auch eine silberne Uhr gefunden hatte und sie sehr werth hielt. Er zog sie
regelmäßig jeden Morgen auf und stellte sie jede Woche einmal um Mittag,
wenn die Sonne gerade über seinem Scheitel stand, so daß sie doch ungefähr
die richtige Tageszeit anzeigte. Kolbi sah immer sehr aufmerksam zu,
wenn er die Uhr aufzog, denn jetzt fürchtete er sich nicht mehr vor
dem »lebendigen Dinge,« wie er sie nannte, nachdem ihm William die
Zusammensetzung der Uhr, das Ineinandergreifen der Räder u. s. w. gezeigt
und ihm die Sache nothdürftig erklärt hatte. Zwar war trotzdem noch immer
eine geheime Scheu in dem Wilden vor dem »lebendigen Dinge,« und er sah es
oft furchtsam von der Seite an; allein er erschrack nicht mehr davor, wie
früher, wenn er es zufällig berührte.
An einem Morgen, wo William über eine andere Beschäftigung vergessen hatte,
die Uhr aufzuziehen, kam eine ganz besondere Kühnheit über den armen Kolbi.
Nach einigem Zögern nahm er die Uhr, legte sie ans Ohr und steckte den
Schlüssel in das Loch, so wie er sie nicht mehr gehen hörte, um sie
aufzuziehen. Dies hatte er oft von William gesehen und glaubte es auch zu
können. Er drehte und drehte; die Uhr fing an zu zucken und seine Freude
war groß; konnte er ja nun doch auch das Ding lebendig machen! Er kam sich
zugleich wie ein Held und wie ein großer Künstler vor.
Er drehte also, da die Sache so gut ging, erst langsam, dann immer
geschwinder fort, bis es auf einmal im Innern der Uhr knack! sägte und es
furchtbar zu schwirren anfing. Ein wahrhaftes Entsetzen ergriff ihn, und er
ließ sie in diesem Augenblick auf den Boden fallen. Da sie auf den harten
Stein fiel, zerbrach das Glas und sprang in Splittern weit umher.
Einige Augenblicke stand Kolbi wie vom Schlage gerührt. Er glaubte nun doch
an Zauberei, und daß irgend ein Geist in der Uhr verborgen sei, der seinen
Zorn gegen ihn durch das Schwirren habe kund geben wollen. Wenn ihm dieser
Gedanke an sich nun schon eine panische Furcht einflößte, so wurde sie noch
durch die Vorstellung von dem Zorne vermehrt, den William wie er meinte,
darüber an den Tag legen würde, daß er die Uhr zerbrochen hatte, so daß der
arme Wilde keine andere Rettung, als durch eine eilige Flucht sah.
Er schlich sich aus der Hütte, kroch hinter der steinernen Befriedigung des
Gartens auf seinem Bauche fort, um von dem im Garten beschäftigten William
nicht gesehen zu werden, und fort war er!
Als William mit seiner Arbeit fertig war und in das Haus zurückkehrte,
wunderte er sich zwar, Kolbi nicht dort zu finden; allein er hatte doch
keine Ahnung davon, wie die Sachen standen, sondern glaubte vielmehr, daß
sein Freund vielleicht auf die Jagd oder sonst wohin gegangen sei, um ihm
eine angenehme Ueberraschung zu bereiten, wie er oft zu thun gewohnt war.
Als aber der Abend herankam und Kolbi noch immer nicht zurückgekehrt war,
ja, als es endlich sogar Nacht wurde und Mond und Sterne hell am Himmel
standen, da ergriff ihn eine unendliche Angst um den so innig geliebten
Genossen und diese trieb ihn aus der Hütte fort, um ihn zu suchen. So
lange war Kolbi noch nie weggeblieben: es mußte ihm also irgend ein Unfall
begegnet sein!
Er durchstreifte die ganze Umgegend; er rief ohne Aufhören den Namen seines
Freundes; keine andere Stimme aber antwortete ihm, als seine eigene, die
durch das nahe Echo zurückgeworfen wurde.
Jetzt bemächtigte sich eine wahrhafte Verzweiflung seiner. Er kehrte in die
Hütte zurück und sank laut weinend auf sein Lager. Kein Schlaf kam in seine
Augen.
Früh, mit dem ersten Strahl des Tages, erhob er sich wieder, um seine
Nachforschungen fortzusetzen. Er durchstreifte nicht nur die Umgegend und
den nahen Wald von Gummibäumen, sondern wagte sich sogar in Gegenden,
die noch nicht von ihnen besucht worden waren, so daß er endlich an
das jenseitige Meeresufer gelangte. Obgleich die Sonne ihre sengendsten
Strahlen vom Himmel herniedersendete; obgleich er den ganzen Tag nichts
genossen hatte, als dann und wann einen Trunk aus der Quelle, so fühlte
er in seiner großen Angst doch weder Hunger und Durst, sondern rannte nur
immer vorwärts, stets den Namen Kolbi's rufend, bis die Stimme ihm den
Dienst versagte und er nicht mehr rufen konnte.
So brach der zweite Abend an und da William zu weit von der Hütte entfernt
war, um noch dahin zurückkehren zu können, warf er sich laut weinend unter
einem Baume nieder, um, wo möglich, einigen Schlaf zu finden.
Stellt Euch, meine jungen Freunde, die trostlose Lage unseres Williams
vor, und Ihr werdet nicht nur seinen Schmerz begreifen, sondern gewiß
das innigste Mitleid mit ihm haben. Wenn es schon eine bittere Sache ist,
inmitten der menschlichen Gesellschaft einen geliebten Freund zu verlieren,
um wie viel härter mußte es nicht sein, den _einzigen_ Genossen einbüßen
zu sollen? Und Kolbi war, obschon nur ein Wilder, der beste zärtlichste
Freund. Seine Liebe und Hingebung für William kannte keine Grenzen; er war
immer nur darauf bedacht, ihm eine Freude zu machen, ihm die Arbeiten zu
erleichtern und die größeren Beschwerden abzunehmen. Er besaß das reinste,
beste Herz von der Welt und übte, ohne einmal zu wissen, was Tugend
sei, die schönsten, erhabensten Tugenden. Er war unfähig zur Lüge und
Verstellung, stets wahr, treu, uneigennützig und aufopfernd; an sich
selbst dachte er immer zuletzt, desto mehr aber an seinen William, den er
gleichsam wie ein höheres Wesen verehrte, weil er fühlte, wie sehr dieser
ihm an Verstand, Einsicht und Wissen überlegen sei. Dabei besaß er eine
unverwüstlich gute Laune und war immer zu Scherzen und Spässen aufgelegt.
Er sang den ganzen Tag bei der Arbeit, hüpfte und sprang wie ein Reh,
machte Purzelbäume und die närrischsten Capriolen, so daß er William
zugleich auf die angenehmste Weise unterhielt.
Er konnte aber auch wieder ernsthaft sein und sich zusammennehmen, und zwar
besonders beim Lernen. William, der Mitleid mit seiner großen Unwissenheit
hatte, war nämlich auf den Gedanken gekommen, seinen Kolbi in manchen
Dingen zu unterrichten und ihm richtigere Ideen davon beizubringen. Zu den
Gegenständen, worin er ihn unterrichtete, gehörte auch das Lesen. Er hatte
ja in der Kiste des Zimmermanns zwei Bücher gefunden, und diese konnten ihm
sehr gut dazu dienen, seinem Kolbi eine Wissenschaft beizubringen, die mit
Recht als die Mutter aller übrigen Wissenschaften angesehen wird. Er zeigte
ihm also in dem mit ziemlich großen Lettern gedruckten Gesangbuche erst
die Lettern des großen, dann auch die des kleinen A-B-Cs, und lehrte ihn
zugleich die Aussprache. Um Kolbi nicht zu ermüden, oder ihm, der das
Lernen nicht gewohnt war, gar einen Eckel dagegen einzuflößen, zeigte er
ihm jeden Tag nur _einen_ Buchstaben, so daß er in vier und zwanzig Tagen
erst das Alphabet kennen lernte. Das aber konnte Kolbi bald so gut, daß
er gar nicht mehr fehlte, und jetzt konnte William schon zum Buchstabiren
übergehen. Der eben nicht sehr geschmeidigen Zunge fielen aber manche Laute
sehr schwer und es war possirlich anzuhören, wie er sich damit abkasteite;
besondere Mühe machte es ihm, Worte auszusprechen, in denen mehre stumme
Buchstaben hinter einander vorkamen, und die Silben gehörig trennen
zu lernen. Indeß überwand sein Eifer und sein Fleiß endlich doch alle
Hindernisse. An und für sich machte ihm das Lesenlernen gar kein Vergnügen,
weil er noch nicht begriff, wozu es gut sein solle; aber er sah, daß er
William durch seinen Fleiß Freude machte, und so unterwarf er sich ihm zu
Liebe dieser Anstrengung.
Ich denke, Kinder, daß Ihr den guten Kolbi auch schon lieb gewonnen
habt; wie viel mehr mußte William, der täglich und stündlich mit ihm
zusammenlebte, ihn nicht lieben! Und jetzt sollte er diesen theuren Freund,
seinen einzigen Genossen, vielleicht für immer verlieren! Der Gedanke
drückte ihn so zu Boden, daß selbst das heiße, innige Gebet, welches er zu
Gott vor dem Einschlafen emporschickte, ihn nicht zu ermuthigen vermochte.
Endlich aber schlief er doch vor übergroßer Ermüdung ein, und war im Traume
glücklicher, als er beim Wachen gewesen war: er erblickte seinen geliebten
Kolbi, der in der Hütte am Boden saß und Pfeile schnitzte. Dieser Traum
erweckte ihn: er erhob sich und schaute verwirrt um sich. Es war noch sehr
früh und der Thau lag noch auf den Gräsern und Pflanzen. Wie ward ihm, als
er auf diesen die Spuren von Menschentritten wahrnahm! Die Insel war also
noch von andern menschlichen Geschöpfen bewohnt? Oder sollte Kolbi?.....
Der Gedanke machte, daß er aufsprang und nach allen Seiten um sich blickte.
Er verfolgte dann die Fußspuren im Grase, und gelangte, ihnen immer
folgend, zu einer Art von Vorgebirge, das in das Meer hinaus lief und fast
bis an den Strand hinabging. Er erklomm einen der Hügel desselben und sah
nun -- wer beschriebe wohl sein Entzücken? -- Kolbi, seinen geliebten
Kolbi auf einer Felsenklippe sitzen und in das vor ihm liegende blaue Meer
hinausschauen. Es konnte kein Anderer als Kolbi sein: er erkannte ihn
an der Kleidung, die er ihm endlich, nach langer Weigerung, aufgedrungen
hatte; denn der Wilde fand sie zu Anfang -- vielleicht auch jetzt noch --
eben so unbequem als überflüssig und ließ sich schwer dazu bereden, eine
leichte Hose von Leinwand und eine Jacke von demselben Stoffe anzuziehen.
-- »Kolbi! Kolbi!« rief William mit lauter, freudig bewegter Stimme und
streckte zugleich die Arme gegen ihn aus. Kolbi vernahm sogleich die Laute
der ihm so theuern, wohlbekannten Stimme; allein er antwortete nicht wie
sonst freudig auf den Zuruf, sondern erhob sich, sah sich nach William um,
und ergriff eiligst die Flucht.
-- »Was ist das?« fragte sich William, der ihm erschrocken nachstarrte.
»Sollte ich ihn vielleicht beleidigt oder gekränkt haben, ohne es zu
wissen? War er doch so freundlich und liebevoll gegen mich, als ich ihn das
letzte Mal sah?«
Während William diese Betrachtungen anstellte, war er jedoch dem geliebten
Flüchtlinge nachgeeilt, und sei es nun, daß er diesmal schneller als Kolbi
war; sei es, daß dieser bereits bittere Reue über seine unbedachtsame
Flucht empfand, und sich willig einholen ließ; genug, er wurde von dem ihn
Verfolgenden am Saume des Waldes glücklich eingeholt.
-- »Was ist dir, Kolbi? und weshalb fliehst du vor mir?« fragte ihn
William, so wie er ihn erreicht und zum Stehen gebracht hatte.
Statt ihm auf diese Frage zu antworten, warf sich der arme Junge vor ihm
auf die Knie nieder, umfaßte seine Füße, als wolle er Verzeihung von ihm
erstehen, und vergoß einen Strom von Thränen.
-- »Sprich, Kolbi, mein theurer Kolbi, was ist dir?« fragte William, indem
er sich zu ihm niederbog und ihn, wiewohl vergebens, aufzuheben suchte, um
ihn in seine Arme zu schließen und an sein Herz zu drücken.
Kolbi hatte aber noch immer keine andere Antwort, als Thränen.
-- »Ach!« sagte jetzt William mit traurigem Tone; »jetzt begreife ich Dich!
Du wolltest mich heimlich verlassen, Kolbi; Du sehntest dich nach deinen
Landsleuten, nach deinen frühern Gespielen und wolltest versuchen, zu ihnen
über das Meer zurück zu schwimmen? Unsre Einsamkeit war dir lästig geworden
und du hattest nicht den Muth, von mir Abschied zu nehmen? Sprich, Kolbi,
ist es nicht so?«
-- »O nein! nein!« schluchzte Kolbi; »William ist mir der Liebste auf der
Welt, lieber als die ganze Welt! Kolbi müßte sterben, wenn er William nicht
mehr hätte!«
-- »Nun, was war es denn, was Dich zur Flucht antrieb?« fragte William,
dessen Verwunderung mit jedem Augenblicke wuchs.
-- »Kolbi ist nicht werth, daß William ihn lieb hat,« sagte der arme Junge,
indem ein neuer Strom von Thränen ihm über die schwarzen Wangen floß;
»Kolbi hat William betrübt, hat das _Ding_ entzwei gemacht; Kolbi ist ein
ganz schlechter Mensch geworden und will todt bleiben!«
-- »Du hast die Uhr zerbrochen?« fragte William, der wußte, was er unter
dem »Dinge« verstand, aufathmend.
-- »Ja, die Uhr,« versetzte der arme Wilde, »und der Geist in dem Dinge
wurde sehr böse -- o, sehr böse! -- und er zischte mich an, wie die große
gelbe Schlange, wenn man sie mit einem Stecken schlägt. Kolbi war so
erschrocken darüber, daß er das Ding fallen ließ und es zerbrach; o, Kolbi
war sehr böse!«
-- »Gott sei gedankt, daß es nichts weiter ist!« rief William erfreut aus.
»Zwar war mir die Uhr sehr werth, indem sie mich an ihren frühern Besitzer
erinnerte, der ein gar braver Mann war; allein tausend solcher Uhren,
und noch weit mehr gäbe ich freudig um dich hin, mein Kolbi! Tröste und
beruhige dich daher: ich bin gar nicht böse, nicht einmal betrübt; habe ich
doch dich wieder, meinen guten, guten Kolbi!« Er breitete ihm bei diesen
Worten die Arme entgegen, in die Kolbi laut schluchzend sank. Der Friede
war jetzt wieder zwischen den Freunden geschlossen und Arm in Arm traten
unsere Beiden den Rückweg zur Hütte an.
Auf dem Wege erzählte Kolbi, daß William ihm oft ganz nahe gewesen sei und
er seinen Ruf deutlich vernommen, dann aber aus Furcht vor ihm die höchsten
Bäume erklommen habe, auf denen William ihn nicht gesucht. Dies war auch
der Fall an dem Abende gewesen, wo William, vom langen Umherstreifen
gänzlich ermattet, sich unter dem Eucalyptus zum Schlafen niedergelegt.
Sobald Kolbi, der sich keine hundert Schritte von ihm befand, ihn
eingeschlafen sah, hatte er sich vorsichtig näher geschlichen und sich,
beschützt von der Dunkelheit, neben ihm niedergelegt. Mit Anbruch des Tages
hatte er ihn aber verlassen, um seine Flucht fortzusetzen; »denn,« fügte er
mit traurigem Tone hinzu, »ich wollte dir nicht wieder vor Augen treten und
in der Einsamkeit vor Hunger und Kummer umkommen.«
Achtzehntes Kapitel.
Unter solchen Gesprächen waren sie endlich wieder bei der Hütte angelangt,
die sie in ihrem vorigem Stande fanden; nur der arme Dingo und die
Vögel hatten große Noth gelitten, da ihnen Speise und Trank während der
Abwesenheit der Freunde ausgegangen waren, und sie sich beides nicht hatten
verschaffen können, weil William sie während der Nacht einzusperren gewohnt
war und vergessen hatte, sie bei seinem Weggehen aus ihrem Kerker zu
befreien.
-- »Gieb Futter! Gieb Futter!« rief der große Königspapagei unaufhörlich:
denn diese Worte hatte William ihn gelehrt und so oft er Futter haben
wollte, rief er sie; der Dingo aber heulte erbärmlich, so daß die Freunde
nichts Eiligeres zu thun hatten, als die armen Gefangenen zu befreien und
ihnen Speise und Trank zu reichen. Der Dingo lief sogleich an den Bach, um
seinen gewiß sehr peinigenden Durst zu löschen, und Kolbi folgte ihm mit
dem Lederbeutel dahin, um Wasser für die Vögel zu schöpfen, die indeß
von William mit den für sie eingesammelten Körnern und Früchten gespeiset
wurden. Auch für Waldmann waren noch einige Knochen da, über die er sich
begierig hermachte, und so war der großen Noth der armen Thiere abgeholfen.
Schon auf dem Wege zur Hütte hatte Kolbi sich oft nach dem Himmel
umgesehen. Jetzt, als man die Thiere versorgt hatte, that er es nochmals
und sagte dann zu William:
-- »Böse Zeit! Böse Zeit!«
Dieser wußte nicht, was die Worte zu bedeuten haben sollten und sah
neugierig bald Kolbi, bald den Himmel an. Letzterer hatte sich mit noch
leichten Wölkchen bedeckt, die sich aber bald zusammenzogen und wie
ungeheure Berge am fernsten Rande des Horizontes aufthürmten.
Kolbi, der aus Erfahrung wußte, daß diese Erscheinung den nahen Ausbruch
von Sturm, Regen und Gewitter bedeute, lief zu der Stelle, wo die ihnen
so nothwendigen Pataten in Menge wuchsen, grub so viele davon aus, als ihm
möglich war, und lud William, der ihm erstaunt zusah, mit den Worten:
-- »Böse Zeit kommt! Pataten sammeln! Nicht zögern, Pataten in die Hütte zu
bringen!« zur Theilnahme an seinem Geschäfte ein.
William begriff jetzt, was er mit seinem: »Böse Zeit! Böse Zeit!« sagen
wollte, und war ihm eifrig bei seiner Beschäftigung behülflich. Sie mußten
sich in der That sputen: immer dichter zogen sich die Wolken zusammen,
immer dunkler wurde der Himmel und schon hörte man das ferne Rollen des
Donners; dabei hatte sich ein Wind erhoben, der in einzelnen Stößen zwar
nur noch, doch die Luft heftig erschütterte. Obgleich man über eine halbe
Stunde vom Meere entfernt war, hörte man es doch »_rohren_,« wie die
Seeleute das hohle Brausen des Meeres, welches großen Stürmen und Gewittern
voranzugehen pflegt, zu nennen pflegen. Kolbi, der immer in der freien
Natur und in der Nähe des Meeres gelebt hatte, war ein scharfer und
unfehlbarer Beobachter in allen Dingen der Art geworden und seine
Prophezeihungen trafen immer richtig ein.
Die Richtigkeit seiner Voraussage sollte sich auch diesmal bewähren: immer
stärker und hohler braußte das Meer; immer heftiger und anhaltender wurden
die Windstöße; immer schwärzer überzog sich der Himmel: immer stärker wurde
das Rollen des Donners, das bald zu einem furchtbaren Krachen und Prasseln
wurde, dem zackige Blitze jedesmal vorangingen, und nicht lange, so fielen
große, schwere Regentropfen vom Himmel nieder. Es war ein Glück für unsre
Freunde, daß Kolbi die Naturerscheinungen so genau kannte; denn sehr
schlimm würde es für sie gewesen sein, wenn sie sich nicht gehörig mit
Vorräthen versehen hätten. Während des Unwetters Pataten aus der Erde zu
graben, sie in die Hütte zu bringen, das wäre völlig unmöglich gewesen.
Der Regen ergoß sich nicht etwa wie bei uns, sondern beständig, wie ein
heftiger Platzregen, der alle Niederungen schon nach wenigen Stunden
in Sümpfe und Pfützen verwandelt hatte. Der sonst so sanft und ruhig
dahinfließende Bach war bald zu einem reißenden Strome geworden und
überschwemmte, aus seinen Ufern getreten, die umliegenden Gegenden. Er
erhielt immer neue Nahrung von den kleineren Bergquellen, die sich in ihn
ergossen und die ganze Niederung, das ganze früher so lachende Thal wurde
in einen einzigen großen See verwandelt.
Dabei rollte der Donner fortwährend in den Lüften; zackige Blitze
durchzuckten die dunklen Wolkenmassen und fuhren bald in diesen, bald
in jenen Baum, dessen Spitzen sie abbrachen oder den sie gänzlich
niederstürzten, so daß er krachend zu Boden fiel.
Die Gewitter halten in diesen Gegenden nicht, wie bei uns nur einige
Stunden, sondern fast immer mehrere Tage an, auch sind sie weit
furchtbarer. Die ganze Natur scheint bei ihnen in Aufruhr zu sein und Alles
tritt aus seiner gewohnten Ordnung.
Da es das erste Gewitter der Art war, welches William erlebte, erschreckte
es ihn zu Anfang nicht wenig; bald aber gewöhnte er sich auch daran, und
jetzt gewährte ihm das wirklich großartige Schauspiel sogar Genuß.
Die Hütte legte bei diesem Unwetter ihr Probestück ab und lobte ihre
Baumeister. Obschon nur von Brettern aufgebaut und mit Brettern gedeckt,
trotzte sie doch den sich vom Himmel herabstürzenden Fluthen und ließ auch
nicht _einen_ Tropfen Wasser durch, so daß sie Menschen und Thieren den
vollkommensten Schutz gewährte. Die letztern bezeigten sich furchtsamer als
Kolbi, der auch nicht die geringste Aengstlichkeit verrieth. Er verrichtete
alle ihm obliegende Geschäfte so ruhig, als wäre kein Aufruhr in der Natur
gewesen; dagegen heulte der Dingo fast unaufhörlich und die Papageien
schrieen ganz erbärmlich, indem sie zugleich mit den Flügeln schlugen,
als wollten sie den Regen, von dem sie doch nicht getroffen wurden,
abschütteln.
William, der jetzt wieder ganz ruhig und gefaßt geworden war, dachte daran,
diese schlimme Zeit zu einer Arbeit zu benützen, die eigentlich schon
längst hätte beschafft werden müssen, aber immer aufgehoben worden war,
weil es draußen nothwendigere Dinge zu thun gab. Der Mangel an Gefäßen,
worin man etwas aufbewahren, namentlich, worin man einen Vorrath von Wasser
sammeln konnte, war unsern beiden Einsiedlern schon lange empfindlich
gewesen, und jetzt, wo man doch nichts anderes beginnen konnte, sollte
endlich demselben abgeholfen werden.
Man besaß noch einige Holzblöcke, die vermuthlich die Trümmer von dem
großen Maste des gestrandeten Schiffs, auf dem William gereist war, oder
eines andern Schiffes waren. Man hatte sie an einem Tage, wo man das
Meer besuchte -- und dies geschah fast täglich, da man ämsig nach einem
rettenden Schiffe umherspähte -- am Strande gefunden und sie, ihrer
Nützlichkeit wegen, in die Hütte gebracht. Dies war freilich, bei ihrer
Größe und Schwere, eine mühselige Arbeit gewesen, bei der unsre Beiden
manchen Schweißtropfen vergießen mußten; aber sie scheuten solche
Anstrengungen nicht, und so war ihnen das saure Werk gelungen. William
forderte Kolbi auf, ihm behülflich zu sein; man legte die Holzstücke auf
eine Art von Stellage und schnitt dann mit der Säge Stücke von 1 Fuß oder
1½ Fuß Länge davon. Da sie von einem Maste abstammten, hatten sie
von selbst eine runde Form; man hatte also nur nöthig, sie sorgfältig
auszuhöhlen, was man vermittelst eines Meissels mit nicht allzugroßer Mühe
that. Freilich war auch diese Arbeit keine leichte und ein Drechsler würde
in wenigen Minuten vielleicht zu Stande gebracht haben, wozu sie bei dem
angestrengtesten Fleiße einen ganzen Tag bedurften; aber dies schreckte sie
nicht, und drei bis vier hübsche Gefäße wurden fertig, wovon eines sogleich
zum Trinktrog für die Thiere bestimmt wurde.
Außerdem verfertigte Kolbi, der sich darauf verstand, noch einige
allerliebste Körbe von einem sehr starken Grase, das auf den Inseln
Australiens gefunden und von den Europäern neuseeländischer Flachs
genannt wird. Die Fasern dieses Grases sind so stark und biegsam, daß
man angefangen hat, Anker- und andere Schiffstaue davon zu machen, die an
Haltbarkeit bei weitem die von Hanf gemachten übertreffen sollen.
Von diesem trefflichen Grase hatte Kolbi schon vor einiger Zeit eine gute
Portion neben der Hütte aufgehäuft, weil man schon lange mit der Idee
umgegangen war, Körbe und Körbchen davon zu flechten.
Während nun William den Drechsler spielte, machte sich Kolbi an die Körbe,
und er gab seinem Freunde Gelegenheit, seine Geschicklichkeit zu bewundern.
Mit unglaublicher Schnelle machte er das artigste Körbchen von der Welt
fertig, und es fehlte ihm sogar nicht einmal an Zierlichkeit und angenehmer
Form. Er verstand runde und längliche zu machen und versah jedes Körbchen
mit so festen Henkeln, daß man ihm etwas anvertrauen konnte, ohne fürchten
zu müssen, daß der Inhalt auf die Erde fiele.
So verstrich denn auch diese Zeit, die sonst so trüb und unangenehm für sie
gewesen sein würde, auf eine wirklich angenehme Weise, indem sie während
derselben sich unausgesetzt einer lohnenden, nützlichen Thätigkeit
befleißigten. Ja, das Unwetter hätte noch weit länger dauern können, ohne
ihnen lästig zu fallen, um so mehr, da ihr Vorrath an Pataten noch immer
ausreichte, Dank sei es der Fürsorge Kolbi's.
Endlich schien die bisher sich so empört gezeigt habende Natur in ihr
früheres Geleis zurücktreten zu wollen, nachdem das Unwetter etwa acht Tage
angehalten hatte. Eine ordentliche Regenzeit, die fünf bis sechs Wochen
zu dauern pflegt, wie man sie in andern tropischen Ländern[3] zu finden
gewohnt ist, giebt es in Australien nicht. Die Stelle derselben vertreten
ziemlich starke und länger als bei uns anhaltende Gewitter und Regengüsse,
die aber die Natur außerordentlich erfrischen und den Pflanzenwuchs
befördern.
[3]: Tropische Länder nennt man solche, die zwischen den Wendekreisen
liegen.
Das Gewitter hatte schon längere Zeit aufgehört; der Sturm legte sich nach
und nach, auch der Regen fiel nicht mehr in Strömen, sondern bereits in
kleineren Tropfen. Am Abende des achten Tages regnete es noch etwas,
als man aber am Morgen des neunten erwachte, lachte die Sonne hell vom
heitersten Himmel herab.
Unsere Freunde konnten jetzt wenigstens aus der Hütte in's Freie
hinaustreten, wenn sich gleich noch nicht in das gänzlich überschwemmte
Thal wagen. Ihr erster Gang war in den Garten, um nach ihren lieben
Pflanzen und Pflänzchen zu sehen.