Gleichzeitig gab =d'Orvilliers= den Befehl zum Halsen in Kontremarsch.

Er wollte seine Linie aufs neue am Feinde vorüberführen und zwar in Lee

derselben; mit Recht versprach er sich großen Erfolg von seinem Feuer

auf die ungeordneten feindlichen Schiffe, und um so mehr, da er nun von

Lee aus auch seine untersten Batterien hätte gebrauchen können, deren

Pforten beim Passieren zu Luward der hohen See wegen hatten geschlossen

bleiben müssen. Dieser Befehl ward jedoch nicht sofort ausgeführt, denn

die Spitzenschiffe sahen das Signal nicht; der Führer der Vorhut,

=Herzog von Chartres=, segelte sogar mit seinem Flaggschiff längsseit

des Oberbefehlshabers, um nach dessen Absichten zu fragen. Dann erst

begann das Manöver gegen 1/2-3 Uhr, aber nun war die rechte Zeit

verpaßt; =Keppel= hatte seine Linie, wenigstens aus Vorhut und Mitte

wiederhergestellt und segelte auf einige beschädigt in Lee liegende

Schiffe zu, um sie zu decken. =D'Orvilliers= gab deshalb seine Absicht

auf, hielt ab und nahm weiter in Lee eine abwartende Stellung ein, also

entsprechend der alten französischen Taktik.

=Keppel= hatte auch die Absicht, aufs neue anzugreifen, aber ihm fehlte

seine Nachhut. Die Schiffe dieser hatten sich auf das Signal zur

Herstellung der Ordnung vorschriftsmäßig auf das Flaggschiff ihres

Führers, =Palliser=, formiert, das etwa 2 Seemeilen zu Luward der Mitte

lag. =Palliser= aber führte sein Geschwader nicht heran, obgleich er

den Befehl dazu nicht nur durch Signal, sondern auch durch eine

Fregatte erhielt; er entschuldigte dies später damit, daß sein Schiff

nicht manövrierfähig gewesen wäre. Erst als =Keppel= die einzelnen

Schiffe der Vorhut zu sich rief, trafen sie nach und nach ein, jetzt

aber, gegen 7 Uhr, war es zu spät zur Wiederaufnahme des Kampfes

geworden.

=Die Verluste= werden sehr verschieden angegeben. Die französischen

Quellen nennen für die Franzosen 163 Tote und 517 Verwundete, für die

Engländer 407 Tote, 789 Verwundete; die englischen geben für sich nur

133 bzw. 373 zu und behaupten, der Gegner habe weit mehr verloren als

er zugestanden, erkennen jedoch die stärkere Beschädigung ihrer Schiffe

an. Bei der verschiedenartigen Verwendung der Artillerie auf beiden

Seiten ist anzunehmen, daß die Franzosen den größeren Verlust an Leuten

gehabt haben.

=Die Schlacht blieb unentschieden.= In der folgenden Nacht entfernten

sich die Flotten voneinander; beide Parteien aber schrieben sich den Sieg

zu und behaupteten, der Gegner habe das Feld geräumt. Die Franzosen

sagten aus, sie hätten am Morgen des 28. Juli den Gegner nicht mehr

gesehen; er habe während der Nacht das Weite gesucht, ohne Lichter zu

zeigen. Die Engländer behaupten, sie hätten die Nacht über gefechtsbereit

gelegen; der Feind habe zur Täuschung drei Schiffe mit Admiralslichtern

in Geschwaderabstand voneinander liegen lassen, sei dann abgesegelt und

am anderen Morgen in der Richtung auf Ouessant nur noch von den

Mastspitzen gesehen worden. Tatsächlich sind beide Flotten in ihre Häfen

zurückgegangen, die französische traf am 29. Juli in Brest, die englische

am 31. in Plymouth ein. Daß =d'Orvilliers= nichts weiter unternahm, ist

leicht mit seiner Instruktion und mit der in der französischen Marine

herrschenden Auffassung von der Verwendung der Flotten zu erklären: Er

hatte die Ehre der Flagge gewahrt, seine Schiffe in brauchbarerem

Zustande als die des Gegners erhalten und diesen vorläufig außerstand

gesetzt, an der französischen Küste zu kreuzen. Er hatte durchgeführt,

was er versprochen, und auch die Leistungen seiner Schiffe waren besser

gewesen, als er nach dem Ausfall der Vorübungen erwartet hatte. Nun

wollte er die beiden versprengten Schiffe aufnehmen und dann ausbessern,

ehe er die Kreuzfahrt wieder aufnahm. Es ist mithin wohl möglich, daß

=er= das Feld geräumt hat.

Die englische Behauptung gewinnt auch dadurch an Zuverlässigkeit, daß

sie sich auf Angaben stützt, die von vielen als Zeugen in der

Untersuchung gegen Keppel vernommenen Kommandanten unter eidlicher

Bekräftigung gemacht sind, während der französischen Schilderung wohl

nur die üblichen Berichte zugrunde liegen.

Auch =Keppel= hatte insoweit seinen Zweck erreicht, als er den Feind zum

Kampfe nötigte. Es liegt auch kein Grund zum Zweifel an seiner Absicht

vor, diesen am Nachmittag wieder aufzunehmen. Es ist ihm allerdings

vorzuwerfen, daß er die Schiffe der Vorhut nicht gleich einzeln

heranrief, aber er hatte keine Meldung von Palliser über dessen

Manövrierunfähigkeit und wartete wohl von Minute zu Minute auf die

Befolgung seiner Befehle. Daß er es am folgenden Tage für aussichtslos

hielt, mit seinen beschädigten Schiffen den Feind einzuholen, und auch

für gefährlich, mit ihnen an der feindlichen Küste zu bleiben, ist als

berechtigt anzusehen.

$Die öffentliche Meinung in beiden Ländern$ war mit dem Ergebnis der

Schlacht nicht zufrieden. =In Frankreich= hatte zwar zuerst die

Vertreibung des Gegners von der Küste großen Jubel erregt, als aber die

näheren Umstände bekannt wurden, fand man, daß viel mehr hätte erreicht

werden müssen. Man schob die Schuld auf den =Herzog von Chartres=, weil

er den Befehl des Flottenchefs nicht sofort ausgeführt habe; man

beschuldigte ihn des Ungehorsams, ja der Feigheit. Er wurde aus der

Marine entfernt.

$Louis Philippe, Duc de Chartres$ -- nach seines Vaters Tode Herzog von

Orleans, während der Revolution als Bürger =Philippe Egalité= bekannt

--, war bestimmt, später Admiral von Frankreich zu werden. Er hatte

keine seemännische Erfahrung, weshalb man ihm in seinem Flaggkapitän,

dem Chef d'Escadre =de Lamotte-Picquet=, einen hervorragend tüchtigen

Seeoffizier zur Seite gestellt hatte; so wird er während der Schlacht

kaum von irgendwelchem Einfluß gewesen sein. Die neueren französischen

Marineautoren lehnen denn auch die gegen ihn erhobenen Vorwürfe

bestimmt ab. Wie man sagt, erfolgte seine Entfernung auf Betreiben der

Königin, und dies trug zur Vergrößerung der schon bestehenden Spannung

zwischen dieser und dem Herzoge bei, obgleich letzterer zum

Generaloberst der Husaren ernannt wurde -- ein für ihn neugeschaffener

Titel.

In =England= war schon der erste Rückzug Keppels übel vermerkt worden.

Jetzt hatte man die Vernichtung des Gegners erwartet und der Ausfall der

Schlacht zog eine Flut von maritimen sowie von politischen Erörterungen

nach sich; je nach dem Parteistandpunkte der Kritiker richteten sich die

Vorwürfe gegen die Regierung und die Admiralität oder gegen =Keppel=, und

dieser ward schließlich im Januar 1779 in kriegsgerichtliche Untersuchung

gezogen. Wenn auch in allen Ehren freigesprochen, so legte er doch sein

Kommando nieder.

$Kriegsgericht über Keppel.$ Der Admiral hatte =Palliser= nicht

angeschuldigt, war aber gezwungen, zu Äußerungen der Presse über die

Schlacht Stellung zu nehmen, und als er dabei das Verhalten seines

Untergebenen zur Sprache brachte, erhob dieser Anklage gegen ihn; diese

lautete auf zwei grobe Verstöße Keppels gegen die Gefechtsinstruktion

dadurch, daß er zum Angriff vorgegangen sei, ehe die Gefechtslinie

ordnungsmäßig gebildet war, sowie insofern, als er nach dem Passieren

der Flotten nicht den Angriff sofort erneuert habe, sondern sogar vom

Feinde fortgesegelt sei (wie bekannt zur Deckung einiger Schiffe), also

nicht alles zur Vernichtung des Gegners getan habe.

=Keppel= wurde jedoch vom Kriegsgericht in allen Ehren freigesprochen;

die Mehrzahl der englischen Seeoffiziere und die öffentliche Meinung

standen gleichfalls auf seiner Seite. =Palliser= dagegen ward genötigt,

seinen Abschied zu nehmen. Er hatte versucht, sich damit zu

entschuldigen, daß er das Signal nicht gesehen habe und daß sein Schiff

bewegungsunfähig gewesen sei; beides wurde ihm widerlegt und ihm

außerdem vorgeworfen, wenn letzteres wirklich der Fall gewesen wäre,

hätte er dies seinem Chef melden und ihm die anderen Schiffe senden

müssen. Die Stimmung war derart, daß man nach Bekanntwerden des Urteils

zu Ehren Keppels Feuerwerke abbrannte, während der betrunkene Pöbel das

Haus Pallisers zerstörte und seinen Freunden die Fenster einwarf.

(Näheres über das Kriegsgericht vgl. Campbell Band V, Seite 432, und

Clowes Band III, Seite 423.)

=Für die Geschichte der Seetaktik ist die Schlacht bei Ouessant

bemerkenswert= als ein wichtiges Glied in der Entwicklung der englischen

Taktik. Bei Toulon 1744 trat =Mathews= gleichfalls ins Gefecht, ehe er

die Linie gebildet hatte, da er fürchtete, daß ihm der Gegner sonst

entweichen könne; als das Ergebnis der Schlacht den Erwartungen nicht

entsprach, ward er für diesen Verstoß gegen die Gefechtsinstruktion aus

dem Dienste entlassen. Nach diesem Vorgange wagte =Byng= bei Minorca

trotz günstiger Gelegenheit nicht von der Vorschrift abzuweichen; er

wurde erschossen, weil er nicht alles zur Vernichtung des Feindes getan

habe. Beide Kriegsgerichte standen im englischen Offizierkorps noch gut

in Erinnerung, Keppel war selber ein Mitglied des zweiten gewesen.

Trotzdem griff er an, ohne die Linie völlig hergestellt zu haben, damit

der Feind sich ihm nicht entziehe. Ihn sprach das Kriegsgericht frei; die

meisten seiner Kommandanten hatten seinem Handeln mit der Begründung

zugestimmt, daß es sonst nicht zur Schlacht gekommen wäre.

Ähnliches zeigt sich bei der Beurteilung der Unterführer. =Lestock=, der

seinen Chef bei Toulon im Stich gelassen hatte, wurde freigesprochen, da

er sich auf den Buchstaben der Instruktion berufen konnte, =Palliser=

wurde jetzt wegen des gleichen Verhaltens wenigstens gemaßregelt. Dies

sind doch Anzeichen, daß man in England die Notwendigkeit zu erkennen

begann, mit der buchstäblichen und schematischen Befolgung der

Gefechtsvorschriften zu brechen. Durchgedrungen war dieser Gedanke noch

nicht. =Keppel= war sich wohl bewußt, welche Gefahr er lief; er äußerte,

daß sein Handeln eine Frage um Leben und Tod für ihn sei. Auch das

Verhalten der Schiffe der Vorhut zeigt, daß eine freiere Auffassung noch

nicht genügend Platz gegriffen hatte, sonst würden sie ohne Befehl zur

Mitte gesegelt sein, wenn ihr Geschwaderchef bewegungsunfähig war. Es ist

übrigens bemerkenswert, daß =Keppel= nach der Schlacht befahl, in Zukunft

hätten auf das Signal »Schlachtlinie bilden« die einzelnen Schiffe auf

den Flottenchef und nicht wie bisher auf die Geschwaderchefs ihre Posten

in der Linie einzunehmen.

Das Verhalten der Franzosen zeigt gleichfalls, wie schwer es ist, mit

eingewurzelten Überlieferungen zu brechen; sie blieben bei ihrer

defensiven Fechtart, wenn sie auch diesmal in der Luvstellung den Kampf

annahmen. Hierdurch waren sie beim Passieren imstande, den Nahkampf

herbeizuführen. Sie taten es nicht, obgleich sie der weniger geordneten

englischen Linie gegenüber wahrscheinlich großen Erfolg gehabt hätten;

sie blieben auch bei ihrem Feuer auf die Takelage, um dem Gegner die

Offensivkraft zu nehmen. =D'Orvilliers= hatte nach dem Passieren zwar den

richtigen Gedanken, dessen ungünstige Lage zum Angriff zu benutzen, die

Durchführung versprach jedoch nur bei sofortigem Beginn der Manöver

Erfolg und der Flottenchef war genötigt, seine Absicht erst den

Untergebenen klar zu machen, so fern lag diesen ein tatkräftiges

angriffsweises Vorgehen. Als sich inzwischen ein Teil der englischen

Flotte geordnet hatte, sah =d'Orvilliers= vom Angriff ab und nahm die

übliche Verteidigungsstellung ein.

Die Schlacht zeigt endlich, daß es zur See einem ausdauernden Verfolger

oft gelingen wird, den Gegner zur Schlacht zu stellen, da für ihn

günstige Umstände eintreten können; hier wurde es den Engländern durch

die Windänderung möglich, obgleich sie in Lee standen. (Vgl. Hostes

Regeln, Seite 37.)

$Weitere Ereignisse$ von Bedeutung brachte das Jahr $1778 in den

europäischen Gewässern$ nicht mehr. =D'Orvilliers= ging aufs neue am 17.

August mit 28 (29?) Linienschiffen zum Handelsschutz in See. Seine

Instruktion hielt sich jetzt ganz nach der vorsichtigen Art früherer

Zeiten, sie befahl ihm nicht gerade das Vermeiden, aber verbot ihm doch

das Suchen eines Kampfes; =Vergennes= schrieb, daß man es nicht für

richtig erachte, Schlachten herbeizuführen, »die doch oft nur Verluste

brächten«. Vielleicht ist man dabei von dem Gedanken geleitet, die Kräfte

für den Versuch einer Landung in England im nächsten Jahre zu erhalten.

Die Flotte kreuzte sechs Tage vor dem Eingange des Kanals, später

zwischen Ouessant und Finisterre und lief am 18. September wieder in

Brest ein. Bis in den November hinein kreuzten dann mit Ablösung einige

Linienschiffe bei Ouessant, Fregatten in der Biskaya und kleinere

Fahrzeuge in der Nordsee sowie an der portugiesischen Küste. =Keppel= war

gleichfalls vom 22. August bis zum 28. Oktober in See, meist am Eingange

des Kanals. Beide Parteien behaupten, der Gegner sei einem Zusammenstoß

ausgewichen. Die französische Flotte scheint, dem Befehle entsprechend,

den Kanal verlassen zu haben, als Keppel erschien, und in England wollte

man die schwache Heimflotte wahrscheinlich nicht zu weit von den eigenen

Küsten entfernen.

$Die Kriegführung in den europäischen Gewässern 1778 zeigte auf beiden

Seiten keine Tatkraft.$ =In England= war dies eine Folge der mangelhaften

Vorbereitungen, man mußte sich ganz auf den Schutz der eigenen Gewässer

beschränken. Das Ausrüsten wie das Auslaufen der Toulonflotte erfuhr man

frühzeitig genug und war doch nicht imstande, Gegenmaßregeln zu

ergreifen. Hätte =d'Estaing= nicht so ungewöhnlich lange Zeit von Toulon

bis Gibraltar gebraucht, so würde er bei einer Bestimmung nach Brest

seine Vereinigung mit der Flotte dort ohne Zweifel unbelästigt erreicht

haben; nach Nordamerika beordert, wie es der Fall war, trat er mit Erfolg

auf und sein Erscheinen würde ohne die erwähnte lange Reise noch

verhängnisvoller für England geworden sein. Dies hätte seine Rüstungen

darauf einrichten müssen, daß es die Straße von Gibraltar sperren oder

sich wenigstens dort an die Toulonflotte hängen konnte. Die beim Beginn

fast eines jeden Krieges auftretende Furcht vor einer Invasion wirkte

übrigens mit, die englische Tatkraft zu lähmen; alle Schiffe wurden

vorläufig daheim festgehalten. Nach Entsendung =Byrons= war England dann

zu schwach, um aus den heimischen Gewässern herauszutreten.

=Frankreich= hatte den Krieg besser vorbereitet und auch rechtzeitig

Befehle erlassen, um überall an erster Stelle im Felde erscheinen zu

können, aber nur der Vorstoß in Amerika wurde durchgeführt. Alle neueren

französischen Autoren stimmen, gestützt auf Aussprüche der

Marineautoritäten jener Zeit, darin überein: »Frankreich wäre imstande

gewesen, auch in Brest rechtzeitig eine den englischen Seestreitkräften

weit überlegene Flotte aufzustellen, Schiffe lagen genügend auf den

Werften bereit und an Leuten fehlte es nicht. Man hätte die Engländer in

den Häfen blockieren und über deren Handel herfallen müssen, wie diese

1755 getan hatten; das würde nicht nur große Beute gebracht, sondern

ihnen auch die Mobilmachung noch mehr erschwert haben. Vielleicht wäre

wirklich eine Invasion, jedenfalls aber die Wegnahme der Kanalinseln

ermöglicht worden. Die französische Marine sei für ein derartiges

Vorgehen mit äußerster Kraft begeistert gewesen.«

In dem hierzu nötigen Umfange wurden die Rüstungen jedoch nicht

angeordnet. Überschätzte man die Kraft Englands, und glaubte man, ohne

die Mitwirkung Spaniens Großes nicht wagen zu dürfen? Aber auch mit den

vorgenommenen Rüstungen blieb Frankreich monatelang überlegen und durfte

angriffsweise vorgehen. Man konnte wenigstens =Byrons= Abfahrt nach

Nordamerika hindern; hierdurch würde =d'Estaing=, wenn er auch zur Lösung

seiner ersten Aufgabe zu spät kam, für sein weiteres Auftreten freiere

Hand gehabt haben. Statt dessen hielt man die Brestflotte zurück, solange

England sich nicht rührte, =Byron= konnte segeln und auch =Keppel=

erschien als erster auf dem Plane. Und selbst noch nach den ersten

Gewalttaten des englischen Admirals wäre es Zeit gewesen, loszuschlagen,

aber Wochen vergingen, bis =d'Orvilliers= den Befehl zum Auslaufen

erhielt, und nun war die feindliche Flotte ihm gewachsen. Der

französischen Regierung fehlte hier wieder, wie wir es in den früheren

Kriegen so oft gesehen haben, Verständnis dafür, daß ein

durchschlagender Erfolg gegen England nur durch eine kräftige Offensive,

hauptsächlich gegen die Seestreitkräfte des Gegners, zu erzielen war. Sie

hatte zwar oft große Pläne, führte dann aber die Kriege im allgemeinen

defensiv mit nur vereinzelten Offensivstößen -- wie hier in Nordamerika

--, über die sie die großen Ziele aus dem Auge verlor. So blieb auch der

Vorteil unbenutzt, den Frankreich in diesem Kriege durch bessere

Vorbereitung hatte, und dies war bei den großen Hilfsquellen Englands ein

schwerwiegender Fehler.[137]

[137] Die neueren französischen Quellen, Lacour sowie Chevalier, äußern

sich sehr freimütig und ganz objektiv in diesem Sinne.

Der Krieg in Nordamerika und Westindien 1778/1779.

$Die Räumung Philadelphias$ (anschließend an Seite 242). =General

Clinton= erhielt im Juni 1778 Befehl, die Stellung am Delaware zu räumen;

sie mußte als unhaltbar angesehen werden, sobald die französische Flotte

=d'Estaings= in den nordamerikanischen Gewässern auftrat und England die

Seeherrschaft streitig machte. Der Rückzug, vom =Admiral Howe= schon

vorbereitet, begann am 18. Juni und wurde über Land durch New Jersey

angetreten. Wenn man auch diesen Marsch angesichts des Feindes im

Vorjahre für zu gefährlich angesehen hatte, so mußte er jetzt doch

gewählt werden, denn der Transport der Truppen über See erschien noch

gewagter, da die französische Flotte jeden Tag erscheinen konnte. =Howe=

deckte den Übergang des Heeres über den Delaware und führte dann die

Transporter mit Material den Fluß hinab. Widriger Winde halber

beanspruchte dies die Zeit bis zum 28. Juni, ein frischer Wind führte

dann die Schiffe in kaum 48 Stunden nach Sandy Hook und auch =Clinton=

traf am 30. mit dem Heere dort ein. =Washington=, jetzt sehr verstärkt,

hatte zwar den Marsch beunruhigt, konnte ihn aber nicht aufhalten und

wagte auch keine entscheidende Schlacht. Von Sandy Hook wurden die

Truppen durch die Flotte bis zum 5. Juli nach New York übergeführt. Es

war die höchste Zeit. Schon am 29. Juni erhielt =Howe= durch ein

Postschiff die bestimmte Nachricht, daß =d'Estaing= unterwegs sei; das

Fahrzeug hatte ihn sogar gesichtet. Am 7. Juli meldete einer der vom

Admiral entsandten Kreuzer, daß er die Franzosen an der Küste gesehen

habe, und am 9. traf die Nachricht ein, daß sie tags zuvor in der

Delawarebucht geankert hätten.

$Vizeadmiral Graf d'Estaing[138] traf zu spät ein$, er hätte sonst großen

Erfolg erringen können. Wie seine Fahrt von Toulon nach Gibraltar, so

hatte auch die über den Ozean außergewöhnlich lange gedauert. Seine

Order, die er am 20. Mai 120 Seemeilen westlich vom Kap St. Vincent

öffnete, trug ihm auf, von nun ab die Feindseligkeiten zu beginnen, nach

Nordamerika zu segeln und dort etwas zum Ruhme der französischen Flagge

sowie zu nennenswertem Vorteile der Amerikaner zu unternehmen. In erster

Linie war er angewiesen, die weit schwächere Flotte =Howes= in der

Delawarebucht zu suchen und zu vernichten; sollte sie schon abgesegelt

sein, so wäre sie zu verfolgen und anzugreifen, wo sich Gelegenheit

biete. Man nahm an, mit der Vernichtung der Seestreitkräfte sei auch das

englische Heer verloren. Nach Lösung dieser Aufgabe sollte der Admiral

den Umständen gemäß handeln, also etwa Angriffe der Amerikaner auf

Neubraunschweig unterstützen und ihre Küsten von Kreuzern sowie

Freibeutern reinhalten. Erlange die englische Flotte durch Verstärkungen

die Überlegenheit, so sollte =d'Estaing= Boston als Ausrüstungshafen und

Stützpunkt aufsuchen und bei passender Gelegenheit nach Westindien

(Kleine Antillenstation) segeln. Infolge der späten Ankunft ging die

günstigste Aussicht auf einen großen Erfolg verloren; das einzige

Ergebnis des Erscheinens vor der Delawarebucht war die Vernichtung zweier

englischer Ausguckfregatten, die sich dort überraschen ließen.

[138] =Comte Charles-Henri-Théodat d'Estaing Du Saillans=, geboren

1729, trat 1745 als Mousquetaire in das Heer ein, war 1748 Oberst

des Regimentes de Rouerque in der Armee des Marschalls von

Sachsen, diente 1756 als Brigadier unter de Lally in Indien und

kreuzte 1759/60 mit zwei Schiffen der ostindischen Kompagnie

gegen die Engländer. Als Generalleutnant der Armee sollte er 1762

gegen Rio de Janeiro führen und wurde bei dieser Gelegenheit auch

Chef d'Escadre in der Marine (vgl. Siebenjährigen Krieg). 1763

war er Lieutenant-Général in der Marine und Gouverneur der

Antillen. 1777 schuf man für ihn besonders die Stelle eines

dritten Vizeadmirals der amerikanischen und asiatischen Gewässer.

1792 zum Admiral von Frankreich ernannt, wurde er zur Zeit der

Revolution in die Versammlung der Notabeln gewählt, zum

Befehlshaber der Nationalgarde von Versailles ernannt und spielte

eine Rolle im Prozeß der Königin. Später als verdächtig

verhaftet, ward er am 28. April 1794 guillotiniert. Im hier

besprochenen Kriege finden wir ihn 1778/79 in Nordamerika und

Westindien, 1780 als Chef des französischen Kontingentes der

spanisch-französischen Flotte unter Cordoba. Für 1783 war ihm die

Leitung einer Expedition gegen Havanna zugedacht. =D'Estaing= war

ein fähiger und feuriger Offizier, aber in der Marine unbeliebt.

Hier sah man ihn als Eindringling an und neidete ihm seine durch

Hofgunst erlangte schnelle Beförderung. Man warf ihm Mangel an

seemännischer Kenntnis vor, Bevorzugung der aus der Armee

stammenden Offiziere und daß er den Rat erfahrener Seeoffiziere

verschmähe. Manche seiner Mißerfolge sind auch diesem Umstande

zuzuschreiben.

[Illustration: Comte d'Estaing.]

$Die auffallend lange Reise der französischen Flotte$ wird vielfach dem

Admiral zur Last gelegt, seinem Mangel an seemännischer Erfahrung sowie

dem Umstande, daß er während der Fahrt durch unnötige Übungen viel Zeit

verloren habe. Es mag etwas Wahrheit hierin liegen, aber von anderer

Seite wird er mit der sehr ungleichen Segelfähigkeit seiner Schiffe

entschuldigt. Er selber hat berichtet, daß seine besten Segeler häufig

nur gereffte Marssegel hätten führen dürfen, wenn die schlechtesten mit

Gefahr für die Masten Segel gepreßt hätten. Die Behauptung, einige,

ihm übelgesinnte Kommandanten hätten absichtlich durch fehlerhaftes

Manövrieren sowie schlechtes Steuern die Fahrt aufgehalten, ist nach

neueren Forschungen haltlos. =D'Estaing= hat in allen Berichten,

Tagebüchern und Briefen stets den Eifer der Kapitäne anerkannt,

obgleich er ihnen sonst nicht wohlwollend gegenüberstand; er klagt

immer nur über die Schiffe. Eher ist anzunehmen, daß dieser Umstand gar

nicht so schwer ins Gewicht fiel, daß dagegen die mangelnde Erfahrung

der Offiziere im Segeln in großen Verbänden das Zusammenhalten der

Flotte erschwert hat. (Vgl. Lacour II über die Personalien und über

diese Reise d'Estaings.)

Bei dem =Stärkeverhältnis der Flotten= war die Lage für Frankreich sehr

günstig. Die französischen Streitkräfte zählten 12 Linienschiffe, 1 zu 90

Kanonen, 1 zu 80, 6 zu 74, 3 zu 64 und 1 zu 50, sowie vier Fregatten;

1000 Mann Infanterie waren für Landungen eingeschifft. Die englische

Flotte bestand aus 6 Schiffen zu 64 Kanonen, 3 zu 50, 2 zu 44 und einigen

Fregatten (in Halifax lagen noch drei oder vier kleinere Linienschiffe

nebst mehreren Fregatten). Von diesen befand sich aber nur ein Teil in

der Delawarebucht, der Rest lag in New York und in der Narragansettbai.

Wäre =d'Estaing= 10-12 Tage früher angekommen, so hätte er den durch die

Transportflotte noch behinderten Teil leicht vernichten können. Die dann

nur von dem anderen Teile beschützte Bucht von New York wäre darauf

voraussichtlich auch den Franzosen in die Hände gefallen und =Clintons=

Heer, von den französischen See- und den amerikanischen Landstreitkräften

in die Mitte genommen, zur Übergabe gezwungen gewesen.

[Illustration: Richard Earl Howe.]

Seekriege und Seekriegswesen, Zweiter Band in ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung. Mit besonderer Berücksichtigung der grossen Seekriege des XVII. and XVIII. Jahrhunderts. · 第 36 / 63 段