ungünstig. =D'Estaing= segelte mit den 12 Linienschiffen, die er 1778
aus Toulon geführt hatte, nach Brest. Der Sturm sprengte sie aber
derart auseinander, daß der Admiral nur mit 2 Schiffen am 7. Dezember
dort ankam; zwei trafen am 9. ein, vier gingen über Cadiz nach Toulon,
zwei erreichten Rochefort und eins Lorient, ein Schiff endlich lief
beschädigt in Havanna ein. =De Grasse= war mit 7 Schiffen nach Haiti
bestimmt, sollte aber vorher die Chesapeakebucht behufs
Verproviantierung anlaufen. Diese Schiffe gingen aber fast alle
geradeswegs nach Westindien; vier erreichten vereinzelt Anfang Dezember
Martinique, zwei trafen über Cap Français später dort ein. Nur eins war
zur Chesapeakebucht gesegelt und kam dann im Januar in Fort Royal an;
es wurde von der Höhe Haitis an durch Engländer gejagt. =La
Motte-Picquet= war mit 3 Schiffen nach Martinique bestimmt gewesen;
diese ankerten dort einzeln zwischen dem 20. und 27. November. Die nach
Westindien bestimmten Geschwader hatten die von den Inseln
mitgenommenen Truppen (2-3000 Mann) an Bord; 4 Fregatten mit Soldaten
fielen, wie wir schon hörten, am 21. Dezember dem englischen Admiral
=Rowley= in die Hände.
So endete auch das letzte Unternehmen =d'Estaings= kläglich; der einzige
unmittelbare Erfolg war die Wegnahme einiger Kriegs- und Handelsfahrzeuge
vor Savannah. Aber es brachte doch =einen strategischen Vorteil=: das
Aufgeben der wichtigen Narragansettbucht seitens der Engländer. Auf die
Nachricht hin, daß die französische Flotte von Westindien zur
amerikanischen Küste unterwegs sei, räumte =Clinton= fluchtartig unter
Zurücklassen von Geschützen und Material Rhode-Island; durch die
Expedition nach Georgien geschwächt, fürchtete er, die Stellung nicht
halten zu können. Schon 1780 landeten die Franzosen in diesem »besten
Hafen und Flottenstützpunkt an der nordamerikanischen Küste« (Ausspruch
des Admirals =Rodney=) ein Hilfskorps.
$Rückblick auf den Krieg in Westindien 1778/79.$ Beide Gegner waren auf
diesem Schauplatz bei Ausbruch des Krieges kaum vorbereitet, aber beide
hatten dort tüchtige Männer an der Spitze. Der französische Gouverneur
der Kleinen Antillen, =Bouillé=, erhielt Befehl, sich der Insel Dominica
bei günstiger Gelegenheit zu bemächtigen, und tat dies sofort im August
1778. Der englische Admiral =Barrington= machte den Verlust durch die
Eroberung Sta. Lucias wett. Beide Inseln waren zwar gut befestigt, aber
nur schwach besetzt gewesen. Bei Sta. Lucia fällt dies auf, denn die
Franzosen hätten leicht die Garnison verstärken können, wenn sie von der
Einnahme Dominicas absahen. So gab es nur einen Austausch, bei dem aber
wohl die Engländer gewannen.
Eine gute französische Quelle (Chevalier) sagt: »Die französische
Regierung habe besonderen Wert auf die Erwerbung Dominicas gelegt, weil
diese Insel zwischen Martinique und Guadeloupe lag, so den
französischen Besitz abrundete und auch leichter zu verteidigen war.
Die Regierung sei ferner überzeugt gewesen, daß England beim
Friedensschluß alles daran setzen würde, Sta. Lucia zu erhalten, und
daß dann leicht eine Einigung erzielt werden könne, wenn man jetzt die
eine Insel nähme, die andere dem Gegner überließe; jede Partei würde
beim Friedensschlusse eben behalten, was sie schon besäße.« Von großem
Selbstbewußtsein zeugt diese Auffassung nicht, aber wir wissen, daß
Frankreich im Anfange des Krieges noch nicht die Absicht hatte, in
Westindien Eroberungen zu machen.
Durch die Ankunft =d'Estaings= wurden die Franzosen dann weit überlegen,
und dieser Admiral hätte Sta. Lucia wieder gewinnen können. Der Versuch
mißlang infolge seiner falschen und wechselnden Maßnahmen, die wiederum
durch seine Neigung bedingt waren, den Wert der Seegeltung zu
unterschätzen und das Hauptgewicht auf die Verwendung der
Landstreitkräfte zu legen. Er hätte durch Vernichtung des schwachen
englischen Geschwaders die Seeherrschaft erringen müssen, dann wäre auch
die Insel gefallen. So machte er nur einen schwächlichen Versuch hierzu,
und gab auch diesen auf, als er von der bevorstehenden Ankunft =Byrons=
hörte. Es ist kennzeichnend für =d'Estaing=, daß er als Oberbefehlshaber
einer großen Flotte die Operationen am Lande selber leitete und den
Angriff hier wie bei späteren Gelegenheiten sogar in Person führte; er
war eben in erster Linie Landsoldat, allerdings ein tüchtiger und
wagemutiger.
Wir wissen, daß die Seeoffiziere bei der Bedrohung von New York und
Newport 1778 nicht auf ein kräftigeres Einsetzen der Flotte drangen.
Hier in Westindien war es anders. =Kapitän Suffren= stellte dem Admiral
in einer mit großem militärischen Takte verfaßten Denkschrift
(eingehend in Chevalier II, Seite 130, und Lacour II, Seite 187) vor,
wie unrichtig und gefährlich die Landung sei. Mit der Vernichtung der
englischen Schiffe erreiche man den Fall der Insel sicherer, so aber
setze man die Flotte durch Entfernung des Chefs und Schwächung der
Besatzungen einer großen Gefahr aus, falls die englischen
Seestreitkräfte Verstärkung erhielten. -- Diesen Rat, sowie den anderer
erfahrener Seeoffiziere ließ =d'Estaing= außer acht, aber doch gab er
wohl den Angriff am Lande nur aus Besorgnis um die Flotte so schnell
wieder auf.
Mit dem Erscheinen =Byrons= (Januar 1779) wurden die Seestreitkräfte der
Gegner nahezu gleich, und die Engländer konnten ihren Besitz von Sta.
Lucia als gesichert ansehen. Bald aber wurde der englische Admiral durch
die Deckung des nach Europa bestimmten Konvois in Anspruch genommen, eine
Verpflichtung, die häufig an die Flottenchefs jener Zeit, besonders die
englischen, herantrat und sie von ihren rein militärischen Aufgaben
abzog; Byron mußte seine ganze Flotte dazu verwenden, denn bei der Stärke
der feindlichen Seemacht würde die Abzweigung eines Teiles diesen oder
den Rest gefährdet haben. Die günstige Gelegenheit benutzte =d'Estaing=
zur Wegnahme St. Vincents und Grenadas, und =Byrons= Rückkehr zum Entsatz
führte zur Schlacht bei Grenada, die für die Seeherrschaft hätte
entscheidend werden können. Der englische Admiral verlor aber seine
Aussichten auf Erfolg durch unvorsichtigen Angriff und der französische
nutzte weder in der Schlacht die Fehler, noch nach derselben die
erreichte Schwächung des Gegners aus. =D'Estaing= verließ dann
Westindien. Hierbei folgte er allerdings teilweise einem Befehle, er
verstieß jedoch gegen diesen dadurch, daß er mit der ganzen Flotte
absegelte und so dem Feinde die See völlig freigab. Man sollte fast
glauben, daß er sich zu dem Plane eines Zusammenwirkens mit Lincoln oder
Washington in Nordamerika durch seine Vorliebe für Landunternehmungen
bestimmen ließ, um so mehr, als er dort mit englischen Seestreitkräften
kaum zu rechnen hatte. Vor Savannah erwies er sich zwar als mutiger
Landsoldat, ließ aber bald die Sache aus Besorgnis um die Flotte fallen.
=Frankreich= hat für den Krieg in Westindien eine starke Macht
aufgeboten, was um so bemerkenswerter ist, als es für das Jahr 1779 auch
in den europäischen Gewässern ein großes Unternehmen, einen Einfall in
England, plante. Aber der ganze =Erfolg in Westindien= bestand in der
Eroberung einiger Inseln, die mit Ausnahme Dominicas von geringer
Bedeutung waren; dafür hatte man das strategisch wichtige Sta. Lucia
geopfert.
Der Vorwurf für den Mißerfolg der beiden Jahre in Nordamerika und
Westindien trifft =d'Estaing=, der auch selber in Briefen und Berichten
seinem Grame darüber Ausdruck gibt. Ältere französische Quellen
behaupten, er sei von seinen Untergebenen nicht genügend unterstützt
worden, neuere widersprechen dem und äußern sogar, dieser Grund sei in
Frankreich bei Mißerfolgen stets angeführt; bekannt ist, wie man dort
in ähnlichen Lagen häufig sogar die Anschuldigung des »Verrates«
findet. Hiergegen spricht auch, daß der Admiral stets günstig über
Offiziere sowie Mannschaften berichtet und von den ersteren mehrere zur
Auszeichnung oder Beförderung eingegeben hat. Richtiger ist wohl ein
Ausspruch anderer Autoren: »Man hätte dem tüchtigen Soldaten eine große
Laufbahn im Heere sichern, ihn aber nicht gleich mit einem hohen Range
in der Marine anstellen sollen; für wichtige Aufgaben geeignete
Seeoffiziere waren genügend vorhanden.« Es wird versucht, den Fehler
der Regierung dadurch zu entschuldigen, daß sie der öffentlichen
Meinung zuliebe gehandelt habe; nach den Mißerfolgen des letzten
Krieges seien Stimmen laut geworden, die eine Auffrischung des
Seeoffizierkorps durch bewährte Landoffiziere befürworteten.
=Ein wichtiger Erfolg=, den =d'Estaing= durch seinen Zug nach Savannah
und die Bedrohung der Engländer an der amerikanischen Küste errang, war
die Räumung der Narragansettbucht durch diese; nach =Rodney= »der größte
Fehler, den England begehen konnte«. Kapitän =Mahan= sagt (Clowes Band
III, Seite 442) in Erweiterung seines Ausspruches (vgl. Seite 269) über
den strategischen Fehler, den England durch die Eröffnung des Krieges in
den Südstaaten gemacht habe, »der Fall von Savannah würde ein Glück für
England gewesen sein, da man dann die Unternehmungen dort wohl aufgegeben
hätte.« So aber bestärkte die leichte Abwehr der Gefahr den General
Clinton in seinen Plänen; sobald die Abfahrt der französischen Flotte
sicher war, ging er im Dezember 1779 persönlich mit Admiral =Arbuthnot=
zur Eroberung Charlestons von New York in See.
$Westafrika.$ Im Zusammenhang mit Westindien muß ein französischer
Vorstoß erwähnt werden, den der =Marquis de Vaudreuil= 1779 auf seiner
Fahrt zu =d'Estaing= hier ausführte. Er verließ am 25. Dezember 1778 mit
2 Linienschiffen, 2 Fregatten und 3 Korvetten Frankreich; auf einigen
Transportern waren Truppen unter dem =Herzog von Lauzun=, einem beliebten
Hofmann, aber tüchtigen Soldaten, eingeschifft. Am 30. Januar 1779 wurde
die englische Besitzung St. Louis am Senegal zur Übergabe gezwungen. Die
Fregatten bemächtigten sich dann der Kontore am Gambia, an der
Sierra-Leone -- sowie an der Guineaküste bis zum Voltaflusse. =Vaudreuil=
segelte mit dem Geschwader am 5. März nach Westindien weiter, =Lauzun=
sicherte die Eroberungen und kehrte dann nach Frankreich zurück.
Der Krieg in den europäischen Gewässern 1779/80.
$Im Jahre 1779$ wurde die Lage Englands sehr ernst, denn am 12. April
schlossen Frankreich und Spanien ein Bündnis ab. In diesem wurde eine
gemeinsame Kriegführung für das laufende Jahr vereinbart, die eine
unmittelbare Bedrohung Englands vorsah. Es ist bereits erwähnt (Seite
214), daß schon unter =Choiseul= eingehende Pläne für einen Einfall in
England ausgearbeitet waren, und mit Ausbruch des neuen Krieges traten
wiederum tüchtige Offiziere mit solchen hervor.
Ein Irländer, =Graf de Wall=, wollte in Irland landen und hier eine
Revolution erregen. Oberst =Dumouriez=, Kommandant von Brest (der
spätere Sieger von Jemappes), schlug vor, 12000 Mann auf einer Flotte
von Kriegsschiffen, aber ohne Transporter von Cherbourg nach Wight
hinüberzuwerfen. Ein ehemaliger englischer Seeoffizier und Anhänger der
Stuarts, =Hamilton=, legte mehrere Pläne vor, die verschiedene Punkte
der englischen Küste im Auge hatten. Der schon erwähnte Entwurf des
Grafen =Broglie= und andere mehr wurden wieder erwogen. Hier soll nicht
näher auf sie eingegangen werden. Genaueres findet man in Lacour II,
Seite 233 ff., wo auch der jetzige Plan erörtert ist.
Die französische Regierung, die schon seit 1776 mit Spanien über ein
gemeinsames Vorgehen gegen England verhandelte, prüfte all diese
Vorschläge. Bemerkenswert ist, daß =Broglie= sowie anfangs auch
=Vergennes= nicht für ein gemeinsames Wirken, sondern für gleichzeitiges,
aber getrenntes Vorgehen eintraten; sie wollten damit die umständlichen
Vorverhandlungen sowie die Schwierigkeiten vermeiden, die sich der
Kommandoführung verbündeter Streitkräfte erfahrungsmäßig entgegenstellen.
Sie drangen nicht durch, aber ihre Bedenken erwiesen sich später als
richtig. Zunächst nahmen die Verhandlungen so viel Zeit in Anspruch, daß
der Vertrag erst am 12. April zum Abschluß kam; Spanien, dem mehr an der
Eroberung Gibraltars und Minorkas gelegen war, wollte anfangs überhaupt
nur Geldmittel beitragen, stellte dann aber doch wenigstens die Hälfte
der gemeinsamen Flotte; auch stimmte man in Madrid für den Angriff auf
Irland. Schließlich einigte man sich dahin, daß eine den englischen
Streitkräften in den europäischen Gewässern überlegene Flotte
gemeinschaftlich versammelt werden sollte und daß Frankreich ein Heer
aufzustellen habe, um es auf Wight oder bei Portsmouth zu landen.
Frankreich trieb zur Eile, um die versäumte Zeit wieder einzubringen, und
nun wurde in beiden Ländern lebhaft gerüstet; Spanien war darin noch so
weit zurück, daß es seine Kriegserklärung bis zum 16. Juni hinausschieben
mußte, aber auch Frankreich wurde erst spät fertig.
=Die Rüstungen= waren allerdings sehr umfangreich. Jeder Staat bestimmte
für die gemeinsame Flotte etwa 36 Linienschiffe; dabei hatte Frankreich
mit den kürzlich nachgesandten Verstärkungen über 25 solcher in
Westindien sowie einige in Toulon, und auch von Spanien war im März eine
größere Zahl (16?) nach den Antillen sowie Mittelamerika gesandt. Man
nahm an, mit über 60 Schiffen der feindlichen Flotte sehr überlegen zu
sein und schätzte diese ganz richtig auf etwa 40 Linienschiffe. Obgleich
in England für 1779 reiche Geldmittel -- 4-1/2 Millionen Lstrl.,
einschließlich der Neubauten -- sowie 70000 Mann (einschließlich 17500
Seesoldaten) für die Marine bewilligt waren, standen für die heimischen
Gewässer nur 43 Linienschiffe zur Verfügung, denn auch von hier waren im
Winter und Frühjahr Verstärkungen nach den auswärtigen Stationen
abgegangen, und andere Schiffe befanden sich als Konvoibegleiter oder als
vereinzelte Ablösungen unterwegs; insgesamt hatte England etwa 93
Linienschiffe im Dienst (vgl. Tabelle Seite 224).
Frankreich zog bei St. Malo und bei Havre je 20000 Mann sowie die nötigen
Transporter zusammen. Das Heer stand unter dem =General Graf de Vaux=,
der am 21. Juni =seine Instruktion= erhielt. Nach dieser sollten sich die
beiden Transportflotten bei Cherbourg vereinigen und dann bei Gosport,
Portsmouth gegenüber, die Truppen landen; wenn dies nicht ausführbar sei,
solle die Insel Wight besetzt, hier ein befestigtes Lager für 10 000 Mann
eingerichtet werden, das Gros des Heeres nach Übereinkunft mit dem Chef
der Seemacht eine Landung an geeigneter Stelle der Küste zwischen Wight
und Bristol versuchen. Den Oberbefehl über die gemeinsame Flotte erhielt
=Lieutenant-Général Comte d'Orvilliers= und als Treffpunkt wurde die
Insel Sisargas, westlich von Coruña bestimmt; schon bei Abschluß des
Vertrages hatte Frankreich verlangt, die Vereinigung müsse so frühzeitig
stattfinden, daß noch mindestens 14 Tage vor Beginn der Operationen zur
Verfügung ständen, um die Ordre de Bataille aufzustellen sowie Übungen
vorzunehmen. Ende Mai hielt man es in Versailles für die höchste Zeit,
der eigenen Flotte den Befehl zum Auslaufen zu geben, damit sie nicht in
Brest vom Gegner blockiert werde; da Spanien am 16. Juni den Krieg
erklärte, durfte man annehmen, daß dieses gleichfalls bereit sei. So
begannen im Juni die Bewegungen der großen Flotten, denn auch die
englische zeigte sich in See; nach Keppels Rücktritt hatte =Admiral Sir
Charles Hardy= den Oberbefehl erhalten.
In den ersten Monaten des Jahres fanden nur =kleine Zusammenstöße=
zwischen einzelnen Schiffen oder kleineren Gruppen statt, wenn solche
sich bei Ausübung des Handelskrieges oder bei Erkundungen begegneten.
Hervorzuheben ist ein Versuch der Franzosen, sich der =Kanalinseln= zu
bemächtigen. Am 21. April sollte eine Flottille kleinerer Kriegsschiffe
Fischerfahrzeuge mit 1500 Mann von St. Malo nach Jersey führen.
Stürmischer Wind trieb sie zurück und ein Landungsversuch am 1. Mai
scheiterte gleichfalls an den Wetterverhältnissen sowie am Widerstande
der Engländer. Am 11. erschienen die Franzosen nochmals; jetzt waren
aber überlegene englische Seestreitkräfte herangekommen, die nicht nur
den Angriff zurückwiesen, sondern sogar die französischen Schiffe in
der Cancalebucht fast sämtlich vernichteten. -- Über die in diese Zeit
fallenden kühnen Unternehmen des amerikanischen Freibeuterführers =Paul
Jones= soll beim »Kleinen Kriege« berichtet werden.
Hervorzuheben ist, daß die französische Regierung an sämtliche
Kriegsschiffe Befehl erließ, die unter Kapitän =James Cook= auf einer
Entdeckungsfahrt befindlichen Schiffe als befreundet zu behandeln, da
ihre Tätigkeit allen Völkern zum Nutzen gereiche.
$Die französisch-spanische Flotte an der englischen Küste 1779[144].$
=D'Orvilliers= ging am 4. Juni mit 28 Linienschiffen von Brest nach
Sisargas in See, 2 folgten etwas später. Als der Befehl zum Auslaufen
eintraf, fehlten der Flotte noch 4000 Seeleute, an deren Stelle der
Admiral die Matrosen anderer Schiffe in Brest sowie 2000 Soldaten an Bord
nahm. Am 11. Juni traf er an der verabredeten Stelle ein, aber erst gegen
Ende des Monats stießen 8 Spanier von Coruña zu ihm. Um diese Zeit trat
auf der französischen Flotte eine Epidemie auf, die schnell um sich
griff. Mitte Juli zählte man 500 Kranke am Lande in Coruña und 2000
Dienstunbrauchbare an Bord. Am 23. Juli endlich traf der spanische
Oberbefehlshaber =Generalleutnant Don Luis de Cordoba= mit 28
Linienschiffen ein, aber es stellte sich heraus, daß man diesem erst ganz
kürzlich von Paris ein französisches Signalbuch nach Cadiz gesandt habe;
zur Übersetzung war jetzt keine Zeit mehr, und man mußte notdürftig ein
gemeinsames Signalsystem zusammenstellen. Hiermit sowie mit Anordnung der
Ordre de Bataille gingen mehrere Tage hin. Erst am 30. Juli konnte die
Flotte den Marsch nach dem Norden antreten; sieben günstige Sommerwochen
waren seit der Ankunft der französischen Schiffe verloren und die Hälfte
ihrer Wasser- und Proviantvorräte war verbraucht. =D'Orvilliers= suchte
in Paris darum nach, ihm Ersatz hierfür sowie Reserveankergeschirr
nachzusenden, da die Flotte voraussichtlich an der englischen Küste wegen
des oft eintretenden Nebels und wegen der Strömungen häufig werde ankern
müssen.
[144] Chevalier II und Lacour II bringen eine genaue, sehr
unparteiische Beurteilung dieser erfolglosen Operation.
$Die Ordre de Bataille.$ =Das französische Kontingent= zählte: 2
Schiffe zu 110 und 114 Kanonen, 4 zu 80, 14 zu 74, 10 zu 64; =das
spanische=: 1 Schiff zu 120, 6 zu 80, 23 zu 74, 2 zu 70, 4 zu 60. Diese
66 Linienschiffe waren eingeteilt in: 1. Die Hauptflotte unter
=d'Orvilliers=; 3 Geschwader zu je 9 französischen und 6 spanischen
Schiffen. 2. Das Beobachtungsgeschwader, 16 spanische Schiffe unter
=Cordoba=. 3. Das leichte Geschwader, 3 Franzosen und 2 Spanier unter
Lieutenant-Général =de Latouche=. Etwa 14 Fregatten und Korvetten sowie
9 Brander und Mörserboote waren auf die Geschwader verteilt; ein
Hospitalschiff und einige Flüten mit Material folgten der Flotte. Die
Segelordnung findet man in Lacour II, Seite 261; die Namen der Schiffe,
auch die der englischen, führt Campbell Band V, Seite 466 an.
Admiral =Hardy=[145] ging am 16. Juni von Portsmouth mit dem Befehle in
See, zwischen 25 und 50 Seemeilen südwestlich der Scilly-Inseln zu
kreuzen. Er führte 35 Linienschiffe der Kanalflotte -- 9 zu 90-100
Kanonen, 22 zu 74, 4 zu 64 --, 7 Fregatten, 6 Brander und einige kleinere
Fahrzeuge; der Rest der Kanalflotte, etwa 8 Linienschiffe, befand sich in
den Haupthäfen oder kreuzte an der französischen Kanalküste.
[145] =Sir Charles Hardy=, geboren um 1716, in die Marine eingetreten
1731, wurde 1737 Leutnant, 1741 Kapitän, 1755 Gouverneur von New
York, 1756 Kontre-, 1762 Vizeadmiral, 1770 Admiral. Er nahm teil
an den drei Kriegen seiner Zeit. Im Siebenjährigen diente er mit
Auszeichnung 1757/58 an der nordamerikanischen Küste (unter
Boscawen vor Louisbourg), 1761/62 an der französischen (unter
Hawke bei Quiberon); er starb 1780.
Es ist unverständlich, weshalb England nicht rechtzeitig die französische
Flotte in Brest blockiert und so die Vereinigung der Gegner verhindert
hat, da doch Spaniens Eintreten in den Krieg seit Monaten vorauszusehen
war. Es hätte selbst später noch die eigene Flotte hinter der
französischen her zur spanischen Küste senden können; wie die Sache lag,
würde sie dort wochenlang die Überlegenheit besessen haben. Dieser zweite
Fehler ist allerdings verzeihlich, da die Regierung unter dem Druck der
öffentlichen Meinung die englische Küste und den Kanaleingang nicht
entblößen durfte; mit der Blockade von Brest wäre aber auch der Kanal
gedeckt gewesen. England konnte von Glück sagen, daß die französische
Flotte sich nicht vor den Kanal gelegt hatte, um die spanische zu
erwarten, dort hätte sie wahrscheinlich große Handelsflotten abgefangen,
die zurückerwartet wurden; so erreichten ein Konvoi von den Antillen,
einer von Jamaika (gegen 200 Fahrzeuge) und 8 große Ostindienfahrer
unbehelligt die Häfen Englands und Schottlands.
$Die Furcht vor einer Invasion$ war in England wieder einmal sehr groß,
doch diesmal wohl berechtigter als je zuvor. Am 9. Juli befahl die
Regierung, beim Drohen einer feindlichen Landung alle Pferde und
sämtliches Schlachtvieh ins Innere zu treiben; der Hafen von Plymouth
ward durch eine Balkensperre geschützt und Schiffe zum Versenken bereit
gehalten; große Besorgnis herrschte für die zurückerwarteten Konvois.
Viele Einwohner flüchteten von der Küste; man erzählt, daß bei einem
Gottesdienste in einem Küstenorte plötzlich eine Panik ausgebrochen sei
und alle Teilnehmer bis auf den Pfarrer sowie den Bezirksgeneral nebst
seinen Offizieren und Soldaten aus der Kirche geflohen seien. Die
Militärs hielten die Lage indessen nicht für bedrohlich, und so konnte
noch der später als Stratege berühmte Admiral =Jervis=, der beim
Erscheinen der Verbündeten ein Schiff der Kanalflotte befehligte,
seiner Schwester schreiben: »Es sei demütigend für England, daß der
Feind den Kanal beherrsche, aber über den Gedanken an eine Invasion
müsse er lachen.«
Die Flotte der Verbündeten fand auf ihrer Fahrt das schönste Wetter und
hätte südwestlich von Ouessant, wo sie mehrere Tage durch Gegenwind
aufgehalten wurde, die erbetenen Vorräte übernehmen können; man sandte
aber nur einige Fahrzeuge mit Reserverundhölzern und vertröstete sie
sonst auf spätere Zeit im Kanal. Am 11. August passierte sie Ouessant, am
14. Lizard und erschien am 17. vor Plymouth, wo ihr ein englisches
Linienschiff in die Hände fiel, das sie für Engländer gehalten hatte. Die
beiden großen Flotten hatten sich nicht gesichtet und wußten auch nichts
weiter voneinander.