eines Feindes getroffen worden war und blutend zu Boden sank, wurde ich so
betrübt, daß ich neben ihm niederfiel und vor übergroßer Betrübniß nicht
daran dachte, mich zu retten. Zwar rief er mit der letzten Anstrengung
seiner Kräfte zu: »Flieh, mein Sohn! Rette dich! sonst werden die Feinde,
wenn sie den Sieg erhalten, auch dich schlachten und verzehren!« allein ich
war viel zu betrübt, um diesem Befehle Folge leisten zu können; auch mochte
ich meinen Vater nicht verlassen, so lange noch Leben in ihm war. Als aber
sein Athem stockte; als er die Augen schloß, um sie nicht mehr aufzuthun,
da war es zu spät, mich zu retten. Die Feinde hatten unsern Stamm in die
Flucht geschlagen; ich wurde neben der Leiche meines Vaters ergriffen;
man band mir die Hände auf den Rücken fest und schleppte mich fort an den
Strand des Meeres, wo man ein Siegesfest feiern und die Erschlagenen, mich
wahrscheinlich auch, nachdem man mich geschlachtet, verzehren wollte.
Ich war sehr traurig, denn ich mochte mich nicht braten und verzehren
lassen......«
-- »Das verdenke ich dir nicht,« unterbrach William den Erzähler; »ich
hätte das auch nicht gemögt. Aber erzähle weiter; ich bin sehr begierig
darauf, wie du dich rettetest.«
-- »Als die Feinde mich mit sich an's Ufer geschleppt hatten,« fuhr Kolbi
fort, »banden sie mich an einen Baum fest, der unfern des Platzes stand,
wo sie ihr Siegesfest feiern wollten und wo sie bereits ein großes Feuer
angezündet hatten, an dem die Getödteten und ich gebraten werden sollten.
Ich weinte bitterlich und erwartete jeden Augenblick den Tod. Sie
bereiteten indeß den _Kawa_, indem sie eine Wurzel kauten und den dadurch
erhaltenen Brei mit Wasser vermischten, wie es bei uns Sitte ist; wer aber
viel von diesem Getränke trinkt, der wird wie toll und weiß nicht mehr, was
er thut; er macht die närrischten Sprünge und ist so ausgelassen lustig,
daß es eine Freude ist, ihn zuzusehen. Die Feinde tranken nun vielen Kawa
und als ich sie in dem dir eben beschriebenen Zustande sah, glaubte ich,
daß es Zeit sei, an meine Rettung zu denken. Ich versuchte, eine meiner
Hände aus der Schlinge zu ziehen, mit der beide an den Baum befestigt
waren, und nach einiger Anstrengung gelang es mir. Denn, als Alles das
bereits hoch empor lodernde Feuer umtanzte und Keiner mehr Acht auf mich
gab, warf ich mich auf den Boden nieder und kroch auf dem Bauche, wie eine
Schlange, durch das hohe Gras hin, bis ich in einen Wald gelangte. Hier
erhob ich mich und eilte so schnell von dannen, daß es den Feinden nicht
möglich gewesen sein würde, mich noch wieder einzuholen. Lange irrte ich in
dem mir völlig unbekannten Walde umher, nährte mich von Beeren und
Wurzeln und schlief des Nachts auf Bäumen, zwischen deren Zweigen ich mich
festklemmte, um im Schlafe nicht herunter zu fallen. Endlich gelangte ich
wieder an das Meer und da ich, zu meiner Freude, am Strande ein Canot fand,
schob ich es in das Wasser, setzte mich hinein und ruderte fort. Wohin?
das wußte ich selbst nicht, auch war es mir gleich viel, wenn ich nur nicht
wieder in die Gewalt derer fiele, die mich braten und verzehren wollten.
Ich hatte gehört, daß gegen Aufgang des großen Gestirns, das du Sonne
nennst, nicht allzufern von der Küste, ein Eiland läge, und dahin steuerte
ich in der Hoffnung es zu finden. Das Glück verließ mich nicht, und nachdem
ich fast einen halben und einen ganzen Tag auf dem Meere umhergeschifft
war, erblickte mein Auge in der Abenddämmerung die Küste der Insel, die ich
bald glücklich erreichte. Ich zog mein Canot auf den Strand und legte mich
darein, um zu schlafen; denn es war dunkel geworden und ich so müde, daß
ich kaum an meinen großen Hunger dachte. Am andern Morgen, als ich die
an den Strand getriebenen Trümmer des großen Hauses auf dem Meere, das du
Schiff nennst, betrachtete, und die gleichfalls entdeckte Kiste öffnete,
fandest du mich. Alles Andere aber weißt du auch, daß ich dich zu Anfang
für den bösen Geist _Potayan_ hielt, der den armen schwarzen Leuten großen
Schaden zufügt, und mich sehr vor dir fürchtete.« Hier schloß Kolbi seine
Erzählung, die ich Euch nicht in seiner unvollständigen, kauderwälschen
Sprache, sondern in der mitgetheilt habe, die Euer Ohr gewohnt ist.
Sechszehntes Kapitel.
Dadurch, daß unsre Freunde jetzt hinlänglich mit Jagdgeräth versehen waren
-- denn Kolbi hatte für William auch einen trefflichen Bogen gemacht und
Pfeile schnitzte er stets in Menge -- konnten sie bereits darauf denken,
auch den vierfüßigen Thieren der Insel den Krieg zu erklären. Es gab deren
nicht viele auf derselben, wie Australien überhaupt nicht eben reich an
vierfüßigen Thieren ist; dafür aber waren sie desto seltsamer, und unser
William, dem sie bisher völlig unbekannt geblieben waren, konnte oft vor
Erstaunen kein Wort hervorbringen, wenn er ihnen auf seinen Streifereien
begegnete.
Da war zuerst das _Kängeruh_, wovon es wohl fünf bis sechs verschiedene
Arten gab, und das größte einheimische Thier Australiens ist, und, obschon
es oft an 200 Pfund wiegt, zum _Mäusegeschlecht_ gehört.
-- »Zum Mäusegeschlecht sollte ein so großes Thier gehören?« fragt wohl der
Eine oder Andere voll Verwunderung.
-- Zu keinem andern, ist meine Antwort, und wenn Ihr eine Naturgeschichte
zur Hand nehmt, die mit Abbildungen versehen ist, werdet Ihr finden, daß
dieses große und seltsam gebildete Thier in seinem Bau, bis auf die langen
Hinter- und sehr kurzen Vorderfüße, eine große Aehnlichkeit mit unsern
Mäusen hat. Es gibt graue, röthliche und schwarzbraune Kängeruhs, und fast
von allen Größen, bis zur Kängeruhratte hinab, die gern in hohlen Bäumen
wohnt.
Kaum kann ein Anblick seltsamer sein, als der dieser Thiere. Der Körper
derselben ist, wie schon gesagt, wie der einer großen Maus gestaltet, sie
haben aber wohl dreimal so lange Hinter- als Vorderfüße und gehen fast
beständig auf den ersteren, folglich in aufrechter Stellung.
Der sehr kurzen Vorderfüße bedienen sie sich fast nur, um ihre Nahrung zu
erfassen, die in Gras und Kräutern besteht. Ihres überaus langen, starken
und dicken Schwanzes bedienen sie sich zum Stützpunkte, er vertritt
also gleichsam die Stelle eines dritten Beins. Ihr Gang ist eine Art von
beständigem Hüpfen, wobei sie sehr schnell von der Stelle kommen. Sie haben
nur _ein_ Junges zur Zeit, das sie, bis es gehörig ausgewachsen, in einem
unter ihrem Leibe befindlichen Beutel tragen, weshalb man sie auch zu den
_Beutelthieren_ zählt. Sie sind durchaus harmlos und, wo man nicht häufig
Jagd auf sie macht, auch wenig scheu. Wenn sie verfolgt werden, machen sie
ungeheure Sprünge und setzen oft sogar über breite Bäche und Hecken weg,
wobei ihnen ihr starker Schwanz gleichsam als Springstock dient. Man jagt
sie, da ihr Fleisch sehr schmackhaft und beliebt ist, mit Hunden, die sie
in die Beine beißen, umwerfen und durch Bisse in die Kehle tödten.
Ein anderes seltsames Thier, dem unsere Freunde zuweilen in den Wäldern
begegneten, war der _Koala_ oder australische Bär. Er hat die Größe eines
erwachsenen Pudels und ist hellgrau von Farbe. Ihm fehlt der Schwanz
gänzlich. Die Ohren stehen unten sehr weit und breit, oben spitzig hoch
über dem Kopf empor und geben ihm ein seltsames Ansehen. Als Kolbi einst
ein solches Thier erblickte, und dieses, um sich durch die Flucht vor ihm
zu retten, einen sehr hohen Gummibaum erklomm, was sie, trotz ihres etwas
plumpen Körpers mit großer Gewandtheit thun, war auch er nicht träge und
ehe zwei Minuten verstrichen waren, hatte er es im höchsten Gipfel des
Baumes erreicht, nahm es in seine Arme, drückte ihm die Kehle zu und warf
es, da er es todt glaubte, hinunter; denn der Koala gilt bei den Wilden für
einen großen Leckerbissen, und man war eben um einen guten Braten verlegen.
Dieses Thier vermittelst Pfeilschüsse zu erlegen, wäre nicht gut möglich
gewesen, da es ein sehr dickes, zottiges Fell hat.
Kolbi war nicht wenig froh, daß die Expedition ihm so gut gelungen war; er
hatte aber die Rechnung ohne den Wirth gemacht: der Koala war nicht völlig
in seinen Armen erstickt und so glücklich gefallen, daß er, nachdem er
einige Augenblicke wie betäubt unter dem Baume gelegen, sich plötzlich
aufrichtete und davon lief. Dies rettete ihn jedoch nicht, denn kaum hatte
er sich auf die Beine gemacht, so war Waldmann, der Dingo, sein natürlicher
Feind, schon hinter ihm, erreichte ihn bald und erwürgte ihn. Auch die
Koalas oder Beutel-Bären gehören zu den Thieren, die ihre Jungen in
einem Beutel unter ihrem Leibe tragen. Sie sind völlig harmlos wie die
Kängeruh's[2] und nähren sich nur von Pflanzenkost, am liebsten von den
jungen Sprossen der Gummi-Bäume. Wenn nun gleich unser William bisher schon
über die vielen ungewohnten Erscheinungen in der Thierwelt erstaunt gewesen
war, so sollte er es durch ein in seiner Art einziges Thier noch mehr
werden.
[2]: Der große Naturforscher _Oken_ schreibt den Namen dieses Thieres
in seiner Naturgeschichte _Känge-Ruh_.
Als er mit seinem Kolbi an einem Abende an dem herrlichen Bache entlang
spaziren ging, sah er in der kristallhellen Fluth ein Thier sich bewegen,
von dem er nicht zu sagen wußte, ob es ein Fisch, ein Vogel oder ein
Säugethier sei. Es war ungefähr 1½ Fuß lang, hatte einen mit kurzen braunen
Haaren bewachsenen Körper, der in einer Art von Fischschwanz endete, hinten
zwei längere, vorn zwei sehr kurze Füße, deren Klauen mit Schwimmhäuten
versehen waren, und, was das Wunderbare der Erscheinung vermehrte, ein
Maul, das vollkommen einem breiten Eulenschnabel glich, was ihm ein
vogelartiges Ansehen gab.
Diese Erscheinung war so auffallend, daß William beim unerwarteten Anblick
dieses seltsamen Thieres einen Ruf der Verwunderung erschallen ließ, auf
den Kolbi zu ihm trat, um zu sehen, was es gäbe. William zeigte mit der
Hand nach der Gegend, wo das Thier sich im Wasser bewegte und sah seinen
Freund fragend an, als wolle er von ihm Aufschluß über diese seltsamste
aller Erscheinungen verlangen. Kolbi zeigte aber kein Erstaunen in seinen
Mienen, denn für ihn war das Thier kein Fremdling und mit gleichgültigem
Tone sprach er das Wort _Mouflengong_ aus, mit welchem Namen die
Eingeborenen es benennen. Es war aber das sogenannte _Schnabelthier_
(=Ornithorhynchus paradoxus=), über das von den Naturforschern schon so
viel geschrieben worden ist. Nach langem Streiten, ob das Thier ein Fisch,
ein Vogel oder ein Säugethier sei, ist ausgemacht worden, daß es zu den
Säugethieren gehört, denn es bringt lebendige Junge zur Welt und säugt sie.
Gern hätte William dieses seltsame Geschöpf noch länger beobachtet, allein
Kolbi warf aus Muthwillen mit einem Steine darnach, und alsobald tauchte
es unter, kam auch nicht wieder zum Vorschein, was William sehr leid that,
denn er konnte sich nicht satt daran sehen.
Das Schnabelthier wird nur in den Flüssen und Seen Australiens gefunden,
wo es sich von Insecten und deren Eiern nährt, die es unter den Wurzeln
der Wasserpflanzen sucht. Ein Naturforscher, Herr _Bennett_, ein Engländer,
reiste eigends in der Absicht nach Australien, die Natur dieses seltsamen
Geschöpfes zu erforschen, und ihm verdanken wir größtentheils, was wir
darüber wissen.
Außer den Euch bereits genannten und zum Theil beschriebenen Thieren, sah
unser William auch noch die sogenannten fliegenden Füchse, harmlose Thiere,
die aber ein gar häßliches Ansehen und Aehnlichkeit mit unsern Fledermäusen
haben, fliegende Eichhörnchen, Opossums, _Bandikuts_, die viermal so
groß wie unsere Ratten und den Wilden eine angenehme Speise sind. Auch
an Stachelschweinen fehlte es nicht; sie hatten Aehnlichkeit mit den
europäischen.
Kolbi, dem diese Thierwelt schon bekannt war, konnte nicht begreifen, wie
William so großes Vergnügen daran finden konnte, diese für ihn so völlig
neuen Gegenstände genau in Augenschein zu nehmen, und mehre Male meinte er,
es müsse wohl in dem Vaterlande seines Freundes weder Thiere noch Pflanzen
geben, da William so oft sein Erstaunen über dieses oder Jenes an den Tag
legte. Dieser belehrte ihn zwar eines andern, indem er ihm sagte, daß man
zwar in Europa auch Thiere und Pflanzen, aber ganz anderer Art habe.
-- »Nun,« versetzte Kolbi, »so begreife ich nicht, weshalb du dich bei den
unsrigen so lange aufhältst: Thier ist Thier, und Pflanze, Pflanze!«
Daß es ein großes Vergnügen für einen denkenden Menschen sei, sich zu
belehren, davon hatte unser Wilder keinen Begriff. Für ihn hatten nur
solche Dinge Bedeutsamkeit, von denen er mehr oder minder Nutzen ziehen
konnte. In dieser Zeit machte Kolbi, der die Augen überall hatte, die
Entdeckung, daß ein Thier, welches er _Wombat_ nannte, in der Nähe ihrer
Hütte sein müsse, und er pries seinem Freunde dasselbe als eine sehr
leckere Speise. Er hatte nämlich eine Höhle dieses Thiers entdeckt; denn es
gräbt sich solche in die Erde, um während des Tages darin zu schlafen.
Der _Wombat_ oder das Beutel-Murmelthier, ist bis jetzt nur in Australien
gefunden worden, und gehört zu den Pflanzen fressenden Thieren. Es ist fast
so groß, wie eine englische Dogge, grau von Farbe und sehr plump gebaut;
in seinen Bewegungen ist es äußerst langsam. Man brachte zwei dieser Thiere
nach Paris, um ihre Lebensweise zu erforschen, und sie waren bald so
zahm, wie unsre Hunde; allein sie zeigten weder den Verstand noch die
Gelehrigkeit derselben, sondern waren dumm und so träge, daß man sie selbst
durch Schläge nicht zum schnellerem Fortlaufen zu bewegen vermochte. Sie
gehören zu den Beutelthieren, d. h. zu den Thieren, die ihre Jungen
in einem an ihrem Leibe befindlichen Beutel bei sich tragen, bis diese
selbstständig sind und sich selbst ernähren können.
Die Wilden stellen ihnen besonders ihres Fetts wegen nach, und eben deshalb
war unser Kolbi auch so begierig, eins zu fangen und zum leckern Mahle zu
bereiten. Lange entzog es sich seinen Bemühungen und der Dingo, der tief
in seine Höhle einkroch und es mit dem Maule aus derselben hervorzog, mußte
endlich das Beste dabei thun. Kolbi tödtete es jetzt, zog ihm das Fell ab
und zertheilte es in kleinere Stücke. Das Fleisch des Wombats war in der
That ein Leckerbissen und so fett, daß beim Braten sehr viel Fett in's
Feuer trof. Was hätte unser William nicht darum gegeben, dieses auffangen
und statt des Oels oder Talgs gebrauchen zu können; es fehlte ihm aber an
einer Bratpfanne, um es aufzufangen. Er hätte dieses Fett aus dem Grunde
so gern aufgehoben, weil es die bereits sehr langen Abende, die man völlig
müßig wegen Mangel an Licht zubringen mußte, ihm verkürzt haben würde; denn
der Müßiggang war für unsern Freund eine entsetzliche Plage.
Am Tage gab es freilich Beschäftigung für Beide genug. Man hatte immer noch
mit der Hütte zu thun, in der man diese oder jene Bequemlichkeit anbrachte,
und deren Ritzen man sorgfältig mit Gras verstopfte, weil Kolbi geäußert
hatte, es werde nun bald eine sehr schlimme Zeit kommen, in der »viel, viel
Wasser« -- so drückte er sich aus, vom Himmel herabfallen würde. Daß
er darunter den Regen verstand, werdet Ihr, meine Geliebten, wohl schon
begriffen haben.
Ferner hatte man angefangen, einen Garten auf dem Abhange des Hügels,
worauf die Hütte lag, anzulegen und ihn, zum Schutze gegen die wilden
Thiere mit einer steinernen Mauer zu umgeben. An Steinen dazu fehlte es
nicht, nur machte es einige Mühe, sie den Hügel hinanzuschleppen. Als
die Umzäumung fertig war, machte William von einem Stücke Eichenholz ein
Grabscheit, die die gewünschten Dienste beim Umgraben des Bodens leistete;
auch einen Rechen oder eine Hacke machte er, um das gegrabene Land zu
ebnen, das dann in ordentliche Beete eingetheilt wurde. Auf diese Weise
gewann das Plätzchen ganz das Ansehen eines Gartens. Als der Boden bereitet
war, dachte man auch daran, ihn zu bepflanzen. Zuerst setzte man neben der
Mauer und rund um dieselbe, Himbeersträuche, die, da man sie fleißig begoß,
bald fröhlich fortwuchsen. Aber wie mühselig war dieses Begießen, da man
kein anderes Gefäß dazu hatte, als die Ledertasche oder die Eierschalen,
die William von den Eiern des _Emus_ oder australischen Kasuars gewonnen
hatte. Wie viele Male mußte man den Berg hinab und wieder hinaufsteigen,
um die vielen Pflanzen zu begießen! Dabei bewies aber Kolbi eine wirklich
außerordentliche Ausdauer, die die Williams bei Weitem übertraf.
Auf die bereiteten Beete pflanzte man dann Pataten, diese für unsre
Einsiedler so wichtige Frucht. William verfuhr ganz so damit, wie man in
Europa mit den Kartoffeln verfährt und sein Fleiß wurde reichlich belohnt.
Ein besonderes Interesse gewährten ihm aber einige Apfelsinen-Körne, die
er in einer der Taschen der Kleidungsstücke gefunden hatte, welche ehemals
seinem guten Freunde, dem Zimmermann, angehört hatten. Zu welchem Zwecke
dieser sie aufgehoben -- vielleicht, um sie bei seiner Rückkehr nach Europa
selbst zu pflanzen? -- wußte er sich nicht zu sagen; genug, er fand zehn
bis zwölf Stück davon, die sorgfältig in Papier gewickelt waren, und
zugleich mit ihnen einige platte Körner, die er auf den ersten Blick für
Gurkenkörner erkannte, die aber, wie sich späterhin auswies, Körner von
Melonen waren.
Dieser Fund versetzte unsern William in eine Art von Freudentaumel und es
hätte nicht viel gefehlt, daß er die lieben Körner geküßt. Er bereitete für
sie eine besondere gute Stelle, reinigte sie von allen Steinchen und legte
die Körner, etwa zwei bis drei Fuß von einander entfernt, einen halben Zoll
tief in die Erde, was er mit einer Art von heiliger Empfindung that. Damit
nicht etwa die Papageyen, deren Genäschigkeit ihm bereits bekannt war,
über die _Steffens-Stelle_ -- so hatte er sie im Andenken an den guten
Zimmermann benannt -- kämen, die gelegten Körner hervorwühlten und
aufpickten, bedeckte er sie mit den Blättern des Farrenkrautbaumes, die
ihnen hinlänglichen Schutz gewährten. Er hatte die Vorsicht gehabt, die
vermeinten Gurkenkerne von den Orangenkörnen zu trennen, und dies bekam
ihm sehr gut, wie die Folge zeigte. Die sich bald über alle Erwartung
ausbreitenden, die Größe unserer Kürbispflanzen erreichenden
Melonenpflanzen würden die zarten Orangenstämmchen bald überwuchert und
gänzlich unterdrückt haben.
Da die Erde überaus trocken war, begoß er sie jeden Abend; allein trotz dem
lagen die Körner viel zu lange für seine Ungeduld in der Erde, ohne sich
zu zeigen. Endlich aber zuckte das erste grüne Blättchen, das noch die
zersprengte Hülse gleich einem Mützchen auf dem Kopfe hatte, aus dem Boden
hervor, und der Jubel der Freunde war kein kleiner. Es waren die Melonen,
die sich zuerst hervor gemacht hatten; bald aber zeigten die Orangen
gleichfalls ihre zarten Spitzen und wuchsen von nun an fröhlich fort.
Wenn Einer von Euch Lieben auch einmal vom Schicksale zum Robinson bestimmt
sein und gerade auf dieses Eiland kommen sollte, so werdet Ihr Euch an
den herrlichen Früchten dieser Stämmchen laben und unsers Williams dabei
gedenken können, der selbst sie nicht genießen sollte. Auch die Melonen
dürften sich selbst fortgepflanzt haben und nicht weniger willkommen sein,
als die saftigen und duftigen Orangen.
Siebenzehntes Kapitel.
In der kleinen Colonie trugen sich indeß zwei Vorfälle zu, bei welchem
William, bei dem erstern mit einem kleinen, bei den letzern aber mit einem
großen Schrecken davon kam.
William, der einstmals allein auf der Insel umherstreifte, weil Kolbi eben
beschäftigt war, neue Pfeile zu spitzen, ließ sich durch eine ihm
sonst nicht eigenthümliche Naschhaftigkeit verleiten, etwas von dem
weißröthlichen Stoffe zu kosten, der in leichten Flocken an dem Grase unter
den Bäumen hing, die von den Naturforschern =Eucalyptus manniferra= genannt
werden. Diese Bäume schwitzen einen solchen Saft in großer Menge aus und
streuen ihn auf den unterliegenden Rasen, oder er bleibt auch in leichten
Flocken an den zarten Zweigen hängen.
Diese Flocken hatten einen sehr angenehmen, süßlichen Geschmack, und das
war es, was unsern Freund verführte, ziemlich viel davon zu genießen. Aber
o Himmel! wie schlecht bekam ihm seine Naschhaftigkeit, fast so schlecht
wie »_Fritz dem Näscher_,« in dem Euch gewiß bekannten Gedichte, die
seinige.
Kaum hatte er das Manna -- denn dieses war es, was er genossen hatte --
zehn Minuten im Leibe, so wurde ihm entsetzlich übel und dabei stellte
sich ein Bauchgrimmen ein, wie er es nie zuvor gehabt hatte. Seine Kräfte
drohten ihn gänzlich zu verlassen und nur mit der äußersten Anstrengung
vermochte er sich nach Hause zu schleppen, wo er wie ein halbtodter Mensch
niedersank und in ein solches Aechzen und Stöhnen ausbrach, daß Kolbi
erschrocken seine Arbeit niederwarf und ihn fragte: ob er denn todt bleiben
wolle?
-- »Ach!« stöhnte William »ich glaube, daß ich irgend ein Gift genossen
habe und sterben muß. Armer Kolbi, was soll denn aus dir werden?«
-- »Wenn du stirbst, dann sterbe ich auch,« versetzte der gute Junge; »ich
mag nicht mehr ohne William leben; William ist so gut gegen Kolbi!« Die
hellen Thränen traten ihm bei diesen Worten in die Augen und weinend setzte
er sich zu seinem, sich wie ein Wurm windenden und krümmenden Freunde
nieder; wie er ihm helfen, wodurch seinen Zustand erleichtern solle? das
wußte er nicht.
-- »Kolbi,« nahm William nach einer Pause wieder das Wort, »Kolbi, ich
glaube nicht, daß ich davon kommen werde, denn die Schmerzen in meinen
Eingeweiden sind zu groß, als daß ich sie lange aushalten könnte. Wenn ich
aber sterben sollte, dann versprich mir zwei Dinge: erstlich, nicht mit mir
sterben, sondern nach Gottes Willen auch ohne mich fortleben zu wollen,
und dann, mich ordentlich zu begraben, in dem Gärtchen vielleicht, das
wir angelegt haben, und dessen Früchte ich wohl schwerlich noch genießen
werde.« -- »Ich will wohl ein großes Loch in die Erde graben und dich
hineinlegen, wenn du dich nicht mehr rühren und nicht mehr die Augen
aufschlagen kannst,« versetzte Kolbi; »allein wenn du darin liegst, dann
grabe ich gleich ein zweites Loch für mich, denn ich will nicht ohne dich
leben.«
William wollte ihm aber das Sträfliche eines solchen Vorsatzes
auseinandersetzen, als das Manna die Wirkung auf ihn hervorbrachte, wegen
welcher es in unsern Apotheken aufbewahrt wird: es ist nämlich ein sehr
starkes Abführungsmittel, und da William eine gute Portion davon zu sich
genommen hatte, war die Wirkung dem angemessen. Hilf Himmel! wie oft mußte
der arme Junge nicht ein entlegenes Plätzchen aufsuchen, um seinem Freunde
nicht beschwerlich zu fallen! Wie ermattet, wie elend fühlte er sich nicht,
wie oft wünschte er nicht, durch den Tod von seinen Leiden befreit zu
werden!
Die ganze Nacht ging es so fort, und erst mit Anbruch des nächsten Morgens
legten sich die Schmerzen und die übrigen lästigen Wirkungen des Mannas, so
daß er ein wenig einschlafen konnte. Der gute Kolbi saß weinend neben
ihm und lauschte auf seine Athemzüge, ob sie auch schon stockten; denn er
glaubte nicht anders, als daß sein geliebter William »über das große Wasser
hinfliegen« würde, denn die Wilden Australiens stellen sich so den Tod vor.
Einige Stunden ruhigen Schlafs wirkten aber wie ein Wunder: William fühlte
sich beim Erwachen wie neugeboren und ganz ohne Schmerzen. Zwar war er noch
so matt, als hätte er eine lange Krankheit überstanden, und sah so bleich
aus wie einer, der schon lange im Grabe gelegen; aber trotz dem war sein
Zustand jetzt doch so, daß er wieder neue Lebenshoffnungen zu schöpfen
begann; ja, es regte sich sogar wieder einiger Hunger bei ihm, was, nach
der erlittenen großen Ausleerung, eben kein Wunder war.
Als Kolbi sein Verlangen nach Nahrung vernahm, war er sehr vergnügt, denn
mit Recht dachte er, daß sein Freund sich jetzt in der Genesung befinden
müßte. Er hatte noch ein Stück von einer gebratenen Taube und gab es
William, der es mit gutem Appetit verzehrte. Einige Himbeeren, die Kolbi
ihm zu seiner Erquickung pflückte, bekamen ihm ganz vortrefflich, indem
sie seinen brennenden Durst zugleich löschten. Schon nach zwei Tagen
befand William sich vollkommen wieder wohl; so oft er aber einen Mannabaum
erblickte, mußte er an sein Abentheuer denken.
Der zweite Vorfall wäre bald weit schlimmer abgelaufen.