Vier der schwersten Schiffe Ogles ankerten vor den Werken und brachten

diese bald zum Schweigen; Landungsabteilungen besetzten sie. Der

Verlust der Engländer war sehr gering; nur ein Schiff, dem das Ankertau

durchschossen war und das nicht schnell genug einen zweiten Anker

fallen ließ, trieb vor die Einfahrt und litt beträchtlich durch das

Feuer der dortigen Befestigungen. Im Laufe des 9. und 10. März landete

General =Wentworth= mit dem größten Teil der Soldaten, Geschützen und

Belagerungsmaterial auf der Insel Tierra Bomba, dann wurde ein Lager

aufgeschlagen und zwei Batterien -- eine Mörser- und eine Batterie

24-Pfünder Schiffsgeschütze -- gegen S. Luis gebaut. Schon am 9. abends

begannen die Mörserboote das Fort zu beschießen, am 13. griff auch die

Mörserbatterie ein. Jetzt aber traten die ersten Mißhelligkeiten

zwischen den beiden Führern auf; Vernon beklagte sich über zu langsames

Fortschreiten der Unternehmung am Lande, der General über mangelhafte

Unterstützung durch die Flotte. Am Lande brachen bald nach der

Ausschiffung infolge ungünstiger Bodenverhältnisse und schlechter

Verpflegung Krankheiten aus, wodurch die Tätigkeit der Gelandeten

gelähmt wurde. Die Flotte war reichlich mit Wasser und frischem Fleisch

versehen, auch versorgte sie sich mit Schildkröten, vernachlässigte

aber die Truppen. =Vernon= ließ am 19. durch eine Landungsabteilung die

Batterie Baradera im Rücken angreifen und erstürmen, weil sie das Lager

unter Feuer nehmen konnte, die Kanonenbatterie gegen S. Luis wurde aber

trotzdem und obgleich der Admiral 500 Seeleute zur Mitarbeit stellte,

erst am 21. fertig. Vernons Ungeduld war berechtigt, denn die

stürmische Jahreszeit rückte heran, der Ankerplatz war völlig

ungeschützt, der Grund felsig, so daß die Ankertaue häufig

durchgescheuert wurden; auch war die Nachricht eingelaufen, =de Torres=

beabsichtige mit dem Havannageschwader, verstärkt durch das

französische (Comte de Roquefeuil), zum Entsatz heranzukommen. Er ließ

daher, nachdem die Landbatterien am 21. und 22. einen heftigen Kampf

mit S. Luis geführt hatten, am 23. sechs Linienschiffe -- mehr konnten

nicht zur Verwendung kommen -- das Feuer gegen S. Luis, S. José und

gegen die Schiffe hinter der Sperre aufnehmen. Drei von diesen litten

schwer und auch die übrigen wurden am 24. zurückgezogen.

Aber am Lande war Bresche gelegt und S. Luis wurde am 25. leicht

gestürmt. Vernon hatte zur Ablenkung des Feindes eine Abteilung bei

Baradera landen lassen; als ihr Führer sah, daß die Spanier nach dem

Fall des Forts den Eindruck von Ratlosigkeit machten und sich

anschickten, die Schiffe hinter der Sperre zu versenken oder zu

verbrennen, ging er auf eigene Faust mit den Booten weiter, stürmte

ohne Schwierigkeit S. José, sprengte die Sperre und nahm eins der

Schiffe; den Spaniern gelang es, die andern zu vernichten. Vom 26. bis

30. März lief dann die ganze englische Flotte in den sichern äußern

Hafen ein. Der Feind versenkte seine beiden letzten Linienschiffe im

Eingang zum inneren Hafen, sprengte Fort Mancinilla auf und räumte auch

Castillo Grande, das am 31. von den Engländern besetzt wurde.

So lagen zwischen dem Angreifer und der Stadt nur noch die versenkten

Schiffe und das Fort S. Lazare; völliger Erfolg schien gesichert, wenn

man sofort kräftig weiter nachstieß. Aber es kam anders. Die gelandeten

Truppen hatten durch Krankheit sehr gelitten; schon am 25. März zählte

man 500 Tote und 1500 Kranke. =Wentworth= stand von jetzt an, gereizt

durch die Vernachlässigung und durch das abstoßende und herrische Wesen

Vernons, dem Admiral mürrisch und ablehnend gegenüber; dieser aber ließ

im weiteren Verlauf der Unternehmung gleichfalls seinen bisherigen, oft

wagehalsigen Schneid vermissen.

So mangelte überall die Tatkraft und die Zeit ging verloren. Am 1. und

2. April eröffneten zwar die Mörserboote vom inneren Hafen aus sowie

die Geschütze des Castillo Grande das Feuer auf die Stadt, und am 3.

gingen auch größere Schiffe durch die Enge, um eine Landung decken zu

können, aber erst am 5. und 6. wurde diese durch 5000 Mann der von

Tierra Bomba wieder eingeschifften Truppen ausgeführt, wahrscheinlich

innerhalb des Forts Mancinilla. Die Gelandeten lagerten auf einer Ebene

etwa eine Seemeile von S. Lazare entfernt. Die Landoffiziere hielten

den Bau einer Batterie für notwendig, und der General bat, die

Beschießung auch mit den Mörserbooten und einem Linienschiffe

aufzunehmen. Der Admiral erklärte, bei der geringen Wassertiefe sei es

nicht möglich, Schiffe nahe genug zur wirksamen Beschießung

heranzubringen (was nach den jetzigen Karten nicht zutrifft), man könne

das schwache Werk überhaupt mit Sturm nehmen.

Es scheint, als ob Vernon der Ansicht war, die Truppen müßten jetzt

alles tun, während die Landoffiziere wohl mit Recht auf einen raschen

Erfolg nur bei Unterstützung durch die Flotte rechneten. Man verlor

drei Tage, in denen die Krankheiten unter den Soldaten, die ohne Zelte

und Gepäck sowie wiederum auf ungesundem Boden und fast ohne Wasser

lagerten, reißend zunahmen, während die Spanier Zeit gewannen, sich von

ihrer Bestürzung zu erholen und ihre Verteidigungsmittel zu verstärken;

an die Ausnutzung des Hügels, der das Fort überhöhte, scheint man

englischerseits nicht gedacht zu haben. Gereizt durch höhnische

Vorwürfe des Admirals, ließ =Wentworth= endlich, gegen die Ansicht der

meisten seiner Offiziere, am 9. April vor Tagesanbruch stürmen. Der

Angriff wurde trotz großer Tapferkeit mit einem Verluste von 179 Toten,

459 Verwundeten und 16 Gefangenen zurückgeschlagen; es war ein

ungeeigneter Punkt zum Angriff gewählt, die Offiziere waren ungenügend

instruiert, die Sturmleitern erwiesen sich als zu kurz.

Nach diesem Mißerfolg ging alle Tatkraft verloren. Erneuten Bitten der

Landoffiziere um Unterstützung durch die Schiffe gegenüber verhielt

sich =Vernon= taub und stumm. In einem stürmisch verlaufenden

Kriegsrat beider Waffen am 14. April wurde dann die sofortige

Einschiffung der Truppen beschlossen, von denen nur noch 3500 Mann

dienstfähig waren; sie erfolgte am 15. und 16. Am 16. ließ Vernon noch

durch das spanische Schiff, das in der Boca chica genommen und zu einer

schwimmenden Batterie hergerichtet war, die Stadt beschießen; es wurde

jedoch derartig beschädigt, daß es beim Zurückgehen sank. Vielleicht

sah sich der Admiral hierzu veranlaßt, um dem General die Unmöglichkeit

eines wirksamen Eingreifens mit den Schiffen zu beweisen. Nach der

Desarmierung und Zerstörung der genommenen Werke wurden die Truppen

eingeschifft und die Flotte segelte ab.

Nur sechs spanische Linienschiffe und einige Werke hatte man zerstört,

während bei richtiger Verwendung der vereinten starken Streitkräfte

Cartagena hätte genommen werden müssen -- nach dem übereinstimmenden

Urteil der besten englischen Quellen; diese heben ferner hervor, es sei

nicht zu verstehen -- und auch scheinbar jetzt nicht mehr aufzuklären --,

weshalb man zunächst die Landung nur gegen einen Teil der Befestigung

gerichtet habe und dann nach den Erfolgen nicht tatkräftiger vorgegangen

sei, und weshalb die Flotte nicht größere Anstrengungen gemacht habe.

Vielleicht ist Vernon durch die Anwesenheit des spanischen und

französischen Geschwaders in Westindien bestimmt worden, seine Schiffe

nicht zu sehr einzusetzen.

Am 19. Mai 1741 traf die Flotte wieder in Jamaika ein. Hier wurden 11

Linienschiffe, darunter 7 zu 80 Kanonen, mit einem großen Konvoi von

Kauffahrern nach England zurückgesandt. =Vernon= behielt mithin 18

Linienschiffe, und =Wentworth= hatte an Truppen nur noch 3000 Mann nebst

1000 in Jamaika ausgehobenen Negern. Trotzdem wurde der Beschluß zu einem

$Angriff auf Santiago de Cuba$ gefaßt. Der Gouverneur von Jamaika hatte

eine Expedition über den Isthmus von Panama vorgeschlagen, die englische

Regierung hätte den Angriff auf Havanna am liebsten gesehen, jedoch

sowohl die Seeoffiziere wie auch Wentworth hielten Santiago für den

geeignetsten Angriffspunkt, wohl weil dessen Landbefestigungen nur

schwach waren.

Absicht der Regierung war es sicher, Kuba zu erobern und festzuhalten.

Man hatte schon Kolonisten Nordamerikas zur Übersiedlung dorthin

aufgefordert, und auch der Umstand spricht dafür, daß Vernon der Bucht,

in der er landete, ihren alten Namen »Cumberland harbour« wiedergab. Um

so auffallender ist es, daß die Führer ihren Stoß nicht auf Havanna

richteten; diese Stadt war damals noch mehr als jetzt das Herz der

Insel, Santiagos kommerzielle und strategische Bedeutung dagegen noch

gering. Bei dem nur verfügbaren schwachen Landungskorps scheint man

Havanna, wo auch 12 spanische Schiffe lagen, für zu stark gehalten zu

haben; man wollte wohl zunächst nur auf Kuba festen Fuß fassen und

Truppenverstärkungen abwarten, deren Ankunft in Aussicht stand.

=Admiral Vernon= ließ 6 Linienschiffe zum Schutz Jamaikas zurück; mit 11

sowie 12 kleineren Fahrzeugen und 40 Transportern, die 3400 Soldaten

führten, segelte er am 30. Juni nach Kuba; 3 noch mit Ausbesserungen

beschäftigte Linienschiffe sollten nachkommen. Am 13. Juli ankerte die

Flotte in der geräumigen und sicheren Bucht von Guantanamo, etwa 40

Seemeilen östlich von Santiago; von hier aus sollte zu Lande gegen diese

Stadt vorgegangen werden, da ein Angriff von See aussichtslos erschien.

=Die Einfahrt von Santiago de Cuba= war eng, befestigt und durch eine

Floßsperre geschlossen. Vor allem aber traten an einzelnen Stellen

häufig Wirbelwinde auf, so daß man wahrscheinlich genötigt gewesen

wäre, ein Schiff nach dem andern unter dem Feuer der (allerdings nicht

sehr starken) Befestigungen durch die Einfahrt hindurchzuwarpen.

Dann wurden 6 Linienschiffe in eine Verteidigungsstellung am Eingang der

Bucht zum Schutz der Transporter gelegt, 5 abgezweigt, um Santiago zu

blockieren, und einige kleine Fahrzeuge zur Beobachtung des spanischen

Havanna-Geschwaders entsandt. Man hat diesen 12 spanischen Schiffen

gegenüber das ganze Unternehmen, insbesondere die Teilung der englischen

Streitkräfte, als gewagt bezeichnet, jedoch war die Gefahr, der sich

=Vernon= aussetzte, nicht bedeutend. Beabsichtigte =de Torres= während

der Abwesenheit Vernons Jamaika anzugreifen, so konnte dieser leicht

dorthin zurückkehren, weil Santiago über dem Winde von Jamaika liegt. Kam

die spanische Flotte heran, um der Kubaexpedition entgegenzutreten, so

waren bei gleicher numerischer Stärke die Engländer wohl sicher den

Spaniern überlegen; überrascht konnten sie nicht werden, weil die Gegner

gegen den Wind aufkreuzen mußten und die englischen Schiffe hier auch

nicht, wie z. B. im Hafen vor Cartagena, unbedingt an die Belagerung

gefesselt waren. Eine Vereinigung der Spanier mit den Franzosen von Haiti

her konnte gleichfalls verhindert werden.

Der Angriff auf Santiago hatte aber noch weniger Erfolg als der auf

Cartagena. Die Landung ging zwar ohne jede Störung vor sich, auch zeigten

sich keine nennenswerten spanischen Truppen zwischen dem Landungsplatze

und der Stadt, aber dennoch drang man kaum halbwegs bis zu dieser vor.

Obgleich der Admiral Unterstützung durch die Flotte zusagte, erklärte es

der General in Übereinstimmung mit seinen Offizieren für unmöglich,

weiter vorzugehen: das Gelände sei zu dicht bewaldet; die Wege seien für

den Transport der Geschütze zu schlecht; die Leute litten zu sehr unter

Krankheiten. =Vernon= erkundete nochmals persönlich Santiago; er sah aber

die Unmöglichkeit ein, allein von See her etwas zu erreichen, und fand

auch keine geeignete Landungsstelle in der Nähe der Stadt. So mußte er

auch seinerseits das Unternehmen aufgeben. Ende November wurden die

Truppen wieder eingeschifft und die Flotte segelte nach Jamaika zurück;

an Krankheiten hatte die Expedition mehr Leute verloren, als

wahrscheinlich ein rasches, tatkräftiges und darum erfolgreiches Vorgehen

gekostet haben würde.

Inwieweit bei diesem Mißerfolge das schlechte Verhältnis zwischen den

beiden Führern von Einfluß gewesen ist, läßt sich nicht ersehen.

=Vernon= hatte schon nach Cartagena um seine Ablösung gebeten und

wiederholte die Bitte jetzt unter lebhafter Beschuldigung =Wentworths=,

der »wechselnder als der Mond sei«. Trotzdem ließ man beide im

Kommando, tadelte sie nur in milder Weise und ermahnte sie zu besserem

Einvernehmen.

$Angriffe der Engländer 1742 und 1743.$ Auch in den beiden nächsten

Jahren wurden noch einige ebenso erfolglose Angriffe auf Küstenstädte

angesetzt; wir können uns darüber kurz fassen, weil sie kaum

erwähnenswert sind[46]. Im Januar 1742 gebot =Wentworth= durch Nachschub

aus England wieder über etwa 3000 Mann; man plante jetzt eine Landung bei

=Puerto Belo=, um von dort nach =Panama= vorzudringen. Die Uneinigkeit

zwischen dem General und =Vernon= verzögerte die Ausführung, erst am 28.

März traf die Expedition in Puerto Belo ein; die Stadt wurde zwar leicht

besetzt, dann aber gab man das Unternehmen auf, weil die Landoffiziere es

für unausführbar erklärten. Auch ein ehemaliger Filibustierführer, der

als gut unterrichtet in den Verhältnissen mitgenommen war und der einige

Hundert Mosquito-Indianer (vom jetzigen Britisch-Honduras, den Engländern

wohlgesinnt) anwerben sollte, riet nach näherer Erkundung ab.

[46] Eingehendere Schilderungen vgl. Clowes, Band III, Seite 78 und 85;

Colomb, Seite 346 und 351.

Nach diesem Fehlschlage wurden endlich =Vernon= und =Wentworth

abberufen=, Vernon mit einem Teil der Truppen. Den Befehl auf der Station

übernahm =Admiral Ogle=, dem auch die zurückgebliebenen Soldaten

unterstellt wurden. Die einzigen Erfolge dieses Jahres waren die

Inbesitznahme und Besiedlung der Insel =Roatan= in der Honduras-Bucht und

die Abwehr eines Landungsversuchs der Spanier von Florida aus in

=Georgia=. Im Februar 1743 sandte Ogle den Kapitän =Knowles=, der sich

unter Vernon ausgezeichnet hatte und von diesem öfters mit wichtigen

Aufträgen betraut war, mit 5 größeren Schiffen (50-70 Kanonen) und 5

kleineren gegen =La Guayra=. Die Vorbereitungen hatten jedoch lange

gedauert, so daß die Spanier Zeit gewannen, ihre vernachlässigten

Befestigungen zu verstärken. Der hohe Seegang unter der Küste hinderte

sowohl ein nahes Herangehen der Schiffe wie auch eine Landung. Eine

Beschießung am 18. Februar mußte abgebrochen werden; die Stadt und ihre

Verteidiger hatten zwar sehr gelitten, aber auch die angreifenden Schiffe

waren schwer beschädigt und büßten gegen 400 Tote und Verwundete ein.

Nachdem =Knowles= seine Schiffe in Curaçao ausgebessert hatte, wandte er

sich gegen =Puerto Cabello=, das jedoch noch besser auf seinen Empfang

vorbereitet war. Die Hafeneinfahrt war gesperrt und wurde durch ein

starkes Fort beherrscht, zu dessen Unterstützung man noch zwei

Behelfsbatterien erbaut hatte. Die Besatzung zählte 300 Soldaten, 1200

Seeleute von den im Hafen liegenden Schiffen sowie zahlreiche Neger und

Indianer, insgesamt gegen 5500 Mann. Knowles erachtete die

Behelfsbatterien für ungünstig angelegt und leicht zu nehmen, aber für

geeignet zur Verwendung gegen das Fort; er beschloß, sie zunächst zu

erobern. Sie wurden am 16. April beschossen, nachts landeten dann 400

Matrosen, 400 Seesoldaten und 400 Landsoldaten. Die eine Batterie wurde

leicht gestürmt, als sie aber von den anderen Befestigungen Feuer

erhielten, trat Verwirrung unter den Gelandeten ein. Die Abteilungen

beschossen sich gegenseitig und gingen dann in wilder Flucht zu ihren

Booten zurück. Bei einer Beschießung am 24. verbrauchte man fast die

gesamte Munition, ohne die Befestigungen niederzukämpfen. Ende des

Monats segelte die Expedition nach Jamaika zurück. -- Dies war das letzte

derartige Unternehmen.

Von 1744 an, als Frankreich offen in den Krieg eintrat, verlor Westindien

seine Bedeutung als größerer Kriegsschauplatz. Die Seestreitkräfte der

Gegner hielten sich hier bis 1747 ungefähr die Wage und erst 1748

gewannen die Engländer das Übergewicht. (Vgl. »Der Krieg in den Kolonien.

Westindien«.)

[Illustration: George Lord Anson.]

$Der Kleine Krieg in Westindien.$ Infolge des Zusammenhaltens der

englischen Seestreitkräfte zu den fruchtlosen Angriffen auf spanische

Städte litt der englische Handel in den westindischen Gewässern sehr.

Zwar brachten auch englische Kreuzer und Kaper manche spanischen

Kauffahrer auf, aber bei dem umfangreicheren englischen Handel und der

weit größeren Zahl der spanischen Freibeuter fiel die Bilanz im Kleinen

Kriege doch zum Nachteil Englands aus.

$Ansons[47] Zug 1740-1743$, berühmt wegen der Ausdauer seines Führers

unter den schwierigsten Verhältnissen. 1739 wurde beschlossen, die

spanischen Kolonien auch vom Stillen Ozean her anzugreifen. =Kapitän

Anson= sollte diese Expedition führen, doch lief sie, wohl infolge der

rückständigen Verwaltung der Marine, erst am 18. September 1740 aus.

Sie bestand aus dem Flaggschiff zu 60 (»Centurion«), 2 Schiffen zu 50,

1 zu 40, 1 zu 28 Kanonen und einer Sloop; die Schiffe zu bemannen war

so schwierig gewesen, daß auf 500 ältere Halbinvaliden zurückgegriffen

werden mußte, die aber sämtlich auf der Reise starben. Das Geschwader

hatte eine Reihe der schwersten Stürme abzuwettern, als es Kap Hoorn in

der schlechtesten Jahreszeit umsegelte; es wurde zerstreut, das eine

50-Kanonenschiff und das 40-Kanonenschiff gingen nach England zurück.

Das Flaggschiff erreichte am 11. Juni 1741 die Insel Fernandez (Küste

von Chile); es hatte 130 Kranke an Bord und schon 200 Mann begraben.

Hier stieß der Rest der Schiffe in ähnlichem Zustande zu ihm, das

28-Kanonenschiff war jedoch an der chilenischen Küste gestrandet.

Nachdem die Besatzungen sich erholt hatten, begann Anson vor den

spanischen Kolonien zu kreuzen. Er machte verschiedene wertvolle Prisen

und plünderte die Stadt Payta. Im Dezember erreichte er die Insel Coiba

vor dem Golf von Panama. Seine Absicht war, den von Westindien

ausgehenden Unternehmungen die Hand zu reichen, als er aber von deren

Fehlschlagen die Nachricht erhielt, beschloß er, durch den Stillen

Ozean zu segeln, um der Galeone, die jährlich zwischen Manila und

Acapulco in Mexiko fuhr (daher oft »Acapulcoschiffe« genannt), den Weg

zu verlegen. Zunächst kreuzte er zu diesem Zwecke mit seinen zwei

Kriegsschiffen -- die Sloop war als seeuntüchtig aufgegeben -- und drei

seiner Prisen, die armiert worden waren, vor Acapulco.

[47] =Lord George Anson=, geboren 1697, machte als Leutnant die

Operationen unter Norris und Byng in der Ostsee und im Mittelmeer

mit, wurde 1723 Kapitän. 1740-1743 führte er seine Reise um die

Welt aus, siegte als Vizeadmiral am 14. Mai 1747 bei Kap

Finisterre über de la Jonquière, wofür er zum Peer erhoben wurde,

war 1751 Erster Lord der Admiralität, kommandierte im

Siebenjährigen Kriege längere Zeit die Flotte; wurde 1761 Admiral

of the Fleet, starb 6. Juni 1762. -- Eine eingehendere Schilderung

obiger Reise z. B. in Clowes, Band III, Seite 320.

Am 5. Mai 1742 setzte er den Kurs auf China, nachdem den Gefangenen die

Prisen überlassen waren. Bald mußte er auch das letzte Schiff wegen

Seeuntüchtigkeit verbrennen, und auf dem Flaggschiff brach der Skorbut

aus, der viele Opfer forderte. Nach einer Erholungszeit auf den

Ladronen erreichte =Anson= Macao, wo er überwinterte. Im Frühjahr 1743

nahm er dann das Kreuzen gegen die Galeone bei den Philippinen wieder

auf, und es gelang ihm wirklich, diese am 20. Juli zu fangen. Nach

anderthalbstündigem, hartnäckigem Kampfe wurde sie genommen und in ihr

fast 1-1/2 Millionen Dollar Wert an Münze sowie Silberbarren gefunden.

Über China heimsegelnd, traf Anson am 15. Juni 1744 in Spithead ein.

Der Zug hatte zwar keine militärischen Erfolge, rief aber Schrecken und

Bestürzung in den spanischen Kolonien hervor; die Kenntnis der

ostasiatischen Gewässer wurde durch ihn erweitert, weshalb man ihn mehr

zu den Entdeckungsreisen rechnet. Hervorzuheben ist endlich, daß eine

große Zahl der an ihm beteiligten Seeoffiziere sich später im

Siebenjährigen Kriege hervorragend auszeichnete, wie es ihr Führer im

Österreichischen Erbfolgekriege getan.

Der Krieg in den europäischen Gewässern 1740-1744.

Den Krieg mit Spanien führte =England= zunächst sehr lau. Wenn auch nach

der langen Friedenszeit in der Marine nicht alles so stand, wie es hätte

sein sollen, so besaß es doch eine derartige Übermacht, daß es wohl weit

tatkräftiger hätte vorgehen können.

$1740. Vom Mittelmeer aus$ nahm der Kontreadmiral =Haddock= nach der

Kriegserklärung die Blockade von Cadiz auf, als er aber durch den Zustand

seiner Schiffe gezwungen war, im Frühjahr nach Port Mahon zu gehen, das

man außerdem von den spanischen Häfen am Mittelmeer bedroht glaubte,

fanden die in Cadiz liegenden spanischen Schiffe Gelegenheit zu

entschlüpfen; wie erwähnt, langten sie in Westindien teils direkt, teils

über Ferrol unter Admiral =de Torres= an. Im Juli, als man die Schwäche

der Spanier genauer erkannt hatte, wurde ein Teil der englischen

Mittelmeerflotte nach der Heimat zurückgezogen.

$Von England aus$ wurde im April ein Geschwader entsandt, um die

heimkehrende Silberflotte abzufangen. Diese (Admiral =Pizarro=, vgl.

Seite 61) war jedoch durch ein ihr entgegengesandtes Schiff gewarnt,

setzte ihren Kurs auf Kap Ouessant und lief wohlbehalten in Santander

ein, während das englische Geschwader auf dem sonst üblichen Wege

Madeira-Cadiz kreuzte. Spanien entsandte gegen dieses eine stärkere

Macht, doch kehrten die Engländer unbelästigt nach dem Kanal zurück. In

Spithead war nach und nach eine starke Flotte unter dem Admiral of the

Fleet =Sir John Norris=[48] zusammengezogen -- 21 Linienschiffe zu 60-100

Kanonen --, deren »geheime Order« aber auch jetzt noch unbekannt ist.

Einige Quellen glauben, Ferrol hätte angegriffen werden sollen, da man

die Anwesenheit der zahlreichen spanischen Schiffe dort mit einem Gerücht

in Verbindung gebracht habe, nach dem Spanien einen Einfall in Irland

zugunsten des Kronprätendenten =Jakobs= III. ins Werk setzen wollte.

Wahrscheinlicher ist es, daß die Flotte nur die Schiffahrt vor und in dem

Kanal sichern und für alle Fälle (auch gegen Angriffe von Frankreich?)

bereit gehalten werden sollte. Tatsächlich hat sie 1740 den Kanal nicht

verlassen.

[48] Uns schon bekannt als Flottenführer zu Anfang des Jahrhunderts;

vgl. Band I, Namenverzeichnis.

$1741$ lief =Norris mit der Kanalflotte= im Juli sowie im Oktober aus und

kreuzte an der Nordküste Spaniens, wobei jedoch nur einige kleinere

Prisen gemacht wurden. Im =Mittelmeer= schlugen sogar =zwei wichtige

Unternehmungen= fehl. Frankreich hatte im Juli in Toulon 12 Linienschiffe

(50-74 Kanonen) unter Lieutenant-Général =de Court= in Dienst gestellt,

um sich mit 16 spanischen Schiffen unter Admiral =Don José de Navarro= zu

vereinigen und dann 15000 Mann von Barcelona nach Norditalien zu führen

(vgl. Seite 51); die englische Flotte sollte dies hindern. Aber

=Haddocks= Kreuzer ließen die Spanier aus Cadiz entschlüpfen und

sichteten sie erst beim Cap de Gata. Als dann die Engländer herankamen

(am 19. Dezember neuen Stils), war die Vereinigung mit den Franzosen vor

Barcelona schon erfolgt. Der Kriegsrat auf der nur etwas über halb so

starken englischen Flotte glaubte sowohl von einem Angriff wie selbst von

weiterem Folgen absehen zu müssen, da man der Neutralität der Franzosen

nicht sicher war. Die französisch-spanische Flotte führte den

Truppentransport von Barcelona die französische und italienische Küste

entlang nach Genua und Toskana; sie ging dann nach Toulon, wo sie am 22.

Februar 1742 eintraf.

Das französische Geschwader war, was Schiffe und Besatzungen

anbetrifft, in mangelhaftem Zustande. Die Verfassung des spanischen muß

aber, nach französischen Angaben, ganz trostlos gewesen sein: »Die

Schiffe verfallen; die Mannschaft halb nackt und halb verhungert; viele

Kranke; Monate waren nötig, um das Geschwader in einigermaßen

brauchbaren Zustand zu setzen.«

Die englische Flotte war auch kaum imstande, den Handel wirksam zu

schützen. Da ist es nicht zu verwundern, daß die Fehlschläge im

Mittelmeer im Verein mit den Mißerfolgen der kostspieligen Unternehmungen

in Westindien, sowie der Verlust des Handels dort das englische Volk

gegen die laue Kriegführung =Walpoles= aufbrachten und dadurch dessen

Rücktritt herbeiführten. England trat jetzt offen für Österreich auf.

Seekriege und Seekriegswesen, Zweiter Band in ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung. Mit besonderer Berücksichtigung der grossen Seekriege des XVII. and XVIII. Jahrhunderts. · 第 10 / 63 段