Feinde genommen, 14 und 22 Schiffe dieser Arten vernichtet oder sonst
verunglückt; eine Anzahl kleinerer Fahrzeuge trat hinzu. Die Marine war
also um 1763 wieder bis auf 40 Linienschiffe und, trotz einiger
Neubauten, auf vielleicht 10 Fregatten zurückgegangen, wozu dann die 15
Linienschiffe im Bau, die die Nation der Regierung schenkte, traten.
$Spanien$ hatte gleichfalls seine Marine seit 1748 sehr verstärkt. 1759
besaß es 49 Linienschiffe, nämlich: 2 zu 80 Kanonen, 6 zu 70, 30 zu 68, 8
zu 60, 3 zu 58. Hinzu kamen 2 Schiffe zu 50 Kanonen, 22 Fregatten zu
22-30 und 14 Korvetten. Die Schiffe waren fast sämtlich neu, jedenfalls
die Linienschiffe erst nach 1750 erbaut. Es liegen aber keinerlei
Andeutungen vor, die darauf hinweisen, daß die Schiffe besser imstande
gehalten wären, noch daß das Personal auf einer höheren Stufe gestanden
habe, als bisher. Spanien verlor in dem Kriege 9 Linienschiffe sowie 5
Fregatten, vom Feinde genommen, und beim Angriff auf Havanna (1762)
waren 3 Linienschiffe zur Sperrung der Einfahrt versenkt.
In $England$ war der =Schiffsbestand= um $1756$: 5 Schiffe zu 100
Kanonen, 10 zu 90, 6 zu 74, 27 zu 70, 5 zu 64, 36 zu 60, mithin 89
Linienschiffe; 30 Schiffe zu 50 Kanonen sowie 38 zu 40-44 (die letzteren
oft Fregatten genannt); 59 Fregatten zu 20-24 Kanonen und viele kleinere
Fahrzeuge. Insgesamt 274 Segel. Der =Verlust= betrug 15 Linienschiffe
(aber nur eins vom Feinde genommen), 4 50-Kanonenschiffe, 3 zu 40 und 14
zu 20-28 Kanonen. Trotz dieses Verlustes und obgleich während des Krieges
eine ziemlich große Zahl als abgenutzt aus den Listen gestrichen wurde,
war doch durch Neubau oder Einstellung genommener Schiffe der
=Gesamtbestand um 1763= auf 340 Segel gewachsen. Die schon früher
gegebene Tabelle (Seite 18) weist für 1762 an Linienschiffen 141 nach;
aus ihr ist ferner zu ersehen, daß besonders Schiffe der dritten Klasse
(zu 74 und 64 Kanonen) sowie Fregatten zu 28-38 Kanonen erbaut oder
eingestellt sind, während man die verlorenen 50- oder 44-Kanonenschiffe
nicht ersetzt hat. Auch begann man gegen Ende des Krieges in England nach
dem Muster genommener französischer großer Zweidecker solche zu 80
Kanonen zu erbauen.
Im Gegensatz zum vorhergegangenen Kriege würde die englische Marine nicht
überlegen gewesen sein, wenn das Bündnis zwischen Frankreich und Spanien
sofort in Kraft getreten wäre. Auch nach den niedrigsten Angaben hätten
diese Staaten über 100 Linienschiffe den englischen 89 (oder mit
Einschluß der 50-Kanonenschiffe 120) entgegenstellen können. Gegen
Frankreich allein trat England allerdings überlegen auf, und als Spanien
(1761) den Krieg erklärte, hatte die französische Marine schon die
angegebenen ungeheuren Verluste erlitten, die englische war dagegen
bedeutend gewachsen.
Der Verlauf des See- und Kolonialkrieges.[75]
Die Ereignisse vor der Kriegserklärung.
$Die Reibungen in den Kolonien$ begannen schon unmittelbar nach dem
Frieden von Aachen. =In Westindien= besetzte der Gouverneur von
Martinique 1749 die neutrale Insel Tabago und räumte sie erst wieder, als
England sehr ernstlich Einsprache erhob; ein ähnlicher Fall ereignete
sich an der Westküste von =Afrika=. =In Ostindien= aber hatten die
Kompagnien und in =Nordamerika= die Kolonisten der beiden Länder den
Kampf trotz des Friedensschlusses eigentlich ununterbrochen fortgesetzt,
wie sich später bei der Schilderung des Krieges in den Kolonien ergeben
wird. Um 1755 war der Kampf, in Amerika schon beträchtlich von den
Mutterländern unterstützt, zu einem derartigen Umfange gediehen, daß die
Regierungen daheim Maßregeln ergriffen, die einen großen Krieg
unabwendbar erscheinen ließen. =Frankreich= bereitete in Brest sowie
Rochefort eine starke Expedition nach Kanada vor, und =England= rüstete
daraufhin gegen 35 Linienschiffe aus, warb oder preßte Seeleute und
ordnete die Aufstellung von 50 Kompagnien Seesoldaten an.
[75] Besonders benutzte Quellen: Clowes, Band III; Lacour I; Mahan I;
Troude, Band I; Bonfils, Band II; für die politischen Verhältnisse
sowie den Krieg am Lande in den Kolonien Zimmermann. Band II und
IV.
Am 3. Mai 1755 verließ Lieutenant-Général =Comte de Macnemara= Brest mit
einer Flotte von 20 Linienschiffen und 6 Fregatten. Von den
Linienschiffen waren jedoch nur 9 vollständig armiert, nämlich 6, die, zu
einem Geschwader vereint, dem genannten Admiral unmittelbar unterstellt
waren, und 3 zum Geschwader des Chef d'Escadre =Dubois de la Motte=
gehörige. Dieser Flaggoffizier war der Führer der eigentlichen Expedition
nach Kanada, und die ihm weiter unterstellten 11 Linienschiffe, die 12
Bataillone Infanterie (unter Baron =Dieskau=) sowie Kriegsmaterial in die
Kolonie überführen sollten, waren nur als Flüten[76] armiert. Macnemara
ging mit seinen Linienschiffen sowie 3 Fregatten nach Brest zurück,
sobald er seine Aufgabe gelöst hatte und die Expedition sicher auf hoher
See wußte. Nun sollte er an den Küsten Frankreichs kreuzen. Er legte aber
krankheitshalber sein Kommando nieder und starb bald darauf, 65 Jahre
alt; das Geschwader kreuzte dann unter dem Befehle des Comte Du Guay.
=Dubois= segelte nach Nordamerika, zweigte bei Annäherung an die Küste 4
Linienschiffe nach Louisbourg ab und führte den Rest nach Quebec; 3
Schiffe waren im Nebel von ihm abgekommen, und nur diese stießen mit den
Engländern zusammen.
[76] Es war in Frankreich üblich, Linienschiffe »en flûte« zu armieren,
wenn sie Truppen und Material nach den Kolonien brachten. Es waren
dann, um Raum zu gewinnen, nur 20-22 Kanonen aufgestellt, die
anderen wurden zurückgelassen oder in den Lasten verstaut. --
Französische Quellen sagen, im vorliegenden Falle sei es auch aus
Sparsamkeit geschehen, sowie, um England nicht zu reizen.
In England war man nur oberflächlich von der französischen Expedition
unterrichtet gewesen, hatte aber doch schon am 27. April den Vizeadmiral
=Edward Boscawen= mit 11 Linienschiffen, einer Fregatte sowie einigen
Transportern, die 2 Regimenter an Bord führten, nach Amerika gesandt. Als
die Stärke der Franzosen bekannt wurde, folgte am 11. Mai ein Nachschub
von 6 Linienschiffen unter Kontreadmiral =Francis Holburne=, die am 21.
Juni auf den Neufundlandbänken zu Boscawen stießen. Dieser war zwar mit
Dubois nicht zusammengetroffen, jedoch am 6. Juni den drei versprengten
Franzosen begegnet, hatte sie mit dem ganzen Geschwader gejagt und am 8.
zwei von ihnen, ein voll- und ein en flûte-armiertes Schiff, genommen;
dem dritten, einem guten Segler, gelang es, im Nebel nach Louisbourg zu
entkommen. Als Boscawen dann erfuhr, daß Dubois wohlbehalten Quebec
erreicht habe, ging er nach Halifax, da seine Mannschaft sehr unter
Krankheit litt; nur ein kleineres Geschwader unter Holburne blockierte
Louisbourg. Nach Ausschiffung der Truppen begab sich =Dubois= auf die
Rückreise und langte am 21. September in Brest an; auch den Schiffen in
Louisbourg gelang es, während eines Sturmes zu entschlüpfen und sich ihm
anzuschließen. Nun ging auch =Boscawen=, dessen Bleiben in den
nordamerikanischen Gewässern nicht mehr nötig erschien und der gegen 2000
Mann an Krankheiten verloren hatte, mit Holburne nach England und traf am
4. November in Spithead ein; nur wenige Schiffe unter Kommodore =Spry=
überwinterten in Halifax.
=Dubois= wäre ohne Zweifel zu schwach gewesen, um gegen Boscawen
aufzutreten, aber auch seine Instruktion verbot es ihm. Bemerkenswert
ist hier die Verschiedenheit der Befehle für die Führer. Die
französischen schrieben vor, jeden Zusammenstoß zu vermeiden, solange
es die Ehre der Flagge zuließe; =Boscawen= hatte Order, die Kolonie zu
schützen und das feindliche Geschwader anzugreifen, wo er es fände. Der
Erlaß dieses Befehls war sogar dem französischen Gesandten bekannt
gegeben.
Die Wegnahme der beiden französischen Schiffe erregte in Frankreich große
Entrüstung, blieb aber nicht die einzige Gewalttat Englands vor der
Kriegserklärung. Im Sommer 1755 erhielt der Kontreadmiral =Sir Edward
Hawke= den Auftrag, mit einem starken Geschwader in der Biscaya zu
kreuzen und jedes französische Linienschiff zu nehmen; im August wurde
der Befehl auf alle feindlichen Kriegsschiffe, Kaper und Handelsschiffe
ausgedehnt. Der gleiche Befehl erging an das Mittelmeergeschwader. Bis
Ende des Jahres nahmen Hawke, später die Admirale =Byng= und
=Temple-West= 500 Handelsschiffe im Wert von über einer Million Lstrl.,
sowie einige Kriegsschiffe; auf ihnen befanden sich 6000 französische
Seeleute und 1500 Soldaten, einschließlich der Besatzungen der in
Nordamerika genommenen Schiffe, in englischer Gefangenschaft. Diese
entsprachen den Besatzungen von wohl 10 Linienschiffen, bedingten also
einen schweren Verlust für Frankreich vor Eintritt in den Krieg.
$Frankreich nimmt Minorka 1756.$ Trotz aller dieser Vorgänge und obgleich
sich die Stimmung des englischen Parlaments im November 1755 sehr
kriegerisch äußerte, setzte die französische Regierung die Verhandlungen
über die amerikanischen Streitfragen fort; sie zeigte sich sogar so
friedfertig, daß sie einen vor Brest genommenen englischen Kreuzer
zurückgab und dem englischen Mittelmeergeschwader das Anlaufen von Toulon
behufs Auffüllung von Vorräten gestattete. Hoffte man noch, den Frieden
zu erhalten, oder wollte man die Zeit zu einem plötzlichen Schlage
abwarten? Wie in den früheren Kriegen war in Frankreich große Stimmung
für einen überraschenden Einfall in Großbritannien; See- und
Landoffiziere sowie auch Private legten dem Marineminister Pläne zu einem
solchen vor[77]. Mit Beginn des Jahres 1756 wurden Truppen an der
Kanalküste zusammengezogen, und in Brest rüstete man eifrig. Es ist
fraglich, ob dies Ernst war, aber man rief damit in England wieder die
Furcht wach, die seit Ruyters Einfall hier so leicht die Gemüter erregte.
Sogar die Regierung erließ eine Proklamation, die selbst englische
Quellen (vgl. Laird Clowes, Band III, Seite 142) »foolish« nennen, an
die Bevölkerung über Maßregeln bei einer Landung der Franzosen.
Besonders aber wurde die Aufmerksamkeit Englands von den anderen
wahrscheinlichen Kriegsschauplätzen abgelenkt, so besonders vom
Mittelmeer. Der von allen früheren Strategen seit Drakes Zeiten längst
als einzig richtig anerkannte Grundsatz, das Land vor einem Einfall durch
entschieden angriffsweise Tätigkeit der Flotte zu schützen, geriet wieder
einmal in Vergessenheit.
[77] Lacour I, Seite 244 ff., bringt einige dieser Pläne.
Und nun wählte Frankreich das Mittelmeer zu einem plötzlichen Vorstoß.
Während man die Vorbereitungen im Norden möglichst geräuschvoll betrieb
und dabei kleine Geschwader oder Divisionen von dort nach den Kolonien
sandte, rüstete man in Toulon und Marseille ganz insgeheim eine mächtige
Expedition gegen Port Mahon aus, um diesen wichtigen Stützpunkt vor der
eigenen Küste den Engländern zu entreißen. Am 12. April 1756 ging der
Lieutenant-Général =Marquis de La Gallissonnière=[78] mit 12
Linienschiffen und 5 Fregatten in See, er deckte eine Transportflotte von
176 Segeln mit 12000 Mann unter dem =Herzog von Richelieu=. Eine Woche
später wurde das Heer auf Minorka gelandet, Port Mahon berannt und von
der Flotte blockiert. Die erst spät zum Entsatz erscheinende englische
Flotte unter Vizeadmiral =John Byng= wurde abgewiesen; die Festung ergab
sich am 29. Juni.
[78] =Roland Michel, Marquis de La Gallissonnière=, geboren 1693, trat
1710 in die Marine, wurde, da er keine besondere Protektion besaß,
nur langsam befördert: 1726 Leutnant, 1738 Kapitän, 1750 Chef
d'Escadre, 1755 Lieutenant-Général. Er diente unter Gabaret und de
Court mit Auszeichnung im Österreichischen Erbfolgekriege; war
1747-1750 Gouverneur von Kanada und sorgte für die Befestigungen
an dessen Grenzen; einige Jahre in Landstellungen der Marine,
führte er 1754 und 1755 Schulgeschwader im Mittelmeer und machte
sich verdient um Geschwaderübungen sowie Signalwesen. Er
kommandierte in der Schlacht bei Minorka 1756 und starb am 26.
Oktober desselben Jahres. Gallissonnière war ein tüchtiger
Offizier, aber doch kein höherer Führer und auch jetzt wohl zu
alt, sonst hätte er seinen Erfolg bei Minorka besser ausgenutzt.
[Illustration: Marquis de La Gallissonnière.]
$Die Eroberung von Port Mahon 1756.$ Die Expedition war sehr geheim
gehalten. Truppen, Artillerie-parks und Munition waren unter
mannigfachen Vorwänden in Toulon und Marseille gesammelt. Der
bezügliche Befehl erging an =Richelieu=, den derzeitigen
Oberbefehlshaber der Truppen an der Mittelmeerküste, erst am 16. März,
an Gallissonnière am 22., sonst hatten selbst die höheren See- und
Landoffiziere keine Kenntnis vom Zweck der Rüstungen. Die Schiffe waren
schnell und gut ausgerüstet, man hatte dazu Arbeiter aus Genua und
Venedig herangezogen. Die Einschiffung erfolgte vom 4. bis 8. April;
die Gesamtflotte ging am 10. in See; sie mußte zwar wegen Gegenwindes
wieder ankern, setzte aber am 12. die Reise fort und erreichte am 18.
Minorka, ohne von einem englischen Schiffe gesehen zu sein. Des
herrschenden Windes wegen wählte man Ciudadela als Landungsplatz; vom
18. abends bis zum 20. wurden die Truppen ausgeschifft.
Die Flotte blieb dann noch vor dieser Stadt liegen, um die Landung des
Trains zu decken. Man hat dies dem Admiral zum Vorwurf gemacht; er habe
die Deckung Fregatten überlassen können. Er versäumte nämlich dadurch
die Gelegenheit, einige englische Schiffe abzufangen, die in Port Mahon
lagen. Aus seiner Verteidigung[79] geht jedoch hervor, daß er sich
genau an die ihm gewordene Order gehalten hat. Diese lautete: »Die
Ausschiffungsstelle nicht zu verlassen, ehe der Marschall völlig zum
Angriff auf Port Mahon bereit sei; seine Kräfte nie zu teilen und nur
zum Schutz der Expedition zu verwenden.« Erst vom 24. April ab kreuzte
er dementsprechend vor der belagerten Stadt.
[79] Näheres vgl. Lacour I, Seite 263.
Marschall Richelieu besetzte die Stadt Port Mahon am 22. Die Garnison
hatte sich in das Fort San Felipe zurückgezogen; sie war nur schwach,
viele Offiziere befanden sich auf Heimatsurlaub und der sonst tüchtige
Gouverneur, General =Blakney=, war alt und krank. Auf dessen Anfrage,
was die Landung bezwecke, antwortete der Marschall: Das gleiche wie das
Wegnehmen französischer Schiffe durch die englische Flotte. Die
Beschießung des Forts und seiner Außenwerke begann erst am 11. Mai, da
das Gelände die Belagerungsarbeiten sehr erschwerte; auch war noch
Material verschiedener Art aus Frankreich nachzusenden. Man mußte mit
dessen Beschaffung eilen, da täglich die Verbindung mit der Heimat
durch englische Seestreitkräfte unterbrochen werden konnte. Eine
englische Flotte erschien gegen Ende des Monats, wurde aber
zurückgeschlagen. Die Besatzung kapitulierte nach tapferer Gegenwehr am
29. Juni unter ehrenvollen Bedingungen; sie wurde auf französischen
Handelsschiffen nach Gibraltar gebracht.
$Die Seeschlacht bei Minorka am 20. Mai 1756.$ In England hatte man mit
Rücksicht auf die französischen Rüstungen im Norden das Mittelmeer ganz
aus dem Auge gelassen, obgleich schon im Oktober 1755 das Gerücht von
einem Plane des Feindes gegen Port Mahon aufgetaucht war und Schiffe
genug zur Verfügung standen, um die nur schwache Mittelmeerstation zu
verstärken. Auch war die Gefahr einer Landung in England keineswegs
besonders drohend. Einige Kriegsschiffe, die im Januar 1756 Kauffahrer
aus dem Kanal geleitet hatten, stellten auf ihrer Rückreise fest, daß in
Brest sowie Rochefort nur 16 Linienschiffe bis zum Mai seeklar sein
würden. Bis dahin aber konnte man mit Sicherheit über 50 bis 60
Linienschiffe verfügen. Erst am 6. April sandte man auf Drängen der
öffentlichen Meinung den Vizeadmiral =John Byng= und den Kontreadmiral
=Temple-West= nach dem Mittelmeer. Deren Flotte zählte aber nur 11
Linienschiffe, obgleich schon um diese Zeit 27 im Kanal und der Biskaya
kreuzten und 28 in den Häfen lagen (außerdem waren gegen 40 Fregatten im
Dienst). Byngs Schiffe hatten ein Regiment zur Verstärkung Port Mahons an
Bord; um die Soldaten besser unterbringen zu können, waren die
Seesoldaten der Besatzungen zurückgelassen. Am 2. Mai traf der Admiral
in Gibraltar ein und erfuhr hier von dem bisherigen Befehlshaber im
Mittelmeer, Kommodore =George Edgcumbe=, die Landung der Franzosen.
=Edgcumbe=, der nur drei Linienschiffe und einige kleinere
Kriegsfahrzeuge befehligte, hatte bei der Landung der Franzosen in Port
Mahon gelegen, wohin er genommene französische Kauffahrer gebracht
hatte; er hätte also leicht abgefangen werden können. Es gelang ihm
aber, nach Gibraltar zu entschlüpfen, nachdem er noch seine Seesoldaten
sowie eine Anzahl Seeleute der Garnison überwiesen hatte. Nur eins
seiner Schiffe wurde durch französische Fregatten in Palma blockiert
und erst durch die englische Flotte auf ihrer Fahrt nach Minorka
befreit. Die Division Edgcumbe trat zu Byngs Flotte, zwei ihrer
Linienschiffe finden wir in der Schlacht.
=Admiral Byng= versuchte in Gibraltar als Ersatz für die fehlenden
Seesoldaten Landtruppen zu erhalten, der Gouverneur konnte jedoch bei der
Schwäche der Garnison diesem Wunsche nicht voll entsprechen. Am 8. Mai
ging die Flotte weiter und sichtete am 19. bei Tagesanbruch Minorka; Byng
sandte Fregatten voraus, um mit Fort Philippe in Signalverbindung zu
treten, mußte sie aber zurückziehen, als die französische Flotte
herankam. =La Gallissonnière= hatte am 17. durch eine Fregatte das Nahen
des Gegners erfahren und sich daraufhin dicht bei der Insel gehalten; da
der Wind vom 18. an nördlich war, blieb er nordöstlich der Stadt, um sich
die Luvstellung gegenüber dem Feinde zu sichern. Er benutzte die Zeit des
Wartens, um seine Schiffsbesatzungen vom Lande her zu verstärken.
=Richelieu= ließ am 18. mehrere Kompagnien auf Küstenfahrzeugen
einschiffen, aber infolge flauen Windes und grober See erreichten nur
einige von ihnen die Flotte; eins fiel sogar am 20. den Engländern in die
Hände. Der 19. Mai, teilweise nebelig und fast windstill, verging mit
Manövrieren der Flotten, um aneinander heranzukommen, wobei die Engländer
die Luvstellung zu gewinnen, die Franzosen sich diese sowie ihre Lage
zwischen dem Feinde und der Stadt zu erhalten suchten. Byng benutzte den
Tag, um die Besatzung schwachbemannter Linienschiffe durch Leute der
Fregatten zu ergänzen, sowie ein minderwertiges Schiff von 20 Kanonen zum
Brander vorzubereiten. Am 20. Mai bei Tagesanbruch war es noch unsichtig
und flau, als aber gegen Mittag der Wind nach Osten drehte und
auffrischte, griff Byng an.
=Die englische Flotte zählte=: 1 Schiff zu 90 Kanonen (das Flaggschiff
Byngs »Ramillies«), 1 zu 74, 1 zu 68 (»Buckingham«, Flaggschiff
Temple-Wests), 8 zu 60-66, 2 zu 50, insgesamt 13 =Schiffe= mit 834
Kanonen =in der Linie=; außerhalb dieser 1 Schiff zu 40, 3 zu 20, 1 zu 14
Kanonen. Die =französische Flotte= zählte: 1 Schiff zu 84 Kanonen (das
Flaggschiff La Gallissonnières »Foudroyant«), 2 zu 74 (»Redoutable« und
»Couronne«, Flaggschiffe der Chefs d'Escadre de Glaudevez, Vorhut, und de
La Clue, Nachhut), weitere 2 zu 74, 5 zu 64, 2 zu 50, insgesamt 12
=Schiffe= mit 760 Kanonen =in der Linie=; außerhalb der Linie 1 Schiff zu
46 sowie 4 zu 26 Kanonen.
$Die Schilderung der Schlacht bei Minorka$ ist in den verschiedenen
Quellen nicht ganz gleich; diese weichen in den Angaben über
Windrichtung und Bug der Flotten während des Kampfes voneinander ab.
Das stellt aber nur den Kurs in Frage, denn über die Lage zueinander
und zum Winde stimmen die Quellen überein; einen Einfluß auf die
Beurteilung des Verlaufes der Schlacht haben die Abweichungen also
nicht. Die nachfolgende Darstellung versucht, alle sonstigen
Widersprüche möglichst in Einklang zu bringen; sie fällt nahezu mit der
Mahans (I, Seite 274) zusammen.
Als es am 20. Mai morgens aufklarte, lagen die Franzosen bei östlichem
Winde mit SSO.-Kurs über Steuerbordbug zwischen den Engländern und der
Insel. =Byng= führte nun seine Flotte über Backbordbug an der
feindlichen vorüber, bis sie genau querab von ihr stand, und wendete
dann mit allen Schiffen zugleich; er verfuhr also genau nach der
englischen Instruktion für den Fall, daß man dem Feinde mit
entgegengesetztem Kurse begegnet (vgl. Seite 39). Beide Flotten lagen
jetzt querab voneinander über gleichen Bug, aber nicht parallel,
sondern in einem Winkel von 30 bis 40 Grad. Ihre Spitzenschiffe waren
etwa 2, die Schlußschiffe etwa 4 Seemeilen voneinander entfernt; die
französische Linie lag unter kleinen Segeln dicht beim Winde und
erwartete den Angriff, die englische steuerte raum auf sie zu. Als Byng
gegen 2 Uhr nachmittags das Signal zum »Angriff« gab, wie in der
Schlacht bei Toulon 1744, blieb das vorher gegebene Signal
»Gefechtslinie einnehmen« stehen (Lage I des Planes). Nun traten die
Nachteile der englischen Angriffsart im vollsten Maße ein, denn die
Schiffe konnten nicht annähernd gleichzeitig an den Feind kommen.
[Illustration: Admiral The Hon. John Byng.]
Auf das Angriffssignal hielten die Schiffe der Vorhut beinahe senkrecht
auf ihre entsprechenden Gegner in der französischen Linie ab; sie
mußten auf eigenes Feuer fast ganz verzichten, erhielten dagegen drei
furchtbare Breitseiten und wurden in der Takelage sehr beschädigt. Das
sechste Schiff von vorn, »Intrepid«, verlor die Vormarsstenge und
drehte in den Wind; damit brachte es die folgenden Schiffe in
Unordnung, die rechts und links vorbeisegeln mußten, um Linie zu
halten, und behinderte deren Feuer (Lage 2). Jetzt hätte Byng den
Hinterschiffen ein Beispiel geben und hart auf den Feind abhalten
müssen, aber eingedenk der Vorschrift und der Verurteilung Mathews nach
der Schlacht bei Toulon wagte er es nicht. Er sagte zu seinem
Flaggkapitän: »Sie sehen, daß ich vor »Louisa« und »Trident« (Schiffe,
die vor ihm sein sollten) bin. Ich kann doch als Admiral nicht
abhalten, als wenn ich ein einzelnes Schiff angreifen wollte? Es war
Mathews Unglück, daß er seine Streitmacht nicht zusammen heranführte;
das will ich vermeiden.«
So staute sich der ganze Angriff und stockte. Inzwischen wichen die
französischen Spitzenschiffe aus, um den Nahkampf zu vermeiden; der
Rest der französischen Linie mehrte Segel, zog an der beschädigten
englischen Vorhut vorüber und überschüttete sie mit Feuer. Sie konnte
dies ohne Belästigung durch die übrigen englischen Schiffe ausführen,
da diese Segel geborgen hatten, um die Linie wieder herzustellen (Lage
3). Die Franzosen halsten dann im Kontremarsch und nahmen über
Backbordbug ihre abwartende Stellung unter kleinen Segeln wieder ein.
Ein zweiter Angriff erfolgte aber nicht, da die englische Flotte durch
die Beschädigung der vordersten Schiffe zu sehr geschwächt war. =Byng=
zog sich auf die Südseite der Insel zurück; =Gallissonnière= verfolgte
ihn nicht.
=Der Verlust= der Franzosen in dem etwa dreistündigen Kampfe betrug 38
Tote und 184 Verwundete; nur ein Schiff war schwerer beschädigt. Die
Engländer büßten 45 Tote und 162 Verwundete ein, die auf die vordersten
sieben Schiffe entfielen; diese waren auch sehr zerschossen.
[Illustration: Schlacht bei Minorka, 20. Mai 1756.]