vergeblich, anstrengend; denn sein Auge war, obschon sehr gut, doch nicht
so scharf sehend, als das seines Freundes.
»Da! da!« war Kolbis Antwort, indem er mit der Hand nach der Gegend
hinzeigte. »Siehst Du es denn nicht?«
»Ich sehe nichts, gar nichts!« antwortete ihm William; »Du hast Dich wohl
getäuscht, Kolbi?«
»Gewiß nicht! Ich sehe es deutlich, ganz deutlich, und es bewegt sich!«
»O mein Gott!« rief William bei diesen Worten, und er wurde blaß vor
Freude; »o mein Gott, wenn es ein Schiff wäre!«
»Es ist nur ein Punkt, sage ich Dir, und kein Schiff,« versetzte Kolbi,
»wenn es ein Canot wäre, müßte es ja größer sein.«
»Aus großer Ferne gesehen, erscheinen die Dinge viel kleiner,« antwortete
ihm William, der noch immer nach der ihm bezeichneten Gegend hinstarrte,
aber leider nichts sehen konnte.
»Siehst Du denn den Punkt noch immer?« fragte er Kolbi nach einer ziemlich
langen Pause, die zwischen den Freunden entstanden war.
»So deutlich, wie ich Dich sehe,« war die Antwort, »und der Punkt ist jetzt
schon größer, als er in dem Augenblicke war, wo ich ihn zuerst sah.«
Wie pochte das Herz in Williams Brust bei diesen Worten! Wie strömten seine
Gefühle über! Konnte er noch daran zweifeln, daß das, was sein schärfer
sehender Freund sah, ein Schiff, vielleicht gar ein von Europa kommendes
Schiff sei? So war vielleicht Rettung, Erlösung nahe! So sollten Leiden und
Entbehrungen vielleicht ihr Ende bald finden! Thränen traten ihm, besonders
bei dem Gedanken, seine über Alles theure Mutter, die geliebte Heimath
wiedersehen zu sollen, in die Augen, und rollten in Strömen über seine
Wangen. Kolbi, der ihn weinen sah, fragte theilnehmend:
»Du weinst? Hat Kolbi Dich betrübt, William? Was hat Kolbi Dir Böses
gethan?«
»O nichts, nichts, Du guter, lieber Kolbi,« rief William, indem er den
Freund umarmte; »Du hast mir im Gegentheil durch Deine Entdeckung eine
unendlich große Freude gemacht. Das, was Du mit Deinem geübteren
Auge bereits siehst und was ich noch nicht sehen kann, ist aller
Wahrscheinlichkeit nach eines von den großen schwimmenden Gebäuden, von
denen ich Dir so viel erzählt habe, und die wir Schiffe nennen. Auf einem
solchen Schiffe bin ich hierhergekommen, wie Du schon weißt, und wenn es
Gottes Wille wäre, mich zu erretten, so könnte das, was Du siehst, hier in
der Nähe Anker werfen, die Mannschaft könnte ans Land kommen und mich mit
sich nehmen, nach Europa, in die geliebte Heimath zurück.« --
»Und dann bliebe Kolbi hier allein zurück und stürbe aus Kummer über
William?« fragte der Wilde traurig.
»Nicht doch! Wie könnte ich Dich wohl verlassen, Dich, meinen einzigen,
meinen liebsten Freund auf der Welt?« war Williams Antwort. »Nein, Kolbi,«
fügte er unter Thränen hinzu; »nein, ohne Dich ginge ich nicht! Aber
meine weißen Brüder würden uns Beide mitnehmen; ich würde Dich in meine
Vaterstadt Hamburg, in das Haus meiner Mutter führen, würde ihr sagen: da
ist mein Freund, mein Bruder Kolbi; nimm ihn an zu Deinem Sohne und liebe
ihn, wie Du mich liebst; und sie würde Dich eben so lieben, Kolbi, denn sie
ist gut und liebevoll!«
Das Alles sprach er unter immer heftiger strömenden Thränen und Kolbi, der
ihn nicht weinen sehen konnte, ohne mitzuweinen, weinte auch diesmal mit.
Eine Stunde und drüber verging indeß noch, bevor auch William den
beweglichen schwarzen Punkt am Horizont unterscheiden konnte; so wie er ihn
aber gesehen hatte, sank er auf seine Kniee nieder und sandte ein heißes
Dankgebet zu seinem himmlischen Vater empor; denn sein Herz zweifelte schon
nicht mehr an der Rettung.
Der Morgen und selbst der noch übrige Rest des Tages verging den Freunden
in einer Art von bänglicher Erwartung. William besonders war in tiefster
Seele bewegt; Kolbi dagegen, seit er das Versprechen von seinem Freunde
hatte, daß er ihn nicht allein auf der Insel zurücklassen wolle, weit
ruhiger; letzterer konnte sogar von den mitgenommenen Speisen genießen,
während William keinen Bissen über seine Lippen zu bringen vermochte, wie
man gewöhnlich in einer so großen innern Bewegtheit nicht an Speise und
Trank zu denken vermag.
Die Freunde hatten sich auf einer kleinen Erhöhung in der Nähe des Strandes
niedergesetzt und schauten mit unverwandten Blicken auf das Meer hinaus.
Der zu Anfang so kleine Punkt trat mit jeder Stunde deutlicher hervor und
als es zu dämmern begann, konnte man bereits die Umrisse des Schiffs genau
unterscheiden.
Was hätte William nicht darum gegeben, wenn die Natur diesmal zu seinen
Gunsten ihre gewohnte Ordnung umgekehrt und es nicht hätte Nacht werden
lassen? Aber ach! sie ging ihren gewohnten Gang fort und mit jedem
Augenblick wurde es dunkler, bis endlich vollkommene Nacht auf den
Gegenständen ruhte, und das Auge nichts mehr unterschied, als über sich den
Himmel und die Sterne.
William konnte trotz dem, daß er nichts mehr zu sehen vermochte, kein Auge
zuthun; Kolbi aber schlief, wie gewöhnlich und erwachte erst, als sein
Freund ihn mit lautem, fröhlichem Zuruf erweckte. Die liebe Sonne war zwar
noch nicht aufgegangen; aber schon zeigten sich ihre rosigen Boten, schöne,
purpurrothe Wölkchen am östlichen Himmel und die Helligkeit verdrängte
siegreich die Nacht, die bisher mit ihren Schleiern Meer und Erde bedeckt
hatte.
Man sah jetzt ganz deutlich, etwa in der Entfernung einer deutschen Meile,
das Schiff liegen; doch war es der Insel nicht näher gekommen; vermuthlich
hatte es sich aus Vorsicht während der Nacht vor Anker gelegt, um nicht
zwischen die Klippen und Felsenriffe zu gerathen, womit das Meer in der
Nähe der Insel besät sein konnte. Kaum war es indeß völlig Tag geworden,
so entfaltete es seine schneeweißen Segel wieder und schwamm zwar langsam,
aber majestätisch heran.
William verwandte kein Auge mehr davon und folgte mit seinen Blicken jeder
Bewegung des Schiffes. Es schien ihm indeß nothwendig, der Mannschaft
desselben ein Signal zu geben, daß man Menschen, auf Rettung hoffende
Menschen, auf der Insel finden würde, und so bat er Kolbi, mit dem Beile,
das man mit auf die Wanderung genommen hatte, im nächsten Gehölze einige
lange Aeste zu fällen und sie her zu bringen. Kolbi willfahrte ihm, ohne
begreifen zu können, was er mit dem Begehrten wolle.
Als er mit seinen Aesten wieder bei William angelangt war, band dieser sie
zusammen, so daß sie eine ziemlich lange Stange bildeten, und befestigte an
der Spitze derselben sein weißes Hemd, das er inzwischen ausgezogen hatte.
Beide steckten dann die improvisirte Fahne so tief in den Sand des Strandes
ein, das sie fest und aufrecht stand. William wußte, daß man auf den
Schiffen die Gewohnheit hat, sich fleißig mit dem Fernrohr nach allen
Seiten umzuschauen, und gab sich so der Hoffnung hin, daß man auch sein
Signal bald entdecken werde.
Dies geschah in der That; er bemerkte, daß eine große Bewegung auf dem
Schiffe entstand und hoffte, obgleich er noch nichts genau zu unterscheiden
vermochte, daß man ein Boot aussetzen und einige Mannschaft zur Insel
senden würde.
Es dauerte auch nicht gar lange, so rief Kolbi:
»Ein Canot! Ein Canot!«
Bei diesem Rufe sank William betend auf seine Kniee nieder und sendete
ein heißes Dankgebet zu seinem himmlischen Vater empor: durfte er doch nun
nicht mehr daran zweifeln, daß die Rettung nahe sei!
[Illustration: ~Seite 224.~]
Zweiundwanzigstes Kapitel.
Nach Verlauf von etwa anderthalb Stunden war das Boot der Insel bis auf
einige Flintenschüsse nahe gekommen. William und Kolbi standen hart am
Strande und streckten den Rettern flehend die Hände entgegen. Man winkte
ihnen mit Mützen und Taschentüchern, man schien sie anzurufen; allein die
Brandung des Meeres übertönte den Ruf der menschlichen Stimme.
»Kolbi,« sagte jetzt William, »wir Beide können schwimmen; komm, laß uns
in das Meer stürzen und zu unsern Rettern hinüberschwimmen, die vielleicht
durch die Furcht zurückgehalten werden, ihr leichtes Fahrzeug durch im
Meere verborgene Klippen gefährdet zu wissen; ich glaube aber, daß man an
dieser Stelle, trotz der heftigen Brandung, ohne Gefahr landen kann, und
das wollen wir ihnen sagen.«
Kolbi war mit dem Vorschlage seines Freundes zufrieden; im Nu waren die
Kleider abgeworfen und Beide sprangen beherzt in das Meer. Als das die
Leute in der Barke sahen, setzten sie die Ruder, die bisher geruht hatten,
wieder in Bewegung, und man steuerte getrosten Muthes auf die beiden kühnen
Schwimmer zu, die man bald erreichte.
So wie William und Kolbi in der Nähe des Bootes angelangt waren, rief man
ihnen in deutscher Sprache -- o welch ein himmlischer Klang war die für
das Ohr unsers Williams! -- zu: sie möchten nur getrost an Bord kommen,
und schon nach wenigen Minuten standen unsere Freunde mitten unter der
Mannschaft.
Man begrüßte einander, man befragte sie nach ihrem Namen, nach ihren
Schicksalen, ihrem Vaterlande; man war nicht wenig erstaunt, auch einen
Eingeborenen des Landes -- denn dafür erkannte man Kolbi auf den ersten
Blick -- ziemlich fertig Deutsch reden zu hören, und hörte mit sichtbarer
Theilnahme Williams Erzählung zu.
Diese Theilnahme bewies ihm vor allen Andern ein hoch und schlank
gewachsener Mann von mittleren Jahren, aus dessen angenehmen, gewinnenden
und freundlichen Gesichtszügen zugleich Milde, Freundlichkeit und Geist
hervorstrahlten. Er trug ziemlich langes, lockiges Haar, das fast bis auf
die Schultern hinabfiel, und sprach fertig Deutsch, obwohl mit einem etwas
fremdartigen Accent.
Alle, die im Boote waren, bezeigten gegen diesen Mann eine ganz besondere
Ehrfurcht und Zuneigung, denn so wie er sprach, schwiegen sogleich alle
Andere.
Während die Matrosen sich besonders mit Kolbi beschäftigten, der ihre
Aufmerksamkeit fast mehr noch als William in Anspruch nahm, mußte
Letzterer sich zu dem freundlichen Manne setzen, um ihm ausführlicher
seine Erlebnisse mitzutheilen. Als William ihm sagte, daß er, obschon von
englischen Eltern abstammend, doch ein Hamburger von Geburt sei, verklärte
ein angenehmes Lächeln das Gesicht des liebenswürdigen Mannes und er sagte:
»Hamburg kenne ich sehr gut und habe mich zu verschiedenen Zeiten daselbst
aufgehalten.«
Das war denn eine große Freude für William, besonders als der Fremde seine
geliebte Vaterstadt lobte und sagte, daß sie eine der angenehmsten und
bedeutendsten Städte der Welt sei und er sie sehr lieb gewonnen habe.
Das von einem vorsichtigen und geschickten Steuermann gelenkte Boot landete
endlich an der Insel und Alle stiegen aus; zuerst unsere beiden Freunde,
die jetzt wieder dem Anstande huldigen und sich bekleiden wollten; denn
auch Kolbi mochte nicht gern mehr ganz blos gehen und hatte sich schon
gänzlich an seine Kleidung gewöhnt.
Sobald man gelandet war, erging die Bitte an unsere beiden Colonisten, der
Mannschaft eine gute Quelle zu zeigen, damit man die mitgebrachten Fässer
damit anfülle, denn der Wassermangel, welcher an dem großen Schiffe fühlbar
geworden war, hatte den Kapitain desselben vermocht, seinen Curs nach der
Insel zu richten, in der Hoffnung, daselbst diesem empfindlichen Mangel
abhelfen zu können.
Daß man sich in dieser Hoffnung nicht getäuscht hatte, wißt Ihr, meine
Lieben. William und Kolbi führten die Mannschaft auf dem kürzesten Wege
zu ihrem herrlichen Bache in der Nähe der halbfertigen Hütte, und Alle
erlabten sich an dem köstlichen Getränke, das sie so lange schon in solcher
Frische vermißt hatten; niemals hatte ihnen der feurigste Wein so gut
geschmeckt, wie jetzt der frische Trunk aus der Quelle.
William und sein Kolbi konnten aber auch noch auf andere Weise der Pflicht
der Gastfreundschaft genug thun. Einige der köstlichen Melonen wurden aus
dem Garten geholt und an die Mannschaft des Boots vertheilt; man machte
ein großes Feuer an und legte eine Menge Pataten an die hoch emporlodernde
Flamme; während diese brieten, pflückte man die aus Gras und Stäben
geflochtenen Körbe, voll der saftigsten Himbeeren, die nicht minder
willkommen als die Melonen waren, und Kolbi, der schon gar nicht mehr fremd
gegen die weißen Männer that, versprach, daß er, wenn man ihm nur einige
Zeit lassen wolle, einen guten Braten zum Gastmahle liefern würde.
Dieses Anerbieten war nicht zu verachten, da die Mannschaft so lange kein
frisches Fleisch genossen und sich seit Monaten allein mit gesalzenem
beholfen hatte, und so sprang Kolbi auf, griff nach Bogen und Pfeilen und
stürmte fort.
Während er auf die Jagd ging, wurde beschlossen, die mitgebrachten
Wasserfässer zu füllen und an Bord zu schaffen, damit sich die auf dem
großen Schiffe befindliche Mannschaft daran erquicke, der Kapitain aber
auch zugleich Nachricht über den Stand der Angelegenheiten erhalte.
William, der selbst in seiner fast übergroßen Freude seine Besonnenheit
nicht verloren hatte, schlug vor, aus einigen Brettern, die das Dach der
Hütte bildeten, eine Art von Schleife zu machen und vermittelst derselben
die jetzt gefüllten, mithin schweren Wasserfässer leichter ans Ufer zu
führen. Dieser Vorschlag wurde mit Freuden angenommen, und bevor noch eine
Stunde vergangen war, hatte man mit vereinten Kräften die Schleife in Stand
gesetzt und zog sie, mit den Fässern und einigen Melonen beladen, unter
lautem Jubel an den Strand.
Ein Theil der Mannschaft, unter diesen der freundliche Mann, den William
gleich beim ersten Anblick schon so lieb gewonnen hatte, blieb auf der
Insel zurück, um die Ankunft der Uebrigen daselbst zu erwarten, denn man
zweifelte nicht daran, daß Alle nach der Reihe kommen würden, um sich auf
der Insel zu erfrischen.
Der liebe Mann, welcher William so sehr gefiel, war aber kein Anderer, als
der berühmte Dichter und Botaniker _Adalbert von Chamisso_, der auf der
russischen Brigg »_Rurik_«, geführt von dem Capitain _Otto_ von _Kotzebue_,
die Reise um die Welt mitmachte und jetzt mit den Andern auf diese
australische Insel gekommen war. Sollte der Eine oder Andere von Euch
die nachgelassenen Werke dieses eben so liebenswürdigen als edlen und
interessanten Mannes noch nicht kennen, so bittet Eure Eltern, daß sie
Euch damit bekannt machen, namentlich mit der »_Reise um die Welt_,« die
er geschrieben hat und mit seinen Gedichten, die zu den schönsten gehören,
welche wir besitzen, obgleich ihr Verfasser von Geburt ein Franzose war.
Adalbert von Chamisso ist jetzt todt, aber sein Andenken lebt in seinen
Freunden und Freundinnen, zu welchen letztern auch ich mich zählen darf,
fort, und seine Werke werden ewig leben.
Sobald der Marquis -- denn das war Chamisso von Geburt -- sich einigermaßen
erfrischt hatte, bat er William, sein Führer auf der Insel zu sein, deren
Pflanzenwelt für den Botaniker oder Pflanzenkundigen ein großes Interesse
haben mußte. William war gern dazu bereit, und unsere Beiden traten ihre
Wanderung an. Alle Augenblicke blieb Chamisso stehen, um bald dieses,
bald jenes Pflänzchen zu beschauen und zu pflücken, und Alles, was seine
Aufmerksamkeit erregte, wurde sorgfältig in eine blecherne Kapsel gelegt,
die er an einem ledernen Riemen über der Schulter hängen hatte.
Der Spaziergang, den beide machten, brachte sie einander noch näher.
William empfand gegen diesen liebenswürdigen und gelehrten Mann zugleich
die innigste Zuneigung und Ehrfurcht, und der offene William gefiel auch
ihm ganz besonders. Erst nach mehreren Stunden kehrte man zur Hütte zurück,
wo man eben beschäftigt war, die Jagdbeute Kolbis zum Braten vorzubereiten.
Diese bestand in mehreren wilden Tauben und einem jungen Kängeruh, das er
zu erlegen glücklich genug gewesen war. Man rupfte und sengte die Tauben
und zog dem Kängeruh das schöne, sammtweiche Fell ab; man zersägte und
zerhieb die Bretter, die einen Theil des Daches der Hütte gebildet hatten
und machte ein mächtiges Feuer an, um die Speisen daran zu braten. Allen
lief das Wasser im Munde zusammen, wenn sie an den sie erwartenden leckern
Genuß dachten; aber allgemein war auch die Klage: »Hätten wir doch nur
daran gedacht, Salz und Schüsseln mit vom Schiffe bringen zu lassen!« Denn
Fleisch ohne Salz zu essen, verstanden sie noch nicht, wie unser William,
der sich Jahre lang ohne dieses nothwendigste aller Gewürze hatte behelfen
müssen.
Groß war daher ihre Freude, als die vom Schiffe Zurückkehrenden, mit ihrem
Kapitain an der Spitze, sorgsamer als sie gewesen waren und sowohl an Salz,
als an Gefäße zum Kochen und Braten gedacht hatten. Ein fröhliches Hurrah!
begrüßte sie, als sie das mitgebrachte von der Schleife packten und es
neben dem Feuer aufstellten. Jetzt erst konnte ein leckerer Braten gemacht,
konnten die Pataten in einem großen Kessel, den man über dem Feuer aufhing,
in Salz und Wasser gehörig gekocht werden.
Der Reichthum, den die Insel an Wildbret und Geflügel darbot, bestimmte den
Kapitain der Brigg »Rurik,« sich für ein längeres Verweilen auf derselben
zu erklären, da die Mannschaft des Schiffes sowohl durch den in der letzten
Zeit eingetretenen Wassermangel, als durch den beständigen Genuß des
gesalzenen Fleisches etwas gelitten hatte. Es waren mehrere Krankheitsfälle
an Bord vorgekommen, und der Schiffsarzt hatte einen Wechsel der
Nahrungsmittel für die Mannschaft gewünscht.
Auch Adalbert von Chamisso war mit dem längern Verweilen auf der Insel sehr
zufrieden, da er eine Menge ihm bis dahin unbekannter Pflanzen darauf
fand, die er sorgfältig trocknete und in sein Herbarium (oder seine
Kräutersammlung) legte. Er war vom frühesten Morgen bis spät in die Nacht
auf den Beinen; oft begleitete ihn der Schiffsarzt, der sich auch sehr für
die Pflanzenkunde interessirte, öfterer aber noch unser William, für den
er eine besondere Neigung gefaßt zu haben schien, und der ihm von seinem
Aufenthalte auf der Insel so viel zu erzählen wußte.
Allen erging es auf derselben sehr wohl, zumal da man in dem herrlichen
Bache eine Art von Brunnenkresse gefunden hatte, die für die am Scorbut
leidenden Kranken eine wahre Wohlthat war, indem sie sie von dieser
lästigen Krankheit schnell wieder herstellte. Allein die bisher so wenig
von William und Kolbi belästigte Thierwelt hatte es seit der Landung der
russischen Mannschaft sehr schlimm. Man stellte Allem, was nur irgend
genießbar war, beharrlich nach: die wilden Tauben waren nicht mehr in den
höchsten Gipfeln der Bäume sicher; der Koango nicht mehr in seiner Höhle;
die sonst so wenig scheuen Kängeruh's wurden von allen Seiten umstellt und
mit Pulver und Blei getödtet. Alle Augenblicke erschallte der Knall einer
Flinte, denn auch die an Bord befindlichen Naturforscher stellten den
kleineren Thieren nach, um sie ausstopfen und ihren Sammlungen hinzufügen
zu können! kurz, der Krieg zwischen Menschen und Thieren war ausgebrochen,
die letzteren aber sehr im Nachtheile, da sie kein Vertheidigungsmittel
hatten und völlig wehrlos niedergeschossen wurden.
Höchst seltsam war die Wirkung anzusehen, die der erste Flintenschuß, den
Kolbi in seinem Leben vernahm, auf den armen Wilden machte. Zwar hatte er
die von der Schiffsmannschaft mitgebrachten Flinten gesehen und sie sogar,
neugierig wie er von Natur war, in die Hand genommen und sie von allen
Seiten betrachtet; er war auch gegenwärtig gewesen, als man sie mit Pulver
und Blei lud und hatte jede Bewegung der sie Ladenden mit angestrengter
Aufmerksamkeit verfolgt; allein was nun aus dem »_Dinge_« -- Ding nannte
er Alles, was er noch nicht kannte -- werden solle, das wußte er nicht.
Zufällig war es der Arzt, mit dem er auf seine Einladung ausgegangen war,
welcher den ersten Schuß that, den er in seinem Leben hörte. Dieser hatte
hoch in dem Wipfel eines Eucalyptus einen sehr schönen Papagey erblickt und
wünschte ihn für seine Sammlung zu haben. Kolbi sah, wie er »_das Ding_«
von der Schulter nahm, hörte das kleine Geräusch, welches durch das
Aufspannen des Hahns verursacht wurde, sah, wie der Arzt anlegte und zielte
und erwartete zwar mit Neugierde, aber auch mit Ruhe, was nun kommen würde.
Da -- o wie ward ihm! -- da knallte es plötzlich dicht neben ihm los, und
zugleich mit dem gutgetroffenen Papagey stürzte der Arme zur Erde.
Der Arzt war über die doppelte Wirkung, die sein Schuß gehabt hatte, sehr
erschrocken; er warf das Gewehr weg und kniete neben Kolbi nieder, der mit
festgeschlossenen Augen dalag und mit Händen und Füßen zappelte, als wäre
er selbst von dem tödtlichen Blei getroffen worden.
Vergebens redete der Arzt ihm zu, ohne alle Furcht zu sein, indem ihm weder
Schaden zugefügt worden sei noch werden solle; er antwortete ihm nicht,
sondern zappelte mit seinen Extremitäten fort und ächzte mit noch immer
geschlossenen Augen wie ein Sterbender.
Erst nach langem Zureden gelang es dem selbst durch den Vorfall
erschrockenen Arzte, ihn einigermaßen zu beruhigen und ihn dahin zu
bringen, daß er sich vom Boden erhob; dazu konnte er ihn aber nicht
bewegen, daß er ihn noch ferner auf seiner Streiferei begleitete; Kolbi
ergriff die Flucht, so wie er auf seinen Beinen stand, und lief zu William,
um diesem unter Thränen sein Unglück zu klagen und ihn zu bitten, mit ihm
die Flucht zu ergreifen; denn, sagte er, er wolle keinen Verkehr mehr mit
den »_Donner-Leuten_« haben.
Es wurde selbst William sehr schwer, ihn nur einigermaßen zu beruhigen,
und ihn von der Flucht abzuhalten; dazu aber konnte er ihn nicht wieder
bringen, nochmals ein Gewehr in die Hand zu nehmen; denn darin säße der
böse Geist, behauptete er.
Endlich, nachdem man sich beinahe acht Tage auf der Insel aufgehalten und
ihr, auf den Wunsch Chamisso's, den Namen _Rosmarien-Insel_ gegeben hatte,
-- so nannte er sie nach einer theuren Freundin, welche Rosa-Maria hieß und
ihm auch bereits in die Ewigkeit gefolgt ist -- schickte man sich an, sie
zu verlassen und auf's neue mit dem »Rurik« die hohe See zu suchen.
William und Kolbi, die man natürlich mitnahm, packten von ihren wenigen
Sachen ein, was sie nur konnten, denn jetzt, wo sie für immer von ihrer
lieben Insel scheiden sollten, hatte Alles, was sie dort besaßen, einen
doppelten Werth für sie. Besonders trug William Sorge dafür, in die Kiste
des Schiffszimmermanns Alles zu legen, was noch von den darin enthaltenen
Sachen vorhanden war. Er hatte die Absicht, wo möglich das Fehlende in
Hamburg zu ersetzen und das Ganze dann den Erben seines verstorbenen
Freundes zuzustellen; daß diese in seiner Vaterstadt lebten, wußte er und
hoffte so, sie auffinden und ihnen ihr rechtmäßiges Erbthum zustellen zu
können. Wie werth und theuer mußte nicht für diese Leute jedes Stück sein,
das der arme Steffen einst besessen hatte.
Kaum werdet Ihr es glauben können, und doch war dem so: William vermochte
sich nicht ohne heißen Schmerz von seiner geliebten Insel zu trennen,
obschon ihn das Wiedersehen der über alles geliebten Mutter, der theuren
Heimath bevorstand. Hatte er doch auf der Insel manchen guten Tag, manche
herzerhebende Stunde im Umgange mit seinem geliebten Kolbi verlebt; hatte
er doch auf ihr Nahrung und Obdach gefunden und seine körperlichen und
geistigen Kräfte üben und erkennen gelernt; der Gedanke an dieses Alles
erfüllte ihn zugleich mit Wehmuth und Dankbarkeit.
Am letzten Abende, als die Insel früh am andern Morgen verlassen werden
sollte, ergriff er die Hand seines Kolbi, um allein mit diesem noch einen
langen Spaziergang zu machen. Es war bereits kühl geworden und sie
konnten also rasch fortwandern. Himmel und Erde waren gleich schön: die
untergehende Sonne spiegelte sich im Meere ab; die Luft führte ihnen
balsamische Düfte zu; die Gipfel der hohen Eucalypten waren noch mit dem
Golde der scheidenden Sonne bestreut; die Vögel sangen ihr Abendlied in den
Wipfeln; der Bach murmelte so traut; die hohen Gräser bewegten sich leise
im sanften Abendwinde und es war eine Stille und Feier in der Natur, die
ihre Herzen unaussprechlich rührte.