Kriegsschauplätzen mit Erfolg zu fechten, ja überhaupt den Land- und
Seekrieg gleichzeitig weiterzuführen, und war zu dem Entschlusse
gekommen, alle Seestreitkräfte zu einem Hauptschlage zusammenzuraffen.
Einsichtsvolle Männer hatten ihre Ansicht dahin ausgesprochen, daß
England als Frankreichs gefährlichster Gegner anzusehen sei, daß der
deutsche Krieg das Land nur an Geld und Menschen ruiniere, und daß ein
Einfall in England die einzige Möglichkeit sei, den unheilvollen Kampf
günstig zu beenden. Jetzt aber war es zu einem solchen Unternehmen zu
spät; von einer Überrumpelung des Gegners konnte keine Rede mehr sein,
und das Verhältnis der Stärke zur See hatte sich noch viel ungünstiger
für Frankreich gestaltet. Trotzdem es die fernen Gewässer aufgab, standen
ihm nur 12 Schlachtschiffe in Toulon und 21 in Brest zur Verfügung;
England konnte diesen, ohne seine anderen Aufgaben zu vernachlässigen, 15
und 27 entgegenstellen und behielt dann noch Reserven übrig. Wie es mit
der Brauchbarkeit der französischen Streitkräfte bestellt war, zeigt der
Umstand, daß de Conflans die aus Westindien zurückgekehrten Schiffe, die
seiner Brestflotte dem Gegner an Zahl überlegen gemacht hätte, nicht
einstellte, sondern deren Besatzungen zum Auffüllen seiner Besatzungen
benutzte. Beide Teile der französischen Flotte wurden von ihren Gegnern
bei Lagos und Quiberon vernichtend geschlagen.
Von nun an gab Frankreich alle größeren Unternehmungen zur See auf und
England heimste seine Ernte ein. 1760 fiel Montreal und damit Kanada,
1761 Pondichery, mit ihm Ostindien; in Westindien wurde 1762 Martinique
nebst fast allen übrigen französischen Inseln erobert; England gewann
1761 sogar einen Stützpunkt für seine Blockade an der feindlichen Küste
selbst durch die Einnahme der Insel d'Aix. Die letzte ferne Besitzung
Frankreichs, sein Teil der Insel Haiti, St. Domingue -- Senegambien war
schon 1758 verloren gegangen, -- wäre wohl nach Martinique an die Reihe
gekommen, wenn sich England nicht zunächst gegen Spanien, seinen neu
hinzugetretenen Feind, gewandt hätte. Diesem Staate kostete seine
Verbindung mit Frankreich, ehe es diesem irgendwie hatte nützen können,
1762 Havanna sowie die Philippinen. Außerdem war Frankreichs Seehandel
vernichtet und damit die Hauptquelle für die zur Kriegführung nötigen
Gelder versiegt; Englands Handel und Industrie wuchsen dagegen während
des Krieges und lieferten ihm reiche Mittel.
=England= verdankte seine Erfolge nur der richtigen Verwendung seiner
überwältigenden Seemacht, die während des Krieges fortlaufend an Kraft
gewann; kaum je hat sich der Einfluß einer solchen durchschlagender
gezeigt, als in diesem großen See- $und$ Kolonialkriege.
=Frankreich= unterlag, weil es seine Marine nicht genügend für den
unabwendbaren Waffengang vorbereitet hatte, und sie dann während des
Krieges vernachlässigte; wurde doch sogar im Februar 1757 ein tüchtiger
Marineminister seines Postens enthoben, bis 1761 durch ungeeignete
Persönlichkeiten ersetzt (vgl. S. 30), und der dann folgende Aufschwung
kam für diesen Krieg zu spät. Die vorhandenen Kräfte wurden aber auch nur
schwächlich verwendet. Hervorragende französische Schriftsteller schieben
die Schuld hierfür besonders den höheren Führern zu, doch geschieht dies
zu Unrecht. Einmal ist es Aufgabe der Regierung, tüchtige Männer auf die
wichtigen Posten zu stellen -- und tüchtige Offiziere besaß die Marine
zweifellos --, sowie diesen die nötigen Mittel in brauchbarem Zustande in
die Hand zu geben. Dann aber spricht für die Beschuldigten der Umstand,
den wir schon mehrfach berührt haben. Ihre Aufgaben waren meistens eng
begrenzt und ihre Instruktionen wiesen darauf hin, vorsichtig zu
verfahren, es nicht zu zweifelhaften Kämpfen kommen zu lassen, sondern
das kostspielige Material zu schonen. Nach solchen Bestimmungen handelten
=La Gallissonnière= nach der Schlacht bei Minorca 1756 und =Dubois de la
Motte= 1757 in Nordamerika, wenn sie ihre augenblickliche Überlegenheit
nicht ausnutzten. Derartige Mahnungen, schon im vorigen Kriege üblich,
mußten aber nach und nach den Schneid und den Wagemut der höheren Führer
überhaupt lähmen und sie auf stete Verteidigung hinführen; sie eigneten
sich die Gewohnheit an, freiwillig das Feld zu räumen, sobald es ihnen
ein Gegner, selbst ein schwächerer, in kühner Weise streitig machte,
obgleich doch sonst eine ängstliche Defensive wahrlich nicht dem
französischen Charakter entspricht.
Nach diesen Leitsätzen handelten dann die Führer, auch wenn sie nicht
ausdrücklich darauf hingewiesen waren, so z. B. =de Conflans= bei
Quiberon 1759 und =d'Aché= in Indien 1758/59; bei diesen sprach auch noch
der berechtigte Mangel an Vertrauen auf ihre Streitkräfte mit. Diese von
der Oberleitung der französischen Marine in den Kriegen Ludwigs XV.
vertretene Auffassung, die den Admiralen aufgab, ihre Schiffe zu schonen,
beruht auf völligem Verkennen der Grundsätze für eine Kriegführung, die
durchschlagenden Erfolg erringen will, besonders einer solchen zur See.
Die Betrachtung der früheren Seekriege (im ersten Bande) lehrt, wie sich
die Strategie naturgemäß derartig entwickelte, daß die Niederwerfung der
feindlichen Seestreitkräfte und damit die Erringung der Seeherrschaft
immer mehr in den Vordergrund trat.
Es ist auffallend, daß Frankreich fast stets den Seekrieg anders
aufgefaßt hat. Schon unter =Ludwig= XIV. zeigen sich Beispiele dafür
und auch unter =Ludwig= XVI. blieb es ähnlich, obgleich die Marine weit
stärker geworden war. Noch 1802 schrieb eine französische Autorität in
bezug auf Seekriegführung (A. Ramatuelle, Cours élémentaire de tactique
naval; Paris 1802): »Die französische Marine hat stets den Ruhm höher
geschätzt, eine Eroberung zu sichern oder zu halten, als den vielleicht
glänzenderen, aber tatsächlich weniger nützlichen, einige Schiffe zu
nehmen; sie hat sich damit mehr dem wahren Ziele genähert, das man sich
im Kriege steckt.«
=Mahan=[109] sagt hierzu (gekürzt): »Die Richtigkeit dieses Schlusses
hängt von der Ansicht ab, die man vom wahren Zweck des Seekrieges hat.
Kommt es nur darauf an, eine Stellung an der Küste zu sichern, so wird
die Marine für diesen besonderen Zweck ein Teil der Armee und ordnet
sich deren Tätigkeit unter. Ist jedoch der wahre Zweck der, des Gegners
Seeherrschaft zu brechen, ihm die Verbindung mit sonstigen Besitzungen
abzuschneiden und seinen Handel abzugraben, so bildet dessen Marine das
Angriffsobjekt. Diesem Verfahren verdankt England seine Seeherrschaft;
hier sagte schon =Monk=, wer die See beherrschen wolle, müsse stets
angreifen. -- =Gallissonnière= hielt die Unterstützung der Belagerung
von Port Mahon für wichtiger als die Vernichtung der englischen Flotte;
England erhielt aber Minorca nur infolge seiner Seeherrschaft zurück.
Schon die Seeschlacht bei der Insel und die Einnahme der Festung hatte
im französischen Volke Begeisterung für die Flotte erregt; hätte
Gallissonnière dem Gegner auch noch 4 oder 5 Schiffe abgenommen, so
wäre dieselbe vielleicht gleich der von 1760 geworden und die Regierung
hätte sie schon damals zum Ausbau der Flotte ausnützen können.«
Allerdings hat der Erfolg damals, nach Äußerung eines französischen
Autors, auf den Marineminister so wenig Eindruck gemacht, »daß er es
für angebracht hielt, die Schiffe und Takelagen zu verkaufen, die wir
noch in unseren Häfen hatten«.
[109] Mahan I, Seite 276. Dieser Autor läßt sich, dem Zwecke seines
Werkes entsprechend, überhaupt sehr eingehend über den hier
angeregten Punkt aus; vgl. z. B. Seite 73/75, 276/77, 324/25.
Aber selbst wenn ein Staat die strategische Offensive nicht zu ergreifen
vermag, um die Seeherrschaft zu erringen -- in welcher Lage sich
Frankreich im besprochenen Kriege bald befand --, so muß er doch auch in
der strategischen Defensive gegen die feindlichen Streitkräfte vorgehen,
wo es irgend möglich ist; das Vermeiden des Kampfes, um die teuern
Schiffe zu schonen, kann auch hier keine Erfolge zeitigen.
$Über Taktik.$ Die rangierten Schlachten dieses Krieges -- Minorca 1756,
Cuddalore sowie Negapatam 1758, Porto Novo 1759 -- liefern gute Beispiele
für die Taktik, die diesen Abschnitt kennzeichnet[110]. In ihnen folgen
die Engländer genau ihrer Gefechtsinstruktion -- gleichzeitiger Angriff
auf die ganze feindliche Linie unter strenger Aufrechterhaltung der
Ordnung --, deren Schwächen sich in jedem Falle deutlich zeigen. Sie sind
infolgedessen nie imstande, den Gegner niederzuwerfen, auch wenn sie ihn
durch Ungestüm erschüttert haben. Der Verlauf der Schlacht bei Minorca
führt über den Admiral wieder ein Kriegsgericht herbei, aus dessen Spruch
die engherzige Auffassung der Gefechtsinstruktion zu ersehen ist. Diese
große rangierte Schlacht zeigt auch zum ersten Male die französische
Taktik in ihrer vollen Eigenart: Das Erwarten des Angriffs in freiwillig
gewählter Leestellung; das Ausweichen der Spitze, sobald der Gegner zum
Nahkampf heran ist; das Vorbeiziehen der ganzen Linie an den vordersten,
schon beschädigten feindlichen Schiffen; das Einnehmen einer neuen
Stellung, um einem zweiten Angriff zu begegnen. Auch bei den drei Kämpfen
in Indien tritt die rein defensive Taktik der Franzosen, hier wohl noch
mehr im Widerspruch zum Volkscharakter, hervor. Wie schon mehrfach
angedeutet, entsprang diese nicht nur der Überlegung, die Schwächen der
englischen Angriffsart auszunutzen, sondern auch dem Bestreben, das
Material zu schonen; die Führer hielten sich für verpflichtet,
abzubrechen, ehe der Kampf eine zu ernste Wendung nahm. Da nun die
Engländer infolge starker Beschädigung eines Teiles ihrer Schiffe nie zum
zweiten Angriff schreiten konnten, so blieben die rangierten Schlachten
sämtlich unentschieden.
[110] Über diese Taktik vgl. Seite 36 ff., sowie Seite 113.
Die beiden großen und ausschlaggebenden, ja sogar für den Krieg
entscheidenden Kämpfe -- Lagos und Quiberon 1759 -- waren, wie die beiden
Entscheidungsschlachten bei Finisterre im vorhergegangenen Kriege,
Verfolgungsgefechte. In ihnen verdankten die Engländer dem Schneid ihrer
Admirale sowie der seemännisch-militärischen Tüchtigkeit ihrer Offiziere
und Mannschaften den Sieg; die Franzosen unterlagen infolge taktischer
Fehler ihrer Führer und der Minderwertigkeit des übrigen Personals. In
beiden Fällen zeigt sich der große Nachteil, der einer verfolgten Flotte
aus ungleicher Geschwindigkeit der Schiffe erwächst. Sie beweisen aber
auch, daß der Führer diesem Umstande Rechnung tragen muß; aus einem
Rückzuge wird sonst leicht eine regellose Flucht mit ihrem
niederdrückenden Einfluß; eine moralische Überlegenheit besitzt der
Verfolger ja schon von vornherein. Es tritt in diesen Schlachten auch
wieder die Richtigkeit des Grundsatzes hervor, daß der Verfolger eines
fliehenden Feindes auf die eigene Ordnung nur soweit Rücksicht nehmen
soll, als nötig ist, um den Schiffen gegenseitige Unterstützung zu
sichern; in beiden Fällen handelten die Engländer hiernach.
$Die Angriffe auf feindliche Küsten$[111] in diesem Kriege bestätigen
weiter die schon früher gezogenen Lehren. =Die Eroberung Minorcas= 1756
gelang, weil Frankreich die See beherrschte. Dies war nur eine Folge der
Nachlässigkeit Englands; hätte dessen Mittelmeerstation 12 anstatt 3
Linienschiffe gezählt, so würde der Gegner wahrscheinlich nicht einmal
den Versuch gewagt haben. Dieser Fehler ist weder mit völliger Unkenntnis
noch mit Mangel an Kräften zu entschuldigen. -- In dem =Versuch
Frankreichs, in England zu landen=, 1759, findet Colomb vor allem einen
Verstoß gegen den Grundsatz des Seekrieges, daß ein solches Unternehmen
nur nach Eroberung der See nicht gleichzeitig mit dieser sicheren Erfolg
verspricht. =Colomb= führt aus (hier gekürzt):
»Frankreich hatte Geschwader in Brest, Rochefort, Toulon und Westindien;
gute Anordnungen vorausgesetzt und von Fehlern sowie unglücklichen
Zufällen abgesehen, war Möglichkeit vorhanden, die getrennten englischen
Beobachtungsgeschwader einzeln mit Übermacht zu schlagen. Hieraufhin
mußte der Plan gemacht werden, reichten die Kräfte dazu nicht aus, so
genügten sie noch weniger zu dem Versuche, ein Heer angesichts anerkannt
überlegener Seestreitkräfte über das Meer zu führen. Glaubte man aber an
die Möglichkeit, daß der Transport unbelästigt durchschlüpfen könne, so
war es unnötig, ihn durch die Hauptflotte begleiten zu lassen. -- Bei der
Ausführung des Versuches treten weitere Fehler auf. Es war falsch, die
Transportmittel für den Teil der Invasion, der über den Kanal erfolgen
sollte, in Havre zu sammeln, wo sie leicht vom Gegner vernichtet werden
konnten (wie es tatsächlich durch Rodney geschah) und auch =de la Clue=
durfte für sein Geschwader auf dem Marsche von Toulon nach Brest nicht
Cadiz als Sammelpunkt bestimmen; dieser Umstand (zu große Nähe bei dem
englischen Beobachtungsposten Gibraltar) rief die anderen Fehler hervor,
die zu seiner Niederlage bei Lagos führten. Weshalb endlich ging =de
Conflans= zum Abholen des Transportes zur Quiberonbucht? Seine Aufgabe
wäre gewesen, die englische Flotte, als sie die Blockade hatte
unterbrechen müssen, zu suchen und sie möglichst fern von dem Transporte
zu engagieren. Mit den von Westindien zurückgekehrten Schiffen wäre er
dem Gegner überlegen gewesen, aber selbst wenn er geschlagen wäre, hätte
er denselben vielleicht so geschwächt, daß der Transport nun tatsächlich
unter dem Schutz der besonders dazu bestimmten Bedeckung das Ziel
unbelästigt hätte erreichen können. Dadurch aber, daß de Conflans zur
Quiberonbucht ging, zog er den Gegner gerade zum Transport hin und machte
dessen Segeln unmöglich.«
[111] Anschließend an Seite 113 ff.; wie dort ist hier weiter dem Werke
Colombs, Kapitel VII, Seite 135 ff., und Kapitel XVI, Seite
356 ff., gefolgt.
Colombs Ausführung enthält viel Bemerkenswertes, sie rechnet aber auch
mit verschiedenen Umständen, die auf französischer Seite nicht vorlagen.
So wissen wir, daß Conflans die westindischen Schiffe aus berechtigtem
Grunde nicht zur Verstärkung seiner Flotte heranzog, daß das zur
besonderen Bedeckung des Transportes bestimmte Geschwader nicht von Brest
zur Quiberonbucht hatte gelangen können, und daß die Engländer diesen
Platz ebenfalls blockierten; hätte Conflans die Bedeckung nach seinem
Inseegehen abgezweigt, so wäre er um so viel Schiffe schwächer gewesen.
-- Während der später noch vorgekommenen großen Landungen -- auf
Guadeloupe, Martinique und Belle-Ile -- waren die Engländer stets
unbestritten Herren der See ebenso bei den =Belagerungen von
Küstenstädten= -- Louisbourg, Havanna, Manila --, für deren Eroberung
dann naturgemäß den Landstreitkräften wieder die Hauptaufgabe zufiel. Mit
einfachen Beschießungen von Küstenplätzen (am Kanal) haben die Engländer
wohl stets die Schädigung des feindlichen Landes wie die Schwächung der
Freibeuterei bezweckt, wenn auch als Hauptgrund für die Bedrohung der
französischen Küsten das Ablenken Frankreichs vom deutschen Kriege
angegeben wird.
* * * * *
[Illustration]
Fünftes Kapitel.
Der Nordamerikanische Freiheitskrieg 1775-1783.
Entstehung des Krieges[112].
$England und die Kolonien bis zu ihrer Erhebung.$ Bekanntlich fand die
Erwerbung Kanadas im Frieden von Paris keineswegs den Beifall aller
Politiker in England; viele hätten eine Erweiterung des englischen
Besitzes in Westindien lieber gesehen und betonten, die eigenen Kolonien
in Nordamerika könnten zu kräftig und selbstbewußt werden, wenn sie die
Nachbarschaft der Franzosen nicht mehr zu fürchten brauchten; erzeugten
sie doch fast alle ihre Bedürfnisse schon selber und ihre Abhängigkeit
von England verminderte sich stetig. Die öffentliche Meinung und die
meisten Staatsmänner teilten aber diese Befürchtung nicht, sie wollten
Frankreich aus Nordamerika verdrängen. =Pitt= war gleicher Ansicht, denn
er plante, Frankreich sämtlicher Kolonien zu berauben und es von der
Hochseefischerei auszuschließen, um ihm Antrieb und Grundlage zur
Aufstellung einer starken Marine zu nehmen. Auch der Amerikaner =Benjamin
Franklin= trat öffentlich für die Erwerbung Kanadas ein. Bei der
Verschiedenheit der englisch-amerikanischen Kolonien erklärte er es für
ausgeschlossen, daß diese jemals gemeinsame Sache gegen das Mutterland
machen würden, eher könne ein Aufgeben Kanadas sie zum Abfall führen.
Seine wahre Ansicht wird dies wohl kaum gewesen sein.
[112] Hauptquellen zu dieser Betrachtung der politischen Verhältnisse:
Schlosser, »Geschichte des 18. und 19. Jahrhdts. bis zum Sturz
des französischen Kaiserreiches«, Band III und IV, sowie,
besonders für die englisch-amerikanischen Verhältnisse,
Zimmermann, »Europäische Kolonien«, Band II.
Tatsächlich wuchs das Selbstvertrauen der Kolonisten außerordentlich nach
den Erfolgen, die sie während des Krieges und durch ihn erreicht hatten.
Sie zeigten sich zwar in allerhand Äußerlichkeiten dankbar für Englands
militärische und finanzielle Unterstützung -- sogar Massachusetts, die
ungefügigste der Kolonien, versicherte in einer Adresse dem Könige ewige
Treue, errichtete dem gefallenen General Lord Howe ein Denkmal und taufte
Fort Duquesne um in Pittsburg --, aber sie hielten eifersüchtig fest an
jedem ihrer wirklichen oder vermeintlichen Rechte dem Mutterlande
gegenüber und verlangten vor allem, das englische Parlament, in dem die
Kolonien nicht vertreten seien, solle auch keine Gesetze für sie machen,
sondern das ihren eigenen gesetzgebenden Körperschaften überlassen. Ganz
besonders sträubten sie sich gegen Zahlung direkter Steuern und erhoben
Einspruch gegen die Beschränkung ihres Handels sowie ihrer Industrie
zugunsten des Mutterlandes.
$Die innere Lage der Kolonien$ ist bereits im ersten Bande (Seite 606)
erörtert. Im Laufe des 18. Jahrhunderts war sie großenteils nach den
Wünschen der Kolonisten gestaltet; diese regierten sich in der
Hauptsache selbständig. Die Gouverneure wurden zwar vom Könige ernannt,
da aber ihre Besoldung von den Kolonien gezahlt wurde und jährlich
bewilligt werden mußte, so waren sie von diesen abhängig; ähnlich
verhielt es sich mit den Richtern. Die stehenden Truppen beschränkten
sich auf schwache englische Besatzungen in den Forts, die
Kolonialmilizen traten für Englands Zwecke nur auf besondere Abmachung
sowie Soldzahlung ein. Die Zollbeamten allein wurden von England
ernannt und besoldet, über Zollvergehen urteilten nicht die
Geschworenen, sondern Admiralitâtsgerichte ab.
Dieser Entwicklung der Dinge hatte man in England lange ihren Lauf
gelassen, da sich die Kolonien in manches fügten, das zu Englands
Vorteil diente, so in die Zoll-, Handels- und Schiffahrtsgesetze.
Schwierigkeiten ergaben sich naturgemäß häufig aus der
verschiedenartigen Stellung der Regierung und der Gouverneure zu diesen
Fragen. So hielt es der Minister =Walpole= zu Englands Nutzen für
vorteilhaft, die Kolonien sich frei entwickeln zu lassen; der tüchtige,
langjährige Gouverneur =Shirley=, uns von den beiden letzten Kriegen
her bekannt, verlangte dagegen tatkräftigeres Auftreten der Regierung,
Einführung direkter Steuern zur Besoldung der Beamten sowie eines
stehenden Heeres u. dgl. Während des letzten Krieges wurde 1756 der
=Earl of Loudoun= mit scharfen Anordnungen gegen Eigenmächtigkeiten der
Kolonien hinausgesandt, während =Pitt= später auf alle schroffen
Maßregeln verzichtete und einzig den Patriotismus der Neuengländer
anrief.
Diese Meinungsverschiedenheiten gestalteten sich seit dem
Regierungsantritt =Georgs= III. zu ernsten Zerwürfnissen zwischen England
und den Kolonien. Wie der König Minister und Parlament seinem Willen
unterordnen wollte, so erstrebte er dies auch bei den Kolonien. Hier
sollte nicht nur die strenge Beachtung der bislang vielfach umgangenen
Handelsgesetze durchgeführt, sondern auch Geld zur Erhaltung eines
stehenden Heeres aufgebracht werden. Beides war an sich nicht
unberechtigt, denn bisher überschritten die Erhebungskosten der Zölle
deren Einkünfte um das Vierfache, und England hatte doch auch im Kriege
gegen Kanada ungeheure Geldopfer gebracht; aber die Maßnahmen Englands
führten Schritt für Schritt bis zur offenen Empörung seiner
Pflanzstaaten, die mit dem sog. =Theesturm in Boston= am 18. Dezember
1773 ihren Anfang nahm.
$Die Streitigkeiten Englands mit den Kolonien$ waren in ihren
Hauptpunkten folgende: Unter dem Minister =Grenville= beschloß das
Parlament im April 1764 für die sämtlichen englischen Kolonien eine
Einfuhrsteuer auf verschiedene Produkte, deren Ertrag nebst »anderen
Abgaben« nach Anordnung des Parlamentes für die Auslagen verwendet
werden sollten, die England aus dem Schutze der Kolonien erwüchsen.
Als eine dieser »anderen Abgaben« war für Nordamerika die Einführung
einer Stempelsteuer in Aussicht genommen, falls die Kolonien nicht auf
andere Weise die nötigen Gelder aufbringen würden; gleichzeitig ward
strenge Durchführung der Handelsgesetze und scharfe Unterdrückung des
Schleichhandels angeordnet. In Amerika sträubte man sich gegen die
Maßnahmen der Zollbeamten und Massachusetts erklärte jede Steuer ohne
seine Einwilligung für ungesetzlich. Dennoch erließ England im Frühjahr
1765 die Stempelakte.
Darauf berief Massachusetts einen Kongreß von Deputierten aller 13
Staaten nach New York, auf dem 9 Kolonien vertreten waren, einen
Protest gegen die Akte abfaßten und beschlossen, keine der besteuerten
Waren mehr zu kaufen, sowie sich den Stempelabgaben zu widersetzen.
Tatsächlich wurden beim Inkrafttreten des Gesetzes im November überall
die Stempelpapiere vernichtet, so daß die Gouverneure das Gesetz nicht
durchzuführen vermochten, da Gerichtsverfahren sowie Handel
stillstanden. Die Regierung in England, das Ministerium =Rockingham=,
sah sich 1766 genötigt, die Stempelakte und auch die neuen Zollgesetze
wieder aufzuheben, nicht am wenigsten auf das Drängen der
Kaufmannschaft und der klugen Vermittlung =Franklins=, des Agenten für
Pennsylvanien in London.
Pitt wurde durch schweres körperliches Leiden in seinem Wirken für
einen Ausgleich behindert, und so gewann der Schatzkanzler =Townsend=
das Übergewicht im Ministerium und setzte im Mai 1767 ein neues
Zollgesetz auf Tee sowie andere Waren durch. Auch sein Nachfolger,
=Lord North=, hielt daran fest. Wieder weigerten sich die Kolonien, die
besteuerten Artikel zu kaufen, und die Stimmung ward noch erregter.
Schon forderten vereinzelte Stimmen Lossagung von England sowie
Widerstand mit den Waffen, und im Juni 1768 kam es bereits zum
Zusammenstoß englischer Zollpolizeibeamten mit leidenschaftlich
erregten Amerikanern -- sons of liberty, Söhne der Freiheit --, die
sich der Beschlagnahme eines Handelsschiffes widersetzten.
Die englische Regierung schien jedoch Ernst machen zu wollen; im Sommer
1768 wurden die Truppen in Boston verstärkt und man drohte mit
Verhaftung der Hauptagitatoren. Es ist wohl tatsächlich die letzte
Gelegenheit für England gewesen, durch völliges Nachgeben oder durch
äußerste Gewalt sich die Kolonien zu erhalten, aber keins von beiden
geschah. Die angedrohten Maßnahmen blieben Schreckschüsse, bei
Wiederaufhebung der Steuern 1769 ließ man anderseits die auf den Tee
bestehen, teils um den Grundsatz zu wahren, teils zugunsten der
ostindischen Kompagnie und hielt hierdurch die einmal erregte
Widersetzlichkeit wach. Mißhelligkeiten zwischen den Gouverneuren und
den Kolonisten an verschiedenen Orten kamen hinzu.
Die Bewegung wurde in Boston sowie in New York, wo es schon zu
Reibungen mit dem durch Beschimpfung erbitterten Militär kam, immer
stürmischer und ergriff auch die anderen Provinzen. =Franklin=, der
bisher in England öffentlich versöhnlich gewirkt hatte, goß jetzt
dadurch Öl ins Feuer, daß er vertrauliche Briefe der Gouverneure und
England ergebener Personen, die schroffe Urteile über die Kolonien
enthielten, zur Kenntnisnahme nach Boston sandte. Endlich wurde der nur
geringe Teezoll der Anlaß zum Ausbruch offener Empörung. Wieder waren
die Kolonien einig geworden, keinen Tee zu kaufen, und als nun die
ostindische Kompagnie versuchte, ihn durch gewinnsüchtige Spekulanten
doch in den Handel zu bringen, trat man diesen überall entgegen. In den
meisten Staaten hinderte man nur die Ausschiffung, in dem demokratisch
schroffsten Massachusetts aber brauchte man Gewalt. Am 18. Dezember
1773 drangen in Boston die »Söhne der Freiheit« als Indianer verkleidet
auf die Teeschiffe und warfen die Ladungen, 342 Kisten, über Bord.