machte er sich an andere, die er besser verstand. Die Schiffstrümmer
enthielten eine große Menge Nägel von fast allen Größen; sie mußten aber
erst herausgezogen und auf einem Steine gerade geklopft werden, bevor man
sie nochmals gebrauchen konnte. Das war eine sehr schwierige Arbeit; allein
William war es bereits gewohnt, mit vielen Hindernissen zu kämpfen, und
so überwand er endlich auch diese. Die Menge von Nägeln, die er auf diese
Weise gewann, war ein ordentlicher Schatz für ihn, auch verachtete er, die
Wichtigkeit desselben einsehend, nicht das kleinste Stiftchen.
Bald standen die Pfähle und an die Bedachung konnte gedacht werden. William
machte diese so gut und zierlich und das Ganze hatte überhaupt ein so
gefälliges Ansehen, daß er selbst seine Freude daran hatte und Kolbi,
der gewohnt war, sie auf andere Weise kund zu thun, die possierlichsten
Freudensprünge machte. Sogar an eine Hausthüre konnte man denken, da es an
einigen Hängen nicht fehlte, und es zeigte sich bald, wie gut man gethan
hatte, die Hütte damit zu versehen. Das Wetter blieb nicht immer gut,
sondern es kam eine sehr schlimme Zeit, von der ich Euch, meine Geliebten,
späterhin erzählen werde.
Als die Hütte einigermaßen im Stande war, dachte William bereits auf einige
Mobilien, als auf Tische und Bänke, die bisher noch gefehlt hatten. Die
Arbeit ging zwar langsam von statten, aber er wurde dabei von Kolbi gut
unterstützt, indem dieser schnell manchen Handgriff faßte und mit großer
Beharrlichkeit bei der Arbeit aushielt. Ein großes Vergnügen war es dabei
für William, Kolbi in seiner Muttersprache zu unterrichten. Er zeigte auf
die verschiedenen Gegenstände und nannte bloß das Hauptwort, als: Sonne,
Mond, Baum, Blume u. s. w., und zu seinem nicht geringen Erstaunen lernte
Kolbi gleich nach dem ersten Namen die verschiedenen Namen der Gegenstände
auswendig und wandte sie das nächstemal richtig an. Man hat überhaupt die
Bemerkung gemacht, daß das Gedächtniß wilder Menschen sehr scharf ist und
diese nicht nur schnell lernen, sondern das Gelernte auch gut behalten.
Dies war ganz besonders bei Kolbi der Fall, den die Natur überhaupt
mit ganz vortrefflichen Gaben ausgestattet hatte. In Hinsicht der
Schnelligkeit, Biegsamkeit und Behendigkeit konnte kein Europäer sich mit
ihm vergleichen; auch waren Gesicht, Geruch und Gehör von einer wirklich
erstaunungswürdigen Schärfe.
Fünfzehntes Kapitel.
Unsre Colonisten hatten jetzt zwar das Nothwendigste: ein schützendes
Obdach, die nothdürftige Nahrung und Geselligkeit; aber trotz dem blieb
für Beide noch mancher Wunsch unbefriedigt und dahin gehörte vorzüglich der
nach einer abwechselnden Speise, an die besonders William sich in seinem
frühern Leben gewöhnt hatte. Die Pataten und Früchte, womit sich Beide
seither gesättigt hatten, füllten ihnen zwar den Magen, aber sie wurden
trotz dem nicht völlig satt davon, und selbst nachdem sie ihren Hunger
gestillt hatten, blieb eine empfindliche Leere in demselben zurück.
Sobald William sich seinem Freunde verständlich machen konnte, theilte er
ihm seinen Wunsch nach einer nährendern Speise mit. Es machte ihm freilich
viele Mühe, Kolbi sein Verlangen mitzutheilen, und dies mußte mehr durch
Zeichen, als durch Worte geschehen; endlich aber begriff der gute Wilde
ihn und nickte, wie bejahend, mit dem Haupte. Bald darauf forderte er von
William das Messer, mit dem er bereits sehr geschickt umzugehen wußte, und
entfernte sich damit in das nahe Gebüsch. William wußte nicht, was er im
Sinne hatte, ließ ihn aber gewähren und erwartete geduldig seine Rückkehr.
Er blieb ziemlich lange weg, dann kehrte er, in seiner Hand mehre
Baumzweige tragend, mit freudigem Gesichte zurück und wies seinem Freunde
triumphirend das Mitgebrachte. William begriff erst nicht, was Kolbi mit
den geschnittenen Stecken wollte und sah ihm mit einiger Neugierde zu,
als er sich auf den Boden niedersetzte und an seinen Stecken zu schnitzen
anfing. Bald aber wurde ihm die Absicht seines Freundes klar: Dieser
schnitzte aus dem mitgebrachten Holze einen überaus zierlichen Bogen
und als dieser fertig war, auch eine Handvoll Pfeile, erstere von einem
biegsamen, letztere von sehr hartem, festen Holze. Die Arbeit konnte aber
nicht vollendet werden, denn dem Bogen fehlte noch die Sehne, den Pfeilen
die scharfe Spitze von Metall und die Federn; William war nicht wenig
neugierig, wie Kolbi es anfangen würde, diesem Mangel abzuhelfen.
Schon in der nächsten Nacht sollte diese Neugierde befriedigt werden. Er
sah Kolbi, so wie es völlig dunkel geworden war, fortwandern; wohin, konnte
er nicht in Erfahrung bringen, da der Wilde sich ihm nicht verständlich
machen konnte. Er blieb so lange weg, daß William sich sehr um ihn
ängstigte und schon im Begriffe war, ihm nachzugehen und ihn aufzusuchen,
als er ihn mit raschen Schritten herbeieilen hörte. Was er gethan, und was
er von seiner nächtlichen Wanderung mitgebracht hatte, konnte er nicht in
Erfahrung bringen, da, als Kolbi zurückkehrte, der bis dahin leuchtende
Mond untergegangen war und eine vollkommene Dunkelheit in der Hütte und
selbst draußen herrschte; Licht hatten aber unsre Beiden nicht, um sich die
Nacht zu erhellen.
So wie Kolbi wieder angelangt war, warf er sich auf sein Lager nieder,
seinem Freunde eine gute Nacht zurufend, denn diese Worte und die Bedeutung
derselben hatte er bereits von William gelernt, der sie ihm jeden Abend
zurief, so wie er sich zum Schlafen niederlegte. Früh am andern Morgen,
als erst William, dann Kolbi erwacht war, ging letzterer aus der Hütte in's
Freie hinaus und kehrte gleich darauf mit zwei todten Vögeln in der Hand,
die dem Ansehen nach unsern Tauben glichen, nur weit größer und von
einem schönen schillernden Gefieder waren, zu seinem Genossen zurück. Mit
triumphirenden Blicken zeigte er seinen Fang, bedeutete William, daß er auf
seinen Streifereien am vorhergehenden Tage ein Nest dieser Thiere hoch in
der Spitze eines sehr hohen Baumes entdeckt, und beide Eltern, die Mutter
darin, den Vater daneben, überrascht und getödtet habe. Er hatte sich
die Stelle, wo der Baum mit dem Neste stand, und diesen selbst so genau
gemerkt, daß er ihn auch während der Nacht wieder zu finden vermochte,
wobei ihm freilich der Mondschein etwas zu Hülfe kam.
Man kann sich vorstellen, wie erfreut William über den Anblick dieser Vögel
war, die ihm einen leckern Braten verhießen. Er zündete sogleich ein gutes
Feuer an, steckte zu beiden Seiten derselben zwei Stäbe in die Erde, die
oben durch ihre Zweige eine Gabel bildeten, und schnitzte von starkem
Holze einen Spieß, an den er die Tauben stecken und ihn dann auf die beiden
Gabeln legen wollte, zwischen denen sich das Feuer befand. Kolbi ließ ihn
gewähren und machte sich seinerseits an die Arbeit. Mit einer wirklich
bewunderungswürdigen Geschicklichkeit und Schnelligkeit rupfte er die
Tauben, wobei er Sorge trug, daß kein Federchen verloren ging, denn diese
waren von der größten Wichtigkeit für den von ihm beabsichtigten Zweck. Als
er mit dieser Arbeit fertig war, schnitt er den Vögeln den Bauch auf und
nahm behutsam aus beiden die Eingeweide heraus, mit welchen er zum nahen
Bache ging, um sie von allem Unrathe zu reinigen; die Tauben selbst aber
warf er William zu, der sich anschickte, sie an seinem improvisirten Spieße
zu braten.
Was Kolbi mit den Federn wollte, hatte William bereits begriffen; aber was
er mit den Eingeweiden anzufangen gedachte, blieb ihm so lange ein Räthsel,
bis dieser mit den gereinigten Gedärmen vom Bache zurückkehrte, und indem
er mehrere davon sehr fest zusammendrehte, eine Bogensehne davon machte.
William bewunderte die Geschicklichkeit und Aemsigkeit seines Freundes
nicht wenig, und brach in einen Jubelruf aus, als Kolbi ihm triumphirend
den fertigen Bogen und die vermittelst der Taubenfedern bereits befiederten
Pfeile zeigte, an welchem letztern nichts mehr fehlte, als die tödtende
Spitze. Er zweifelte jetzt aber keinen Augenblick mehr daran, daß Kolbi
auch dazu Rath schaffen würde, und dieses Vertrauen durfte er, nach den
Proben, die er von seiner Geschicklichkeit und Einsicht abgelegt, wohl zu
ihm haben.
Die beiden Tauben waren indeß gebraten, und wenn sie gleich nicht so lecker
waren, wie die, welche eure gute Mutter, unterstützt von einer geschickten
Köchin, zuweilen auf den Tisch bringt, wenn sie auch nicht in einem Meere
von Butter schwammen; ja, wenn ihnen sogar das Salz zur Würze fehlte, so
glaubte doch William, in seinem ganzen Leben kein so leckeres Mahl gehalten
zu haben, als dieses. Auch Kolbi ließ sich seine Taube wohl schmecken,
wobei er mit der größten Sorgfalt die Knöchelchen sammelte und auf die
Seite legte. Was er damit beginnen, zu welchem Zwecke er sie benutzen
wollte, begriff William wieder nicht, bis er seinen Freund die vorher schon
geschnitzten und befiederten Pfeile hervornehmen und ihn sie mit kleinen
scharfen Spitzen versehen sah, die er von den Knöchelchen vermittelst des
Messers geschnitzt hatte.
Jetzt war ihm Alles klar, und seine Freude nicht gering, als er sich
nun sogar auch im Besitze einer Waffe sah, die ihm noch viele solche
Leckerbissen versprach, wie er eben genossen hatte.
In Hinsicht der Handhabung des Bogens sah er sich aber weit von Kolbi
übertroffen, dessen Augen und Hände so sicher waren, daß er fast nie sein
Ziel verfehlte, während William, zum nicht geringen Ergötzen des wilden
Jägers, unter zehnmal kaum _einmal_ traf. »Uebung macht den Meister,« heißt
es im Sprichwort; so ging es auch mit William bald besser, und er wurde
lange nicht mehr so oft von dem über seine größere Geschicklichkeit
triumphirenden Kolbi ausgelacht.
Jetzt hatte man in der That keine Noth mehr zu leiden. Die Gegend wimmelte
von Vögeln aller Art; da gab es nicht nur wilde Tauben und Hühner in Menge,
sondern auch Gänse und Enten, worunter die sogenannte _Holz-Ente_, welche
ihre Jungen im Walde ausbrütet, als besonders schmackhaft erfunden wurde.
Auf dem Bache erblickte man den schwarzen Schwan; denn in Australien, das
fast in allen Dingen gänzlich verschieden von den andern Welttheilen ist,
haben die bei uns schneeweißen Schwäne ein schwarzes Gefieder.
Unter den Vögeln fiel unserm William besonders der _Emu_ -- so nannte
Kolbi dieses Thier -- oder der australische Kasuar, auf. Wenn die Kasuare
aufrecht stehen und ihre langen Hälse in die Höhe strecken, erreichen
sie fast die Größe eines Mannes. Sie sehen in der That wunderbar aus, und
William konnte sich sogar einiger Furcht vor diesen riesigen Thieren nicht
erwehren, wenn er ihnen auf seinen Streifereien begegnete. Der Emu hat
einen langen Hals und sehr lange Beine, einen plump gebauten Körper und,
obgleich er zum Vogelgeschlechte gehört, weder Federn noch Flügel. Die
Stelle der Federn vertritt eine Art von Haaren, die aber sehr dünn auf den
Körper gesäet und gleichsam ein Mittelding zwischen Haaren und Federn sind;
statt der Flügel hat er zwei kurze Lappen an der Seite. Eine Stimme hat man
noch nicht an dem Emu bemerkt. Das Fliegen ist diesen Thieren unmöglich,
dagegen aber laufen sie, wenn sie verfolgt werden, sehr schnell.
Die Eingeborenen machen mit Hunden Jagd auf sie. Man kann nur die Keulen
zur Speise benutzen, diese aber schmecken ganz wie unser Rindfleisch. Auch
die Eier sind ein Leckerbissen. Man findet sechs bis sieben in einem
Neste, und sie sind so groß, daß man die Schaalen zu Gefäßen benützen kann.
William war nicht wenig erfreut, als Kolbi auf einen ihrer Streifereien ein
Emunest entdeckte; jubelnd trug man es heim, genoß mit großem Behagen den
Inhalt, und hatte noch obendrein mehre ganz artige Gefäße, an denen es
ihnen seither sehr gefehlt hatte.
Die wilden Truthähne -- zwei Arten entdeckte man bis jetzt davon, die
dunkeln und die blaufarbigen -- waren ein großer Leckerbissen für unsre
Colonisten. Ihr Fleisch war zart und saftig, und hatte den allerbesten
Geschmack, da es fetter als das der übrigen wilden Vögel war. Sie bewohnen
die buschigen Stellen der Insel und sind nicht leicht zu erlegen, da sie
sehr furchtsamer und vorsichtiger Natur sind. Außer diesen Vögeln fand man
noch Schnepfen, die große Taube, die von Kolbi _Wanga-Wanga_ genannt wurde;
zwei Arten brauner Tauben, und die schöne Federbusch- und grüne Taube. Ein
sehr schönes Thier ist auch der Bergfasan, welcher nicht nur vortrefflich
schmeckt, sondern auch ein Spottvogel ist, der die Stimmen anderer Vögel
nachzumachen versteht. Auch Krähen und Elstern, gute Bekannte unsers
Williams von der Heimath her, zeigten sich in großer Menge; allein unsere
Schützen machten keine Jagd darauf, da ihr Fleisch nicht genießbar ist. Auf
den Gipfeln der Berge hauste der König der Vögel, der Adler, der hier einen
weißen Kopf hat; auch an andern Raubthieren, namentlich an Falken,
fehlte es nicht. Sie sind die Feinde der andern Vögel und sehr von ihnen
gefürchtet.
Auf einem Spaziergange, den William und Kolbi an einem schönen Abende
machten, erblickte ersterer einen schneeweißen, schön befiederten Vogel,
den er auf den ersten Blick für einen Kakatu erkannte; er hatte nämlich
einen solchen früher in einer Menagerie gesehen, und war nicht wenig
erfreut, ihn hier im Naturzustande zu erblicken. Späterhin entdeckte er
vier Arten von Kakatus: zwei schwarze, ohne Federbüsche, mit gelbgefleckten
Flügeln und eben so gestreiften Schwänzen; dann den weißen mit gelben und
endlich den schieferfarbigen mit rothem Federbusch. Besonderes Vergnügen
gewährten unserm William, für den diese ganze Thierwelt völlig neu war, die
vielen Papageien, die er erblickte. Man findet sie in Australien fast von
allen Farben und Größen und prächtiger gefiedert, als sonst irgendwo. Er
sah diese Thiere, die man in Europa so theuer bezahlt, in ganzen Schwärmen
umherfliegen und fast jedes Gebüsch davon belebt. Da war der schöne
Königspapagei mit seinem herrlichen grünen Gefieder, dem glänzendrothen
Kopf und Nacken -- auch ihr werdet ihn schon gesehen haben; -- den kleinen
Rosehillpapagey mit rothem Kopf und gelber Brust; den Bergpapagei, der blau
ist und in allen Farben des Regenbogens schillert. Williams Auge konnte
nicht müde werden, diese schönen Thiere zu betrachten und da sie, niemals
bisher von den Menschen verfolgt, durchaus nicht scheu thaten, konnte er
ihnen ganz nahe kommen und sie mit Muße besehen. Kolbi, der gute Kolbi
bemerkte kaum, welche Freude sein Genosse an diesen Vögeln hatte, so war
er auch schon darauf bedacht, einige davon für seinen Freund zu fangen.
Er legte ihnen sehr geschickt Schlingen, und da er ihre Lieblingsnahrung
kannte, lockte er sie vermittelst derselben in diese. William hatte bald
eine vollständige Sammlung dieser schönen Geschöpfe, und man sah sich
genöthigt, einen Winkel der Hütte mit Brettern abzukleiden, um einen
großen Käfig für die lieben Gäste herzustellen. In müßigen Stunden vertrieb
William sich die Zeit damit, diese Vögel zu zähmen und ihnen, da er ihre
große Gelehrigkeit kannte, Worte aussprechen zu lehren. Hierin zeichnete
sich vor allen andern der große Königspapagei aus, der sehr bald, zu
Williams nicht geringem Ergötzen, ganz deutlich seinen und Kolbis Namen
aussprach und nach und nach auch noch andere Worte, als: Mutter, Vater,
guten Morgen erlernte; William wollte ihm auch den Namen seiner geliebten
Vaterstadt Hamburg lehren; allein dies war eine zu schwierige Aufgabe für
seine kleine Kehle, und das Wort kam nur sehr unvollkommen heraus.
So hatten unsre Beiden in ihrer Einsamkeit und Abgeschiedenheit auch ihre
kleinen Genüsse und Freuden, die noch durch das Einfangen eines jungen
australischen Hundes, den man _Dingo_ nennt, vermehrt wurden. Diese Hunde
sind von den unsrigen sehr verschieden. Sie haben entweder dunkles oder
röthliches Haar, das sehr zottig ist, lange, buschige Schwänze, spitzige
Ohren, sehr dicke Köpfe und etwas spitzige Schnautzen. Sie laufen mit
wahrhaft erstaunenswerther Schnelligkeit und beißen tüchtig um sich, wenn
sie sich zu vertheidigen gezwungen sind. Sie bellen nicht wie unsre Hunde,
stoßen aber oft ein erbärmliches Geheul aus, das besonders bei Nachtzeiten
höchst widerlich klingt. Sie sind Raubthiere und werden von andern
Thieren sehr gefürchtet, die sie vermöge ihrer großen Schnelligkeit leicht
erreichen. Sie tödten sie nicht, reißen ihnen aber mit ihren scharfen
Zähnen ein Stück Fleisch aus und an dieser Wunde sterben dann die armen
Gebissenen eines qualvolleren Todes, als wenn sie auf der Stelle von ihnen
getödtet worden wären.
Kolbi, der eben kein Kostverächter war, hatte schon mehre Male Dingos
erlegt und sich einen für seinen Gaumen höchst schmackhaften Braten davon
gemacht; William mochte dabei aber nicht sein Gast sein, weil das Fleisch
einen überaus widerlichen Geruch hatte. Die Aehnlichkeit dieser Thiere mit
den ihm von der Heimath her so lieb gewordenen Hunden, bewog ihn aber zu
dem Wunsche, einen jungen Dingo zu besitzen, um ihn zähmen und abrichten
zu können. Kaum war Kolbi dieser Wunsch bekannt geworden, so dachte er auch
schon darauf, ihn zu befriedigen. Die Sache war aber nicht eben leicht in's
Werk zu richten, indem der Dingo, der sehr scheu ist, sein Nest überaus
gut zu verstecken weiß; auch war es, selbst wenn man bewaffnet war, nicht
ungefährlich, sich dem Lager zu nähern, wenn die Alten gegenwärtig waren,
da diese ihre Jungen wüthend vertheidigten.
Indeß verzagte unser Kolbi trotzdem nicht, und als er erst einmal so
glücklich gewesen war, das Nest eines Dingo's zu entdecken, lauerte er
so lange auf, bis er die bereits dem Säugen entwachsenen Jungen allein
überraschte. Er ergriff eines davon und trug es eilig zur Hütte, sich nicht
daran kehrend, daß es sich sträubte und mit den kleinen spitzigen Zähnen
tüchtig um sich biß.
Nicht wenig erfreut war William, sowohl über diesen neuen Beweis von der
Zuneigung seines Kolbi, als über den Besitz des artigen Thieres; denn
obschon im erwachsenen Zustande mehr häßlich als hübsch, sind die jungen
Dingos doch ganz allerliebst; auch wollte William das Thier weniger zum
Zeitvertreibe haben, als es zum Wächter erziehen.
Der kleine Dingo machte unsern Beiden zu Anfang das Leben sehr schwer. Er
biß um sich, so wie man sich seinem Behälter nur nahte, heulte die ganzen
Nächte hindurch und verschmähte zuerst sogar jegliche Nahrung, so daß
unsre Freunde, die fürchten mußten, ihn elendiglich umkommen zu sehen, aus
Mitleid schon im Begriffe waren, ihm seine Freiheit wieder zu geben. Da
änderte das kleine Ungethüm, vermuthlich, weil der Hunger ihm allzu sehr
zusetzte, plötzlich seine Natur: er genoß nicht nur etwas von dem ihm
hingeworfenen Fleische, sondern nahm es schon nach wenigen Tagen begierig
aus der Hand Williams oder Kolbis; ja, es waren nun erst einige Wochen
verstrichen, so wollte er keine andere Nahrung nehmen, als die einer der
beiden Freunde ihm reichte; selbst das Wasser, welches man ihm in einer
der von den Kasuar-Eiern gewonnenen Schaalen reichte, mußte ihm hingehalten
werden, wenn er es trinken sollte, und statt die ihm hingehaltene Hand, wie
früher, zu beißen, leckte er sie dankbar. Jetzt, da er sich so vernünftig
und zuthunlich bezeigte, glaubte man ihm die Freiheit schenken zu dürfen.
Man öffnete seinen kleinen Kerker und er kroch aus demselben hervor. Er
mißbrauchte die ihm gewährte Freiheit auch nicht, sondern trennte sich
nicht mehr von seinen Gebietern, die freilich seine volle Zuneigung auch
durch ihr liebreiches Betragen verdienten. Es war entschieden beider
Liebling und mancher Leckerbissen fiel ihm zu. Wenn sie ihr einfaches Mahl
hielten, gesellte er sich allemal zu ihnen und war offenbar »_in ihrem
Bunde der Dritte_.« Mit klugen Augen sah er bald den Einen, bald den Andern
an, ob nicht etwa ein Bissen für ihn abfiele, und erhielt er ihn, so leckte
er dankbar die Hand des Gebers. William, der ihn nie neckte und zerrte, wie
Kolbi zuweilen in seinem kindischen Muthwillen that, schien ganz besonders
seine Gunst zu besitzen, denn jede Nacht schlief er ganz dicht neben jenem.
Man hatte auf Williams Wunsch dem Dingo den Namen _Waldmann_ gegeben, nach
einem artigen Tackelchen, das in der Heimath der Liebling unsers Freundes
gewesen war, und das Thier hörte bald sehr verständig auf diesen Namen.
Ueberaus schwer war es aber gefallen, den Hund an gekochte oder vielmehr
gebratene Speisen, noch schwerer aber, ihn an den Genuß der Pataten zu
gewöhnen. Seiner Natur nach fraß er nichts als rohes Fleisch und durchaus
keine Pflanzenkost; endlich gewöhnte er sich aber doch daran, die Knochen
des gebratenen Fleisches zu nagen, und als man ihn einige Zeit hatte
hungern lassen, fraß er sogar mit Begierde die ihm dargereichten Pataten.
So fehlte es unsern beiden Einsiedlern keineswegs an kleinen Genüssen und
Freuden, ja sogar nicht an Unterhaltung, indem Kolbi nach und nach Williams
Sprache verstehen und selbst nothdürftig sprechen lernte. Zwar klang das,
was er sagte, oft überaus possierlich und mit den Fürwörtern wußte er
namentlich noch immer nicht zurecht zu kommen, auch verwechselte er die
Artikel; allein eben dieses Kauderwälsch ergötzte William und überdies
verstanden sie einander ganz vollkommen, zumal da letzterer bereits
eine Menge Wörter von der Papuas-Sprache -- der Volksstamm, zu dem Kolbi
gehörte, nennt sich die Papuas -- verstand, so daß, wenn Kolbi eine Sache
auf deutsch nicht zu nennen wußte, er sie nur in seiner Muttersprache zu
nennen brauchte, um sich seinem Freunde verständlich zu machen. William
würde sich geschämt haben, sich von Kolbi in der Gelehrigkeit übertreffen
zu lassen, und so legte er sich auf die Papuas-Sprache, wie Kolbi auf die
deutsche.
Wenn es dunkel wurde und sie folglich keine Arbeit mehr verrichten konnten,
vertrieben sie sich die Zeit wechselseitig mit Erzählungen von ihrer
Vergangenheit und den Sitten und Gebräuchen der Nation, zu der sie
gehörten. William war der Erste, welcher seinem Freunde die von ihm
erlebten Schicksale mittheilte, und Kolbi folgte seinem Beispiele.
Er erzählte ihm, daß er auf seinem winzigen, aus einem ausgehöhlten
Baumstamme gemachten Canot von der Küste eines großen, großen
Landes herübergekommen sei, weil die Feinde seines Stammes, in deren
Gefangenschaft er im Kriege gerathen war, ihn hatten braten und verzehren
wollen.
-- »Verzehren?!« rief William entsetzt bei diesen Worten aus; »verzehren?
das wäre ja abscheulich gewesen!«
-- »O, Menschenfleisch soll sehr gut schmecken,« versetzte Kolbi ruhig,
»und wäre ich nur noch ein Jahr älter gewesen, so würde auch ich es gewiß
gekostet haben; denn bei meinem Stamme erhalten es nur die tapfern Krieger,
die schon einen Feind erlegt oder gefangen genommen haben. Wäre ich nun
größer und stärker geworden, so hätte ich auch schon einen Feind tödten
oder mit meinen Händen gefangen nehmen wollen, und dann würde man es mir
nicht verwehrt haben, sein Fleisch zu braten und zu verzehren.«
-- »Ich danke Gott dafür, Kolbi, daß du eine solche Sünde nicht begingest,«
sagte William, der bei dem Gedanken schauderte, daß sein so herzlich
geliebter Kolbi ein Menschenfresser hätte werden können.
-- »Ich weiß nicht, was eine Sünde für ein Ding ist,« versetzte Kolbi;
»aber so viel weiß ich, daß es mir sehr leid thut, daß es hier keine Feinde
gibt, die man erlegen und deren Fleisch man essen kann; denn es soll besser
schmecken, als das der Kängeruh, selbst wenn diese noch jung und zart sind.
So sagte mir wenigstens mein Vater, der oft Menschenfleisch genossen hat,
nun aber keins mehr ißt, weil er todt und wahrscheinlich von den Feinden
aufgegessen ist. Ich selbst sah ihn in der Schlacht fallen, als ich ihm die
Waffen in derselben nachtrug, und da die Feinde den Sieg erhielten, weil
der gute Geist, den wir _Koyan_ nennen, sich von uns abgewendet hatte,
werden sie ihn wohl gefunden und mit sich geschleppt haben.«
-- »Wie geriethest aber du in Gefangenschaft? und wie gelang es dir,
dich aus derselben zu befreien und hieher in dem Canot zu retten?« fragte
William, der, von Neugierde getrieben, es für ein Andermal versparte,
seinen Freund davon zu unterrichten, was eine Sünde sei.