sowie die Flotte in Brest für schlagfertig und erteilte am 15. d. M. dem
Vizeadmiral der Levante, =Marschall de Conflans=[87], den Befehl, von
Brest in See zu gehen, die Truppen abzuholen und am Clyde oder an der
Ostküste Schottlands zu landen. Doch wieder traten Verzögerungen ein,
weil die Ansichten über die Ausführung des Planes auseinandergingen. Der
Marineminister =Berryer= erachtete den Admiral taktisch für nicht
geschickt genug, um das Vorgehen des Feindes zu hindern und die Überfahrt
der Transportflotte ohne entscheidenden Kampf zu sichern. Sein Plan war
daher, für die unmittelbare Begleitung der Transporter nur 6
Linienschiffe zu bestimmen, die Flotte aber vorauszusenden, um die
Schlacht vorher zu schlagen; brachte diese einen entscheidenden Sieg, so
wäre der Weg frei, verlief sie ungünstig, so würde wenigstens der
Transport nicht gefährdet.
[87] =Hubert de Brienne, Chevalier (später Comte) de Conflans=, trat
1706 in die Marine ein, wurde bei dem damals schlechten Avancement
erst 1712 Enseigne, 1727 Lieutenant de vaisseau, 1735 Capitaine
(1747 Gouverneur von St. Domingue), 1748 Chef d'Escadre, 1752
Lieutenant-Général, 1756 Vizeadmiral der Levante und 1758
Marschall. Im Österreichischen Erbfolgekriege zeichnete er sich
dadurch aus, daß er mehrmals mit nur wenig Kriegsschiffen starke
Konvois von Kauffahrern oder Transportern glücklich nach und von
Westindien führte. Im Siebenjährigen Kriege Chef der Streitkräfte
am Atlantik, hatte er bisher keine Gelegenheit zu kriegerischer
Tätigkeit gehabt, da die verfügbaren Schiffe stets überseeisch
verwendet waren. Jetzt war er gegen 70 Jahre alt und, wenn auch
ein tüchtiger Offizier, seiner hohen Stellung und schweren Aufgabe
wohl kaum noch gewachsen; er starb am 22. Januar 1777 in Paris.
=De Conflans= -- der sich übrigens stets darüber beklagt hatte, daß Heer
und Transporter nicht bei Brest gesammelt seien und daß er so bei
Benutzung einer günstigen Gelegenheit für das Auslaufen zu einem
zeitraubenden Umweg gezwungen sei -- war anderer Ansicht; er bestand
darauf, den Transport mit der ganzen Flotte zu begleiten und, wenn nötig,
auch so einen Angriff abzuschlagen. Am 14. Oktober erhielt er denn auch
eine neue Order (wörtlich bei Lacour I, Seite 366), die ihm freistellte,
»ganz nach seiner Ansicht und Erfahrung zu handeln«. Der Augenblick war
günstig, da die englische Flotte wegen eines Sturmes die Blockade für
kurze Zeit hatte aufgeben müssen. Aber Conflans zögerte immer noch und
zwar, wie er berichtete, weil die Ausrüstung der Flotte nicht
abgeschlossen und die Besatzungen nicht vollzählig, sowie zu wenig
eingeübt seien; die meisten Schiffe hatten seit drei Jahren den Hafen
nicht verlassen. Am 9. November sah sich die englische Flotte wiederum
durch das Wetter genötigt, die Blockade abzubrechen und nach Torbay zu
segeln; diese Gelegenheit benutzte das gerade vor Westindien anlangende
Geschwader =Bomparts=, um in Brest einzulaufen. Es zählte 8 Linienschiffe
und würde die Brestflotte auf 27 solcher gegenüber 23 der englischen
Blockadeflotte gebracht haben; Conflans zog sie aber hierzu nicht heran,
sondern füllte mit ihren seeerfahrenen Besatzungen seine Schiffe auf.
Diese Maßregel wird sehr verschieden beurteilt, muß aber wohl als
zweckentsprechend angesehen werden; sie läßt auf den traurigen Zustand
der übrigen Schiffe schließen. =Conflans= ging dann am 14. November mit
östlichem Winde in See und steuerte südwärts.
Admiral =Hawke= hatte am 12. Torbay wieder verlassen, sobald das Wetter
besser geworden, war aber nochmals zur Umkehr gezwungen; er trat dann
auch am 14. die Fahrt nach Brest an und hörte vor dem Hafen, daß der
Feind im Süden mit östlichem Kurse gesehen sei; er schloß richtig, daß er
zur Quiberonbucht wolle, und folgte unter einem Preß von Segeln.
$Die Schlacht bei Quiberon, 20. November 1759$[88]. Marschall =de
Conflans= hoffte zwar eine Schlacht zu vermeiden, mußte aber eine solche
sogar suchen, wenn er auf die englische Flotte stieß und dennoch die
Expedition mit den Transportern durchführen wollte; die Vereinigung
allein mit diesen in der Quiberonbucht würde sonst nur eine weitere
Blockade von Flotte und Konvoi zur Folge gehabt haben, nunmehr in =einem=
Hafen, also eine leichtere Aufgabe für den Gegner. In einem ausführlichen
Flottenbefehle betonte er, daß man wahrscheinlich bald mit dem Feinde
zusammenstoßen würde, und er erließ ausführlichste Gefechtsvorschriften
für alle möglichen Verhältnisse, unter denen dies erfolgen könnte. Stets
war mit tönenden Worten auf ein schneidiges Vorgehen hingewiesen. Mit
Vorstehendem aber stimmte der weitere Verlauf der Dinge durchaus nicht;
=Conflans= traf weder Maßregeln, um sich durch Aufklärer vor Überraschung
zu sichern, noch trat er dem Feind entgegen, als dieser erschien.
Südöstliche Winde hemmten die Fahrt der Flotte und versetzten sie
westlich; erst am 19. November abends stand sie etwa 70 Seemeilen
südwestlich von Belle-Ile.
[88] Nach Troude I (dort Seite 381 ff. wörtlich der Flottenbefehl
Conflans' vor der Abfahrt, sowie dessen Bericht über seine
Absichten, als er den Gegner sichtete, und über den Verlauf der
Schlacht); Clowes III; Lacour I; Mahan I; Colomb. -- Die Schlacht
wird in Frankreich auch »=La bataille des Cardinaux=« genannt.
Jetzt drehte der Wind nach Westen und Conflans nahm Kurs auf die
Quiberonbucht; da der Wind schnell auffrischte, mußte er aber kleine
Segel führen, um nicht während der Nacht vor der Einfahrt anzukommen. Bei
Tagesanbruch am 20. wurden voraus einige Segel gesichtet. Es war die
Division des Kommodore =Duff=, der die Quiberonbucht bewachte: 1
Linienschiff, 4 50-Kanonenschiffe, sowie 3 oder 4 Fregatten. Duff hatte
hinter Belle-Ile vor Anker gelegen und war in wenigen Minuten, nach
Kappen der Ankertaue, unter Segel gegangen, als er durch eine vor der
Einfahrt kreuzende Fregatte das Nahen der Franzosen erfuhr. =Conflans=,
der in Brest stets Nachrichten von der Morbihanküste erhalten hatte,
schloß ganz richtig, daß er es nur mit Duff zu tun habe, und befahl
allgemeine Jagd. Die englische Division teilte sich; einige Schiffe
segelten über Backbordbug beim Winde nach Süden, die anderen unter Duff
hielten raum wieder auf die Küste zu. Diesen folgte Conflans mit Vorhut
und Mitte seiner Flotte, da sie den größeren Teil des Feindes ausmachten
und auf seinem Kurse lagen; gegen den kleineren Teil sandte er die
Nachhut. Bald darauf aber meldete diese zahlreiche Schiffe im NW und auch
das Flaggschiff sichtete sie; es war =Hawkes= Flotte, die unter vollen
Segeln herankam. Duff ging nun an den Wind und vereinigte sich mit Hawke;
Conflans rief seine Nachhut zurück und gab Befehl zum Bilden der
Kiellinie, sowie für Vorbereitung zum Gefecht.
Wenn er wirklich zunächst die Absicht gehabt hatte, den Kampf auf offener
See anzunehmen, so gab er sie doch bald auf, da es mit allen Anzeichen
aufkommenden schweren Wetters hart aus WNW wehte und da die Flotte dicht
unter einer Leeküste einem überlegenen Feinde gegenüber in Lee stand. Er
entschloß sich, einzulaufen, in der sicheren Voraussetzung, daß Hawke
nicht wagen würde, bei den Wetterverhältnissen ohne Lotsen und genaue
Karten in das mit Bänken und Riffen besetzte Gewässer zu folgen. Er
hoffte noch unbehelligt hineinzukommen und wollte dann dicht unter dem
westlichen Ufer der Bucht ankern. So dachte er den Gegner, falls dieser
doch folgen sollte, zu zwingen, zum Angriff nun seinerseits die
Leestellung mit der Küste in Lee einzunehmen. Er setzte sich mit dem
Flaggschiff an die Spitze der Flotte, um sie zu führen; auf seinen Platz
für die Gefechtsformation in der Mitte beabsichtigte er erst später
wieder zu gehen.
[Illustration: Admiral Edward Lord Hawke.]
Aber keine seiner Voraussetzungen traf ein. Das Bilden der Linie dauerte
lange, die Engländer kamen schnell näher, und =Hawke= ließ sich keinen
Augenblick durch die vor ihm liegenden Gefahren beirren. Als erfahrener
Seemann würdigte er sie vollauf, aber er war ein ruhiger und tapferer
Mann und er schätzte den Schneid sowie die Erfahrung seiner, durch die
harte Schule langer Blockaden erprobten Offiziere und Mannschaften höher
ein als die der Franzosen; er wußte, daß sein Land die Vernichtung der
feindlichen Flotte erwartete -- wurde er doch, während er hier dieses
Werk vollbrachte, in England in effigie verbrannt, weil er diese aus
Brest hatte entschlüpfen lassen. Zweifellos rechnete er auch damit, daß
die vorausfahrenden Franzosen ihm als Lotsen dienen oder zuerst auf den
Grund kommen würden. Er nahm die Verfolgung auf, erreichte die feindliche
Flotte noch in der Einfahrt und setzte sie durch einen Kampf in der Melée
unter den schwierigsten Umständen -- Sturm, schwere See, sowie Leeküste;
eine ungeheure Zahl von Schiffen auf kleinem, gefährlichem Raum -- für
den weiteren Verlauf des Krieges außer Gefecht.
$Die Stärke der Flotten$:
====================================================================
Kanonenzahl |100| 90| 80| 74| 70| 64| 60|
====================================================================
Englische Schiffe | 1| 3| --| 7| 5| 2| 5| = 23 Linienschiffe
Französische Schiffe| --| --| 4| 6| 4| 7| --| = 21 "
Hinzu traten auf englischer Seite: 4 50-Kanonenschiffe (Division Duff),
6 Fregatten zu 28-36 Kanonen; auf französischer Seite: 2 oder 3
Fregatten zu 30 Kanonen, 2 Korvetten mit 6 und 16 Kanonen.
$Französische Flaggoffiziere$: Vorhut Chef d'Escadre =de Bauffremont=,
Prince de Linois; Mitte Marschall =de Conflans=; Nachhut Chef d'Escadre
=St. Andrée du Verger=.
$Englische Flaggoffiziere$: Vizeadmiral =Sir Charles Hardy=; Admiral
=Hawke=; Kommodore =James Young=.
$Der Verlauf des Kampfes$ wird in allen Quellen nur skizzenhaft
gegeben, ergänzt durch Schilderung der Schicksale einzelner Schiffe;
dies ist dadurch erklärlich, daß auf beiden Seiten bald jede Ordnung
aufhörte. Die englische Flotte stand beim Sichten des Feindes gegen 10
Uhr vormittags WzS von Belle-Ile, die französische in SW dieser Insel
und näher bei ihr. =Hawke= bildete Dwarslinie, um seine hinteren
Schiffe aufkommen zu lassen, gab aber bald den 7 Schiffen, die dem
Feinde am nächsten waren, Befehl zur Jagd. Auf französischer Seite
dauerte das Bilden der Linie sowie das Aufnehmen der abgezweigten
Vorhut längere Zeit, in der die Engländer vor dem stürmischen Westwinde
schnell aufkamen. =Conflans= setzte dann schon frühzeitig so viel Segel
als möglich, und während der nun folgenden Jagd gingen infolge der
ungleichen Segelfähigkeit der Schiffe bald Fühlung und Ordnung in der
französischen Linie verloren; die Nachhut war überhaupt noch nicht ganz
herangekommen.
[Illustration: Quiberonbucht.]
Gegen 2-1/2 Uhr nachmittags passierte Conflans mit dem Flaggschiff die
Felsen =Les Cardinaux= und ging näher an den Wind, um in die
Quiberonbucht zu steuern; zu gleicher Zeit griff das vorderste
englische Schiff südlich von Belle-Ile das letzte französische an und
nach kurzer Frist waren 9 Engländer mit 4 oder 5 Franzosen der Nachhut
in einem laufenden Gefecht. Bald darauf drehte der zum Sturm mit
schweren Böen gewordene Wind nach NNW, wodurch die Ordnung der
französischen Linie noch mehr gestört und dem Rest der Engländer das
Herankommen erleichtert wurde; auch die letzten Schiffe der
französischen Mitte wurden nun angegriffen. Gegen 3-1/2 Uhr wendete
=Conflans= mit dem Flaggschiff, um sich nach der Mitte zu begeben, auch
heißte er für die anderen Schiffe das Signal, im Kontremarsch zu
wenden; er hoffte so eine geordnete Linie wieder herzustellen, scheint
also die Absicht gehabt zu haben, den Kampf aufzunehmen, um seine
Nachhut zu retten. Von diesem Augenblicke an ist es nicht mehr möglich,
den Verlauf des Gefechtes zu übersehen. Bei dem Versuche, dem Befehle
nachzukommen, trieben die französischen Schiffe in Haufen zusammen, und
immer mehr Engländer kamen heran; dabei ging der kurze Novembertag zu
Ende.
In dem Dreieck zwischen den Bänken =Les Cardinaux= und =Le Four= sowie
der Insel =Dumet= fochten gegen 50 Schiffe in der Melée. Manche,
namentlich französische, sind wohl kaum zum Feuern gekommen, weil sie
sich gegenseitig behinderten, wie denn auch verschiedene Zusammenstöße
erfolgten; dazu kamen der schwere Sturm sowie die hohe See, die die
Manöver erschwerten und viele Schiffe zwangen, die Pforten der
untersten Batterie geschlossen zu halten. Die 7 Schiffe der
französischen Nachhut, die den Kampf wacker aufnahmen, hatten schon zu
Anfang schwer gelitten. =St. Andrée= fiel und ebenso sein Flaggkapitän
(sein Bruder), aber das Schiff strich erst um 4-1/2 Uhr die Flagge, als
es 200 Tote verloren hatte und fast wrack war; ein zweites war
genötigt, die Flagge zu streichen und zu ankern, da es jedoch des
schweren Wetters wegen vom Gegner nicht besetzt wurde, heißte es die
Flagge wieder und zog sich aus der Melée; ein drittes endlich floh
schwer beschädigt und sank vor der Loiremündung. Von der französischen
Vorhut kenterte ein von beiden Seiten hart bedrängtes Schiff, da in
einer schweren Bö das Wasser durch die Leepforten der untersten
Batterie hineinströmte; ein anderes wurde durch das Feuer des
englischen Flaggschiffes zum Sinken gebracht.
Nach Eintritt der Dunkelheit löste sich das Gewühl. =Conflans= wollte
seine Flotte wieder ins offene Meer hinausführen, konnte sich jedoch
zuerst nicht aus dem Knäuel lösen, fürchtete dann, unklar von Le Four
zu kommen und ankerte in der Nähe dieser Bank. 7 Schiffe, unter ihnen
der Führer der Vorhut, =Bauffremont=, entwichen nach Süden und fanden
sich später vor Rochefort zusammen; 7 andere sowie die Fregatten
ankerten vor der Mündung der Vilaine. Admiral =Hawke=, der in der
Dunkelheit an keine Verfolgung denken konnte, ging ungefähr in der
Mitte des Kampfplatzes vor Anker, seinem Beispiele folgten aber nur die
Schiffe in seiner Nähe, die dies bemerkten. Das Nachtsignal zum Ankern,
zwei Kanonenschüsse, wurde nicht verstanden, da auch sonst noch
gefeuert wurde; so suchten die anderen Schiffe sich Ankerplätze nach
Belieben, einige gingen auch in See hinaus.
Am 21. November bei Tagesanbruch hatte =Hawke= nicht viele Schiffe
beisammen und englische Quellen sagen, hier sei für die Franzosen
Gelegenheit gewesen, mit Übermacht aufzutreten. Dabei wird angenommen,
daß die sieben nach Süden entwichenen französischen Schiffe während der
Nacht in der Nähe, vielleicht südlich Le Four, vor Anker gelegen
hätten; nach Andeutung einer französischen Quelle (Lacour) scheint dies
der Fall gewesen zu sein, doch schweigen die anderen hierüber.
=Conflans= sah sich am Morgen fast allein nicht weit von Hawke liegen,
nur das Schiff der Nachhut, das die Flagge wieder geheißt hatte, war in
seiner Nähe; er glaubte nicht mehr entkommen zu können und setzte sein
Schiff in der Bucht von Croizic auf den Strand, wie es kurz vor ihm das
eben genannte Schiff getan. =Hawke= hatte tatsächlich ein Schiff gegen
diese beiden beordert, doch strandete dies auf Le Four, wo schon ein
anderes englisches seit dem Tage vorher festsaß. Weitere Versuche, den
Sieg auszunutzen, konnte Hawke des Wetters wegen am 21. noch nicht
machen und infolgedessen gelang es den französischen Schiffen vor der
Vilaine an diesem und dem folgenden Tage, nachdem sie sich durch
Überbordwerfen von Geschützen sowie Material möglichst erleichtert
hatten, die Barre vor dem Flusse zu überschreiten, diesen eine Strecke
hinaufzulaufen und sich so vor Angriffen von See her zu sichern. Als am
22. das Wetter besser geworden war, wollte =Hawke= die Schiffe bei
Croizic verbrennen, die Franzosen zündeten sie aber selber an; es
wurde ihnen dadurch unmöglich, die wertvolle Artillerie des
Flaggschiffes zu bergen.
$Beurteilung der Franzosen.$ Der 20. November 1759 war kein Ruhmestag
für diese, weder für den Admiral noch für die meisten Kommandanten. Daß
die französischen Seeoffiziere im allgemeinen tapfere Männer waren, wie
es bei dem Charakter ihres Volkes und bei ihrer Abstammung von dem
alten kriegerischen Adel von vornherein anzunehmen ist, beweist die
ehrenvolle Verteidigung der Nachhutschiffe, die noch unter einigermaßen
normalen Verhältnissen in den Kampf eintraten; aber fast allgemein
fehlte es ihnen an Umsicht und an Selbstvertrauen. In Frankreich wurden
dann auch Klagen erhoben, die von französischen Schriftstellern zum
Teil noch jetzt als begründet angesehen werden[89].
[89] Vgl. Lacour I, Seite 330 ff.; Verteidigungen der Betroffenen vgl.
Troude I, Seite 385 ff. und 399.
Dem Admiral =Conflans= wirft man zunächst vor, daß er sich auf seinem
Marsche nicht gesichert habe; überrascht, habe er dann den Kopf
verloren. Er hätte -- wie es auch =de La Clue= bei Lagos hätte tun
müssen -- beim Ansteuern der Quiberonbucht die Geschwindigkeit der
Flotte nach der des langsamsten Schiffes regeln und vor allem die
Nachhut herankommen lassen müssen. Als diese angegriffen wurde, hätte
er sofort wenden sollen; vielleicht war dann noch Zeit, sie zu retten,
ehe die Gesamtmacht des Feindes in Gefechtsordnung auftreten konnte.
Oder er hätte sie opfern und seinen Plan, eine Verteidigungsstellung in
der Bucht einzunehmen, mit Mitte und Vorhut zur Ausführung bringen
müssen; durch den zu späten Versuch, dem Gegner entgegenzutreten, habe
er die völlige Unordnung der Flotte und damit deren Ohnmacht
hervorgerufen. Es wird dem Marschall endlich vorgeworfen, sein Schiff,
das gar nicht sehr gelitten hatte und ein vorzüglicher Segler war,
vorzeitig ohne Fluchtversuch auf den Strand gesetzt und später ohne
jeden Kampf verlassen zu haben. -- Den Chef der Vorhut, =Bauffremont=,
traf der Vorwurf der Indisziplin, sogar auch, wie zu allen Zeiten in
Frankreich bei Katastrophen üblich, der des »Verrates«, weil er »mit
seiner Division« den Marschall im Stich gelassen habe. Wörtlich trifft
dies aber nicht zu; die nach Rochefort geflüchteten Schiffe kamen
einzeln und teilweise vor Bauffremont dort an und zwar nicht nur
Schiffe der Vorhut, sondern auch solche der Mitte und der Nachhut,
ebenso wie sich die nach der Vilaine gesegelten aus allen drei
Divisionen zusammensetzten. Aus diesem Umstande geht hervor, daß jeder
französische Kommandant selbständig seine Rettung aus dem Gewirr
gesucht hat. Wohl aber hätte Bauffremont als Zweiter im Kommando am 21.
versuchen müssen, möglichst viel Schiffe zu sammeln und seinen Chef zu
unterstützen. -- Der gleiche Vorwurf der Indisziplin und des Mangels an
Tatkraft wurde allen =Kommandanten= gemacht.
Diese Beschuldigungen sind gewiß nicht ganz unberechtigt, aber man muß
sich auch die Lage der französischen Offiziere vergegenwärtigen. Der
größere Teil der Schiffe ging zum ersten Male seit Jahren in See, die
Besatzungen waren ungeübt, die Flotte hatte noch niemals im Verbande
gesegelt, und nun sollten schwierige Manöver unter den ungünstigsten
Umständen ausgeführt werden. Welch ein Zustand mag dabei auf den
Schiffen geherrscht haben. Das niederdrückende Gefühl der Flucht vor
einem überlegenen Feinde trat hinzu; da kann es nicht wundernehmen,
wenn den Verantwortlichen die Nerven versagten und sie alles verloren
glaubten. Hinterher entschuldigten sie sich mit der Pflicht, in solcher
Lage wenigstens ihr Schiff dem Könige zu erhalten. Eine wirkliche
Untersuchung fand nicht statt, wohl weil die beiden Admirale dem Kreise
der Pompadour nahestanden; die öffentliche Meinung aber verhöhnte den
Oberbefehlshaber dadurch, daß sie die Schlacht »den Tag des Marschalls
de Conflans« nannte. Es war ein eigenartiger Zufall, daß das
Flaggschiff »Le Soleil Royal« hieß, wie das des Admirals Tourville, das
bei La Hogue verbrannt wurde, dessen Vernichtung jedoch der zwar
unglückliche, aber höchst ehrenvolle Kampf bei Cap Barfleur
vorhergegangen war. =De Conflans= zog sich vom Dienste zurück;
=Bauffremont= mußte, wohl unter dem Druck der öffentlichen Meinung, bis
1764 auf seine Beförderung zum Lieutenant-General warten.
$Der Erfolg der Engländer$ -- mit einem Verluste von nur zwei
gestrandeten Schiffen, 50 Toten und etwa 250 Verwundeten erkauft -- =war
entscheidend=. Drei französische Schiffe waren gesunken, eins genommen
und zwei verbrannt, acht Schiffe nach Rochefort und sieben nebst den
Fregatten in die Vilaine geflüchtet. Diese konnten ebenfalls als verloren
gelten, da es erst nach langer Zeit gelang, sie paarweise wieder aus dem
Flusse zu bringen. Zwei Linienschiffe und zwei Fregatten passierten die
Barre im Januar 1761, zwei weitere am 28. November und die letzten erst
im April 1762. Alle erreichten Brest, obgleich die Engländer die Mündung
der Vilaine bewachten, doch waren sie kaum mehr kriegsbrauchbar[90]. Die
Schlacht bei Quiberon legte die französische Marine im Atlantik lahm, wie
es die bei Lagos für das Mittelmeer getan hatte; infolgedessen sah
Frankreich von der Expedition gegen England ab und löste das Heer bei
Morbihan auf. England war diese Sorge los und konnte sich mit größerer
Kraft dem Kriege in den Kolonien zuwenden. =Mahan= nennt Quiberon »das
Trafalgar des Siebenjährigen Krieges«, der französische Autor =Guérin=
»das La Hogue, aber ohne wie dort Ruhm und Ehre Frankreichs gewahrt zu
haben«.
[90] Näheres über das Schicksal dieser Schiffe, die mit Geschick die
Blockade brachen, vgl. Lacour I, Seite 347, und Troude II, Seite
403 und 415. Bei Troude, Seite 405, auch Bemerkenswertes über den
Versuch des Admirals Hawke, durch Verhandlungen in den Besitz der
Artillerie des »Soleil Royal« zu kommen und die Besatzung des
anderen gestrandeten Schiffes als kriegsgefangen ausgeliefert zu
erhalten.
Die englische Flotte wurde wenige Tage nach der Schlacht noch durch 6
Linienschiffe verstärkt, die auf die Nachricht vom Inseegehen des
Marschalls de Conflans von England abgesandt waren. =Hawke= zweigte Ende
November eine Division nach der Quiberonbucht ab, um die Vilaine zu
blockieren, eine zweite nach Rochefort, um die Schiffe dort zu
vernichten. Diese hatten sich jedoch so weit in die Charente
zurückgezogen, daß man ihnen ebensowenig wie denen in der Vilaine
beikommen konnte. Die Blockierung der atlantischen Küste wurde aber den
Winter über aufrechterhalten, an Hawkes Stelle bald durch Admiral
=Boscawen=.
$Die Ereignisse der Jahre 1760-1762$ in den europäischen Gewässern können
wir kurz zusammenfassen. $Im Mittelmeer$ ging Admiral =Boscawen=, nachdem
er in Gibraltar ausgebessert hatte, mit 8 Linienschiffen nebst den bei
Lagos gemachten Prisen nach England zurück; er äußerte sich über seinen
Sieg: »Es war gut, aber es hätte besser sein können«. Vizeadmiral
=Broderick= blockierte mit dem Rest der Mittelmeerflotte die nach Cadiz
geflüchteten Franzosen; als er jedoch zu Ende des Jahres durch einen
Sturm gezwungen war, von der Küste abzustehen, brachen diese am 2. Januar
1760 aus und erreichten unbelästigt am 17. Toulon. Bald darauf übernahm
Vizeadmiral =Charles Saunders= die Mittelmeerflotte, beschränkte sich
aber auf die Sicherung des eigenen und die Störung des feindlichen
Handels. Wie schon angedeutet, scheint England nicht einmal Wert darauf
gelegt zu haben, die Verbindung Frankreichs mit Minorka zu verhindern.
Im Jahre 1762, als =Spanien= in den Krieg eintrat, verstärkte England die
Mittelmeerflotte noch einmal erheblich. Sie kam aber auch jetzt kaum zur
Geltung, da sich weder die spanische noch die französische Flotte zeigte,
und brachte nur viele Kauffahrer auf. In diesem Jahre faßte Frankreich
unter Choiseuls Einfluß noch einmal den Plan zu größeren Kreuzfahrten von
Toulon aus, ja sogar zu einem Angriff auf Gibraltar. Vielleicht glaubte
man wirklich, einen solchen mit Spaniens Unterstützung unternehmen zu
können, vielleicht hoffte man auch nur, durch derartige Gerüchte einen
schnelleren und günstigeren Friedensschluß herbeizuführen; ähnliches war
auch in den nördlichen Gewässern im Gange. Nach dem Friedensschluß ging
der größere Teil der englischen Flotte heim; Kontreadmiral =Sir Piercy
Brett= nahm mit dem Rest =Minorka= wieder in Besitz.