Wie gern wäre Kolbi, der noch immer an seinen abergläubischen Vorstellungen

hing, seinen Brüdern gefolgt; da er aber in ihnen die Feinde seines Stammes

erkannt hatte, wagte er es nicht, sondern wollte lieber auf der Insel

seinem Schicksale entgensehen.

Zwanzigstes Kapitel.

Der Anblick, den das Haus und dessen Umgebung gewährte, war der

niederschlagendste von der Welt. Die Wilden hatten die Hütte nicht nur

eingerissen, sondern auch einen Theil der Bretter verbrannt. Von den

Geräthen, die mit so großem Fleiße und unter so anhaltender Anstrengung

von ihnen verfertigt worden waren, fand man nur einige wenige unter den

Trümmern vor, und auch diese waren zum Theil zerstört. Das Behältniß, worin

man die Thiere aufbewahrt hatte, war erbrochen und diese selbst fort:

ob die Wilden sie getödtet, ob ihnen die Freiheit gegeben hatten? wer

vermochte das zu bestimmen?

Unsre Freunde waren so betrübt über den Anblick, der sich ihnen darbot,

daß sie ganz verstummt waren und sich mit Augen ansahen, in denen Thränen

perlten.

Ein schwerer Gang stand unserm William, der sich mehr als Kolbi für die

Gartenanlage interessirte, noch bevor: er wagte es kaum, die Gartenmauer zu

ersteigen; denn was konnte er erwarten, als auch in diesem die Gräuel der

Verwüstung zu erblicken?

Endlich raffte er sich auf und erstieg die Mauer; als er oben auf derselben

stand, verklärte ein Lächeln, das erste nach längerer Zeit, sein Antlitz

und mit lauter, freudig bewegter Stimme rief er: »Kolbi! Kolbi!«

Dieser kam auf den Ruf seines Freundes eiligst herbeigerannt und fragte,

was es gäbe?

»Freude! Freude!« rief ihm William entgegen. »Unser Garten ist unversehrt

und die Melonen stehen in vollster Blüte.« --

Kolbi, der nicht wußte, welch' eine köstliche Frucht die Melone sei,

bezeigte weniger Freude, als William erwartet hatte, und sagte sogar

verdrießlich:

»Da sie uns alles Andere zerstört haben, hätten sie den Garten auch noch

zerstören können!«

-- »So denke und spreche ich nicht,« versetzte William etwas geärgert durch

die Gleichgültigkeit seines Freundes; »ich danke vielmehr Gott, daß er uns

diese Freude noch ließ.« --

-- »Ich würde deinem Gott auch gedankt haben, obgleich ich ihn noch nicht

recht kenne und mich fast so sehr vor ihm fürchte, wie vor dem bösen Geiste

_Potayan_, wenn er uns die Hütte und alles Andere auch bewahrt hätte: da

nun aber die Hütte in Trümmer liegt und unsere Gefäße zerschlagen sind,

hätte er die Blumen immerhin auch mit zerstören lassen können; denn Blumen,

und viel schönere als diese, blühen ja überall.«

-- »Wenn du erst einmal die Früchte dieser Blumen gekostet haben wirst,«

versetzte William, »dann wirst du anders sprechen; ich aber danke meinem

Gott, der ein freundlicher Gott ist, für die kleine Gabe, wie für die

große.«

Er verließ mit diesen Worten Kolbi, um nach seinen Orangenbäumchen zu

sehen, die ihm fast eben so sehr am Herzen lagen, als die Melonen, obgleich

er wußte, daß er noch viele Jahre würde warten müssen, bevor er von ihnen

Früchte zu ernten erwarten durfte. Zu seiner nicht geringen Freude waren

auch sie, wie alles Andere, unversehrt; ja sie hatten während der Regenzeit

artige Blättchen getrieben und sahen ganz frisch und kräftig aus.

Als er Alles gehörig besehen hatte und eben wieder zu Kolbi zurückkehren

wollte, der traurig neben den Trümmern der Hütte saß, hörte er die Worte

rufen:

-- »Gieb Futter! Gieb Futter!«

-- »Ach! da bist auch du noch?!« rief er freudig bewegt aus und ging auf

die Gegend zu, von welcher der Ton gekommen war. Lange konnte er das artige

Thierchen nicht finden; es hatte sich unter der Gartenmauer verkrochen,

verrieth sich aber bald durch seinen wiederholten Ruf: »Gieb Futter! Gieb

Futter!«

Endlich entdeckte William seinen Schlupfwinkel, und als er die Hand

hineinsteckte, hüpfte das artige Thier -- Ihr werdet schon errathen haben,

daß es der Königspapagei war -- ihm auf dieselbe, und sah ihn mit klugen

Blicken an, als er es in die Höhe hob.

William trug ihn sogleich zu dem trauernden Kolbi, dessen Gesicht beim

Anblick seines Lieblings vor Freude verklärt wurde. Der Verlust des

Papageis war ihm fast eben so nahe gegangen, als der der Hütte und alles

Andern, und so hatte er durch das Wiederfinden desselben auch seine

Freude in der Trübsal. Er nahm ihn von Williams Hand auf die seinige und

streichelte ihn mit der andern, was das Thierchen sich willig gefallen

ließ.

-- »Höre,« sagte dann Kolbi, »nun mag ich deinen guten Geist, den du Gott

nennst, schon besser leiden; daß er uns den lieben Vogel wieder gab, war

wirklich recht gut von ihm.«

-- »Du wirst den lieben Gott schon noch näher kennen und ihn dann eben so

lieben lernen, wie ich ihn liebe,« war Williams Antwort.

-- »Wenn er aber so gut ist, wie du sagst,« versetzte Kolbi, »weshalb ließ

er denn die Feinde an das Eiland kommen und unsern Dingo tödten, unsre

Hütte zerstören, unsre Gefäße zertrümmern? Du sagst mir immer, daß er eine

so große Macht habe und Alles könne, was er wolle; so hätte er ja auch die

Feinde abhalten können, uns so großen Schaden zuzufügen und uns in solche

Angst zu versetzen?«

»Ich weiß noch nicht,« versetzte William ernst, »wozu es gut und für uns

heilsam war, daß wir dieses Unheil erfahren mußten; allein ich hege das

feste Vertrauen zu der Gnade, Weisheit und Freundlichkeit meines Gottes,

daß er es auch in dieser Prüfung gut mit uns meinte, und daß sie zu unserm

wahren Heile dienen werde.«

Kolbi konnte dies noch nicht recht verstehen, sondern schüttelte bedenklich

das Haupt und meinte: Gottes Güte offenbare sich nur in dem seinen

Geschöpfen verliehenen _Glücke_. Er sollte aber, zu seinem Heile, eines

Bessern belehrt und davon überzeugt werden, daß Gott seine Menschen eben

am meisten liebt, wenn er ihnen Trübsal sendet. William legte indeß nicht

lange die Hände in den Schooß, sondern machte sich sogleich davon, die

Trümmer der Hütte zu untersuchen, um zu sehen, ob die Wiederherstellung

derselben wohl möglich sein würde. Diese Untersuchung gewährte aber

ein ziemlich trostloses Resultat: weit über die Hälfte der Bretter war

verbrannt und der noch übrig gebliebene Theil in einem solchen Zustande,

daß an den Wiederaufbau nicht gedacht werden konnte; ja, der Rest der

Bretter reichte nicht einmal hin, das Dach einer von großen Steinen

ausgeführten Hütte zu decken. Das war dann freilich eine ziemlich trostlose

Aussicht, um so mehr, da die Höhle noch immer von den Ameisen bewohnt

wurde, die sich für immer häuslich darin niedergelassen zu haben schienen.

Indeß mußte doch ernstlich auf ein sicheres Obdach gedacht werden, da, wenn

wieder ein Unwetter eintreten sollte, sie ohne ein solches nicht hätten

sein können.

Die Sache hatte indeß große Schwierigkeiten, denn einestheils hatte man

bereits die in der Nähe aufzutreibenden größern Steine zur Umzäunung

des Gartens benutzt, und die Gartenmauer wieder einzureißen, dazu konnte

William sich nicht verstehen, da er sich des vielen vergossenen Schweißes

erinnerte, unter dem sie die nöthigen Steine herbeigeschafft und

aufgethürmt hatten; anderntheils wurden zum Bau der Hütte eine so große

Menge von Steinen erfordert, daß man Monate lang daran hätte schleppen

müssen, und doch war das Bedürfniß eines schützenden Obdachs so dringend.

Die Mauern, welche die Hütte bilden sollten, mußten von einer doppelten

Lage von Steinen aufgeführt werden, damit sich die eine Lage gegen die

andere stütze; denn man hatte ja keinen Mörtel, um die Steine gehörig

miteinander zu verbinden und aneinander zu befestigen.

»Es sieht sehr schlimm um uns aus,« sagte William zu Kolbi, der sich wie

ein Kind noch immer mit dem wiedergefundenen Papagei beschäftigte und für

nichts Anderes Sinn zu haben schien, »es sieht sehr schlimm um uns aus, und

wir werden, fürchte ich, noch manche Nacht unter freiem Himmel zubringen

müssen, bevor wir wieder eine neue Hütte haben werden.«

»Daß wir unter freiem Himmel schlafen, ist nicht nöthig,« versetzte Kolbi

mit gleichgültigem Tone; »für mich wäre das übrigens kein allzugroßes

Unglück, da ich daran gewöhnt bin,« fügte er hinzu, »und Regen und Unwetter

wird es sobald wohl nicht wieder geben: hat doch der böse Geist alles

Wasser ausgegossen und muß erst neues wieder sammeln, um es über uns

auszuschütten.«

»Ich aber fürchte mich davor, unter freiem Himmel übernachten zu müssen,«

nahm William wieder das Wort, »weiß ich doch, wie nachtheilig das auf meine

Gesundheit wirkt.«

»Nun, so arbeiten wir nur am Tage hier,« versetzte Kolbi, »und kriechen

Nachts in die Höhle des Koala, die nicht allzuweit von hier ist. Das Thier

wird sie uns schon noch längere Zeit abtreten müssen und sollte es sich

zudringlich zeigen, so haben wir ja noch unsere Axt, um es todt schlagen zu

können.«

William, der an diesen Ausweg nicht gedacht hatte, war sehr erfreut über

Kolbis Vorschlag und nahm ihn mit Freuden an. Dann wurde sogleich zum Werk

geschritten: man räumte die Trümmer weg, legte alles brauchbare Holz auf

die Seite, reinigte den Boden und schleppte Steine herbei, welches letztere

freilich eine unendlich mühsame Arbeit war, da man die Steine zum Theil

sehr weit suchen mußte. Indeß verlor man trotz dem den Muth nicht und auch

die Kräfte reichten aus, da man sie durch eine gehörige Nahrung und einen

gesunden Schlaf wieder stärkte.

Auch für eine größere Bequemlichkeit in der Höhle des armen Koala wurde

gesorgt, indem man sie so erweiterte, daß Beide bequem Platz nebeneinander

fanden, und man den Boden mit ausgerauftem Grase bedeckte, das ein weiches,

duftiges Lager bildete.

Man arbeitete unausgesetzt den ganzen Tag über, mit Ausnahme der Zeit,

deren man zur Zubereitung und zum Genusse der Speisen bedurfte, und

schon nach etwa vierzehn Tagen hatte die Steinmauer, die man in einem

regelrechten Viereck aufführte, die halbe Höhe ihres Leibes erreicht. Mit

herzinniger Freude sahen unsere Freunde ihr mühsames Werk mit jedem Tage

mehr wachsen, und so sauer ihnen auch manchmal der Transport der schweren

Steine wurde, die noch obendrein bergauf geschleppt werden mußten, so

hörte man doch keine Klage von ihnen, und unter fröhlichen Gesprächen und

Gesängen schritt das Werk vorwärts.

Die Melonen waren indessen auch nicht faul, und gaben sich Mühe zu wachsen,

wie mir einstmals ein kleiner Knabe naiv von den über Nacht aufgebrochenen

Blumen sagte. Die Ranken breiteten sich bereits über eine große Fläche des

Bodens aus und die Blätter hatten eine in Europa nicht vorkommende Größe

erreicht; unter ihnen aber reifte still die herrliche, saftreiche und

duftige Frucht, die hier, unter dem heißen Himmelsstriche, die Größe eines

mäßigen Kürbis erreicht. Es war der Samen der schönen Netzmelone gewesen,

den William gefunden und der Erde anvertraut hatte. Jeden Tag bildete sich

das weißliche Netz deutlicher auf der grüngelben Fläche der Frucht aus, und

endlich ließ sich eine davon bereits etwas weicher anfühlen, so daß William

meinte, man könne schon zum Genusse derselben schreiten.

Es würde mir schwer werden, Euch zu beschreiben, mit welchen Empfindungen

unser Freund sein Messer hervorzog, um die Frucht abzuschneiden; ich möchte

sie eine heilige nennen, denn seine Seele war mit Dank gegen Gott, den

Geber alles Guten, erfüllt; Kolbi aber stand ziemlich gleichgültig dabei

und sah zu, wie William die Melone abschnitt und aufhob; ihn ergötzte noch

nichts daran, als die Größe der Frucht und ihr ungewohntes Ansehen; Gott

für die Gabe zu danken, kam ihm aber nicht in den Sinn.

William trug indeß die Melone unter einen großen Gummi-Baum, holte ein

Stückchen Brett herbei, legte es auf den Boden und die Melone darauf, um

sie auf diesem improvisirten Teller zu zerschneiden. So wie das Messer

hineindrang, fuhr ein hochgelber Saft aus der Wunde hervor, die er

der Frucht beigebracht hatte, so daß ihm das Wasser schon im Munde

zusammenlief; dann schnitt er ein Paar tüchtige Schnitte ab und gab erst

Kolbi eine, dann nahm er selbst eine andere und biß hinein. O, wie süß

schmeckte die Frucht, wie duftig, wie labend war sie, wie angenehm kühlend!

Kolbi sagte nichts, aber nicht, weil ihm die Melone nicht schmeckte,

sondern weil sie ihm _so gut_ schmeckte, wie noch nie etwas in seinem

Leben; das Entzücken beraubte ihn der Sprache und er kaute mit beiden

Backen.

»Nun,« sagte William, der ihm mit Vergnügen zusah, »nun, wie schmeckt

Dir die Melone? und war es nicht ein Glück, daß die Feinde die lieben

Pflänzchen verschonten? Gelt, Du hast jetzt auch Deine Freude daran,

Kolbi?«

»Ein großes Glück war es, daß sie die Pflanzen nicht auch zerstörten, wie

alles Andere,« versetzte Kolbi, indem er sich die vom Safte der Frucht

beträufelten Finger ableckte -- denn ein manierlicher Esser war der arme

Wilde noch keineswegs; -- »ein großes Glück, William! Du aber bist sehr

geschickt, daß Du solche gute Melonen machen kannst! ich könnte das nicht!«

»Ich habe sie nicht gemacht,« war Williams Antwort; »sie ist eine Gabe

unseres lieben Vaters im Himmel, des guten Gottes.«

»O, Du willst mir etwas vorlügen,« sagte Kolbi schlau lächelnd; »aber Kolbi

ist nicht so dumm, Kolbi hat gesehen, wie Du die Melonen gemacht hast, und

er glaubt Dir nicht, daß Dein Gott sie gemacht habe.«

»Ich konnte nichts weiter thun, als daß ich die gefundenen Kerne in die

Erde steckte,« versetzte William; »aber diese Kerne waren ein Werk, ein

Geschenk Gottes, und er gab Sonnenschein und Regen und das liebe Erdreich

dazu, in denen sie wuchsen und gediehen; ich konnte weder die Erde, noch

Sonnenschein und Regen machen, das konnte nur Gott.«

Kolbi antwortete seinem Freunde nicht, denn er war noch nicht im Stande,

ihn zu verstehen; er starrte aber lange vor sich hin, als wenn er recht

ernstlich über die Sache nachdächte, dann sagte er:

»Höre William, wenn es wahr ist, daß dein Gott die Melonen gemacht hat --

und ich glaube es Dir, weil Du Kolbi noch niemals belogen hast -- so

will ich ihn auch lieb haben, lieber als den guten Geist _Koyan_, den wir

anrufen, wenn wir in Noth sind oder etwas haben wollen; denn Koyan kann so

gute Melonen nicht machen. Wenn meine Brüder diese Melonen schmeckten, und

ich ihnen sagte: die hat der Gott der weißen Leute gemacht, so würden sie

ihn auch lieben, wie ich ihn jetzt liebe.«

»Thue das,« versetzte William gerührt, »und danke ihm zugleich für die

herrliche Gabe.«

»Kann er denn meinen Dank hören?« fragte Kolbi verwundert und sah sich fast

ängstlich nach allen Seiten um, als fürchte er, Gott, zu erblicken.

»Wohl kann er das,« versetzte William.

»Er ist ja aber nicht da und ich sehe ihn nirgends?«

»Er ist _unsichtbar_, aber _überall_,« war die Antwort.

Das verstand Kolbi wieder nicht, selbst da nicht, als William ihn darauf

aufmerksam machte, daß man in seinem Lande doch auch an einen guten und

bösen Geist glaube, obgleich ihn keiner gesehen.

»O, die hat man wohl gesehen!« versetzte Kolbi.

»Sahst Du sie denn je?« fragte William.

»Nein, ich nicht, auch keiner meiner Brüder; aber die Zauberer sahen sie

und sprachen mit ihnen,« versetzte Kolbi.

»Das glaube ich nicht,« erwiederte William; »Eure Zauberer sind Lügner,

wenn sie das sagen; den guten Geist, wie Ihr den nennt, den wir Gott

nennen, sieht Niemand, hört Niemand: er ist unsichtbar, wie ich Dir schon

gesagt habe.«

»Wie aber weiß man denn, daß er da ist?« fragte Kolbi.

»Man erkennt sein Dasein an seinen Werken.«

Das war wieder zu hoch für unsern armen, unwissenden Wilden; William aber

wollte ihm die Sache gern deutlich machen und fuhr fort:

»Gesetzt, Du und ich, Kolbi, trennten uns auf einige Zeit; Du gingest

dahin, ich dorthin und wir sähen einander auch gar nicht mehr, so würdest

Du doch, wenn Du nach einiger Zeit hierher zurückkehrtest und die Hütte

gänzlich vollendet fändest, bei Dir sagen: »die hat William fertig

gemacht;« so würdest Du sagen, wenn Du mich auch gar nicht mehr sähest.«

»Ja, das würde ich; denn wer sonst sollte sie gemacht haben?« war Kolbis

Antwort.

-- »Sieh,« fuhr William fort, »eben so hat sich der liebe Gott in früherer

Zeit den Menschen offenbaret, damit sie an sein Dasein glauben und ihn

anbeten sollten; jetzt, wo sie das thun, redet er nicht mehr zu ihnen,

sondern offenbart sich ihnen nur noch durch seine Werke. Er ist es, der die

Welt geschaffen hat und erhält; der die Sonne, den Mond, die Sterne, das

Meer, die Erde machte, der sie mit Menschen und Thieren bevölkerte, der

Regen und Sonnenschein, Sturm und Gewitter giebt, der die Keime in der Erde

sich entwickeln, die Pflanzen wachsen und gedeihen, die Frucht reifen läßt,

damit sich seine Geschöpfe davon nähren, daran erfreuen. Er kann, was

er will, denn er ist _allmächtig_; er will immer nur das Beste seiner

Geschöpfe, denn er ist _allgütig_, er lenkt Alles zum Besten, denn er ist

_allweise_, das heißt, er besitzt mehr Verstand und Einsicht, als alle

seine übrigen Geschöpfe zusammen; er sieht und hört Alles, denn er ist

_allgegenwärtig_.«

-- »Höre William,« versetzte Kolbi nach einer ziemlich langen Pause,

während welcher er ernstlich nachgedacht zu haben schien, »höre, ich will

deinen Gott, von dem du so viel Gutes sagst, auch lieb haben, noch lieber,

als den guten Geist, von dem die Zauberer erzählen.«

»Thue das, mein Kolbi,« antwortete ihm William, indem er ihm die Hand

reichte, »und wenn du willst, lehre ich dich beten zu unserm guten Gott im

Himmel; das Gebet, der Dank seiner Menschen sind ihm angenehm.«

-- »Ach!« versetzte der arme Kolbi mit einem tiefen Seufzer, »wie werde ich

das lernen können? bin ich doch dumm!«

-- »Du bist keineswegs dumm, sondern nur unwissend,« antwortete ihm

William; »dumm ist nur Der, _der nichts lernen kann_, unwissend aber,

welcher wohl lernen könnte, bisher aber noch nichts gelernt hat.«

-- »Es wäre ein großes Glück, wenn ich nicht dumm wäre und noch beten --

sagtest du nicht so? -- lernen könnte,« erwiederte Kolbi.

Unter diesen und ähnlichen Gesprächen verbrachten die Freunde ein sehr

angenehmes Stündchen. Sie ließen sich dabei die Melone vortrefflich

schmecken, von der William, ein guter Haushälter, die Kerne sorgfältig

sammelte, um sie demnächst der lieben Erde wieder anzuvertrauen, damit sie

neue Früchte trüge. Er trocknete sie, indem er sie auf ein großes Blatt

legte, an der Sonne und steckte dann hie und da einen Kern in die Erde. Als

sie emporkeimten, sah Kolbi nicht mehr mit Gleichgültigkeit auf die jungen

Pflänzchen, sondern freute sich ihrer, wie früher William.

Die überflüssigen Kerne -- Ihr werdet wissen, welch' eine Menge eine

einzige Melone hat, und unsre Colonisten hatten davon mehr als hundert --

blieben auch nicht unbenutzt. Der schöne zahme Papagei naschte nicht nur

sehr gern von der duftigen Frucht, sondern fast lieber noch von den Kernen,

die süßlich und sehr wohlschmeckend sind. Man gewann also ein sehr gutes

und reichliches Futter für das liebe Thierchen und hatte nicht mehr nöthig,

es mühsam zu suchen, was man früher gezwungen gewesen war zu thun.

Der Bau der Hütte rückte indeß vorwärts und da man jetzt Zeit hatte,

an Alles zu denken, wurde im Hintergrunde derselben sogar ein Feuerherd

angelegt, den man zwar nicht immer, wohl aber während eines heftigen Regens

benutzen wollte. Man hatte nämlich während der Regentage große Mühe gehabt,

die Hütte vor dem Verbrennen zu beschützen, da man gezwungen gewesen war,

das Feuer in derselben anzumachen, weil der draußen fallende heftige Regen

es ausgelöscht haben würde. Dazu gesellte sich noch ein höchst heftiger

Rauch, dem man keinen Abzug geben konnte, weil man die Thüre nicht immer

öffnen durfte. Diesen großen Unbequemlichkeiten sollte jetzt durch den Bau

eines Heerdes und Schlotfanges abgeholfen werden. Die Sache war nicht eben

leicht, aber William probirte so lange, bis sie gieng, und an Ausdauer

übertrafen ihn Wenige. Zwar mußte er, um den Schlotfang bilden zu können,

einige von seinen Brettern hergeben; allein die Sache war zu wichtig und

so durfte er nicht anstehen, sie in's Werk zu richten. In allem Andern

vertraute er Gott und hoffte mit Zuversicht auf seinen Beistand.

Endlich war die Hütte so weit, daß nur noch das Dach fehlte, aber um dieses

stand es übel: die übrig gebliebenen Bretter reichten kaum zur Hälfte aus

und an eine Thür war vollends nicht zu denken. Doch war letztere durchaus

nothwendig, schon der giftigen Schlangen wegen, die ihnen unfehlbar

nächtliche Besuche abstatten würden, wenn sie die Hütte nicht wohl

verwahrten; hatten sie doch schon in der Erdhöhle des Koala Mühe genug,

sich dieser feindlichen Gäste zu erwehren.

Die Sachen standen also ziemlich trostlos; man verlor jedoch den Muth

nicht und beschloß, die ganze Insel, immer am Meeresstrande hingehend,

zu umkreisen, in der Hoffnung, vielleicht noch einige Planken von dem

gestrandeten Schiffe zu entdecken, auf dem William hergekommen, oder auch

von einem andern, das von demselben unglücklichen Schicksale betroffen

worden war.

Zu dieser Reise, obgleich die Insel nicht groß war, bedurfte es doch

einiger Vorbereitungen, weil man nicht sicher sein konnte, überall

Lebensmittel zu finden. Man mußte daher einige Vorräthe mit sich nehmen und

ersah zu diesem ein paar Melonen, so wie eine Portion Pataten aus, die man

in einem linnenen Quersacke mit sich nahm. Nachdem man Alles wohl bedacht

und beschafft hatte, trat man in Gottes Namen die Wanderung an.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Fröhlich und wohlgemuth, theils unter heitern, theils unter belehrenden

Gesprächen, wanderten unsere Freunde fort. William, der das herzlichste

Verlangen trug, seinen geliebten Kolbi mit dem erhabenen Wesen näher

bekannt zu machen, auf das er sein vollstes, innigstes Vertrauen setzte, zu

dem er sich in Freud' und Leid immer zuerst wandte, redete seinem Begleiter

auf diesem Wege viel von Gott, und zu seiner Freude fand er jetzt schon ein

offeneres Ohr für die Wahrheiten der Religion bei demselben, als er früher

gefunden haben würde. Nach und nach entsagte Kolbi seinen abergläubischen

Vorstellungen und wandte sein Herz dem einigen wahren Gott zu. William,

dem das eine unaussprechliche Freude machte, versäumte keine sich ihm

darbietende Gelegenheit, ihn auf die Wunder der Natur und zugleich auf die

erhabenen Eigenschaften Gottes aufmerksam zu machen, und da er zwar nicht

gelehrt, aber eindringlich und aus innerster Ueberzeugung sprach, fanden

seine Worte Eingang bei seinem Freunde.

Den eigentlichen Zweck ihrer Wanderung schienen unsre Beiden indeß

verfehlen zu sollen. Wie sorgsam sie auch spähten, so erblickten sie doch

am Meeresstrande nicht das Geringste, das ihnen zu ihrem Zwecke hätte

dienen können. Es lagen zwar viele schöne bunte Muscheln und Steine genug

am Ufer, allein auch nicht das kleinste Stückchen Holz, das ihnen zu ihrem

Bau hätte dienen können.

Dies war ihnen natürlich sehr unangenehm; allein es entmuthigte William

keineswegs, sondern er sann sogleich auf Abhülfe, die ja auch noch immer

möglich war, da sie ihre Geräthschaften vor der Zerstörungswuth der Wilden

gerettet hatten.

Am zweiten Morgen ihrer fruchtlosen Wanderung war es Kolbi, der zuerst

erwachte und dem nahen Meere zueilte, um sich in der kühlen Fluth zu baden,

wie es seine Gewohnheit in der Heimath gewesen war. Er hatte kaum seine

wenige Bekleidung abgeworfen und schickte sich eben an, sich ins Wasser zu

stürzen, als sein über das Meer hinstreifender scharfer Blick ein kleines

dunkles Pünktchen am äußersten Rande des Horizontes entdeckte. Er starrte

es einige Augenblicke an und bemerkte, daß es beweglich war. Jetzt weckte

er William, um ihn auf die Erscheinung aufmerksam zu machen; denn er wußte

mit Gewißheit, daß das schwarze Pünktchen am vorhergehenden Abende nicht an

der Stelle gewesen war, und so erregte es mit Recht seine Aufmerksamkeit.

William, der durch Kolbi in einem lieblichen Traume gestört worden war, der

ihn nach der geliebten Heimath, in das Haus seiner Mutter versetzte, war

fast ein wenig unwillig, daß Kolbi ihn erweckt hatte, er rieb sich die noch

schlaftrunkenen Augen und fragte, was es denn gäbe?

»Einen schwarzen Punkt gibt es da drüben, der gestern Abend vor unserm

Einschlafen noch nicht da war,« antwortete ihm Kolbi; »komm nur und sieh

selbst.«

Jetzt sprang William auf; denn er wußte noch von seiner Seereise her,

was solche schwarze Punkte am äußersten Rande des Horizontes zu bedeuten

hatten, und sein Herz schlug fast hörbar in der Brust.

Robinson in Australien: Ein Lehr- und Lesebuch für gute Kinder · 第 13 / 16 段