Am 16. November trat =Rodney= mit 9 Linienschiffen die Rückfahrt nach

Westindien an, 12 blieben unter dem Oberbefehl von Admiral =Arbuthnot=

auf der Station zurück. Dieser ließ nun von der Gardinerbucht aus -- am

Ostende von Long-Island und etwa 35 Seemeilen von Rhode-Island gelegen --

die Franzosen durch Fregatten bewachen, und hier sammelte sich die

Flotte, wenn man eine Bewegung des Gegners vermutete; dieser verhielt

sich jedoch ruhig. Am 22. September waren =Washington=, =Rochambeau= und

=de Ternay= in Hartford, der Hauptstadt des Staates Connecticut, zu einer

Beratung zusammengetreten und hatten beschlossen, mit allen Kräften New

York anzugreifen. Sie erkannten aber, daß dazu eine »unbedingte und

andauernde« Seeherrschaft nötig und daher eine Verstärkung der

Seestreitkräfte abzuwarten sei; daraufhin wurde dann die Bitte um eine

solche nach Paris gesandt. Auch die Engländer unternahmen nichts, sie

benützten wie im Vorjahre die Winterruhe im Norden zu Unternehmungen im

Süden. Ende Dezember ging =General Leslie= mit Truppen nach Charleston

ab, und =General Arnold=, als amerikanischer Offizier uns schon bekannt,

führte eine Expedition nach Virginia. -- Am 15. Dezember starb =de

Ternay=, für ihn ward Kapitän =Des Touches= stellvertretender Kommandeur

des französischen Geschwaders.

$Arnolds Verrat.$ Als =Washington= nach Eintreffen der französischen

Expedition lebhafter gegen New York vorging, drohte der amerikanischen

Sache eine große Gefahr. General =Benedikt Arnold=, der sich in den

ersten Jahren des Krieges besonders ausgezeichnet hatte und hoch in

Washingtons Achtung stand, war nach der Einnahme von Philadelphia 1778

dort als Gouverneur eingesetzt, um in der im allgemeinen wenig

patriotisch gesinnten Stadt wieder geordnete Zustände herzustellen. Er

zog sich bei dieser schwierigen Aufgabe den Haß der Bevölkerung derart

zu, daß seine Gegner ihn wegen Unterschlagung von Geldern anklagten und

das Kriegsgericht ihn mit einem Verweise bestrafte, worauf er sein Amt

niederlegte.

=Washington= stellte ihn zwar bald darauf wieder an, aber er blieb

verbittert und sann auf Rache. Als nun der Oberbefehlshaber gegen New

York vorging und =Arnold= inzwischen in Westpoint befehligte, trat er

mit =Clinton= in Verbindung, um die wichtige Stellung den Engländern

auszuliefern. Der Plan wurde jedoch vereitelt, denn der englische Major

Andrée, der die Verhandlungen führte, fiel den Amerikanern in die Hände

und =Washington= konnte rechtzeitig Gegenmaßregeln ergreifen. =Andrée=

wurde trotz aller Bemühungen Clintons zu seinen Gunsten als Spion

gehängt; =Arnold= floh zu den Engländern, ward von diesen als General

verwendet und zeigte sich von nun an, wie häufig Renegaten, von

besonderm Haß gegen seine Landsleute, sowie besonderem Eifer für die

englische Sache erfüllt. (Näheres hierüber vgl. Schlosser, 18. und 19.

Jahrh., Band III, Seite 494 ff.)

$Rückblick auf den Krieg in Westindien und Nordamerika 1780.$ Die

Schwäche von Bündnissen, die in den verschiedenartigen Endzwecken der

Verbündeten, sowie in ihren widerstreitenden Ansichten über die Wege zum

Ziel ihre Erklärung findet, zeigt sich besonders auf diesen

Kriegsschauplätzen. Frankreich hatte für 1780 von einem größeren Vorstoß

gegen England in Europa abgesehen, um den Gegner hauptsächlich in

Westindien anzugreifen und zu gleicher Zeit die Amerikaner kräftig zu

unterstützen. Beides aber wurde mit ungenügenden Mitteln unternommen und

blieb deshalb ohne Erfolg.

$Frankreich rechnete in Westindien$ wohl auf eine starke Unterstützung

durch Spanien. Da es allein dort gegen 28 Linienschiffe ins Feld führte,

hätten die Verbündeten mit Überlegenheit auftreten können, wenn das

spanische Kontingent rechtzeitig und leistungsfähig eingetroffen wäre. So

aber fand =de Guichen= zunächst fast gleichstarke englische Kräfte vor,

und er war nicht der Mann kühnen Wagemutes, sondern vorsichtigen

Handelns, worin er durch seine Order noch bestärkt wurde, und seine Pläne

zur Eroberung englischer Inseln scheiterten an der Geschicklichkeit und

Entschlossenheit seines Gegners Rodney. Als dann =Solano= eintraf, hatte

er weder den Willen, noch die Fähigkeit, sich mit den Franzosen zu großen

Unternehmungen zu vereinen, er bedurfte im Gegenteil deren Schutz und zog

sie dadurch, früher als ursprünglich beabsichtigt war, vom Felde ihrer

Tätigkeit ab.

Frankreich war zu Anfang des Jahres nicht imstande, allein eine größere

Macht in Westindien aufzustellen. Die Expedition nach Nordamerika

sollte abgehen, in Brest mußte ein Beobachtungsgeschwader verbleiben,

und man hatte sich verpflichtet, die spanische Flotte in Cadiz zu

verstärken. Dies hielt man wohl für nötig, um den lauen Bundesgenossen

anzuspornen. Als später noch über weitere Schiffe verfügt werden

konnte, lohnte es nicht mehr, diese nach Westindien zu senden. Dagegen

muß es wundernehmen, daß die Division =La Motte-Picquet= nicht Guichen

unterstellt, sondern vor dessen Ankunft nach St. Domingue beordert

wurde. Da man angriffsweise vorgehen wollte, mußte man auch alle Kräfte

zusammenziehen und von dem Schutze des Handels in den westlichen

Gewässern absehen; wurden dann bedeutende Erfolge bei den Kleinen

Antillen erzielt, so hätte dies den Schaden aufgewogen, wahrscheinlich

aber auch schon die wenigen Schiffe der englischen Jamaikastation

überhaupt festgehalten.

=Guichen= ging dann nach Europa zurück, ohne etwas erreicht zu haben.

Infolge seiner Vorsicht war es nicht einmal zu ernstem Kampfe gekommen.

Wenn er nun, wie d'Estaing 1779, von seiner Order abgewichen und nach

Nordamerika gesegelt wäre, oder doch einen Teil der Flotte dahin

abgezweigt hätte, so hätte wenigstens dort die große französische Rüstung

Nutzen gebracht. Der von den Spaniern und den zurückgebliebenen Franzosen

Ende 1780 eingeleitete Erfolg in Florida und die Eroberung Pensacolas im

Mai 1781 waren von keiner Bedeutung für den Krieg; ein französischer

Autor (Lacour) nennt sie bezeichnend »dem Feinde versetzte Nadelstiche«.

$England$ konnte bei seinem Grundsatz, überall einem Angriff gewachsen zu

sein, $in Westindien$ nicht überlegen auftreten. Sein Admiral =Rodney=

mußte sich deshalb darauf beschränken, dort den Gegner zu beobachten. Er

hielt ihn mit Geschick im Schach und tat auch sein Bestes, wenigstens

einen ernsten Waffengang herbeizuführen, allerdings vergeblich. Wäre die

Verstärkung für ihn statt erst am 12. Juli einige Monate früher

angekommen, wie es beabsichtigt war, so hätte es sich noch mehr gezeigt,

daß die französische Flotte für ihre Aufgabe zu schwach war.

Rodneys Teilung der Flotte, um sowohl Jamaika zu decken, wie in

Nordamerika aufzutreten, nachdem Guichen die Kleinen Antillen verlassen

hatte, muß dagegen als ein strategischer Fehler, jedenfalls als ein

großes Wagnis angesehen werden. Leicht konnte ein Teil vernichtet werden,

wenn die ganze französische Flotte gegen ihn stand, und deren Bewegungen

waren unbekannt, ja Rodney war der Überzeugung, daß der größere Teil

ihrer Schiffe nach dem Norden segeln würde.

$Frankreich$ hätte $in Nordamerika$ gleichfalls stärker auftreten müssen.

Man hatte auch ein Heer von 12000 Mann hinüberführen wollen, war aber

wegen Mangels an Transportmitteln auf die Hälfte hinunter gegangen, denn

die Expedition nach Westindien hatte alles aufgebraucht. Wahrscheinlich

wäre es aber doch möglich gewesen, mehr als 6000 Mann einzuschiffen,

wenigstens hat =de Ternay= über die Mitnahme eines unnütz großen Trosses

geklagt. Wenn auch das französische Landungskorps vielleicht mehr wert

war als das ganze amerikanische Heer von Regulären und Milizen, so waren

doch nach Ansicht =Washingtons= und =Rochambeaus= beide vereint nicht

stark genug zu angriffsweisem Vorgehen. Dabei sprach der Umstand mit, daß

die Seestreitkräfte denen des Gegners nicht gewachsen waren; diese

Schwäche gefährdete sogar die ganze Expedition, solange Rodney -- zu

ihrem Glück untätig -- an der Küste weilte. Man hielt also zurück, um

Verstärkungen zu erwarten.

Weshalb wurden nun solche nicht gesandt? Während des Sommers gingen noch

Schiffe von Brest zur Cadizflotte ab, obgleich man sich doch überzeugt

haben mußte, daß Spanien zu nichts zu bringen sei, sondern an der

Belagerung von Gibraltar halte; zu einer Unterstützung dieser, von der

sich Frankreich nicht einmal einen Nutzen versprach, war die Cadizflotte

schon stark genug, und mit dem Beobachtungsgeschwader in Brest war sie

auch der englischen Flotte in Europa gewachsen. Warum wurde nicht Guichen

oder doch ein Teil seiner Schiffe nach Nordamerika beordert, wie es

Washington und Rochambeau erhofften und selbst Rodney annahm? Wohl nicht

mit Unrecht wird vermutet (so von Mahan), daß Frankreich gar nicht die

Absicht gehabt habe, die Amerikaner zu dieser Zeit schon kräftiger zu

unterstützen, da es keinen Vorteil darin erblickte, den Landkrieg schnell

zu beenden, selbst nicht zuungunsten Englands; dieses hätte dann ja seine

Machtmittel für den Seekrieg zusammenfassen können.

Die später zur Verfügung stehenden Schiffe wären, wie oben schon

gesagt, nach Westindien wohl zu spät gekommen, aber in Nordamerika

konnten sie noch von Nutzen sein. Nicht seekriegsgeschichtliche Werke

(wie z. B. Schlosser und Zimmermann) und ebenso Mahan I geben an, man

hätte beabsichtigt, eine zweite Division dorthin zu senden, sie sei

aber von den Engländern blockiert gehalten. Tatsächlich kreuzte ja die

englische Kanalflotte vom 8. Juni bis 18. August. Aber in keinem der

französischen oder englischen Seekriegswerke wird erwähnt, daß die

Absendung einer Verstärkung beabsichtigt und dann verhindert gewesen

sei; nicht einmal Clowes erwähnt dergleichen, obwohl der Krieg hier

auch von Mahan bearbeitet ist.

=England= hatte infolge der rechtzeitigen Ankunft der Verstärkung unter

Graves in Nordamerika stets genügend Schiffe, um die Gegner wenigstens im

Schach zu halten. Wäre genannter Admiral früher von England gesegelt und

=Arbuthnot= dann mit seiner durch ihn erlangten Überlegenheit der

französischen Expedition entgegengetreten, ehe sie die Narragansettbucht

erreichte, so hätte deren Schwäche an Kriegsschiffen sich schwer rächen

können.

Nirgend ist zu ersehen, weshalb =Graves= nicht früher abgesandt wurde,

obgleich man wohl sicher in England wußte, daß Frankreich in

Nordamerika eingreifen wollte. Der Umstand, daß er vierzehn Tage durch

stürmische Gegenwinde festgehalten wurde, gibt keine genügende

Erklärung; mit einer derartigen Verspätung mußte man rechnen. Ähnlich

verhält es sich mit der bei Westindien erwähnten Verstärkung für

Rodney, deren Abfahrt gar »drei Monate« durch Windverhältnisse

verzögert worden sein soll. Es ist anzunehmen, daß beide Geschwader

nicht rechtzeitig segelfertig gewesen sind.

Als dann =Rodney= eintraf, machte er von seiner großen Überlegenheit

keinen Gebrauch. Dies wird mit seinem Gesundheitszustande entschuldigt,

aber dann ist es unverständlich, weshalb =Arbuthnot= nun nicht für

tatkräftiges Handeln eintrat, sondern anscheinend davon abgeraten hat.

Vielleicht wird dies durch die Andeutung erklärt, die man in einer

englischen Quelle (Clowes) findet, Arbuthnot habe deutlich und in

ungehöriger Weise seinem Mißvergnügen über die Ankunft des älteren

Admirals Ausdruck gegeben, der ihm durch sein Erscheinen den Oberbefehl

abnahm und die Prisengelder auf der einträglichen Station kürzte.

Die Schwäche der Franzosen zur See auf diesem Kriegsschauplatze bedingt

es, daß der $Landkrieg in Nordamerika$ 1780 trotz des französischen

Hilfsheeres im großen und ganzen einen für die Engländer günstigen

Verlauf nahm. Ihr Vorstoß im Süden kam zwar zum Stocken, die ersten

Erfolge hier hatten aber auf die Amerikaner niederdrückend, auf die

Engländer belebend gewirkt. Letztere hofften, die Carolinas und Virginien

ganz in ihre Hand zu bekommen und damit einen großen Schritt zur

Niederkämpfung des Aufstandes zu tun; die Gefahr, die in der Trennung

der beiden Kriegsschauplätze lag, die nur zu Wasser miteinander in

Verbindung standen, war bei der Schwäche der Gegner zur See in diesem

Jahre noch nicht hervorgetreten.

Mit =Amerika stand es Ende 1780 schlecht=. Bei vielen Kolonisten war die

erste Begeisterung erloschen, und das englische Heer erhielt im

allgemeinen mehr Unterstützung als das amerikanische; trotz aller Verbote

führten ihm die Farmer Vorräte zu, während Washington solche nur durch

gewaltsame Beitreibung erhielt. Von 36000 Mann, die der Kongreß für

dieses Jahr in Aussicht genommen hatte, waren nie mehr als 18000

aufzubringen, die Milizen blieben unzuverlässig und liefen nach jeder

Schlappe auseinander, dabei war kein Geld vorhanden und die Truppen

blieben oft monatelang ohne Sold, obgleich Frankreich mit einem Geschenk

von 6 Millionen und einem Darlehen von 10 Millionen Francs einsprang. Im

Dezember meuterte sogar ein Teil, und Clinton machte den Versuch,

Washingtons Truppen durch Versprechungen für sich zu gewinnen, aber

hierauf gingen die Leute doch nicht ein, sondern hängten die Agenten. Das

Jahr 1780, in dem die amerikanische Sache wohl am bedenklichsten stand,

zeigt deutlich, daß die Befreiung der Kolonien weniger der allgemeinen

Begeisterung der Bevölkerung als der Tatkraft und Ausdauer einzelner

Männer zu verdanken ist. Doch =diese Ausdauer ward belohnt=; die

englische Regierung war nicht imstande, noch mehr für den Landkrieg

aufzuwenden. Schon war die Schuldenlast sehr gewachsen (1781 kam sie auf

198 Millionen Lstrl.), und der Seekrieg stellte immer größere

Anforderungen, da nun Holland als Gegner hinzutrat und auch der

»Bewaffneten Neutralität« Aufmerksamkeit geschenkt, der gute Wille der

Machthaber in Rußland erkauft werden mußte. Schon regte sich im

englischen Volke der Wunsch nach Frieden mit den Kolonien.

Der Krieg in Europa 1781.

In den europäischen Gewässern drehte sich die Kriegführung in diesem

Jahre um zwei Hauptpunkte, nämlich um den Schutz des Handels und um den

Angriff oder die Verteidigung von Gibraltar sowie Minorka. Obgleich

=England= noch stärker rüstete als im vorhergegangenen Jahre -- es waren

vom Parlamente 90000 Mann (einschließlich 20000 Seesoldaten) sowie gegen

9 Millionen Lstrl. für die Marine bewilligt -- und im Sommer insgesamt

115 Linienschiffe im Dienst hatte, standen doch wie 1780 nur etwa 40 für

die heimischen Gewässer zur Verfügung. Eine Gefahr von seiten der

»bewaffneten Neutralität« hielt England allerdings durch diplomatische

Künste von sich fern, und Hollands Marine war zu schwach, um als Gegner

eine ernste Rolle zu spielen, aber immerhin sah sich England weiter auf

die Verteidigung angewiesen.

Auch die Rüstungen der =Verbündeten=[153] erreichten die Stärke des

Vorjahres, ja übertrafen sie wohl, wenigstens was =Frankreich=

anbetrifft. Hier waren um die Mitte des Jahres zum mindesten 75

Linienschiffe im Dienst und in =Spanien= wahrscheinlich gegen 50.

[153] Vgl. die Fußnote Seite 291 über die Ungenauigkeit der

Zahlenangaben.

=Frankreich= sandte im März 20 Linienschiffe unter =Admiral de Grasse=

nach Westindien, wo sich bereits 9 befanden (zur Hälfte in St.

Domingue, zur Hälfte in Martinique); zu gleicher Zeit segelten 5 nach

Ostindien unter =Kommodore Suffren= zur Verstärkung der 6 dort

befindlichen; in Nordamerika waren 7 stationiert und eins trat hinzu;

im Juli führte =de Guichen= 19 nach Cadiz, und man muß annehmen, daß

trotzdem einige Schiffe in Brest verblieben. =Spanien= hatte wenigstens

30 Linienschiffe in Cadiz und Algeciras, gegen 15 in Westindien und

Zentralamerika und einige in Ferrol sowie in Cartagena.

Da aber Frankreich auch für dieses Jahr hauptsächlich die überseeischen

Kriegsschauplätze im Auge hatte, blieben in Europa nicht genügend

Streitkräfte zurück, um allein angriffsweise vorzugehen, und eine

Vereinigung mit der spanischen Seemacht trat erst im Juli und nur für

kurze Zeit ein. Bis dahin, sowie nach Trennung war England jedem

einzelnen der Verbündeten gewachsen und dementsprechend spielten sich die

Ereignisse im großen und ganzen zu seinen Gunsten ab. Vergeblich hatte

Frankreich versucht, Spanien sowie Holland zu einem frühzeitigen

Zusammenziehen der Flotten und zu gemeinsamem Vorgehen im Kanal zu

bewegen. Holland war neben dem Schutze seines Handels und seiner Küsten

dazu nicht imstande; Spanien hatte einzig Gibraltar im Auge ohne

Verständnis dafür, daß der Belagerung kein größerer Dienst geleistet

werden könne als durch die Niederkämpfung der englischen Flotte. Dieses

Ziel aber scheint Frankreich für 1781 im Auge gehabt zu haben, um dadurch

dem Handel Englands den Garaus zu machen, sowie seinen Verkehr mit den

auswärtigen Besitzungen und Stationen zu unterbinden; von der Absicht

einer Invasion, von Zusammenziehen eines Landungsheeres berichten die

Quellen nichts.

$Admiral Darby versorgt Gibraltar, April 1781.$ Die Belagerung dieser

Festung, die später (1782) geschildert werden soll, machte zwar keine

Fortschritte, aber die Stadt hatte seit der Versorgung durch =Rodney= im

Januar 1780 keine Zufuhren mehr erhalten und litt Mangel; schon seit

Oktober waren die Rationen vorsichtshalber herabgesetzt. Englands erste

Sorge war deshalb, der Not abzuhelfen. Vizeadmiral =George Darby=, Chef

der Kanalflotte, ging am 13. März mit 28 Linienschiffen und einem großen

Konvoi nach auswärts segelnder Kauffahrer von Portsmouth in See; ein für

Ostindien bestimmtes Geschwader von 5 Linienschiffen unter Kommodore

=George Johnstone=, gleichfalls mit einem Konvoi, schloß sich bis Kap

Finisterre an. Die Fahrt erlitt eine Verzögerung von einigen Tagen, da

Darby an der irischen Küste auf die in Cork gesammelten Transporter für

Gibraltar und Minorka warten mußte. Doch dies gereichte ihm zum Glück.

Am 22. März verließ nämlich Admiral =de Grasse= Brest mit 26

Linienschiffen, von denen 20 nach Westindien, eins nach Nordamerika und 5

unter Kommodore =Suffren= nach Ostindien bestimmt waren. Durch einen

Zusammenstoß Darbys mit ihm wäre die Versorgung Gibraltars ernstlich

gefährdet worden. So kam es nur zwischen den Geschwadern Suffrens und

Johnstones am 16. April auf der Rhede von Porto Praya zum Kampfe; die

Engländer gaben infolgedessen den beabsichtigten Angriff auf die

Kapkolonie auf. =Darby= aber erreichte, ohne auf einen Feind zu stoßen,

am 11. April Kap Spartel. Die große spanische Flotte, etwa 30

Linienschiffe unter =Don Luis de Cordoba=, war zwar in See gewesen, hatte

sich jedoch auf die Nachricht vom Nahen der Engländer wieder auf Cadiz

zurückgezogen, wo Darbys Ausguckschiffe sie ruhig vor Anker liegen sahen.

Der spanische Admiral scheint nicht gewagt zu haben, dem durch die

Transporter noch behinderten Gegner entgegenzutreten. Der englische

Admiral ließ Cadiz durch Fregatten beobachten, blieb mit der Hauptflotte

unter Segel und sandte seine Nachhut unter Kontreadmiral =Sir Lockhart

Roß= mit den Transportern nach Gibraltar; gleichzeitig gingen einige für

Minorka bestimmte Vorratsschiffe dorthin ab.

=Admiral Roß= wurde zwar von den Belagerungsbatterien mit heftigem

Feuer empfangen und auch von kleinen Kanonenbooten angegriffen, die

eigens für die Belagerung erbaut, sowohl zum Rudern wie zum Segeln

eingerichtet und mit einem besonders langen, daher weittragenden

26-Pfünder armiert waren. Seine Kriegsschiffe erlitten jedoch keinen

wesentlichen Schaden und die Transporter konnten unbehelligt gelöscht

werden.

Am 19. April vereinigte sich die Nachhut wieder mit der Flotte, die dann

die Rückfahrt antrat und am 22. Mai Portsmouth erreichte. Gibraltar war

nun auf längere Zeit versorgt. Auch auf der Heimreise stieß =Darby= auf

keinen Gegner.

$Admiral de La Motte-Picquet nimmt einen englischen Konvoi.$ (Die =Beute

Rodneys in Westindien=.) Wie erwähnt, hatte Frankreich für dieses Jahr

den Handelskrieg besonders ins Auge gefaßt, für den auch jetzt wieder

höhere Seeoffiziere eintraten, und zwar unter Hinweis darauf, daß der

Kampf gegen den englischen Handel nicht wie bisher durch einzelne

Kriegsschiffe und Freibeuter, sondern wie zu den Zeiten =Jean Barts= und

seiner Schüler durch Geschwader geführt werden müsse. Im Januar hatte

auch eine kleine Division eine Kreuzfahrt vor dem Kanal unternommen,

diese war aber nur von kurzer Dauer und blieb ohne Erfolg.

Später sprach der bewährte und in diesem Dienst erfahrene Chef d'Escadre

=de La Motte-Picquet= aufs neue dafür, als sich im April eine besonders

gute Gelegenheit bot. Man hatte erfahren, daß von Westindien der

Kommodore =Hotham= mit nur 4 Linienschiffen einen Konvoi geleite, der

Rodneys Beute vom Januar auf der holländischen Insel St. Eustache nach

England führte. La Motte erbat und erhielt die Erlaubnis, diesen

abzufangen, obgleich der Marineminister anfangs Bedenken trug, weil

Darbys Rückkehr zur gleichen Zeit in Aussicht stand. So ging La Motte am

24. April mit 6 starken Linienschiffen, 2 Fregatten und 2 Kuttern in See,

um auf der Linie Azoren-Scillys gegen englische Konvois zu kreuzen. Das

Glück war ihm hold, und er traf am 2. Mai auf den genannten wertvollen

Transport, nahm von 30 Fahrzeugen 22, die einen Wert von 5 Millionen

Francs hatten, und führte sie nach Brest. Hotham konnte es nicht

hindern, rettete aber seine Kriegsschiffe. =Darby= erhielt auf der

Heimreise Nachricht hiervon und zweigte sofort 8 Linienschiffe zur

Verfolgung der Franzosen ab, erreichte diese jedoch nicht mehr; nur ein

französisches, von seinem Geschwader abgekommenes Linienschiff hatte am

14. und 15. Mai dicht vor Brest ein Gefecht mit dem vordersten der

Verfolger zu bestehen, lief aber glücklich ein.

$Die Verbündeten greifen Minorka an und erscheinen im Kanal 1781.$

Spanien, verdrossen über die Verproviantierung Gibraltars, beabsichtigte

durch die Eroberung Minorkas einen Gegenstoß zu führen und ersuchte

Frankreich um Mitwirkung; dieses sagte zu, wohl in der Hoffnung, dadurch

auch ein gemeinsames Auftreten im Kanal zu erreichen. Am 25. Juni führte

Lieutenant-Général =de Guichen= 19 Linienschiffe[154] nach Cadiz und trat

unter den Oberbefehl des Admirals =de Cordoba=, dem nun 49 Linienschiffe,

sowie gegen 20 Fregatten und kleinere Fahrzeuge zur Verfügung standen.

Mit der Unterstellung seines Admirals unter den spanischen brachte

Frankreich dem guten Einvernehmen ein großes Opfer, da man doch aus den

Berichten der Flaggoffiziere in den Vorjahren die geringe

Leistungsfähigkeit Cordobas kannte. Die mächtige Flotte verließ am 23.

Juli Cadiz, führte die gegen Minorka bestimmte Expedition ins Mittelmeer,

bis sie vor englischen Kreuzern sicher erschien, und trat dann die Fahrt

nach dem Kanal an. Minorka ward leicht besetzt und auch die Zitadelle von

Port Mahon fiel im Februar 1782; der Verlust dieses Stützpunktes war

jedoch für England nicht von Bedeutung, da es in diesem Kriege das

Mittelmeer nicht zu behaupten vermochte.

[154] Lacour II spricht im Gegensatz zu sämtlichen anderen Quellen von

24 Linienschiffen, gibt dann aber die Gesamtstärke auch nur auf

49 an.

Seekriege und Seekriegswesen, Zweiter Band in ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung. Mit besonderer Berücksichtigung der grossen Seekriege des XVII. and XVIII. Jahrhunderts. · 第 44 / 63 段