$1762.$ Immer kleiner war das Gebiet geworden, das Friedrich noch

behauptete, und jetzt fielen durch Pitts Rücktritt auch die englischen

Hilfsgelder fort. Schon sahen die Gegner der Niederlage Preußens mit

Zuversicht entgegen, da wandte sich das Blatt. Nach dem Tode der

Kaiserin Elisabeth am 2. Januar schloß ihr Nachfolger Peter III. von

Rußland Frieden mit dem König (Petersburg, 6. Mai) und stellte ihm

sogar ein Hilfskorps unter Czernitschew in Schlesien zur Verfügung.

Friedrich griff Schweidnitz an, das Daun in einer festen Stellung auf

den Höhen bei Reichenbach deckte. Nach der Entthronung Peters wurde

Czernitschew zurückberufen, ließ sich aber bestimmen, unter

Geheimhaltung der Order noch einige Tage zu bleiben, damit Daun mit ihm

rechnen müsse. Der König siegte bei Burkersdorf am 21. Juli über diesen

und wies dann noch einen weiteren Entsatzversuch Dauns bei Reichenbach

am 16. August zurück. Am 9. Oktober fiel Schweidnitz, Schlesien war

wiedergewonnen. Prinz Heinrich hatte im Sommer in Sachsen die

Reichstruppen von den Österreichern getrennt und nach Franken

vertrieben; als sich beide in Böhmen wieder vereinigt hatten, schlug er

sie bei Freiburg (29. Oktober). Herzog Ferdinand erfocht über die von

Kassel aus vordringenden Franzosen zweimal einen Sieg bei Wilhelmsthal

am 24. Juni, bei Lutterberg am 23. Juli. Kaiserin Katharina von Rußland

zog sich vom Kriege zurück, bestätigte den Frieden Peters und räumte

Preußen.

=Der Krieg war zu Ende!= England und Frankreich schlossen am 2.

November den =Präliminarfrieden zu Fontainebleau=. England gab dabei

Preußen völlig preis, es zog seine Truppen zurück und gestattete

Frankreich, Kleve, Wesel sowie Geldern besetzt zu halten. Nur der

Umstand, daß dieser Staat auch des kostspieligen Landkrieges müde war,

bewahrte Preußen vor den Folgen der englischen Treulosigkeit, denn

Österreich verzagte daran, allein Friedrich II. niederzuwerfen, schloß

Waffenstillstand und trat in Friedensverhandlungen ein.

$Der Frieden zu Hubertusburg$, 15. Februar 1763, stellte den Besitzstand

vor dem Kriege wieder her: Österreich verzichtete auf Schlesien und

Glatz, Preußen räumte Sachsen. Friedrich II. versprach außerdem seine

Stimme für die Kaiserwahl des Erzherzogs Joseph. Des großen Königs

überlegener Geist, sowie die opferwillige Hingabe seines tapferen Volkes

hatten den preußischen Staat und mit ihm die Zukunft Deutschlands

gerettet.

Der allgemeine Verlauf des See- und Kolonialkrieges.

Der Seekrieg spielte sich auf verschiedenen Schauplätzen -- in den

europäischen, den nordamerikanischen, den west- und ostindischen

Gewässern -- ab. Um aber stets über die ganze Kriegslage im klaren zu

sein, sowie auch weil England von Anfang an nach einem alle Schauplätze

umfassenden Plane vorging, erscheint es angebracht, zunächst den

allgemeinen Verlauf dieses Seekrieges etwas eingehender zu schildern, als

dies bisher bei anderen geschehen ist.

=Kennzeichnung der Kriegführung seitens der Gegner.= Der vorherzusehende

Zusammenstoß zwischen England und Frankreich erfolgte nur wegen

Streitfragen auf oder über der See; dies wies deutlich genug auf den

wahren Kriegsschauplatz hin, und man hätte einen reinen Seekrieg zwischen

den beiden Mächten erwarten müssen. Aber nur England besaß eine starke

Flotte und erkannte das Richtige, =Frankreich= hatte Vorbereitungen für

einen Seekrieg versäumt und ließ sich außerdem durch den Landkrieg vom

Seekriege ablenken. Zu Anfang zeigten sich zwar Unternehmungslust und

Tatkraft auf seiten der Franzosen und sie hatten schon wichtige Erfolge

errungen, als sie 1757 in den Landkrieg eintraten. Durch die

überraschende Einnahme von Port Mahon, durch die Gewinnung Korsikas (wo

ihnen Genua zum eigenen Schutz gegen einen Aufstand die befestigten

Plätze übergeben hatte) besaßen sie im Verein mit Toulon eine starke

Stellung im Mittelmeer; in Nordamerika stand ihre Sache sehr günstig und

in Indien war ihre Lage mittelbar dadurch gestärkt, daß die Engländer um

ihren bengalischen Besitz mit den Eingeborenen in schwerem Kampfe lagen.

Frankreich hätte nun ernstlich dahin streben müssen, durch Bündnisse

seine Kraft zur See zu verstärken, Holland und Spanien zu gewinnen; dies

geschah oder gelang aber nicht.

$Englands rücksichtsloses Auftreten$ gegen die neutralen Staaten, das

aus dem Gefühl seiner Macht zur See entsprang, gab hierzu Gelegenheit.

Daß Holland den alten Bund nicht erneuert hatte, vergalt England mit

harten Maßregeln gegen dessen Handel[69]. Es erklärte alle Häfen

Frankreichs in Blockadezustand und ordnete an, daß sämtliche nach dort

bestimmten Schiffe als gesetzliche Prisen zu nehmen wären. Ferner faßte

es den Begriff der Kriegskontrebande weit schärfer als bisher und hielt

sich nicht mehr an die mit Holland getroffene Abmachung »Frei Schiff«

-- »Frei Gut«, sondern legte Beschlag auf holländische Schiffe mit

französischer Ladung. Der holländische Handel mit französischen

Kolonien, ja sogar der nach den holländischen wurde arg belästigt;

Holland war genötigt, seine Kauffahrer durch starke Bedeckungen

geleiten zu lassen. Auch andere Staaten, so insbesondere Spanien,

litten unter Englands Vorgehen; der Versuch, Spanien zu gewinnen,

scheint aber erst von Choiseul ernstlich gemacht zu sein.

[69] Näheres hierüber, so auch einzelne, besonders hervortretende

Fälle, vgl. de Jonge, Band IV, Seite 314 ff.

Dagegen ließ sich Frankreich in den Siebenjährigen Landkrieg verwickeln,

der seine Mittel stark in Anspruch nahm, da es nicht nur die eigenen

Rüstungen, sondern auch die der deutschen Fürsten zahlen, sowie

Österreich mit Geld unterstützen mußte. Deshalb vernachlässigte es nun

trotz der ersten Erfolge seine schon an und für sich schwächere Marine

schmählich, anstatt die für diese durch die Einnahme von Port Mahon im

Lande hervorgerufene Begeisterung zu ihrer Hebung zu benutzen. So zeigen

sich denn auch Frankreichs Flotten nur einmal, 1759, im Kampfe um die

Seeherrschaft, und mit dem Verzicht auf diese gab es auch seine Kolonien

auf. Spaniens Hilfe kam zu spät, seine Kolonien teilten nur das Schicksal

der französischen.

Es mag sein, daß bei der geringen Bevölkerung der französischen

Kolonien in Nordamerika gegenüber den englischen die Seemacht dort

nichts am Ausgang des Kampfes geändert haben würde; bei der Lage der

beiden Völker in Indien hing aber alles von der Beherrschung der See

ab.

Ebenso ist es nicht sicher, ob Frankreich ohne den Landkrieg England

hätte erfolgreich gegenübertreten können. Die Marine war vor 1755 noch

nicht genügend vorbereitet, obgleich ein tüchtiger Marineminister für

sie gearbeitet hatte. Die etwaigen Bundesgenossen waren gleichfalls

schwach; Hollands Marine war unbedeutend, die spanische besaß zwar

eine stattliche Zahl von Linienschiffen, nach den früheren Leistungen

darf man aber zweifeln, ob ihr Wert der Zahl entsprach.

=England= nutzte wohl anfangs seine überlegene Seemacht nicht mit der

nötigen Tatkraft und Umsicht aus, aber bald nach Pitts Amtsantritt im

November 1756 trat hierin eine Änderung ein; dieser erkannte, wo Englands

wahre Vorteile lagen. Auf dem Festlande führte er den Kampf gegen

Frankreich fast nur mit Geld, die Hauptkraft verwandte er auf den

Seekrieg. England beherrschte bald alle Gewässer, schnitt den Gegner von

den Kolonien ab und vernichtete dessen Handel; der eigene wuchs

infolgedessen. So wurde Frankreich die finanzielle Kraft zur Kriegführung

genommen, während England die Kosten leichter tragen konnte.

=Ein Ausblick auf den Verlauf des Seekrieges= veranschaulicht

Vorstehendes. Als 1755 in Nordamerika zwischen den Kolonien der offene

Krieg ausgebrochen war, von den Mutterländern unterstützt, rüsteten beide

Gegner, wenn auch die Unterhandlungen noch fortliefen; England ließ

bereits im Sommer an den Küsten Frankreichs Kriegs- und Handelsschiffe

abfangen. Es geschah vielleicht, um den Gegner noch zum Nachgeben zu

bewegen, aber vor allem, um ihn in seinen Rüstungen zu stören; wurden

doch 500 Schiffe mit 6000 Seeleuten, also den Besatzungen von acht bis

zehn Linienschiffen entsprechend, genommen. Dagegen gelang es den

Franzosen 1756, durch Vorbereitung eines Einfalls in England die

Aufmerksamkeit des Gegners vom Mittelmeer abzulenken und dessen Schwäche

dort zur Eroberung von Port Mahon zu benutzen; der Versuch Englands, die

belagerte Stadt zu entsetzen, wurde durch die Schlacht von Minorka

vereitelt. Jetzt erst erklärte England den Krieg, entfaltete aber bald

seine Seemacht in durchgreifender Weise.

=Der Plan für das Vorgehen der englischen Flotte= gipfelte in folgenden

Maßnahmen:

1. Unterstützung des Kolonialkrieges in Nordamerika;

2. die französischen Häfen am Atlantik, besonders Brest, wurden mit

überlegenen Kräften blockiert, so daß sich auslaufende Flotten oder

Geschwader schlagen mußten.

Eine vollständige Blockade von Brest wurde in diesem Kriege zum ersten

Male planmäßig betrieben. Die Lage dieses Hafens erleichterte eine

solche. Wenn die Blockierenden durch schwere Westwinde zu ihrer

Unterbrechung gezwungen wurden, konnten auch die Blockierten nicht

auslaufen; die Engländer gingen dann nach einem ihrer Kanalhäfen, waren

aber sicher, mit östlichen Winden ihre Station wieder zu erreichen, ehe

eine große und mangelhaft gehandhabte Flotte wesentlichen Vorsprung

gewinnen konnte. Außer ihrem eigentlichen Zweck hatte nämlich eine

strenge Blockade noch eine wichtige Folge: Die französische Marine

wurde dauernd außerstand gesetzt, die Handhabung ihrer Schiffe und

Schiffsverbände zu üben; in diesen wie in den Kriegen zu Ende des

Jahrhunderts -- dargestellt in unserem fünften Abschnitt --, in denen

die Blockaden jahraus, jahrein meisterhaft durchgeführt wurden, waren

daher die Franzosen, selbst bei gleicher Stärke, beim Zusammentreffen

den Engländern nicht gewachsen, während diese gerade durch den

schwierigen Blockadedienst zu vorzüglichen Seeleuten herangebildet

wurden.

3. Fliegende Geschwader unternahmen Angriffe auf Frankreichs Küsten,

bisweilen mit kleineren Landungen verbunden. Diese Vorstöße, deren Ziel

der Gegner nicht voraussehen konnte, sollten ihn zwingen, an vielen

Stellen Truppen bereit zu halten und damit dem Kriege in Deutschland zu

entziehen.

4. In der Nähe von Gibraltar wurde eine Flotte gehalten, um die

Seestreitkräfte von Toulon zu hindern, sich mit der Atlantikflotte zu

vereinigen oder die auswärtigen Stationen zu verstärken. Dieser Teil der

englischen Streitmacht war zwar selbständig, hatte aber etwaigen

Anforderungen der Atlantikflotte Folge zu leisten.

Auf die Wiedereroberung des Hafens von Port Mahon, ja selbst auf eine

Unterbindung des Verkehrs mit ihm, scheint man keinen Wert gelegt zu

haben. Der Besitz der Seeherrschaft im Mittelmeer spielte nicht die

Rolle wie in den früheren Kriegen, die Hauptinteressen lagen anderswo.

5. Es wurden Züge gegen die französischen Besitzungen in Westindien sowie

Afrika unternommen und in Ostindien ein ständiges Geschwader unterhalten,

um die Herrschaft in jenen Meeren zu sichern, den Franzosen die

rückwärtigen Verbindungen abzuschneiden und ihren Handel zu vernichten.

Diese niemals ausgesetzte Tätigkeit nahm größeren Umfang an, als die

französische Marine (1759) lahmgelegt war und als durch Spaniens Eintritt

in den Krieg (1761) die Aussicht auf wertvolle Eroberungen sowie Beute

größer wurde.

=Frankreich= versuchte in den ersten Jahren noch, seine auswärtigen

Stationen zu verstärken, sowie die Kolonien zu unterstützen, und kleinere

Geschwader schlüpften auch des öfteren, namentlich während der

Wintermonate, durch die Blockade. Dem aber machte Englands Übermacht nach

und nach ein Ende; selten nur noch gelang es, Kriegsschiffe oder Konvois

nach den Kolonien abzusenden. In den europäischen Gewässern hatte man

sich nach dem Vorstoß gegen Port Mahon auf den Kleinen Krieg mittels

einzelner Kriegsschiffe und Kaper beschränkt. Erst als zu Ende des Jahres

1758 der feurige =Choiseul= ans Ruder gekommen war, raffte man sich auf.

Herabgestimmt durch die Mißerfolge des Jahres im Landkriege, gereizt

durch die englischen Küstenangriffe, faßte man den Entschluß, alle Kraft

auf ein Ziel zu setzen und in Großbritannien zu landen; ein Plan, mit dem

man sich vom Beginn des Krieges an getragen hatte. Gleichzeitig sollten

Truppen nach Irland, England sowie Schottland geworfen und zu diesem

Zwecke die gesamte Streitmacht zusammengezogen werden. Aber die

Toulonflotte wurde auf dem Wege nach Brest von der englischen

Gibraltarflotte vernichtend geschlagen (bei Lagos, August 1759). Trotzdem

gab Choiseul den Plan nicht auf. Die Brestflotte lief aus, als die

Blockade durch stürmisches Wetter unterbrochen war, aber auch sie wurde

von dem rechtzeitig zurückkehrenden Gegner gestellt und aufgerieben.

(Schlacht in der Quiberonbucht, November 1759.)

=England= errang inzwischen große Erfolge, da durch das Sammeln der

französischen Seestreitkräfte die anderen Kriegsschauplätze für das Jahr

1759 ganz ohne Unterstützung geblieben waren. Schon 1758 war die wichtige

Festung Louisbourg in Nordamerika gefallen; 1759 eroberte England auch

Quebec, in Westindien Guadeloupe, in Afrika Gorée und in Indien räumte

das französische Geschwader, nach mehreren nicht unbedingt verlorenen

Gefechten, das Feld, worauf bis Januar 1761 (Übergabe von Pondicherry)

ganz Französisch-Indien verloren ging. Die Streitkräfte Frankreichs

draußen mußten sich eben aufzehren. Die beiden großen Niederlagen 1759

nahmen nun der französischen Marine jegliche Kraft, während England

infolge der geringen Beanspruchung daheim in den fernen Gewässern noch

tatkräftiger auftreten konnte. Spaniens Hilfe für Frankreich kam zu spät,

und auch das sonst erfolgreiche Streben Choiseuls, der 1761 das

Marineministerium mit übernahm, die Marine zu heben, konnte für diesen

Krieg keine Früchte mehr tragen. Nicht imstande, zur See etwas zu

unternehmen, griffen die Verbündeten (1762) Portugal zu Land an, wurden

jedoch mit Englands Unterstützung zurückgeschlagen. England dagegen nahm

im Jahre 1762 Frankreich noch Martinique, die Perle der Antillen und ein

wichtiger Stützpunkt für Freibeuterei, den Spaniern Havanna und die

Philippinen ab. Frankreich hatte alle Kolonien bis auf seinen Anteil an

Haiti verloren.

Der Kleine Krieg gegen den Handel in allen Meeren spielte auch im

Siebenjährigen Kriege eine bemerkenswerte Rolle; er zeigte fast dieselbe

Eigenart wie in den früheren englisch-französischen Kämpfen. Obgleich er

wiederum von Frankreich mit großer Kühnheit und Ausdauer geführt wurde,

um so tatkräftiger, je mehr die Marine zurückging, brachte er schließlich

doch wie im österreichischen Erbfolgekriege den Niedergang des

französischen Handels bis zur Vernichtung, dagegen ein Aufblühen der

englischen Schiffahrt und Industrie. Damit wurde für Frankreich eine

wichtige Hilfsquelle verstopft, die für England desto reichlicher floß.

Der Friede zu Paris. 10. Februar 1763.

Die Eroberung der Philippinen[70] war das letzte Ereignis dieses Krieges.

Neun Monate hatten genügt, um =Spanien= niederzuwerfen; es bat um

Frieden, und Frankreichs letzte Hoffnung war damit zertrümmert.

=Choiseul= hatte schon 1761 Friedensvorschläge gemacht; es war ihm aber

wahrscheinlich kaum Ernst damit und er wollte wohl nur England über seine

Verhandlungen mit Spanien täuschen. =Pitt= durchschaute jedoch diese

Absicht und war auch nicht gewillt, auf das Verlangen Frankreichs

einzugehen, Preußen ganz fallen zu lassen; er rechnete im Gegenteil

weiter damit, durch die Fortsetzung des Land- und Seekrieges Frankreich

als See- und Kolonialmacht völlig zu vernichten. 1762 waren nun beide

Gegner des Krieges müde, Frankreich war erschöpft und die englische

Regierung glaubte, gegen Pitts und seiner Anhänger Ansicht, mit der

augenblicklichen Vernichtung der feindlichen Flotten und Wegnahme der

Kolonien genügend erreicht zu haben. Die Friedensverhandlungen gingen

nach Pitts Rücktritt sogar von der schwachen englischen Regierung aus und

wurden trotz der glänzenden Erfolge mit unwürdiger Hast zu Ende geführt.

=Georg= III. und der nunmehrige Leiter der Politik, =Lord Bute=,

wünschten den Frieden aus anderen Gründen: Mangel an politischer

Einsicht, Abneigung gegen Friedrich II., Verlangen nach Frieden von

außen, um sich gegen Widersacher der Regierung im Lande wenden zu können.

Sie schlossen schon am 3. November 1762 einen =Präliminarfrieden zu

Fontainebleau= mit Frankreich und Spanien unter weit bescheideneren

Bedingungen[71] ab, als die Gegner erwarteten und England nötig gehabt

hätte; der Vertrag wurde am 10. Februar 1763 zu Paris bestätigt.

[70] Clowes, Band III, Seite 238, setzt diese Eroberung (mit sonst

gleichen Monats- und Tagesangaben) wohl irrtümlich auf 1761 und

beschreibt sie unter den Ereignissen dieses Jahres im Gegensatz zu

allen anderen Geschichtsbüchern.

[71] Die Bedingungen, soweit sie die Kolonien betrafen (und dies war

die Hauptsache), sehr genau in Zimmermann, Band II, sowie Band IV.

$Die Friedensbedingungen.$ =Frankreich= gab alle Ansprüche auf Kanada,

Neuschottland und Neubraunschweig -- mit Kap Breton sowie den anderen

Inseln im St. Lorenzstrom -- auf; es trat das Ohiotal und das ganze

Gebiet östlich vom Mississippi an England ab. Es gab auch Minorka zurück,

und da es die Insel Spanien versprochen hatte, entschädigte es diesen

Staat durch die Gebiete Louisianas, westlich vom Mississippi,

einschließlich der Stadt New Orleans. Es war aus Nordamerika vertrieben.

-- In Westindien erhielt Frankreich sämtliche Inseln bis auf Grenada

zurück. Die neutralen Inseln wurden geteilt: St. Lucia fiel an

Frankreich, St. Vincent, Tabago, Dominica an England. -- In Ostindien

bekam Frankreich Pondicherry nebst den Besitzungen an der Koromandelküste

wieder, die es 1749 besessen hatte, es mußte aber auf die seitdem hier

sowie in Orissa gemachten Erwerbungen und auf das Recht verzichten, in

Bengalen Befestigungen anzulegen und Truppen zu halten. Es konnte in

Indien wohl in beschränktem Maße Handel treiben, aber sein politischer

Einfluß -- der Traum eines großen Reiches hier -- war zu Ende. -- In

Afrika wurden die Niederlassungen im Senegal (mit Ausnahme von Gorée) an

England abgetreten. -- Das Recht, an den Küsten Neufundlands, sowie in

einigen Teilen des Lorenzgolfes zu fischen, ward Frankreich zugestanden

und ihm zu diesem Zweck die kleinen Inseln St. Pierre und Miquelon als

Fischerstationen belassen. -- Dünkirchen, der gefährliche Stützpunkt der

Freibeuterei, mußte, wie nach dem Aachener Frieden, wieder entfestigt

werden.

=Spanien= bekam Havanna sowie die Philippinen zurück, trat aber Florida

an England ab und erhielt die französischen Teile von Louisiana. Von dem

beanspruchten Rechte der Fischerei bei Neufundland wurde es

ausgeschlossen. Es gestand zu, daß England in Honduras Holz holen dürfe,

und erklärte sich mit der Aburteilung der Prisenfälle in England

einverstanden.

=England= kam mithin durch den Frieden in den Besitz eines

nordamerikanischen Reiches, das Kanada sowie die sämtlichen jetzigen

Vereinigten Staaten östlich des Mississippi umfaßte. Es gewann einige

westindische Inseln und Senegal. In Ostindien wurden der englischen

Kompagnie alle Eroberungen stillschweigend zugestanden; England war hier

unbedingt die Vormacht geworden. Fast noch wichtiger als diese

Gebietserweiterungen waren das Übergewicht zur See und das Ansehen, das

England durch den Krieg erlangt hatte. Aber England hätte weit

bedeutendere Forderungen durchsetzen können: solche, wie sie Pitt und

seine Anhänger wünschten, um Frankreich aus der Reihe der Kolonialmächte

zu streichen. Diese versuchten denn auch, die übereilten

Friedensvorschläge rückgängig zu machen, das Parlament war jedoch

größtenteils in der Hand der Regierung und bestätigte sie[72].

[72] Der Einfluß des Pariser Friedens auf die Beendigung des

Siebenjährigen Krieges ist bereits Seite 123 geschildert.

$Captain Mahan äußert sich hierzu$ (Band I, Seite 309; hier gekürzt

wiedergegeben): =Pitt sagte=: Frankreich ist uns hauptsächlich als See-

und Kolonialmacht gefährlich. Was wir in dieser Hinsicht gewinnen, ist

uns durch den Schaden wertvoll, den Frankreich davon bat. =Jetzt läßt

man ihm die Möglichkeit, seine Marine wieder ins Leben zu rufen.= Die

Zurückgabe der Kolonien in West- und Ostindien sowie des Rechtes der

Fischerei in Nordamerika gaben Frankreich die Möglichkeit und den

Antrieb, Schiffahrt, Handel und Marine wieder herzustellen, und waren

geeignet, es von dem Pfade des Ehrgeizes auf dem Festlande, der so

günstig für das Wachsen der Macht Englands auf den Ozeanen gewesen war,

abzulenken. Die Opposition in England war auch der Ansicht, daß das

noch öde Florida ein schlechter Ersatz für das wichtige Havanna sei;

Portoriko war als solcher vorgeschlagen, Florida wurde angenommen.

Das Ministerium rechtfertigte seine Nachgiebigkeit mit dem ungeheuren

Wachsen der Staatsschuld durch den Krieg (von 78 Millionen Lstrl. im

Jahre 1748 auf 122); aber gerade weil dieser Wechsel auf die Zukunft

gezogen war und sich dies durch die Erfolge im Kriege bewährt hatte,

mußte man beim Friedensschluß alles nehmen, was man erhalten konnte.

Auch brauchte England in dieser Hinsicht nicht in Sorge zu sein. Der

zunehmende Handel und die wachsende Industrie, für die der große

Kolonialbesitz ihm den Absatz sicherte, während im übrigen Europa

Seehandel und Industrie daniederlagen, boten ihm genügende Garantie.

Aber das Volk hatte keine Vertretung in der Regierung; der einzige

Mann, der der Ausnutzung der günstigen Lage gewachsen war, Pitt, stand

in Ungnade bei Hofe.«

Frankreich war über die geringen Forderungen erstaunt. Man hätte hier das

reiche Martinique, Guadeloupe sowie das handelspolitisch und strategisch

wichtig gelegene St. Lucia[73] geopfert; Guadeloupe gab aber Lord Bute

sogar über den Kopf des Premierministers hin fort. Die ostindische

Kompagnie war empört, daß sie die fast nur auf ihre Kosten eroberten

Philippinen nicht behalten durfte; nicht einmal der volle Betrag der

auferlegten Kontribution wurde ihr von Spanien gezahlt. Die Entrüstung

auf Bute wuchs so rasch im Lande, daß er schon im April 1763 zurücktrat;

man sagte ihm sogar nach, er sei von Frankreich bestochen worden.

[73] St. Lucia, zu Luward von Guadeloupe und Martinique gelegen, war

vorzüglich geeignet, diese wichtigen französischen Inseln zu

überwachen, wie sich 1782 zeigen sollte.

Die Streitmittel.[74]

$Frankreich$ trat dank den Bemühungen der Minister =Maurepas= und

=Rouillé= mit einer größeren Zahl von Schiffen in den Siebenjährigen

Krieg ein als in den vorigen.

[74] Die innere Geschichte der Marinen Frankreichs und Englands ist

schon im Kapitel II (Seite 24 ff.) behandelt, dort sind auch

(Seite 33) die beiden Marinen auf ihren Wert an Material und

Personal verglichen. Wir beschränken uns hier deshalb fast ganz

auf Angaben über die Schiffsbestände und Schiffsverluste in diesem

Kriege. Diese Angaben stützen sich auf Charnock, Teil III, Seite

174, 178, 183, 196, der auch die Namen der Schiffe angibt (über

Spanien ebenfalls). Die Verluste der drei Marinen vgl. auch Clowes

III, Seite 310 ff. (gleichfalls mit Namen).

=Der Schiffsbestand= betrug 1756: 6 Schiffe zu 84 Kanonen, 29 zu 74, 3 zu

70, 29 zu 64, 5 zu 60, mithin 72 Linienschiffe; ferner 10 Schiffe zu 50

sowie 6 zu 36-46 Kanonen, gewöhnlich Fregatten genannt, und an richtigen

Fregatten 17 zu 32 sowie 24 zu 22-26 Kanonen, endlich 12 Korvetten zu

10-16 Kanonen und etwa 100 kleinere Fahrzeuge. Fast alle diese Schiffe,

besonders aber die Linienschiffe, waren seit 1748 neu erbaut.

Zu den Linienschiffen zählen von dieser Zeit an nur solche, die über 50

Kanonen führen, doch stellte Frankreich noch manchmal 50-Kanonenschiffe

in die Linie ein (England nur sehr selten). Frankreich scheint auch in

diesem Kriege noch keine Dreidecker gehabt zu haben, dagegen die neuen,

sehr starken Zweidecker zu 84 Kanonen (vgl. Seite 12 und 14). Mehrere

Quellen geben für 1756 nur 60-70 Linienschiffe an.

Auch die Zahl der =Seeoffiziere= war von 660 um 1740 wieder auf 900

gewachsen, aber wie bei Beginn des vorigen Krieges fehlte ihnen die

Übung, und bei den Mannschaften war dies noch mehr der Fall. Die

traurigen Verhältnisse unter den späteren Ministern machten eine Stärkung

der Marine während des Krieges unmöglich; der Aufschwung unter =Choiseul=

(1761) kam zu spät. Im Siebenjährigen Kriege erhielt die königliche

Marine noch Unterstützung durch die Ostindische Kompagnie, deren Schiffe

und Offiziere jedoch nicht vollwertig waren (vgl. Seite 57).

Seekriege und Seekriegswesen, Zweiter Band in ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung. Mit besonderer Berücksichtigung der grossen Seekriege des XVII. and XVIII. Jahrhunderts. · 第 18 / 63 段