Auch diese =Schlacht= blieb =taktisch unentschieden, beendete aber= durch

ihre Folgen =den Krieg= zugunsten der Engländer. =Pocock= besserte seine

Schiffe vor Negapatam notdürftig aus und segelte dann nach Madras. Auf

dem Wege hielt er sich den 27. September über vor Pondichery auf, dem

Gegner vergeblich den Kampf anbietend. Hierher war =d'Aché= gesegelt und

hatte seine Truppen gelandet; er erschien auch vor dem Hafen, aber wohl

nur, um nicht vor Anker angegriffen zu werden. So hatte =de Lally= zwar

eine kleine Verstärkung erhalten, Unterstützung durch die heißersehnte

Flotte sollte ihm jedoch nicht zuteil werden. =D'Aché= erklärte wiederum,

der Zustand seiner Schiffe erlaube ihm nicht, dem Feinde nochmals

entgegenzutreten, um so weniger, da dieser in nächster Zeit aufs neue

eine Verstärkung erwarte. Er gab zwar 900 Mann von den Schiffsbesatzungen

ab, ging aber am 30. September nach Isle de France unter Segel, und nach

seiner Abfahrt kamen =keine französischen Seestreitkräfte mehr nach

Indien=[105].

[105] Ein geringer Erfolg des =Comte d'Estaing= in den indischen

Gewässern 1759/60 soll bei Schilderung des Kleinen Krieges

erwähnt werden.

Die Absicht, d'Achés Geschwader im Jahre 1760 dort wieder auftreten zu

lassen, hat wohl bestanden, aber man hielt es zurück, da es hieß, England

rüste eine Expedition gegen Isle de France aus (vgl. Seite 161). Außerdem

waren durch einen Orkan im Januar 1760 mehrere Schiffe kriegsunbrauchbar

geworden. =D'Aché= segelte dann im Dezember dieses Jahres mit dem

größeren Teile des Geschwaders nach Frankreich; die zurückbleibenden

Schiffe mußten wegen Mangels an Ankergeschirr auf den Strand geschleppt

werden.

$Beurteilung d'Achés.$ Dieser Admiral -- geboren 1702, 1717 in die

Marine eingetreten, 1743 Kapitän, 1756 Chef d'Escadre -- wird von den

meisten französischen Schriftstellern zwar als ein tüchtiger Seemann,

aber als ungeeignet für höhere Stellungen bezeichnet; auch werden ihm

Kleinlichkeit und Halsstarrigkeit vorgeworfen. Diese soll er schon 1748

dadurch gezeigt haben, daß er das Kommando eines Schiffes ablehnte,

das er »ohne Grund« als seeuntüchtig erklärt hatte, und auch beim

Antritt seines Kommandos nach Indien machte er Schwierigkeiten, da ihm

die Seestreitkräfte dort zu gering erschienen. Er hat nun wohl,

wenigstens im zweiten Falle, recht gehabt, aber sein Verhalten de Lally

gegenüber zum Schaden der allgemeinen Sache spricht allerdings nicht

für ihn. Sein Auftreten als Admiral darf dagegen nicht zu schroff

beurteilt werden. Der französische Grundsatz, das Geschwader nicht zu

gefährden, war ja falsch; denn was nützte die =Erhaltung= der Flotte,

wenn sie nicht =verwendet= wurde. Aber diese Ansicht entsprach dem

allgemeinen Bestreben in der französischen Marine jener Zeit (auch in

der Taktik) und war durch häufige dahin zielende Befehle und

Instruktionen hervorgerufen, die den Wagemut der höheren Führer

herabstimmen mußten. Sogar jetzt noch nennen einzelne französische

Autoren d'Achés Verfahren in dieser Hinsicht richtig, da er seine

Schiffe in Indien nicht hätte ausbessern können. Man muß ferner in

Betracht ziehen, daß sein Geschwader durch das Überwiegen von

Kompagnieschiffen dem englischen entschieden unterlegen war, und daß er

mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, um es schlagfertig zu

erhalten.

Ein bedeutenderer Mann hätte sich wohl von all diesem freigemacht --

=Suffren= überwand im nächsten Kriege die gleichen Schwierigkeiten --

und mehr geleistet; gelang es doch selbst d'Aché, wenn er auftrat, dem

Gegner die Seeherrschaft streitig zu machen, und im letzten Jahre

erschien sein Geschwader durchaus nicht mehr als minderwertig. Zu

dieser Zeit war er aber wohl tatsächlich seiner Aufgabe nicht mehr

gewachsen. 1758 erklärte er in Port Louis, der mit der Verstärkung

herausgekommene Chef d'Escadre de L'Eguille wäre geeigneter zum

Oberbefehlshaber, er selber sei durch die vielen Widerwärtigkeiten

ermüdet. D'Aché wurde übrigens noch 1761 zum Lieutenant-Général und

1770 zum Vizeadmiral des Atlantik befördert; er starb 1780.

=Pocock= ging am 16. Oktober zum Überwintern nach Bombay, traf unterwegs

die herausgesandte Verstärkung von 4 Linienschiffen unter Kontreadmiral

Samuel Cornish und führte dann einen wertvollen Konvoi nach England. Auf

der Station verblieben jedoch unter =Cornish= und =Stevens= genügend

Schiffe, die in den nächsten Jahren erfolgreich in den Landkrieg

eingreifen konnten.

$Der Zusammenbruch der französischen Macht in Indien 1760/61.$ Nach

d'Achés Abfahrt gingen die Engländer am Lande mit fast ununterbrochenem

Erfolge angriffsweise vor; sie erhielten ständig Verstärkungen aus der

Heimat, die Franzosen nie. Ihre Führer waren denen der Gegner überlegen;

de Lally war längere Zeit krank und de Bussy wurde im Januar 1760

gefangen genommen, auch sank die Mannszucht bei den Franzosen. =Die

Engländer eroberten= im November 1759 Wandewash, im Februar 1760 Arcot,

im April Karikal und Cuddalore; wo es anging, wirkte das Geschwader

unmittelbar oder durch Landung von Mannschaften mit. Am 1. Mai schritten

sie zur Belagerung von =Pondichery=, das gleichzeitig vom Admiral

=Stevens= blockiert wurde; die Stadt verteidigte sich aber hartnäckig,

immer noch in der Hoffnung auf Entsatz durch d'Aché. Das englische

Geschwader hielt die Blockade auch im Winter aufrecht, verlor dabei

jedoch in einem Orkan am 1. Januar 1761 4 Linienschiffe, 2 Fregatten

sowie 2 kleinere Fahrzeuge mit insgesamt 1100 Mann Besatzung. Am 15.

Januar mußte die Stadt kapitulieren; sie wurde zerstört und 1100 Europäer

gerieten in Kriegsgefangenschaft. Bald nach Pondichery fielen die letzten

festen Plätze im Carnatic. Im Februar hatte Admiral =Cornish= mit 4

Linienschiffen die französische Stadt =Mahé= an der Malabarküste

genommen.

$De Lally$ wurde gleichfalls kriegsgefangen. Bei seiner Abreise

verhöhnten ihn die eigenen Offiziere und Beamten. Sein Intendant, der

Beweise für die Mißwirtschaft und Untreue der Beamten gesammelt haben

soll, wurde erstochen. Später nach Paris zurückgekehrt, wollte de Lally

die Beamten anklagen, diese kamen ihm jedoch zuvor und wurden von den

Offizieren unterstützt; nach langem Prozeß wurde er 1766 wegen Verrates

an der Sache des Königs und der Kompagnie =enthauptet=. =De Leyrit=,

viele Beamte und auch =de Bussy= sollen große Vermögen erworben haben.

=Frankreich hatte alles verloren=; der Traum eines französischen Indiens

war zu Ende. Wenn es auch beim Friedensschluß Pondichery mit den

dazugehörigen Küstenfaktoreien zurückerhielt, so waren doch die Plätze

der Befestigungen beraubt, verarmt und einflußlos geworden. =England war

Herr in Indien=, im Carnatic und in den ehemaligen französischen

Provinzen. In Bengalen erhielten zwar die Franzosen Chandernagore

gleichfalls zurück, aber auch hier durften sie keine Befestigungen

anlegen und mußten die von England eingesetzten Nabobs anerkennen.

Englands Stellung in Indien wurde nicht wieder erschüttert, selbst nicht

durch Suffrens Kraft und Führertalent im nächsten Kriege.

$Die französisch-ostindische Kompagnie$ löste sich 1770 auf. Die

Regierung kaufte ihr schon 1764 die Inseln Isle de France und Bourbon,

sowie den Hafen von Lorient ab, hob 1769 ihr Monopol auf und gab allen

Franzosen den Handel nach Indien frei. Die Kompagnie soll von 1725-1769

ein Kapital von 169 Millionen Francs verloren haben.

$England erobert die Philippinen 1762.$ Wie bereits erwähnt, hatte

England bei Ausbruch des Krieges mit Spanien beschlossen, tatkräftig

gegen dessen Kolonien, insbesondere die Philippinen, vorzugehen. Die

Anregung dazu gab der Oberst, später General, =Sir William Draper=, ein

indischer Offizier. Er hatte von Indien aus einen Krankheitsurlaub in

Manila verbracht und dabei erkundet, daß im Vertrauen auf die

Entlegenheit dieser Kolonie die Befestigungen vernachlässigt waren. Mit

einem Regiment Infanterie sowie einer Kompagnie Artillerie wurde er

sodann nach Indien gesandt und hier auf dem Geschwader des Admiral

=Cornish= -- 8 Linienschiffe, 3 Fregatten und 2 Ostindienfahrer --

eingeschifft; mit Einschluß der Schiffslandungsabteilungen standen ihm

2300 Mann zur Verfügung.

Die Vorbereitungen in Indien wurden sehr schnell getroffen, auch sandte

man sogleich eine Fregatte voraus, die alle nach Manila bestimmten

Schiffe abfangen und so verhindern sollte, daß die Spanier gewarnt

würden. Am 1. August 1762 segelte die Expedition ab und traf am 23.

September vor Manila ein, wo der Ausbruch des Krieges noch gar nicht

bekannt war. Die Stadt wurde von nur 600 Soldaten mit 80 Kanonen

verteidigt, weigerte aber die Übergabe. Vom 24. bis 26. landeten die

Engländer trotz schwerer Brandung, aber sonst fast ohne Widerstand;

Batterien wurden aufgeworfen und durch diese, von flankierenden Fregatten

unterstützt, vom 29. an die Stadt beschossen. Am 5. Oktober war Bresche

gelegt; die Stadt fiel durch Sturm und die Zitadelle ergab sich. Die

Übergabebedingungen waren im allgemeinen günstig, aber die Stadt wurde

drei Stunden geplündert. In die Übergabe wurden ganz Luzon sowie die

übrigen Inseln eingeschlossen, doch beschränkte sich die Herrschaft der

Engländer tatsächlich auf die Küstenplätze, da die Spanier im Innern die

Übergabe nicht anerkannten und bis zum Friedensschluß einen Guerillakrieg

führten. Ebenso vermochten die Engländer von der bedungenen

Kriegskontribution, 4 Millionen Pesos, nur etwa die Hälfte zu erhalten;

sie wurde nie voll bezahlt. Dagegen fiel ihnen eine andere Beute zu. Der

Admiral hatte ein Schiff abgesandt, um das erwartete Acapulcoschiff[106]

abzufangen. Dies gelang zwar nicht, aber man traf das im August mit

Werten von fast 3 Millionen Pesos von Manila abgegangene Schiff und nahm

es. =Der Verlust= der Engländer vor Manila betrug nur 150 Tote und

Verwundete.

[106] Bekanntlich lief jährlich ein Schiff mit Schätzen und Waren von

Manila nach Acapulco in Mexiko aus und umgekehrt kam von dort ein

Schiff mit Geld für die Waren, sowie mit der jährlichen

Subvention für die Kolonie von Acapulco nach Manila; diese nannte

man Acapulcoschiffe.

Die Philippinen wurden beim Friedensschluß an Spanien zurückgegeben, zum

größten Unwillen der ostindischen Kompagnie, die hier fast die ganzen

Kosten der Expedition getragen hatte.

Der Kleine Krieg[107].

Wie in allen vorhergegangenen englisch-französischen Kriegen, so spielt

auch in diesem der Angriff auf den Handel des Gegners eine große Rolle,

und wiederum scheint es, als ob hierbei die Franzosen den größeren Erfolg

erzielt hätten, sogar in noch höherem Maße als früher; während im Kriege

1702-1713 Frankreich mehr Kauffahrer verlor als England, und 1739-1748

der Verlust auf beiden Seiten, Spanien und Frankreich zusammengenommen,

ungefähr gleich war, stellt er sich im Siebenjährigen Kriege für England

sehr viel höher.

[107] Vgl. hierzu das über den Handelskrieg, sowie über den Wert des

Kreuzerkrieges im ersten Bande, Seite 304 und Seite 471 Gesagte.

-- Hervorragende Zusammenstöße von Kriegsschiffen im Kleinen

Kriege sowie sonstige bemerkenswerte Angaben über diesen findet

man in den englischen und französischen Spezialwerken; so z. B.

Clowes III, Kapitel Minor actions, und Troude I.

Die Umstände, die diese Kriegführung für Frankreich begünstigten, seien

kurz hervorgehoben. Die Häfen am Kanal, besonders Dünkirchen und St.

Malo, boten vorzügliche Stützpunkte für die Freibeuter, in Westindien

dienten Martinique und Guadeloupe dem gleichen Zweck; je mehr die

französische Schiffahrt durch den Angriff der Engländer niederging, um

so mehr wurde die Freibeuterei ein Erwerbszweig der Reeder sowie der

seemännischen Bevölkerung; das Lahmlegen der Kriegsmarine wies die

Regierung darauf hin, den Kreuzerkrieg durch ihre Schiffe betreiben zu

lassen -- wenn sie auch nicht wie in den Kriegen des vorigen

Abschnittes besondere Geschwader dazu aufstellte -- und die

Freibeuterei durch Überlassen von Schiffen sowie Personal zu

unterstützen. Vor allem aber kommt wiederum und in diesem Kriege mehr

als je zuvor in Betracht, daß die englische Handelsschiffahrt der

französischen an Zahl sehr überlegen war, also ein weit leichter zu

schädigendes Angriffsobjekt bot; auch wird englischerseits

hervorgehoben, daß viele Verluste dem Ungehorsam der Handelsschiffe

gegen die Anordnungen der sie begleitenden Kriegsschiffe zuzuschreiben

seien.

Einige Angaben sollen den Umfang des Kleinen Krieges, sowie die Verluste

auf beiden Seiten veranschaulichen. Im Jahre 1755, vor Ausbruch des

Krieges, nahm England 500 französische Handelsschiffe im Werte von über

einer Million Lstrl; gegen 6000 Seeleute, einschließlich der Besatzungen

einiger Kriegsschiffe, wurden kriegsgefangen. Dieses Vorgehen sollte

Frankreich zum Nachgeben bewegen und ihm die Mobilmachung erschweren,

denn der Verlust an Seeleuten entsprach der Besatzung von 10

Linienschiffen. Anderseits aber brachten in der Zeit vom Juni 1756 bis

Juni 1760 die französischen Freibeuter 2500, die englischen Kreuzer nur

950 feindliche Kauffahrer auf; bis 1761 waren 240 französische Kaper

weggefangen trotzdem Frankreich keine Geschwader mehr auf See hatte,

nahmen deren Kameraden in diesem Jahre noch 812 Handelsschiffe, über

dreimal so viel, als der eigene Verlust betrug; im Jahre 1762 fielen nur

120 französische Freibeuter und Kauffahrer den Engländern in die Hände.

Im ganzen hat England während des Krieges über 4000 Handelsschiffe

verloren, 1400 davon wurden in Westindien und hauptsächlich von

Martinique aus genommen; der Verlust Frankreichs soll sehr viel geringer

gewesen sein, was die Anzahl der Fahrzeuge anbetrifft. Es ist dies aber

kein Beweis für den größeren materiellen Erfolg. Unter den Prisen, die

Frankreich machte, zählen viele kleinere und Küstenfahrzeuge, während die

Engländer größere, wertvollere Schiffe sowie Freibeuter fingen. Außerdem

stand der Verlust auf beiden Seiten in ganz anderem Verhältnis zur

Gesamtschiffahrt. Der Handel und die Freibeuterei Frankreichs wurden nach

und nach lahmgelegt. Ein französischer Autor (Troude) sagt: »1759

verursachte die glückliche Ankunft des westindischen Konvois bei den

französischen Kaufleuten Überraschung und Freude; ein Zeichen, wie selten

ein solches Ereignis geworden war in Meeren, die Englands Geschwader

pflügten.« Der englische Handel aber blühte wie in den Jahren 1744-1748

so auch gerade während dieses Krieges auf; 1760 und 1761 befuhren 8000

englische Handelsschiffe die Meere. Der Seehandel und die gleichfalls

gedeihende Industrie lieferten reichlich die Mittel für den eigenen Krieg

wie für die Unterstützung der anderen Gegner Frankreichs.

England vollendete die Vernichtung des französischen Handels durch die

Wegnahme der Kolonien, durch die Blockade der Häfen des Gegners und durch

sein Auftreten neutralen Mächten gegenüber. (Seite 124.) Es band sich

weder an den bisherigen Brauch hinsichtlich der als Kriegskontrebande

anzusehenden Güter noch an den alten Grundsatz »Frei Schiff -- frei Gut«,

sondern nahm neutrale Schiffe mit den Erzeugnissen französischer Kolonien

und sah die französischen Häfen als in Blockade befindlich an, auch ohne

daß eine solche tatsächlich bestand. Schon 1758 nahm England auf Grund

dieser Auffassung 176 neutrale Schiffe fort, namentlich spanische, aber

auch holländische.

$Einige kleinere Expeditionen$, die den abenteuerlichen Zügen früherer

Kriege gleichen, seien noch angeführt. Im Jahre 1759 rüstete der

Brigadegeneral =d'Estaing=, bisher im indischen Heere de Lallys, in

=Isle de France= zwei Schiffe der Kompagnie aus, ging am 1. September

in See, nahm einen wertvollen englischen Ostindienfahrer in Maskat,

zerstörte dann am 14. Oktober das englische Fort Gombroon am Persischen

Golf und im Februar 1760 die Niederlassungen auf Sumatra. Nach einer

Kreuzfahrt von 22 Monaten kehrte er nach Port Louis zurück.

Als Choiseul die Leitung der Marine übernommen hatte und mit Hilfe

Spaniens den Krieg zur See wieder zu beleben gedachte, unternahm er

einen =Versuch, in Nordamerika= nochmals =Fuß zu fassen=. England hatte

den größten Teil seiner Truppen von dort nach Westindien gezogen und

auch die Seestreitkräfte sehr verringert. Am 18. Mai 1762 entschlüpfte

Kapitän =de Ternay=, uns schon durch die Flottmachung und Überführung

der in der Vilaine nach der Schlacht von Quiberon eingeschlossenen

Schiffe bekannt, mit 2 Linienschiffen, einer Fregatte sowie einer Flüte

mit 570 Soldaten aus Brest. Er erschien am 20. Juni im Hafen von St.

John auf Neufundland, besetzte die Stadt und fügte von hier aus den

Engländern durch Aufbringen von Fischerfahrzeugen großen Schaden zu.

Bald allerdings blockierten ihn herbeigerufene englische Kriegsschiffe,

es gelang ihm aber doch, während eines Sturmes auszulaufen und

Frankreich wohlbehalten wieder zu erreichen. Die kleine französische

Garnison mußte sich allerdings am 18. September den von Louisbourg

herangerückten Truppen ergeben. -- Ohne Aussicht auf Beute unternommen,

ist dieser Zug lediglich ein Beweis kühnsten Wagemuts.

Im gleichen Jahre bereitete Frankreich eine größere =Expedition gegen

Rio de Janeiro= vor, um Portugal für seine Begünstigung Englands zu

strafen. Als Chef des Geschwaders -- 9 Linienschiffe und 10 Transporter

mit Soldaten -- war Kapitän =Beaussier de l'Isle= bestimmt, als Führer

des Landungskorps =General d'Estaing=. Dieser erhielt den Oberbefehl,

er wurde gleichzeitig zum Chef d'Escadre ernannt und in das

Seeoffizierkorps eingereiht (im nächsten Kriege war er Flottenchef). In

seiner Instruktion wurde er auf das Beispiel Duguay-Trouins, 1712,

hingewiesen; es galt also in erster Linie, Beute zu machen, die hier ja

auch zu finden war. Im November 1762 fast segelfertig, wurde die

Expedition des bevorstehenden Friedensschlusses wegen zurückgehalten.

Schließlich finden wir noch eine =englische Expedition= ähnlicher Art,

die ganz den Raubzügen zur Zeit der Königin Elisabeth entspricht. 1762

rüstete eine Gesellschaft von Edelleuten und Handelsherren einen Zug

=gegen= die spanische Kolonie =Buenos Aires= aus. Mit zwei

Kriegsschiffen, eins zu 50, eins zu 28 Kanonen, von der Admiralität

gekauft, und 2 Transportern mit 500 Soldaten, traf ein Seeoffizier der

ostindischen Kompagnie, =Macnemara=, am 2. November im La Plata ein,

fand aber die Spanier besser vorbereitet, als er erwartet hatte. Zwei

Versuche, die Stadt Colonia zu nehmen, wurden abgeschlagen; bei dem

zweiten, am 6. Januar 1763, ging das größere Schiff in Flammen auf und

mit ihm fanden der Führer sowie 270 Mann ihren Tod, die anderen

entkamen nach Rio.

Schlußbetrachtungen.

$Über Strategie[108].$ Der Zusammenstoß zwischen England und Frankreich

wegen maritimer sowie kolonialer Interessen war unvermeidlich und wurde

auch von beiden Staaten seit dem letzten Friedensschluß vorausgesehen.

=Frankreich= hatte deshalb während der Friedensjahre viel für seine

Marine getan, aber sie bis 1755 doch noch nicht der englischen ebenbürtig

machen können. Es gab aus diesem Grunde scheinbar überall nach, als in

Nordamerika und Ostindien die Reibungen zwischen den beiderseitigen

Kolonien bereits bis zum Kriege gediehen waren; vielleicht hatte man

wirklich die Hoffnung, den allgemeinen Krieg noch hinausschieben zu

können, vielleicht beabsichtigte man nur, einen günstigeren Augenblick

abzuwarten.

[108] Bei dieser Betrachtung sei zur Ergänzung auf die Auslassungen

hingewiesen, die wir schon vor der Schilderung des

Kriegsverlaufes (Seite 123 ff.) über die Kriegführung der Gegner,

sowie ihre strategischen Pläne und Maßnahmen aus dem dort

angeführten Grunde genauer gegeben haben, als es bei den früheren

Kriegen geschehen ist.

Nach französischer Auffassung suchte =England= dagegen den Krieg

herbeizuführen, ehe die feindliche Marine mächtiger wurde, und Englands

Forderungen bei den weiterlaufenden Verhandlungen sowie sein schon

ausgesprochen kriegerisches Auftreten gegen französische Kriegs- und

Handelsschiffe im Jahre 1755 lassen allerdings glaubhaft erscheinen, daß

es den Franzosen den Krieg aufzwingen wollte, falls diese nicht

bedingungslos nachgaben. Unter diesen Umständen hätte Frankreich seine

ganze Kraft auf den bevorstehenden Seekrieg richten müssen, um wenigstens

auf einem Kriegsschauplatze bald Erfolge zu erringen; zu einem klaren

Entschlusse in dieser Hinsicht kam man aber nicht. Zwar gelang es 1756

die Aufmerksamkeit des Gegners abzulenken und durch überraschendes

Vorgehen ihm Minorka, den wichtigen Stützpunkt im Mittelmeer zu

entreißen; dann aber beschränkte man sich auf die Unterstützung der

Kolonien. Durch den altüberlieferten Wunsch auf Ausdehnung nach Osten

ließ sich ferner Frankreich verleiten, in den siebenjährigen

Festlandskrieg einzutreten und diesem seine Hauptaufmerksamkeit wie seine

Hauptkraft zuzuwenden, obgleich gerade jetzt, Anfang 1757, seine Sachen

in Nordamerika sowie in Westindien recht günstig standen.

Auch England ergriff Partei in diesem Kriege, schon um das mit ihm

verbundene Kurfürstentum Hannover gegen Frankreich zu schützen, besonders

aber, weil sein Gegner dadurch eben vom Seekriege abgelenkt wurde; es

beteiligte sich jedoch am Landkriege fast nur durch die Hilfsgelder, die

es an Preußen und dessen Verbündete zahlte. Zur See entfalteten die

Engländer dagegen ihre ganze Macht nach einem einheitlichen strategischen

Plane, dessen Richtigkeit sich in den beiden letzten Jahren des

vorangegangenen Krieges gezeigt hatte. Sie blockierten die französischen

Seestreitkräfte in den atlantischen Häfen und hielten die in Toulon

versammelten von Gibraltar aus im Mittelmeere fest; liefen französische

Flotten aus, so stießen sie mit ihren seeentwöhnten Besatzungen auf

stärkere, durch den schweren Blockadedienst erprobte englische Kräfte.

Eine Vereinigung der französischen Flotten wurde so verhindert, und auch

der Weg nach den Kolonien ward ihnen verlegt, während Englands stets

wachsende Seemacht gestattete, in den fernen Gewässern nach und nach

immer stärker aufzutreten.

Das Jahr 1757 brachte für England zwar noch keine Erfolge, sondern es

gelang Frankreich, die Machtmittel seiner Kolonien zu verstärken. In

Nordamerika waren die französischen Seestreitkräfte überlegen und

verhinderten größere Unternehmungen des Gegners. In Ostindien stand sogar

die englische Sache infolge des Krieges mit den Eingeborenen in Bengalen

recht schlecht; aus Vorderindien würden die Engländer wahrscheinlich ganz

vertrieben sein, wenn Frankreich seine Verstärkungen so bemessen hätte,

wie es ursprünglich beabsichtigt gewesen war.

Aber schon 1758 wandte sich das Blatt, da die Unterstützung der Kolonien

französischerseits ungenügend wurde. In Nordamerika gewannen die

Engländer die Seeherrschaft, und der wichtigste Stützpunkt der Franzosen,

Louisbourg, fiel, wodurch der Verlust Kanadas bedingt war; in Ostindien

wurde zwar noch um die Seeherrschaft gekämpft und die Franzosen errangen

Erfolge am Lande, aber hier wie zur See schwanden ihre Kräfte dahin. Im

Jahre 1759 fiel dort Quebec, hier kamen alle Unternehmungen der Franzosen

auf dem Festlande zum Stillstand und ihre Seestreitkräfte räumten, völlig

erschöpft, zu Ende des Jahres endgültig die indischen Gewässer. Auch in

Westindien, wo sich die Gegner bis 1758 die Wage gehalten und auf den

kleinen Krieg beschränkt hatten, bekamen die Engländer in diesem Jahre

die Übermacht und eroberten 1759 Guadeloupe.

Seekriege und Seekriegswesen, Zweiter Band in ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung. Mit besonderer Berücksichtigung der grossen Seekriege des XVII. and XVIII. Jahrhunderts. · 第 28 / 63 段