeigten, daß ihre taktische
Befähigung nicht auf der Höhe der Zeit stand. =Parkers= Angriff war
übereilt und unvorteilhaft angesetzt. Er schob aber die Schuld seines
Mißerfolges auf die Schiffe und erklärte dem Könige, der das Geschwader
besuchte: »Ich wünsche Ew. Majestät bessere Schiffe und jüngere
Admirale. Ich bin zu alt.« Der sonst so brave Offizier verscholl bald
darauf mit seinem Schiffe, als er zur Übernahme des Oberbefehles nach
Ostindien segelte. -- =Zoutman= war ein vielbefahrener Seemann, hatte
aber infolge der Tatlosigkeit der holländischen Marine in den letzten
Kriegen und ihres Verfalles in seinen 44 Dienstjahren keine Gelegenheit
gehabt, Erfahrungen im Kriege sowie in der Führung größerer Verbände zu
sammeln. Aber er, seine Offiziere und Leute haben mit der alten
holländischen Tapferkeit und Hartnäckigkeit gefochten, die Ehre ihrer
Flagge aufrecht erhalten und sich die Anerkennung ihres Volkes sowie
ihrer Gegner errungen.
=Die Schlacht auf der Doggerbank= ist nach vorstehendem wohl =taktisch
unentschieden= zu nennen, sie war =aber ein strategischer Erfolg der
Engländer=, denn ihr Konvoi erreichte sein Ziel, während der holländische
die Reise aufgeben mußte. Auch unternahm Holland in diesem Jahre nichts
weiter.
$Vernichtung eines französischen Konvois für Westindien, Dezember 1781.$
Der Schluß des Jahres brachte Frankreich noch einen Mißerfolg, der von
größerer Bedeutung war als alle bisherigen Ereignisse in Europa. Schon
seit dem Sommer bestand die Absicht, der Flotte in Westindien
Mannschaften, Vorräte, Kriegsmaterial sowie einige Linienschiffe behufs
Ablösung anderer zu senden, aber erst spät im Jahre waren die Transporter
mit dem Material bereit. Am 10. Dezember verließ =de Guichen= mit 19
Linienschiffen Brest. Er sollte die Transporter sowie zahlreiche
Handelsschiffe, insgesamt 150 Segel, in die offene See geleiten, dann 5
Schiffe mit den Fahrzeugen für Westindien und 2 mit solchen für Ostindien
entlassen, selber aber mit 12 nach Cadiz gehen.
In England war man von dem Plane unterrichtet und sandte schon am 2.
Dezember den Admiral =Richard Kempenfelt= in See; in der Annahme, daß die
Bedeckung des Konvois nicht stark sein werde, gab man ihm nur 12
Linienschiffe mit. Am 12. Dezember nachmittags trafen sich die Gegner
etwa 150 Seemeilen südwestlich von Ouessant bei frischem Winde mit
Hagelböen; die Engländer standen zu Luward.
Der sonst so vorsichtige französische Admiral hatte eine grobe
Nachlässigkeit dadurch begangen, daß er mit seinen Kriegsschiffen in Lee
voraus von dem Konvoi segelte. Infolge des unsichtigen Wetters bemerkte
er die englische Flotte erst zu spät, als es plötzlich aufklarte.
Obgleich er nun sofort ihr entgegenzutreten suchte, so hatte sie doch
bereits den Konvoi erreicht, zersprengte ihn und nahm angesichts der
feindlichen Übermacht 24 Fahrzeuge. Der Rest floh nach der französischen
Küste und auch 9 der genommenen entwischten während der Nacht, aber 15
wurden nach England gebracht, fast nur Transporter, die 1400 Mann und
viel Material an Bord führten. Am nächsten Tage versuchte =Guichen= den
Kampf zu erzwingen, =Kempenfelt= wich jedoch mit Rücksicht auf seine
Schwäche aus; nur zwischen einigen Schiffen wurden Schüsse gewechselt.
Mehrere Tage darauf zerstreute ein Sturm die französische Flotte, die
noch auf der Suche nach Versprengten des Konvois geblieben war, und
mehrere Schiffe, unter ihnen das Flaggschiff, wurden halb entmastet. Von
der ganzen Expedition gelangten nur 2 Linienschiffe und 5 Handelsschiffe
unter dem Chef d'Escadre =de Vaudreuil= nach Westindien, auch einige der
nach Ostindien bestimmten Schiffe erreichten ihr Ziel. Der Admiral =de
Guichen= bat nach diesem Fehlschlage um seinen Abschied, wurde jedoch
wegen seiner bisherigen Verdienste im Kommando der Brestflotte belassen.
$Ein Rückblick auf die Ereignisse in den europäischen Gewässern 1781$
zeigt, daß England im Vorteil blieb, obgleich die Verbündeten stärker
waren. Es verlor Minorka, für diesen Krieg keine Sache von Bedeutung, und
büßte die Beute ein, die den Holländern in Westindien abgenommen war.
Diese Verluste wurden aber reichlich aufgewogen durch die Zerstreuung des
für Westindien bestimmten französischen Konvois, der für den Handel
Frankreichs und die Schlagfertigkeit seiner Flotte dort so wichtig war,
und durch die Verproviantierung Gibraltars sowie den Umstand, daß der
Handel im Kanal unangetastet blieb. Wie in den beiden Vorjahren, war das
materielle Übergewicht der Verbündeten infolge ihrer Uneinigkeit und
ihres Mangels an Tatkraft nicht zur Geltung gekommen. Da sich ihre
Streitkräfte nicht rechtzeitig vereinigten, gelang es England, an Brest
und Cadiz vorüber Gibraltar Zufuhr zu senden.
Ein Wagnis blieb dies immerhin, denn als =Darby= absegelte, war =de
Grasse= noch in Brest, und Cordoba in Cadiz war ihm überlegen; wenn es
sich nur um eine Seeschlacht gehandelt hätte, so brauchte man allerdings
die spanische Flotte nicht nach ihrer Schiffszahl einzuschätzen, aber
eine andere Sache war es doch, einen großen Konvoi sicher nach einem Orte
dicht bei dem feindlichen Stützpunkt zu führen und dort zu löschen. --
Die später im Kanal erscheinende mächtige Flotte der Verbündeten, die
hauptsächlich den englischen Handel vernichten sollte -- gewiß ein
verständigeres, weil leichter erreichbares Ziel als eine Invasion --,
blieb untätig; sie griff weder die schwächeren Seestreitkräfte Englands
an, durch deren Überwindung sie ihr Ziel am sichersten erreicht hätte,
noch verweilte sie lange genug, um wenigstens einigen Erfolg gegen
englische Konvois zu haben. Diese Tatlosigkeit ist vor allem den Spaniern
zuzuschreiben, und es soll denn auch das Fehlschlagen des kostspieligen
Unternehmens dem guten Einvernehmen zwischen den verbündeten Staaten sehr
geschadet haben.
=England= hat 1781 auf diesem Kriegsschauplatze mit 40 Schiffen 70 der
Gegner einschließlich Hollands in Schach gehalten, aber es hätte
vielleicht doch noch mehr erreichen können. Schon zu jener Zeit ist
innerhalb und außerhalb des Parlamentes die Frage aufgeworfen, ob es
nicht richtiger gewesen wäre, die Zufuhr für Gibraltar aufzuschieben und
=Darby= statt dessen zum Abfangen des schwächeren Geschwaders unter =de
Grasse= zu entsenden; durch Vernichtung dieser wären die Pläne
Frankreichs in Westindien und Nordamerika für 1781 vereitelt worden. An
leitender Stelle hat man aber wohl die andere Aufgabe für dringender
gehalten, obgleich durch ihre Lösung der größere Teil der Kanalflotte
aufs Spiel gesetzt wurde, auch war, wie der ganze Krieg zeigt, Englands
Strategie überhaupt nicht darauf bedacht, den Feind von den entlegenen
Kriegsschauplätzen fernzuhalten, trotzdem daß ein derartiges Verfahren
schon seit langem von allen hervorragenden Seeoffizieren für das allein
Richtige erklärt wurde. Wenn man ferner zum Abfangen der Flotte
=Guichens= eine stärkere als die =Kempenfelts= entsandt hätte, so hätte
man nicht nur den Transport festhalten, sondern auch durch Vernichtung
der ersteren der französischen Marine einen schweren Schlag zufügen
können; die Kanalflotte war hierzu stark genug und außerdem lagen Schiffe
bereit, die schon im Januar 1782 unter Rodney nach Westindien segelten.
Westindien und Nordamerika 1781.
$Rodney erobert St. Eustache, St. Martin und Saba[157].$ Zu Anfang des
Jahres verfügte =Rodney= in Sta. Lucia über 22 Linienschiffe, während
Frankreich nur 4 in Martinique stationiert hatte. Am 27. Januar trafen
die Nachricht vom Ausbruch des Krieges mit Holland und der Befehl ein,
die holländischen Besitzungen anzugreifen. =Rodney= bestimmte 6
Linienschiffe zur Überwachung von Martinique und ging mit der Hauptflotte
sowie einem Landungskorps unter General =Vaughan= am 30. Januar in See.
Sein erstes Ziel war die Insel =St. Eustache=.
[157] Sehr eingehend geschildert in de Jonge, Band IV, Seite 458 ff.
In $St. Eustache$ konnte man auf große Beute rechnen. Seit Ausbruch des
Krieges war diese Insel unter ihrer neutralen Flagge der
Haupthandelsplatz Westindiens für alle Völker geworden, und Waren
befanden sich hier stets in solchen Mengen angehäuft, daß die
zahlreichen Lagerhäuser sie nicht fassen konnten. Sie wurde auch
dadurch von militärischer Bedeutung, daß die Amerikaner, sowie die
französischen Inseln ihre Kriegsbedürfnisse zum großen Teil von dort
bezogen. Die Engländer waren bei ihrem eigenen großen Handel weniger
auf die Insel angewiesen, sahen sich aber durch die politische Haltung
der Holländer benachteiligt. So erhielt z. B. die französische Flotte
von St. Eustache Handwerker und Material, als sie nach der Schlacht am
17. April 1780 Martinique nicht zum Ausbessern erreichen konnte,
während den Engländern, die nach dem großen Orkan im Oktober desselben
Jahres Tauwerk kaufen wollten, erklärt wurde, es sei keins am Markte;
tatsächlich fand man aber nach der Eroberung eine große Menge vor, die
dort schon lange lagerte.
Als die englische Flotte am 4. Februar vor der Insel erschien, war dem
Gouverneur der Ausbruch des Krieges noch nicht bekannt; nicht in der Lage
Widerstand zu leisten, kapitulierte er noch am selben Tage. Eine
holländische Fregatte, die der Ehre der Flagge halber einige Schüsse
abgab, einige kleinere Kriegsfahrzeuge, 150 Kauffahrer sowie die Waren am
Lande fielen in die Hände der Engländer, ebenso wurde ein Konvoi von 30
Handelsfahrzeugen nebst dem begleitenden Linienschiffe, der am Tage
vorher die Reise nach Europa angetreten hatte, noch abgefangen. Die
Gesamtbeute hatte einen Wert von über drei Millionen Lstrl. =Rodney=
bemächtigte sich dann noch der Nachbarinseln =St. Martin= und =Saba=,
später, am 15. März, auch der französischen Insel St. Barthélemy. Auf den
genommenen Inseln blieb die holländische Flagge wehen; hierdurch
getäuscht, liefen in der nächsten Zeit noch verschiedene holländische,
französische, sowie amerikanische Schiffe ein und wurden gleichfalls
genommen. Die nicht englischen Einwohner, besonders die Holländer,
verschickte man zwangsweise nach anderen Inseln, um den eroberten ihre
bisherige Bedeutung zu nehmen; zu gleichem Zwecke wurden die Lagerhäuser
zerstört oder wenigstens abgedeckt.
=Rodney= versteigerte einen Teil der Beute öffentlich an Engländer,
Franzosen und Dänen. Den Rest sandte er auf 30 Handelsschiffen, gedeckt
durch Kommodore =Hotham= mit 4 Linienschiffen, nach England; wir hörten
schon, daß dieser Konvoi am 2. Mai an der europäischen Küste fast ganz
dem französischen Admiral =de La Motte-Picquet= in die Hände fiel.
=Rodney= und =Vaughan= haben bei der Beschlagnahme weder holländisches
Privateigentum noch neutrale Waren geschont, die nicht zur
Kriegskontrebande zählten. Ihr Auftreten erregte denn auch überall
Entrüstung. Selbst in England und sogar im Parlament sind sie
angegriffen; aber ohne weiteres Ergebnis, sie behielten ungestört ihre
reichen Prisenanteile.
Es sei hier gleich erwähnt, daß die Engländer in den Monaten Februar und
März von Barbados aus auch die holländischen Besitzungen in =Guayana=
wegnahmen; =in Curaçao= dagegen, wo der Ausbruch des Krieges rechtzeitig
bekannt geworden war, trafen die Holländer genügende Vorbereitungen zur
Abwehr und blieben infolgedessen unbelästigt. Der holländische Handel
litt überall sehr durch englische Kreuzer und Freibeuter.