Hätten sie den Garten unten im Thale angelegt, so würde es vermuthlich übel

um die jungen Orangen- und Melonenpflanzen ausgesehen haben; aber zum Glück

lag er an einem Abhange des Hügels, auf dem die Hütte stand, und so hatten

ihre kleinen Anlagen nicht den mindesten Schaden gelitten. Im Gegentheil,

es war bewunderungswürdig, wie sie gewachsen waren, seit man sie zuletzt

gesehen. Die Orangen hatten schon allerliebste Blättchen und die Melonen

fingen bereits an, sich auf dem Boden auszubreiten.

Williams Freude bei diesem Anblick könnt Ihr Euch vorstellen, meine

geliebten Kinder. Der Eine oder Andere von Euch besitzt gewiß auch ein

Gärtchen oder doch ein Beet, worauf er säen, pflanzen und wirthschaften

kann und wird in diesem Falle mitempfinden können, was unser William

empfand, als er Alles so weit gediehen erblickte. Mir ist es wenigstens als

Kind oft so ergangen, daß ich Abends vor Ungeduld kaum einschlafen konnte,

wenn irgend eine schöne Blume auf meinem Beete sich zu entfalten, ihren

farbigen Kelch dem Lichte zu öffnen im Begriff war; und früh, wenn kaum der

junge Morgen sich im Osten zeigte, wenn noch die glänzenden Thauperlen an

den Spitzen der Gräser hingen, war ich schon wieder im Garten und stand

entzückt vor meiner lieben, lieben Blume. Dieser Freude an der Natur und

dem, was sie hervorbringt, habe ich vielleicht meiner Gewohnheit, früh

aufzustehen, zu verdanken, für die ich Gott nicht genug danken kann. Die

Natur ist am Morgen am schönsten, der Mensch selbst am frischesten und am

besten zur Thätigkeit aufgelegt. Dies habe ich erkannt und mich daher bei

der guten Gewohnheit erhalten. Die meisten von den vielen Büchern, die

Euch und andern gute Kinder schon erfreut haben, sind in solchen Stunden

geschrieben worden, in denen der gern spät aufstehende Großstädter sich

noch im warmen Bette dreht. Macht es so wie ich, und Ihr werdet, meine

Geliebten, viele Zeit, ein gutes Wohlbefinden, Kraft und Munterkeit dadurch

gewinnen.

William konnte sich nicht satt sehen an seinen Pflänzchen und auch Kolbi

stimmte in seine Freude ein, obgleich er noch keinen Begriff davon hatte,

welche köstliche Früchte sowohl die Melonen, als die Orangen zu tragen

bestimmt waren. Die Früchte der erstern sollte er jedoch bald kennen

lernen; denn die Pflanzen wuchsen, daß man hätte glauben sollen, sie

wachsen zu sehen.

[Illustration: ~Seite 185.~]

Neunzehntes Kapitel.

Man kann sich keinen Begriff davon machen, wie angenehm die Luft, wie

erfrischt Alles nach diesem anhaltenden Regen und nach der Entladung der

Luft durch das Gewitter von allen in ihr angehäuften Unreinigkeiten war.

Alle Pflanzen glänzten, dufteten und standen kräftiger. Es dauerte auch

nicht gar lange, so hatte der Boden das überflüssige Wasser eingesogen und

unsre Beiden konnten sich wieder in das Thal hinabwagen, wo der schöne Bach

seine gewöhnlichen Ufer wieder gefunden hatte.

Unsre Einsiedler konnten jetzt auch wieder ihren gewohnten Beschäftigungen

nachgehen und sich durch die Jagd einen leckern Braten verschaffen; ja,

wie der Mensch ungenügsam von Natur ist, William bezeigte sogar ein Gelüste

nach Fischen, so daß er darauf dachte, von dem zähen neuseeländischen

Flachse ein Netz zu machen, in dem er am Meere die harmlosen Bewohner der

kühlen Fluth zu fangen gedachte. Er hatte aber die Rechnung ohne den Wirth

gemacht: hart am Strande waren keine Fische und an einem Kahne fehlte es

ihnen, weil William nicht die Vorsicht gebraucht hatte, das Canot, auf dem

Kolbi hergekommen, gehörig zu befestigen: die nächste etwas hochgehende See

hatte es also mit sich fortgerissen.

Indessen verzweifelten unsre Freunde keineswegs daran, auch noch ein Canot

herzustellen; sie trauten sich, im Besitze ihrer Geräthschaften, schon

immer mehr und mehr zu, besonders da sie mit jedem Tage geschickter in der

Handhabung derselben wurden. Ein Baumstamm konnte vermittelst der Säge und

der Axt in wenigen Tagen gefällt werden und das Aushöhlen desselben

durch darin angezündetes Feuer verstand Kolbi sehr gut. Es wurde also

beschlossen, schon in den nächsten Tagen zum Werke zu schreiten und es kam

nur noch darauf an, einen passenden Baum zu finden.

Dieser Plan, der gewiß von ihnen ausgeführt worden wäre, sollte aber durch

ein schreckliches Ereigniß, das sich mit ihnen zutrug, zu Wasser werden.

An einem Morgen, als sie aus dem Schlafe erwachten und sich eben anschicken

wollten, ihr Frühstück zu bereiten, kam der Dingo, welcher bereits die

Hütte verlassen hatte, mit einem kläglichen Geheul angerennt und zu ihrem

nicht geringen Entsetzen sahen sie, daß in seinem Fell ein Pfeil hing. Das

arme Thier schüttelte sich, um die ihn auf den Tod verwundende Waffe los

zu werden, aber es war vergeblich! der Pfeil stack fest, und winselnd kroch

er, seine Gebieter mit dem der Wunde entquillendem Blute bespritzend, zu

ihnen heran. Kolbi war sogleich bereit, den Pfeil aus der Wunde zu ziehen,

um seine Qual zu enden; allein der arme Waldmann war auf den Tod getroffen,

und schon nach wenigen Augenblicken verendete er zu den Füßen unserer

erschrockenen Colonisten.

Dies war, da man das gute Thier sehr lieb gewonnen hatte, freilich schon an

und für sich ein trauriges Ereigniß und sie konnten sich nicht enthalten,

ihrem treuen und zuthunlichen Genossen eine Thräne nachzuweinen; allein die

Sache hatte eine noch weit schlimmere Seite; es mußte eine Menschenhand,

die eines Wilden gewesen sein, die den Pfeil auf den Dingo abgeschossen

hatte; denn Europäer würden das Thier mit andern Waffen erlegt haben.

Dieser Gedanke drängte sich Beiden zugleich auf, und die größte Furcht

bemächtigte sich ihrer. Was sollte aus ihnen werden, wenn Wilde an der

Insel gelandet wären und sie vielleicht durchstreiften? Ihr Schicksal

war nicht zweifelhaft, wenn sie diesen in die Hände fielen: man würde sie

ergreifen, tödten und verzehren.

Nachdem sich ihr Schmerz über den Tod des treuen Thieres etwas gelegt

hatte, waren sie auf ihre eigene Sicherheit bedacht, und Kolbi, der

behender als William war, schlug vor, daß er den höchsten Baum des nächsten

Hügels erklimmen wolle, um von diesem hohen Standpunkte aus die Insel zu

überschauen, während William am Fuße desselben auf seine Berichte wartete.

Gesagt, gethan! Schnell wie ein Eichhörnchen erklomm Kolbi den hohen

Eukalyptus, aber weit schneller noch, als er hinaufgeklettert war, kam er,

ohne ein Wort gesprochen zu haben, wieder herab, ergriff Williams Hand und

rief ihm mit dem Tone des Entsetzens zu:

-- »Fort! Fort! sie kommen!«

William folgte ihm wie betäubt; doch verlor er selbst in diesem furchtbaren

Augenblicke seine Besinnung und Besonnenheit nicht. Er bat Kolbi, ihm zur

Hütte zu folgen und hier angelangt, bepackte er ihn und sich selbst mit

ihren besten, unentbehrlichsten Geräthschaften, wozu auch die von Kolbi

verfertigten Waffen gehörten, und dann erst ergriffen Beide die Flucht.

»Wohin aber?« fragte man sich. Die Insel war, wie sie jetzt wußten, nur von

geringem Umfange und bot nirgends einen sichern Versteck dar, sie hätten

einen solchen dann in den höchsten Gipfeln der Bäume des nahen Waldes

suchen müssen. Zwar dachte man an die Ameisenhöhle, wie man die Höhle

neben der Hütte nach dem Besuche der lästigen Thierchen nannte; allein man

verwarf diesen Gedanken sogleich wieder, da sie zu nahe bei der Hütte

lag. Es stand mit Recht zu vermuthen, daß die Wilden, so wie sie die Hütte

entdeckten, auf Menschen schließen würden, die sie erbaut und bewohnt

hätten, und in diesem Falle würde man sie in der nahe gelegenen Höhle

zuerst suchen. Schon auf dem Wege in den Wald kam William noch ein

guter Gedanke und er theilte ihn Kolbi mit: man wollte die Hütte durch

Niederreißen zerstören, um den Wilden Glauben zu machen, daß sie bereits

seit längerer Zeit von ihren Bewohnern verlassen worden sei. Man kehrte

also, so dringend auch die Gefahr bereits war, nochmals zur Hütte zurück,

bediente sich der Axt, die das Dach tragende Pfähle umzuhauen, und sah

schon nach einer kurzen Frist in Trümmer zusammensinken, was man mit so

großer Mühe und Anstrengung aufgebaut hatte.

Jetzt erst dachte man an eilige Flucht. Es war aber auch die höchste Zeit,

denn kaum hatte man den schützenden Wald erreicht und sich hinter dichtem

Gebüsch verborgen, so sah man die Wilden in dicken Schaaren über den Hügel

herabkommen, an dessen Abhange die kleine Besitzung lag. Unsere Beiden

waren noch so nahe, daß sie deutlich Alles unterscheiden und sogar den Ruf

einzelner Stimmen vernehmen konnten.

Bald drängte sich Alles auf _einer_ Stelle zusammen und bildete einen

dichten Menschenknäuel: ohne Zweifel hatte man die Trümmer der Hütte

entdeckt und war verwundert, in dieser Einöde die Reste einer menschlichen

Wohnung zu finden. Bald sah man auch einzelne Wilde die Spitze des Hügels

erklimmen und sich sorgfältig nach allen Seiten umsehen, als suche man

Etwas; allein zum Glücke waren unsre Beiden gut versteckt durch das dichte

Gebüsch, und die Späher kehrten zu den Uebrigen zurück, ohne Etwas entdeckt

zu haben.

Man durfte aber nicht in dieser Nähe weilen, weil es den Wilden jeden

Augenblick einfallen konnte, in das Gebüsch zu dringen und es zu

durchsuchen. Unsre Flüchtlinge setzten daher, so eilig sie konnten, ihren

Weg weiter fort und drangen immer tiefer in das Gehölz ein. Aber bald waren

sie auch hier nicht mehr sicher, denn schon vernahm ihr Ohr am Eingange

des Waldes verwirrte Stimmen, und so wälzte sich der Schwarm, aller

Wahrscheinlichkeit nach, hieher. Ihre Angst erreichte den höchsten Gipfel

und sie wußten nicht, wohin ihre Zuflucht nehmen; da sahen sie in einer

geringen Entfernung einen Koala oder australischen Bären aus einem dichten

Gewinde von Rankengewächsen hervorkriechen, und daraus schließend, daß er

dort seine Höhle haben werde, eilten sie auf die Stelle zu. Sie sahen sich

in dieser Erwartung nicht getäuscht, und fanden unter dem Gesträuche einen

in die Erde hinabgehenden Eingang, der zwar nicht breiter war, als daß sie

auf dem Bauche kriechend, in die Höhle des Bären gelangen konnten, ihnen

aber für den Fall der Noth doch einige Sicherheit gewährte.

Schnell machten sie sich daran, mit der Axt und ihren Händen, die die

Stelle einer Schaufel vertreten mußten, den Eingang zu erweitern, wobei sie

sich wohl hüteten, die aufgeworfene Erde umherzustreuen, denn das würde den

Wilden ihren Zufluchtsort verrathen haben; sie warfen sie vielmehr zwischen

die Ranken und vertilgten mit großer Sorgfalt jede Spur ihrer mühsamen

Arbeit.

Diese wurde über alle Erwartung belohnt; denn kaum hatten sie die Oeffnung

einige Fuß tief erweitert, so dehnte sich die Höhle aus und wurde endlich

so breit und geräumig, daß sie, wenn auch nicht aufrecht darin stehen, doch

darin sitzen konnten.

Ein Knurren und Brummen ganz in ihrer Nähe verrieth ihnen, daß die Höhle

noch außer ihnen von einem andern Geschöpfe bewohnt sei, wahrscheinlich

von einem weiblichen Koala, das hier seine Jungen säugte. Eine solche Nähe

konnte ihnen, obgleich sie sich nicht vor dem harmlosen Thiere fürchteten,

nicht angenehm sein, schon des üblen Geruchs wegen, den diese Geschöpfe

verbreiteten, und so mußten sie sich entschließen, den eigentlichen

Besitzer der Höhle aus derselben zu vertreiben, was ihnen nach einigen

derben Püffen, die sie dem armen Thiere versetzten, gelang. Knurrend und

brummend nahm es, seine Jungen mit sich führend, seinen Abschied und unsre

Beiden sahen sich im ruhigen Besitze des usurpirten Zufluchtsorts. Diese

Besitznahme war im Grunde eine Ungerechtigkeit; aber die dringende Gefahr

konnte ihnen zur Entschuldigung gereichen.

Hier saßen nun unsre Beiden in der tiefsten Finsterniß im Schooße der Erde;

ihnen fehlte Alles und doch hatten sie Gott zu preisen, daß er ihnen einen

solchen Zufluchtsort gezeigt hatte, der ihnen wenigstens die Hoffnung ließ,

ihr Leben zu bewahren. Hand in Hand saßen William und Kolbi da und waren so

niedergedrückt, daß sie kein Wort zu reden wagten.

Nicht lange sollte ihre Ruhe dauern. Kaum waren sie eine halbe Stunde in

der Höhle gewesen, so drang ein Ton verwirrter Stimmen, das dem Summen

eines Bienenschwarmes glich, zu ihren Ohren und sie schlossen daraus,

daß die Wilden sich ihrem Zufluchtsorte genähert hätten. In dieser

Voraussetzung irrten sie sich nicht: die Wilden hatten wirklich den

kühleren Wald zu ihrem Aufenthaltsorte ausersehen und waren zu der Insel

gekommen, um hier ein großes Fest zu feiern.

Ihr bisheriger Häuptling war nämlich im Kriege gefallen, und sie wollten

einen neuen erwählen, bei welcher Gelegenheit stets große Festlichkeiten

von ihnen veranstaltet werden. Zu solchen gehörten vor allen Dingen

Schmausereien -- macht man es doch bei solchen Gelegenheiten im

civilisirten Europa nicht besser! -- und da ihnen bekannt sein mochte, daß

die Insel sehr viel Wildpret hege, waren sie herübergeschifft, um hier ihre

Gastmähler zu halten.

Lautes Rufen, Geschrei, Gesang sogar, ließen sich bald ganz in der Nähe

vernehmen, und Kolbi, der kühner als sein Freund, auf dem Bauche bis

zum Eingange der Höhle vorgekrochen war, sah, vom Gestrüpp und den

Rankengewächsen verdeckt, daß man viel trockenes Holz herbeischleppte, um

ein großes Feuer anzuzünden. Alles war überhaupt beschäftigt. Einige Wilde

trugen Erde und Laub zusammen, woraus sie einen Hügel machten, vermuthlich

zum Sitze für den neu zu erwählenden Häuptling; andere schärften ihre

Waffen und die Weiber und Kinder trugen Laub und Blumen herbei, aus denen

sie Kränze winden wollten.

Unter einem hohen Baume und mit dem Rücken gegen den Stamm desselben

gelehnt, saß aber ein Greis, den Kolbi auf den ersten Blick für den

_Zauberer_ erkannte, denn so nennen die Wilden ihre Priester. Er war zwar,

wie die übrigen Wilden, bis auf ein Schurzfell, welches er um den Leib

gebunden hatte, völlig nackt; allein um seinen Hals hatte er ein Gewinde

von todten Schlangen, das ihm ein abschreckendes Ansehen gab, und in der

Hand trug er ein großes steinernes Messer.

Dieses Messers bedienen sich die Priester, um den jungen Mädchen die beiden

ersten Gelenke des kleinen Fingers an der linken Hand abzuhauen; denn wie

die Europäerinnen ihre Ohren durchbohren lassen, um Ringe hineinzuhängen,

was gleichfalls eine sehr lächerliche Mode ist, so verstümmeln die Wilden

ihre Hand und glauben sich dadurch recht schön zu machen.

Dem Zauberer oder Priester näherte sich Alles mit der größten Ehrfurcht,

und Keiner würde es gewagt haben, ihm den Rücken zuzukehren.

Während die Männer sich zur Jagd anschickten, sammelten die Weiber die

Wurzeln von einer Art von Farrenkraut, die ihnen zur Speise dienen. Sie

zerklopften sie mit Steinen und rösteten sie am Feuer; diese nicht eben

wohlschmeckende Speise nannten sie _Uga-Due_. Noch Andere sammelten von

einem Gummibaum ein grünes Gummi, das sie _Kudi_ nannten. Es vertritt, da

es einen scharfen Geschmack hat, die Stelle des Branntweins bei ihnen und

sie kauen es beständig. Auch Pataten, von den Wilden _Kumara_ genannt,

sammelten sie in Menge zu dem vorhabenden Gastmahle ein. Zu diesen

Vegetabilien lieferten die Männer bald Fleischspeisen. Sie schossen mit

ihren Pfeilen eine Menge _Kukupas_ (wilde Tauben), einen Dingo, einige

Stachelschweine, fliegende Füchse und endlich gar ein Kängeruh, worüber

sich ein großes Freudengeschrei erhob, als die glücklichen Jäger damit

angeschleppt kamen.

Als William sah, daß sein Freund Kolbi in seinem sichern Verstecke

unbemerkt blieb, trieb ihn die Neugierde, auf seinem Bauche auch aus der

Höhle hervorzukriechen, um den Treiben der Wilden zuzusehen.

Er sah, daß dieser Menschenschlag fast ganz so schwarz, wie sein Kolbi war;

nur hatte dieser letztere eine etwas angenehmere Gesichtsbildung und sah

vor allen Dingen freundlicher aus. Sie hatten einen kleinen, aber sehr

regelmäßigen Wuchs, ein etwas breites Gesicht, das bei den Männern sehr

bärtig war; eine stumpfe Nase, durch deren Scheidewand sie kleine Knochen-

oder Rohrstücke gezogen hatten, was sie sehr verunstaltete; dicke

Lippen, sehr weiße Zähne, schwarze, tiefliegende Augen und sehr buschige

Augenbraunen. Auf dem Kopfe trugen sie ein kleines Netz von Opossum-Haaren,

das ihnen fast die Augen verdeckte, so daß sie es zurückschlagen mußten,

wenn sie etwas genauer sehen wollten. Die meisten hatten eine feuerfarbene

Binde, woran ein kleines Schurzfell hing, um den Leib geschlungen und ihre

Haut war so glänzend, wie polirtes Ebenholz. Wie Kolbi seinem Freunde schon

früher erzählt hatte, reiben sie sich den Körper mit Fischöhl ein, wichsen

sich also gleichsam, wie wir unsere Schuhe und Stiefel. Lange konnte

William nicht begreifen, womit sie sich den Kopf geschmückt hatten, der

einige Aehnlichkeit mit dem eines Stachelschweins durch einen höchst

seltsamen Aufputz hatte, bis Kolbi ihm erklärte, daß seine Landsleute

sich das Haar mit einer Art von Gummi zusammenklebten und es dann mit

Fischgräten und Vogelknochen besteckten. Viele von den Wilden waren vom

Kopfe bis auf die Füße tätowirt, d. h. mit weißer und rother Farbe bemalt;

Kolbi erklärte ihm, daß sie sich mit der rothen bemalten, wenn es in den

Kampf gehen sollte, mit der weißen aber, wenn zum Tanze. Sehr häßlich

machten sie die breiten weißen Ringe, die sie sich unter den Augen von

einer weißen, unserer Kreide ähnlichen Erde gemacht hatten. Allen Männern

fehlte ein Vorderzahn, den man ihnen unter großen Ceremonien ausreißt, so

wie sie in das Jünglingsalter treten. Ihr Haar ist übrigens nicht kurz,

kraus und wollig, wie das der Neger, sondern vielmehr glatt, lang und sehr

schwarz; es könnte eine Zierde an ihnen sein, wenn sie es nicht =à la=

Stachelschwein frisirten.

Alle ohne Ausnahme waren bewaffnet, selbst die Knaben trugen eine Art von

Wurfspieß; Andere hatten eine Keule, die sie _Waddis_ nannten oder Stangen

(_Womerra_), Schilde, Lanzen, Bogen und Pfeile, steinerne Aexte u. s. w.

Diese Waffen sind reich mit ausgeschnitzten Figuren verziert, die oft nicht

ohne Anmuth sind. Sie führen immer Feuer mit sich, weil sie es, des vielen

unverbrennbaren Holzes wegen, schwer anmachen.

Ihre musikalischen Instrumente, worauf sie aber wirkliche Töne

hervorbrachten, bestanden in einer Art von Rohrflöte oder vielmehr Pfeife,

die sie aber nicht mit dem Munde, sondern mit den _Naslöchern_ spielten,

was sich seltsam genug annahm. Andere Musikanten hatten plumpe Leyern

mit drei Saiten und noch andere Muscheln, die man See-Trompeten nennt und

worauf sie Töne hervorbrachten, als sei das jüngste Gericht gekommen. Vom

Tacte, von einer Melodie scheinen sie keinen Begriff zu haben; Jeder blies,

was ihm einfiel, und dies gab die köstlichste Katzenmusik von der Welt.

Dies Alles würde unserm William, für den es völlig neu war, sehr belustigt

haben, wenn er nicht für sein Leben hätte fürchten müssen. Die bisher

heitre Sonne verwandelte sich aber bald in eine sehr tragische. Ein Knabe,

der vielleicht dreizehn bis vierzehn Jahre alt sein mochte, kam jubelnd mit

einem _Opossum_ angeschleppt, das er erlegt hatte. Dies ist ein Thier von

der Größe eines Fuchses, hat aber in seinem Wesen viel vom Eichhörnchen;

auch nährt es sich nur von Pflanzenkost. Wenn es schläft, rollt es sich

wie eine Kugel zusammen; wenn es wacht oder frißt, setzt es sich auf die

Hinterfüße, legt den Schwanz auf den Rücken und hält seine Speise mit den

Vorderfüßen, wie ein Affe. Es hat auf dem Rücken lange braune Haare, die

nach dem Bauche zu in's Gelbliche fallen. Wird es verfolgt, so stößt es ein

rauhes Geschrei aus. Die Augen sind groß und klug, die Schnauze ist sehr

spitz. Will es auf den Bäumen von einem Zweige zum andern springen, so

wickelt es seinen langen Rollschwanz um einen Ast und springt dann mit dem

übrigen Theile seines Körpers. Das Opossum gehört zu den Beutelthieren,

wovon es so verschiedene Arten in Australien giebt.

Kaum hatten die Wilden den armen Knaben mit seiner Beute erblickt, so

sprangen alle, welche bisher am Boden gelagert gewesen waren, mit dem

Geschrei:

»Tapu! Tapu!«

auf, schwangen ihre Waffen und umringten den zitternden Knaben, der

erschrocken seine Beute hatte fallen lassen und vor Schrecken am ganzen

Leibe zitterte. Der Zauberer oder Priester, welcher bisher unbeweglich,

einer Statue gleich, unter seinem Baume gesessen hatte, erhob sich jetzt

auch; seine Augen funkelten vor Zorn und drohend schwang er sein großes

steinernes Messer über seinem Haupte. Alles machte dem Zornigen ehrerbietig

Platz, so daß er sich ungehindert dem armen Knaben nähern konnte, der vor

Angst auf seine Knie niedergesunken war und seine Arme kreuzweis über die

Brust gelegt hatte. Als der Priester bei ihm angelangt war, murmelte

er einige unverständliche Worte, die wie das ferne Rollen eines Donners

klangen, und senkte dann sein großes Messer tief in die Brust des armen

Schlachtopfers, das sogleich umsank und aus dessen Leibe ein dicker Strom

von Blut hervorquoll.

Entsetzen ergriff William bei diesem Anblick, während Kolbi so ruhig zusah,

als wäre gar nichts geschehen, und nahe war ersterer daran, einen lauten

Schrei auszustoßen; er hielt ihn aber zum Glück zurück, denn er würde

sie den Wilden verrathen haben und dann wäre ihr Loos gewiß kein besseres

gewesen, als das des armen Knaben.

Dieser wälzte sich noch einige Augenblicke in seinem eigenen Blute am

Boden, dann wurde er plötzlich still. Das arme Opfer des Aberglaubens hatte

ausgelitten: es war todt.

Mit der Freude und dem Feste der Wilden war es jetzt augenscheinlich aus.

Man nahm die Waffen auf; man warf Blumen und Kränze zur Erde; die lärmende

Musik verstummte und der Zug entfernte sich mit langsamen Schritten und

auf die Brust gesenktem Haupte, von dem Priester geführt. Dieser hielt

sein blutiges Messer hoch empor und rief von Zeit zu Zeit mit schauerlichem

Tone: »Tapu! Tapu!«

-- »Jetzt sind wir sicher,« sagte Kolbi, sich vom Boden erhebend; »sie

schiffen sich sofort wieder ein, und kehren nie nach diesem Eilande zurück,

da der Tapu durch den Knaben gebrochen worden ist.«

-- »Was aber ist der Tapu?« fragte William, der vor Entsetzen stumm

geworden war und erst jetzt seine Sprache wiederfand. -- »Was der Tapu

ist?« wiederholte Kolbi und sah ihn verwundert über seine Unwissenheit an.

»Der Tapu ist der Tapu,« fügte er hinzu; »weiß William denn das nicht?«

»Nein,« versetzte dieser; »wie sollte ich wissen, was ein Tapu ist? Nur

soviel habe ich eben erfahren, daß es etwas Schreckliches ist, da er dem

armen Knaben das Leben gekostet hat.«

Unser Kolbi war nicht gelehrt genug, um William die Sache gehörig erklären

zu können, auch verstand er sie in der That selbst kaum und wußte nur

soviel, daß, wer den Tapu gebrochen, sein Leben verwirkt hat. Da Ihr, meine

Theuren, gewiß aber eben so neugierig seid, wie unser William war, will ich

Euch die Erklärung nicht vorenthalten.

_Tapu_ oder auch _Tabu_ -- das erstere Wort ist das richtigere -- bedeutet

so viel als ein Verbot, dieses oder jenes Thier, diese oder jene Pflanze,

einen Stein, ein Haus, ein Feld, kurz irgend eine Sache berühren, das

Thier, worauf der Tapu gelegt, tödten, die andern Gegenstände berühren zu

dürfen. Es ist dies eine sich selbst auferlegte freiwillige Entbehrung,

etwa wie unsere katholischen Glaubensbrüder sich an gewißen Tagen des

Fleischgenusses enthalten. Das Wort des Priesters oder des Oberhaupts, ein

Traum, den der Eine oder Andere gehabt hat, läßt den Tapu auf eine Sache

legen; das Wort bedeutet also dem Sinne nach so viel als _Verbot_.

Dieses Verbot darf, bis es wieder aufgehoben ist, von keinem Mitgliede

des Stammes gebrochen werden, und bricht es Einer, so ist er dem Tode

verfallen. Der arme Knabe hatte wahrscheinlich vergessen oder überhört, daß

der Priester den Tabu über das Opossum ausgesprochen, und als er jetzt mit

einem erlegten Thiere dieser Art ankam, war er dem Tode verfallen. Der

Ort aber, wo der Tapu gebrochen worden ist, wird von den Wilden als

ein entweihter, als ein Ort des Unheils angesehen, daher augenblicklich

verlassen, um nie wieder betreten zu werden. Das geschah auch jetzt, und

bevor noch eine Stunde verflossen war, befand sich kein Mensch, außer

unsern beiden Freunden, mehr auf der Insel.

Robinson in Australien: Ein Lehr- und Lesebuch für gute Kinder · 第 12 / 16 段