Windstille unter Land nicht näher herankommen konnten, aber auf eine
günstige Gelegenheit hierzu war mit Sicherheit früher oder später zu
rechnen. Trotzdem entschied sich =d'Estaing=, die englische Stellung zu
Lande anzugreifen. Er ankerte in einer Bucht nördlich von Le Carenage,
schiffte die Landtruppen sowie etwa 4000 Mann der Flotte aus und
marschierte am 18. gegen La Vierge. Da aber der Hügel mit dem Fort auf
dem Ende einer niederen Landzunge lag, gerieten die Franzosen in ein
vernichtendes Feuer, und drei durch d'Estaing und de Bouillé persönlich
geführte, mit größtem Mute unternommene Angriffe wurden unter Verlust
von 41 Offizieren und 800 Mann an Toten und Verwundeten abgeschlagen.
Noch am Abend des 18. schiffte man sich wieder ein. Der Admiral zog nun
doch den Angriff des englischen Geschwaders in Betracht. Er ließ durch
eine Fregatte vor dem Cul de Sac die Windverhältnisse beobachten, und
als diese am 24. günstig erschienen, lichtete er Anker. =Barrington=
hatte aber die Frist benutzt, seine Schiffe weiter in die Bucht zu
legen, wohin die Seebrise seltener kam und wo er noch sicherer vor
Umgehung der Flügel war; auch die Zahl der Batterien am Lande war
vermehrt. =D'Estaing= erachtete jetzt wohl die feindliche Stellung für
zu stark oder den Tag zu weit vorgeschritten und nahm den alten
Ankerplatz wieder ein. Als er hier am 28. Dezember erfuhr, daß =Byron=
mit seiner Flotte in Westindien erwartet würde, gab er das Unternehmen
gegen Sta. Lucia vorläufig auf.
=D'Estaing= segelte am 29. Dezember nach Martinique zurück und am 30.
unterzeichnete der französische Gouverneur die Übergabe von Sta. Lucia.
Die Insel blieb während des Krieges englischer Besitz und bewährte 1782
ihre strategische Wichtigkeit; von ihr aus beobachtete =Rodney= die
französische Flotte vor seinem großen Siege.
$D'Estaing erobert St. Martin, St. Barthélemy, St. Vincent und Grenada
1779.$ Die ersten Monate des Jahres verliefen ohne größere Ereignisse,
obgleich die Seestreitkräfte auf beiden Seiten ansehnlich verstärkt
wurden. Am 6. Januar traf =Vizeadmiral John Byron=[143] mit 10
Linienschiffen von Nordamerika in Sta. Lucia ein und übernahm den
Oberbefehl; in der zweiten Hälfte des Februar führte ihm Kontreadmiral
=Joshua Rowley=, der im Dezember England mit einem Konvoi Kauffahrer
verlassen hatte, noch 7 Linienschiffe zu. Zu d'Estaings Flotte stieß am
12. Februar mit 4 Linienschiffen der Chef d'Escadre =Comte de Grasse=,
der am 14. Januar von Brest abgesegelt war. Die Gegner waren zu dieser
Zeit also annähernd gleich stark. Vorher hatte =d'Estaing= einen Erfolg
gehabt. Am 11. Januar war er aufs neue vor Sta. Lucia erschienen, als
aber seine Fregatten dort 15 Linienschiffe zählten und damit die Ankunft
Byrons feststellten, ging er nach Martinique zurück, doch ließ er $St.
Martin und St. Barthélemy$ durch kleine Schiffe überrumpeln. Am 26. April
traf eine neue französische Verstärkung von 2 Linienschiffen, 2 Fregatten
sowie 3 Korvetten unter dem Chef d'Escadre =Marquis de Vaudreuil= ein;
diese Division hatte schon im Dezember Brest verlassen, aber zunächst
einen Vorstoß gegen die englischen Besitzungen in Westafrika gemacht.
[143] =John Byron=, der Großvater des Dichters Lord Byron, geboren
1723, machte als Midshipman auf der Fregatte »Wager« =Ansons=
Weltumsegelung mit, litt aber schon 1741 in der Magelhaenstraße
Schiffbruch und geriet bis 1745 in spanische
Kriegsgefangenschaft; 1746 war er Kapitän. Im Siebenjährigen
Kriege schleifte er 1760 als Befehlshaber eines kleinen
Geschwaders die Befestigungen von Louisbourg und brachte
Freibeuter im Lorenzgolf auf, 1761 nahm er teil an der Expedition
gegen Belle-Ile. Von 1764 bis 1766 leitete er die Erdumsegelung
zweier Schiffe besonders zum Zweck der Erforschung der Südsee,
die aber wenig Ergebnis hatte. Er wurde 1775 Kontreadmiral, 1780
Vizeadmiral der blauen Flagge. In der Schlacht bei Grenada erwarb
er keinen Ruhm und ging wieder nach Nordamerika. Er war ein
tüchtiger Seemann, aber kein Flottenchef, auch kein bedeutender
Entdecker und wurde später nicht mehr verwendet. 1780 ward er
Vizeadmiral der weißen Flagge und starb 1786. Über seine
Weltumsegelung vgl. Clowes Band IV, Seite 117.
Auch =Byron= war im Januar vor Fort Royal erschienen, um den Feind
herauszulocken und ließ dann gegen französische Verstärkungen kreuzen;
beides ohne Erfolg. Anfang Juni mußte er Sta. Lucia auf längere Zeit
verlassen. Bei St. Christoffer hatte sich ein großer Konvoi von
Handelsfahrzeugen gesammelt, für dessen sichere Abfahrt er
verantwortlich war; mit Rücksicht auf die große französische Flotte begab
er sich mit sämtlichen Schiffen dorthin.
=D'Estaing= erhielt hiervon Kenntnis und benutzte die Gelegenheit. Am 9.
Juni sandte er 2 Linienschiffe, 2 Fregatten und 6 kleinere Fahrzeuge mit
400 Soldaten gegen $St. Vincent$. Am 17. traf die Expedition bei der
Insel ein und bemächtigte sich leicht der Hauptstadt Kingstown. Wenn auch
die englische Garnison von 7 Kompagnien nicht als schwach gelten konnte,
so mußte doch der Gouverneur mit den Eingeborenen rechnen, die den
Engländern feindlich gesinnt waren, und den Franzosen ihre Hilfe
angeboten hatten. Am 27. Juni stieß nun noch eine dritte Verstärkung zur
französischen Flotte, der Chef d'Escadre =La Motte-Picquet=, der am 1.
Mai mit 4 Linienschiffen, einem 50-Kanonenschiffe, 3 Fregatten und einem
großen Konvoi von Transportern (Zufuhren für die Flotte und die Inseln)
sowie Handelsschiffen Frankreich verlassen hatte. =D'Estaing= hielt sich
jetzt für stark genug, größeres zu unternehmen. Ohne den angekommenen
Schiffen nach der langen Reise Ruhe zu gönnen, ging er schon am 30.
Januar mit seiner ganzen Flotte von 24 Linienschiffen in See, um den
Hauptstützpunkt der Engländer, Barbados, anzugreifen; er hoffte, daß dann
auch Sta. Lucia fallen würde. Da jedoch der Wind für den Kurs nach dieser
Insel ungünstig war, bemächtigte er sich $Grenadas$. Am 2. Juli ankerte
er vor Georgetown, setzte 1200 Mann an Land und nahm, auch hier
persönlich führend, eine die Stadt beherrschende Höhe, nach der sich die
nur etwa 70 Mann starke Garnison zurückgezogen hatte. Am 4. ward die
Insel übergeben, eine Kriegssloop und 30 reichbeladene Kauffahrer fielen
den Franzosen in die Hände.
$Die Schlacht bei Grenada, 6. Juli 1779.$ Aber schon am 5. Juli erhielt
=d'Estaing= die Nachricht, daß die englische Flotte St. Vincent passiert
habe und herankomme. =Byron= war am 6. Juni mit dem Konvoi von St.
Christoffer abgefahren, hatte ihn in Sicherheit gebracht und traf dann am
1. Juli in Sta. Lucia ein. Auf die Nachricht, St. Vincent sei gefallen
und Grenada bedroht, ging er am 3. in See, um diese Insel zu schützen;
von der letzten Verstärkung der Gegner wußte er noch nichts, von der
vorletzten wahrscheinlich nichts Genaues. Am 6. morgens langte er an der
Nordwestspitze Grenadas an und es kam noch am selben Tage zur Schlacht.
$Die französische Flotte$ zählte nach Troude: 2 Schiffe zu 80 Kanonen,
11 zu 74, 7 zu 64, 4 zu 50 und einige Fregatten; $die englische$ nach
Clowes: 1 Schiff zu 90, 11 zu 74, 1 zu 70, 7 zu 64, 1 zu 60, 1 Fregatte
als Signalwiederholer und 26 Transporter mit Truppen sowie
Kriegsmaterial.
Als =d'Estaing= am 5. Juli das Nahen der englischen Flotte erfuhr, blieb
er vor Anker liegen, um nicht bei den nur leichten östlichen Winden durch
die Strömungen nach Lee vertrieben zu werden und so dem Gegner die
Annäherung an die Insel preiszugeben. Erst als dieser am 6. morgens gegen
6 Uhr in Sicht kam, befahl er, die Schlachtlinie beim Winde über
Backbordbug zu bilden; ein Schiff nach dem anderen lichtete Anker und
nahm seinen Platz in der Linie ein. =Barrington= konnte in dem Knäuel der
zu Anker liegenden Schiffe deren Zahl nicht feststellen, wollte die
scheinbare Unordnung zum Angriff ausnutzen, befahl deshalb »allgemeine
Jagd« und richtete diesen Vorstoß besonders auf die noch still liegenden
Schiffe. Seine eigene Flotte befand sich nicht in Gefechtslinie. Drei
Schiffe unter Kontreadmiral =Rowley= waren zur Bedeckung des Konvois
abgezweigt (s. Plan A. a.), da es an Fregatten mangelte; drei Schiffe
standen ziemlich weit in Lee der anderen (b.); auf den Befehl zur Jagd
eilten das Flaggschiff des Vizeadmirals =Barrington=, des Zweiten im
Kommando, nebst zwei anderen der Flotte voraus (c.). Aus diesen Umständen
erwuchsen große Nachteile. Die Voraussegelnden erhielten bei ihrer
Annäherung enfilierendes Feuer von sämtlichen Franzosen, die sich in
Linie setzten, konnten es kaum erwidern und wurden schwer beschädigt. Von
der weiter segelnden französischen Linie, die mit der englischen Flotte
beim Passieren sonst nur auf weite Entfernung Kugeln wechseln konnte,
wurden die drei in Lee stehenden englischen Schiffe sehr mitgenommen
(Plan A. zeigt die Lage gegen 8 Uhr vorm.). Infolge des nur leichten
Windes erreichten =Barringtons= Schiffe die Bucht erst, als auch das
letzte feindliche bereits unter Segel war; sie halsten nun und steuerten
gleichfalls über Backbordbug zu Luward der französischen Linie entlang.
[Illustration: Grenada, 6. Juli 1779.]
=Byron= sah jetzt, daß am Lande schon französische Flaggen wehten, er
also zum Entsatz zu spät komme und vor allem an den Schutz des Konvois
denken müsse. Er ließ seine übrigen Schiffe auf die Barringtons (B. c')
die Gefechtslinie regelrecht einrichten, um sich zwischen den Gegner und
den Konvoi zu legen, und gab Befehl zum Nahgefecht. Die Linie wurde
dadurch schneller gebildet, daß =Rowley= mit seinen drei Schiffen (oder
nur mit zwei derselben?) nicht den voraussegelnden Kameraden folgte,
sondern geradeswegs auf die französische Spitze zu hielt (a.-a'.) und
diese angriff, wobei aber zwei Schiffe arg zusammengeschossen, das eine
bei dem Versuch, sich vor die feindliche Spitze zu legen, fast zum Wrack
wurde. Die in Lee stehenden englischen Schiffe hatten so gelitten, daß
sie das Manöver nicht mitmachen konnten und beinahe bewegungsunfähig nach
Süden trieben (b'.). (Plan B. zeigt die Lage gegen 1 Uhr nachm.)
=D'Estaing= gab nun den Befehl, abzuhalten, um weiter in Lee die Linie
besser zu ordnen, da einige Schiffe außerhalb dieser standen. Er
erwartete dann einen neuen Angriff (C.-C.). =Byron= wagte einen solchen
jedoch nicht, denn sieben oder acht seiner Schiffe hatten schwer gelitten
(a'. b'. c'.), während die Franzosen in der Takelage kaum beschädigt
waren, auch wollte er sich in der Nähe des Konvois halten, der sonst
durch die feindlichen Fregatten gefährdet war; er blieb dicht am Winde
liegen. So endete der Kampf um 1 Uhr nachm. und wurde auch nicht wieder
aufgenommen.
=Der Verlust= der Franzosen bezifferte sich auf 166 Tote und 763
Verwundete, der der Engländer auf 183 Tote und 346 Verwundete; von diesen
fielen zwei Drittel auf die 6 besonders betroffenen Schiffe (b. u. c.).
=D'Estaing= legte gegen 3 Uhr nachm. seine Flotte durch gleichzeitiges
Wenden aller Schiffe über Steuerbordbug (Kurs nach Süden), um in der Nähe
der Insel zu bleiben; =Byron= folgte dem Beispiel, um die im Süden
treibenden Schiffe (b'.) zu decken. Aber die Franzosen ließen diese
unbehelligt entkommen. Das eine rettete sich nach Jamaika, die beiden
anderen steuerten, nochmals von der feindlichen Linie beschossen, nach
Norden, wohin auch das beschädigte Spitzenschiff (a'.) entwich. Während
der Nacht und am anderen Morgen ankerte =d'Estaing= wieder vor
Georgetown, und =Byron= nahm Kurs nach St. Christoffer, wohin er den
Konvoi schon früher beordert hatte. Nur ein oder zwei Transporter fielen
am 7 Juli in die Hände der Franzosen.
$Beurteilung der Schlacht bei Grenada.$ Es war ein =Fehler=, daß von
der =englischen Flotte= drei Schiffe (b.) ausfielen. Bei der
Wahrscheinlichkeit eines plötzlichen Zusammenstoßes mit dem Feinde
mußte die Flotte geschlossen bleiben, und dies bot keine Schwierigkeit,
da sie mit Rücksicht auf den langsamern Konvoi nur mit beschränkter
Geschwindigkeit segeln konnte. Ferner brauchte =Byron= nicht
anzugreifen, ehe die Ordnung hergestellt war. Er hatte frühmorgens die
Luvstellung, konnte fest mit Auffrischen des Windes rechnen und der
Feind mußte sich ihm stellen. Wollte =d'Estaing= einen Kampf unbedingt
vermeiden, so hätte er seine Eroberung und voraussichtlich auch
langsamere Schiffe im Stich lassen müssen. Endlich hat auch wohl
=Barrington= den Befehl zur Jagd zu wörtlich aufgefaßt.
Auch =d'Estaing= werden =Fehler= nachgewiesen, die ihn um einen großen
Erfolg gebracht haben. Schon gegen Ende des ersten Abschnitts der
Schlacht, als er seine Linie gebildet hatte, konnte er durch Wenden im
Kontremarsch und Durchbrechen der lockeren feindlichen Linie einen
entscheidenden Sieg herbeiführen. In seinem Bericht führt er aus, er
habe dies unterlassen, weil andernfalls mehrere seiner Schiffe in Lee
hätten abgeschnitten werden können. Hierauf wurde erwidert, seine Linie
hätte besser sein können, wenn er schon am 5. in See gegangen wäre. Um
Mittag des 6. lag er dann mit 24 kampfbereiten Schiffen 17 oder 18
Engländern gegenüber, von denen einige so beschädigt waren (c'.), daß
die übrigen in Manöver und Fahrt auf sie Rücksicht nehmen mußten;
außerdem hatte =Byron= drei gefechtsunfähige Schiffe im Süden (b'.) und
ein oder zwei (a'.)' im Norden zu schützen. Dies auszunutzen, standen
dem französischen Admiral drei Wege offen. Er konnte vorwärts segeln,
im Kontremarsch wenden, sich zwischen den Gegner und den Konvoi setzen
und seine Fregatten auf letzteren werfen; dies fürchtete =Byron=, wie
er berichtet hat. Er konnte ferner mit allen Schiffen zugleich wenden,
angreifen und so einen Entscheidungskampf herbeiführen. Von beiden
Maßregeln hat ihn wiederum die Rücksicht auf die in Lee stehenden
Schiffe abgehalten. Endlich konnte er, als seine neue Linie (C.-C.)
gebildet war, sofort nach Süden steuern, um die Engländer dort (b'.)
abzuschneiden. Dieses Manöver bot den größten Vorteil. Es hätte den
englischen General bewogen, wie er selbst zugibt, unter gewagten
Umständen, nämlich ohne Rücksicht auf das Mitkommen der beschädigten
Schiffe (c'.), anzugreifen, und die überlegene französische Flotte
hätte leicht zu gleicher Zeit das bewegungslose Schiff im Norden (a'.),
sowie den Konvoi durch die Fregatten angreifen können.
=Suffren=, der keineswegs ein persönlicher Gegner =d'Estaings= war, hat
erklärt: »Wäre des Admirals Seemannschaft seinem Mute gleich gewesen,
so würden wir nicht vier entmastete Schiffe haben entkommen lassen.«
Das Verhalten d'Estaings ist aber auch wohl durch die damals in der
französischen Marine herrschende Ansicht über die Kriegführung zur See
beeinflußt; ein Punkt, auf den wir sogleich und später noch öfter
zurückkommen werden.
=Die Schlacht bei Grenada war ein Sieg der Franzosen=, denn die englische
Flotte wurde durch die Beschädigung einiger Schiffe für längere Zeit
lahmgelegt und die Eroberung Grenadas gesichert, =aber ihr Erfolg wäre
weit größer gewesen=, wenn =d'Estaing= seine Überlegenheit und die Fehler
des Gegners besser ausgenutzt hätte. In dieser Hinsicht ist sie =von
Bedeutung für die Seekriegsgeschichte=. Sie zeigt deutlich die schon
mehrfach erwähnte Neigung der Franzosen in jener Zeit für eine
Defensivtaktik, selbst unter so günstigen Verhältnissen wie hier weichen
sie nicht davon ab. Und gerade die Schlacht bei Grenada erweist den engen
Zusammenhang zwischen diesem Verhalten und der Auffassung über die
strategischen Aufgaben der Seestreitkräfte, wie sie damals bei der
Regierung und bei den Seeoffizieren in Frankreich vorherrschte. Man
begnügte sich mit Aufgaben und Erfolgen in beschränktem Maße, ließ aber
das wichtigste und richtigste Ziel, die Vernichtung der feindlichen
Marine, außer Augen. Bei Grenada sah =d'Estaing= seine Pflicht nur darin,
die Eroberung der Insel sicherzustellen, schonte seine Flotte und
unternahm nichts weiter, obgleich sich Gelegenheit bot, durch schwere
Schädigung der englischen Flotte die Seeherrschaft in den westindischen
Gewässern zu erringen. Ein ähnlich hervorragendes Beispiel gab uns die
Schlacht bei Minorka (1756).
$Ramatuelle$, =ein Seetaktiker= (vgl. Quellenverzeichnis), der in
diesem Kriege diente, zur Zeit Napoleons schrieb und wohl die
herrschende Auffassung wiedergibt, sagt: »Die französische Marine hat
stets den Ruhm, eine Eroberung zu sichern, dem vielleicht glänzenderen,
aber in Wahrheit bedeutungsloseren vorgezogen, einige Schiffe zu
nehmen, und damit hat sie sich mehr dem wahren Ziele genähert, das man
sich in einem Kriege setzen soll. Was würde der Verlust einiger Schiffe
den Engländern bedeutet haben? Der wesentliche Punkt war, sie in ihrem
Besitze, der Quelle ihres Reichtums und ihrer Seemacht, anzugreifen!«
=Ramatuelle= führt als einen Beweis für seinen Ausspruch gerade die
Schlacht von Grenada an. Nun können gewiß Fälle eintreten, wo man
einen augenblicklichen sicheren militärischen Erfolg zugunsten eines
größeren aufgibt, aber wieder gerade bei Grenada trifft dies nicht zu.
An der Erhaltung der kleinen Insel lag wenig, sie wäre mit Erringung
der Seeherrschaft auch gesichert gewesen; diese hätte ferner die
Eroberung weiterer Inseln, sowie die Lahmlegung des englischen Handels
ermöglicht. Schon früher (S. 204) ist eine Äußerung Mahans über diesen
Ausspruch Ramatuelles angeführt.
Im übrigen hatte =d'Estaing= im Gegensatz zu La Gallissonnière bei
Minorka gar nicht den Befehl, englische Inseln zu erobern, sondern er
sollte ihnen nur den Wert als Stützpunkte der Gegner nehmen; aber ihm
lag wohl viel an dem Besitze von Grenada, da diese Eroberung sein
einziger Erfolg bisher war und auch bleiben sollte.
$D'Estaing verläßt Westindien.$ =Byron= ging nach St. Christoffer zum
Ausbessern. Dies machte große Schwierigkeiten, da die Admiralität wie
überall auf den auswärtigen Stationen nicht vorgesorgt hatte. Trotz der
Geschicklichkeit, mit der die englischen Seeoffiziere jener Zeit auch
unter den ungünstigsten Umständen ihre Schiffe wieder seefähig zu machen
verstanden, war die Flotte zu längerer Untätigkeit verdammt. =D'Estaing=
zog hieraus nur geringen Nutzen. Anstatt dem Feinde zu folgen, um ihm
noch mehr Abbruch zu tun und sich dann gegen andere Inseln zu wenden,
begnügte er sich damit, die Grenadinen zu besetzen. Am 15. Juli ging er
dann in See, lief am 19. Guadeloupe an und beorderte einen hier für die
Reise nach Europa gesammelten Konvoi, ihm zu folgen. Er erschien auch vor
St. Christoffer, wagte aber keinen Angriff, da er die Engländer in
Verteidigungsstellung fand, gestützt auf Batterien am Lande, und machte
selbst keinen Versuch, sich zweier Schiffe zu bemächtigen, die bei der
holländischen Insel Saba lagen; in seinem Berichte sagte er: »Weil er im
Gegensatze zu den Engländern eine neutrale Flagge achte.« Er paradierte
nur am 23. und 24. Juli in Gefechtslinie vor St. Christoffer und führte
dann den Konvoi nach Haiti; am 31. traf er in Cap Français ein. Hier fand
er den ausdrücklichen Befehl vor, mit den 1778 von Toulon ausgelaufenen
Schiffen nach Brest zurückzukehren, die nachgekommenen Verstärkungen aber
in Westindien zu belassen. Nun war ihm schon im Frühjahr eine Bitte des
amerikanischen Generals Lincoln, unterstützt durch den französischen
Konsul in Charleston, zugegangen, er möge nach Georgia kommen, um bei der
Vertreibung der Engländer aus den Südstaaten mitzuwirken; er hatte damals
geantwortet, daß er Westindien noch nicht verlassen könne. Jetzt wurde
die Bitte in dringendster Form erneuert, auch hörte er, das amerikanische
Volk murre über die Franzosen: diese hätten wohl die Hilfe Bostons zur
Ausbesserung der Schiffe gern angenommen, nachher aber die amerikanische
Sache im Stich gelassen. Er glaubte der allgemeinen Sache zu nützen, wenn
er jetzt der Bitte Folge leiste, ja sogar, falls das Unternehmen in
Georgia nicht lange dauere oder es sonst günstiger erschiene, mit
=Washington= im Norden zu operieren versuche. Trotz seines Befehles ging
er also mit 22 Linienschiffen am 25. August nach Savannah in See.
Hiermit fanden die größeren Ereignisse in Westindien für 1779 ihr Ende.
=Byron= segelte im August nach England; =Barrington=, bei Grenada
verwundet, war schon früher heimgekehrt. =Kontreadmiral Hyde Parker=
übernahm das Kommando der Antillenstation bis zum März 1780; dann traf
Admiral =Rodney= mit einer Flotte ein und der Kampf auf diesem
Kriegsschauplatze begann wieder.
$Einige kleinere Ereignisse in Westindien$ sind noch zu erwähnen. Schon
im September 1778 hatten sich die Franzosen von Cap Français aus der
nahegelegenen kleinen =Turk-Inseln= bemächtigt, die von Engländern
besiedelt waren. -- Durch die Abfahrt =d'Estaings= erlangten diese die
Überlegenheit und behielten sie auch, als im November und Dezember ein
Teil der französischen Flotte von Savannah zurückkehrte. =Hyde Parker=
verfügte in Sta. Lucia über etwa 17 Linienschiffe, während =de La
Motte-Picquet= Mitte Dezember in Martinique nur 6 oder 7 hatte, von
denen sogar einige zeitweise außer Dienst gestellt waren. Hyde Parker
überwachte Fort Royal, und es gelang ihm, am 18. Dezember vor diesem
Hafen einen Konvoi von 26 Transportern und Handelsschiffen zu
überraschen und auseinander zu sprengen, der im Oktober mit nur einer
Fregatte von Marseille gesegelt war. Er würde alle Fahrzeuge genommen
oder vernichtet haben, wenn ihm nicht =La Motte= mit drei in aller Eile
seeklar gemachten Linienschiffen kühn entgegengetreten wäre. Durch
einen vierstündigen =Kampf in der Bucht von Fort Royal=, in den auch
die Befestigungen eingriffen, ermöglichte dieser 12 Fahrzeugen das
Einlaufen, 10 wurden vom Feinde genommen, vier gerieten auf den Strand
und wurden verbrannt, doch hatte man die Ladungen retten können. -- Am
21. Dezember nahm Admiral =Rowley= mit einer Division Linienschiffe bei
=Guadeloupe= drei französische Fregatten, die mit Truppen von Savannah
zurückkamen.
$Spanien$ hatte durch Entsendung von zwei Geschwadern zu 6 und 10
Linienschiffen nebst Transportern mit Truppen und Kriegsmaterial im
Februar und März 1779 die Stationen in Westindien schon vor der
Kriegserklärung verstärkt. Wenige Tage nach dieser begann von
Portoriko, Kuba und dem Festlande aus der Kleine Krieg; die Befehle
hierzu müssen also schon längere Zeit vorher ergangen sein. Ihm trat
=Admiral Sir Peter Parker= von Jamaika aus entgegen, obgleich er nur
ein Linienschiff, ein 50-Kanonenschiff und 8 Fregatten oder Sloops zur
Verfügung hatte. Er ließ sogar im Oktober den stark befestigten Ort
=Omoa= an der Hondurasküste, einen Stützpunkt der Spanier für den
Kleinen Krieg, nehmen; zwei Silbergaleonen und verschiedene Kauffahrer
mit einem Gesamtwert von drei Millionen Dollars wurden dabei erbeutet.
Die Spanier bemächtigten sich dagegen der englischen
Handelsniederlassungen am Mississippi.
(Näheres über diese kleineren Ereignisse vgl. Campbell Band V, Seite
453, 503, 514; Chevalier II, Seite 155; Lacour II, Seite 326.)
$D'Estaing vor Savannah.$ Der Kampf in den Südstaaten Nordamerikas war im
Mai 1779 zum Stillstande gekommen; die Engländer unter =Prevost= hatten
sich auf Savannah und Umgegend zurückgezogen, die Amerikaner unter
=Lincoln= lagen in Charleston. Am 31. August 1779 erschien nun
=d'Estaing= mit 21 Linienschiffen, 8 Fregatten und 3 Korvetten vor
Savannah; später stießen 6 kleine amerikanische Kriegsfahrzeuge (zu 14-20
Kanonen) und 7 Galeren zu ihm. Er trat mit =Lincoln= in Verbindung,
wollte aber nur wenige Tage an der Küste bleiben und versprach zunächst
noch keine Mitwirkung. Als jedoch ein Sturm am 2. September mehrere
seiner Schiffe beschädigte, glaubte er, daß ihre Ausbesserung zu lange
dauern würde, um dann noch nach den Nordstaaten segeln zu können, und
erklärte sich nun zu einem gemeinsamen Angriff auf Savannah bereit.
Doch =Lincoln= hatte nicht mehr auf die Flotte gerechnet und traf erst
Mitte September ein. Durch diese Verzögerung gewann =Prevost= Zeit, seine
Kräfte sämtlich in Savannah zusammenzuziehen, die Stadt besser zu
befestigen sowie Schiffe in der Einfahrt zu versenken. =D'Estaing=
landete am 13. September Truppen nebst Belagerungsmaterial, sandte
kleinere Fahrzeuge den Fluß hinauf und forderte am 16. die Stadt zur
Übergabe auf. =Prevost= jedoch lehnte ab; er war überzeugt, daß sich die
feindliche Flotte in dieser Jahreszeit nicht mehr lange an der Küste
halten könne. Schon die Landung machte wegen Mangels an geeigneten
Fahrzeugen und der Unwissenheit der amerikanischen Lotsen große
Schwierigkeiten. So bewilligte man den Engländern zunächst einen
Waffenstillstand, und erst am 23. begannen die Belagerungsarbeiten unter
=d'Estaings= Leitung. Da aber die Witterung immer ungünstiger wurde, so
schritt man schon am 9. Oktober, zu frühzeitig, zum Sturme. Auch hier
führte der Admiral in eigener Person, wurde verwundet und mit einem
Verluste von 1200 Mann, von denen 63 Offiziere sowie 580 Mann auf die
Franzosen fielen, abgeschlagen. Am 18. hob =d'Estaing= die Belagerung
auf, deckte noch den Rückzug der Amerikaner, und traf dann die
Vorbereitungen zum Inseegehen; hierzu wurde die Flotte schon am 28.
Oktober durch einen Sturm gezwungen.