Uniformen für die Seeoffiziere und Deckoffiziere. Bis dahin scheint zwar
eine gewisse gleichartige Tracht Mode gewesen zu sein -- in Frankreich
war eine Uniform für die Gardesmarines vorgeschrieben, in Dänemark schon
1723 auch für die Offiziere --, aber genaue Vorschriften erschienen in
England[23] erst um 1748 und 1787, in Frankreich 1763. Überall wurde Blau
mit goldenem Besatz gewählt, wie es noch jetzt üblich ist. Der Anzug der
Matrosen blieb noch weiter ungeregelt; in England konnten die Leute ihren
Anzug vom Staate kaufen, waren aber nicht dazu verpflichtet.
Wahrscheinlich hat auch bei den Matrosen eine Mode geherrscht, wie es ja
nach alten Bildern selbst in der Handelsmarine der Fall gewesen zu sein
scheint, auch wird der Einfluß der Vorgesetzten eine gewisse
Gleichmäßigkeit, wenigstens auf den einzelnen Schiffen, erzielt haben.
[23] Beschreibungen der Uniformen vgl. Clowes III, Seite 21 und 347.
Die Taktik.
Wir haben die Entwicklung der Taktik während der Zeit von 1648 bis 1740
verfolgt[24] und wollen nun hier zunächst ihren Stand zu Beginn des neuen
Zeitabschnittes betrachten. Am geeignetsten hierzu ist =das Werk des
Jesuitenpaters Paul Hoste=. Dieser war längere Zeit Kaplan des
französischen Admirals =Tourville=; als Professor der Mathematik am Kgl.
Seminar in Toulon veröffentlichte er 1697 das Buch »L'art des armées
navales ou traité des évolutions navales« (vgl. Quellenverzeichnis); es
ist wohl anzunehmen, daß in diesem mehr oder weniger die Gedanken
genannten Admirals, des letzten großen Taktikers in den Kriegen des 17.
Jahrhunderts, enthalten sind. =Hoste= stellt Grundsätze und Lehren für
die Führung von Flotten auf und erläutert sie durch die Beschreibungen
wichtiger Schlachten und sonstiger Ereignisse dieser Kriege. Von 1697
bis 1740 ist nur ein Seekrieg geführt und in diesem nur eine Schlacht
geschlagen (Malaga 1704); das geschickt aufgebaute und durchdachte Werk
gibt wahrscheinlich auch noch den theoretischen Stand der Seetaktik um
1740; es ist später die Grundlage zu ihrer weiteren theoretischen
Entwicklung im 18. Jahrhundert gewesen und bis zum Ende der
Segelschiffahrt von anderen Schriftstellern vielfach benutzt und
ausgelegt, aber im Grunde wenig geändert worden.
[24] Vgl. Band I, Sachregister unter »Taktik«.
$Hostes Werk über Taktik$ bespricht die geeignetste Gefechtsordnung,
die Vorteile der Luvstellung; verschiedene Marsch- (auch Rückzugs-)
Ordnungen; Übergänge aus einer Ordnung in eine andere; besondere
Manöver wie Geschwaderwechsel, Herstellung der Ordnungen bei
Windänderung, Gewinnen der Luvstellung sowie Hindern des Gegners daran,
Maßnahmen beim Forcieren oder Verteidigen einer Enge; besondere Lagen
im Gefecht, Erzwingen oder Vermeiden des Kampfes, teilweises Dublieren
des Gegners und Maßregeln dagegen[25], Durchbrechen der feindlichen
Linie. Diese Betrachtungen sind besonders für Seeoffiziere sehr
lesenswert; für unsere Zwecke genügen die unmittelbar auf den Kampf
bezüglichen Ausführungen.
[25] Dublieren, d. i.: den Feind zwischen zwei Feuer nehmen.
Als =Gefechtsordnung= empfiehlt das Werk =die Kiellinie der
Schlachtschiffe dicht beim Winde= unter kleinen Segeln, so daß die
Schiffe eben gut steuerfähig bleiben. Die übrigen Fahrzeuge, Fregatten
und Brander, sollen sich außerhalb der Linie etwa 1-1/2 Seemeilen
entfernt in Feuerlee[26] zur Verwendung bereit halten; die Fregatten
zur Unterstützung, z. B. zum Schleppen, schwer beschädigter
Schlachtschiffe und für besondere Aufgaben. Von den =Marsch=- und
=Ankerordnungen= wird verlangt, daß sie einen schnellen Übergang in die
Gefechtsordnung gestatten. Als geeignetste Marschordnung bei Erwartung
eines Zusammenstoßes mit dem Feinde gilt eine Linie, in der sich die
Schiffe so peilen, d. h. so zueinander liegen, daß sie sofort in
Kiellinie beim Winde liegen, sobald sie über den einen oder den anderen
Bug an den Wind gehen.
[26] Feuerlee ist die dem Gegner abgewandte Seite.
Die =Luvstellung=[27] erscheint am besten für das Gefecht geeignet, da
man aus ihr jederzeit zum Angriff übergehen kann und weil sie auch
sonst viele Vorteile für den Kampf bietet. Ebenso gilt noch =der
Angriff= mit der ganzen Linie zugleich auf die ganze Länge des Gegners
unter gemeinsamer Führung des Höchstkommandierenden als der
gebräuchlichste. An Beispielen der großen Führer in den Kriegen des 17.
Jahrhunderts weist =Hoste= auf verschiedene Mittel hin, um an einer
Stelle die Übermacht zu gewinnen. So gestattet er, den Kampf
geschwaderweise zu führen, wodurch oft entscheidende Gefechte
herbeigeführt würden, hebt aber die Schwierigkeit der Wiedervereinigung
der Flotte hervor. Verfügt die Luvflotte über eine größere Schiffszahl
als der Gegner, so soll sie die hinten überschießenden Schiffe ihrer
Linie dazu benutzen, die Schlußschiffe des Feindes von Lee her
anzugreifen und so zu dublieren. Er ist gegen ein Dublieren der
feindlichen Spitze, weil die damit betrauten Schiffe, falls sie durch
Beschädigungen bewegungslos werden, dem Feuer der ganzen feindlichen
Linie ausgesetzt sind, wenn diese im weiteren Verlaufe des Kampfes an
ihnen vorüberzieht. Eine schwächere Leeflotte soll sich gegen das
Dublieren dadurch schützen, daß sie ihre Linie durch Vergrößerung der
Entfernungen zwischen den einzelnen Schiffen oder besser durch
Freilassen einer Lücke verlängert, die dann aber durch Fregatten und
Brander gedeckt werden muß.
[27] Luvstellung bedeutet windwärts (über dem Winde) vom Gegner.
=Eine Flotte in Leestellung=, die kämpfen will, soll sich hart am
Gegner halten. Vielleicht bringt ihr eine Windänderung die Luvstellung
oder es bietet sich infolge besonderer Zufälle eine Gelegenheit, den
Feind aus der sonst dazu ungünstigen Leestellung her zum Kampfe zu
zwingen (z. B. Havarien feindlicher Schiffe). Ist sie überlegen, so
kann sie dies durch einen Angriff mit ihren schnellsten Schiffen
herbeiführen; diese halten den Feind fest, bis der Rest herankommt.
Einen Angriff nimmt auch sie in Kiellinie beim Winde auf. Bei größerer
Schiffszahl vermag sie den Feind hinten zu dublieren; zu diesem Zwecke
weicht sie während des Kampfes nach Lee aus, ihre hinten
überschießenden Schiffe machen das Manöver jedoch nicht mit, sondern
setzen sich auf die Luvseite der letzten Schiffe der feindlichen Linie,
wenn diese den Ausweichenden nachdrängt. Gegen ein solches Manöver soll
sich eine schwächere Luvflotte dadurch schützen, daß sie nicht die
ganze Linie der Leeflotte angreift, sondern nur, je nach der eigenen
Schiffszahl, deren hintere Schiffe.
Für eine Leeflotte, aber nur für diese, sieht das Werk auch ein
Durchbrechen der feindlichen Linie vor. Sie soll dazu über den
beabsichtigten Durchbruchspunkt hinaussegeln und dann im Kontremarsch
wenden[28]. Die Schiffe, die durchgebrochen sind, wenden darauf zu
Luward der feindlichen Linie wiederum, und so sind die Schiffe des
Gegners hinter dem Durchbruchspunkte dubliert. =Hoste= hält aber dieses
Durchbrechen nicht für unbedingt empfehlenswert. Der Gegner kann es
vereiteln, wenn er sofort mit allen Schiffen zugleich über den andern
Bug geht; es wird gefährlich, wenn der Feind einige Schiffe
durchbrechen läßt und dann wendet, denn nun sehen sich die
durchgebrochenen dubliert. Das Manöver sei nur ratsam, wenn man eine
größere Gefahr vermeiden will (z. B. auf eine Leeküste gedrängt, um
abgeschnittene Kameraden zu befreien u. dgl.); auch wenn in der
feindlichen Linie eine Lücke vorhanden ist -- sei es infolge geringerer
Schiffszahl, sei es nach Niederkämpfen einiger --, sollen die dadurch
unbeschäftigten eigenen Schiffe durch die Lücke brechen und den Feind
hinten dublieren.
[28] Beim »=Wenden im Kontremarsch=« drehen von vorn beginnend die
Schiffe eines nach dem andern, wenn sie auf der Stelle angekommen
sind, wo das erste gewendet hat; so bleiben die Kiellinie und die
Reihenfolge der Schiffe bestehen. Beim »=Wenden zugleich=« drehen
die Schiffe gleichzeitig auf den Stellen, wo sie sich beim
Erhalten des Befehles befinden; die Flotte steht dann gegen vorher
in »Kehrt«, die Schiffe sind auch nicht mehr in Kiellinie, sondern
müssen sich für eine solche erst wieder ausrichten. Entsprechend
wird auch das »=Halsen=« auf beide Weisen ausgeführt.
Das Werk zeigt uns, wie dargelegt, einen hohen theoretischen Stand der
Taktik, wohl geeignet, darauf weiter zu bauen. In der Praxis lag jedoch
die Sache anders. Vom zweiten Englisch-Holländischen Kriege (1665-1667)
an finden wir zwar in allen großen Schlachten Flottenführer, die
versuchen, an einer Stelle mit Übermacht aufzutreten, sei es schon durch
Ansetzen des Angriffes, sei es durch Ausnutzen von Blößen, die der Gegner
während der Schlacht zeigt. Wir nennen =Monck=, =Ruyter=, =du Quesne=,
die in diesem Bestreben von ihren Unterführern, =d'Estrées=, =Bankers=,
=den Haën=, =Nesmond=, durch selbständige Manöver unterstützt wurden. Die
aus diesen Beispielen zu ziehenden Lehren waren jedoch noch nicht
Allgemeingut geworden, selbst die Gefechtsinstruktionen jener Zeit
standen nicht auf der Höhe der Hosteschen Abhandlungen; es ist auch nicht
anzunehmen, daß sich die Seeoffiziere jener Zeit, insbesondere die
englischen »Teerjacken«, im allgemeinen mit ihnen beschäftigt hätten.
Die älteste eingehendere =Gefechtsinstruktion in England=[29] ist von
1665. Sie weist im allgemeinen auf den »Angriff« von Luward her, über
denselben Bug wie der Gegner liegend und mit der ganzen eigenen Linie auf
die ganze feindliche zugleich« hin. Sie sagt nämlich: »Erwartet der
Feind, in Lee stilliegend, den Angriff, so soll ein jedes Geschwader[30]
das entsprechende des Gegners angreifen. Begegnet die Flotte der
feindlichen auf entgegengesetztem Kurse, so soll sie so weit laufen, bis
ihre Vorhut querab von der Nachhut des Feindes ist; dann soll sie mit
allen Schiffen zugleich wenden, so daß sie nun über den gleichen Bug
parallel und querab von ihm (bereit zu vorstehender Angriffsart) liegt.
-- Steht die Flotte über gleichen Bug in Lee, so soll die Vorhut die
feindliche Linie durchbrechen und deren hintere Schiffe von Luward her
angreifen; Mitte und Nachhut sollen die vorderen Schiffe des Feindes
beobachten und die Nachhut unterstützen.« Bald darauf wurde einem
selbständigen Durchbrechen seitens der Geschwaderchefs, ja selbst der
Schiffskommandanten, in günstigen Augenblicken das Wort geredet und ihnen
überhaupt mehr Freiheit gegeben, aber dann kam nach und nach in der
Instruktion doch immer stärker das Streben zum Ausdruck, die ganze
»Kiellinie beim Winde« in strengster Ordnung, Spitze gegen Spitze und
Schiff gegen Schiff von Luward her zum Angriff heranzuführen.
[29] Wir führen die englische Gefechtsinstruktion hier an, da die
Engländer in den Schlachten der nächsten Kriege stets die
Angreifenden waren und dadurch die Taktik der Franzosen
beeinflußten. Eingehend bespricht die Entwicklung dieser
Instruktion =Corbett= »Fighting instructions« (vgl.
Quellenverzeichnis).
[30] Es sei daran erinnert, daß eine Flotte meistens in drei
Geschwader: Vorhut, Mitte, Nachhut, geteilt wurde.
$Die Vor- und Nachteile der Luvstellung$ (vgl. Band 1, Seite 184): Die
Luvflotte kann jederzeit angreifen, die Gefechtsentfernung bestimmen,
sowie leichter zum Entern gelangen; sie kann leicht die feindliche
Linie durchbrechen und einen Teil von ihr abschneiden; sie kann den
Gegner hinten dublieren; ihre Brander kommen besser zur Verwendung. Der
Pulverrauch zieht nicht über die Schiffe hin und brennende Rückstände
aus den Geschützen gefährden sie nicht. -- Die Nachteile der
Luvstellung bestehen darin, daß die Schiffe häufig infolge des
Überliegens bei starkem Winde oder wegen schwerer See die Pforten der
untersten Batterie, in der die schwersten Geschütze stehen, auf der dem
Feinde zugewandten Leeseite geschlossen halten müssen. Beim Herangehen
zum Angriff sind die Schiffe dem Enfilierfeuer[31] ausgesetzt, während
sie nur ihre Buggeschütze verwerten können. Es wird stets schwierig
sein, ein Gefecht abzubrechen, da sich hierzu die Flotte nach Luward
hin vom Feinde entfernen muß, beschädigte Schiffe werden aber
vielleicht nicht mehr wenden oder höher am Winde steuern können; diese
treiben dann dem Feinde entgegen, der sie völlig vernichtet, falls sie
nicht dadurch unterstützt werden, daß man das Gefecht fortsetzt.
[31] =Enfilierfeuer= ist ein Feuer von vorn (oder hinten), das die
ganze Länge des Schiffes bestreicht und dessen Geschosse demnach
in den Batterien und in der Takelage mehr Schaden anrichten als
solche, die das Schiff seitlich treffen.
Um 1691 sind die Bestimmungen über Durchbrechen ganz fortgefallen; kein
Geschwader und kein Schiff darf ohne Befehl seinen Platz verlassen;
streng wird darauf hingewiesen, den Angriff genau Spitze auf Spitze
anzusetzen. Der Wortlaut der Instruktion machte es dem Oberbefehlshaber
fast unmöglich, seine Flotte so heranzuführen, daß er von vornherein an
einer Stelle die Übermacht gewann, und ebenso war ausgeschlossen, dies
später durch Initiative der Unterführer zu erreichen.
=Ein Dublieren= des Feindes durch unbeschäftigte Schiffe, wie es
=Hoste= empfiehlt, war in England auch früher niemals vorgesehen. Man
soll wegen der Gefahr des gegenseitigen Beschießens der eigenen Schiffe
das Dublieren hier ungünstig beurteilt haben, da die Engländer
möglichst nahe an den Feind heranzugehen pflegten. Die Franzosen, die
weitere Gefechtsentfernungen bevorzugten, hielten mehr vom Dublieren.
In dieser Änderung der Instruktion sahen sämtliche Marineschriftsteller
bisher einen argen =Rückschritt in der Taktik= gegen die Zeit der
obenerwähnten hervorragenden Führer. Nur =Corbett= sagt[32], es sei ein
natürlicher Rückgang in ein defensiveres Verfahren nach einer Zeit
wagemütigen Vorgehens seitens bedeutender Männer gewesen; man sei mit der
Erkenntnis der Gefahren, die außergewöhnliche Manöver mit sich brächten
(wie sie auch Hoste anführe), zu der wohlüberlegten Überzeugung gekommen,
daß diejenige Flotte die größte Aussicht auf Erfolg habe, die am längsten
ihre Formation hielte. =Corbetts= Auslassungen werden teilweise richtig
sein, aber er will doch wohl auch das englische Seeoffizierkorps jener
Zeit gegen den Vorwurf in Schutz nehmen, es habe die Taktik
vernachlässigt. Sollte dieser Vorwurf nicht doch berechtigt sein?
[32] In =Corbett= »England in the Mediterranean« (vgl.
Quellenverzeichnis, Band I) und in »Fighting Instructions«, eben
angezogen. Über Corbetts Auslassungen vgl., schon genauer, auch
Band I, Seite 532.
Wir haben bei der Kennzeichnung der Offizierkorps der beiden
großen Marinen erwähnt, daß in England wenig Neigung zu
militärisch-theoretischen Studien vorhanden war. Stolz auf ihre
seemännische Tüchtigkeit, glaubten die englischen Seeoffiziere ihr Ziel,
das Niederschmettern des Feindes »im Kampf Schiff gegen Schiff«,
jederzeit zu erreichen. Die Beispiele der großen Führer bis zur Schlacht
von Kap Barfleur-La Hogue (1692) gerieten in Vergessenheit, und es ist
fraglich, ob =Hostes= Werk in weiteren englischen Kreisen bekannt war;
erst etwa 1762 erschien eine vollständige Übersetzung in englischer
Sprache. Die lange Friedenszeit 1713-1739 gab auch keinen Anlaß zur
Beschäftigung mit taktischen Fragen; Übungsflotten kannte man noch
nicht[33]. So führten die Engländer lange Zeit ihre Schlachten nach den
Buchstaben ihrer Gefechtsinstruktion: Rücksichtsloses Draufgehen in
starrer Ordnung, Kampf Schiff gegen Schiff in nächster Nähe. Sie
richteten auch stets ihr Feuer auf den Rumpf der feindlichen Schiffe,
also auf die durch Geschütze und Mannschaft dargestellte Gefechtskraft,
während es häufig zweckmäßiger gewesen wäre, die Takelage, also die
Bewegungsfähigkeit der Gegner, als Ziel zu wählen. Zum Beharren bei
dieser unvollkommenen Taktik trugen verschiedene Kriegsgerichtsurteile
bei über Führer, die von der Vorschrift abgewichen waren. Die
bekanntesten dieser Gerichtserkenntnisse sind die nach den Schlachten vor
Toulon (1744) und bei Minorka (1756); aus ihrer Besprechung wird sich
ergeben, welch eine beschränkte Auffassung für die Verwendung von
taktischen Regeln im englischen Seeoffizierkorps herrschte.
[33] Die auf Seite 35 erwähnten französischen Übungsgeschwader waren
nur klein und sollten nicht taktische Fragen lösen, sondern die
Offiziere in der Handhabung des Schiffes üben.
Wir wissen, daß die französischen Seeoffiziere im Gegensatz zu den
englischen mehr für die militärische Seite ihres Berufes veranlagt waren
und sich mehr mit theoretischen Studien beschäftigten[34]. So entstand
gegen die schematische Angriffsart der Engländer nun eine =Abwehrtaktik
der Franzosen=. Diese nutzte die bisher wenig beachteten Vorteile aus,
die eine Leestellung bietet. Die Franzosen sind aber nicht nur aus diesen
Gründen zur Wahl einer Defensivtaktik gekommen, sondern dabei sehr durch
ihre Strategie beeinflußt worden.
[34] Wir finden in Frankreich nach dem Werke von Hoste auch bald
=weitere Werke über Taktik=. Kapitän =Bigot de Morogues=, der
erste Direktor der Marineakademie, veröffentlichte 1763 ein Buch
»Tactique navale ou traité des évolutions et des signaux«, das
Hostes Werk ersetzen sollte. -- Ein Offizier der
französisch-ostindischen Kompagnie, =Bourdé de Villehuet=, schrieb
1765 das Buch »Le Manoeuvrier« usw. (beide vgl.
Quellenverzeichnis).
[Illustration: Zur englischen Angriffsart.]
$Vor- und Nachteile der Leestellung.$ Die Flotte in der Leestellung
kann den Kampf nicht erzwingen und ist einem Angriff gegenüber auf die
Verteidigung angewiesen, wenn sie sich nicht zurückziehen will. Ein
Durchbrechen oder ein Dublieren des Gegners ist für sie schwieriger als
für eine Luvflotte. Sie kann aber fast bei jedem Wetter ihre untersten
Batterien gebrauchen, da die Luvseiten der Schiffe dem Feinde zugewandt
sind; auch kann sie die Angreifer beim Herankommen mit den Breitseiten
beschießen. Sie deckt leichter ihre beschädigten Schiffe, hält leichter
ihre Ordnung aufrecht und kann jederzeit das Gefecht abbrechen, da der
Feind mit stärker beschädigten Schiffen nicht imstande sein wird,
sofort und in guter Ordnung zu folgen.
Die Luvstellung ist mithin geeigneter zum Angriff, die Leestellung zur
Abwehr, und es ist, wie in der Kriegführung stets, auch hier die
Verteidigung materiell, der Angriff moralisch stärker (nach einem
Ausspruche des Generals =v. Clausewitz=).
=Die englische Angriffsart bringt große Übelstände mit sich.= Wenn der
Angreifer abhält, um an die feindliche Linie heranzugehen und sich dann
dieser auf nahe Entfernung Schiff gegen Schiff nun auch unter gekürzten
Segeln wieder parallel zu legen, so sind seine Schiffe längere Zeit dem
Enfilierfeuer von vorn ausgesetzt, das sie nur mit wenig Geschützen
erwidern können (vgl. Plan, Lage 1). Nun liegt aber der Angegriffene
nicht ganz still, er hat wenigstens soviel Bewegung, daß die Schiffe
steuerfähig bleiben. Die angreifenden Schiffe müssen also schräg
herangehen, um auf die ihnen in der feindlichen Linie entsprechenden
Gegner zu stoßen; hierdurch wird die Dauer der ungünstigen Lage
verlängert (Lage 2). Ferner ist es für Segelschiffe sehr schwierig, in
einer solchen Stellung zueinander (nicht mehr in Kiellinie, sondern in
einer Peilungslinie zum Kurse -- Lage 2a-a) eine gut ausgerichtete Linie
innezuhalten, und da nun auch das eine oder das andere Schiff in der
Takelage beschädigt werden wird, ist es wahrscheinlich, daß nicht alle
Schiffe gleichzeitig ihren Platz zum Nahkampfe einnehmen; der Angriff
erfolgt also nicht gleichmäßig.
Dies ist nun aber nur von formeller Bedeutung, in der Praxis gestaltet
sich der Angriff noch ungünstiger. Die Luvflotte will dem Feinde den Weg
abschneiden, ihn festhalten und zum Kampfe zwingen. Sie wird also schon
von weiterer Entfernung an vor die Spitze des Feindes halten. Bei der
Schwierigkeit, dies in einer Peilungslinie durchzuführen sowie um ein
längeres Enfiliertwerden zu vermeiden, wird sie in Kiellinie bleiben, bis
sie nahe genug zum Angriff durch Abhalten ist (Lage 3). Dieses
Schrägheranführen in Kiellinie hat zwei Mißstände im Gefolge, die einen
gleichzeitigen Angriff ausschließen, häufig denselben überhaupt lähmen.
1. Die ersten Schiffe werden stets früher zum Nahgefecht kommen als ihre
Hinterleute, weit früher aber noch als die letzten der Linie. 2. Wenn ein
Schiff der Linie, z. B. in der Mitte (Lage 4 a). vor dem Abhalten zum
Angriff durch Beschädigungen lahmgelegt wird, so hält es seine
Hinterleute auf und zwingt sie zum Ausweichen; die Linie wird gestaucht
und die Ordnung gestört.
Die Schwierigkeit, den Angriff auf der ganzen Linie gleichzeitig
durchzuführen und die ungünstige Lage des Angriffes machten die Franzosen
sich zunutze. Sie ließen den bisher allgemein anerkannten Grundsatz
fallen, vor der Schlacht die Luvstellung zu erstreben; sie gingen sogar
zuweilen freiwillig nach Lee, um in (Kiellinie beim Winde) den Angriff
aufzunehmen. Sie richteten dann, wie sie es schon früher gern getan
hatten, ihr Feuer auf die Takelage, die Bewegungsfähigkeit des Feindes,
ein großes, bereits auf weitere Entfernungen mit Erfolg zu beschießendes
Ziel. Sie warteten dann aber nicht den Angriff auf der ganzen Linie ab,
sondern wichen einem allgemeinen Kampf aus, wenn nur erst die feindliche
Spitze herangekommen und genügend geschädigt war.
Meist zogen sie unter schnell vermehrten Segeln ihre ganze Linie an den
vordersten feindlichen Schiffen, die dann schon durch das beim Herangehen
erhaltene Feuer in ihrer Bewegungsfähigkeit beschränkt waren, vorüber und
überschütteten sie mit Geschossen; dann nahmen sie in Lee aufs neue
Stellung und warteten in gleich günstiger Lage wie beim ersten Angriff
das Weitere ab[35]. Sie konnten infolge des zwischen den Flotten
lagernden Pulverrauchs gewöhnlich ihr Manöver unbemerkt beginnen und
auch in guter Ordnung durchführen, da ihre Schiffe noch unbeschädigt
waren. Die Engländer aber sahen von einem zweiten Angriff ab, weil ihre
Spitzenschiffe durch die Beschädigungen in der Takelage nicht mehr voll
gefechtsfähig waren; häufig wurde eine englische Flotte dadurch sogar auf
längere Zeit lahmgelegt. Es blieb bei dem einen Zusammenstoß, und die
Flotten trennten sich.
[35] Wenn die Vorteile der Leestellung bisher noch nicht erkannt waren,
so nutzte doch =Ruyter= in der Schlacht bei Stromboli 1676 die
Leestellung in ähnlicher Weise aus, wie es jetzt die französische
Taktik tat; es ist freilich nicht sicher, ob es schon in richtiger
Erkenntnis geschah (vgl. Band I. Seite 378).
Hier ist =der Einfluß der Strategie der Franzosen auf ihre Taktik= zu
erkennen. Diese hätte weiter dahin ausgebildet werden können, daß man
nach der Schwächung des Gegners zum Angriff überging, um noch größeren
Erfolg auf dem Schlachtfeld zu erreichen. Die Franzosen begnügten sich
aber damit, den Angriff unter Schonung der eigenen Schiffe abgeschlagen
zu haben.
Wie schon meist zur Zeit =Ludwigs= XIV. kämpfte Frankreich auch später
nie um die Seeherrschaft im großen Sinne; den Seestreitkräften wurden nur
bestimmte Ziele gesetzt: eine Eroberung zu sichern; eine Landung zu
decken; ähnlichen Vorhaben des Gegners entgegenzutreten, häufig mit dem
ausdrücklichen Befehle, »die kostbaren und schwer zu ersetzenden Schiffe
zu schonen«. Die Flottenführer wurden somit darauf hingewiesen,
Zusammenstöße möglichst zu vermeiden und, wenn sie zum Kampfe gezwungen
waren, jedenfalls nicht zuviel aufs Spiel zu setzen. =Diese Auffassung=
wurde bei ihnen zum Grundsatz; ein französischer Autor sagt sogar: »Man
sah es fast als ein Unglück an, wenn man mit dem Feinde zusammenstieß.«
Deshalb bevorzugten die Franzosen nun auch die taktische Defensive,
bauten ihre Abwehrtaktik aus der Leestellung auf und führten diese dann
schematisch durch, ohne etwaige Erfolge auszunutzen. Auch ihre
Gefechtsinstruktion sah die Aufrechterhaltung der Ordnung als Hauptsache
an und verbot streng, die Linie ohne Befehl zu verlassen.
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