verschiedenen Klassen von Schiffen zeigt einige wichtige Veränderungen
gegen früher. Im ersten Bande (Seite 170) sind die Angaben hierüber für
1719 gebracht; in umstehender Tabelle folgen solche für 1765. Nach den
für 1743, 1757 sowie 1792 vorhandenen Aufzeichnungen[14] muß man
annehmen, daß die Armierungsart von 1719 noch im Kriege 1739-1748 zutraf
und daß die jetzt gegebene für die beiden nächsten Kriege Gültigkeit hat.
Früher galten der 42-Pfünder (48-Pfünder), sowie der 32-Pfünder
(36-Pfünder) als =schwere=, der 24-Pfünder bis 9-Pfünder als =mittlere=
und die kleineren Geschütze als =leichte Artillerie=. Ein Vergleich der
Angaben für 1765 mit denen für 1719 zeigt nun, daß auf den Schiffen die
Kaliber der Mittelartillerie gewachsen sind. An Stelle des 6-Pfünders ist
häufig der 9-Pfünder oder gar der 12-Pfünder getreten. Ganz besonders
aber ist dies bei den mittleren Linienschiffen -- nunmehr
Hauptschlachtschiffen -- der Fall; hier tritt z. B. beim 74-Kanonenschiff
der 24-Pfünder oder der 18-Pfünder an Stelle des 9-Pfünders, beim
64-Kanonenschiff der 18-Pfünder an Stelle des 9-Pfünders. Die Schiffe zu
74 Geschützen sind so groß geworden, daß sie in ihren untersten Batterien
sogar schwere Artillerie führen können, während sie früher nur 24-Pfünder
hatten. Auch die Mittelartillerie der 50- und 44-Kanonenschiffe ist zu
höheren Kalibern übergegangen.
[14] Clowes gibt diese in Band III, Seite 11 und 334; von dort sind
noch die Angaben für 1765 entnommen.
=Ein Vergleich der englischen mit der französischen= Tabelle zeigt, daß
vom 80-Kanonenschiff aufwärts die Schlachtschiffe der Franzosen an
Artillerie überlegen waren, da sie mehr mittlere und schwere Geschütze
führten. Auch wurden die französischen Schiffe weit stärker bemannt.
$Die Einführung der Karronade$[15] verstärkte gegen das Ende dieses
Zeitabschnittes die Schiffsartillerie wesentlich. Dies war ein
Kammergeschütz
=Verteilung der Geschütze auf englischen Schiffen= 1765.
========================================================================
Schiffe| Batterie | |Be-
mit |---------------------------------------------------------|sat-
Kanonen| Unterste | Mittlere | Oberste | Quarter- | Back |zungs-
| | | | deck | |stärke
========================================================================
100 1) |30-42-Pfdr.|28-24-Pfdr.|30-12-Pfdr.|10-6-Pfdr.|2-6-Pfdr. |841
100 2) |28-42 " |28-24 " |28-12 " |12-6 " |4-6 " |743(?)
90 |26-32 " |26-18 " |24- 9 " | 4-6 " | -- |724
74 1) |28-32 " | -- |30-24 " |12-9 " |4-9 Pfdr.}|
74 2) |28-32 " | -- |28-18 " |14-9 " |4-9 " }|594
64 |26-24 " | -- |26-18 " |10-9 " |2-9 " |494
50 |22-24 " | -- |22-12 " | 4-6 " |2-6 " |345
44 |20-18 " | -- |22- 9 " | |2-6 " |297
| | | |---------------------|
38 |}erst 1780 | -- |28-18 " | 10-9-Pfdr. |297
|}eingeführt| | | | |
| | | | | |
36 |} die | -- |26-12 " | 8-6 Pfdr.|2-6 Pfdr. |297
32 |} neuen | -- |26-12 " | 4-6 " |2-6 " |257
28 |}Fregatten | -- |24- 9 " | 4-6 " | -- |198
24 3) | 2-9 Pfdr. | -- |20- 9 " | 2-3 " | -- |158
20 |} | -- |20- 9 " | -- | -- |138
|} Sloops | | | | |
14 |} | -- |14- 6 " | -- | -- |124
=Verteilung auf französischen Schiffen= 1765
(nach Troude I, Seite 20).
-------------------
116 |32-36-Pfdr.|34-24-Pfdr. |34-12-Pfdr.| 16-8-Pfdr. |1260
110 |32-36 " |34-24 " |34-12 " | -- |1180
90 |30-36 " |30-24 " |30-12 " | -- |1070
80 |30-36 " |32-{24-oder |18-{12-oder| |
| | {18-Pfdr.| {8-Pfdr.| -- | 940
74 |28-36 " | -- |30-18 " | 16-8-Pfdr. | 734
| | |18-oder | |
64 |26-24 " | -- |28-12-Pfdr.| 10-6 " | 589
| | |24-oder | |
50 |24-18-Pfdr.| -- |26-12 " | -- | 430
|} | |12-oder | |
30 |} | -- |26- 8-Pfdr.| -- | 220
24 |} Fregatten| -- |24- 8 " | -- | 210
|} | | 8-oder | |
20 |} | -- |20- 6-Pfdr.| -- | 150(?)
16 |} Korvetten| -- |16- 6 " | -- | 120(?)
12 |} | -- |12- 4 " | -- | 100(?)
1) Großer Typ.
2) Kleiner Typ.
3) Alter Typ.
mit bedeutend kürzerem und auch leichterem Rohr, als die Kanone von
gleichem Kaliber hatte. Man konnte nun ohne Überlastung auf kleineren
Fahrzeugen stärkere Kaliber als bisher aufstellen und auf großen Schiffen
mehrere Geschütze dieser Art der alten Bestückung auf dem Oberdeck
hinzufügen; infolge ihres geringen Gewichtes waren die Karronaden sehr
viel leichter und somit schneller zu bedienen. Zwar war ihre Schußweite
bedeutend geringer als die der Kanonen, aber ihr Geschoß rief infolge
seiner geringeren Geschwindigkeit eine größere Splitterwirkung beim
Durchschlagen der Bordwand hervor. Die Karronade war hierdurch eine
besonders für den Nahkampf geeignete Waffe, um so mehr, da auch ihre
Kartätschladung bei der Verwendbarkeit starker Kaliber große Wirkung
gegen Mannschaft und Takelage hatte.
[15] Vgl. hierüber sowie auch über Veränderung der Schiffe zur
Aufstellung der Karronaden Clowes III, Seite 333 ff.
Die Karronade ist von dem englischen General =Robert Melville=
erfunden; wegen der großen Wirkung gegen Holzziele taufte dieser sie
»smasher« (Zertrümmerer). Das erste Geschütz -- in den Eisenwerken der
Carron-Kompagnie (daher der Name) am Fluß Carron in Schottland etwa
1774 gegossen -- hatte etwa das Gewicht des 12-Pfünders, war kürzer als
der 6-Pfünder, aber von größerem Kaliber als die 42-Pfünder-Kanonen. Da
man sie für Schiffsgeschütze als zu schwer erachtete, fertigte die
Fabrik Karronaden entsprechend den 24-, 18- und 12-Pfündern an. Sie
wurden sofort für Freibeuter in dem bald darauf ausbrechenden Kriege
beliebt, aber auch auf Fregatten und kleineren Fahrzeugen der Marine
erprobt.
Die Karronade fand schnell Eingang in England, da die englische Taktik
stets den Nahkampf suchte. Schon im Juli 1779 wurde die Aufstellung des
neuen Geschützes auf allen Schiffen verfügt.
=Es sollten an Karronaden führen=:
===============+==========+===========+==========+==========+
Schiffe | | | | |
mit Kanonen | 100 | 98 od. 90 | 74 od. 64| 50 |
---------------+----------+-----------+----------+----------+
Auf d. Kampagne|8-12-Pfdr.|6-12-Pfdr. |6-12-Pfdr.|6-12-Pfdr.|
Quarterdeck | -- | -- | -- |2-24-Pfdr.|
Back |2-12-Pfdr.|4-12-Pfdr. |2-12-Pfdr.|2-24-Pfdr.|
---------------+----------+-----------+----------+----------+
Neue Gesamtzahl| 110 |108 od. 100| 82 od. 72| 60 |
===============+==========+==========+===========+==========+
Schiffe | | | | |
mit Kanonen | 44 | 38 | 36 | 32 |
---------------+----------+----------+-----------+----------+
Auf d. Kampagne| -- | -- | -- | -- |
Quarterdeck |8-18-Pfdr.|4-18-Pfdr.|4-18-Pfdr. |6-18-Pfdr.|
Back |2-18-Pfdr.|4-18-Pfdr.|4-18-Pfdr. |2-18-Pfdr.|
---------------+----------+----------+-----------+----------+
Neue Gesamtzahl| 54 | 48 | 44 | 40 |
===============+==========+==========+==========+
Schiffe | | | |
mit Kanonen | 28 | 24 | 14-20 |
---------------+----------+----------+----------+
Auf d. Kampagne| -- | -- | -- |
Quarterdeck |4-18-Pfdr.|6-12-Pfdr.|6-12-Pfdr.|
Back |2-18-Pfdr.|4-12-Pfdr.|2-12-Pfdr.|
---------------+----------+----------+----------+
Neue Gesamtzahl| 34 | 34 | 22-28 |
Die Karronaden zählten aber bei der Bezeichnung der Schiffe nicht mit, d.
h. es wurde das 100-Kanonenschiff weiter so benannt, obgleich es jetzt
110 Geschütze führte, ebenso die 38-Kanonenfregatte trotz ihrer nunmehr
48 Geschütze usw. -- Die Einführung ging schnell vor sich, schon im
Januar 1781 waren 600 Karronaden auf den Schiffen in Verwendung,
besonders 18- und 12-Pfünder, aber bald auch schon einige 32-Pfünder. Die
neue Waffe spielte in den letzten Jahren des dritten Krieges bereits
eine wichtige Rolle und wurde deshalb weiter entwickelt. Vorstehende
Verfügung über die Zahl behielt lange Gültigkeit, aber die Kaliber
wuchsen schnell. Schon 1782 erhielten die Fregatten 24-Pfünder an Stelle
der 18-Pfünder und bald wurden auf den schweren Schlachtschiffen
68-Pfünder, auf den mittleren 42- und 32-Pfünder statt der 12-Pfünder
eingeführt; die leichteren Fahrzeuge tauschten sogar ihre sämtlichen
Kanonen bis auf zwei Jagdgeschütze in Karronaden um.
=In Frankreich=, und ebenso in anderen Staaten, führte man die neue Waffe
erst nach 1783 ein; auch dies ist erklärlich, da die französische Taktik
bislang den Nahkampf zu vermeiden strebte.
Entwicklung der Marinen. Organisation und Personal.
Im ersten Bande (Seite 179) ist die Entstehung eines ständigen
=Kriegsschiffs-Personals= (insbesondere auch der Deck- und
Unteroffizierkorps der verschiedenen Dienstzweige) und dann fortlaufend
bei der Besprechung der Streitmittel vor jedem Kriege die innere
=Organisation= der drei großen Marinen von 1648-1739 dargelegt. Beides
war in diesem Zeitraum zu einem gewissen Abschluß gelangt, später
erfolgen nur noch geringe Änderungen. Wir können daher die innere
Geschichte für den vorliegenden nur kurzen Zeitabschnitt hier gleich
zusammenfassen, so daß wir von jedem Kriege nur die notwendigen Angaben
zu machen brauchen. Wir können uns auch hier auf die Marinen Englands
und Frankreichs beschränken. Holland hatte um 1740 keine Marine von
Bedeutung mehr (vgl. Band I, Seite 498) und tritt von nun an, wie
Spanien bisher schon und auch weiterhin, nur noch als Verbündeter auf;
kurze Angaben über Holland, Spanien und die nordischen Mächte folgen
vor den einzelnen Kriegen.
$In England$[16] wird seit 1689 (vgl. Band I, Seite 419) die
Gesamtleitung der Marine, das Amt des früheren Lordhighadmirals, von
einer Kommission verwaltet, der =Admiralität= (Board of Admiralty). An
der Spitze steht der »Erste Lord der Admiralität« (nicht immer ein
Seeoffizier), die Geschäfte sind an die übrigen Mitglieder der Kommission
verteilt, von denen aber einige stets Seeoffiziere sein müssen (die Naval
Lords) und die technischen und militärischen Angelegenheiten regeln. Bei
der Ständigkeit dieser Art der Verwaltung, unterstützt durch den guten
Einfluß des in Marineangelegenheiten erfahrenen Volkes, ist die
Entwicklung der Kriegsflotte auf dem einmal eingeschlagenen Wege stetig
fortgeschritten, wenn auch zuzeiten durch Partei- und Hofgunst wenig
geeignete Personen in die wichtigsten Stellen kamen. Die ununterbrochene
Zunahme und Verbesserung des Materials ist bereits geschildert, aber auch
der Vervollkommnung des Dienstbetriebes sowie des Personals wurde die
nötige Aufmerksamkeit zuteil. Während bis dahin jeder höhere Befehlshaber
=Vorschriften über den Dienstbetrieb= für die ihm unterstellten
Streitkräfte erließ, wurden 1731 nach den bisherigen Erfahrungen »The
king's regulations and Admiraly Instructions« veröffentlicht, die,
fortlaufend zeitgemäß geändert, bis jetzt in Kraft sind.
[16] Die innere Geschichte der englischen Marine nach Clowes III in den
Kapiteln »Civil history«.
Der =Offiziersersatz= war geregelt. Schon 1728 war in Portsmouth eine
Vorbildungsschule (Naval academy) gegründet. Aber nicht alle
Offiziersaspiranten besuchten diese; im Gegenteil soll bis 1794 eine
andere Art des Eintritts beliebter und vorteilhafter gewesen sein.
Admirale und Kapitäne hatten die Erlaubnis, eine große Zahl »Domestics«
sowie »Servants« mit sich zu führen und sie nahmen nun darunter junge
Leute (als »page«, gewissermaßen als »Junker«) an Bord, um sie zu
Seeoffizieren auszubilden. Anderseits wurde diese Erlaubnis durch
Mitnahme höchst überflüssiger Personen: Schneider, Barbiere, Musikanten
usw. mißbraucht. =Die Offiziersgrade= waren: Admiral of the Fleet;
Admiral der weißen und der blauen Flagge; Vize- und Kontreadmirale der
roten, weißen und blauen Flagge; Kapitän; Master and Commander;
Lieutenant; Midshipman.
Über die Herkunft der Bezeichnung der Admirale nach den verschiedenen
Flaggen und ihr damit verbundenes Anciennitätsverhältnis ist schon im
ersten Bande (Seite 221) gesprochen. Der Master and Commander, der
jetzige Commander (Korvettenkapitän), ist nicht zu verwechseln mit dem
Master des Navigationsdienstzweiges (ebendort Seite 182). Dieser blieb
noch lange nur ein Warrant officer wie die Deckoffiziere, wenn er auch
zur Offiziersmesse gehörte; jener war ein älterer Leutnant, der
kleinere Fahrzeuge (Sloops, Mörserboote, Brander, armierte Kauffahrer
usw.) befehligte.
=Die Beförderung= erfolgte bis zum Kapitän nach Wahl. Hierbei spielte
natürlich Protektion eine große Rolle; man findet Kapitäne, die mit einem
Alter von einigen zwanzig Jahren, ja bis zu achtzehn hinunter, in diesen
Dienstrang aufrückten, von denen übrigens viele sich später besonders
hervortaten. Der Kapitän erhielt dann eine feste Stellung in der
Rangliste (daher der Ausdruck »Postcaptain«, d. i. posted Captain) und
seine Beförderung zum Kontreadmiral usw. erfolgte nach der Anciennität.
Da es ursprünglich nur neun Admirale gab, je einen der angeführten Grade,
waren nach der langen Friedenszeit die Kapitäne so alt geworden, daß eine
Verjüngung des höheren Offizierkorps notwendig erschien. Von 1743 an
wurden deshalb die Admiralsstellungen andauernd vermehrt. Um nun auch die
Möglichkeit zu haben, tüchtige Männer eher zu Flaggoffizieren zu
befördern, ernannte man von 1747 an Kapitäne, die zu alt oder sonst
ungeeignet zur aktiven Verwendung in höheren Stellen erschienen, zu
überzähligen Admiralen (vulgo Yellow Admirals) oder überging sie bei der
Beförderung. Auch dies leistete natürlich der Protektion Vorschub,
erregte Unzufriedenheit und führte selbst zu Klagen beim Parlamente, aber
auf diese Weise und im Verein mit der Beförderung nach Wahl bis zum
Kapitän erreichte man, daß tüchtige Männer jung in hohe Stellung kamen:
Es wurden z. B. Admiral =Barrington= mit 18 Jahren Kapitän, =Howe= mit 20
und mit 39 Kontreadmiral; =Jervis= erreichte diese Chargen mit 26 und 43,
=Nelson= mit 21 und 39 Jahren. Die Seeoffiziere gingen in Friedenszeiten
häufig in fremde Kriegsdienste oder zur Kauffahrteimarine und blieben so
in Übung; wie schon früher für Offiziere, so wurde jetzt auch für
Masters sowie für Ärzte die Stellung auf Halbsold eingeführt, um sich für
Kriegszeiten genügenden Ersatz zu sichern.
$Die Mannschaft$, Matrosen und Seesoldaten[17], wurden wie früher
angeworben. Hiermit kam man jedoch niemals aus, obgleich England über so
viele Seeleute verfügte, und es mußte stets zum Pressen gegriffen werden.
Beim Ausbruch eines Krieges waren diese auf den Kauffahrteischiffen über
die ganze Erde verstreut, aber auch während der Kriege ging der Seehandel
fort und der beliebte Dienst als Freibeuter entzog der Marine die Leute.
Um dem Kriegsschiffsdienst mehr Anziehungskraft zu geben, sowie um die
Härte des Pressens zu mildern, wurden viele Gesetze erlassen in bezug
auf: Höheres Handgeld; reichlichere und regelmäßigere Löhnungszahlung und
Prisengelder; bessere Verpflegung sowie sonstige Fürsorge; die
Möglichkeit für die Leute, Heimatszahlungen an ihre Angehörigen zu
machen; Befreiung gewisser Lebensalter und Berufe (z. B. Anwärter auf die
Offizierslaufbahn in der Handelsmarine) vom Gepreßtwerden.
[17] Seesoldatenregimenter waren 1702 gegründet. Der Zweck der
Seesoldaten an Bord war ihre Verwendung als besonders gut
ausgebildete Gewehrschützen, als Kern der Landungsabteilungen und
auch als Stützen der Disziplin. Vgl. hierüber auch Band I, Seite
182, 506. Von der Besatzung der Schiffe wird man etwa ein Fünftel
als Seesoldaten annehmen können. Die Seesoldatenregimenter
bildeten eine stehende Truppe, von der die Schiffe bei der
Indienststellung ihren Bedarf entnahmen, während ihr Matrosenkorps
neu zusammengestellt wurde.
$Über das Leben an Bord.$ Der Dienst an Bord der Kriegsschiffe blieb
seiner Härten halber lange noch unbeliebt und die Unzufriedenheit der
Leute war häufig groß. In den Kriegsjahren 1756-1763 soll die
Fahnenflucht sehr stark gewesen sein; für 1774-1780 werden 42000 Fälle
dieses Vergehens angegeben, und auf einigen Schiffen kam es zur
Meuterei. Anderseits wurden den Mannschaften einzelner Schiffe oder
Schiffsverbände von der Regierung oder von den reichen Handelsstädten
öfters für besondere Leistungen außergewöhnliche Zuschüsse zugewendet.
Wie selbst Offiziere jener Zeit über das Leben an Bord urteilten,
erfahren wir durch Laird Clowes (Band III, Seite 21; entnommen aus
»Seamans Letters«, hier gekürzt). Ein Kapitän =Edward Thompson=
schreibt um 1756 an einen jungen Verwandten, der als Midshipman
eintreten will: »An Bord hast du keine Hintertür zum Entschlüpfen,
keine fühlende Brust, um dich auszusprechen. Du vertauschst einen guten
Tisch gegen keinen, ein Bett gegen eine Hängematte an einem Orte, wo es
nie Tag wird und wohin nie frische Luft kommt; dein Licht ist bei Tag
wie bei Nacht eine elende Kerze. Die Nahrung ist gesalzen und oft
schlecht, wenn du Abwechslung haben willst, so mußt du sie dir selber
kochen; halte dir stets wenigstens Tee und Zucker, zu weiterem ist kein
Platz, da du nur eine Kiste und die Hängematte hast.... Schlechte
Gesellschaft ist Gift für die Jugend, auf den Schiffen findest du den
Auswurf der Gefängnisse; der Verurteilte hat die Wahl zwischen
Gehängtwerden oder Anbordgehen.... Du wirst etwas äußerliche Religion
finden, Sonntagsgottesdienst, aber die Gemeinde wird durch den
Bootsmann zusammengetrieben, der dabei weder Flüche noch Schläge
spart.« --
In einem anderen Briefe schreibt =Thompson= über die damals
gebräuchliche Behandlung eines Midshipman: »Der fast unerträglichen
Verhältnisse, die ihn erwarten, sind so viele, daß nur der Umstand, daß
auch die höchsten Offiziere sie durchgemacht haben, sie erdulden läßt.
Und dabei ist es ein ganz falscher Gedanke, daß junge Leute eine
schroffe Behandlung und niedere Dienstverrichtungen durchmachen müssen,
um tüchtige Offiziere zu werden. Man kann das durch andere Mittel
erreichen und ihnen dabei das Leben angenehm gestalten.... Die
Beförderung zum Leutnant ist wie die Verwandlung einer häßlichen Made
zum schillernden Schmetterling.... Die meisten unserer Kapitäne sind
Leute ohne Erziehung. Gewiß müssen junge Leute gehorchen lernen, aber
die Kapitäne brauchen nicht gemein zu werden; durch die jetzige
Behandlung wird auch ihre Autorität geschädigt. Die jungen Leute müssen
eine eigene Messe haben und von den Offizieren unterstützt werden....«
Als ein Zeichen aber, daß es nach und nach doch besser wurde, dient
eine andere Äußerung des Briefschreibers: »Im letzten Kriege genügten
ein Primchen Tabak, ein Tauende und eine Auswahl von Flüchen zum
Leutnant, jetzt aber streben alle nach Bildung und guten Formen; von
Verweichlichung dadurch ist nicht die Rede, ich glaube im Gegenteil,
die jetzigen Offiziere werden den Veteranen von 1692 im Dienste in
gleicher Weise überlegen sein, wie es der Gebildete stets dem
Ungebildeten ist.«
Wie man sieht, bezieht sich das Vorstehende auf die Verhältnisse des
Offizierersatzes; wie mögen die der Mannschaft gewesen sein? Auch
hierüber folge eine Andeutung =Thompsons=: »Ein Linienschiff mit 480
Mann Besatzung, von denen 225 den Gefängnissen entnommen oder vom
Abschaum der Straßen gepreßt waren, schiffte 1756 nach nur einigen
Monaten Kreuzen im Kanal 320 Kranke aus; neubemannt segelte es nach New
York und traf hier mit 159 Dienstunfähigen ein.« (Wir werden nach 1779
in der französischen Flotte d'=Orvilliers= Ähnliches kennen lernen.)
Dabei waren derartige Zustände keineswegs unabänderliche Folgen der
Verhältnisse jener Zeit -- langer Seereisen, unvollkommener Einrichtung
der Schiffe, ungesunder Dauernahrungsmittel, verdorbenen Wassers u.
dgl. --, denn sorgsame Kommandanten verstanden es, sie zu vermeiden.
=Cook= z. B. verlor auf den beiden letzten mehrjährigen Reisen von
seinen zwei Schiffen nur 4 oder 5 Mann durch Krankheiten.
In $Frankreich$[18] lagen die Verhältnisse weit ungünstiger für eine
gesunde Entwicklung der Marine. Wir hörten (Band I, Seite 503), daß diese
während der Regentschaft (1715-1723) arg in Verfall geriet und daß auch
=Maurepas=, der von 1723 mit Eifer und Umsicht dem Ministerium vorstand,
nicht viel zur Wiederbelebung beitragen konnte, weil Kardinal =Fleury=,
der Leiter der Politik 1723-1743, dieses Streben nicht unterstützte, um
nicht Englands Eifersucht zu erregen. Auch von 1740-1760 wurde der
Kriegsflotte von höchster Stelle keine Förderung zuteil. Niemals
bewilligte man die nötigen Geldmittel; nach Ausspruch französischer
Autoren machte die verschwenderische Hofhaltung die Quellen versiegen,
aus denen die Marine schöpfen sollte. Die Entwicklung der Seemacht
Frankreichs war eben im Gegensatz zu England, wo Volk und Parlament
mitsprachen, zu sehr von der Person des Ministers abhängig, der zu dieser
Zeit niemals ein Seeoffizier war und dessen Wahl wieder unter dem Einfluß
anderer Ratgeber des Königs stand, des Premierministers oder der
Hofpartei, und so wurde die Tätigkeit selbst tüchtiger Marineminister
gelähmt. Auch die schnelle Aufeinanderfolge der Kriege hinderte eine
Reform der Kriegsflotte.
[18] Quellen für die innere Geschichte in diesem Zeitabschnitt: Chab.
Arnault, gedrängt, aber sehr übersichtlich; Lacour I und II
ausführlicher, auch in Hinsicht auf die Bestimmungen für die
Organisation besonders unter den Ministern Maurepas und Choiseul:
diese Bestimmungen auch in Bonfils Band II, Seite 149-211.
Ebenso war die Organisation der Marine für deren Entwicklung und Leistung
ungünstig. Wieder im Gegensatz zu England, wo Seeoffiziere in der
Admiralität sowie in den Kriegshäfen die Oberleitung auch der technischen
Angelegenheiten hatten, lagen diese in Frankreich in den Händen von
Verwaltungsbeamten, ohne daß Seeoffiziere genügenden Einfluß besaßen. In
den Kriegshäfen unterstanden dem »Commandant de la Marine« (dem ältesten
anwesenden Seeoffizier) nur die in Dienst gestellten Schiffe und die
Hafenverteidigung; ein Intendant leitete alles übrige, neben der
eigentlichen Verwaltung auch die Werften und Arsenale, den Bau, die
Unterhaltung, Ausrüstung und Bemannung der Schiffe. Die zu diesen Zweigen
kommandierten Offiziere, an ihrer Spitze der »Capitaine de Port«
(Oberwerftdirektor), waren allein dem Intendanten unterstellt; ja sogar
die Verwaltungsbeamten an Bord waren unabhängig von den Seeoffizieren, so
brauchten sie z. B. nicht einmal die Erlaubnis zum Anlandgehen von ihrem
Kommandanten einzuholen. Diese Verhältnisse riefen unheilvolle Eifersucht
und Streitigkeiten zwischen den Seeoffizieren (Officiers d'épée) und den
Beamten (Officiers de plume) hervor.
=Colbert= hatte sich (1689) genötigt gesehen, in Hinsicht auf den
damaligen Stand des Seeoffizierkorps den Beamten eine so weit gehende
Macht einzuräumen. Als aber das Offizierkorps sich hob, mußten
Reibungen eintreten, und diese nahmen im Laufe der Zeit immer mehr zu,
da in der Verwaltung Nachlässigkeit sowie Unredlichkeit einriß (die
Stellen wurden sogar käuflich) und die militärischen Behörden in allem
schlecht bedient wurden. Sämtliche Militärschriftsteller klagten über
die große Macht der Beamten; mit Recht, denn Offizieren, die Leben und
Ehre einsetzen und die verantwortlich für das Wohl und Wehe ihrer
Untergebenen sind, gebührt die Oberaufsicht und die Mitwirkung bei
Erhaltung der Schlagfertigkeit ihrer Waffe.
Die Minister versuchten allerdings wiederholt, die Organisation zu
verbessern. Aber jeder von ihnen hatte neue Ideen, die sich oft schroff
entgegenstanden, und so brachten die wechselnden Bestimmungen mehr
Unsicherheit als Nutzen.
Wie bisher wollen wir die Hauptpunkte der inneren Marinegeschichte
Frankreichs an der Hand der $Amtstätigkeit der verschiedenen Minister$
betrachten. =Graf von Maurepas=, Marineminister von 1723-1749, schuf
manches Gute. Der Mannschaftsersatz[19] der Matrosen sollte, wie wir
wissen, durch Inskribierte der seemännischen Bevölkerung gedeckt werden,
die Einrichtung war aber arg vernachlässigt worden. Bei der
Bestechlichkeit der Beamten konnten sich Leute, die über einige Mittel
verfügten, loskaufen, und dieser Übelstand machte sich um so fühlbarer,
als sich infolge des Daniederliegens des Handels in den letzten Kriegen
vor 1713 die Hafenstädte entvölkerten; der Mannschaftsmangel hatte dann
zum Pressen und zu sonstigen harten Maßnahmen gegen den Rest der
Inskribierten geführt und hierdurch den Abzug der Küstenbevölkerung noch
vermehrt. Dank einer milderen Behandlung durch =Maurepas=, vereint mit
der Wiederbelebung des Handels, kehrten viele der Abgezogenen zurück und
in die Inskription kam wieder Ordnung, so daß bei Ausbruch des Krieges
1744 die Bemannung der Schiffe leichter wurde als in den vorhergegangenen
Kämpfen. Auch die Zahl der Chargen -- Offiziere, Deck- und Unteroffiziere
-- reichte für die nur geringen Indienststellungen aus, obgleich sie in
den Jahrzehnten der Friedenszeit sehr herabgegangen war; für die
Seeoffiziere z. B. von 1140 im Jahre 1696 auf 660 in 1744.
[19] Die in Frankreich vorhandenen =Seetruppen=, Seesoldaten-,
Kanonier- und Bombardier-Kompagnien, waren (wie in England)
gewissermaßen stehende Truppen, wurden aber hier von Seeoffizieren
befehligt.