nach Montcalms Tode den Oberbefehl übernahm, gab trotz der verzweifelten
Lage den Kampf nicht auf. Er zog alle verfügbaren Truppen bei Montreal
zusammen und beunruhigte von dort aus während des Winters die englischen
Posten. Im Frühjahr 1760 machte er sogar den Versuch, Quebec wieder zu
nehmen, da hier nur 3000 Engländer unter =General Murray= lagen. Er
führte 5000 Mann[97] auf Fahrzeugen verschiedener Art den Fluß hinunter,
landete etwas oberhalb der Stadt, schlug die Gegner zurück und schloß sie
ein. Dieser Erfolg wurde nur durch die Unentschlossenheit des Feindes
ermöglicht. Englischerseits hatte man geplant, die Franzosen in Montreal
zu erdrücken: Amherst sollte mit 11000 Mann vom Champlainsee vorrücken,
ihm zur Seite Oberst Havyland mit 5000 Mann und Murray von Quebec aus;
Colvilles Geschwader sollte wieder nach Quebec gehen, sobald die
Jahreszeit es erlaubte. De Levis war ihnen zuvorgekommen; die Stadt stand
schon vor dem Fall, als endlich am 15. Mai die ersten Schiffe eintrafen
und sofort den Kampf gegen die französischen Belagerungsbatterien
aufnahmen.
[97] Nach Zimmermann, der wohl nur die regulären Soldaten zählt, denn
englische Angaben sprechen von 14000 Mann.
Jetzt mußte de Levis nach Montreal zurück, er verstand es aber, noch
monatelang die Wege dorthin zu verteidigen. =Amherst= hatte nicht die
gerade, kaum noch streitig gemachte Straße nach Montreal eingeschlagen,
sondern war zum Ontariosee marschiert, auf dem man im Winter eine
Flottille von Segelkuttern und Ruderfahrzeugen gebildet hatte. Er nahm
hier und bei dem Vordringen flußabwärts nach und nach die letzten kleinen
französischen Posten und langte erst am 7. September vor Montreal an. Am
selben Tage erschienen auch =Havyland=, der Bougainville hatte
zurückdrängen müssen, und Murray, der nur langsam, von kleinen
Kriegsschiffen unterstützt, flußaufwärts hatte herankommen können. Jetzt
war allerdings das Schicksal der Franzosen entschieden. =De Levis= wollte
es zwar noch auf einen Kampf ankommen lassen, mußte sich aber auf
Vaudreuils Befehl am 8. September ergeben. Bald darauf fielen auch die
letzten Posten Frankreichs am Eriesee und Colvilles Schiffe säuberten den
St. Lawrencegolf von französischen Freibeutern, die noch zahlreich in den
verschiedenen Buchten gelegen hatten. Die Beamten und Offiziere Kanadas
mit ihren Angehörigen, sowie die Soldaten wurden nach Frankreich
geschafft; gegen 500 der angesehensten Ansiedler folgten ihnen, und
England begünstigte deren Abzug. =Kanada war für die Franzosen
verloren=[98].
[98] Ein abenteuerlicher Versuch Frankreichs, 1762 nochmals in
Neufundland Fuß zu fassen, soll zu Ende des »Kleinen Krieges«
geschildert werden.
In Frankreich erregte der Verlust Kanadas die größte Empörung. Das Volk
wußte nicht, daß die Regierung schon lange damit gerechnet hatte; es
fühlte nur die Schmach und den Schmerz über die nutzlosen Opfer. Der
Hof beschloß deshalb, was schon früher hätte geschehen müssen, die
pflichtvergessenen Beamten zur Rechenschaft zu ziehen. Vaudreuil sowie
der Intendant und zahlreiche Beamte kamen in die Bastille; sie wurden
später verbannt oder sonst bestraft, auch mußten sie 11-1/2 Millionen
veruntreuter Gelder ersetzen. Frankreich hatte von 1749-1760 für Kanada
123 Millionen aufgewendet; von 40 Millionen, die man der Kolonie
schuldig war, wurden nur 12 zurückgezahlt. Die Tapferkeit der Offiziere
dagegen fand Anerkennung; viele von ihnen fanden später noch eine
ehrenvolle Laufbahn.
=England hatte ein Hauptziel des Krieges erreicht=; der sehnliche Wunsch
der Kolonien war erfüllt, ihrer Ausdehnung stand nichts mehr im Wege.
Allerdings erklärte die Regierung das Hinterland der Neuenglandstaaten
vom Alleghanygebirge bis zum Mississippi für Kronland, während es zu
diesen Kolonien hätte geschlagen werden müssen, da nach den alten
Chartres bei Gründung der Niederlassungen stets ein Landstreifen vom
Atlantik bis zum Stillen Ozean verliehen war. Aber die Staaten brauchten
doch ihre Männer sowie ihr Geld nicht mehr für Kriege gegen die Kanadier
zu verwenden und ein großer wirtschaftlicher Aufschwung mußte die Folge
sein. Ebenso zweifellos aber war eine außerordentliche Steigerung des
Selbstgefühls dieser schon so eifersüchtig über ihre Rechte wachenden
Kolonien. Es wurden deshalb auch in England beim Friedensschlusse Stimmen
laut, die rieten, Kanada an Frankreich zurückzugeben und lieber
Guadeloupe zu behalten. Frankreich erhielt aber nur die beiden kleinen
Inseln =Saint Pierre= und =Miquelon= an der Südküste Neufundlands als
Stützpunkte seiner Kabeljaufischerei zurück; sie gehören ihm noch heute.
Ihre Kolonie =Louisiana= traten die Franzosen an Spanien ab; =von
Nordamerika war Frankreich damit ausgeschlossen=.
$Westindien 1755-1757.$ Dieser Kriegsschauplatz bietet in den ersten
Jahren des Krieges wenig Bemerkenswertes, obgleich auch hier schon bald
nach dem letzten Friedensschluß Streitigkeiten eintraten, so zunächst um
=die neutralen Inseln=.
Wie bereits erwähnt, hatte man 1730 die Inseln Tabago, Sta. Lucia, St.
Vincent und Dominica als neutral erklärt. Beim Friedensschluß 1748
erhielt Frankreich das Besitzrecht auf Sta. Lucia, wurde aber von
England stets gedrängt, die Insel wieder aufzugeben; anderseits machten
die Franzosen schon 1748 den Versuch, von Martinique aus Tabago zu
besetzen und zu befestigen, den sie nur auf ernstliche Vorstellungen
Englands unterließen. Im Frieden 1763 erhielt Frankreich aufs neue Sta.
Lucia zugesprochen, während die drei anderen neutralen Inseln an
England fielen; ebenso das bisher französische Grenada; Sta. Lucia kam
erst 1814 endgültig an England.
Besonders eifersüchtig aber war England auf das Aufblühen der
französischen Inseln in den letzten Jahren, so daß =Frankreich= wohl auf
Angriffe gegen diese beim Ausbruch des Krieges gefaßt sein mußte. Es
wurden deshalb überall die Befestigungen verstärkt und neue angelegt.
1755 stellte man auf allen Inseln Miliz- und Negertruppen auf und rüstete
Kaperschiffe aus; um dem Mangel an Nahrungsmitteln vorzubeugen, wurden
die Häfen neutralen Schiffen geöffnet. Anfang 1756 sandte man von
Frankreich je ein Geschwader nach den beiden Stationen, St. Domingue und
Martinique für die Antillen, die Truppen sowie Vorräte hinausbringen und
den feindlichen Handel schädigen sollten.
=England= dachte jedoch vorläufig noch nicht an Unternehmungen gegen die
feindlichen Kolonien; man hielt zunächst aus Besorgnis vor einer Invasion
die Seestreitkräfte in Europa zusammen. Man verstärkte zwar die beiden
westindischen Stationen (Jamaika und Barbados für die Kleinen Antillen)
aber auch nur mit dem Zwecke, den Handel des Gegners lahmzulegen und
seinen Inseln die Zufuhren abzuschneiden, in der Hoffnung, sie mit der
Zeit auszuhungern.
Somit führte man nur den Kleinkrieg, denn keine Partei war zu größeren
Unternehmungen genügend stark. Aber auch in diesem war keine
ausgesprochen im Vorteile; wahrscheinlich litt England mehr, wie wir es
meistens bei Beginn der Kriege gesehen haben. Wenn auch die Engländer
viele Kauffahrer abfingen, so sorgten doch Holland und Spanien für die
Einfuhr und Ausfuhr der französischen Inseln, und das Lahmlegen des
französischen Handels wurde wenig fühlbar; anderseits fielen mehr
englische Schiffe in Feindeshand, weil Englands Schiffahrt beträchtlich
größer war als die der Franzosen und weil diese über mehr Freibeuter
verfügten. Namentlich im Jahre 1756 scheinen die Engländer in den
westlichen Gewässern schwere Verluste erlitten zu haben; die
Jamaikastation war nur schwach besetzt, und die Schiffe wurden aus Furcht
vor einem Angriff auf die Insel zusammengehalten. Außer Zusammenstößen
einzelner Schiffe kam es in den ersten Jahren nur zu einem größeren
Gefechte.
$Seegefecht bei Le Cap[99] am 21. Oktober 1757.$ Im November 1756 war
ein französisches Geschwader unter Kapitän =de Kersaint= von 3
Linienschiffen, 2 Fregatten und einer Korvette aus Brest über
Westafrika nach Westindien ausgelaufen und hatte nach Berühren von
Martinique im Sommer 1757 Le Cap erreicht; von hier sollte es einen
Konvoi Handelsschiffe nach Frankreich geleiten. Um dies zu hindern,
sandten die Engländer im Herbst von Jamaika den =Kapitän Forrest= mit
drei Linienschiffen zum Kreuzen vor Le Cap, Kersaint hatte aber hier
andere Schiffe vorgefunden und trat dem Gegner, wider dessen Erwarten,
am 21. Oktober mit Überlegenheit entgegen. Es standen
französischerseits 2 Schiffe zu 74 Kanonen, 1 zu 64, 1 zu 50, 1 zu 44
und 2 zu 32 Kanonen gegen 1 Schiff zu 64 und 2 zu 60 englischerseits.
Als die Franzosen in Sicht kamen, rief Forrest die beiden anderen
Kommandanten zu sich an Bord und sagte ihnen: »Well, gentlemen, you see
they are come out to engage us«, worauf Kapitän =Suckling= antwortete:
»It would be a pity to disappoint them«. Dann griffen die Engländer um
3-1/2 Uhr nachmittags an, wobei Suckling führte, und nach scharfem,
zweistündigem Kampfe mußte sich Kersaint mit seinem Schiffe durch eine
Fregatte aus dem Gefecht schleppen lassen, worauf auch die anderen
Franzosen abbrachen.
[99] Hafenstadt an der Nordwestküste der Insel Haiti, im damaligen
französischen Teile St. Domingue und =Cap Français= genannt; jetzt
eigentlich Le Cap Haiti, oft aber nur Le Cap bezeichnet. Cap
Français war der Haupthafen für die französische St.
Dominguestation sowie Sammelplatz der französischen
Westindienfahrer vor ihrer Abreise im Konvoi nach Europa.
Die Engländer verloren an Toten und Verwundeten 119 Mann; ihre Schiffe
waren in der Takelage so beschädigt, daß sie zum Ausbessern nach
Jamaika zurückfuhren. Die Franzosen sollen gegen 500 Mann verloren
haben; Kersaint konnte jedoch seinen Konvoi nach Frankreich führen und
hatte somit den strategischen Erfolg auf seiner Seite. Trotzdem gilt
das Gefecht bei den Engländern als eines der ruhmreichsten ihrer
Geschichte, und wohl mit Recht. Suckling war der Oheim Nelsons, und auf
seinem Schiff trat dieser ein. Als 48 Jahre später am gleichen Datum
Trafalgar geschlagen wurde, gedachte Nelson dieses Gefechtes und sah es
als eine gute Vorbedeutung an.
$Im Jahre 1758$ brachte Pitts Einfluß auch in Westindien wie auf den
übrigen Kriegsschauplätzen durch Belebung der Tatkraft einen Umschwung
zugunsten Englands hervor. Zunächst erklärte dieses jegliche Zufuhr von
Lebensmitteln in französische Kolonien seitens spanischer oder
holländischer Schiffe für Neutralitätsbruch und handelte dementsprechend.
Zwar beschränkte man sich noch auf den kleinen Krieg, wohl weil die
Expedition gegen Louisbourg große Aufwendungen erforderte, aber man
übertraf den Gegner doch schon an Zahl der Streitkräfte. Frankreich
sandte 1758 nur insgesamt 6 Segel nach Westindien; ein größeres
Geschwader unter de La Clue wurde durch die Engländer im Mittelmeer
festgehalten. Gegen Ende des Jahres faßte man denn auch das Vorgehen
gegen die französischen Inseln ins Auge.
$England nimmt Guadeloupe und andere Inseln 1759.$ Im November 1758
segelten 8 Linienschiffe mit einem Transport von 8000 Soldaten nach
Barbados und traten hier im Januar 1759 unter den Befehl des =Kommodore
John Moore=, der nun über 10 Linienschiffe zu 60-80 Kanonen, 2 Schiffe zu
50 und 2 zu 44 Kanonen, sowie 4 Fregatten, 4 Sloops, 4 Mörserboote
verfügte. Am 13. Januar ging die Expedition in See und wandte sich
zunächst =gegen Martinique=, doch blieb dieser Vorstoß =erfolglos=. Am
15. ankerte die Flotte in der Bucht von Fort de France und am 16.
beschossen die kleineren Schiffe ein Fort sowie einige schwächere
Batterien an der zum Landen geeignetsten Stelle in der Bucht Cas des
navires, etwa 5 Seemeilen von der Stadt; es wurden auch 4500 Mann
gelandet. Als man aber erfuhr, daß die Stärke des Gegners einschließlich
Milizen 10000 Mann betrüge, schiffte man die Gelandeten wieder ein. Die
Flotte segelte nun vor den Hafen von St. Pierre, jedoch nur ein Schiff
ging am 19. näher heran, wohl nur zur Erkundung, und wechselte einige
Schüsse mit den Befestigungen. Dann aber ging =Moore gegen Guadeloupe=
vor und hier =mit Erfolg=.
$Die Eroberung von Guadeloupe Januar/April 1759.$ Am 22. Januar
erschien die englische Flotte vor der Stadt =Basse-Terre=, auf
Basse-Terre, dem östlichen Teile der Insel Guadeloupe gelegen. Schon
am 23. wurden die Befestigungen durch sechs schwere Linienschiffe zum
Schweigen gebracht und am 24. legten die Mörserboote die Stadt fast in
Trümmer. Am gleichen Tage landeten die Truppen und besetzten sie,
rückten aber so langsam vor, daß die Franzosen Zeit hatten, sich in die
Berge zurückzuziehen. Es war überflüssig, die Schiffe dem Kampfe mit
den Befestigungen auszusetzen, denn man hätte gleich im Norden der
Stadt landen und diese einnehmen können, da sie nach Land zu nicht
befestigt war; noch weniger Zweck hatte die Beschießung durch die
Mörserboote. Moore ließ dann noch durch einige Schiffe am 23. Februar
=St. Louis=, auf Grande-Terre, dem westlichen Teil der Insel, nehmen,
aber der Kampf in den Bergen zog sich als Guerillakrieg noch lange hin;
die Franzosen ergaben sich erst am 23. April auf Basse-Terre und am 1.
Mai auf Grande-Terre.
Auch dieser Erfolg wäre fast noch in Frage gestellt worden oder hätte
doch größere Opfer kosten können. Am 8. März war in Martinique der Chef
d'Escadre =de Bompart= mit 8 Linienschiffen und 3 Fregatten nebst Truppen
von Frankreich angekommen. =Moore= sah sich dadurch genötigt, mit seiner
Flotte in die Prinz-Rupert-Bucht (Dominica) zu gehen, um von hier aus die
Bewegungen Bomparts zu überwachen. Dieser wurde jedoch vom Gouverneur von
Martinique, =de Beauharnais=, der wohl für seine Insel fürchtete, sechs
Wochen lang festgehalten; als er am 23. April endlich segelte und bei
Guadeloupe erschien, war dessen Schicksal schon entschieden. Moore
versuchte vergeblich, seinen Gegner zu treffen; Bompart war sofort nach
Martinique zurückgegangen, segelte später nach St. Domingue, wo er
Truppen landete, und dann nach Frankreich zurück; hier traf er kurz vor
der Schlacht in der Quiberonbucht im November ein.
Nach dem Fall von Guadeloupe =ergaben sich= die umliegenden kleineren
Inseln, =Marie-Galante=, =Les Saintes= und =Petite-Terre=, gleichfalls
den Engländern. Diese hatten nach Bomparts Abfahrt wieder die See frei,
waren durch die letzte Verstärkung sehr viel mächtiger geworden und
konnten mithin den kleinen Krieg mit gutem Erfolge führen. So blieb die
Lage auch 1761, wo weiter keine Ereignisse von Bedeutung vorfielen.
$England nimmt Dominica 1761 und Martinique, sowie den Rest der
französischen Inseln 1762.$ Im Jahre 1761 verstärkten die Engländer ihre
westindischen Stationen weiter durch Schiffe -- besonders kleine
Linienschiffe, sowie 50 Kanonenschiffe und Fregatten -- und Truppen, die
in Nordamerika freigeworden waren. Der kleine Krieg gewann noch an Kraft
und von der Antillenstation aus besetzte man im April ohne jedes
Hindernis die neutrale Insel =Dominica=. Im Spätherbst trafen auch noch
Truppen von der Belle-Ile-Expedition ein. Am 22. November übernahm
Kontreadmiral =Rodney= bei den Antillen den Oberbefehl zu einem Angriff
auf Martinique. Er sandte sofort den bisherigen Stationschef, Kommodore
Douglas, mit einer Division ab, um die Insel von jeder Zufuhr
abzuschneiden, folgte mit der Hauptmacht am 5. Januar 1762 und vereinigte
sich am 7. mit Douglas bei der genannten Insel. =Am 1. März war
Martinique im Besitz der Engländer.=
$Die Einnahme von Martinique Januar/Februar 1762.$ =Rodneys=
Streitmacht zählte 13 Linienschiffe zu 60-84 Kanonen, 4 50- und 3
44-Kanonenschiffe, 11 Fregatten, 5 Sloops, sowie 4 Mörserboote; auf 150
Transportern waren gegen 14000 Mann unter General =Monkton=
eingeschifft. Bei dem schwierigen Gelände der Insel wäre es richtig
gewesen, zum Angriff auf die Stadt Fort de France, damals Fort Royal
genannt, in deren möglichster Nähe zu landen; dieser Umstand war aber
nicht genügend bekannt, und der Admiral wünschte, die Stadt ohne Kampf
mit ihren Seebefestigungen zu nehmen. Er sandte daher nur eine kleine
Division vor die Bucht von Fort de France, ließ einen Scheinangriff in
der Bucht von La Trinité machen und ging mit der Hauptmacht in die
Bucht von St. Anne. Hier wurden die schwachen Befestigungen bald
niedergekämpft und die Truppen gelandet. Nun aber stellte sich heraus,
daß der Marsch auf Fort de France sehr schwierig sein würde; man
schiffte daher wieder ein, und die ganze Flotte ging zur
Fort-de-France-Bucht. Am Vormittag des 16. Januar wurden die
Befestigungen zum Schweigen gebracht, dann landeten die Soldaten in der
Bucht Cas des Navires, 5 Seemeilen von der Stadt. Am Abend waren zwei
Drittel des Landungskorps ausgeschifft, der Rest sowie die Seesoldaten
folgten am nächsten Morgen. Gegen eine hartnäckige Verteidigung, die
jeden Fels und jeden Baum, sowie auch künstliche Hindernisse benutzte,
gelang es erst am 24., unterstützt durch die armierten Boote der
Flotte, bis an die Stadt vorzudringen.
Am 25. begann die Beschießung der Zitadelle aus schnell aufgeworfenen
Batterien, aber erst am 4. Februar ergab sie sich. Am 13.
unterzeichnete der Gouverneur der Insel, der sich am 28. Februar von
Fort de France nach St. Pierre begeben hatte, einen Waffenstillstand
mit der Zusage, die Insel am 1. März zu übergeben, wenn er bis dahin
keine Unterstützung erhielte. Und so geschah es; ein auf dem Wege
befindliches französisches Geschwader kam 8 Tage zu spät.
Schon während der Belagerung von Fort de France sandte =Rodney= kleinere
Divisionen gegen =Grenada= und =Sta. Lucia=, und auch diese Inseln mußten
sich ergeben. Dagegen gelang es ihm nicht, ein französisches Geschwader
abzufangen. 1762, als Spanien auf seine Seite getreten war, machte
Frankreich noch einen letzten Versuch, den Kolonien Hilfe zu bringen, und
der Chef d'Escadre =de Blenac= entschlüpfte aus Brest. Dieses Geschwader,
7 Linienschiffe und 4 Fregatten mit 7 Bataillonen, erschien am 8. März an
der Ostküste von Martinique. Das Blockadegeschwader vor Brest hatte zwar
Rodney von der bevorstehenden Ankunft Blenacs in Kenntnis gesetzt, aber
sein Versuch, diesen zu treffen, schlug fehl. Blenac war schon am 10.
nach St. Domingue weiter gesegelt, als er sich vom Falle Guadeloupes
überzeugt hatte.
Die Kolonie =St. Domingue= war noch allein in Frankreichs Besitz, doch
griff =Rodney= diese nicht an. Er erhielt die Nachricht vom Ausbruche des
Krieges mit Spanien, vom Eintreffen eines starken spanischen Geschwaders
in Havanna und mußte auf einen Angriff gegen Jamaika gefaßt sein. Er
warnte daher den Chef dieser Station und beorderte ihn zu einem
Zusammentreffen beim Kap St. Nicolas an der Nordwestspitze Haitis; er
wollte wohl dem neuen Gegner entgegentreten und gleichzeitig dessen
Vereinigung mit Blenac hindern. Ehe er aber selber seeklar war, traf am
26. März der Befehl für ihn und General Monkton ein, vorläufig nichts zu
unternehmen, sondern die Ankunft des Admirals =Sir George Pocock=
abzuwarten; dieser sei mit Verstärkungen unterwegs und solle ein großes,
vorläufig noch geheim gehaltenes Unternehmen führen. =Rodney= sandte nun
den Kommodore Douglas mit 10 Linienschiffen nach Jamaika, um die dortigen
Schiffe zur Vereinigung mit Pocock nach Kap St. Nicolas zu geleiten; er
schickte eine kleine Division für den Handelskrieg in die spanischen
Gewässer Mittel- und Südamerikas und erwartete mit dem Rest seiner Flotte
den neuen Oberbefehlshaber in Martinique.
$England erobert Havanna. Juni/August 1762.$ Admiral =Pocock= traf am 20.
April in Barbados ein und übernahm am 26. in Martinique den Befehl. Er
ließ dann Rodney mit einigen Schiffen bei den Kleinen Antillen zurück und
trat am 6. Mai mit der Flotte den Marsch nach Havanna an. Diese Stadt war
das geheime Ziel; England beabsichtigte, gleich einen schweren Schlag
gegen Spanien zu führen. Nachdem Pocock am 8. Mai bei der Monastraße
einen Teil der Schiffe der Jamaikastation, die von Douglas zur
Beobachtung Blenacs dorthin abgezweigt waren, und am 23. beim Kap Nicolas
den Rest an sich gezogen hatte, zählte =seine Streitmacht=: 22
Linienschiffe zu 60-90 Kanonen, 4 Schiffe zu 50 und 3 zu 40, 12
Fregatten, 8 Sloops, 3 Mörserboote, Hospital- und Vorratsschiffe, sowie
zahlreiche Transporter, auf denen 15500 Mann unter dem General =Earl
George of Albemarle= eingeschifft waren; insgesamt gegen 200 Segel.
=Pocock= wählte vom Kap St. Nicolas nach Havanna nicht den üblichen Weg
südlich der Insel Kuba, sondern den kürzeren durch den alten Bahamakanal.
Dieser ist navigatorisch für Segelschiffe schwieriger und galt damals
wegen der noch wenig genauen Karten als nicht ungefährlich, aber der
Admiral beabsichtigte, möglichst schnell und überraschend vor Havanna zu
erscheinen, sowie auch zu verhindern, daß der Stadt auf diesem Wege
Nachrichten und Unterstützung durch die Franzosen in St. Domingue
zugingen. Er benützte auf dieser Fahrt eine von Anson aufgenommene Karte,
auch sandte er Boote voraus, die gefährliche Stellen markierten. Am
Morgen des 6. Juni stand die Flotte 15 Seemeilen östlich von Havanna; die
Stadt wurde nach zehnwöchiger Belagerung genommen.
$Die Einnahme von Havanna 1762.$ Noch am 6. Juni gab =Pocock= die
Anordnung für die Landung, die östlich der Stadt erfolgen sollte. Zu
ihrer Deckung blieb Kommodore =Keppel= mit 6 Linienschiffen und einigen
Fregatten zurück; der Admiral segelte mit der Hauptflotte vor die
Einfahrt des Hafens, in dem man 12 Linienschiffe zählte; drei waren im
Eingange versenkt. Havanna wurde nach See zu hauptsächlich durch das
starke, hochgelegene Fort Moro auf der Ostseite der Einfahrt und durch
ein Werk auf der Westseite verteidigt; nach Land zu waren die
Befestigungen nur unbedeutend. Am 7. morgens ließ Pocock durch die
Seesoldaten der Schiffe eine Scheinlandung, etwa vier Seemeilen
westlich der Stadt, ausführen, während =Albemarle= das ganze Heer sechs
Seemeilen östlich von Havanna zwischen den Flüssen Coximar und Boca Nao
landete.
Hier fand man erst beim Vormarsch gegen Fort Moro, als man den Coximar
überschritt, Widerstand, der jedoch bald durch das Eingreifen der
Fregatten gebrochen wurde. Man begann dann sogleich mit der
regelrechten Berennung Moros. Um diese zu fördern, beschossen am 1.
Juli drei schwere Linienschiffe das Fort, mußten sich aber nach
sechsstündigem Kampfe, stark beschädigt mit einem Verluste von 42
Toten und 130 Verwundeten, zurückziehen und das Niederkämpfen des
Forts der Belagerungsartillerie überlassen; am 30. Juli war Bresche
gelegt, und man nahm das Werk im Sturm. Nach weiterer Beschießung der
kleinen Befestigungen der Landseite, sowie der Stadt selber ergab sich
diese am 14. August. Den Engländern kostete die Belagerung 1790 Tote
und Verwundete; sie verloren außerdem viele Leute an Krankheiten in der
ungesunden Gegend bei ungünstigster Jahreszeit.
Wegen dieses starken Verlustes wurden den Führern Vorwürfe gemacht:
=Pocock= habe die Schiffe unnötig dem Kampfe mit dem Fort ausgesetzt,
=Albemarle= ebenso unnötig das starke Werk als Angriffsobjekt gewählt,
auch ohnedies wäre die Stadt leicht zu nehmen gewesen und Moro dann von
selbst gefallen. Hervorgehoben wird das gute Einvernehmen zwischen den
Führern beider Waffen während des ganzen Unternehmens.
Der Fall Havannas war ein Erfolg von großem, moralischem Werte Spanien
gegenüber und fügte diesem schweren Schaden zu; er brachte England aber
auch bedeutenden materiellen Gewinn. Die erbeuteten Gelder und Güter
hatten einen Wert von drei Millionen Lstrl; 9 Linienschiffe -- 5 zu 70, 4
zu 60 Kanonen -- waren genommen, zwei noch auf Stapel liegende verbrannt;
drei nebst einer großen Galere hatten die Spanier versenkt.
=Pocock= ging im November mit 4 Linienschiffen und einem Teil der Prisen
nach England, 5 weitere folgten etwas später mit dem Rest der genommenen
Schiffe. =Der große Krieg in Westindien war zu Ende=; zu einem
wahrscheinlich ins Auge gefaßten Angriff auf St. Domingue kam es infolge
des Präliminarfriedens vom 12. November 1762 nicht mehr. Frankreich
erhielt durch den Frieden von Paris seine Inseln bis auf Grenada zurück.
Sta. Lucia wurde ihm aufs neue zugesichert, aber die neutralen Inseln
Tabago, St. Vincent und Dominica fielen an England. Spanien bekam
gleichfalls Havanna wieder, trat aber Florida an England ab, wofür ihm
Frankreich Louisiana überließ.