=Maurepas= tat viel für die wissenschaftliche sowie praktische Ausbildung

der Offiziere; er machte ferner die Stellung des Commandant de la marine

in den Kriegshäfen, deren Inhaber bisher häufig wechselte, zu einer

festen und hob dadurch dessen Einfluß dem Intendanten gegenüber

wenigstens etwas. In der Hauptsache aber, eine schlagfertige Flotte zu

schaffen, hatte er keinen Erfolg. Seine Absicht war, eine solche von 60

Linienschiffen (40 in Brest, 20 in Toulon) aufzustellen; diese, zwar

nicht übermäßig stark, aber aus guten Schiffen bestehend, sollte der Kern

einer maritimen Verbindung mit Spanien (vielleicht auch Holland) gegen

England sein. Er erhielt jedoch nicht die Mittel zur Durchführung dieses

Planes. Das Marinebudget, das unter Ludwig XIV. selbst in Friedenszeiten

nie unter 14 Millionen Francs gefallen war, betrug während seiner

Amtsführung acht, und als er vor Ausbruch des Krieges 1744 20 Millionen

verlangte, bekam er nur zehn.

Um 1740 besaß Frankreich 45-50 Linienschiffe über 50 Kanonen und 15-20

schwere Fregatten. Die Schiffe waren großenteils nicht gut im Stande, den

Werften fehlten fähige Arbeiter, Arsenale und Magazine waren leer. In dem

stark zusammengeschmolzenen Offizierkorps hatte seit vierzig Jahren die

Beförderung gestockt; viele Offiziere waren zu alt für ihren Dienstgrad,

andere einzig durch Protektion hochgekommen. Infolge der nur geringen

Indienststellungen während der Friedensjahre fehlte den Chargen, höheren

sowie niederen, die praktische Erfahrung. Frankreich trat so in den

Österreichischen Erbfolgekrieg mit einer schwachen Marine ein; der Krieg

brachte große Verluste an Schiffen, doch wurden diese durch Neubauten zum

Teil ersetzt.

=Der Minister de Rouillé=, 1749-1755, arbeitete ganz im Sinne seines

Vorgängers weiter. Unter ihm wurden 38 Linienschiffe gebaut oder

gründlich ausgebessert; ihm standen auch mehr Mittel, 17-1/2 Millionen

jährlich, zur Verfügung. Er schaffte die Galeerenflotte, eine unnütze und

teure Waffe, ab, und stellte deren Offiziere in die Hochseeflotte ein.

Die Académie de Marine in Brest wurde gegründet, ein Verein von

Offizieren sowie Marinebeamten aller Dienstzweige und Grade, in dem

wissenschaftliche Vorträge mit Besprechung gehalten wurden. Diese

Einrichtung legte den Grund zu dem wissenschaftlichen Streben in der

französischen Marine während der kommenden Jahre bis 1793. Auch der

nächste Minister =Machault d'Arnauville= führte die Neubauten, jetzt mit

einem Budget von 31 Millionen, fort, so daß die Marine 1755 schon 63

Linienschiffe zählte; das Offizierkorps war wieder auf 900 Köpfe

angewachsen. Frankreich trat so in den Siebenjährigen Krieg weit

mächtiger ein, als in den vorhergegangenen. Aber als dieser eben begonnen

hatte, fiel der tüchtige Minister Hofintrigen zum Opfer (Februar 1757)

und es folgten ihm, ein jeder nur für wenige Monate, zwei Männer, die der

Stellung in so schwerer Zeit nicht gewachsen waren.

Als dann der Krieg gerade sehr schlecht stand, wurde =de Berryer= mit dem

Amte betraut (1. November 1758). Von diesem sagt ein französischer Autor

(Chabaud-Arnault, Seite 161): »Wenn Ludwig XV. den Triumph der Gegner

gewollt hätte, so hätte er keine bessere Wahl treffen können. Ein

Günstling der Pompadour, sittenlos, hart, hochmütig und dabei den

Marineangelegenheiten völlig fremd, war er nur darauf bedacht, die

Ausgaben zugunsten der verschwenderischen Hofhaltung einzuschränken. Im

vollen Kriege stellte er die Arbeiten auf den Werften ein, ließ die

Arsenale leer, ja verkaufte sogar Material; Offiziere, Beamte, Matrosen

und Arbeiter gerieten in Not. Den Offizieren verbot er, in den Dienst der

Freibeuterei zu treten, wie es in den früheren Kriegen üblich gewesen,

wenn die Kriegsmarine lahmgelegt war, er rühmte aber ihnen gegenüber, die

er doch selber zur Untätigkeit verdammte, die Taten der Officiers bleus

(Hilfsoffiziere, worüber Näheres später).« Und diesem Manne standen

gerade Mittel zur Verfügung, wie sonst nie unter Ludwig XV., nämlich 1758

42 Millionen und 1759 gar 57. Trotz der schweren Niederlagen der Marine

während seiner Verwaltung hielt sich =de Berryer= durch die Gunst der

Pompadour bis 1761.

Unter dem =Herzog von Choiseul-Amboise=, der seit November 1758 das

Ministerium des Äußern führte und 1761 auch das des Krieges sowie der

Marine übernahm, setzte ein lebhafter =Aufschwung der letzteren= ein.

Während der Kriegsjahre bis 1763 konnte zwar nicht mehr viel geleistet

werden, doch war es möglich, 15 Linienschiffe (zu 50 bis 90 Kanonen) auf

Stapel zu legen; das Volk selber rief infolge der letzten schweren

Niederlagen nach einer starken Flotte und auf Antrieb des feurigen

Ministers beschaffte das gesamte Frankreich -- Provinzen, Städte,

Privatpersonen -- durch eine Sammlung die nötigen Geldmittel hierzu. Nach

dem Kriege setzte Choiseul dann durchgreifende Reformen ins Werk. 1766

gab er das Amt an seinen Vetter =Choiseul-Praslin= ab, der ganz in seinem

Sinne weiter wirkte, so daß man die Tätigkeit beider bis 1770, wo sie

sich infolge von Intrigen der Gräfin Dubarry aus dem öffentlichen Leben

zurückzogen, als einheitlich betrachten kann. Den Verwaltungsbeamten

wurde ein Teil ihrer Machtbefugnis und Vorrechte genommen, den

Seeoffizieren -- insbesondere dem Commandant de la marine sowie dem

Capitaine du port in den Kriegshäfen -- mehr Einfluß auf Instandhaltung,

Ausrüstung, Armierung und Bemannung der Schiffe eingeräumt. Es wurde ein

festes Korps von Schiffbauingenieuren gegründet, das allerdings, wie der

Schiffbau überhaupt, dem Intendanten unterstellt blieb. Aus dem

Offizierkorps wurden viele zu alte oder unfähige Personen entfernt, auch

die Stellen vermehrt, und so günstigere Beförderungsverhältnisse

geschaffen; die Marineschule wurde vergrößert und verbessert. Doch blieb

man dabei, nur Adelige als Gardes de marine (Offiziersaspiranten)

einzustellen.

Wir wissen (Band I, Seite 504), daß die Marine in den Kriegen des 17.

Jahrhunderts eine wertvolle Unterstützung durch den Eintritt von

Offizieren der Handelsmarine (»officiers bleus«) fand, daß diesen aber

nach und nach durch die eigentlichen Seeoffiziere (»officiers rouges«

oder »nobles«) der Dienst verleidet worden war. Es wurde jetzt versucht,

diese Einrichtung wieder zu beleben. Junge Leute guter nichtadeliger

Familien erzog man in der Kriegsmarine für den Dienst in der

Handelsmarine im Frieden, also gewissermaßen zu Reserveoffizieren, von

denen die besten ganz in die Kriegsflotte übernommen werden sollten; bei

dem Stolz der Adeligen blieb jedoch das Verhältnis zwischen den beiden

Kategorien schlecht. In der Art des Matrosenersatzes trat keine Änderung

ein, aber in der Fürsorge für Invalide, Witwen und Waisen wurde manches

getan; auch milderte man die Strafgesetze und arbeitete die Bestimmungen

über den Dienstbetrieb eingehender aus. Gleichzeitig Kriegsminister,

verleibte =Choiseul-Amboise= die Seetruppen dem Heere ein und zog

Landtruppen für die Besatzungen der Schiffe, die Kriegshafengarnisonen,

sowie die Kolonien heran, jedoch schon =Choiseul-Praslin= machte dies

rückgängig und gründete wieder drei Brigaden Seetruppen zu je acht

Kompagnien -- eine Bombardier-, vier Kanonier- und Füsilierkompagnien --

als »corps royal d'artillerie et d'infanterie de marine« unter dem

Befehle von Seeoffizieren. Das Marinebudget betrug unter den beiden

Choiseuls, nach und nach wachsend, 1763 16-1/2 und 1770 26-1/2 Millionen.

Zu den Kriegshäfen Toulon, Brest, Rochefort trat 1762 L'Orient. Die

Werften wurden sehr gehoben und Magazine und Arsenale gefüllt; ferner

wurde auch Schiffsbauholz in Vorrat beschafft, an dem es bisher meist

gemangelt hatte, so daß man die Neubauten oft in zu grünem Holze hatte

herstellen müssen.

Von 1771-1774 folgten dann zwei Minister, von denen die französischen

Quellen sagen, daß es ihnen glücklicherweise an Zeit gefehlt habe, ihre

Organisation (von 1772) durchzuführen. Sie beabsichtigten nämlich, die

3 Brigaden der Seetruppen auf 8 für die sämtlichen Marinemannschaften

zu vermehren. Jeder Brigade sollte dann eine Anzahl Schiffe aller

Größen zur Instandhaltung und Besetzung zugeteilt werden. Durch

Schaffung dieser kleineren Verbände, in denen auch die Beförderungen

getrennt erfolgen sollten, hoffte man den allgemeinen Korpsgeist der

Seeoffiziere zu brechen, der häufig den in Marineangelegenheiten völlig

unerfahrenen Ministern unbequem geworden war.

1774 erhielt =Gabriel de Sartines= das Ministerium. Dieser führte 1776

nicht nur die Organisation der Choiseuls wieder ein, sondern er schoß in

dem Bestreben, den Militärs mehr Einfluß zu geben, sogar über das Ziel

hinaus. Auf den Werften wurde auch der Schiffbau ganz dem Capitaine du

port unterstellt, der Intendant behielt nur die Verwaltung des Inventars

und Materials. Der Commandant de la marine wurde der direkte Vorgesetzte

des Capitaine du port, aber auch berechtigt, die Magazine usw. zu

besichtigen. Sogar auf den Schiffen traten Seeoffiziere an Stelle der

Verwaltungsbeamten. Dies ging zu weit. Gewiß ist es richtig,

Seeoffizieren die Oberaufsicht über die Arbeiten auf den Werften usw. zu

geben, also über die Schlagfertigkeit der Flotte, aber man darf sie nicht

mit zuviel Einzelheiten belasten und muß den Technikern eine gewisse

Selbständigkeit lassen. Mit der Übernahme der ganzen Verwaltung an Bord

durch die Offiziere machte man gleichfalls schlechte Erfahrungen: die

Abrechnungen der Schiffe zeigten die größte Unordnung.

Von 1765 bis 1778 waren also drei Organisationen in Kraft gewesen; der

neuen Marine fehlte mithin eine gesunde Unterlage. Aber immerhin besaß

Frankreich im dritten Krieg 1778 eine starke Flotte von gegen 80 guten

Linienschiffen und hatte -- noch ein Verdienst =Choiseuls= -- seine

militärische Stellung im Mittelmeer durch die Gewinnung Korsikas (1768)

wesentlich verstärkt. Die Geldmittel für die Marine (die für die

Kolonien, als demselben Minister unterstehend, stets darin

eingeschlossen) waren seit dem Regierungsantritt Ludwigs XVI. (1774)

gewachsen, der die Seegeltung hochschätzte. =Sartines= erhielt schon 1776

35 Millionen Francs und im folgenden Jahre 45. Während der Kriegsjahre

wurden reichliche Mittel bewilligt: 1778 85 Millionen, 1779 131-1/2, 1780

144 -- und außerdem im ersten dieser Jahre 16, in den beiden andern je 25

Millionen Schulden gemacht. Im letzten Kriegsjahre 1782 verbrauchte die

Marine gegen 200 Millionen Francs[20]. Infolge von Reibungen mit dem

Finanzminister =Necker= legte =Sartines= im Oktober 1780 sein Amt nieder.

[20] Nach Lacour II. Zum Vergleich einige Angaben (nach Campbell) über

die englische Marine: Bewilligt, einschließlich des Mehrverbrauchs

im Vorjahre, wurden für 1778 4 Millionen Pfund Sterling, 1779

4-1/2, 1780 7-1/2, 1781 8, 1782 7-1/2.

Der neue Minister =Marquis de Castries=, ein tüchtiger Landoffizier,

entwickelte in den beiden letzten Kriegsjahren große Tatkraft, wurde

deshalb 1783 noch zum Marschall ernannt und traf nach dem Friedensschluß

sofort Vorbereitungen für den nächsten Waffengang. Er erließ 1784 neue

Organisationsbestimmungen, die den Verwaltungsbeamten wieder größere

Selbständigkeit gaben und ihnen auch die frühere Tätigkeit an Bord wieder

zuwiesen.

Dies war also die vierte Organisation innerhalb zwanzig Jahren; alle

bezweckten ein richtiges Zusammenwirken der Offiziere und Beamten zu

erreichen und die Reibungen zwischen ihnen zu vermindern. Doch glückte

dies erst, als man 1799 in jedem Kriegshafen einen Préfet maritime

(Seepräfekt) ernannte, dem alle Dienstzweige, die militärischen wie die

der Verwaltung, unterstanden.

Die neue Organisation brachte auch wieder Verbesserungen der Gesetze über

die Inskription zugunsten der Bevölkerung. =de Castries= erweiterte

ferner die Werften und begann den Bau des Schutzdeiches in Cherbourg, um

dem Lande endlich einen brauchbaren Kriegshafen am Kanal zu schaffen. Die

Schiffe wurden gut gehalten und auch die Kupferung war seit 1785

allgemein geworden. 1789 besaß Frankreich gegen 80 vorzügliche

Linienschiffe zu 64-118 Kanonen und 70 Fregatten zu 28-44; das Personal

war tüchtig, besonders die Schiffsartillerie. Als Castries 1787 sein Amt

infolge von Zerwürfnissen mit dem Finanzminister =Calonne= niederlegte,

stand die Marine gediegener da wie je zuvor, aber die Revolution

vernichtete das Geschaffene, ehe es sich bewähren konnte.

=Die Offiziersgrade der französischen Marine= waren bis zur Revolution:

Amiral de France, Vice-Amiral, Lieutenant-Général, Chef d'Escadre,

Capitaine de vaisseau, Capitaine de frégate, Lieutenant de vaisseau,

Enseigne, Garde-marine.

Der Admiral von Frankreich war stets ein Prinz von Geblüt, häufig schon

als Kind dazu ernannt, unter Ludwig XIV. mehrfach einer seiner

illegitimen Söhne oder ihrer Nachkommen. Selten waren sie zu Seeleuten

erzogen und haben sie eine Flotte geführt. Die Vizeadmirale entsprachen

den Volladmiralen anderer Marinen. Ursprünglich gab es nur einen für

die Atlantikflotte (Vizeadmiral du Ponant) und einen für das Mittelmeer

(du Levante), deren Verwendung aber nicht an ihre Station gebunden war;

1777 wurde noch ein dritter (der west- und ostindischen Meere) und

später noch ein vierter hinzugefügt. Sie rangierten hinter den

Marschällen von Frankreich und erhielten oft diesen Rang. Die

Generalleutnants entsprachen den Vizeadmiralen, die Chefs d'Escadre den

Kontreadmiralen der englischen Marine. Es gab auch neben den

eigentlichen Kapitänen noch solche de brûlot (Brander) und de flûte

(Transporter), sowie Lieutenants de frégate, doch waren dies Chargen,

die nicht ein jeder durchmachte, sondern in denen besonders die

Officiers bleus verwendet wurden. Ältere Kapitäne erhielten den Rang

eines Divisionschefs. In den Werken von Lacour-Gayet (vgl.

Quellenverzeichnis) findet man Personalangaben über die Offiziere der

betreffenden Zeit, aus denen die Daten ihrer Beförderungen und damit

die Beförderungsverhältnisse zu entnehmen sind.

$Vergleich der englischen und französischen Marine$[21]. Was das

=Material= anbetrifft, war England beim Beginn eines jeden der drei

Kriege an Zahl der Schiffe überlegen. Diese Überlegenheit trat dann im

Verlauf der Kämpfe noch mehr hervor, nur bei Beginn des dritten Krieges

waren Frankreich und Spanien zusammen etwas stärker. Frankreich hatte

allerdings stets die besser konstruierten Fahrzeuge; infolge der großen

Verluste und der kurzen Lebensdauer der aus grünem Holze erbauten Schiffe

war es häufiger zu Neubauten genötigt. Diesem Umstande ist aber kein zu

großes Gewicht beizulegen. Zwar führen die Engländer mehrfach die

besseren Segeleigenschaften der französischen Schiffe an, aber ebenso oft

heben die Franzosen die größere Geschwindigkeit der englischen hervor; im

dritten Kriege führen sie dies darauf zurück, daß England schon viele

gekupferte Schiffe gehabt hätte. Vor allem aber wird die seemännische

Tüchtigkeit der Engländer die Vorteile der besser gebauten Fahrzeuge auf

französischer Seite aufgehoben haben; eine geschulte Besatzung holt eben

mehr aus ihrem Schiffe heraus. Ebenso ist die Behauptung der Engländer,

daß die Franzosen durch schwerere Kaliber in der Artillerie überlegen

gewesen seien, sehr einzuschränken. Nach unseren Tabellen trifft es nur

bei den Schiffen über 80 Kanonen zu, und die Hauptkraft der Flotten lag

stets in den nächstniedrigeren Klassen; im dritten Kriege hatten die

Engländer außerdem den Vorteil der Karronaden[22]. Im großen und ganzen

kann man das Material als gleich gut auf beiden Seiten annehmen, den

Ausschlag im Kampfe gab -- wie wohl fast in jedem Kriege zu Lande und zu

Wasser -- bei annähernd gleicher Stärke die Tüchtigkeit der Mannschaft.

[21] Zu dieser Betrachtung ist neben den Hauptquellen für die innere

Geschichte der Marinen auch Mahan I an verschiedenen Orten

benützt.

[22] Dieser Vorteil wird von den Franzosen vielleicht über Gebühr

hervorgehoben.

In Hinsicht auf =das Personal= war aber die englische Marine stets

überlegen. Für =die Mannschaft= stand ihr die große Zahl der befahrenen

Seeleute des Landes zur Verfügung. England hatte ferner auch während der

langen Friedenszeit stets viele Schiffe im Dienst und erhielt sich so

einen Stamm von geübtem Kriegsschiffspersonal. Später folgten dann die

Kriege schnell aufeinander, und in diesen wurde alles aufgeboten, was an

Schiffen vorhanden; auch war der harte Dienst langer Blockaden eine

vortreffliche Schule. Mangel an Mannschaften trat allerdings trotzdem auf

(Seite 26), und das dadurch notwendige wahllose Pressen brachte viel

minderwertiges, ja schlechtes Material, ein Umstand, der wohl die

erwähnten Übelstände -- schlechten Gesundheitszustand an Bord,

Mißvergnügen, starke Fahnenflucht -- mit verschuldet hat.

In Frankreich lagen die Verhältnisse weit ungünstiger. Hier deckte die

Einrichtung der Inskription den Bedarf an Matrosen nur im ersten Kriege,

in dem die Indienststellungen gering waren. Wie schon früher,

entvölkerten sich dann die Küsten während der Kriege, wenn der Seehandel

daniederlag, und erholten sich nur langsam wieder; so standen z. B. 1701

87000 und 1776 nur 67000 Inskribierte in den Listen, obgleich gerade zu

dieser Zeit die Schiffahrt aufgeblüht war. Beim Beginn des zweiten

Krieges fielen die Besatzungen von 500 Handels-, sowie einiger

Kriegsschiffe, die England unmittelbar vorher aufgebracht hatte, gegen

5000 befahrene Seeleute aus, und im dritten Kriege stellte Frankreich so

viel Schiffe in Dienst, daß zum Ersatz von Matrosen stark auf die

Seetruppen, ja sogar auf das Heer zurückgegriffen werden mußte; für die

Schiffe in Toulon warb man auch Fremde von den Küsten des Mittelmeeres

an. Das französische Personal hatte außerdem im allgemeinen auch nicht

die gleiche Übung und Erfahrung wie das englische und erhielt sie selbst

während der Kriege nicht, denn in Friedenszeiten waren zu wenig

Kriegsschiffe im Dienst, und in den beiden ersten Kriegen ward die Flotte

bald lahmgelegt; es wurden dann weniger Schiffe in Dienst gestellt und

die ausgerüsteten sahen sich vom Gegner in den Häfen festgehalten. Dies

trifft für den dritten Krieg zwar nicht zu, aber in diesem reichte eben

der Ersatz an befahrenen Seeleuten überhaupt nicht.

Die zu geringe Verwendung im praktischen Seedienst zeitigte natürlich

auch im französischen =Offizierkorps= bedenkliche Folgen. Vor Ausbruch

des zweiten Krieges sollen z. B. von den 900 Seeoffizieren nur 200

eingeschifft gewesen sein, während der Rest nur acht- oder zehnmal im

Jahre eine vierundzwanzigstündige Wache auf einem der Schiffe im Hafen

tat; da kann es nicht wundernehmen, daß sie den englischen in Übung und

Erfahrung sehr nachstanden. Vor dem dritten Kriege wurden allerdings

Übungsgeschwader im Dienst gehalten, diese waren jedoch so klein, daß nur

wenige Offiziere daraus Nutzen ziehen konnten. Im übrigen scheinen, wie

die Geschichte des Seewesens zeigt, die germanischen Völker noch mehr

natürliche Begabung für den Seedienst zu haben als die romanischen. Wir

haben ferner schon darauf hingewiesen (Band I, Seite 319 und 506), daß

und aus welchem Grunde sich das französische Seeoffizierkorps ganz anders

herausbildete als das englische, daß bei dem Verschmelzen des Soldaten

mit dem Seemann im Franzosen der erste, im Engländer der letzte überwog.

In England konnte ein jeder ohne Rücksicht auf Herkunft höhere Stellungen

erreichen. Die schon erwähnte harte Erziehung dort, die häufige

Verwendung an Bord machte die englischen Offiziere zu kühnen und

erfahrenen Seeleuten, aber mit wenig Neigung für Wissenschaft und

Theorie, zu »Teerjacken«, wie die Engländer selber sagen; da sie viel zur

See fuhren, aber nicht immer kriegerische Verwendung fanden, wurden

hervorragende Leistungen in Seemannschaft ihr Stolz, militärische, die

mehr auf Theorie begründet waren, wie z. B. Taktik, lagen ihnen ferner.

In Frankreich ergänzte sich das Offizierkorps nur aus Adligen, gerade

hier eine hervorragend kriegerische Kaste; bis 1789 gab es besondere

Beamte, die die adlige Herkunft der Offizieraspiranten zu prüfen hatten.

Eine sorgfältigere Erziehung und auch wohl der Volkscharakter führten

außerdem die französischen Offiziere dahin, sich mehr mit

wissenschaftlichen Studien zu beschäftigen, und die Seltenheit der

Einschiffungen gab ihnen die Zeit hierzu. So stand das französische

Seeoffizierkorps dem englischen in seemännischer Praxis unbedingt nach,

war ihm aber theoretisch überlegen. Letzteres zeigt sich während der

nächsten Kriege besonders in der Taktik: die Engländer hielten im Kampfe

an einem alten Brauche fest, die Franzosen gründeten hierauf eine

überlegte Taktik. Einen größeren Nutzen zogen sie aber hieraus nicht, da

ihre Taktik die einer zu vorsichtigen Abwehr gegen ein kräftiges,

allerdings oft unbedachtes Draufgehen blieb.

=Von der wissenschaftlichen Beschäftigung der französischen Offiziere=

gibt uns die Akademie ein Beispiel; wir sehen weiter noch, daß sich

verschiedene Offiziere literarisch über Seetaktik betätigten. Die

Bewertung der Theorie ging aber zu weit. =Chabaud-Arnault= sagt (Seite

196) von den Offizieren um 1778: »Sie waren mutig, eifrig und besser

unterrichtet als die anderer Marinen. Vielleicht waren sie zu gelehrt

in dem Sinne, daß ihnen, durchdrungen von den Regeln der Theorie,

häufig die Initiative fehlte, unter gewissen Umständen mit den Regeln

zu brechen, wenn es sich darum handelte, einen Erfolg auszunutzen oder

die Folgen einer Schlappe abzuschwächen.« Die Engländer verfielen

übrigens in den gleichen Fehler, aber aus Mangel an theoretischer

Beschäftigung mit der Taktik; auch sie wagten nicht, von den

althergebrachten Regeln abzuweichen. Dieser Fehler ist aber bei den

Franzosen auch sicher eine Folge der von höchster Stelle angeordneten

Kriegführung. Eine lange durchgeführte defensive Strategie, der häufig

ausdrücklich gegebene Befehl, die Schiffe zu erhalten und zu schonen,

konnte nicht zur Entwicklung von Unternehmungsgeist im Offizierkorps

führen und hat auch zum Aufbau einer reinen Abwehrtaktik beigetragen.

Der größere Wagemut auf englischer Seite und das vorsichtige

Zurückhalten auf französischer ist in vielen Fällen schließlich auch

darauf zurückzuführen, daß infolge der verschiedenen Beförderungsart

die höheren Führer der Franzosen in weit höherem Lebensalter standen.

Ältere französische Schriftsteller sagen, =die Disziplin im

französischen Offizierkorps= sei mangelhaft gewesen, besonders zur Zeit

des dritten Krieges, neuere stellen dies in Abrede, geben aber folgende

Punkte zu, die dem Geiste der Unterordnung schädlich waren: der

Geburts- und Klassenstolz der Offiziere brachte ein Gefühl der

Gleichberechtigung aller Dienstgrade hervor. Admirale, Kommandanten,

Offiziere und Seekadetten bildeten eine Waffe; »sie duzten sich wie

Hinz und Kunz«. Bei der Handhabung des Schiffes sprach der Untergebene

seine Meinung aus, und der Vorgesetzte gab oft nach, um nicht unbeliebt

zu werden. -- Wie zur Zeit =Colberts= stellte man wieder Offiziere der

Armee mit ihrem Dienstgrade in die Marine, was die Seeoffiziere empörte

und der Kameradschaft schadete. -- Der Adelsstolz der officiers rouges

stieß die officiers bleus vor den Kopf. Dies zeigte sich besonders im

dritten Kriege, als im französischen Volke bereits revolutionäre

Gedanken auftauchten.

Seekriege und Seekriegswesen, Zweiter Band in ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung. Mit besonderer Berücksichtigung der grossen Seekriege des XVII. and XVIII. Jahrhunderts. · 第 5 / 63 段