Diese Gewalttat der Kolonisten machte den Bruch mit dem Mutterlande

unheilbar; Regierung und öffentliche Meinung in England stimmten darin

überein, daß jetzt rücksichtslos, besonders gegen Massachusetts,

vorgegangen werden müsse. Das Parlament faßte im März 1774 drei

Beschlüsse: Sperrung des Hafens von Boston für alle Waren außer

Bedürfnissen des königlichen Dienstes; Aufhebung der demokratischen

Verfassung in Massachusetts und Einführung einer vorläufigen

Militärdiktatur; Ausdehnung der Grenzen Kanadas mit seiner

absolutistischen Verfassung auf Gebiete, die von den Neuenglandstaaten

beansprucht wurden.

Zugleich ward =General Gage= mit vier Regimentern Mitte Mai als neuer

Gouverneur nach Boston gesandt; er schloß den Hafen, sperrte die Stadt

ab, verlegte die gesetzgebende Versammlung nach Salem und löste sie bald

hernach ganz auf. Die Einwohner von Massachusetts begannen jetzt, sich

überall zu widersetzen, den Engländern die Beschaffung von Lebensmitteln

zu erschweren und durch Anhäufung von Kriegsmaterial sowie Übungen der

Milizen den Kampf vorzubereiten; der gesetzgebende Körper forderte vor

seiner Auflösung die übrigen Kolonien auf, Deputierte zu einem

allgemeinen =Kongreß in Philadelphia= zu senden.

Dieser Kongreß ward im September 1774 von zwölf Staaten[113] beschickt,

nur Georgia schloß sich erst im folgenden Jahre an. Ein Ausschuß der

bedeutendsten Männer des Kongresses verfaßte mit Mäßigung, großer

Beredsamkeit, sowie mit steter Berufung auf die englischen Gesetze eine

Anzahl von Staatsschriften, die eine Abhilfe der Mißstände, aber immer

noch auf loyalem Wege anbahnen sollten; sie erschienen im Herbst 1774.

Die wichtigsten sind: Eine Schilderung der Verhältnisse der in ihrer

Verfassung bedrohten Provinz Massachusetts; eine »Erklärung der Rechte

der Kolonien« nach Art der einst vom englischen Parlament gegen Karl I.

ergangenen »Petition of rights«; eine Bittschrift an den König; eine

Adresse an das englische Volk, in der zu beweisen versucht wurde, daß die

Amerikaner Verteidiger der Rechte aller Engländer gegen die Übergriffe

der Regierung seien.

[113] =Die 13 Kolonien= seien nochmals aufgeführt: =Die vier

nördlichen=, die sogenannten »Neuenglandstaaten«, Newhampshire,

Massachusetts mit Maine, Connecticut, Rhode-Island; =die fünf

mittleren=, New York, New Jersey, Delaware, Pennsylvanien,

Maryland; =die vier südlichen=, Virginien, Nord- und Südcarolina,

Georgien. In den Neuenglandstaaten war die Stimmung gegen das

Mutterland am schroffsten.

In den Schriften lagen jedoch auch versteckte Drohungen, u. a. die

Erklärung, die Kolonien würden jede Verbindung mit England abbrechen, bis

ihren Beschwerden abgeholfen wäre. Der Kongreß sprach ferner den

Einwohnern von Boston seine Zustimmung für ihr bisheriges Auftreten aus

und ermutigte sie, den Widerstand fortzusetzen, auch wurden die Kanadier

aufgefordert, sich den Kolonien anzuschließen. In England fanden diese

Erklärungen und Petitionen kein Gehör, obgleich sie durch den

Handelsstand sowie durch Pitts Partei warm unterstützt wurden. Im übrigen

Europa, besonders in Frankreich, erregten sie große Begeisterung für die

Amerikaner.

Der König wies die Bittschrift geringschätzig ab, und =das Parlament

erklärte im Februar 1775 Massachusetts für im Aufstande befindlich=,

untersagte allen Verkehr mit Neuengland, sowie die Ausübung der Fischerei

auf den Neufundlandbänken seitens der Amerikaner, um so deren Handel

lahmzulegen, und bewilligte 6000 Mann neue Truppen. Nun brachte zwar

=Lord North= noch den Zusatz durch, die Zwangsmaßregeln sollten

erlöschen, sobald eine Kolonie sich unterwerfe und einen festen

Steuerbetrag bewillige, aber diesen schwachen Versöhnungsversuch wiesen

die Amerikaner zurück und den Regierungsmaßregeln setzten sie Gewalt

entgegen. Die Mehrzahl des Volkes erklärte sich gegen England, nur

wenige, die sogenannten »Loyalisten« blieben ihm treu. England dagegen

gab seinen Beschlüssen keinen genügenden Nachdruck durch die Tat, sondern

hoffte immer noch durch bloße Drohungen Nachgiebigkeit zu erreichen und

ließ so dem Gegner Zeit zum Rüsten. Dies wurde besonders in Massachusetts

eifrig betrieben. Die Milizen wurden besser gegliedert; mit Hilfe fremder

Offiziere und vieler Amerikaner, die bisher im englischen Dienst

gestanden hatten, stellte man stehende Truppen auf; Arsenale, Waffen- und

Pulverfabriken wurden eingerichtet. Im Winter 1774/75 standen in

Massachusetts bereits so viel Amerikaner unter Waffen, daß sich General

=Gage= auf Boston beschränkt sah; in Newhampshire bemächtigten sich

(Dezember) die Milizen zweier kleiner Forts und in Rhode-Island nahmen

sie 40 Kanonen.

Im Mai 1775 trat der Kongreß in Philadelphia wieder zusammen. Er sandte

nochmals Adressen an König und Parlament, traf aber gleichzeitig

Maßregeln für den Krieg. Es wurde die Ausgabe von drei Millionen

spanischer Dollars Papiergeld festgesetzt, jeder Verkehr mit England und

dessen anderen Kolonien verboten, sowie die Aufstellung eines

Nationalheeres angeordnet; zum Oberbefehlshaber ward am 16. Juni =George

Washington= ernannt -- der rechte Mann an der rechten Stelle. Tatsächlich

hatte =der Krieg= mit einem blutigen =Zusammenstoß bei Lexington= am

18./19. April =schon begonnen= und gleich darauf setzte Massachusetts

Truppen gegen Boston und gegen die Grenzen Kanadas in Marsch. Als der

Kongreß unter dem Einfluß des aus England zurückgekehrten Franklin, sowie

in sicherer Hoffnung auf französische Hilfe am 4. Juli 1776 die

=Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika= erklärte, dauerte

der Krieg bereits ein Jahr.

$England, Frankreich und Spanien bis zum Aufstande der Kolonien.$ Wenn

man in England mit Recht über die Ergebnisse des Pariser Friedens (vgl.

Seite 127) mißgestimmt war, so hatte man doch in Frankreich noch mehr

Grund, mit dem Ausgange des letzten Krieges unzufrieden zu sein. Englands

Gewinn entsprach nahezu dem Verluste Frankreichs und dieses mußte die

Einbuße Spaniens, die Abtretung Floridas an den Sieger, auch noch durch

Überlassung Louisianas an seinen Verbündeten wettmachen. Der Ingrimm über

die erlittenen Niederlagen trat hinzu, um in Frankreich den Gedanken an

Wiedervergeltung in der Zukunft wachzuerhalten. Der =Herzog von

Choiseul= arbeitete auf dieses Ziel hin, solange er am Ruder blieb. Er

verstärkte die Streitmacht zu Wasser wie zu Lande und pflegte das Bündnis

mit Spanien (der Bourbonische Familienvertrag von 1761; vgl. Seite 119),

das auch diesem Staat durch die Familienbande zwischen den

Herrscherhäusern wie durch die Furcht vor Englands Seemacht nahelag;

hierzu trat der Haß wegen alter wie neuer Verluste an England -- Jamaika,

Gibraltar, Minorca, Florida. Für den letzten Krieg war das Bündnis zu

spät gekommen, aber bei rechtzeitiger Vorbereitung versprach es Erfolg.

Den beiden benachbarten Königreichen mit ihren vorzüglichen Kräften mußte

es gelingen, gemeinsam eine Seemacht aufzustellen, die der englischen

gewachsen war; vielleicht fanden dann auch schwächere Seestaaten den Mut,

sich gegen die Seeherrschaft Englands aufzulehnen.

Nur die ungünstigen inneren Verhältnisse Englands bedingten es, daß dem

Siebenjährigen Kriege nicht sehr bald ein neuer Seekrieg mit den alten

Gegnern folgte. Französische Geschichtschreiber behaupten, England habe

den Ausbruch des genannten Krieges beschleunigt, um den Ausbau der

französischen Marine zu verhindern. Der gleiche Grund lag jetzt vor und

um so schwerwiegender, da man in England wußte, daß Frankreich und

Spanien entschlossen seien loszuschlagen, sobald man sich stark genug

fühle und eine günstige Gelegenheit sich biete. Auch hat es für England

nicht an Anlässen gefehlt. Solchen bot zunächst die Erwerbung Corsicas

durch Frankreich, dessen maritime Stellung im Mittelmeer dadurch sehr

gestärkt wurde.

$Corsica von Frankreich erworben.$ Die kriegerischen Corsen waren, auf

die Unzugänglichkeit ihrer Gebirge trotzend, schon seit 1730 gegen die

aussaugende Herrschaft Genuas im Aufstande, der nicht ohne kaiserliche

oder französische Hilfe und dann immer nur auf kurze Zeit

niedergeworfen werden konnte. Müde der vergeblichen Kämpfe, trat

endlich die Republik im Vertrage vom Compiègne 1768 Corsica förmlich an

Frankreich ab; um Österreich und England gegenüber diese

Gebietserweiterung Frankreichs zu verschleiern, erfolgte sie in Form

eines Unterpfandes für aufgewandte Kriegskosten. Frankreich unterwarf

dann mit 30000 Mann in kurzer Zeit die Insel. =Pasquale Paoli=, der

tapfere Führer der Aufständischen, mußte 1769 nach England fliehen, wo

er begeistert aufgenommen wurde und von der Regierung eine Pension

erhielt.

Wohl wies u. a. Burke auf die hierdurch für England geschaffene Gefahr

hin, und der Admiral Sir Charles Sounders erklärte im Unterhause, es wäre

besser, Frankreich den Krieg zu erklären, als ihm Corsica zu überlassen.

Die Regierung führte auch anfangs eine geharnischte Sprache, verschleppte

aber dann die Sache, bis Frankreich im sicheren Besitz war. Die Aufhebung

einer englischen Niederlassung auf den Falklandinseln hätte noch leichter

Anlaß zum Kriege geben können.

$Englisch-spanischer Streit um die Falklandinseln.$ 1764 hatten die

Franzosen durch den Weltumsegler =Bougainville= auf diesen Inseln eine

Kolonie Port Louis gegründet, die Engländer folgten 1766 mit der

Niederlassung Port Egmont. Gegen beide erhob Spanien Einspruch, und

Frankreich holte seine Kolonisten wieder ab, die Engländer wurden mit

Gewalt vertrieben. Die Spanier verlangten von dem englischen

Befehlshaber dort die Räumung der Ansiedlung innerhalb von sechs

Monaten und erzwangen diese, ehe noch Weisung von London ergangen war,

im Juni 1770 mit fünf Fregatten und 1600 Mann; die schwache Garnison,

die keinen Widerstand hatte leisten können, ward nach England

geschickt.

Dieser Gewaltakt erregte die öffentliche Meinung in England heftig,

während der corsicanische Zwischenfall mehr nur die Staatsmänner

beschäftigt hatte. =Choiseul= und die spanischen Minister erwarteten und

erhofften eine Kriegserklärung, da sie sich schon stark genug glaubten.

England rüstete auch eine Flotte von 40 Linienschiffen, zeigte sich aber

doch mit einer leichten Genugtuung zufrieden. König Karl III. mochte zwar

anfangs nicht nachgeben, aber Ludwig XV. wollte keinen Krieg, und

=Choiseul=, dessen Stellung durch die Freunde der Dubarry schon

erschüttert war, wurde im Dezember 1770 gestürzt. Sein Nachfolger, der

=Herzog d'Aiguillon=[114] -- der »Held von St. Cas« (vgl. Seite 146) --,

der nur den Willen des Königs ausführte, wurde schnell mit Lord North

einig, und England gab Port Egmont als zu kostspielig freiwillig auf.

[114] Der =Herzog von d'Aiguillon= war als Günstling Louis' XV. schnell

bis zum Gouverneur der Bretagne gestiegen. Als solcher geriet er

durch gewissenlose Willkür in so schwere Händel mit dem

Parlament, daß er 1768 abberufen wurde. Durch die Dubarry ward er

Nachfolger Choiseuls. Sein Ministerium gilt als die äußerste

Entartung des »alten Regime«. Ludwig XVI. entließ ihn sofort.

=Die Schwäche der englischen Politik=, die sich bei beiden Gelegenheiten

offenbarte, war =eine Folge der inneren Zwistigkeiten in England=, die ja

auch den übereilten Frieden von Paris verschuldet hatten. König =Georg=

III. strebte seit seiner Thronbesteigung (25. Oktober 1760) danach, eine

selbständige, persönliche Politik zu führen, besaß aber weder die

Geistes- noch die Charaktereigenschaften dazu. Er wollte die Macht der

Krone erweitern und das Parlament in ihr gefügiges Werkzeug verwandeln;

Männer von festem Charakter waren ihm zuwider, jede republikanische

Gesinnung verhaßt. Er verdrängte den tatkräftigen =Pitt= durch seinen

Günstling =Lord Bute=, der ihm ein gefügiges Werkzeug war. Dieser mußte

zwar gleich nach dem mißliebigen Friedensschlusse wieder zurücktreten,

aber das System blieb dasselbe.

Viele dem Volke mißliebige Regierungsmaßregeln, so auch das schroffe

Vorgehen gegen die amerikanischen Kolonien, sind auf des Königs

persönliche Anregung zurückzuführen. Seiner inneren Politik folgte eine

Auflösung aller Parteiverhältnisse und statt fester langjähriger

Ministerregierungen wie bisher, fand ein ununterbrochener Wechsel statt;

erst =Lord North= blieb von 1770 an 12 Jahre im Amte. Immer lauter

erscholl im Lande der Ruf nach einer Reform der Volksvertretung, immer

heftiger wurden Regierung und Parlament angegriffen und gleichzeitig

spitzte sich der Streit mit den Kolonien immer mehr zu.

Die englische Regierung war unter diesen Umständen weder kampflustig noch

fühlte sie sich kriegsbereit, und auch in Frankreich erlosch die

Kriegsneigung nach dem Falle Choiseuls bis zum Tode Ludwigs XV.; die

unfähige Regierung hatte auch hier genug mit den inneren Verhältnissen zu

tun. Doch ist es von Wichtigkeit, Choiseuls Pläne gegen England kennen zu

lernen, da man späterhin mehrfach auf sie zurückkam.

$Choiseuls Pläne gegen England.$ =Choiseul= suchte nicht nur die

Streitmittel Frankreichs und Spaniens für die nächste günstige

Gelegenheit zur Abrechnung mit England bereitzustellen, sondern traf

auch sonst alle Maßnahmen für den Krieg. Da er Streitigkeiten Englands

mit seinen Kolonien voraussah, sandte er 1764 und 1766 einen

Seeoffizier nach Nordamerika, um die Küstenverhältnisse zu erforschen,

sowie 1767 den Baron =von Kalb=, den späteren amerikanischen General

und Freund Lafayettes, um sich über die Stimmung in den Kolonien zu

unterrichten.

Vor allem aber ließ er Pläne für einen Einfall in England entwerfen.

Man findet in Lacour (I, Seite 416 ff.) verschiedene derselben, von

denen besonders zwei bemerkenswert sind. Auch nach England waren

Offiziere zur Untersuchung geeigneter Landungsplätze geschickt. Einer

dieser, ein Landoffizier =de Berille=, schlug nun vor, Spanien solle

für sich Demonstrationen oder Diversionen unternehmen, um die Nachteile

gemeinsamer Operationen auszuschalten, Frankreich aber an vier Stellen

-- Lime, Dartmouth, Fowey und Looe -- landen und auf Bristol

marschieren, um diesen wichtigen Handelsplatz zu nehmen, dann würde

London vom Könige und Parlament den Friedensschluß verlangen. Die

Expedition solle von den kleinen Häfen der Bretagne ausgehen und auf

Fischerfahrzeugen in einer der langen Nächte gegen Ende des Winters,

»plötzlich und heimlich wie Schmuggler« übergeführt werden, wenn ein

Sturm die englische Flotte vertrieben habe.

Auch =Choiseul= selber entwarf einen Plan mit genauer Verteilung der

französischen Flotte, die dazu bis 1770 auf 80 Linienschiffe und 40

Fregatten zu bringen sei; Spanien sollte 20 Linienschiffe dazu stellen

und gleichzeitig Portugal erobern. Ein ähnlicher Plan, und zwar der

bemerkenswerteste, stammte vom =Graf Broglie=, dem Bruder des berühmten

Marschalls. Wie Ludwig XV. sich ihm allein bekannte Agenten im Auslande

hielt -- man sagt, nur um das Vergnügen zu haben, besser unterrichtet

zu sein als seine Minister --, so hatte er auch Broglie heimlich mit

der Aufstellung eines Planes betraut und einen Ingenieuroffizier nach

England gesandt, der die Mündung der Themse sowie die Häfen, Arsenale

und die Marschwege nach London von der Küste von Cornwallis an

erkundete.

Nach Broglies Entwurf sollte Spanien Jamaika und Nordamerika mit einer

Flotte bedrohen, mit einer andern Irland und gleichzeitig Gibraltar

angreifen, während Frankreich Seestreitkräfte von Toulon gegen Minorca

und Ostindien, von Brest gegen Schottland zu senden habe. Es waren dies

aber nur Diversionen. Zum Hauptangriff sollte das Gros der Brestflotte

60000 Mann über den Kanal führen und sie zwischen Dungeness und

Beachyhead landen; der Marsch gegen London war tagweise festgelegt.

=Broglie= arbeitete den Plan 1763-1766 aus, legte ihn aber 1768 mit

Genehmigung des Königs Choiseul vor, wohl aus Furcht vor dessen Zorn

und auch, um nicht nur zum Vergnügen des Königs gearbeitet zu haben.

Choiseul billigte ihn, er wurde auch 1777 =Ludwig= XVI. unterbreitet,

und endlich nahm =Napoleon= I. Kenntnis von ihm.

Eingehende Tabellen über die nötigen Streitkräfte und Transportmittel,

sowie über die Maßregeln, die England voraussichtlich zur Abwehr

ergreifen müsse, waren aufgestellt; wir geben einige Auszüge aus

ihnen[115].

[115] Wir geben diese Auszüge zum späteren Vergleich mit den

Vorbereitungen, die Napoleon I. 1803/05 für den Einfall in

England durch Aufstellung des sog. Lagers von Boulogne traf.

Frankreich sollte stellen:

für den Einfall 40 Liniensch., 20 Freg., 60000 Mann

" Schottland 6 " 800 "

" Minorca 10 " 10 " 15000 "

" Ostindien (dieselben Schiffe) 1500 "

----------------------------------------------------------

Insgesamt 50 Liniensch., 36 Freg., 77300 Mann.

Spanien:

Gegen Gibraltar 12 Liniensch., 8 Freg., 20000 Mann

" Westind. 15 " 10 " 12000 "

" Irland 15 " 20 " 15000 "

---------------------------------------------------

Insgesamt 42 Liniensch., 28 Freg., 47000 Mann

England brauche dagegen

für den Einfall 45 Liniensch., 25 Freg. 40000 Mann

" Schottland 6 " 5-6000 "

" Minorca 4500 "

" Ostindien 10 "

Gegen Gibraltar d. v. Minorca } 4000 Mann

" Westind. 20 } einige 8000 "

" Irland 15 } 10000 "

---------------------------------------------------

Insgesamt 101 72000 Mann

Die Truppen für den Einfall in England -- 54000 Mann Infanterie, 3000

Kavallerie, 3000 technische Waffen, eingeteilt in vier Divisionen --

sollten in Dünkirchen, Calais, Boulogne auf 130 Transportern

eingeschifft werden, in Dieppe und Havre auf 200, in Honfleur und

Cherbourg auf 110, in St. Malo und Morlaix auf 150 solchen. Die

Brestflotte, 40 Linienschiffe, hatte die englischen Seestreitkräfte in

den heimischen Gewässern, die mit Sicherung der ganzen Küste betraut

und nicht vereint sein würden, zu schlagen, um den Weg freizumachen.

Es ist bemerkenswert, daß bei Ausbruch des Krieges 1778 in Frankreich

wie in Spanien das in diesem Plane verlangte Schiffsmaterial reichlich

vorhanden und daß auch die Stärke der englischen Marine richtig

eingeschätzt war. Wir werden dies aus den späteren Betrachtungen der

Streitmittel der Gegner in diesem Kriege ersehen.

$Die Entstehung des Seekrieges zwischen Frankreich, Spanien, Holland und

England.$ Als =Ludwig= XVI. die Regierung antrat, näherten sich die

Unruhen in Nordamerika ihrem Höhepunkt. Der drohende Bruch zwischen

England und seinen Kolonien schien für Frankreich eine günstige

Gelegenheit, die erlittenen Verluste wettzumachen, und der Minister des

Äußern unter dem neuen König, =Graf von Vergennes=, der letzte tüchtige

Staatsmann des alten Regimes, war bereit, sie auszunützen. Er stützte

sich dabei auf weite Kreise des Volkes. Die französische Jugend der

höheren und höchsten Stände brannte darauf, die militärische Ehre des

Landes wiederherzustellen, und die sogenannte »aufgeklärte Gesellschaft«,

begeistert für die Gedanken Montesquieus und Rousseaus, hegte die wärmste

Teilnahme für die demokratischen Amerikaner. Die Erhebung der Kolonien

1775 erregte in Frankreich großen Jubel, und die geheimen Bemühungen der

Amerikaner um Frankreichs Hilfe hatten Erfolg, wenn auch zunächst nicht

offensichtlich.

=Vergennes= neigte zwar schon Anfang 1776 zur erklärten Parteinahme gegen

England, aber der Finanzminister =Turgot=, mit durchgreifenden Reformen

in seinem Ressort beschäftigt, riet zum Abwarten. Er scheute die Kosten,

solange der Erfolg nicht ganz sicher schien, und äußerte die Ansicht, daß

schon der Kampf Englands mit seinen Kolonien Frankreich Vorteile bringen

würde. Er empfahl Beobachtung der Vorgänge in Großbritannien und

Nordamerika, weitere Stärkung der Marine, sowie Vorbereitungen für einen

Einfall in England und vorsichtige Unterstützung der Amerikaner mit

Kriegsmaterial. Seine Ansicht wurde von bedeutenden Männern geteilt,

aber nicht von der Hofpartei, und als er von dieser wegen seiner Reformen

gestürzt war (Mai 1776), die den privilegierten Ständen mißfielen, wurde

aus der heimlichen Parteinahme bald eine offene. Nach der

Unabhängigkeitserklärung traten an Stelle der bisherigen geheimen Agenten

wirkliche Bevollmächtigte der »Vereinigten Staaten von Nordamerika«.

Im Dezember 1776 erschienen als solche =Benjamin Franklin=, =Silas Deane=

und =Lee= in Paris, um von der französischen Regierung die Anerkennung

des neuen Staates, sowie den Abschluß eines Bündnisses zu erlangen. Diese

Verhandlungen gingen zwar vorläufig nur durch Mittelspersonen, da die

französische Regierung noch nicht mit England brechen wollte -- auch der

neue Finanzminister =Necker= erklärte sich wegen der Finanznot gegen

unmittelbare Einmischung; man war noch nicht genügend gerüstet und große

militärische Erfolge hatten die Amerikaner bislang nicht aufzuweisen --,

aber sie hoben doch die Begeisterung für Amerika in Frankreich noch mehr.

$Die amerikanischen Agenten in Frankreich.$ =Silas Dean=, ein Mitglied

des Kongresses, war schon vor dem Abfall der Kolonien als politischer

Agent und Handelskommissär nach Frankreich gekommen, wo er mit der

Regierung sowie Privaten unterhandelte, um Geld zu leihen,

Kriegsmaterial zu kaufen, Offiziere und Freiwillige zu werben; er

sammelte auch einen Kreis von Personen um sich, die von Begeisterung

für die Sache der Amerikaner, von Haß gegen England und von Kriegslust

erfüllt waren. Auf sein Betreiben gingen mit Erlaubnis der Regierung

reiche Geldmittel, Kriegsmaterial, durch dritte Hand von der Regierung

erhalten, sowie zahlreiche Offiziere nach Amerika. Die nach der

Unabhängigkeitserklärung eingetroffenen Gesandten gewannen die

öffentliche Meinung noch mehr für die amerikanische Sache. Ohne jede

Kenntnis der engherzigen religiösen und politischen Ansichten der

herrschenden Klasse in den Kolonien sah man in den Amerikanern Kämpfer

für religiöse Freiheit und politische Ideale, selbst die recht

nüchternen Nachrichten der nach Amerika gegangenen Offiziere blieben

unbeachtet.

=Franklin= war der rechte Mann, diese Stimmung zu heben. Statt eines

klugen und berechnenden Diplomaten, wie er es war, sah man in dem mit

gesuchter Einfachheit, mit Ruhe und Milde auftretenden alten Manne das

Vorbild des vollendeten Philosophen. Er wurde der Mann des Tages;

Philosophen, junge Offiziere, Damen der Gesellschaft und Höflinge

drängten sich zu ihm. Immer mehr gab man dem Bestreben der Gesandten

nach, Frankreich zu offener Parteinahme zu bewegen, vernachlässigte die

Vorsicht bei den Unterstützungen und versuchte kaum noch, England durch

friedliche Versicherungen zu täuschen. Viele bedeutende Personen gingen

von oder über Frankreich nach Amerika, so der junge =Marquis de

Lafayette=, einer der glänzendsten und reichsten Edelleute, der in

Begleitung des schon als Agent Choiseuls erwähnten deutschen =Barons

von Kalb= und einer kleinen auserlesenen Schar auf eigenem Schiff

hinübersegelte; die Regierung sandte ihm mit Rücksicht auf England der

Form halber einen Haftbefehl nach und ließ ihn auch durch zwei

Kriegsschiffe verfolgen. Ihm folgten später der ehemalige preußische

Offizier und Adjutant Friedrichs II. =von Steuben=, der Pole

=Kosciusko= sowie verschiedene Franzosen, die sich nachher in den

Revolutions- sowie Napoleonischen Kriegen auszeichneten, z. B.

=Custine= und =Berthier=.

Seekriege und Seekriegswesen, Zweiter Band in ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung. Mit besonderer Berücksichtigung der grossen Seekriege des XVII. and XVIII. Jahrhunderts. · 第 30 / 63 段