Englands Hauptniederlassungen lagen am Golf von Guinea, nur wenige (zwei
Forts) an der Sierra-Leone-Küste, und in Senegambien besaß es fast gar
keinen Einfluß (ein Fort an der Mündung des Gambia). Hier war Frankreich
die vorherrschende Macht mit vielen Forts vom Kap Branco bis etwas
südlich vom Gambia; Hauptstützpunkte waren St. Louis am Senegal und Gorée
beim Kap Vert[100]. Stärkere Seestreitkräfte wurden von keinem der beiden
Länder hier gehalten; England scheint meist einige Kriegsschiffe an der
Guineaküste gehalten zu haben.
[100] Genaueres über die Besitzungen beider Länder in Westafrika vgl.
Band I, Seite 619 ff., sowie Zimmermann, Band III, Seite 361 und
Band IV, Seite 217.
Im Februar 1757 erschien der französische Kapitän =de Kersaint= auf
seinem Wege nach Westindien mit 3 Linienschiffen, 2 Fregatten und einer
Korvette in den westafrikanischen Gewässern; er brachte einige englische
Sklavenschiffe auf und beunruhigte die Niederlassungen an der
Guineaküste, ein ernstlicher Angriff auf Cap Coast Castle wurde jedoch
abgeschlagen. =England= dagegen sandte 1758 kleinere Expeditionen hinaus,
um die französischen Niederlassungen wegzunehmen, und =bemächtigte sich
Senegambiens=.
$Einnahme von Port Louis und Gorée 1758.$ Am 9. März 1758 verließ
=Kapitän Marsh= mit einem Linienschiff (64 Kanonen), einem
50-Kanonenschiff, sowie drei kleineren zu 8, 16 und 20 Kanonen England,
erschien am 23. April vor der Mündung des Senegal, drang bei nur
geringem Widerstande durch Küsten- und Flußfahrzeuge über die Barre
nach =Port Louis= vor und zwang mit Hilfe vorher gewonnener
eingeborener Fürsten das Fort am 1. Mai zur Übergabe; mit ihm fielen
auch die anderen, weiter stromauf gelegenen Plätze. Es mutet seltsam
an, daß die Anregung zu diesem Kriegszuge von einem Quäker ausging, der
in Afrika ansässig gewesen war; dieser hatte auch die einheimischen
Fürsten gewonnen. Marsh versuchte dann im Mai vergeblich, das besser
befestigte Gorée zu nehmen. Aber schon am 28. Dezember trafen unter
Führung des Kommodore =Augustus Keppel= 3 Linienschiffe, je ein 50- und
ein 44-Kanonenschiff, verschiedene kleinere Fahrzeuge, zwei
Mörserboote, sowie Transporter mit Soldaten vor =Gorée= ein, und die
Niederlassung fiel bereits am nächsten Tage. (Näheres über diese
Vorgänge siehe Laird Clowes, Band III, Seite 186 ff.)
Frankreich trat beim Friedensschluß Senegambien an England ab, erhielt
aber Gorée zurück.
$Ostindien[101].$ =Ereignisse vor Ausbruch des Krieges.= Sicher bestand
nach dem Frieden von Aachen bei den Leitern der ostindischen Kompagnien
in London wie in Paris der Wunsch, neue Zerwürfnisse zu vermeiden, denn
der letzte Krieg hatte große Kosten verursacht und dem Handel sehr
geschadet. Aber die erfolgreiche Einmischung des französischen
Gouverneurs =Dupleix= in die Streitigkeiten der indischen Fürsten hatte
das frühere System der Kompagnien, von befestigten Niederlassungen aus
nur Handel zu treiben, unmöglich gemacht. Die Europäer hatten die
Überlegenheit ihrer Waffen zu gut kennen gelernt, um den indischen
Fürsten weiter nur als Bittende entgegenzutreten, und diese strebten
dahin, sich der unbesiegbaren Europäer gegen ihre einheimischen Feinde zu
bedienen. Wollten die Kompagnien also weiter Geschäfte machen, so mußten
sie Partei nehmen und ihren Freunden Waffen und Soldaten stellen. Wenn
nun die Kompagnien selbst noch in den ersten Jahren nicht miteinander im
Streit lagen, so unterstützte doch eine jede einheimische Fürsten, die
vielleicht mit den Schützlingen der anderen Krieg führten; so mußten bald
auch die Truppen der beiden Kompagnien in diese Kämpfe verwickelt werden.
[101] Im Anschluß an Seite 97-107. -- Die Verhältnisse in Indien, die
sehr verwickelten Streitigkeiten der indischen Herrscher, in die
die englische und französische Kompagnie des eigenen Vorteils
halber eingriffen, geben wir nur soweit, als es zum Verständnis
der kriegerischen Unternehmen nötig erscheint, insbesondere, um
das Auftreten der Seestreitkräfte zu verstehen und zu würdigen.
Genaueres findet man in Zimmermann, Band III, Seite 311 und Band
IV, Seite 188 ff., wo die Geschichte der englischen und
französischen Kolonie in Indien von 1748 an fortgeführt wird.
Diese ist sehr lesenswert und man ersieht aus ihr, wie die
Kompagnien mit wenig hundert Mann Europäern und einigen tausend
Sepoys Einfluß über Staaten gewannen, deren Heere nach Zehn- ja
Hunderttausenden zählten.
$Bis zum Jahre 1751$ zog =Frankreich= aus der Einmischung in indische
Angelegenheiten bei weitem =den größeren Vorteil=. =England= gewann zwar
1749 bei einer Thronfolgefrage im Staate Tanjore die Stadt =Devicotta=,
an der Mündung des Coleroon, etwa 30 Seemeilen südlich von Cuddalore,
aber dem Gouverneur von Pondicherry, =Dupleix=, gelang fast die
Verwirklichung seiner langgehegten Absicht, die Gründung eines
Vasallenstaats von großer Ausdehnung für Frankreich. Um das =Dekan= --
ein Vizekönigreich des Großmogulstaats, das fast ganz Vorderindien
umfaßte und in viele kleine Gebiete, jedes unter einem Nabob, zerfiel --
erhob sich 1749 gleichfalls ein Thronfolgestreit. Hier nahm Dupleix
Partei und wandte Politik wie Waffengewalt so geschickt an, daß sein
Schützling Sieger blieb.
Dieser machte als Vizekönig des Dekan 1750 Dupleix zum Nabob der
Küstenstaaten von Masulipatam bis zum Kap Komorin, erweiterte das Gebiet
der französischen Kompagnie bei Pondicherry sowie bei Karikal und trat
ihr neues Land bei Masulipatam ab; auch erhielt der Gouverneur selber
reichen Landbesitz als Eigentum. Der Vizekönig huldigte ihm sogar am 26.
Dezember 1750 in Pondicherry, und sein Nachfolger dehnte 1751 durch ein
weiteres Zugeständnis die französische Macht an der Orissaküste aus.
Dupleix beherrschte tatsächlich den ganzen Süden Vorderindiens, da er als
mächtiger Nabob beratende Stimme in allen wichtigen Angelegenheiten
besaß, und da der Vizekönig wie die meisten anderen Nabobs seiner Hilfe
ihre Stellungen verdankten. Mit nur 800 Mann Europäer und 3000 Sepoys
hatte Dupleix seinen Einfluß über 35 Millionen Inder zur Herrschaft
gebracht; die Engländer waren an der Ostküste Vorderindiens lahmgelegt,
ihre völlige Austreibung schien nur noch eine Frage der Zeit.
$Bis zum Jahre 1755$ gingen diese =Errungenschaften Frankreichs= jedoch
=wieder verloren=. Die Stellung Dupleix' und seines Verbündeten war nicht
fest genug, als sich 1751 England unmittelbar einmischte und in =Robert
Clive=[102] ein ebenbürtiger Gegner für Dupleix erwuchs. Der Vizekönig
besaß noch nicht die volle Herrschaft im ganzen Dekan; er hatte im Norden
mit widerspenstigen Fürsten zu schaffen und auch im Süden behauptete sich
der von ihm abgesetzte Nabob des Carnatic in einigen festen Städten.
Dieser gewann die Engländer für sich. Als der Vizekönig versuchte, ihn
mit Hilfe der Franzosen niederzuwerfen, unterstützten ihn die Engländer
von Madras, sowie von St. Davids aus mit Truppen. Hiermit war von Mitte
Juli 1751 =der Krieg zwischen den Kompagnien= entbrannt. Es folgten
zunächst vier Jahre des Kampfes im Carnatic, in denen mit wechselndem
Kriegsglück bald die eine, bald die andere Partei im Vorteil war, je
nachdem sich die unzuverlässigen indischen Fürsten gruppierten -- auch
die Mahratten an der Westküste Vorderindiens, die alten Feinde des
Mogulreiches, traten in den Kampf ein; zuerst auf englischer, später auf
französischer Seite.
[102] =Robert Clive=, geboren 1725, kam 1743 als Beamter der jüngsten
Klasse (Schreiber) der Kompagnie nach Madras, ging aber bald zum
Kriegsdienst über und zeichnete sich schon als Fähnrich bei der
Belagerung von Pondicherry 1748 aus. Jetzt war er erst 26 Jahre
alt, aber mit scharfem, militärischem Blick begabt und in den
indischen Angelegenheiten sehr erfahren. Durch seine Erfolge in
Bengalen in diesem Kriege wurde er der Begründer der englischen
Macht in Indien.
Wohl war die französische Kompagnie anfangs an Europäern wie an Sepoys
stärker, aber die Engländer zogen Truppen aus Bengalen heran, und ihre
Führer =Lawrence=, sowie =Clive= waren den Franzosen =d'Auteuil= und
=Law= (Sohn des berüchtigten Finanzmannes, s. Band I, Seite 595) weit
überlegen. Dupleix erhielt von der Heimat keine wesentlichen
Unterstützungen, auch mußte er seinen fähigsten Offizier, =de Bussy=, mit
einem Teil der Truppen abgeben, um den Vizekönig im Norden zu verstärken
und an dessen Hofe Frankreichs Vorteil gegen eine von England gewonnene
Partei wahrzunehmen. Zu Ende des Jahres 1752 stand es für die Franzosen
sehr schlecht; ein Unternehmen gegen St. Davids -- der erste unmittelbar
gegen die Engländer selber gerichtete Stoß -- wurde schon auf dem
Anmarsch mit großem Verluste zurückgewiesen.
Anfang 1752 lagen im Carnatic nur noch 360 Franzosen gegen 700 Engländer
im Felde; die erste, jetzt erwartete, bedeutendere Verstärkung von der
Heimat, 700 Mann, blieb aus, da das Schiff unterwegs verbrannte. Dennoch
behauptete sich Dupleix das Jahr über und errang sogar einige Vorteile,
als Clive aus Gesundheitsrücksichten nach England gegangen war. Wegen
Mangels an Truppen sowie an Geld -- er hatte schon bedeutende Summen aus
eigenem Vermögen vorgeschossen --, sowie auf Drängen der Kompagnie, die
des kostspieligen Krieges müde war, trat Dupleix im Januar 1754 mit dem
Gouverneur von Madras, =Saunders=, in Unterhandlungen. Diese zerschlugen
sich aber schon nach wenigen Tagen, da dieser unter keinen Umständen
Dupleix als Nabob des Carnatic anerkennen wollte und auch erfahren hatte,
daß dessen Stellung in Paris schwer erschüttert sei. Dennoch verlor der
tapfere Mann nicht den Mut. Der Nabob von Tanjore, ein mächtiger Fürst,
schien geneigt, sich auf seine Seite zu schlagen, im Februar wurde ein
Sieg über die besten englischen Truppen erfochten und de Bussy hatte mit
dem neuen Vizekönig, dem zweiten Nachfolger des ersten Freundes der
Franzosen, ein vorzügliches Verhältnis hergestellt. Wiederum erhielt die
Kompagnie große Gebiete an der Orissaküste, =die vier Circars=, die durch
ein Einkommen von 400 000 Lstrl. genügende Geldmittel sicherten. So
schöpfte =Dupleix= neue Hoffnung, da wurde er am 1. August 1754
=abberufen=.
$Die Abberufung Dupleix'$ war die Folge von Verhandlungen, die schon
seit 1752 zwischen den Kompagnien unter Teilnahme der Regierungen
geführt wurden. Die englische Regierung machte Dupleix für alle Wirren
in Indien verantwortlich und forderte unter Androhung schärfster
Maßregeln seine Entfernung; auch Clive vertrat diesen Standpunkt
energisch, als er sich 1753/54 in England aufhielt. So lange draußen
alles gut ging, war die französische Regierung mit Dupleix ganz
zufrieden gewesen und die Kompagnie hatte über die schlechten
Geschäftsergebnisse hinweggesehen; als aber von 1752 an eine Hiobspost
nach der anderen eintraf und die Mittel zusammenschrumpften, ließ man
den tüchtigen Mann fallen. Bei seiner Abberufung erhielt er weder ihm
noch zustehende Gelder, noch die von ihm vorgeschossenen 6-7 Millionen
Francs, selbst die Einkünfte aus seinem Privatbesitz enthielt man ihm
vor, so daß er beinahe mittellos die Heimreise antreten mußte. Ohne daß
seine gerechten Ansprüche befriedigt waren, starb er 1764 verlassen und
vergessen, während man in England annahm und noch annimmt, daß die
Engländer in den nun noch folgenden Kämpfen wahrscheinlich aus Indien
verdrängt worden wären, wenn man Dupleix nicht abberufen hätte.
In Europa waren die Regierungen sowie die Kompagnien übereingekommen,
beide Gouverneure abzuberufen und die Streitigkeiten durch besondere
Kommissäre zu schlichten. England ernannte aber den bisherigen Gouverneur
zu seinem Vertreter, während Frankreich einen früher in Bengalen tätig
gewesenen Beamten, =Godeheu=, der stets gegen Dupleix intrigiert hatte,
zum Kommissar bestellte. Dieser traf am 1. August 1754 mit 2000 Soldaten
in Pondicherry ein und übernahm schon am 2. die Geschäfte. Er wies sofort
die im Felde stehenden Befehlshaber an, die Feindseligkeiten
einzustellen, =schloß= am 26. Oktober einen Waffenstillstand und =im
Januar 1755= einen für die französische Kompagnie =höchst ungünstigen
Frieden=.
$Godeheu$ folgte bei den Verhandlungen in keiner Hinsicht einer ihm von
Dupleix hinterlassenen Denkschrift, in der die politische wie die
militärische Lage dargestellt und die erforderlichen Maßnahmen
entwickelt waren; auch sah er darüber hinweg, daß England gegen die
Abmachung seinen früheren Gouverneur als Kommissar bestellt hatte. Er
lieferte die Gefangenen aus, begann die an Frankreich abgetretenen
Gebiete zu räumen und benachrichtigte den Vizekönig, daß er sich nicht
mehr in dessen Angelegenheiten mischen dürfe; er ließ de Bussy zwar
noch im Lager bei diesem, sandte ihm aber weder Truppen noch Geld.
$Das Ergebnis der Verhandlungen$ war, daß sich beide Kompagnien
verpflichteten, sich nicht mehr in die Streitigkeiten der indischen
Fürsten zu mischen, auch keine Würden oder Ämter vom Großmogul
anzunehmen. =England= sollte St. George (Madras), St. Davids
(Cuddalore) und Devicotta, =Frankreich= Pondicherry, Carical und
Nizampatam behalten; das Gebiet von Masulipatam, das ansehnliche
Einkünfte lieferte, wurde geteilt. England behauptete somit alles, was
es besessen und hinzugewonnen, Frankreich gab an Besitz und an Einfluß
auf, was ihm Dupleix erworben hatte. In den Augen der indischen Fürsten
mußte dieser Friedensschluß als ein völliger Sieg Englands erscheinen.
Schon im Februar 1755 sah =Godeheu= seine Aufgabe als erledigt an, gab
die Geschäfte an den neuen Gouverneur, =de Leyrit=, einen alten Beamten
der Kompagnie, ab und kehrte nach Frankreich zurück. De Leyrit hatte zwar
den Auftrag und die Absicht, Godeheus Politik fortzuführen, aber die
Ereignisse zwangen ihn bald in andere Bahnen, und die Verwicklungen
begannen abermals.
$Die Jahre 1756/57.$ Schon im Februar 1755 brachen die Engländer den
Vertrag, indem sie dem Nabob von Carnatic, der nun von den Franzosen
nicht mehr bekämpft wurde, wiederum Soldaten stellten, um seine Macht zu
befestigen; =de Leyrit= nahm darauf auch seinerseits Partei, verstärkte
de Bussy und stellte die Räumung des Orissagebietes ein. Das alte Spiel
begann von neuem. Zwar traf =Clive=, zum Kommandanten von St. Davids
ernannt, 1755 mit einem Geschwader von 3 Linienschiffen, einem
50-Kanonenschiffe, einer Fregatte und einer Sloop unter Kontreadmiral
=Charles Watson= nebst Truppen in Indien ein, um im Einverständnis mit
dem Gouverneur von Madras von Bombay aus den Vizekönig des Dekan
anzugreifen, wozu auch die Unterstützung der Mahratten gewonnen war, aber
die Behörden in Bombay wollten mit Rücksicht auf den eben geschlossenen
Frieden nichts davon wissen. Sie benützten die Streitkräfte Clives lieber
zur Befestigung ihrer Macht an der Westküste durch Niederwerfung eines
Seeräuberstaates.
$Der Seeräuber Angria$ war das Haupt einer Mahrattenfamilie, die seit
etwa 100 Jahren an der Westküste Vorderindiens Seeraub trieb und zu
großem Landbesitz gekommen war. Sie belästigte sowohl den europäischen
Handel wie den der Inder und griff selbst größere Kriegsschiffe an.
Jetzt verband sich die englische Kompagnie mit den übrigen Mahratten
zur Vernichtung Angrias. Schon im März 1755 nahmen ihre Schiffe den
nördlichsten Hafen des Seeräuberstaates, =Bencote= (später Fort
Victoria auf 18° Nordbreite), ein und im Januar 1756 gingen Clive und
Watson mit ihrer Kriegsflotte, einigen Schiffen der Kompagnie sowie
Fahrzeugen der Mahratten und einem Landungskorps gegen die Hauptstadt
=Geriah= (auf 16-1/2° Nordbreite) vor. Diese nebst ihren Befestigungen
mußte zwei Tage regelrecht beschossen werden, ehe sie sich am 14.
Februar ergab. Man erbeutete 100000 Lstrl. an barem Gelde, sowie 30000
an Gütern, und verbrannte die Seeräuberflotte, die aus einigen größeren
Segelschiffen und zahlreichen Rudergaleren bestand. Die Engländer
behielten die ganze Beute und auch den festen Platz, da die Mahratten
sich unzuverlässig gezeigt hatten.
Im Mai 1756 trafen Clive und Watson dann vor St. Davids ein, und der
Gouverneur von Madras wollte nun angriffsweise gegen die Franzosen
vorgehen, insbesondere gegen de Bussy, der durch englische Einwirkung zur
Zeit mit dem Vizekönig entzweit war. Dies wurde zwar durch die Ereignisse
in Bengalen verhindert, aber =der offene Krieg zwischen den Kompagnien=
brach gleichwohl =in Bengalen= wie =im Carnatic= aus.
$England wirft Frankreich in Bengalen nieder 1756/57.$ Bengalen war lange
Zeit von einem Vizekönig -- wie der im Dekan ein ziemlich unabhängiger
Vasall des Großmogul -- regiert, der beide Kompagnien gleich begünstigte,
um seinen Vorteil daraus zu ziehen; während des vorigen Krieges hatte er
alle Feindseligkeiten zwischen ihnen verhindert. Im Jahre 1756 kam sein
Enkel auf den Thron, dem der wachsende Einfluß der Europäer ein Dorn im
Auge war. Dieser fiel schon im ersten Jahre über die Engländer her, nahm
die Faktorei Cosimbazar ein und griff am 18. Juni =Kalkutta= an, wo nur
260 englische Soldaten und 250 Milizen standen. Sie riefen die Holländer
in Chinsura, sowie die Franzosen in Chandernagore um Hilfe an, aber jene
lehnten rundweg ab, diese rieten Aufgabe der Stadt und Rückzug nach
Chandernagore. Die Engländer beschlossen nun allgemeine Flucht auf den
vorhandenen Schiffen. Zuerst sollten die Familien mit der wertvollsten
Habe an Bord gehen, aber man verlor den Kopf, und nur der Gouverneur
sowie die höheren Offiziere retteten sich. Bei dem Sturm der Inder auf
Kalkutta fielen 95 Engländer, die Soldaten flohen, und nach Einnahme der
Stadt kamen von den übriggebliebenen 146 Männern 123 in dem berüchtigten
Black Hole um; einem 18 Fuß langen und 14 Fuß breiten Raume, in dem sie
für eine Nacht eingesperrt waren. Der Vizekönig besetzte die Zitadelle
Fort William und zwang die Franzosen wie die Holländer zur Zahlung hoher
Summen.
Auf die Nachricht von diesen Ereignissen, die im August 1756 in Madras
eintraf, beschloß man hier, vor allem in Bengalen Rache zu nehmen.
Schiffe, Mannschaft sowie tüchtige Offiziere, Clive und Lawrence, waren
vorhanden, aber zwei Monate dauerte der Streit der maßgebenden Personen
über die Stellung von Flotte und Heer zueinander, über den Oberbefehl, ja
sogar über die Verteilung der Beute. Hervorzuheben ist, daß Admiral
Watson die soeben erhaltene Anweisung, mit dem Geschwader nach England
zurückzukehren, in richtiger Würdigung der Verhältnisse in Indien nicht
befolgte. Erst am 16. Oktober segelte die Expedition ab. =Clive=, der die
Truppen führte, erhielt den Befehl, im April 1757 wieder in Madras zu
sein, weil in Europa der Krieg ausgebrochen war, und Frankreich
beabsichtigte, große Verstärkungen nach Pondicherry zu senden. =Watsons=
Geschwader zählte die obengenannten Kriegsschiffe (mit Ausnahme der
Sloop) und ein Mörserboot; Clive befehligte 906 englische und 1500
indische Soldaten.
An der Koromandelküste blieben nur die schwachen Besatzungen der festen
Plätze sowie einige Schiffe der Kompagnie zurück. Die Expedition war am
27. Dezember an der Mündung des Ganges versammelt, wo man die Flüchtlinge
von Kalkutta fand; dann drang man zu Wasser und zu Lande ohne erheblichen
Widerstand stromaufwärts vor, nahm am 2. Januar 1757 nach zweistündiger
Beschießung Kalkutta nebst Zitadelle und wenige Tage darauf die Stadt
Hugly, 30 Seemeilen weiter stromauf. Der Vizekönig war mit seinem
eigentlichen Heere noch nicht herangekommen, sondern versuchte, die
Franzosen vorher auf seine Seite zu ziehen. Diese zeigten sich
unschlüssig, da sie hofften, die Bedrängnis der Engländer wie im vorigen
Kriege zum Abschluß einer Neutralität ausbeuten zu können. Geschickt
hielt nun Clive die Franzosen mit Verhandlungen hin, bis er einen
bedeutenden Sieg über die Truppen des Vizekönigs errungen und diesen am
9. Februar zu einem Friedensschluß bewogen hatte, in dem England alle
früheren Vorrechte zurückerhielt.
=Clive= hatte seine Aufgabe erfüllt und konnte nun nach Madras
zurückgehen. Er erachtete aber die Gelegenheit für günstig, die Franzosen
anzugreifen und schloß am 14. März 1757 im Verein mit =Watson= die Stadt
=Chandernagore= ein, die gut befestigt, aber nur von 446 Europäern und
300 Sepoys verteidigt war. Am 19. zerstörten die Boote der Flotte einige
diese bedrohende Brander; am 23. wurde die Stadt vom Lande wie vom Flusse
her beschossen, worauf die Franzosen sie übergaben. Damit war =die
französische Macht in Bengalen vernichtet= und der Kampf der Kompagnien
hier beendet.
$Weitere Ereignisse in Bengalen bis 1763.$ =Clive= wollte jedoch noch
seine Stellung den indischen Fürsten gegenüber befestigen und blieb
deshalb in Bengalen, trotz mehrfacher, dringender Mahnungen aus Madras.
Er hatte einen Angriff des Vizekönigs zu erwarten, der über die
Einnahme von Chandernagore empört war und mit dem Rest der von dort
nach Bhagulpore, etwas weiter stromauf geflohenen Franzosen sowie mit
de Bussy im Dekan in Verbindung trat. Durch Verhandlungen und Intrigen
gelang es Clive, eine Verschwörung gegen den Vizekönig in dessen Lager
anzuzetteln und ihn mit nur 1000 Europäern nebst 2000 Sepoys gegen eine
zwanzigfache Übermacht bei Plassey vernichtend zu schlagen. Dann setzte
er einen England ergebenen Mann an dessen Stelle.
=Die Schlacht bei Plassey am 23. Juni 1757 gilt als der Anfang der
englischen Herrschaft in Indien.= Noch fast das ganze Jahr 1758 über
hielt Clive seine Landstreitmacht in Bengalen zusammen, um die
Herrschaft des neuen Vizekönigs zu befestigen; erst im Oktober sandte
er 500 Europäer und 2000 Sepoys nach Vizagapatam an der Orissaküste. Er
selber ward jetzt zum Gouverneur von Bengalen ernannt, und damit weiter
unabkömmlich; bald wurde auch der Vizekönig ihm feindlich gesinnt. Als
im August 1759 sieben holländische Ostindienfahrer mit 1500 Soldaten
für die Niederlassung Chinsura vor dem Ganges eintrafen, mußte er
befürchten, daß der Vizekönig diese für seine Zwecke benützen würde. Er
verlangte deshalb, daß ihnen die Einfahrt in den Strom verboten wurde,
und als dies nicht geschah, ließ er sie auf ihrer Fahrt stromauf durch
englische Ostindienfahrer und durch seine Truppen wegnehmen; auch zwang
er die holländische Niederlassung zur Verpflichtung, keine
Befestigungen anzulegen sowie keine Truppen zu halten, und gab die
Schiffe nur gegen Zahlung einer Entschädigung zurück, die seine
Kriegskosten deckte. Alles dies geschah, obgleich England mit Holland
im Frieden war.
Anfang 1760 kam =Clive= nach England, wo er als =Baron v. Plassey= zum
Peer von Irland ernannt und ins Parlament berufen wurde; sein Vermögen
zählte mehrere Millionen. Erst 1764 kehrte er infolge auftretender
Unruhen als =Generalgouverneur= und Chef aller Truppen nach Kalkutta
zurück, wo sich bis dahin seine Nachfolger, wenn auch unter schwierigen
Verhältnissen und mancherlei Kämpfen, behauptet hatten. 1767 ging Clive
aus Gesundheitsrücksichten abermals nach England; er wurde 1772 wegen
Mißbrauch seiner Gewalt in Indien zur Untersuchung gezogen, verteidigte
sich aber so glänzend, daß die Verhandlung niedergeschlagen und seine
großen Verdienste förmlich anerkannt wurden. Krank am Körper und
verbittert im Gemüt, ergab er sich dem Opiumgenuß und endete durch
Selbstmord am 22. November 1774.