$Die Rüstungen der Gegner.$ =Frankreich= bereitete den Krieg frühzeitig

vor. Vom August 1775 an wurde zwischen Versailles und Madrid ein

Briefwechsel über gemeinsame Rüstungen geführt und solche auf den Werften

von Brest und Toulon sowie Cadiz und Ferrol begonnen. =Vergennes'= erste

Sorge war, zu verhindern, daß England wie im Jahre 1755 vor Ausbruch des

Krieges einen großen Schlag gegen den französischen Handel führe. Schon

1776 erhielt deshalb das kleine Geschwader, das jährlich in Brest zu

Übungszwecken zusammentrat, den Befehl, seine Fahrten auf die Gewässer

zwischen Ouessant und Finisterre zu beschränken und die Schiffe zu

beobachten, die England in diesem Jahre gegen amerikanische Kauffahrer

sowie Freibeuter kreuzen ließ. Im Jahre 1777 lag sogar in Brest eine

Flotte von 15 Linienschiffen seeklar, um einer etwa an der Küste

erscheinenden englischen entgegentreten zu können, und leichtere Schiffe

kreuzten außerdem wie im Vorjahre. Diese Flotte hielt man jedoch auf der

Reede fest, aus Furcht, daß schon ihr Auslaufen zu einer Kreuzfahrt Anlaß

zum Kriege geben könne. Im August wurde ein Fahrzeug nach den

Neufundlandbänken gesandt, um die Fischerflottillen zurückzurufen. Als

die Nachricht von Saratoga eintraf und man sich zum Kriege entschloß,

hatte Frankreich 48 Linienschiffe, 31 in Brest, 17 in Toulon, zur

Indienststellung bereit; bei dem Versuche, auch Spanien zum Losschlagen

zu bewegen, wurde diesem schon ein Plan zur Verwendung der vereinten

Kräfte mitgeteilt. =Vergennes= hob hierbei nochmals hervor, daß der Druck

der englischen Seemacht nicht länger zu ertragen sei.

$Übergriffe der Engländer auf See.$ Die englischen Schiffe, die an

Frankreichs Küsten kreuzten, gingen mit größter Rücksichtslosigkeit

vor. Sie hielten alle Kauffahrer an und nahmen sie beim leisesten

Verdacht auf Kriegskontrebande, deren Begriff sie weit ausdehnten, in

Beschlag. 1777 und während der ersten Monate 1778, vor dem Ausbruch des

Krieges, brachten sie gegen 130 Fahrzeuge mit einem Werte von 16

Millionen Franken auf. Sogar Kriegsschiffe hielten sie unter dem

Vorwand an, sich vergewissern zu müssen, ob es tatsächlich französische

wären, da die amerikanischen Freibeuter oft die französische Flagge

zeigten. 1776 waren sogar englische Schiffe in ihrem Übermut durch die

Formation des französischen Übungsgeschwaders hindurchgesegelt.

Frankreich ließ sich alles dies gefallen, um nur den Bruch noch

hinzuhalten. Die französischen Seeoffiziere waren darüber empört und

klagten mit Recht, daß die Anmaßung der Engländer infolgedessen immer

größer würde; verwunderlich ist, daß es nicht zu blutigen

Zusammenstößen kam, denn die Schiffe beider Völker waren beim Begegnen

stets gefechtsklar. Die Empörung in Frankreich über die Schärfe des

englischen Beobachtungsdienstes war übrigens ungerechtfertigt, denn man

unterstützte die Amerikaner mit Kriegsmaterial und gestattete ihren

Freibeutern den Aufenthalt in französischen Häfen.

Als jedoch Spanien noch nicht am Kriege teilnehmen mochte, mußte

Frankreich allein seine weiteren Maßregeln treffen. Mit der Abberufung

der Gesandten (März 1778) erging der Befehl zur Indienststellung der

gebrauchsbereiten Schiffe. Im April schon konnten 12 Linienschiffe unter

Vizeadmiral =d'Estaing= von Toulon nach Nordamerika auslaufen, in Brest

waren im Juni 20 und im Juli 30 unter Lieutenant-General =Comte

d'Orvilliers= segelfertig. Man hatte ferner in den vorangegangenen

Monaten Truppen und Kriegsmaterial nach Westindien und vier Fregatten

nach Isle de France gesandt; 30000 Mann hatte man in der Normandie

zusammengezogen. Marschall =de Broglie= übernahm im Mai den Oberbefehl

über dieses Heer unter dem Vorwande, mit ihm Übungen zur Klärung

taktischer Fragen anzustellen. Frankreich war also gut gerüstet.

=England= dagegen hatte seit dem letzten Kriege versäumt, seine

Seestreitmittel stets denen der vereinten beiden bourbonischen

Königreiche überlegen zu halten, die vorhandenen Schiffe waren auch nicht

so bereit, wie sie bei der Wahrscheinlichkeit eines Krieges hätten sein

müssen, und die Vorbereitungen für den Kampf begannen zu spät. Schuld

hieran wird dem Minister des Äußern, der die Nähe und Größe der Gefahr

unterschätzte oder der inneren Streitigkeiten halber verheimlichte, sowie

der Sorglosigkeit des Ersten Lords der Admiralität gegeben.

=John, Earl of Sandwich=, bekleidete diesen Posten von Januar 1771 bis

März 1782. Für die Jahre 1776 und 1777 waren die Geldmittel der Marine

nur soweit erhöht, als es der amerikanische Krieg und das Kreuzen in den

europäischen Gewässern erforderte. Im November 1777 erklärte der Erste

Lord im Parlamente auf eine Klage der Opposition über die zu geringe

Stärke der Kanalflotte, er glaube nicht, daß Frankreich und Spanien

feindselige Gesinnungen hegten, im übrigen seien in der Heimat 42 Schiffe

in Dienst, 35 derselben bereit, sofort auszulaufen; er fühle sich zu der

Erklärung berechtigt, daß man damit den Flotten des Hauses Bourbon

gewachsen sei. Dies wäre, wie wir wissen, nicht der Fall gewesen, aber

auch gegen Frankreich allein konnte man sich kaum behaupten. Als nämlich

nach Abbruch des diplomatischen Verkehrs eine Flotte von 13

Linienschiffen unter Admiral =Byron= für Amerika in Dienst gestellt war

und etwa 3 Schiffe unter den Admiralen =Barrington= nach Barbados, sowie

=Sir Peter Parker= nach Jamaika segelten, fand =Admiral Keppel= die

Kanalflotte bei Übernahme des Kommandos, nach seinem Ausdrucke mit

»Seemannsauge gemustert«, recht schwach vor; bei einem ersten Auslaufen

im Juni verfügte er nur über 21 und erst im Juli über 30 Schiffe.

Also nicht einmal eine Übermacht Frankreich allein gegenüber war

vorhanden. =Byron= stand mit 13 Schiffen gegen =d'Estaing= mit 12;

=Keppel= mit 30 gegen =d'Orvilliers= mit 32. Schiffe sowie Werften

waren eben nicht in Ordnung; es sollen (nach Campbell) Monate nötig

gewesen sein, um das seit Jahren auf den Werften verrottende Material

zu sichten, Masten und Raaen zu flicken. Auch der Mannschaftsmangel war

groß, obgleich für 1778 vom Parlamente 60000 Mann (darunter 11000

Seesoldaten) für die Marine bewilligt waren. Da der Krieg noch nicht

erklärt war, scheute man sich anfangs, zu scharfem Pressen zu

schreiten, man wollte lieber die Rückkehr der Handelsschiffe aus allen

Weltteilen im Frühjahr und Sommeranfang abwarten. Um wenigstens die

Flotte Byrons bald seeklar zu machen, mußten Leute sowie Material von

der Kanalflotte genommen werden. An Geldmitteln waren für 1778 fünf

Millionen bewilligt; sie umfaßten die Kosten für Indiensthaltungen,

Reparaturen sowie Neubauten und 1 Million Überschreitungen vom

Vorjahre.

Bei Ausbruch des Krieges legten beide Parteien Beschlag auf die

Handelsschiffe des Gegners in ihren Häfen und hielten die eigenen zurück.

Letzteres geschah, um das Personal für die Kriegsschiffe zu gewinnen und

um sie selber nicht der Wegnahme auszusetzen. Das englische Volk, bisher

so stolz auf seine Marine, war empört über ihre hierdurch eingestandene

augenblickliche Schwäche. Kaufleute und Reeder tadelten die Admiralität

scharf; mit Recht, denn es mußten beispielsweise 100 Westindienfahrer

drei Monate auf Bedeckung warten, wodurch ein Schaden von 90000 Lstrl.

erwuchs und in Westindien Mangel am nötigsten eintrat.

Bei dem unfertigen Zustande der Marine kann es nicht verwundern, daß

=England= weder den Krieg erklärte noch losschlug, obgleich es den

diplomatischen Verkehr abgebrochen hatte; wäre es in der Lage gewesen,

würde es sicher wie 1755 über Frankreichs Handel hergefallen sein. So

hielt man sogar Byrons Flotte bis zum Juni fest, um die heimischen

Gewässer nicht zu entblößen, und auch die Kanalflotte lief dann erst aus.

Gegen Frankreichs Truppen in der Normandie hatte England Milizen an den

Küsten aufgeboten, und schon im März war über Suez der Befehl nach

Ostindien gesandt, die französischen Besitzungen anzugreifen. Aber auch

=Frankreich= begann den Krieg nicht; man wollte vorläufig nur den

Amerikanern an Ort und Stelle Hilfe leisten, die Brestflotte bereithalten

und die Küsten durch Kreuzer bewachen lassen. Erst als =Keppel=

französische Kriegsschiffe aufgebracht hatte, erhielt =d'Orvilliers=

Befehl, dies zu vergelten.

Der Krieg in den europäischen Gewässern 1778.

$Die Eröffnung des Krieges.$ Am 13. April ging die Flotte des

Vizeadmirals =d'Estaing= von Toulon mit versiegelten Ordres in See. Man

hatte verbreitet, sie sei nach Brest bestimmt; ein Mitglied der

amerikanischen Gesandtschaft in Paris, sowie der für die neue Republik

bestimmte Gesandte Frankreichs waren unter falschen Namen eingeschifft,

um das Ziel nicht zu verraten. Infolge ungünstigen Windes passierte sie

erst am 17. Mai die Straße von Gibraltar, und am 20. wurden 120 Seemeilen

westlich vom Kap St. Vincent die Ordres geöffnet. Die Flotte war nach

Amerika bestimmt und sollte von jetzt an schon die Feindseligkeiten gegen

englische Kriegs- wie Handelsschiffe beginnen. Eine englische Fregatte

war ihr von Gibraltar aus gefolgt, behielt sie noch weitere 150 Seemeilen

in Sicht und überbrachte am 7. Juni die Meldung in England. Am 8.

segelte dann die Flotte des Vizeadmirals =John Byron= gleichfalls nach

Amerika ab.

Zu gleicher Zeit (am 8. oder 12. Juni) ging =Admiral Augustus

Keppel=[133] mit der Kanalflotte -- 21 Linienschiffe, 3 Fregatten, 2

Kutter, ein Brander -- in See, um vor Brest zu kreuzen. Er hatte den

Befehl, die Brestflotte zu beobachten, den Kanal für die eigenen

Handelsschiffe offenzuhalten und die Vereinigung der Toulon- mit der

Brest-Flotte durch Waffengewalt zu verhindern. Am 17. Juni traf er vor

dem Kanal auf eine kleine französische Flottille, die Fregatten »La Belle

Poule«, Kapitän =de la Clocheterie=, »La Licorne«, die Korvette

»L'Hirondelle« und den Lugger »Le Coureur«. Wenn auch der Krieg noch

nicht erklärt war, hielt es =Keppel= doch für nötig, die Schiffe

anzuhalten, sowohl um zu verhindern, daß seine Bewegungen dem Gegner

bekannt würden, als auch um Nachrichten über diesen zu erhalten. Er jagte

die Fahrzeuge mit der ganzen Flotte und ließ sie durch vorauseilende

Fregatten auffordern, längsseit seines Flaggschiffes zu kommen.

[133] $Augustus Keppel$, 1782 Viscount K., geboren 2. April 1725, 1744

Kapitän, 1762 Kontreadmiral, 1770 Vizeadmiral, 1778 Admiral der

blauen und 1782 der weißen Flagge, gestorben 2. Oktober 1786,

führte schon im österreichischen Erbfolgekriege ein Linienschiff

und geriet durch Strandung bei Verfolgung eines französischen

Schiffes in Gefangenschaft. Als er 1754 mit einem kleinen

Geschwader zum Dei von Algier gesandt war und dieser seine

Verwunderung aussprach, daß der König von England ihm einen

bartlosen Knaben zur Unterhandlung schicke, antwortete er: »Wenn

die Weisheit nach der Länge des Bartes ginge, so würde man einen

Ziegenbock gewählt haben.« Als dann der Dei ihm mit dem Tode

drohte, sagte er, sein Geschwader würde für angemessene

Begräbnisfeierlichkeiten sorgen. Im Siebenjährigen Kriege führte

er 1758 die Expedition gegen Gorée, befehligte bei Quiberon ein

Schiff mit Auszeichnung, nahm 1761 die Insel Belle-Ile und war

1762 zweiter im Kommando bei der Eroberung von Havanna. 1778 Chef

der Kanalflotte, schlug er die Schlacht bei Ouessant, nach

derselben wegen Verstoß gegen die Gefechtsinstruktion angeklagt,

aber freigesprochen, legte er sein Kommando nieder und blieb

unbeschäftigt, bis er nach dem Ministerwechsel vom 30. März 1782

bis Dezember 1783 das Amt des Ersten Lords wahrnahm.

»Licorne« tat dies, versuchte aber später zu entwischen, antwortete auf

Warnungsschüsse mit einer Breitseite und strich dann die Flagge.

»Hirondelle« entkam, »Coureur« ward bald genommen. »Belle Poule« führte

ein hartnäckiges laufendes Gefecht mit der englischen Fregatte »Arethusa«

und lief unter die französische Küste; hier konnten ihr die Engländer

nicht beikommen, und sie erreichte am 21. Juni Brest. Am 19. Juni nahm

=Keppel= noch die Fregatte »Pallas«. Aus den Papieren der Prisen ersah

er, daß die französische Flotte der seinigen überlegen war oder es doch

bald werden würde, er kehrte deshalb nach Spithead zurück, um

Verstärkungen an sich zu ziehen.

Diese Wegnahme von Kriegsschiffen =sah man in Paris als Kriegserklärung

an=. Man bezeichnete sie als verräterisch und gegen das Völkerrecht

verstoßend, obgleich doch auch =d'Estaing= den Befehl hatte, die

Feindseligkeiten zu eröffnen. Spanien wurde benachrichtigt, daß

Frankreichs Geduld nunmehr erschöpft sei und man den Krieg beginne;

Kaperbriefe wurden ausgegeben und =d'Orvilliers= erhielt am 2. Juli den

Befehl, in See zu gehen. Aber trotz vorher erlassener Kabinettsordres,

deren hochgemute Worte auf eine besonders kräftige Verwendung der

Seestreitkräfte hatten schließen lassen und in denen den kommandierenden

Offizieren der Marine die größte Unerschrockenheit bei ihrem Auftreten

ans Herz gelegt wurde, war =die Instruktion für den Flottenchef= eine

recht beschränkte. Er sollte einen Monat kreuzen und als Repressalie

Kriegs- und Handelsschiffe aufbringen. Später, schon auf See, ging ihm

sogar in einer Verfügung vom 12. Juli noch die Mahnung zu, daß der König

bei der jetzt bekanntgewordenen Stärke der feindlichen Flotte sehr auf

die Klugheit des Admirals rechne; die Minister wälzten also die

Verantwortlichkeit ganz auf ihn ab.

$Befehle Ludwigs XVI.$[134] In einem Schreiben des Marineministers

=Sartines= an =d'Orvilliers= vom 2. April 1778 findet man die Sätze:

»Sie (der Chef, die Flaggoffiziere und die Kommandanten) müssen sich

bewußt sein, daß die Augen Europas auf das erste Geschwader gerichtet

sind, das nach dem letzten Kriege unsere Häfen verläßt. Ihre Pflicht

ist es jetzt, der französischen Flotte wieder den alten Ruhm zu

verleihen, der sie einst umstrahlt hat. Nur durch die glänzendsten

Waffentaten können die letzten Unglücksfälle und Fehler gutgemacht

werden; die zur Verfügung stehenden Mittel sichern ihnen die

Überlegenheit, ihr Mut muß das übrige dazu tun....« »Aber in welche

Lage auch immer die Flotte kommen mag, der König erwartet, daß seine

Schiffe mit der größten Unerschrockenheit angreifen und sich stets bis

aufs äußerste verteidigen werden.«

[134] Auszüge aus Chevalier II, Seite 80; Lacour II, Seite 120; Troude

II, Seite 3.

In diesem Sinne folgt noch mehr, und =Troude= sagt hierzu richtig: »Wie

verschieden war diese Sprache von jener, die unsere Admirale im letzten

Kriege zu hören bekamen«; wir sind mehrfach auf die früheren Befehle

eingegangen, die stets zur Vorsicht mahnten. Diesen tapferen Worten

folgten aber bald wieder solche in abschwächender Tonart, so der

obenerwähnte Befehl, den =d'Orvilliers= vor dem Inseegehen erhielt.

Hierzu wurden die französischen Minister =Vergennes= und =Sartines=

durch die Erwägung gebracht, daß ein Fehlschlag beim ersten Auftreten

der Flotte sehr schädlich wäre. Wahrscheinlich überschätzten sie auch

die Stärke des Gegners. Man ließ sich durch die große Schiffszahl

Englands einschüchtern, ohne die ungünstigen Verhältnisse dort in

Rechnung zu ziehen -- obwohl der Mannschaftsmangel durch Berichte aus

London allerdings bekannt war -- auch glaubte man, daß =Byron= nur

einen Konvoi ins offene Meer zu führen habe und sich dann mit =Keppel=

vereinigen würde.

In ihrem Hange zu ängstlicher Schonung der Seestreitkräfte wurden die

leitenden Personen durch hervorragende Seeoffiziere bestärkt. Diese

empfahlen, durch Zurückhalten der Flotte und durch die

Truppenansammlung England zu zwingen, seine Seestreitkräfte gleichfalls

zusammenzuhalten; dies müsse dann durch Entsendung zahlreicher Kreuzer

gegen den englischen Handel ausgenutzt werden. =D'Orvilliers= schlug

aber in einem Brief vom 22. Juni vor, mit der Flotte auszulaufen. Zwar

wollte auch er nicht zum entscheidenden Kampfe in den Kanal gehen, »wo

er keine Zufluchtshafen habe und durch die vorherrschenden Winde leicht

an der englischen Küste festgehalten werden könnte«, sondern eine

Kreuztour gegen den Handel vor demselben aufnehmen. Er wollte dabei

versuchen, die Vereinigung Byrons und Keppels zu verhindern, diese

gegebenenfalls einzeln schlagen, beiden vereint aber ausweichen. Ihm

schwebte die »Campagne au large« des Admirals =Tourville= 1691 vor, der

wochenlang die überlegene englische Flotte hinter sich herzog und

dadurch lähmte. (Vgl. Band I, Seite 441.) Diese Kreuztour sollte

gleichzeitig zur Ausbildung der Flotte dienen. Die ihm zugegangene

Instruktion -- sie hatte sich mit seinem obenerwähnten Briefe gekreuzt

-- entsprach also gewissermaßen seinem Gedanken, der Nachtrag vom 12.

Juli machte ihn aber für alle Folgen verantwortlich.

=D'Orvilliers= antwortete auf den letzten Befehl, er werde, wie zuerst

angeordnet sei, einen Monat kreuzen, falls er nicht ausdrücklich

zurückgeworfen würde, und auch einen Kampf annehmen; nur falls =Keppel=

sehr überlegen aufträte, werde er ausweichen, dies könne aber unter

Umständen schwierig sein, wenn der Gegner den Kampf ernstlich suche. Es

ist bemerkenswert, daß die Flaggoffiziere und Kommandanten, als ihnen am

9. Juli der Befehl bekannt gegeben wurde, in den Chef drangen, er möge

die Erlaubnis nachsuchen, in den Kanal einzulaufen und den Feind, selbst

auf der Reede, anzugreifen.

$Die Schlacht bei Ouessant 27. Juli 1778.$ =Admiral Keppel= lief am 9.

Juli zu einer zweiten Kreuzfahrt von Portsmouth mit 24 Linienschiffen aus

und auf dem Wege kanalabwärts stießen noch 6 von Plymouth zu ihm. Erregt

durch den Umstand, daß er das erste Mal das Feld hatte räumen müssen,

sowie durch die deshalb von der öffentlichen Meinung ihm gemachten

Vorwürfe, war er fest entschlossen, den Feind aufzusuchen und zum Kampfe

zu zwingen. =Lieutenant-Général Comte d'Orvilliers=[135] war nach Empfang

seiner Instruktion durch Gegenwind einige Tage festgehalten, erst am 8.

Juli ging er mit 32 Linienschiffen in See, von denen jedoch drei als zu

schwach für die Linie erklärt und wie die Fregatten während der Schlacht

in Feuerlee von ihr gehalten wurden. Er nahm seinen Kurs nach dem

Kanaleingange und benützte die Fahrt zu taktischen Übungen. Mit deren

Ausfall war er durchaus nicht zufrieden, und es ist wohl anzunehmen, daß

dies im Verein mit der erhaltenen Mahnung sein Verhalten in der Schlacht

beeinflußt hat.

[135] =Louis Guillonet, Comte d'Orvilliers=, geboren 1710, trat 1728 in

die Marine ein, wurde 1754 Kapitän, 1764 Chef d'Escadre, 1777

Lieutenant-Général. Er hatte 1754 unter La Gallissonnière, 1757

unter Dubois de la Motte gedient; 1772 befehligte er das

neueingerichtete Übungsgeschwader. 1775 Marinekommandant in

Brest, unterstützte er den Minister Sartines bei der

Neuorganisation der Marine. Von 1777 bis 1779 war er Chef der

Brestflotte. Er galt als ein vorzüglicher Taktiker, war aber

jetzt 68 Jahre alt. Auch seine körperliche Rüstigkeit ließ zu

wünschen übrig; im Januar 1778 nach Paris berufen, schrieb er, er

könne die Reise nur »wie ein Greis« in kurzen Tagestouren machen.

Infolge der Vorwürfe, die man ihm über die Führung der Flotte

1778/79 machte, zog er sich in eine religiöse Anstalt zurück und

starb dort 1792.

Am Nachmittage des 23. Juli sichteten sich die Gegner etwa 100 Seemeilen

westlich der Insel Ouessant; bei frischem WNW-Winde lagen die Franzosen

nordöstlich der Engländer, also in Lee von ihnen, aber während der Nacht

gewannen sie die Luvstellung nordwestlich des Gegners. Diese Lage

befriedigte beide Führer, denn =Keppel= sah sich zwischen dem Feinde und

Brest, während =d'Orvilliers= durch seine Luvstellung im Sinne seines

Befehles zu handeln vermochte, nämlich die See zu halten und doch nur zu

fechten, wenn er es für vorteilhaft hielt; er sollte aber sein Bedenken

bestätigt finden, daß dies bei einem kampfesmutigen Gegner nicht leicht

durchzuführen sei. In der Nacht waren außerdem drei seiner Schiffe von

der Flotte abgekommen, in Lee der Engländer geblieben und konnten bis zur

Schlacht nicht mehr herankommen, so daß bei dieser nur 27 Schiffe in der

Linie standen.

Während der nächsten Tage manövrierten beide Teile in Sicht voneinander;

=Keppel=, um an den Feind heranzukommen, =d'Orvilliers= wahrscheinlich,

um dies zu verhindern. Zwar sagen französische Quellen, er habe sich nur

die Luvstellung wahren wollen, aber sie deuten auch an, daß seine

Geschwaderchefs ihn erst zu dem Entschlusse gebracht hätten, den Kampf

aufzunehmen. Am 27. Juli kam es zur Schlacht, die aber nur in einem zwei-

bis dreistündigen Feuergefecht im Passieren bestand.

$Der Verlauf der Schlacht bei Ouessant$ kann in groben Zügen gegeben

werden, ohne auf Einzelheiten einzugehen; die für uns bemerkenswerten

Punkte treten trotzdem genügend hervor[136].

[136] Die genaueste und, wie es scheint, objektivste Schilderung findet

man in Clowes Band III, Seite 412.

=Die englische Flotte= zählte 32 Linienschiffe: Vorhut, Vizeadmiral

=Sir Robert Harland=, 10 Schiffe; Mitte, =Keppel=, 11 Schiffe; Nachhut,

Vizeadmiral =Sir Hugh Palliser=, 11 Schiffe. =Die französische Flotte=

hatte 27 Schiffe in der Linie: Vorhut, Lieutenant-Général =Comte

Duchaffault=, 9 Schiffe; Mitte, =d'Orvilliers=, 9 Schiffe; Nachhut,

Lieutenant-Général =Duc de Chartres=, 9 Schiffe.

Am 27. Juli wehte frischer westlicher Wind mit heftigen Regenböen. Bei

Tagesanbruch waren die Flotten etwa 6 Seemeilen voneinander entfernt,

beide lagen über Steuerbordbug, die französische »in Kiellinie beim

Winde« genau in der Windrichtung zu Luward der englischen; diese hatte

kurz vorher »alle Schiffe zugleich« gewendet, über den neuen Bug aber

die Kiellinie nicht wieder hergestellt, so daß sie in einer

Peilungslinie segelte, aus der jedoch durch abermals gleichzeitiges

Wenden sofort die Kiellinie über Backbord-Bug gebildet werden konnte.

=Keppel= hatte keine Zeit mit Ausrichten verlieren wollen, um schnell

an den Feind heranzukommen; auch befahl er allgemeine Jagd. Die Ordnung

in seiner Flotte war nicht gut, besonders der rechte Flügel (über

Steuerbordbug die Nachhut) war während der Nacht nach Lee geraten; sie

erhielt jetzt Befehl, möglichst Luv zu gewinnen. Um 9 Uhr vorm. ließ

=d'Orvilliers= im Kontremarsch, also ein Schiff nach dem anderen auf

der gleichen Stelle, halsen, um den Feind besser beobachten und seine

Stärke genauer erkunden zu können; er verlor hierdurch allerdings

beträchtlich an Luv, aber doch nicht so viel, daß er nicht unter

normalen Verhältnissen nach Belieben hätte den Kampf vermeiden oder

angreifen können, sobald es ihm günstig schien.

Jetzt aber drehte der Wind südlicher, die englische Flotte konnte mehr

auf die französische zuhalten, stand um 10-1/4 Uhr in deren Kielwasser,

als sie eben die Kiellinie über Backbord-Bug gebildet hatte, und

=Keppel= wendete mit allen Schiffen zugleich; er segelte nun also

gleichfalls in Kiellinie über Backbord-Bug hinter seinem Gegner her.

=D'Orvilliers= mußte fürchten, daß seine letzten Schiffe eingeholt und

mit Übermacht angegriffen werden könnten, er ließ deshalb mit allen

Schiffen zugleich wenden, wodurch seine eigentliche Nachhut, der Herzog

von Chartres, zur Vorhut wurde, und segelte dem Feinde über

Steuerbordbug entgegen. Nun folgte ein Passiergefecht, bei dem die

Franzosen zu Luward standen, und zwar in leidlich guter Ordnung,

während die Engländer infolge der Jagd schlecht ausgerichtet waren; in

der Nachhut hinderten sich die Schiffe sogar gegenseitig im Feuer.

Keppel hatte nach der letzten Wendung das Signal »Schlachtlinie

bilden«, worauf diese ausgerichtet worden wäre, gar nicht gegeben,

sondern nur das zur Eröffnung des Kampfes. Während des Passierens

zielten die Franzosen, wie stets, besonders auf die Takelage, die

Engländer auf den Rumpf der Schiffe.

Als die englische Vorhut gegen 1 Uhr die französische Linie passiert

hatte, ließ =Harland= sie wenden, um am Feinde zu bleiben, und =Keppel=

befahl der Mitte das gleiche, als sie soweit war. Da aber viele Schiffe

der beschädigten Takelage halber das Manöver nicht ausführen konnten

und ihr Halsen der nachfolgenden wegen schwierig und damit zeitraubend

wurde, entstand große Unordnung, besonders in der Mitte. Der Admiral

holte deshalb gegen 2 Uhr nachm. das Signal zum Gefecht nieder und

heißte »Schlachtlinie bilden«. Die Linien hatten sich passiert, der

Kampf war zu Ende.

Seekriege und Seekriegswesen, Zweiter Band in ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung. Mit besonderer Berücksichtigung der grossen Seekriege des XVII. and XVIII. Jahrhunderts. · 第 35 / 63 段