Ausrüstung in See, um nicht vom Feinde in ihren Häfen blockiert zu
werden. Die spanische brauchte sieben Wochen bis zur Vereinigung und
dann verging noch eine Woche mit Maßnahmen, die man vorher hätte
erledigen können. Französischerseits unterließ man ferner die
Ergänzung der während des langen Wartens aufgebrauchten Vorräte. Ein
weiterer schwerer Fehler war der befohlene Wechsel des Angriffspunktes.
Dadurch ging die günstige Gelegenheit zur Landung unwiederbringlich
verloren, und Krankheit sowie Mangel auf der Flotte bereiteten
schließlich dem Unternehmen ein unrühmliches Ende. Auch hier bestätigte
sich wieder, daß es grundfalsch ist, eine vor dem Feinde stehende
Macht, und ganz besonders eine Seestreitmacht, ganz von Hause her
leiten zu wollen. Gerade im vorliegenden Falle war der Gegenbefehl
durchaus verkehrt und somit =d'Orvilliers=' Einwendungen völlig
berechtigt; die erhaltene Weisung einfach nicht zu beachten, lag nicht
in seinem Charakter. Dies hätten auch wohl nur wenige Führer gewagt,
ein =Nelson= oder =Bonaparte= würden es wahrscheinlich getan haben.
Die Führer der großen Flotte zeigten sich allerdings auch nicht ihrer
Aufgabe gewachsen, doch fällt dies gleichfalls den Regierungen zur Last,
die sie an die verantwortlichen Stellen setzten. =D'Orvilliers= war ein
tüchtiger Offizier, aber 68 Jahre alt und kein Charakter, der die Jahre
vergessen ließ; er nannte sich außerdem selber »einen gebrechlichen
Greis«. Es fehlten ihm Entschlußfähigkeit und Kühnheit, die unter
schwierigen Umständen vieles wagen, um alles zu gewinnen.
Bezeichnend sind die Aussprüche zweier anderer Autoren (Chevalier II,
Seite 136 A. a. O.): »=D'Orvilliers= wollte 1778 bei westlichem Winde
nicht in den Kanal einlaufen, da er dann bei schlechtem Wetter oder
nach unglücklichem Kampfe nicht wieder herauskönne; 1779 hinderte ihn
östlicher Wind am Einlaufen. Welch ein Wind war denn nun günstig?« --
(Lacour II, Seite 254): »Man sagt, daß sich =d'Orvilliers= während des
Feldzuges 1779 stets gefragt habe: »Was geschieht, wenn ich besiegt
werde«, aber niemals: »Was erfolgt, wenn ich siege.«
Nicht anders lag es mit =Cordoba=. Dieser war sogar 73 Jahre alt, und
=d'Estaing=, der 1780 mit ihm verhandeln mußte, berichtete, er habe
bisher nur gegen die Barbaresken gefochten und sei, selbst nach Ansicht
spanischer Offiziere, eine Persönlichkeit ohne jede Bedeutung, ohne
Tatkraft und Kühnheit. Beide Führer waren allerdings auch nicht vom Glück
begünstigt, und die Wetterverhältnisse waren mehrfach gegen sie, aber es
gilt als alte Erfahrung, daß dem Wagemutigen das Glück hold ist; denn wer
auch unter ungünstigen Verhältnissen seine Absicht durchzusetzen strebt,
kommt einem günstigen Umschwung gewissermaßen entgegen. -- Infolge der
Fehler der Verbündeten blieb das große Unternehmen 1779 ein Schlag ins
Wasser; =Lacour= sagt von ihm: »Si le sujet n'était pas si triste, on
penserait à la montagne en mal d'enfant, qui met au monde une souris.«
Die Kriegführung des Jahres 1779 zeigt deutlich =eine der Schwächen der
Allianzen=[148]. Durch seine Nachlässigkeit in den Rüstungen lähmt der
eine Verbündete den anderen. Im Jahre 1780 zeigt sich die Hauptgefahr für
jedes Bündnis, die Verschiedenheit der Interessen und Ziele. Frankreich
bindet sich noch stärker als vorher in Westindien, Spanien verbeißt sich
in die Belagerung von Gibraltar. Der Oberbefehlshaber, Admiral =Cordoba=,
löst in diesem Jahre aber nicht einmal die einfache Aufgabe, die
belagerte Stadt von See her abzuschließen. Es gelingt =Rodney= mit weit
schwächeren Kräften, Gibraltar zu versorgen; bei dieser Gelegenheit zeigt
sich, daß dem Mutigen auch das Glück hold ist. Die Wetterverhältnisse
legen die Seestreitkräfte des Gegners lahm und begünstigen ihn. Er trifft
dann auf den Konvoi und einen Teil der spanischen Flotte, der ohne
Unterstützung ist. Daß das englische Geschwader die Stürme überstand,
während die Schiffe des Gegners arg beschädigt wurden, war allerdings der
Überlegenheit der Engländer in Seemannschaft zu danken.
[148] Hierüber vgl. das in Band I, Seite 356 Ausgeführte.
$Ausbruch des Krieges zwischen England und Holland 1780.$ Am 20.
Dezember erklärte England den Krieg an Holland. Schon weit früher war
es zu Reibungen gekommen. Seit Ausbruch des Englisch-Amerikanischen
Krieges wurde die holländische Schiffahrt durch die Untersuchungen
seitens englischer Kriegsschiffe arg belästigt und noch mehr seit
Beginn des Kriegs mit Frankreich. Am 31. Dezember 1779 ereignete sich
bereits ein Vorfall ernster Art. Ein englisches Geschwader von 5
Linienschiffen und einigen Fregatten unter Kapitän =Charles Feilding=
begegnete im Kanal einem großen holländischen Konvoi, geleitet durch 2
Linienschiffe und 2 Fregatten unter Kontreadmiral =van Byland=. Der
englische Kommodore verlangte die Untersuchung der Schiffe. Der
holländische Admiral verweigerte sie und ließ Gewehrfeuer auf die Boote
richten, die trotzdem zu den Handelsschiffen fuhren. Nun eröffneten die
englischen Schiffe das Feuer auf die holländischen und diese ergaben
sich in ihr Schicksal; der Admiral strich sogar die Flagge. Davon
machte =Feilding= nun zwar keinen Gebrauch, aber er führte 12
Kauffahrer nach Portsmouth, die dort kondemniert wurden, da sie nach
englischer Angabe tatsächlich Kontrebande an Bord hatten.
Gleichzeitig mit der Kriegserklärung sandte England den Befehl nach
Ost- und Westindien, die holländischen Schiffe sowie Besitzungen
wegzunehmen; es soll sogar diese Weisung schon früher erlassen haben,
da die englischen Kriegsschiffe überall so frühzeitig über den
holländischen Handel herfielen, daß Ende Januar 1781 bereits 200
Kauffahrer im Werte von 15 Millionen Gulden aufgebracht waren. Am 30.
Dezember 1781 ward das erste holländische Kriegsschiff von 54 Kanonen
durch zwei englische 74-Kanonenschiffe im Kanal genommen. (Näheres über
die Belästigungen des holländischen Handels, die dadurch
hervorgerufenen Reibungen und die militärischen Maßnahmen Hollands
findet man in =de Jonge=, Band 4, Seite 379 ff.)
Der Krieg in Westindien und Nordamerika 1780.
$Westindien.$ Im Beginn des Jahres 1780 lag der englische Admiral =Hyde
Parker= mit etwa 16 Linienschiffen in Sta. Lucia, während sich die
französischen Divisionen =de Grasse= und =de La Motte-Picquet=, 10 oder
11 Schiffe, in Martinique befanden; beide Parteien unternahmen
Kreuzfahrten gegen Handelsschiffe und Transporter. =De La Motte= hatte
von Haus Befehl erhalten, seine eigentliche Station bei St. Domingue
gegen die Engländer in Jamaika einzunehmen, war aber von =de Grasse= und
dem Gouverneur wegen der Überlegenheit des Gegners bisher auf der
Antillenstation zurückgehalten; erst als die Nachricht vom Nahen der
starken Flotte unter =de Guichen= eintraf, ließ man ihn absegeln. Auf der
Reise hatte er einen Zusammenstoß mit einem englischen Geschwader, blieb
aber sonst den großen Ereignissen des Jahres fern. Ebenso auch die
schwache englische Jamaikastation unter =Sir Peter Parker=; beide fanden
nur Verwendung zum Kleinen Kriege im nordwestlichen Teile der
westindischen Gewässer.
$Gefecht bei Monte Christi, 20. März 1780.$ =La Motte-Picquet= verließ
am 13. März mit zwei Schiffen zu 74 Kanonen, einem zu 64, einem zu 50
und einer Fregatte Martinique nebst einem Konvoi für Cap Français. Am
20. März stieß er nicht weit von seinem Ziele bei Monte Christi
(Nordküste von Haiti) auf den Kapitän =Cornwallis=, der sich mit drei
schwachen Schiffen der Jamaikastation auf einer der üblichen
Kreuzfahrten in den dortigen Gewässern befand. Es kam zu einem
Gefechte, das von 5 Uhr nachmittags bis mitternacht und den ganzen
nächsten Tag über dauerte. Dann brach =La Motte= ab, da drei andere
Engländer in Sicht kamen, und segelte nach Cap Français, wohin sein
Konvoi schon vorausgegangen war. Der Zusammenstoß ist bemerkenswert,
weil man aus seinem Verlaufe wiederum ersehen kann, wie die
französischen Führer jener Zeit fast immer nur die Lösung ihrer Aufgabe
anstrebten, sonst aber ihre Schiffe schonten. =De La Motte=, ohne
Zweifel ein mutiger Mann und tüchtiger Offizier, hatte nur den Schutz
des Konvois im Auge; zu diesem Zwecke griff er zwar selber an, führte
aber den Kampf nicht bis zur Entscheidung durch, obgleich er weit
überlegen war. =Cornwallis= befehligte ein Schiff zu 64 Kanonen, eins
zu 50 und eins zu 44, und die später in Sicht kommenden waren auch nur
ein 64-Kanonenschiff, nebst 2 Fregatten. (Näheres über das Gefecht vgl.
Clowes III, Seite 474; Troude II, Seite 66.)
=De La Motte= geleitete später verschiedene Konvois, nach Europa
bestimmte, von Cap Français, dem üblichen Sammelplatze, aus, so weit in
den Atlantik, bis sie vor feindlichen Kreuzern sicher schienen; am 13.
August trat er, erhaltenem Befehle gemäß, die Heimfahrt an und traf Ende
Oktober in Cadiz ein.
$De Guichen und Rodney in Westindien 1780.$ =Lieutenant-Général de
Guichen=[149] hatte am 3. Februar Brest mit 16 Linienschiffen und 4
Fregatten -- nach Angabe der französischen Quellen schlecht ausgerüstet
-- nebst einem Konvoi von 83 Segeln verlassen; er traf am 22. März in
Martinique ein und vereinigte sich mit =de Grasse=. Er war entrüstet,
nicht auch =La Motte= vorzufinden, da er dann dem Gegner sehr überlegen
gewesen wäre. Seine Order wies ihn an, auf der Reise besonders den Konvoi
zu hüten, weil es in den Kolonien sehr an Nahrungsmitteln sowie anderen
Bedürfnissen mangele, in Westindien dann »die Seeherrschaft zu erringen«;
von etwa genommenen Inseln solle er einzig Sta. Lucia besetzen, auf
anderen nur die Befestigungen und Magazine zerstören. Der Befehl enthielt
aber wieder den lähmenden Zusatz: »Die See zu halten, soweit es die
Stärke des Gegners erlaube, ohne die eigenen Kräfte zu sehr einzusetzen.«
Der Admiral hoffte nun, Sta. Lucia überraschen zu können; er schiffte
deshalb nur seine Kranken aus und ging schon am 23. März wieder in See.
Er fand aber =Hyde Parker= mit seinen 16 Schiffen in der Gros-Islet-Bucht
derartig verankert, daß er keinen Angriff wagte und nach Fort Royal
zurücksegelte. Eine ähnlich günstige Gelegenheit, Sta. Lucia zu nehmen,
kam nicht wieder; am 27. März vereinigte sich =Rodney=, von seiner
spanischen Expedition angekommen, mit =Hyde Parker=, und die nun 20 oder
21 Linienschiffe starke englische Flotte war der französischen ungefähr
gleich.
[149] =Luc Urbain de Bouexic, Comte de Guichen=, geboren 21. Juni 1712,
Garde marine 1730, Lieutenant 1746, Capitaine 1756, Chef
d'Escadre 1776, Lieut.-Général 1779, gestorben 13. Januar 1790,
war viel zur See gefahren und hatte sich in den beiden letzten
Kriegen sehr hervorgetan. 1778 führte er bei Ouessant eine
Division der Mitte, 1779 die Vorhut der großen Flotte
d'Orvilliers'. Er galt für sehr tüchtig in der Führung eines
Geschwaders, aber auch für einen Typ der vorsichtigen taktischen
Schule, außerdem war er jetzt 68 Jahre alt. Nach seinen drei
Schlachten mit =Rodney=, der ihn als Gegner hoch einschätzte,
stand er 1781/82 in der französisch-spanischen Flotte unter
=Cordoba=. Am 12. Dezember 1781 wurde er im Atlantik bei
Begleitung eines Konvois von Admiral Kempenfelt mit schwächeren
Kräften geschlagen.
$Die Stärke der Gegner.$ =Die englische Flotte= bestand aus: der
Vorhut, Kontreadmiral =Hyde Parker=, dem Flaggschiff zu 90 Kanonen, 4
Schiffen zu 74, 2 zu 64, 1 Fregatte; der Mitte, =Rodney=, Flaggschiff
zu 90, 3 zu 74, 1 zu 70, 2 zu 64, 3 Fregatten; der Nachhut,
Kontreadmiral =Rowley=, 4 zu 74, 1 zu 64, 1 zu 60, 1 zu 50 Kanonen
(dieses sollte im Notfalle die Linie verlängern), 1 Fregatte.
=Die französische Flotte= zählte: Vorhut, Chef d'Escadre =Comte de
Sade=, Flaggschiff zu 80 Kanonen, 3 Schiffe zu 74, 2 zu 60, 1 zu 60;
Mitte, =de Guichen=, Flaggschiff zu 80, 4 zu 74, 3 zu 64; Nachhut, Chef
d'Escadre =Comte de Grasse=, 6 Schiffe zu 74, 1 zu 64; hinzu traten 5
Fregatten und 1 Korvette.
$Die drei Gefechte bei Martinique 1780.$ Schon am 2. April zeigte sich
=Rodney= vor Fort Royal, da =Guichen= aber nicht aus dem Hafen kam, ging
er nach Sta. Lucia zurück und ließ den Feind durch Fregatten beobachten.
Der französische Admiral war mit dem Gouverneur =de Bouillé=, der sich
mit 3000 Mann auf der Flotte einschiffte, übereingekommen, bei günstiger
Gelegenheit unbemerkt in See zu gehen, zunächst einen nach St. Domingue
bestimmten Konvoi eine Strecke nach Norden zu geleiten und dann den
Angriff auf die englischen Inseln zu beginnen. In der Nacht des 13. April
verließ die französische Flotte den Hafen, aber die englische folgte
sofort. Schon am 16. sichteten sich beide in Lee der Insel Martinique;
die englische kam von Südosten heran, als die französische gegen
Nordostpassat auf den Kanal zwischen Martinique und Dominica zu
aufkreuzte.
[Illustration: de Guichen.]
In den nun folgenden Manövern zur Gewinnung der Luvstellung hatten die
Engländer den Erfolg für sich. Bei Tagesanbruch am 17. April stand die
englische Flotte etwa 12 Seemeilen östlich der französischen, und etwa 20
Seemeilen westlich vom Eingange des genannten Kanals erfolgte =die erste
Schlacht=. Sie blieb =unentschieden=, ist =aber bemerkenswert für die
Geschichte der Seetaktik=. Rodney versucht in ihr, abweichend von der
bisherigen Angriffsart, einen Teil des Gegners überlegen anzugreifen; es
mißlingt jedoch, da seine Untergebenen die Absicht nicht verstehen. Sie
wurde dann in alter Weise zu Ende geführt und brachte die bekannten
Folgen: Die Engländer standen nach dem ersten Zusammenstoß wegen der
Beschädigung der Schiffe von weiterem Kampfe ab, und auch der
französische Admiral drang im Hinblick auf den einschränkenden Zusatz zu
seiner Instruktion nicht auf seine Fortsetzung bis zur Entscheidung.
[Illustration: Martinique, 17. April 1780.]
$Die erste Schlacht bei Martinique am 17. April 1780[150].$ Bei
Tagesanbruch lag die französische Flotte unter östlichem Winde in
Kiellinie über Steuerbordbug mit etwa SSO-Kurs, die englische steuerte
über Steuerbordbug nördlich. Rodney stellte die über Nacht etwas
verloren gegangene Ordnung her und schloß die Entfernungen zwischen den
Schiffen von zwei auf eine Kabellänge. Beide Flotten steuerten also
einen parallelen, aber nahezu entgegengesetzten Kurs; es war für die zu
Luward stehenden Engländer Gelegenheit, sich mit ihrer enggeschlossenen
Linie überwältigend auf die hintere Hälfte der etwas
auseinandergezogenen französischen zu werfen und diese niederzukämpfen,
ehe die vordere Hälfte wenden und zur Hilfe herankommen konnte. Dies
war Rodneys Absicht. Er machte sie um 8 Uhr vormittags durch Signal
bekannt -- bereits früher scheint er durch Zusätze zur
Gefechtsinstruktion derartige Manöver vorbereitet zu haben. Um 8-1/2
Uhr kommandierte er dann »Linksum« und hielt mit vollen Segeln in
Dwarslinie auf den Gegner zu.
[150] Wir folgen hauptsächlich der Schilderung in Clowes III, Seite
453, geschrieben von =Captain Mahan=, als der neuesten und
eingehendsten. Unsere anderen Quellen, auch Mahan in »Seemacht«
I, weichen von dieser darin ab, daß nach ihnen die Schlacht über
Steuerbordbug geschlagen wurde. Dies hat jedoch auf ihren Verlauf
und für die Beurteilung der von =Rodney= angestrebten Taktik
keinen Einfluß.
=Guichen= erkannte die Gefahr und ließ alle Schiffe zugleich halsen, so
daß der Stoß nur die vordere Hälfte getroffen haben würde, der die
hintere leicht Unterstützung bringen konnte. =Rodney= bildete darauf
die Kiellinie über Steuerbordbug, um sein Manöver am anderen Ende der
feindlichen Linie zu versuchen (vgl. Plan, Lage 1). Er öffnete jetzt
zwar die Abstände wieder auf 2 Kabellängen, blieb aber immer noch
geschlossener als der Gegner; die beiden Flotten lagen nun von neuem
auf entgegengesetzten Kursen. Um 10-1/4 Uhr war Rodney mit seinem
Flaggschiff querab von dem de Guichens, gab Befehl, mit allen Schiffen
zugleich zu halsen, und ließ, als dies geschehen und die Linie wieder
gut ausgerichtet war, etwa um 11 Uhr mehr nach Backbord, also schräg
auf den Feind zu, steuern. Um 11-3/4 erfolgten schnell hintereinander
die Signale: »Gerade auf den Feind abhalten; ein jedes Schiff auf
seinen Gegner in der feindlichen Linie (dies war ein Signal gemäß
seines Zusatzes zur Gefechtsinstruktion); Nahgefecht.« Rodney nahm
dabei an, daß die Admirale und Kommandanten seiner um 8 Uhr
bekanntgegebenen Absicht entsprechend das Schiff angreifen würden, das
ihnen »augenblicklich« in der feindlichen Linie gegenüberstand.
Jetzt aber machte sich das Kleben am bisherigen Brauch, an dem
buchstäblichen Befolgen der Gefechtsinstruktion, geltend. Der
Kommandant des Spitzenschiffes, Kapitän =Carkett=, glaubte, er müsse
das feindliche Spitzenschiff angreifen, steuerte auf dieses zu und zog
seine drei Hintermänner einschließlich des Admirals der Vorhut, =Hyde
Parker=, hinter sich her. Diese 4 Schiffe eröffneten gegen 1 Uhr
nachmittags das Feuer, zunächst auf weitere Entfernung; die übrigen
führten den Angriff richtiger aus, besonders die drei letzten der
Vorhut, obgleich sie von ihrem Admiral den Befehl erhielten, in der
Linie zu bleiben und ihm zu folgen. Es scheint demnach, als ob auch
=Hyde Parker= die Absicht des Flottenchefs nicht verstanden habe.
=Rodney= griff mit dem Flaggschiff etwas nach 1 Uhr in nächster Nähe
an. Er war auf das zweite Schiff (64 Kanonen) hinter dem feindlichen
Flaggschiffe gestoßen, trieb dies aus der Linie und ebenso das
folgende, das die Lücken schließen wollte (Plan, Lage 2). Wohl während
des Kampfes den Weichenden etwas nachdrängend, sah er sich plötzlich um
2-1/2 Uhr in Lee der feindlichen Linie und deren Flaggschiff zu Luward;
er rief seine beiden Vordermänner zur Unterstützung näher heran.
So wurde der Kampf an dieser Stelle ziemlich heiß, und =Guichen= gewann
den Eindruck, daß =Rodney= hier durchbrechen wolle. Dies ist indes kaum
anzunehmen, da die Engländer bisher nicht viel vom Doublieren hielten;
Rodney war wohl nur durch Zufall nach Lee geraten. Guichen gab deshalb
gegen 4 Uhr den Befehl, mit allen Schiffen zugleich zu halsen, um den
Durchbruch zu verhindern und weiter in Lee aufs neue Stellung zu
nehmen. Da das Manöver ziemlich viel Raum erforderte, faßte =Rodney= es
als Rückzug auf, er folgte aber nicht, wohl weil die Ordnung seiner
Linie gestört war und das Flaggschiff sehr gelitten hatte; es hatte
Fockmast sowie Großraa verloren und 80 Schüsse in den Rumpf erhalten,
von diesen 3 unter Wasser, so daß es während der nächsten 24 Stunden
nur mit Mühe flott erhalten werden konnte. Der Kampf fand um 4-1/4 Uhr
nachmittags sein Ende und die Flotten trennten sich.
=Die Verluste= bezifferten sich englischerseits auf 120 Tote und 354
Verwundete, französischerseits auf 222 bzw. 537. Die englischen Schiffe
waren in der Takelage wesentlich mehr beschädigt als die französischen.
Soweit die Schilderung, die besonders auf englischen Angaben, Berichten
und Auslassungen =Rodneys= beruht, da die französischen sehr dürftig
sind. =Rodney= erklärte später, diese Schlacht sei die beste
Gelegenheit seines Lebens für einen großen Schlag gewesen; sein Plan
würde Erfolg gehabt haben, wenn er richtig durchgeführt worden wäre. Er
war mit seinen Untergebenen sehr unzufrieden und lobte nur 5
Kommandanten: seinen Flaggkapitän, die Führer der drei Vorhutschiffe
und einen Kommandanten der Nachhut, der wie er selber nahe an den Feind
herangegangen war. Dem Führer des Spitzenschiffes sowie dem Admiral
=Hyde Parker= warf er die bereits hervorgehobenen Fehler vor, allen
übrigen, daß sie ihre Schiffe nicht scharf genug ins Gefecht gebracht
hätten. Auch Admiral =Rowley= traf sein Vorwurf, die Signale nicht
genau befolgt zu haben.
Dies verhielt sich so: dem Schiffe der Nachhut, das dicht herangegangen
war, hatte beim Aufdrehen zum Kampfe das Ruder versagt und es war über
den falschen Bug zum Gefecht gekommen. Als darauf einige Franzosen
wendeten, tat =Rowley= das gleiche. (Alle diese Schiffe legten sich
übrigens bald wieder über Backbordbug.) Hierin sah Rodney einen Fehler,
Rowley wandte aber ganz richtig dagegen ein, daß er mit seinem Manöver
der Weisung entsprochen habe, wonach der Hauptangriff auf den hinteren
Teil der feindlichen Linie gerichtet werden sollte. Rodneys Darlegungen
wurden zwar nicht veröffentlicht, aber doch durch Privatbriefe und
Gespräche bekannt. Der Kommandant des Spitzenschiffes, Kapitän
=Carkett=, schrieb daraufhin an den Admiral, und dessen Antworten geben
neben seinen Berichten genauen Aufschluß über seine Absicht; man
ersieht aus ihnen auch, daß eben Mangel an Verständnis im englischen
Offizierkorps den Plan des Admirals vereitelte. (Vgl. Clowes III, Seite
460 ff.)
Nach der Schlacht segelte =Guichen= nach Guadeloupe, um Verwundete und
Kranke auszuschiffen. =Rodney= besserte auf See notdürftig aus und folgte
dann dem Gegner, um sich zwischen ihm und Martinique zu halten, war aber
bald genötigt, bei Sta. Lucia zu ankern, da er Wasser nehmen mußte. Er
verlor jedoch die Absicht, die Rückkehr der Franzosen nach Fort Royal,
ihrem besten Hafen und Ausrüstungsplatze, zu hindern, nicht aus dem Auge.
Er ließ Fregatten östlich sowie westlich von Martinique kreuzen und
erhielt so rechtzeitig Nachricht, sobald der Feind sich rührte. =Guichen=
verließ an einem der ersten Maitage Guadeloupe und steuerte östlich von
Martinique zu einem neuen Versuche gegen Sta. Lucia südlich.
=De Bouillé= hatte sich mit einem Teile der Landungstruppen auf Fregatten
eingeschifft, die der Flotte um einige Stunden voraussegelten, als er
jedoch am 9. Mai in der Straße zwischen Martinique und Sta. Lucia ankam,
sah er die englischen Schiffe schon aus der Gros-Islet-Bucht
herauskommen. So traten sich die beiden Flotten südöstlich der
erstgenannten Insel wiederum entgegen und manövrierten dann, beide mit
großem Geschick, 10 Tage lang in Sicht voneinander. Franzosen wie
Engländer behaupten eine Schlacht gesucht zu haben, aber der Gegner sei
ausgewichen oder habe günstige Gelegenheiten zum Angriff nicht benutzt.
Ein vorurteilsfreier Vergleich zeigt, daß beide hiermit nur bedingt recht
haben, am meisten noch die Engländer. Da die Franzosen während der ganzen
Zeit (eine Stunde am 15. Mai ausgenommen) die Luvstellung in dem
regelmäßig wehenden Passat innehatten, ist ihre Behauptung unhaltbar, es
sei unmöglich gewesen, den Feind zur Schlacht zu bringen, denn die Flucht
hat dieser nie ergriffen. =Guichen= ging häufig, gewöhnlich wenn
nachmittags der Passat am stetigsten wehte, näher an die Engländer heran,
nahm aber den Nahkampf nie auf; wahrscheinlich wollte er, wie üblich,
seine Flotte schonen und rechnete damit, dem Feinde nach und nach oder
bei ganz besonders günstiger Gelegenheit Abbruch zu tun. =Rodney= nahm
den auf weitere Entfernung angebotenen Kampf nie auf, um seine Munition
nicht zu verschleudern, auch wollte er wohl nach englischem Brauch nur
aus der Luvstellung fechten; er suchte also diese zu erreichen, wobei er
gleichzeitig den Feind sowohl von dessen Stützpunkt wie auch von seinem
Angriffsobjekt abdrängte. Beide Male aber, als die Umstände ihm eine
Gelegenheit zum Angriff boten, benutzte er sie auch; man kann mithin
nicht sagen, daß er jedem Zusammenstoß grundsätzlich ausgewichen sei.