1 Linienschiff, 4 Schiffe zu 50 Kanonen, 10 Fregatten, 5 Sloops, 2
Brander, 2 Mörserboote, viele kleine Fahrzeuge zu besonderen Zwecken
sowie 100 Transporter für die Truppen; die Schiffe hatten eine große
Zahl flachgehender Boote für Landungen an Bord. Am 1. Juni segelte
=Anson= von England, um sich mit Hawke vor Brest zu vereinen, bald
darauf ging Howe in See. Am 5. Juni nachmittags ankerte die Expedition
in einer Bucht 6 Seemeilen östlich von $St. Malo$, 3 Fregatten sowie 1
Sloop setzten die dort befindliche Strandbatterie außer Gefecht und
vertrieben am Strande befindliche Truppen, so daß die Landung ohne
Verlust vor sich gehen konnte; sie war am 6. beendet und am 7. wurde
auf St. Malo marschiert. Die Einnahme der Stadt zeigte sich jedoch
undurchführbar, und am 11. sowie 12. schiffte man die Truppen wieder
ein, nachdem die Umgebung gebrandschatzt war; das Unternehmen hatte 30
Tote und Verwundete gekostet. Durch ungünstigen Wind aufgehalten,
langte die Expedition erst am 26. vor $Le Havre$ an. Hier versuchte man
eine Landung nicht erst, da der Gegner zu gut vorbereitet war. Man
ankerte am 29. Juni zwei Seemeilen entfernt vor $Cherbourg$. Hier
vereitelte aufkommender Sturm die schon vorbereitete Landung. Da die
Wetteraussichten für die nächste Zeit ungünstig erschienen, und da auch
auf den überfüllten Schiffen Krankheiten ausgebrochen waren, ging
=Howe= nach Spithead zurück; eine französische Fregatte war während der
Unternehmungen genommen.
In England wurden zunächst die Truppen zur Erholung ausgeschifft. Einen
Teil derselben sandte man später zum Heere in Deutschland, mit dem Rest
ging die Expedition am 1. August aufs neue in See. Am 6. wurde vor
$Cherbourg$ erkundet, am 7. und 8. in einer Bucht 6 Seemeilen westlich
der Stadt fast ungestört gelandet und diese dann ohne ernsten
Widerstand besetzt. Stadt sowie Werke waren von den Franzosen geräumt.
Man zerstörte nun die Befestigungen, Magazine und Schiffe im Hafen,
doch war der Erfolg mehr moralischer Art, da Cherbourg damals nur eine
unbedeutende Marinestation war; in kleinen Scharmützeln hatte man 20
Tote sowie 30 Verwundete eingebüßt. Am 16. nahm man die Truppen wieder
an Bord und ankerte am 18. bei Portland, da aber der Regierung der
Erfolg nicht genügte, wandte man sich wieder gegen $St. Malo$.
Am 4. September landete man in der Bucht von St. Lunaire, westlich der
Stadt, sah aber auch diesmal vom Angriff auf die Stadt ab und
beschränkte sich auf Brandschatzen. Da die genannte Bucht sehr felsigen
Grund hatte, und das Wetter bedrohlich aussah, erachtete der Kommodore
die Wiedereinschiffung hier für gefährlich; man wählte deshalb die
Bucht von $St. Cas$, aber der Marsch dahin brachte eine schwere
Niederlage. Aus Wäldchen und Hecken wurden die Truppen beschossen und
sahen sich plötzlich am 11. September durch eine stärkere feindliche
Streitmacht bedroht. In Eile wurde der Weg nach St. Cas fortgesetzt,
aber hier gelang es nur noch, etwa ein Drittel der Truppen in Ruhe und
Ordnung an Bord zu bringen, wobei man zuerst die Reiter und die
Artillerie einschiffte. Da griffen die Franzosen mit allen Waffen an,
und der Rückzug artete in Flucht aus. Der Gesamtverlust dieses
Unternehmens bezifferte sich auf 822 Tote, Verwundete und Gefangene;
darunter 4 Schiffskommandanten, die bei der Einschiffung befehligt
hatten.
$Bemerkenswert$ ist, daß der »Sieg am 11. September« in der Bretagne
wie in ganz Frankreich großen Jubel erregte; er wurde gefeiert, in
Liedern besungen, und der =Herzog von Aiguillon=, der die Truppen von
Brest herangeführt hatte, war der Held des Tages.
Die englische Hauptflotte unter =Anson= blockierte die französischen
Kriegshäfen bis Mitte September. Als dann die Angriffe auf die Kanalhäfen
aufgegeben wurden, ging sie heim und ließ ein kleineres Geschwader
zurück, das erst im Dezember eingezogen wurde. Im Oktober kam =Du
Chaffault= mit seiner Division -- 4 Linienschiffen, 2 davon als Flüten
armiert, dem Kompagnieschiff und einer Fregatte -- von Kanada; er wäre
wohl abgefangen worden, wenn die Blockade noch in vollem Umfange
bestanden hätte. So erlitt er nur durch Zufall Verluste. Er =traf=
nämlich vor dem Eingang des Kanals =mit Boscawen zusammen=, der mit einem
Teile seiner Flotte gleichfalls auf der Heimreise von Nordamerika war.
Zum Glück der Franzosen war diese durch einen Sturm versprengt; Boscawen
hatte nur 4 Linienschiffe und 3 Fregatten bei sich. Die Gegner sichteten
sich am 27. Oktober und es kam gegen Abend zu einem Gefecht, das jedoch
wegen stürmischen Windes und hoher See bald abgebrochen wurde. In der
Nacht kam Du Chaffault von seinen Schiffen ab und erreichte Rochefort.
Seine übrigen Schiffe wurden am 28. von Boscawen gejagt; das
Kompagnieschiff wurde aufgebracht, ein Linienschiff lief in Seenot
Bristol an und wurde dort mit Beschlag belegt, der Rest rettete sich nach
Brest.
$Im Mittelmeer$ kreuzte $1758$ die englische Flotte unter Vizeadmiral
=Henry Osborne=. =De La Clue= lag seit November 1757 in Cartagena, wo er
Verstärkungen erwartete. Im Januar stießen 2 Linienschiffe nebst einer
Fregatte zu ihm, weitere 3 und eine Fregatte mußten noch in Toulon das
Eintreffen einer Division von der Levante, die Kauffahrer heimführte,
abwarten, um ihre Besatzungen zu ergänzen. Sie erschienen am 27. Februar
bei Cartagena und erhielten Befehl, vor dem Hafen zu bleiben, da de La
Clue nunmehr die Reise nach Westindien sofort antreten wollte. In der
Nacht aber wurden die Wartenden durch Sturm vertrieben und stießen am
anderen Morgen beim Kap de Gata auf Osborne. Sie wurden einzeln gejagt: 2
Linienschiffe wurden genommen, das dritte auf den Strand getrieben, nur
die Fregatte entkam. Da nun in Toulon keine Schiffe mehr bereit waren und
de La Clue ohne Verstärkung die Ausfahrt aus dem Mittelmeer nicht wagen
konnte, rief man ihn nach Toulon zurück, wo er am 26. April eintraf. Daß
die geschilderten Bewegungen der Franzosen überhaupt möglich gewesen
waren, spricht nicht zugunsten der Engländer; Osborne verfügte insgesamt
über 14 Linienschiffe, je zwei zu 40 und 50 Kanonen, 6 Fregatten und 2
Sloops.
$Der Versuch der Franzosen, 1759 in England einzufallen$, macht dieses
Jahr zu einem entscheidenden im See- und Kolonialkriege. Zwei große
Niederlagen in den europäischen Gewässern brachten der französischen
Marine derartige Verluste, daß ihre Tätigkeit auf allen
Kriegsschauplätzen gelähmt war. Pläne zu einem Einfall in England
beschäftigten =Frankreich= bereits seit 1756. Die verflossenen Jahre
hatten nun erkennen lassen, daß man nicht imstande sei, in allen Meeren
zu kämpfen, ja daß die Geldmittel den doppelten Krieg auf dem Festlande
und auf der See überhaupt nicht erlaubten. Der eigene Handel lag
hoffnungslos danieder, während der englische aufblühte und diesem Lande
die Mittel zu reichlicher Unterstützung der Gegner Frankreichs lieferte.
Diese Erwägung im Verein mit der Verstimmung über die Mißerfolge des
Jahres 1758 auf dem Lande brachten den feurigen =Choiseul=, der seit
November dieses Jahres Frankreich leitete, zu dem Entschlusse, die ganze
Kraft der Marine auf ein Ziel zu richten, auf den Einfall in England. Mit
dem Kriegsminister, =Marschall von Belle-Isle=, entwarf er folgenden
Plan[82]: Von Ostende aus sollten auf eigens dazu erbauten flachen
Fahrzeugen 20 000 Mann unter =General de Chevert= nach der Mündung des
Blackwater, nordöstlich von London, übergeführt werden; ein gleichstarkes
Heer unter dem =Herzog d'Aiguillon= sollte bei Vannes gesammelt, in der
Morbihanbucht[83] eingeschifft und in Schottland gelandet werden; ein
kleineres Korps endlich wollte man von Dünkirchen aus nach Irland werfen,
da man hier auf einen allgemeinen Aufstand rechnete. Die vereinigten
Seestreitkräfte von Brest und Toulon -- 35 bis 40 Linienschiffe -- waren
bestimmt, unter =Marschall de Conflans= zuerst die Expedition nach
Schottland zu führen und dann den Übergang nach England zu decken; für
die Überführung nach Irland waren nur einige Kriegsschiffe vorgesehen. --
Schon im Winter 1758/59 wurde mit den Vorbereitungen zu diesem großen
Unternehmen begonnen, aber Beratungen über den Plan, Mangel an
Geldmitteln, sowie der schlechte Zustand der Werften und Arsenale
verzögerten die Ausführung; erst spät im Sommer glaubte man sich bereit.
Inzwischen aber war eine Hauptsache, die Vereinigung der Toulonflotte mit
den Streitkräften des Atlantik, durch die Schlacht bei Lagos verhindert,
und England hatte Zeit zu nachdrücklichsten Abwehrmaßregeln gefunden.
[82] Näheres über die verschiedenen Entwürfe, die in den verflossenen
Jahren sowie jetzt in Erwägung gezogen sind, vgl. Lacour I, Seite
293-303 sowie Seite 318 bis 322. Wir geben auch den nachstehenden
Plan nach dieser Quelle; andere französische oder englische
Angaben weichen nur unwesentlich ab.
[83] $Morbihanbucht$ ist der Sammelname für die verschiedenen
Meerbusen, die östlich der Quiberonbai in das Land eindringen.
Obgleich man sämtliche Schlachtschiffe in Brest zusammenziehen wollte,
hatte man zu Anfang 1759 den Chef d'Escadre =de Bompart= mit 8
Linienschiffen und 3 Fregatten von Brest nach Westindien gesandt. Er
sollte Truppen nach den bedrohten Inseln bringen und dann sofort
zurückkehren. Durch die Ereignisse in Westindien wurde er zwar länger
aufgehalten, als vorauszusehen war; da sich die Expedition aber
verzögerte, so traf er noch vor deren Abgang in Brest wieder ein.
In =England= erfuhr man bald von der Absicht Frankreichs, und die Furcht
vor der Invasion erregte wie gewöhnlich die Gemüter. Aber die leitenden
Kreise hatten doch in strategischer Hinsicht gelernt und der
einsichtsvolle =Pitt= stand an der Spitze. Man hielt nicht mehr, wie
bisher so oft, die Streitkräfte ängstlich an der eigenen Küste zusammen,
sondern verwendete sie jetzt ganz in der Art, wie sie in der Einleitung
zu diesem Kriege (vgl. Seite 125) geschildert ist. Ein Geschwader
(=Kommodore Boys=) kreuzte vor Dünkirchen und Ostende, eins
(=Kontreadmiral Rodney=) vor der Küste der Normandie; hinter diesen lag
ein Geschwader (=Admiral Thomas Smith= und =Kommodore Sir Piercy Brett=)
in den Downs. =Sir Edward Hawke= blockierte Brest, und das
Mittelmeergeschwader (=Admiral Edward Boscawen=) war verstärkt. Diese
Streitkräfte zur Beobachtung und Abwehr des Gegners in den europäischen
Gewässern gewannen im Laufe des Jahres mehr und mehr an Stärke. Genaue
Zahlen stehen uns leider nicht zu Gebote, doch mag als Anhalt dienen, daß
Hawke im Juni über 25 Linienschiffe (dazu 4 50-Kanonenschiffe) und
Boscawen über 13 (dazu 2 50-Kanonenschiffe) verfügte; die kleineren
Beobachtungsgeschwader waren aus nur wenigen Linienschiffen zu 60
Kanonen, sonst aus 50-Kanonenschiffen und Fregatten zusammengesetzt.
Aber auch die anderen Kriegsschauplätze wurden nicht vergessen. Nach
Nordamerika ging im Februar eine Flotte unter Vizeadmiral =Charles
Saunders= ab und brachte die dortigen Streitkräfte auf 20 Linienschiffe
(dazu 2 50-Kanonenschiffe); zur Verstärkung der sonstigen Stationen
waren schon im November 1758 8 Linienschiffe nach Westindien, 5 nach
Ostindien ausgelaufen. Ferner sandte man Truppen nach diesen drei
Kriegsschauplätzen sowie zum Festlandskriege; in England selber wurden
die Milizen aufgeboten. Da die Franzosen nur an den Einfall in England
dachten, blieben ihre Kolonien außer Westindien ohne Unterstützung und
die Engländer errangen überall große Erfolge.
$Die Schlacht bei Lagos, 18. August 1759.$ In Toulon rüsteten =die
Franzosen= ein Geschwader von 12 Linienschiffen, darunter 2
50-Kanonenschiffe, und 3 Fregatten aus, das der Chef d'Escadre =de La
Clue=[84] nach Brest führen sollte. Dies war bei der Überlegenheit der
Engländer eine schwierige Aufgabe, zumal diesen Gibraltar als
Beobachtungsplatz zur Verfügung stand, wenn die Blockade von Toulon nicht
durchführbar war. Gerade jetzt erwies sich die Wichtigkeit dieses
Wachtturmes am Ausgange des Mittelmeeres, und es ist sehr befremdend, daß
selbst der einsichtige Pitt noch 1757 die Rückgabe Gibraltars Spanien als
Preis für ein Bündnis angeboten hat. Die englische Mittelmeerflotte war
während des Winters und des Frühjahrs auf 13 Linienschiffe, 2
50-Kanonenschiffe, 10 Fregatten, 2 Sloops und 2 Brander gebracht.
[84] =De La Clue-Sabran= trat 1715 in die Marine, wurde 1727 Enseigne,
1734 Lieutenant, 1742 Capitaine, war Schiffskommandant bei Toulon
(1744), wurde 1755 Chef d'Escadre und führte bei Minorka (1755)
die Nachhut. Bei Lagos schwer verwundet, wurde er nicht mehr aktiv
verwendet, schied aber erst 1764 mit der Pension eines
Lieutenant-Général aus dem Dienste.
=Admiral Boscawen=[85] übernahm am 16. Mai das Kommando und blockierte
sofort Toulon streng; am 7. Juni ließ er sogar durch 3 Linienschiffe 2
französische Fregatten auf der Äußeren Rhede angreifen, die englischen
Schiffe gerieten aber unter den Befestigungen in Windstille und litten
schwer. Um sie auszubessern, sowie um Wasser und Vorräte der Flotte zu
ergänzen, ging der Admiral Anfang Juli nach Gibraltar; er gebrauchte aber
die Vorsicht, auf der Höhe von Malaga, sowie vor Ceuta je eine Fregatte
auszulegen.
[85] =R. Honorable Edward Boscawen=, geboren 1716, hatte sich schon im
österreichischen Erbfolgekriege bei Vernons Expedition in
Westindien und in der Schlacht bei Finisterre (1747) als
Kommandant, dann als Kontreadmiral und Befehlshaber in den
indischen Gewässern (vor Pondicherry 1748) ausgezeichnet. Im
Siebenjährigen Kriege war er als Vizeadmiral 1755 Chef der Station
in Nordamerika, 1756/57 leitete er zeitweise die Blockade von
Brest, 1758 nahm er als Admiral Louisbourg. Nach dem Siege von
Lagos wurde er zum »General of Marines« (nur ein Ehrentitel)
befördert. 1760 leitete er wieder (abwechselnd mit Hawke) die
Blockade von Brest; er starb am 10. Januar 1761.
=De La Clue= verließ am 5. August, als seine Schiffe endlich segelfertig
und mit genügender Mannschaft versehen waren, Toulon, traf am 17. August
vor der Straße von Gibraltar ein und wurde hier durch die eine der
Fregatten gesichtet. Diese meldete den Feind schon um 7-1/2 Uhr abends in
Gibraltar. Der französische Admiral beabsichtigte, sich jedem
Zusammenstoße zu entziehen, aber Boscawen ging mit äußerster
Beschleunigung unter Segel und bereitete ihm, der von einem Teil seiner
Schiffe im Stich gelassen wurde, in einem Verfolgungsgefechte am 18. und
19. August eine schwere Niederlage.
$Schilderung der Schlacht bei Lagos.$ =Boscawen= war nicht völlig
seeklar gewesen, sein Flaggschiff hatte nicht einmal Segel
untergeschlagen, dennoch gelang es, noch vor 10 Uhr nachts die Flotte
in zwei einige Seemeilen voneinander getrennten Gruppen in See zu
bringen. =De La Clue= hatte mit östlichem Winde die Straße in Kiellinie
passiert; er beabsichtigte nun, unter vollen Segeln mit westlichem
Kurse in die offene See zu steuern, um sich einer Verfolgung zu
entziehen. Er minderte auf dem Flaggschiff Segel und gab das Signal
für den neuen Kurs; als dies von den nächsten Hinterleuten beantwortet
war, löschte er die Admiralslaternen am Heck, mehrte Segel und steuerte
WNW. Die Kiellinie war wohl bisher nicht gut geschlossen gefahren, denn
die Segeleigenschaft der Schiffe war sehr verschieden, die des
Flaggschiffes besonders gut, und so kam es, daß die letzten 5
Linienschiffe sowie die Fregatten das Signal nicht bemerkten; als sie
die Admiralslaternen aus Sicht verloren, steuerten sie NNW, um Cadiz zu
erreichen, da dieser Hafen durch einen früheren Befehl als Sammelpunkt
bei verloren gegangener Fühlung bezeichnet war.
Am 18. August gegen 7 Uhr vormittags sichtete Boscawen mit seiner vorn
segelnden Gruppe, 8 Linienschiffen, de La Clue mit 7 Linienschiffen
unter vollen Segeln in Kiellinie; er gab seinen drei besten Seglern den
Befehl, Segel zu pressen und die letzten Schiffe der Franzosen
festzuhalten. Um 2-1/2 Uhr nachmittags kam der vorderste Engländer mit
dem hintersten Feinde ins Gefecht; zum Vorteil der Verfolger flaute der
Wind für die westlicher stehenden Schiffe ab, während die nachfolgenden
noch Wind genug hatten, so daß bis bald nach 4 Uhr die ganze Gruppe
Boscawens eingreifen konnte.
Um 4-1/2 Uhr kam es zum Kampf zwischen den beiden Flaggschiffen, in dem
das englische, »Namur« mit 90 Kanonen, von dem französischen, »L'Océan«
mit 80 Kanonen, im Laufe einer halben Stunde durch Beschädigung der
Takelage außer Gefecht gesetzt wurde, so daß Boscawen auf ein anderes
Schiff gehen mußte. Hervorragend focht auch das letzte französische
Schiff, »Centaure«, mit 74 Kanonen unter Kapitän de Sabran, der 11
Wunden davontrug; es hielt stundenlang gegen 5 englische Schiffe stand,
bis es wrack und halb voll Wasser die Flagge strich. Dieser Opfermut
gab den anderen Franzosen Gelegenheit, ihre Flucht fortzusetzen.
Boscawen warf später einigen seiner Kommandanten vor, nicht tatkräftig
genug eingegriffen zu haben, doch wurden sie anscheinend durch
Windstille zurückgehalten. Während der unsichtigen Nacht retteten sich
dann zwei Franzosen durch Ausbrechen aus ihrem Geschwader; der Rest
wurde am 19. in die Bucht von Lagos gejagt. Das Flaggschiff setzte sich
hier auf den Strand, die anderen ankerten unter den portugiesischen
Batterien. Boscawen, dessen zweite Gruppe (Vizeadmiral Broderick) nun
auch herangekommen war, nahm aber keine Rücksicht auf die Neutralität
Portugals und griff an; 2 feindliche Schiffe wurden genommen, 2
verbrannt. Unter den letzteren war das Flaggschiff; den an beiden
Beinen schwer verwundeten Admiral hatten seine Leute vorher an Land
geschafft.
=Der Verlust= der Franzosen betrug 5 Linienschiffe, sowie gegen 200
Tote und Verwundete allein auf »Océan« und »Centaure«. Die Engländer
büßten 175 Mann ein, und zwar fast nur auf den Schiffen der ersten
Gruppe. Aber auch die entwichenen französischen Schiffe waren außer
Gefecht gesetzt. Die nach Cadiz gesegelten wurden hier bis zum Januar
1760 blockiert gehalten; die beiden später geflohenen erreichten auf
Umwegen erst im Oktober Rochefort.
=Die Schlacht bei Lagos= kostete Frankreich seine Mittelmeerflotte und
=ist bemerkenswert als gutes Beispiel eines reinen Verfolgungsgefechtes=.
Die französischen Streitkräfte waren den englischen an Schlachtschiffen
nur wenig unterlegen; es standen 12 Franzosen mit 806 Kanonen gegen 15
Engländer mit 998. Dennoch handelte =de La Clue= richtig, wenn er ein
Zusammentreffen unbedingt zu vermeiden suchte; seine Aufgabe war, die
Flotte ungeschwächt und schnell zur Vereinigung nach Brest zu führen.
Sich dem Kampfe durch Einlaufen in Cadiz, dem von ihm für alle Fälle
angegebenen Sammelpunkt, zu entziehen, wäre zwecklos gewesen, da er dann
hier wie bislang in Toulon blockiert worden wäre.
Er hätte aber für Zusammenhalten der Flotte sorgen müssen, in der Nacht
vor der Schlacht trennten sich jedoch die hintersten 5 Schiffe und
segelten nach Cadiz. Von älteren französischen Quellen werden die
Kommandanten dieser Schiffe des Ungehorsams, ja selbst der Feigheit,
beschuldigt, neuere Schriftsteller urteilen mit Recht milder. Der Admiral
mußte seine Absicht noch bei Tageslicht kundgeben oder hätte sich doch in
der dunkeln Nacht erst überzeugen müssen, ob sein Signal allgemein
verstanden sei, ehe er den beschleunigten Marsch antrat; bei dem noch
unvollständigen Signalsystem[86] war dies unbedingt notwendig. Er hätte
ferner schon vorher die Marschgeschwindigkeit der Flotte den langsamsten
Schiffen anpassen müssen, um einem Zurückbleiben dieser vorzubeugen.
[86] Nach =Colomb=, Seite 139, gab es zu dieser Zeit in der
französischen Marine noch keine genauen Nachtkurssignale; der
Admiral konnte in vorliegendem Falle für seinen Zweck nur etwa
signalisieren: »Raum segeln über Backbordbug«.
Den Nachteil, der einer Flotte durch ungleiche Marschfähigkeit ihrer
Schiffe erwächst, wenn sie sich dem Kampfe entziehen will, nützte
=Boscawen= richtig aus, als er am 17. folgte, ehe er seine Flotte
aufgeschlossen hatte, und als er am 18. August ohne Rücksicht auf Ordnung
durch seine schnellsten Schiffe die letzten des Gegners angreifen ließ,
um diesen überhaupt festzuhalten. Der Kommandant des hintersten
französischen Schiffes, Kapitän =de Sabran=, verdient das höchste Lob
dafür, daß er hierbei durch heldenmütige Verteidigung und Aufopferung so
viele Gegner festhielt, um seine Kameraden zu retten.
=Kapitän de Sabran= wurde während seiner Gefangenschaft in Gibraltar
von den Engländern mit Auszeichnung behandelt und später in Toulon, in
Paris sowie am Hofe sehr gefeiert. Den übrigen Kommandanten warf die
öffentliche Meinung Ungeschick und Ungehorsam, ja sogar Feigheit und
Verrat vor. Auch =de La Clue= fiel in Ungnade. Nach älteren Quellen
soll er bald nach der Schlacht seinen Wunden erlegen sein, nach
englischen Angaben schon in Lagos. Dies muß ein Irrtum sein, denn
Lacour führt ausdrücklich an, er sei von =Choiseul=, der 1761 das
Marineministerium übernahm, milder beurteilt und habe erst 1764 den
Dienst verlassen.
Bezeichnend ist endlich noch das Auftreten des englischen Admirals an der
Küste des neutralen Portugals; aber dieser Staat war so abhängig von
England, daß man keine Rücksicht zu nehmen brauchte. Es erfolgte auch
später nur eine förmliche Entschuldigung durch den englischen Gesandten;
dieser war aber durch Pitt angewiesen, dabei keinen Zweifel zu lassen,
daß man weder die genommenen Schiffe wieder ausliefern noch den Admiral
tadeln würde.
$Das Auslaufen der französischen Brestflotte 1759.$ Am 3. Juli erschien
Kontreadmiral $Rodney vor Le Havre$ mit einem Linienschiffe, 4
50-Kanonenschiffen, 5 Fregatten und 6 Mörserbooten, um die hier für die
Expedition gebauten flachen Transportfahrzeuge, sowie die angehäuften
Ausrüstungsgegenstände zu vernichten. Er überschüttete während 52 Stunden
Stadt und Hafen mit 1900 Bomben und 1100 Brandgeschossen. Die Einwohner
flüchteten; die Kauffahrer im Hafen, sowie die Magazine erlitten großen
Schaden, und die flachen Boote, die in einem benachbarten kleinen
Seinehafen Schutz gesucht hatten, wurden verbrannt, um sie nicht in
Feindeshand fallen zu lassen.
=Admiral Hawke= hatte die Blockade von Brest im Juni mit 25
Linienschiffen nebst zahlreichen Fregatten aufgenommen. Er ließ hierbei
seine leichten Schiffe dicht vor dem Hafen kreuzen, während er sich mit
den schweren in sicherer Entfernung von der Küste hielt. Später zweigte
er eine kleine Division unter =Kommodore Robert Duff= zur Beobachtung der
Morbihanbucht ab, wo sich die französische Expedition sammelte, und
sandte bald darauf noch eine zweite unter =Admiral Geary= vor die
Quiberonbucht, um dem von Westindien zurückerwarteten Geschwader de
Bompart (siehe Seite 148) den Weg nach Rochefort zu verlegen. Nur einmal
versuchten die Franzosen mit 4 Linienschiffen von Brest zur Morbihanbucht
durchzubrechen; diese mußten jedoch wieder umkehren, da die innere
Blockadelinie aufmerksam war und die Flotte heranrief.
Diese kleine französische Division unter Kapitän =de Morogues= sollte die
unmittelbare Deckung des Transportes für den Einfall in England
übernehmen. An diesem hielt man nämlich immer noch fest, obgleich die
Rüstungen so langsam fortschritten, daß die Herbststürme herannahten, und
obgleich mit der Mittelmeerflotte nicht mehr gerechnet werden konnte. Der
Plan erlitt aber insofern eine Einschränkung, als von der Überführung
eines Heeres über den Kanal abgesehen und nur die große Landung in
Schottland, sowie die Diversion nach Irland im Auge behalten wurde. Auch
diese Einschränkung scheint erst spät beschlossen oder überhaupt nur die
Folge der weiteren Ereignisse gewesen zu sein, denn noch in einer
Verfügung an Admiral =Conflans= in Brest vom 13. September ist von dem
gegen England bestimmten Heere die Rede, als dessen Führer man jetzt den
Prinzen =Soubise= nannte.
Das Mißgeschick bei Lagos sowie die sorgfältige Überwachung der Küsten
durch die Engländer hätte wohl von dem ganzen Unternehmen abmahnen
müssen. Aber man wünschte in Paris durch einen Erfolg auf dem Meere die
im Landkriege erlittenen Scharten auszuwetzen und dadurch einen
ehrenhaften Frieden herbeizuführen. Französische Quellen besagen, das
Aufgeben des Planes nach den großen Vorbereitungen wäre für Frankreich
ein volles Eingeständnis seiner maritimen Ohnmacht gewesen. Daraufhin
aber sich in ein fast aussichtsloses Wagnis zu stürzen, spricht nicht
für die Einsicht der leitenden Kreise. Doch kann dies kaum mehr
wundernehmen als die Bestimmung des Prinzen von Soubise, der sich bei
Roßbach ganz unfähig gezeigt hatte, zum Führer eines so schwierigen
Unternehmens.