englischen Generals =Burgoyne= bei Saratoga eintraf, schien der günstige
Augenblick gekommen, Englands Verlegenheit auszunutzen. =Vergennes=
empfing am 12. Dezember die Gesandten öffentlich, Frankreich erkannte am
6. Februar 1778 die neue Republik an, schloß mit ihr einen Handelsvertrag
und verpflichtete sich, sie mit seiner ganzen Kraft zu unterstützen, bis
sie ihre Unabhängigkeit errungen habe. Es stellte nur die Bedingung, daß
die Amerikaner nicht Frieden schließen dürften, ehe ihre Unabhängigkeit
gesichert sei, denn man nahm an, England werde um seine wertvollste
Kolonie bis aufs äußerste kämpfen und so schwere Schädigung erleiden.
Frankreich verzichtete dagegen feierlich für alle Zeiten auf jeden Besitz
in Nordamerika, womit auch der Wiedererwerb Kanadas ausgeschlossen war;
es behielt sich nur Eroberungen südlich der Bermudainseln, in Westindien,
vor.
Dieser Vertrag wurde am 13. März an England bekanntgegeben mit dem
Zusatz, daß sich die Vereinigten Staaten bereits im Besitz ihrer
Unabhängigkeit befänden und daß Frankreich erwarte, England würde alles
vermeiden, was seinen Handel mit denselben stören könne. Dies war eine
ausgesprochene Kriegsdrohung, und England rief darauf ohne weiteres
seinen Gesandten ab, der Paris am 16. März ohne Abschied verließ.
Frankreich tat das gleiche am 17. Eine formelle Kriegserklärung erließ
keine der Parteien, auch nicht, als die kriegerischen Unternehmungen
begannen. Der König von Spanien versuchte noch zu vermitteln, von
Frankreich hierzu angeregt, und dieses beging den Fehler, nicht gleich
anzugreifen, obgleich es kriegsbereiter als England war. Der Krieg ward
erst im Juni von diesem eröffnet, doch war schon am 13. April eine
französische Flotte nach Amerika gesegelt.
=Spanien= zur offenen Parteinahme zu bewegen, war bisher nicht gelungen.
Wenn auch die Minister den Krieg mit England wünschten, so war doch der
König nicht geneigt, eine Republik anzuerkennen, geschweige denn, sich
mit ihr zu verbünden, und so gab man vorläufig nur Geldunterstützungen
für die Amerikaner; man sollte überhaupt annehmen, daß es einer Macht,
die selber weitentlegene Kolonien besaß, nicht hätte ratsam erscheinen
dürfen, aufständische Kolonien eines anderen Staates zu unterstützen,
aber die Hoffnung Gibraltar, Minorca und vielleicht gar Jamaika
wiederzuerringen, ließ wohl über diesen Punkt hinwegsehen. Frankreich und
die spanischen Minister versuchten stetig weiter, den König umzustimmen,
jedoch noch im März 1779 blieb der König von Spanien selbst eigenhändigen
Briefen Ludwigs XVI. unzugänglich. Da benutzte man seine persönliche
Eitelkeit, machte ihn glauben, es sei seine Pflicht, zwischen Frankreich
und England zu vermitteln, und als dann seine Bemühungen an Englands
unannehmbaren Bedingungen scheiterten, hatte man ihn gewonnen. Am 12.
April 1779 unterzeichnete Spanien einen Vertrag mit Frankreich,
demzufolge ein gemeinsamer Einfall in England oder Irland unternommen und
Minorca erobert werden solle; beide Mächte verpflichteten sich, in keinen
Frieden oder Waffenstillstand zu willigen, ehe Gibraltar genommen sei.
Den Krieg erklärte Spanien erst am 16. Juni, um seine Rüstungen
inzwischen zu vollenden.
$Ziele des spanisch-französischen Bündnisses.$ In dem Vertrage wurden
als Ziele des Krieges festgelegt: Für Spanien: die Wiedergewinnung von
Gibraltar, Minorca, Pensacola nebst der Küste von Florida längs des
Bahamakanales; Vertreibung der Engländer aus der Honduras- und
Campeche-Bucht. Für Frankreich: Aufhebung der Verpflichtungen,
Dünkirchen sowie die Niederlassungen in Ostindien nicht zu befestigen;
Eroberung Dominicas.
An =Holland= erklärte England am 20. Dezember 1780 selber den Krieg, als
sein Versuch 1779, auf Grund des nun gerade hundert Jahre alten Vertrages
von den Niederlanden Unterstützung zu erhalten, wenn ein Einfall in
England drohe, am Widerstand der französischen Partei der Republik
gescheitert war. Dagegen hatten auch hier die Unterhändler Amerikas
Erfolg. In Amsterdam war es ihnen gelungen, Anleihen unterzubringen, ja
1779 im geheimen einen Handelsvertrag abzuschließen. England erhielt 1780
Kenntnis davon und suchte nun einen Kriegsgrund, denn auf Hollands Hilfe
konnte man nicht mehr rechnen, als Gegner aber fiel es bei der Schwäche
seiner Marine nicht ins Gewicht, sein Handel und seine Kolonien boten
dagegen lohnende Angriffsobjekte. Als nun Holland der gegen England
gerichteten sogenannten »bewaffneten Neutralität der Ostseemächte«
beitreten wollte, war der Grund gefunden[116].
[116] Ein genaueres Eingehen auf diese Verhältnisse würde zu weit
führen. Es sei verwiesen auf allgemeine Geschichtswerke, z. B.
Schlosser, Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts, Band 4, Seite
293 ff. Vgl. auch Kirchhoff Band 1, Seite 317, über die
bewaffnete Neutralität, und de Jonge Band 4, Seite 379 ff., über
Reibungen auf See zwischen England und Holland vor der
Kriegserklärung.
$Die bewaffnete Neutralität der Ostseemächte$ und ihre seerechtlichen
Forderungen. England hatte schon im vorigen Kriege das Recht
beansprucht, feindliches Gut in neutralen Schiffen wegzunehmen (vgl.
Seite 124 und 199). Dieser Grundsatz schädigte auch jetzt Holland und
die Ostseemächte schwer, in deren Hände während des Krieges ein großer
Teil des europäischen Handels überging; anderseits lag England daran,
gerade die Produkte der Ostsee, Schiffsmaterialien (Bauholz) und
Getreide, seinen Gegnern vorzuenthalten. Im Jahre 1780 traten auf
Anregung der Kaiserin =Katharina= II. Rußland, Dänemark und Schweden
zusammen und erließen eine Erklärung, in der gefordert wurde:
1. Neutrale Schiffe sollten das Recht haben, nicht nur nach
unblockierten Häfen, sondern auch von Hafen zu Hafen einer
kriegführenden Macht zu segeln (also den Küstenhandel dort im Gange zu
halten).
2. Das Eigentum der Untertanen einer kriegführenden Macht an Bord
neutraler Schiffe sollte unantastbar sein. (»Frei Schiff -- frei Gut«.)
3. Nur Waffen, Ausrüstungsgegenstände und Kriegsmunition sollten als
Kontrebande gelten. (Dies schloß Lebensmittel und Schiffsmaterialien
aus, soweit sie nicht der Regierung eines Kriegführenden gehörten.)
4. Die Blockaden sollten eine entsprechende Seestreitmacht in nächster
Nähe des blockierten Hafens erfordern, um bindend zu sein.
Die verbündeten Mächte verpflichteten sich, diesen Forderungen durch
Bereithaltung einer gemeinsamen Flotte von festgesetzter Mindeststärke
Nachdruck zu verleihen. Dem Vertrage schlossen sich am 8. Mai 1781
Preußen und am 9. Oktober 1781 der Kaiser (mit Rücksicht auf die
österreichischen Niederlande) an, später traten auch Portugal sowie
Neapel bei. Frankreich und Spanien erklärten sich einverstanden.
England versprach Rußland, dessen übrigens geringfügigen Handel zu
schonen und erhob zwar gegen die Erklärung keinen Widerspruch, dachte
aber auch nicht daran, sie zu beachten, was bei seiner Stärke zur See
kaum wundernehmen kann. Die Generalstaaten hatten sich nach langen
Verhandlungen am 20. November 1780 entschlossen, dem Bunde der
Ostseemächte beizutreten, ehe aber die Erklärung in Petersburg eintraf
(24. Dezember), erklärte England den Krieg. Rußland lehnte nun den
Beitritt Hollands -- und damit die Verpflichtung, für dasselbe
einzutreten -- mit der Begründung ab, daß dieser Staat nicht mehr
neutral sei; von England im geheimen beeinflußte Personen hatten dies
bewirkt.
$Kennzeichnung und Bedeutung des Seekrieges von 1778.$ =Der Landkrieg in
Nordamerika= ist für uns nur soweit von Wichtigkeit, als Seestreitkräfte
unmittelbar in ihn eingriffen und durch ihn Flottenbewegungen
hervorgerufen wurden; wir werden ihn deshalb auch nicht eingehender
schildern, als die Berücksichtigung dieser Punkte fordert. =Der Seekrieg=
aber, der 1778 begann, =ist von großer Bedeutung für die
Seekriegsgeschichte=. Es ist ein Kampf, wie ihn das 18. Jahrhundert noch
nicht gesehen hatte. In den vorangegangenen Kriegen -- dem Spanischen,
dem Österreichischen Erbfolgekriege und dem Siebenjährigen -- war
Englands Macht zur See weit überlegen. Es fand in den beiden
erstgenannten auch noch den Beistand der holländischen Marine, und wenn
diese auch nur gering war, so glich er doch die Unterstützung Frankreichs
durch Spanien aus, und im Siebenjährigen Kriege blieb Holland wenigstens
neutral. Außerdem war England, besonders in den beiden letztgenannten
Kriegen, an keinem Landkriege beteiligt, während Frankreich durch einen
solchen abgelenkt und zu großen Opfern genötigt wurde. So war es England
stets gelungen, durch früher oder später einsetzendes kräftiges Vorgehen
die Marine Frankreichs niederzuwerfen und dann die Früchte unbedingter
Seeherrschaft zu ernten, indem es dem Gegner die Hilfsquellen verstopfte
und ihm seine fernen Besitzungen abnahm.
Jetzt mußte England mit seinen abgefallenen Kolonien einen ernsten
Landkrieg führen und auch einen Teil seiner Seestreitkräfte in dessen
Dienst stellen; Frankreich dagegen war am Lande frei. Es war England
nicht geglückt, Verbündete zu finden, ja sogar die Anwerbung der durchaus
nötigen Hilfstruppen in Deutschland wurde bald durch Preußen und den
Kaiser eingeschränkt. Spanien trat diesmal beizeiten auf die Seite
Frankreichs, und die vereinten Marinen dieser Länder, beide in den
letzten Jahren wesentlich erstarkt, waren der englischen an Zahl der
Schiffe überlegen. Später kam dann noch Holland als Gegner Englands
hinzu, und dieses mußte auch mit den Kräften der »bewaffneten
Neutralität« bis zu einem gewissen Grade rechnen. Nicht zu unterschätzen
ist endlich die Schädigung der englischen Marine durch den Wegfall der
Seeleute aus den amerikanischen Kolonien, den man auf 18000 berechnet.
England war in einer gefährlichen Lage; es mußte neben dem Kampfe um
Wiederherstellung seiner Oberhoheit in Nordamerika auch seine, während
der letzten hundert Jahre errungene Seeherrschaft verteidigen. Diese
Obmacht zu brechen, die außer auf einer starken Marine auf den Kolonien,
den Marinestationen draußen und dem Seehandel in allen Teilen der Welt
beruhte, war das Ziel der Gegner. England befand sich in diesem Kriege in
der Verteidigung und suchte seine außerheimischen Besitzungen überall
durch eine genügende Macht zu sichern. Da nun seine Seestreitkräfte denen
der Gegner zahlenmäßig anfangs unterlegen, später etwa gleich waren,
hatten die Gegner mehrfach auf einem der Kriegsschauplätze, meistens auf
dem europäischen, das Übergewicht. Englands Streitkräfte waren aber aus
einem Guß und lagen in einer Hand, die der Verbündeten verstanden sich
nicht immer und wurden oft getrennt zu Sonderzwecken eingesetzt; beides
Schwächen der meisten Bündnisse. Zudem war auch der innere Wert der
englischen Marine doch ein höherer als der der anderen, vornehmlich der
spanischen, und so ging England schließlich unbesiegt aus dem schweren
Kampfe hervor.
In den vorhergegangenen Kriegen des 18. Jahrhunderts tritt zwar der große
Einfluß der unbeschränkten Seeherrschaft mehr hervor, das darauf fußende
stolze Auftreten Englands kennzeichnet ihn, aber der jetzt zu
besprechende ist seekriegsgeschichtlich bedeutungsvoller. Die
europäischen Gewässer von England bis Gibraltar, die Küsten Nordamerikas,
sowie West- und Ostindien bieten Kriegsschauplätze für große Flotten. Die
Strategie beider Parteien gibt Anlaß zu eingehenden Betrachtungen, und
auch in Hinsicht auf die Taktik bringt der Krieg viel Bemerkenswertes.
Auf allen Kriegsschauplätzen messen sich Flotten gleicher Stärke in
zahlreichen rangierten Schlachten, während die vorhergegangenen Kriege
deren nur wenige brachten. Gerade in den Kämpfen des Seekrieges 1778-1783
erkennen wir deutlich die Entwicklung der Seetaktik, wie wir sie als eins
der Kennzeichen des IV. Abschnittes hingestellt haben.
Die Streitmittel.
Die innere Geschichte der Marinen Frankreichs und Englands ist bereits
im Kapitel II (Seite 24 ff.) behandelt, dort sind sie auch auf ihren
Wert miteinander verglichen unter Hervorhebung einiger gerade für den
vorliegenden Krieg bemerkenswerten Punkte. Wir können uns deshalb hier
fast ganz auf Angaben über die Schiffsbestände und Schiffsverluste,
sowie auf Hinweise betreffend die wichtigsten anderen Punkte
beschränken.
$Frankreich.$ Den =Schiffsbestand= um 1778 kann man mit einiger
Sicherheit auf 70-80 Linienschiffe, 70 Fregatten und Korvetten, sowie
etwa 100 kleinere Fahrzeuge annehmen. Zur Verwendung überhaupt sind
während des ganzen Krieges 92 Linienschiffe gekommen: 6 des ersten Ranges
(110 Kanonen), 2 des zweiten (86 Kanonen), 84 des dritten (7 zu 80, 48 zu
74, 29 zu 64 Kanonen). Diese Zahl ist gleichzeitig niemals vorhanden
gewesen, in ihr sind Schiffe enthalten, die verloren gingen, und solche,
die neu erbaut wurden. =Der Verlust= betrug 18 Linienschiffe, sowie etwa
50 Fregatten und Korvetten; von den ersteren sind 12 vom Feinde
genommen, die übrigen vernichtet oder sonst verunglückt[117].
[117] Den Schiffsbestand für 1778 geben Chab.-Arnault zu 70
Linienschiffen, Bonfils zu 72, Mahan zu 80 an. Die Angabe über
die zur Verwendung gelangten, sowie über die verlorenen sind
Charnock, Band 3, Seite 220 entnommen (dort mit Namen der
Schiffe); eine Liste der Verlorenen bringt auch Clowes, Band 4,
Seite 114.
=Die Schiffe= waren fast sämtlich neu, vorzügliche Seeschiffe und auch
besser gehalten als in den vorangegangenen Kriegen, da Werften, sowie
Arsenale leistungsfähiger waren, doch scheint hierin nach der
Amtstätigkeit der beiden =Choiseul= schon wieder ein Rückschritt
eingetreten zu sein. Frankreich hatte jetzt auch Dreidecker (Schiffe
ersten Ranges), es stellte aber, wenn auch selten, noch immer
50-Kanonenschiffe in die Linie ein; seine Hauptkraft lag in Schiffen zu
74 Kanonen. Nur ein Bruchteil der Linienschiffe war gekupfert, und dies
gereichte ihnen zum Nachteil gegenüber den englischen durchweg
gekupferten, da die ungekupferten langsamer waren und dadurch häufig die
schnelleren behinderten.
=Die Seeoffiziere= waren besonders theoretisch sehr gut ausgebildet. Ihre
Zahl reichte aber bei der Indienststellung während dieses Krieges nicht
aus, so daß man stark auf die Reserve aus der Handelsmarine (die
sogenannten »officiers bleus«, vgl. Seite 31) zurückgreifen und auch
Offiziere des Heeres in die Marine einstellen mußte. Auch an
=Mannschaften= mangelte es, obgleich die seemännische Bevölkerung
zugenommen hatte und gegen 67000 Mann in den Inskriptionslisten
verzeichnet waren. Besonders später nach Verlusten, hauptsächlich durch
Krankheiten infolge der schlechten gesundheitlichen Verhältnisse an Bord
hervorgerufen, mußte man Fremde (Malteser, Genueser, ja Albaneser)
anwerben, Seesoldaten sowie Mannschaften des Heeres an Stelle fehlender
Matrosen einschiffen.
$Spanien$ besaß 1778 70 Linienschiffe: 2 zu 110 und 114 Kanonen, 2 zu 86,
7 zu 80, 48 zu 70-74, 11 zu 64. Hinzu traten 2 Schiffe zu 60, 2 zu 50,
sowie genügend Fregatten usw. Die Marine war mithin unter =Karl= III.
stattlich gewachsen, auch waren die Schiffe neu und gut gebaut. Aber alle
Quellen stimmen darin überein, daß es der spanischen Marine infolge der
sonstigen Verhältnisse im Lande an einer gesunden Organisation gefehlt
habe und daß, wie bisher, Werften und Arsenale nicht imstande gewesen
wären, die Schiffe gut auszurüsten. Ebenso sollen Offiziere wie
Mannschaften wie früher im allgemeinen minderwertig gewesen sein. =Der
Verlust= an Linienschiffen betrug 8, darunter 4 vom Feinde genommen, und
18 andere Kriegsfahrzeuge[118].
[118] Angaben nach Charnock, Seite 233. Mahan gibt für 1778 nur 60
Linienschiffe an, Chab.-Arnault gar nur 50. Eine Verlustliste
auch in Clowes, Seite 115.
=Holland= hatte kaum noch eine nennenswerte Marine.
$Die innere Geschichte seiner Marine$ sei kurz berührt (anschließend an
Seite 59; zusammengestellt nach de Jonge, Band IV, Seite 282, 392, 432,
472). =Wilhelm= IV., seit 1747 Statthalter, hatte versucht, die Marine
wieder zu heben. Er schuf Einrichtungen zu besserer wissenschaftlicher
Ausbildung der Seeoffiziere und sorgte für ihre Vermehrung, sowie
schnellere Beförderung. Er ernannte 5 Leutnantsadmirale, 6 Vize- und 8
Kontreadmirale, so daß die Marine mehr Flaggoffiziere zählte als zur
Zeit ihres höchsten Glanzes. Er erstrebte ferner, die Admiralitäten von
ihren Schulden zu befreien und die Zahl der Schiffe zu vermehren. Man
faßte auch dahinzielende Beschlüsse, doch wurden diese weder während
der kurzen Regierung Wilhelms (bis 1751) noch unter der
vormundschaftlichen Regierung seiner Gemahlin =Anna= durchgeführt, und
nach deren Tode (1759) schlief die Teilnahme für die Marine wieder
völlig ein.
So kam es, daß Holland bei Ausbruch des Siebenjährigen Krieges, in dem
nur einige Schiffe zum Handelsschutz Verwendung fanden, nicht stärker
dastand als 1741 und daß 1772 der Schiffsbestand sogar nur noch 12
Schiffe über 60 Kanonen (also zeitgemäße Linienschiffe), 14 zu 50-54, 6
zu 44, 15 zu 36, 18 zu 20-24 und 1 zu 12 -- also insgesamt 66 Segel --
betrug. =Wilhelm= V., der 1766 die Regierung selbständig übernahm,
versuchte den Bau der längst als notwendig erkannten Schiffe
durchzusetzen, aber erst 1778, als der Krieg zwischen England und
Frankreich ausbrach, beschlossen die Provinzen einstimmig, den Bau von
24 Linienschiffen (aber noch von 50 Kanonen an aufwärts gerechnet).
Im September 1780, also kurz ehe England den Krieg an Holland erklärte,
war man wegen Mangels an Geld und Mannschaften nur imstande, von dem eben
angeführten geringen Bestande 8 Schiffe zu 60-71 Kanonen, 10 zu 50-54,
sowie 11 Fregatten von 36-44 und 20 kleinere Fahrzeuge in Dienst zu
stellen. Der seit 1778 begonnene Bau von neuen Schiffen ging infolge
Geldmangels und zu geringer Leistungsfähigkeit der Werften nur langsam
vorwärts; erst 1783, vor dem Friedensschluß, zählte Holland im Bestande 9
Schiffe zu 70-76 Kanonen, 23 zu 60-64, 14 zu 50-54, 26 zu 36 bis 40, 12
zu 20 und 56 kleinere Fahrzeuge (Kutter, Advijsjagden und
Küstenfahrzeuge). Um diese in Dienst zu stellen, wären 31000 Mann nötig
gewesen; wirklich in Dienst waren jedoch nur 11 Linienschiffe über 60
Kanonen, 11 über 50, 21 schwere Fregatten, 11 Korvetten, sowie sämtliche
kleineren Fahrzeuge mit einer Gesamtbesatzung von 19000 Mann. Man
beabsichtigte die ganze Flotte mobil zu machen, aber infolge des
Waffenstillstandes kam es nicht mehr dazu. =Der Verlust= an Schiffen im
Kriege betrug 4 Schiffe von 50-64 Kanonen und 5 von 16-38; 7 dieser
Fahrzeuge waren vom Feinde genommen.
$Die bewaffnete Neutralität der Ostseemächte$ verpflichtete sich, an
Seestreitkräften bereit zu halten:
----------------------+-------+-------+-------+-------
Schiffe mit Kanonen | 70-76 | 60-66 | 40-50 | 20-38
======================+=======+=======+=======+=======
Rußland | 3 | 16 | 6 | 9
| | | |
Dänemark | 6 | 6 | 4 | 9
| | | |
Schweden | 6 | 8 | 3 | 11
----------------------+-------+-------+-------+------
Gesamt 15 30 13 29
-----------
|
45 Linienschiffe.
$England$ hatte $1775$ einen =Schiffsbestand=[119]: von 131
Linienschiffen: 4 zu 100 Kanonen, 17 zu 90 und 98, 99 zu 64-80, 11 zu 60,
16 Schiffe zu 54 und 4 zu 44; an Fregatten: 38 zu 32 und 36 Kanonen, 24
zu 28, 7 zu 24, 13 Schiffe zu 22 und 20, 38 Sloops zu 8-18 Kanonen.
Insgesamt 269 Segel, zu denen noch eine große Zahl kleinerer Fahrzeuge
(cutter, adviceboats) traten. =Der Verlust= im Kriege betrug 13
Linienschiffe (nur eins fiel in Feindeshand), 57 Schiffe von 20-50
Kanonen (16 genommen) und 100 Sloops sowie kleinere Fahrzeuge (50 in
Feindeshand). Aber wiederum vermehrte England während des Krieges seine
Flotte derart, daß um $1788$ 174 Linienschiffe und insgesamt 450, ja mit
Einschluß der ganz kleinen Fahrzeuge 650 Segel vorhanden waren.
[119] Vgl. Seite 18 die Tabellen mit den Angaben für 1775 und 1783. In
diesen großen Zahlen sind aber ohne Frage stets viele alte
Schiffe enthalten, die nicht mehr den Anforderungen genügten. --
Die Verluste an Schiffen unter Angabe der Namen vgl. Clowes, Bd.
IV, Seite 109.
Hervorzuheben ist dabei, daß der Zuwachs an Linienschiffen vorwiegend in
solchen zu 74 Kanonen (etwa 40 solcher) bestand; ferner waren die Schiffe
zu 44 und 50 Kanonen (auch etwa um 40), sowie die Fregatten mit über 30
Kanonen (etwa um 50) besonders vermehrt. Die englischen =Seeoffiziere=
zeichneten sich vor den französischen besonders durch seemännische
Geschicklichkeit und Erfahrung, sowie infolge der vorhergegangenen
siegreichen Kriege durch Kühnheit und Selbstvertrauen aus. Für die
=Mannschaften= war gleichfalls vorzügliches Material vorhanden, hier aber
trat im Gegensatz zu Frankreich bei Beginn des Krieges, wie auch früher
stets, Mangel zutage, weil viele Seeleute mit den Handelsschiffen
abwesend waren; es mußte beim Pressen auf minderwertiges Personal
zurückgegriffen werden.
Wenn wir =den Vergleich der Seestreitkräfte= (vgl. Kapitel II, Seite 33)
nochmals zusammenfassen, so ergibt sich, daß die Vorteile für Frankreich
und Spanien aus den neueren und besseren Schiffen durch die Tüchtigkeit
der englischen Besatzungen mehr als aufgewogen wurden; auch führte
England während des Krieges die Kupferung der Schiffe allgemein durch und
erreichte damit eine annähernd gleiche Geschwindigkeit dieser in den
Flotten. An Schiffszahl aber konnte England in diesem Kriege nicht
überlegen auftreten. Sein Gesamtschiffsbestand war zwar 1778 dem der
vereinigten Gegner gleich und überwog ihn 1783 bedeutend. Aber in keinem
Kriegsjahre hat England auch nur annähernd so viel Schiffe in Dienst
gestellt, wie der Bestand aufwies, während Frankreich und Spanien dies
taten.
Es ist möglich, daß England durch Mangel an Geld, Material und Leuten
beschränkt wurde, wahrscheinlicher ist es jedoch, daß der Gesamtbestand
eine große Zahl von Fahrzeugen enthielt (namentlich unter den
Linienschiffen[120], die nicht mehr kriegsbrauchbar waren; ein Umstand,
der bei den neugegründeten Marinen der Gegner fortfiel. Da nun Englands
Strategie -- häufig als unrichtig beurteilt -- in diesem Kriege dahin
strebte, auf allen Kriegsschauplätzen stets einem Angriff gewachsen zu
sein, waren die Verbündeten in den europäischen Gewässern immer und auch
auf den überseeischen Schauplätzen bisweilen die Stärkeren. Man hatte in
England vor diesem Kriege, obgleich er lange vorauszusehen war, den
schon weit früher von Marineautoritäten aufgestellten Grundsatz aus dem
Auge gelassen, die Marine stets der vereinigten Seemacht der beiden
bourbonischen Königreiche gewachsen zu halten.
[120] Wir werden ein Beispiel finden (Schlacht auf der Doggerbank
1781), wo sich selbst unter den in Dienst gestellten
Linienschiffen anerkannt minderwertige befanden.
$Eine Zusammenstellung der Indiensthaltungen$ während der Kriegsjahre
möge Vorstehendes veranschaulichen. Die Angaben über England sind einer
Tabelle aus Colomb, »Naval Warfare«, Seite 366 entnommen. Es ist die
einzige ihrer Art, die in den Quellen zu finden war, und auch sie ist
nach Angabe des Autors nur im allgemeinen genau, da infolge von
Konvoibegleitungen, Ablösungen ausbesserungsbedürftiger Schiffe usw.
beständig Verschiebungen vorkamen. Über Frankreich und Spanien war
keine solche Zusammenstellung zu finden (mit Ausnahme der Angabe über
Frankreich für das Jahr 1700, welche Lacour II, Seite 305 entnommen
ist); wir mußten die Zahlen nach den Angaben über die bei kriegerischen
Ereignissen zur Verwendung gelangten Schiffe annähernd errechnen.
Die so geschätzten Zahlen werden zu niedrig sein, denn wie bei England
die Gesamtzahl der Schiffe auf den Stationen stets weit größer ist als
die bei den großen Unternehmungen genannte, ist es auch bei den
Verbündeten der Fall; auf beiden Seiten wurde eine gewisse Zahl von
Linienschiffen durch Ablösungsfahrten, Handelsschutz und Handelskrieg,
Schutz der Häfen usw. der Verwendung in den großen Schiffsverbänden
entzogen. Immerhin werden die Angaben einigermaßen zu einem Vergleiche
der von beiden Seiten aufgestellten Seestreitkräfte dienen können.