Band I, Seite 598), daß sich Frankreich und Spanien in einem geheimen
Defensivbündnisse verständigt hatten, bei geeigneter Gelegenheit
gemeinsam gegen England vorzugehen; 1735 hatten diese Staaten ja bereits
das Königreich Beider Sizilien unter bourbonischen Einfluß gebracht. So
zeigt uns denn der vierte Abschnitt in dem kurzen Zeitraum von 43 Jahren
=drei große Seekriege=. In diesen treten sich als Hauptgegner England und
Frankreich gegenüber, Spanien sowie Holland spielen eine Nebenrolle:
Hollands Seestreitkräfte waren sehr zurückgegangen, und auch die
Spaniens, die zwar unter den Bourbonen (besonders unter Karl III.
1759-1788) wieder an Stärke gewannen, erreichten nicht die Bedeutung der
französischen und englischen Seegeltung.
Die Reibungen in den westindischen Gewässern führten 1739 zu einem Kriege
zwischen England und Spanien und eröffneten die großen Kämpfe zur See,
die sich wie die letzten Kriege des vorigen Abschnittes an =große
Landkriege= anschlossen.
Um das Jahr 1740 befand sich Europa in einem politischen Zustande, der
bedeutende Umwälzungen ahnen ließ. Seit dem Spanischen Erbfolgekriege lag
die Summe der politischen Weisheit in der Erhaltung des europäischen
Gleichgewichtes zwischen den Großmächten Österreich, England, Frankreich,
Holland, und nach dem Utrechter Frieden waren diese Staaten bestrebt, den
seitdem geschaffenen Zustand zu erhalten; diese Sorge führte dann aber
gerade zwei große europäische Kriege herbei. Neben den Fragen maritimer
Bedeutung bedrohten auch andere, für die allgemeinen Interessen noch
wichtigere das so ängstlich gehütete Gleichgewicht und damit den Frieden.
Frankreichs Bestreben war weiter auf die Erwerbung der österreichischen
Niederlande (Belgien) und auf die Sicherung Lothringens gerichtet, auf
das es schon durch einen Erbschaftsvertrag mit König =Stanislaus
Leszczynski= Beschlag gelegt hatte, und stieß so mit den Interessen
Deutschlands, besonders Österreichs, durch die Absicht auf Belgien aber
auch mit denen Hollands, ja sogar Englands, zusammen. In Deutschland
hatte sich ferner eine immer schärfere Spannung zwischen Österreich und
Preußen herausgebildet, und im Osten erhob sich drohend die
anschwellende russische Macht; das polnische Reich war im Verfall, und
die Türkei wurde immer schwächer.
Durch den Tod des Kaisers =Karl= VI. (Oktober 1740) kamen die Ereignisse
ins Rollen. Zwar hatten fast alle Staaten die »=Pragmatische Sanktion=«
(vgl. Band I, Seite 594 ff.) anerkannt, durch die dem Hause Habsburg --
der Kaisertochter =Maria Theresia= -- der Bestand seiner sämtlichen Lande
gesichert war, aber nach dem Tode des Kaisers traten dennoch verschiedene
Mächte mit Erbansprüchen hervor. So entbrannte =der Österreichische
Erbfolgekrieg= (1740-1748), in dem Österreich mit England, Holland und
Spanien gegen Bayern, Preußen (Erster und Zweiter Schlesischer Krieg) und
Frankreich focht; auch die anderen Staaten schlossen sich einer der
Parteien an, und der schon begonnene Seekrieg zwischen Spanien und
England lief weiter. Der Kampf um das Gleichgewicht fand dann seine
Fortsetzung und seinen Höhepunkt im =Siebenjährigen Kriege= 1756-1763, in
dem jedoch die Gruppierung der Staaten eine ganz andere war. Die
Eifersucht auf das zu Bedeutung gelangte Preußen führte jetzt Rußland
sowie auch Frankreich (hier hatten allerdings noch andere Umstände ebenso
großen Einfluß) auf die Seite Österreichs, um dem Werden eines
kraftvollen Staates im wiederaufstrebenden Deutschland rechtzeitig einen
Riegel vorzuschieben, während England durch den jetzt zur endgültigen
Entscheidung drängenden Kampf seiner Kolonien in Nordamerika mit den
französischen, sowie durch des Königs Interesse an Hannover auf die Seite
Preußens getrieben wurde; wiederum beteiligten sich auch andere Staaten
am Kriege[8]. In diesen beiden Kriegen war England bestrebt, die Kräfte
Frankreichs an den Festlandskrieg zu fesseln, indem es dessen Gegnern die
Mittel zum Kampfe lieferte, und diesen Umstand sowie die Schwäche der
französischen Marine zu benutzen, die eigene Seeherrschaft zu festigen
und seinen Kolonialbesitz zu erweitern.
[8] Auf die Geschichte dieser zwei großen Landkriege -- auf ihre
Ursachen eingehender, auf ihren Verlauf, soweit es nötig erscheint
-- werden wir bei der Betrachtung der sie begleitenden Seekriege
zurückkommen.
Im Österreichischen Erbfolgekriege fügte England den feindlichen
Seestreitkräften empfindliche Verluste zu und errang auch Vorteile in
Nordamerika, während Frankreich in Ostindien glücklicher war; die
englische Seemacht wurde aber in diesem Kriege durch verschiedene
Umstände an der Entfaltung ihrer ganzen Kraft behindert. Im
Siebenjährigen Kriege hatte England dagegen vollen Erfolg mit seinen
Plänen. Dieser Krieg brachte ihm die Herrschaft über Kanada unter
Verdrängung Frankreichs aus Nordamerika, sowie Erweiterung seines
Besitzes in Westindien; den großen Unternehmungen Frankreichs in
Ostindien wurde ein Ende gemacht; die französischen Seestreitkräfte waren
vernichtend geschlagen. Spanien, das verspätet Frankreich Hilfe zu
bringen versuchte, wurde in dessen Sturz hineingezogen. Gleichzeitig
hatte im Landkriege =Friedrich der Große= Preußens Stellung als
Großmacht gefestigt; die beiden germanisch-protestantischen Mächte
behaupteten den Sieg.
Der dritte große Seekrieg unseres vierten Abschnittes schließt sich an
den =Nordamerikanischen Freiheitskrieg= 1775-1783 an, in dem Frankreich
sowie Spanien auf die Seite der aufständischen Kolonien traten und in dem
Holland durch England selbst zu den Gegnern gedrängt wurde. Der Krieg
wurde so ein Seekrieg in allen Meeren, es handelte sich für England nicht
nur um die Herrschaft über seine Kolonien, sondern auch um die Erhaltung
seiner Obmacht zur See.
Frankreichs Kraft war jetzt nicht durch einen Landkrieg in Europa
abgelenkt, England selber mußte einen solchen in Amerika führen, und
dabei waren die Marinen Frankreichs sowie Spaniens wesentlich erstarkt.
Dieser Krieg war denn auch für England sehr gefahrdrohend und brachte ihm
keine Erfolge. Zwar hielten seine Seestreitkräfte den vereinten
feindlichen das Gegengewicht, blieben eigentlich die überlegenen, und ein
letzter Versuch der Franzosen, in Ostindien wieder die Übermacht zu
gewinnen, wurde vereitelt, aber die nordamerikanischen Kolonien erlangten
ihre Unabhängigkeit (hauptsächlich durch die Unterstützung der
französischen Flotte) und Minorka ging verloren. Die Tatsache endlich,
daß die französische Flotte in diesem Kriege die See gehalten hatte, war
von großer Bedeutung. Das französische Volk wandte sich mit lebhafterem
Interesse dem Seewesen zu; Aufschwung des Seehandels, der Kolonien, sowie
Pflege der Marine waren die Folge. In der Marine herrschten
Selbstvertrauen und Streben; sie würde in einem neuen Seekriege eine
wuchtige Waffe geworden sein, wenn nicht die Revolution gerade für sie
die verhängnisvollsten Folgen gehabt hätte.
Am Ende unseres Abschnittes war gegen die Zeit des Westfälischen Friedens
=eine völlige Umgestaltung Europas= abgeschlossen. Das kolonienreiche
Spanien, die Militärmacht Schweden und das seemächtige Holland waren aus
der Reihe der maßgebenden Staaten gestrichen; zwei neue Mächte, Preußen
und Rußland, waren schnell aufgestiegen und bildeten jetzt mit den alten,
England, Frankreich und Österreich, die Vorherrschaft der fünf
Großmächte, von denen die Politik des Weltteils abhing. -- England begann
sich zu einem außereuropäischen Weltreich auszudehnen und die Vereinigten
Staaten von Nordamerika waren als eine anglo-germanische und
protestantische Macht entstanden.
$Nebenkriege$, wie wir weiter die Seekriege nennen wollen, die nicht
von ausschlaggebender Bedeutung für die allgemeine Weltgeschichte und
für die Entwicklung des Seekriegswesens waren, sind im vierten
Abschnitt folgende:
Der Russisch-Schwedische Krieg 1741-1743, der im Zusammenhange mit dem
Österreichischen Erbfolgekriege steht; die Beteiligung der schwedischen
sowie der russischen Seestreitkräfte am Siebenjährigen Kriege; die
Russisch-Türkischen Kriege von 1768-1774 und von 1787-1792; der
Russisch-Schwedische Krieg 1788-1790.
Diese Nebenkriege werden im Kapitel VI besprochen.
$Bedeutung des Abschnittes für die Seekriegsgeschichte und für die
Entwicklung des Seekriegswesens.$ Die großen Seekriege dieses
Abschnittes haben eine bezeichnende Eigenschaft, die sie von den
früheren unterscheidet. Bisher[9] hatten die Kämpfe in den Gewässern der
Kolonien nur den Charakter des Kleinen Krieges. Sie bestanden in
Angriffen auf die Niederlassungen und den Handel dort behufs Schädigung
des Feindes sowie eigener Bereicherung; die dazu verwendeten
Seestreitkräfte waren nur gering. Von nun an aber, und in den Kriegen
dieses Abschnittes ganz besonders, bleiben die Ereignisse in den fernen
Meeren nicht mehr nur Ausläufer des in Europa und seinen Gewässern
ausgefochtenen Entscheidungskampfes; die Weltgeschichte ist nicht mehr
die Geschichte Europas, sondern die der atlantischen Welt.
[9] Vgl. Band I, Seiten 472, 483, 562, 574.
Die Kolonien hatten eine höhere und stetig wachsende Bedeutung für die
europäischen Staaten gewonnen, sie bildeten einen Teil der Gesamtstaaten,
von dem die Vermehrung des Nationalwohlstandes abhing. Sie erzeugten in
regelmäßigem Anbau Produkte, die der europäische Markt nicht mehr missen
konnte und waren als Abnehmer heimischer Erzeugnisse unentbehrlich
geworden; es wurde aus diesem Grunde notwendig, den Verkehr zwischen
ihnen und dem Mutterlande auch im Kriege zu behaupten. Deshalb schließen
sich an den Hauptkriegsschauplatz in den europäischen Gewässern
überseeische Schauplätze an, ja diese werden zuweilen die wichtigeren,
und zwischen beiden muß die Verbindung aufrechterhalten werden, da von
der Kraftquelle in der Heimat die Leistungen draußen abhängen. Alle diese
Gründe rufen den Kampf um die Seeherrschaft im weitesten Sinne hervor und
der =Strategie zur See wird damit ein größerer Spielraum angewiesen=.
Es erscheint nun auffällig, daß erst in dem letzten der drei Seekriege
große Flotten auftreten; dies war hauptsächlich eine Folge der Schwäche
der französischen Marine. In Frankreich war zwar der Aufschwung des
Seehandels und der Kolonien während der Friedensjahre seit 1713
volkstümlich, aber die Regierung stand ihm kalt und mißtrauisch
gegenüber. Sie ließ die Marine mehr und mehr verfallen, ja noch während
der beiden ersten Kriege wurde wenig für sie getan; der Landkrieg sog die
Hilfsquellen auf. Die vorhandenen Seestreitkräfte wurden außerdem
zersplittert, Frankreich führte diese Seekriege lau und ohne
strategisches Verständnis für ihre Wichtigkeit. Erst nach den maritimen
Niederlagen und Verlusten im Siebenjährigen Kriege hob man auf Drängen
des Volkes die Marine und sie trat nun im letzten großen Kriege, im
Verein mit der gleichfalls erstarkten spanischen, mächtiger und
tatkräftiger auf als je zuvor. Dieser Krieg wurde zwischen den
europäischen Gegnern zu einem reinen Seekriege mit großen Flotten in
allen Meeren.
$Die Bedeutung der Kolonien.$ Im ersten Bande (Kapitel XII) ist eine
kurze Geschichte der Kolonien gegeben, um deren Umfang, ihren Wert für
die Besitzer und ihre innere Kraft um 1740 zu veranschaulichen; die
Weiterentwicklung ihrer Verhältnisse wird bei jedem der nun folgenden
Kriege berührt werden. Bei der Wichtigkeit, die die Kolonien für sie
haben, soll hier nochmals die Stellung der Gegner außerhalb Europas vor
Augen geführt werden; der Einfluß der Kolonien auf die Strategie ergibt
sich daraus.
=In Nord-Amerika= besaß =England= 13 Kolonien, die späteren
»Vereinigten Staaten«: Die vier nördlichen oder Neuengland-Staaten:
Newhampshire, Massachusetts mit Maine, Connecticut, Rhode-Island; die
fünf mittleren: New York, New Jersey, Delaware, Pennsylvanien,
Maryland; die vier südlichen: Virginien, Nord- und Südcarolina,
Georgia. Diese Kolonien hatten 1740 schon eine Bevölkerung von etwa
1200000 Weißen und 200000 Negern, die schnell weiter zunahm (1760:
1385000 Weiße, 310000 Neger; 1770 insgesamt 2312000 und 1780 2943000
Seelen). Die Einwohner waren Ackerbauer, Kaufleute, sowie Seeleute und
hingen noch mit Begeisterung am Mutterlande, wenn sie auch im
wesentlichen auf sich angewiesen waren und sich selbst regierten. An
einer solchen Bevölkerung, die außerdem auf die Franzosen sowie die
Kanadier sehr eifersüchtig war, und an einem in jeder Beziehung
ertragsfähigen Lande mit langer Seeküste und guten Häfen, in dem schon
viel für die Entwicklung des Seewesens getan war (für Kriegsflotten
voll leistungsfähige Werften gab es allerdings noch nicht), hatte
England in den beiden ersten Kriegen eine sichere Basis auf der
westlichen Halbkugel.
=Frankreich= besaß Kanada und =Louisiana=, worin das ganze Ohio- und
Mississippi-Tal als notwendiges Glied zwischen dem St. Lorenz-Strom und
dem Golf von Mexiko einbegriffen war. Dieses Zwischengebiet war jedoch
nur schwach besetzt, und England erkannte Frankreichs Anspruch darauf
nicht an. Die Stärke der französischen Stellung lag in Kanada, das 1740
etwa 50000 Weiße zählte (1760 etwa 80000). Die Ansiedler beschäftigten
sich hier nur soweit mit Handel und Landwirtschaft, wie es für ihre
unmittelbaren Bedürfnisse nötig war, in erster Linie lebten sie von der
Jagd und dem Waffendienst. Eine militärische und mönchische Regierung
hemmte Unternehmungslust sowie freie Verbindung zu gemeinsamen Zielen;
selbst die für die Schiffahrt im Innern nötigen Fahrzeuge mußte man
größerenteils in den englischen Kolonien kaufen. Kanada bot so und auch
infolge der weiteren Entfernung von Westindien sowie seines rauhen
Winterklimas vom militärisch-seemännischen Standpunkte aus für
Frankreich weit weniger Nutzen als die englischen Kolonien für England;
ein Vorteil Kanadas war wohl, daß es unter einheitlicher Verwaltung
stand, während die englischen Provinzen nur lose zusammenhingen und
nicht immer einig waren.
Bei der Schwäche der Bevölkerung und den geringen Hilfsmitteln des
Landes lag das Geschick Kanadas in einem Kriege ganz in der
Unterstützung durch die Seemacht Frankreichs, die sich entweder in
unmittelbarer Beherrschung der benachbarten Gewässer oder in der
Ablenkung des Gegners durch Bedrohung anderer Punkte äußern mußte. Von
großer Bedeutung war hierbei der St. Lorenz-Strom, der den Zutritt bis
zum Herzen des Landes gewährte; Neufundland und Neuschottland hatte
Frankreich zwar schon verloren, aber es besaß in der Insel Breton mit
der starken Feste Louisbourg noch den Schlüssel zum St. Lorenz-Golf. Im
dritten, dem amerikanischen Befreiungskriege, gehörte Kanada England.
Es bot ihm in Halifax einen Stützpunkt für die Seestreitkräfte und
bildete für die anderen aufständischen Kolonien, da diese es weder zum
Anschluß bringen noch erobern konnten, eine Grenze, die stets bewacht
werden mußte.
=Spanien= besaß 1740 in Nordamerika außer Mexiko nur Florida, ungenau
begrenzte weite Gebiete um die Halbinsel gleichen Namens; diese Kolonie
blieb (auch als sie später in englischem Besitz war) während der Kriege
von geringer Bedeutung.
=In Westindien, Mittel- und Südamerika= hatte =Spanien= die unter dem
Namen »Spanisch-Amerika« bekannten Länder im Besitz, sowie die Inseln
Kuba, Portoriko und vier Fünftel von Haïti; Kuba mit etwa 140000, Haïti
mit 400000 Einwohnern aller Farben. =Frankreich= besaß Guadeloupe
(10000 Weiße, 50000 Neger), Martinique (24000 bzw. 60000), ein Fünftel
von Haïti (40000, 230000) sowie die kleineren Inseln Grenada, Marie
Galante, St. Martin, Les Saintes, St. Croix und auf dem Festlande
Cayenne. Zu =England= gehörten Jamaika (etwa 10000 Weiße), Barbados
(20000 Weiße, 69000 Neger) sowie die kleineren Inseln Nevis, Antigua,
Montserrat, Barbados, Anguilla, die Virgin-Inseln, die Bermudas und die
Bahamas (alle zusammen vielleicht 15000 Weiße). Man ersieht, daß die
Einwohnerzahl der französischen Inseln die der englischen beträchtlich
übertraf. Auf dem Festlande besaß England an der Küste von Honduras
Niederlassungen (z. B. Belize, die Insel Roatan, am Kap Honduras, 1739
erworben), die besonders als Stationen für Holzausfuhr dienten.
Die Inseln Dominica, St. Lucia, St. Vincent und Tabago, auf die sowohl
England wie Frankreich Anspruch gemacht hatten, waren vorläufig (1730)
als »=neutrale Inseln=«, den Indianern gehörig, erklärt.
Man sollte nun annehmen, daß die Eroberung der fruchtbaren Inseln vom
Gegner ein Hauptziel geworden wäre, aber mit Ausnahme des spanischen
Wunsches, Jamaika dauernd wiederzugewinnen, scheinen solche Pläne nie
ernstlich gehegt zu sein. Das zur See mächtigere England wurde wohl
durch die größere Masse des Volkes mehr auf Nordamerika hingewiesen und
die kleineren westindischen Inseln, aus denen der englische Besitz
hauptsächlich bestand, sind einzeln zu klein, um sie ohne unbedingte
Seeherrschaft erfolgreich behaupten zu können; hiermit aber konnten die
Gegner Englands nicht rechnen. So wurde gegen die Inseln von beiden
Seiten mehr der kleine Krieg geführt; man sah sie gewissermaßen wie
Schiffe oder Konvois mit feindlichem Gute an. Sie gehen häufig von
einer Hand in die andere über; sie werden angegriffen, um sie zu
brandschatzen; die Garnisonen werden gefangen genommen und die
Befestigungen zerstört, um den feindlichen Seestreitkräften ihre
Stützpunkte zu rauben. Die beim Friedensschluß etwa noch besetzten
werden aber meist wieder zurückgegeben; nur das Schicksal der
sogenannten neutralen Inseln entscheidet sich in den Kriegen unseres
Zeitabschnittes; sie wurden zwischen England und Frankreich verteilt.
Die Tatsache aber, daß jede der großen Mächte in Westindien, diesem
Brennpunkte des Handels, Besitzungen hatte, zog kleine Geschwader, wie
auch besonders im dritten Kriege große Flotten dorthin; eine große Zahl
der Seekämpfe spielt sich hier ab.
=In Ostindien= besaß =England= als Hauptniederlassungen Bombay, Madras
und Kalkutta; =Frankreich= Mahé, Pondichery und Chandernagore (am
Ganges). Dieser Staat hatte großen Vorteil durch Besitz der Inseln Isle
de France und Bourbon, die als Zwischenstationen auf dem Wege nach
Indien, sowie als Stützpunkte in der Nähe dieses Landes dienten. Beide
Staaten wurden in Indien nur durch ihre Kompagnien vertreten. Diese
waren zwar um 1740 noch nicht sehr stark, strebten aber gerade in dem
hier behandelten Zeitabschnitt wetteifernd dahin, ihre Macht
auszudehnen, und hinter ihnen standen die Regierungen ihrer
Mutterländer; die Kriege wurden deshalb auch hier von Bedeutung und
berührten gleichfalls die Philippinen, die einzige Besitzung =Spaniens=
im fernen Osten.
=Die holländischen Kolonien= -- in Westindien nur unbedeutend, in
Ostindien, mit Ausnahme eines Kontors in Negapatam, auf die Inselwelt
beschränkt -- wurden erst im dritten großen Kriege in den Streit
verwickelt, als Holland gegen England stand; sie spielten aber auch
dann nur eine untergeordnete Rolle. Wichtig wurde allein =das Kapland=,
das nun den Franzosen als eine weitere Station auf dem Wege nach Indien
zur Verfügung stand.
Die sonstigen Besitzungen der Staaten =in Afrika= waren lediglich
Handelsstationen ohne militärischen Wert.
=Die Kriege des vierten Abschnittes sind ferner beachtenswert für die
Fortentwicklung der Taktik.= Die Engländer treten in sie ein mit rein
schematischer Durchführung gewisser kühner, aber unvorteilhafter
Angriffsregeln, die außerdem sowohl den Oberbefehlshaber wie die
Unterführer binden und lähmen. Die Franzosen bauen gegen diese Angriffe
eine Verteidigungstaktik auf, mit Verwertung der jetzt auch erkannten
Vorteile der Leestellung, führen diese aber gleichfalls nur schematisch
durch, anstatt errungene Vorteile durch angriffsweises Vorgehen
auszunutzen. Die Folge war, daß fast alle Schlachten unentschieden
blieben. Erst gegen das Ende des Zeitabschnittes brechen bedeutende
Führer beider Völker (=Rodney= und =Suffren=) mit dem Schematismus, und
es kommt neues Leben in die Taktik; wie im dritten Abschnitt erscheint
dann auch wieder ein aufsehenerregendes Werk (das des Schotten Clerk)
über seetaktische Fragen.
In der =Entwicklung der Streitmittel=, der Schiffe und der Artillerie,
zeitigt der Abschnitt nur wenige hervorragende Änderungen. Die Klassen
der Schlachtschiffe werden in sich gleichmäßiger und man verwendet als
solche in erster Linie Schiffe der bisherigen mittleren Größe (zu 74
Kanonen); die Fahrzeuge zu besonderen Zwecken werden bedeutend vermehrt,
schwerere Fregatten erbaut. An Geschützen führen die Engländer die
Karronaden als eine für den Nahkampf besonders wirksame Waffe ein.
[Illustration]
* * * * *
[Illustration]
Zweites Kapitel.
Die Entwicklung des Seekriegswesens von 1740-1793.
$Schiffe, Nautik$ (Entdeckungen), $Schiffsklassen, Waffen, Personal$
(Organisation der Marine), $Taktik$.
Die Betrachtungen schließen an das zweite Kapitel des dritten
Abschnittes (Band I, Seite 161-188) an. Wie dort und aus dem gleichen
Grunde sind in erster Linie die englischen Verhältnisse zugrunde
gelegt; wichtige Abweichungen in anderen Marinen sind jedoch angeführt
oder aus den Angaben über »die Streitmittel« vor jedem Kriege zu
ersehen.
Als $Hauptquellen$ dienten: Clowes III; Charnock III; Arenhold; Troude
I; Colomb, Kapitel V; Schwarz. (Vgl. Quellenverzeichnis.)
Schiffe, Nautik, Schiffsklassen.
Wir haben im ersten Bande die Entwicklung des Einzelschiffes und die
Einteilung der Schiffe in Klassen eingehend verfolgt und kamen
schließlich zu dem Ergebnis, daß um 1739 in beiden Hinsichten ein
gewisser Abschluß erreicht war. Die weitere Zeit der Segelschiffahrt
bringt nur noch Vervollkommnungen des Einzelschiffes, dessen Typ --
besonders der des Schlacht- (Linien-)schiffes -- feststand, und
Verschiebungen in der Klasseneinteilung. Beides vollzieht sich weiter in
den uns schon bekannten Richtungen: Anstreben besserer See- und
Segelfähigkeit des Einzelschiffes, sowie Vergrößerung des Raumgehalts bei
gleicher Kanonenzahl; Herbeiführen von Gleichmäßigkeit der Schiffe einer
Klasse, Bevorzugung der ehemaligen Mittelklasse der Linienschiffe
(Nichtvermehrung der sehr schweren, Abstoßung der kleineren), sowie
Vermehrung der Fahrzeuge zu besonderen Zwecken.
$Die Linienschiffe.$ Schon im 17. Jahrhundert hatte Frankreich die
Führung im Schiffbau übernommen. Hier beschäftigte man sich zuerst
wissenschaftlich mit Untersuchungen über Stabilität und Manövrierkunst.
Auf Anregung der Académie des Sciences in Paris nahmen hervorragende
Gelehrte ein reges Interesse an der Theorie des Schiffbaues, und die
Schiffbauingenieure wurden sorgfältig ausgebildet. Auch noch im 18.
Jahrhundert benutzten die Engländer gern eroberte französische Schiffe
als Muster bei ihren Neubauten und stellten sie stets in ihre
Schlachtflotte ein, während die Franzosen erbeutete englische
Linienschiffe nur als Begleitschiffe aufbrauchten. Die wissenschaftliche
Behandlung des Schiffbaues führte zur Vergrößerung der Schiffe, um sie
seefähiger zu machen, zur Verbesserung der Formen unter und über Wasser,
um die Segelkraft zur Fortbewegung und zum Manövrieren besser
auszunutzen; nach Theorie und Erfahrung wurden die Verhältnisse der
Hauptmaße des Schiffskörpers und der Takelage zu einander festgesetzt. An
Stelle der vollen Formen des Vorschiffes treten schärfere Linien; das
Heck wird gefälliger und weniger massiv, doch verschwindet hier die
eigentliche Schiffsform unter überreichem bildnerischen Schmuck, sowie
den Anbauten, die zugunsten einer bequemen Ausgestaltung der Wohnräume
für den Kommandanten und die Offiziere, selbst auf Kosten der Armierung,
angebracht wurden.
[Illustration: Englisches Linienschiff »The Terrible 74«. Den Franzosen
1747 abgenommen.]
[Illustration: Heck eines französischen Linienschiffes.]