nicht lange ausbleiben; zugleich aber erhoben sich in seiner Seele
Bedenklichkeiten über sein Recht, sich die darin enthaltenen Sachen
aneignen zu dürfen, und lange kämpfte er mit sich selbst darüber.
Endlich sagte er sich, daß einmal der frühere Besitzer dieser Kiste aller
Wahrscheinlichkeit nach todt, dann aber für ihn keine Möglichkeit vorhanden
sei, selbst wenn er lebte, sie ihm wieder zuzustellen. Ferner war die Noth,
in der er sich befand, so groß und er aller sonstigen Hülfe so gänzlich
beraubt, daß er meinte, Gott werde es ihm schon vergeben, daß er sich des
Inhalts der Kiste bemächtige und zu seinem Besten verwende.
Eine andere Frage, nachdem er diese beseitigt hatte, war nun die, wie er
die Kiste öffnen solle? Der Zimmermann hatte sie aller Wahrscheinlichkeit
nach selbst und, da er ein tüchtiger Mann in seinem Geschäfte war, gewiß
sehr fest gebaut. Zwar hätte er trotz dem den Deckel leicht mit einem
großen und kantigen Steine zerschlagen können; allein zu diesem Auswege,
der ihm noch übrig blieb, wenn kein anderer sich erdenken ließ, konnte er
immer noch greifen und der Gedanke, die Kiste ganz zu erhalten, war ihm so
angenehm, daß er lieber erst alles Andere versuchen, als sie zertrümmern
wollte. Er hatte bemerkt, daß die Schlosser mit einem an der Spitze etwas
krumm gebogenen Instrumente von Eisen leicht zugesprungene Schlösser
aufmachten, und da er als ein kluger und aufmerksamer Knabe sich alle dabei
angewandten Handgriffe gemerkt hatte, kam es nur darauf an, daß er einen
gehörig starken Nagel fände, der dann vermittelst eines statt des Hammers
dienenden Steins leicht die gehörige Form erhalten könnte. Er ging also, um
einen Nagel zu suchen, noch etwas weiter den Strand hinauf.
Dieser Weg wurde ihm reichlich belohnt, indem er noch eine Menge
Schiffstrümmer, sogar den ganzen Spiegel des gescheiterten Schiffs,
und einige Tonnen mit Zwieback am Ufer fand. Seine Freude bei diesem
unerwarteten Anblick war nicht gering und er machte sich sogleich ans Werk,
die Trümmer weiter auf den Strand hinauf zu ziehen, damit nicht etwa eine
höher gehende See sie wieder ins Meer zurückführte. Wie vielen Schweiß
vergoß er bei dieser, seine Kräfte fast übersteigenden Arbeit; aber
obgleich ihn Hunger und Durst nicht wenig bei derselben quälten, versagte
er sich doch die Befriedigung dieser dringenden Bedürfnisse, um seinen
Schatz erst in Sicherheit zu bringen. Jedes Stückchen Brett, mochte es
auch schon halb zertrümmert sein, war ein Schatz für ihn, dem es an allem
fehlte. Nur den Spiegel des Schiffs vermochte er, seiner Schwere wegen,
nicht von der Stelle zu bringen, und ihn zu zertrümmern, dazu fehlte es ihm
an den gehörigen Geräthschaften. Was hätte er nicht jetzt darum gegeben,
einen Genossen zu haben, der ihm hülfreiche Hand bei der sauren Arbeit
leistete!
Als er das, was ihm möglich gewesen war zu retten, höher auf den Strand und
somit in Sicherheit gebracht hatte, dachte er zunächst daran, seinen Hunger
und Durst zu stillen und freute sich in seinem Herzen nicht wenig, den
ersteren mit dem in den Tonnen enthaltenen Zwiebacke stillen zu können. Er
zerschlug daher eine derselben und die Zwiebacke kamen zu Tage; aber ach!
sie hatten sich, aufgeweicht durch das Seewasser, in einen Brei verwandelt
und dieser schmeckte so salzig und bitter, daß er nicht einen Mund voll
davon herunter zu würgen vermochte.
Die Hoffnung, die er auf diesen Fund gesetzt hatte, war also eine
vergebliche gewesen, und er mußte sich nach einem andern Nahrungsmittel
umsehen. In der Nähe war dieses nicht zu finden, was ihn sehr betrübte,
da er mit dem Aufsuchen so viele Zeit verlieren mußte; denn auch mit der
Hoffnung, Muscheln am Strande zu finden, war es nichts gewesen. Erst nach
langem, fruchtlosen Umherirren fand er einen Baum, der große Aehnlichkeit
mit unserm Birnbaume und eine Frucht wie dieser hatte.
»Ha! Birnen!« rief er bei diesem willkommenen Anblicke mit freudig bewegter
Stimme aus, und schon nach wenigen Augenblicken hatte er zehn bis zwölf
Stück mit einem Stecken, den er sich geschnitten, heruntergeschlagen.
Jetzt sollte es ans Schmausen gehen; aber o weh! wie bitter sah sich
unser William abermals in seiner Hoffnung getäuscht! Die ihn so lieblich
anlächelnden Birnen waren nichts weiter, als die Saamenkapseln eines
dem Birnbaum ähnlichen Baumes und die Schale war so hart, daß sie seinen
tüchtigen Zähnen Trotz bot. Er ließ sie also liegen und setzte, etwas
entmuthigt, seine Wanderung fort. Die gleichfalls nicht eben einladenden,
aber doch genießbaren Kirschen mußten endlich aushelfen und waren deßhalb
willkommen, weil sie den Hunger und Durst zugleich stillten. Er aß
eine tüchtige Portion davon, legte sich dann unter den Schatten eines
prachtvollen, seine Aeste weit ausstreckenden Gummi-Baumes nieder und
verfiel in einen sanften Schlaf.
Zwar hatte er sich beim Einschlafen vorgenommen, nur ein Stündchen zu ruhen
und dann an den Strand zu gehen, um seine Kiste zu öffnen; allein aus dem
sich gegönnten Stündchen wurden drei bis vier Stunden und als er endlich
wieder erwachte, sank die Sonne bereits in das Meer hinab, so daß er eilen
mußte, wenn er den Strand noch vor Dunkelwerden wieder erreichen wollte. In
der Eile mochte unser Freund aber nicht auf den rechten Weg gemerkt haben,
denn das Meer wollte sich noch immer seinen Blicken nicht zeigen und
doch dunkelte es bereits. Endlich mußte er für diesen Abend die Hoffnung
gänzlich aufgeben, seine Schätze noch zu erreichen und es blieb ihm weiter
nichts übrig, als Schutz und nächtliche Ruhe unter freiem Himmel oder einem
stark belaubten Baume zu suchen. Früh, mit Anbruch des Tages, weckten ihn
aber die empfindliche Morgenkühle und der überaus stark gefallene Thau, der
bereits seine wenigen Kleidungsstücke gänzlich durchnäßt hatte. Da er jetzt
schon die Gefahr einer solchen Durchnässung kannte, sprang er schnell
auf und machte sich eilig auf den Weg, um sein Blut wieder in Bewegung
zu setzen. Er war noch keine halbe Stunde gegangen, so vernahm er aus
der Ferne das Brausen und Rauschen der Wellen, die seinem Ohre wie die
lieblichste Musik erklangen, und nicht lange, so stand er wieder an dem
heißersehnten Meeresstrande, zwar in einiger Entfernung von den geborgenen
Schätzen, aber doch so nahe, daß er sie bereits mit seinen scharfen Blicken
erreichen konnte.
Als er ihnen näher kam, fiel es ihm nicht wenig auf, daß er sich etwas
Lebendiges zwischen den Schiffstrümmern bewegen und hin und hergehen sah.
Sein erster Gedanke war, daß es vermuthlich ein Raubthier sei; denn vor
diesen fürchtete er sich immer noch, da er nicht wußte, daß Australien
keine fleischfressenden Thiere besitzt, die dem Menschen gefährlich werden.
Als er aber, schüchtern und mit großer Vorsicht näher ging, bemerkte er, zu
seiner nicht geringen Ueberraschung, daß sein vermeintlicher Feind auf zwei
Beinen und aufrecht ging.
»Gewiß ein Affe, vielleicht gar ein Urang-Utang!« sagte er bei sich. Er
irrte aber in dieser Voraussetzung, denn auch Thiere dieser Gattung sind in
Australien nicht zu Hause.
Sein Erstaunen erreichte aber den höchsten Grad, als er am Strande,
unfern der von ihm geborgenen Sachen, ein Canot, oder indianisches Boot,
erblickte. Es hatte die Gestalt eines großen Troges und war aus einem
ausgehöhlten Baumstamme gemacht. Aus Vorsicht hatte der Besitzer desselben
es auf den Strand gezogen, was sich seiner Leichtigkeit und Kleinheit wegen
leicht bewerkstelligen ließ.
William, der sich jetzt vor einem vielleicht Menschen fressenden Wilden,
wie zuvor vor Löwen und Tigern, fürchtete, ging nur langsam und mit großer
Vorsicht auf den Wilden zu, der seinerseits so ämsig mit dem Aufschlagen
der Kiste beschäftigt war, daß er die Ankunft unsers Freundes nicht eher
bemerkte, als bis dieser ihm ganz nahe stand.
Ein Schrei des Entsetzens entfuhr dem armen Wilden, der ein Knabe von
dreizehn bis vierzehn Jahren zu sein schien, krauses Haar und eine ziemlich
dunkle Hautfarbe, aber im Uebrigen einen sehr wohlgebildeten Körper hatte,
so bald er eines Menschen ansichtig wurde, wie er noch nie zuvor einen
gesehen. Er glaubte ohne Zweifel den weißen Geist, eine Gottheit, die von
diesen Wilden angebetet und sehr gefürchtet wird, vor sich zu haben und
stürzte zur Erde nieder, das Gesicht gegen den Boden drückend und die Hände
weit von sich streckend. Dabei stieß er so erbärmliche, seltsam klingende
Töne aus, daß William sich kaum eines Lächelns erwehren konnte, so wenig
ihm auch sonst darnach zu Muthe war. Der Augenblick, wo er einen Menschen
wiederfand, war ja ein großer, überaus wichtiger für ihn.
Da William sah, daß er Furcht einflößte, schwand natürlich die seinige und
das Mitleid mit dem armen, zitternden Wilden nahm die Stelle derselben ein.
Er bückte sich zu dem armen _Kolbi_ -- dies war sein Name, wie er späterhin
erfuhr -- nieder und berührte seinen nackten Körper sanft mit der Hand,
indem er ihm gute Worte gab und ihm Muth einzusprechen suchte. Aber Kolbi
verstand ihn nicht und die sanfte Berührung von Seiten des vermeinten
Geistes vermehrte dermaßen sein Entsetzen, daß sein armer Körper wie ein
Espenlaub zitterte.
William, der nicht wußte, was er anfangen sollte, um den armen Knaben zu
beruhigen, kniete neben ihm nieder, streichelte seinen Kopf und sprach in
so sanften Tönen zu ihm, daß es dem armen Zitternden, obgleich er seine
Worte nicht verstehen konnte, doch begreiflich wurde, daß er nichts Böses
von ihm zu befürchten habe. Er erhob also das Haupt etwas vom Boden und
sah unsern William von der Seite an; so wie er ihm aber in das Gesicht sah,
schauderte er sichtbar zusammen und schloß die Augen wieder, ganz wie der
Strauß es machen soll, der seinen Kopf in den Busch steckt und meint, sein
Verfolger sehe ihn nicht, weil er diesen nicht mehr sieht.
Endlich gelang es unserm jungen Freunde doch, dem Wilden einiges Vertrauen
einzuflößen; Kolbi erhob sich wenn gleich noch leise zitternd, und reichte
dem weißen Manne sogar die Hand, als dieser ihm die seinige bot. Beide
gingen jetzt wieder zu der Kiste, die William so sehr am Herzen lag. Kolbi
hatte ihm die Mühe erspart, das Schloß vermittelst eines krumm gebogenen
Nagels zu öffnen, indem er in seinem Unverstande den Deckel mit einem Stein
zertrümmert hatte, so daß der Inhalt bereits zu Tage lag. Diesen bildeten,
außer Wäsche und Kleidungsstücken, etwas Geld, das für William jetzt ohne
allen Werth war, da er nichts dafür kaufen konnte, eine Menge sehr guter
Handwerksgeräthe, als Sägen, Hobel, Bohrer, Hammer, ein Beil, Meissel
u. dgl. m., einige Seecharten, ein Gebet- und Gesangbuch und endlich eine
silberne Uhr, die zwar still stand, weil sie nicht aufgezogen war, aber
durchaus nicht gelitten hatte, wie überhaupt die Sachen in der Kiste nicht.
Denn der brave Zimmermann hatte seine Lade so tüchtig gearbeitet und sogar
das Schlüsselloch mit einem so gut schließenden Schieber versehen, daß auch
nicht ein Tropfen Seewasser in das Behältniß gedrungen war.
Der Anblick der Uhr machte William eine außerordentliche Freude, und da der
Schlüssel an einer schweren silbernen Kette daran hing, zog er sie gleich
auf; sie ging! Kolbi sah Alles, was er that, mit neugierigem Erstaunen an;
als ihm William aber die Uhr vor das Ohr hielt, damit er sie picken höre,
erschrack er nochmals so, daß er fast wieder zur Erde gefallen wäre, und
die Uhr angebetet hätte, wie früher unsern Freund; ja, das lebhafteste
Entsetzen spiegelte sich in seinen Blicken ab, als er William den
vermeinten Gott in seine Tasche stecken sah.
Unser Schiffbrüchiger war durch das Auffinden der Kiste und der Trümmer des
Schiffs, weit mehr aber noch durch das Begegnen Kolbis auf einmal zu einem
Reichthum gelangt, den er nicht mehr zu hoffen gewagt hatte. Es gelang ihm
auch, dem jungen Wilden ein so großes Vertrauen einzuflößen, daß dieser
ihm, als er gegen Abend zu seiner geliebten Höhle zurückkehrte, willig
dahin folgte. Kolbi war ihm von sehr großem Nutzen, indem er einen Theil
dessen, was William gleich in Sicherheit bringen wollte, auf seine starken
Schultern nahm, so daß, da Beide trugen, der werthvolle Inhalt der Kiste
gleich in die Höhle geschafft wurde. Nicht wenig erstaunte Kolbi, als
er William, so wie sie in derselben angelangt waren, vermittelst eines
gleichfalls gefundenen Feuerstahls, Schwamms und Steines Feuer anmachen,
und die Pataten daran legen sah. Als diese gehörig gebraten waren, theilte
William sein einfaches Mahl mit seinem schwarzen Freunde, der vermuthlich
lange keine so gute Kost genossen hatte, denn er ließ es sich vortrefflich
schmecken und auch keine einzige Patate blieb übrig. Auch William hatte den
besten Appetit von der Welt; in zwei Tagen waren es nur Kirschen gewesen,
mit denen er ihn hatte stillen können, und so war ihm die derbere Nahrung
jetzt sehr erwünscht.
Als Beide sich gehörig gesättigt und ihren Durst durch einen frischen Trunk
aus der Quelle gestillt hatten, legten sie sich auf dem weichen Lager,
einträchtig wie Brüder, neben einander nieder und schliefen bald ein; unser
William jedoch erst, nachdem er die Pflicht des Dankes gegen seinen so
gnädigen und gütigen Vater im Himmel erfüllt hatte, und o! für wie viel
Gutes hatte er ihm nicht mit gerührter Seele am Abende dieses Tags zu
danken!
[Illustration: ~Seite 131.~]
Vierzehntes Kapitel.
Als er am andern Morgen erwachte, hatte er Mühe sich zu überzeugen, daß die
Erlebnisse der beiden vorhergehenden Tage nicht ein bloßer Traum gewesen
sey, und erst als er Kolbi am Eingange der Höhle erblickte -- dieser war
etwas früher erwacht und aufgestanden als er -- begriff er sein Glück. Auch
er erhob sich, ging zu seinem jungen Freunde, gab diesem freundlich die
Hand und kniete dann am Eingange der Höhle nieder, um Gott sein Morgen- und
Dankgebet darzubringen. Kolbi, der glaubte, daß er Alles nachmachen müsse,
was der »gute weiße Geist« -- so nannte er unsern William noch -- that,
kniete neben ihm nieder und faltete eben so andächtig seine Hände, als
hätte er gewußt, warum es sich handelte; davon hatte der Arme aber keinen
Begriff.
William führte darauf Kolbi zu der Stelle, wo die Pataten wuchsen, damit
er ihm behülflich sey, einige davon aus der Erde zu nehmen, weil sie ihr
Frühstück damit halten wollten. Wie es schien, verstand sich der junge
Wilde besser darauf, als er selbst; er brach einen Stecken vom nächsten
Baume, und wühlte die Erde so schnell und geschickt damit auf, daß er eine
Menge dieser eßbaren Knollen ans Tageslicht förderte. Als William ihn so
gut unterrichtet sah, machte er Feuer an, um sie zu braten; Kolbi verstand
auch jetzt, was er wollte, und trug die gewonnenen Früchte eilig herbei;
jetzt aber mußte William seiner großen Geschäftigkeit Einhalt thun, denn
der Wilde, der weder von Eckel noch Reinlichkeit viel wußte, wollte die
Pataten mit aller daranhängender Erde an das Feuer legen und sie würden ihm
auch so ganz vortrefflich gemundet haben. Aber nicht so William, dieser riß
sie wieder vom Feuer, legte sie Kolbi in die Arme, nahm den Rest und eilte
damit dem Bache zu, wohin ihm der Wilde nicht ohne einige Verwunderung
folgte. Hier angelangt, wusch er erst die Frucht rein und bedeutete dann
Kolbi durch Zeichen, daß er sie jetzt ans Feuer legen und braten lassen
dürfe, was dieser auch that, ohne begreifen zu können, wozu die eben
gesehene Procedur gut seyn konnte.
Nach eingenommenem Frühstücke führte William erst seinen Freund zu der
Stelle, wo die Himbeeren in so großer Fülle wuchsen; auch diese kannte
Kolbi und ließ sich nicht lange nöthigen, zuzugreifen. Als man sich
gesättigt hatte, füllen sie ein mitgenommenes Beutelchen, das man unter den
geretteten Sachen gefunden hatte, mit diesen duftigen Früchten an und auch
die Ledertasche wurde mit Wasser angefüllt, worauf Beide wieder den Weg
zum Strande antraten, um auch die zurückgebliebenen Bretter, Nägel, Balken
u. s. w. zu bergen.
William, der jetzt schon klüger geworden war, hatte einige Endchen starken
Bindgarns mitgenommen und befestigte vermittelst desselben einige Bretter
so aneinander, daß sie eine Art von Schleife bildeten, worauf man bequem
andere Bretter fortbringen konnte, indem man die Schleife hinter sich
herzog. Nicht wenig mußte sich unser junger Freund über die Klugheit und
Gelehrigkeit des Wilden wundern. So wie William etwas that, richtete er
aufmerksam seine Blicke auf jede seiner Bewegungen, und es dauerte nicht
lange, so hatte er seine Absicht begriffen, in die er dann eben so klug als
geschickt und behende einging.
Welch ein Trost, welch eine Freude war der Besitz Kolbis für William!
Zwar konnte er nicht anders, als durch Zeichen zu ihm reden; zwar verstand
Keiner die Sprache des Andern; aber trotz dem unterhielten sie sich doch
schon durch Blicke und Zeichen, die Kolbi schnell begriff, denn er war ein
sehr gescheidter junger Mensch. Welch Entzücken war es für unsern Freund,
als er wieder in ein Menschenauge blicken und Liebe und Dankbarkeit daran
lesen konnte! Auch that Kolbi gar nicht mehr scheu gegen ihn, sondern
bezeigte sich jetzt vollkommen zutraulich, und wenn er gleich William,
seiner weißen Hautfarbe wegen, noch für ein überirdisches Wesen hielt,
so fürchtete er sich doch nicht mehr vor ihm, wie er zu Anfang ihrer
Bekanntschaft gethan hatte. Ihr müßt nämlich wissen, liebe Kinder, daß
die Schwarzen sich den bösen Geist _weiß_ malen, während wir den Teufel
schwarz. Der Anblick eines Europäers, des ersten, den er in seinem Leben
sah, war also wohl dazu geeignet, unserm armen Australier eine ungemessene
Furcht einzuflößen. Fast drei Tage bedurfte man, um die geborgenen
Schiffstrümmer zu der Höhle zu schaffen; denn auch den Spiegel des Schiffs
hatte man fortbringen können, da man ihn vermittelst des gefundenen Beiles
kleiner gemacht hatte. Am dritten Tage, als man den letzten Weg zum Strande
-- wenigstens für diesmal -- machte, warf Kolbi plötzlich die Last, womit
er seine Schultern beladen hatte, zu Boden, und ehe William es sich versah,
hatte er den Stamm eines sehr hohen Baumes, fast bis zum Gipfel desselben,
erklettert. William wußte nicht, was diese Erscheinung zu bedeuten habe,
und stand erwartungsvoll unter dem Baume, um abzuwarten, was sein Gefährte
da oben schaffen würde. Er sah, daß dieser mit der Hand in eine Höhlung
des Baumes langte und sie bald wieder hervorzog; er hielt dabei, wie
triumphirend, etwas in die Höhe; was es war, konnte aber William nicht
unterscheiden, bis Kolbi wieder unten bei ihm anlangte.
Könnt Ihr vielleicht errathen, was der Wilde dort oben in dem Baume gesucht
und gefunden hatte? Strengt einmal Euere Denkkraft an; solltet Ihr mein
Räthsel aber nicht lösen, so will ich Euch den Schlüssel dazu in die Hand
geben. Es gibt in Australien, eben so gut wie bei uns, Bienen.... -- »O!
nun wissen wir Dein Geheimniß schon!« rufen jetzt gewiß Viele von Euch:
»Der Kolbi brachte eine Honigscheibe herunter; nicht wahr?«
Ja, eine Honigscheibe hielt er wirklich in der Hand, und zwar eine mit
dem hellsten, schönsten Honig, den man sich nur denken kann. Gewohnt, mit
seinen überaus scharfen Augen überall umherzuspähen, hatte er einige wilde
Bienen entdeckt, welche die Spitze des Baumes umschwärmten und daraus
geschlossen, daß er dort oben ein Nest finden würde. Daß er sich in dieser
Voraussetzung nicht geirrt hatte, zeigte die Honigscheibe in seiner Hand.
Mit der ihm eigenthümlichen rührenden Gutmüthigkeit bot er den leckern
Fund seinem Freunde dar, bevor er selbst noch das Geringste davon gekostet
hatte; William nahm das Geschenk zwar an, allein er wollte es mit ihm
theilen, was Kolbi jedoch nicht litt, denn er sollte den Honig einmal
allein behalten. William, der so vielen Honig nicht auf einmal genießen
konnte, kostete etwas davon und beschloß den Rest für eine andere Zeit
aufzuheben. Er legte ihn daher, so wie man in der Höhle angelangt war,
auf einen Felsenvorsprung, denn Gefäße hatte man ja nicht, um ihn anders
aufzuheben.
Mitten in der Nacht wurden beide Schläfer, trotz ihres festen Schlafs,
durch ein höchst lästiges Kriechen und Krabbeln, das sie auf allen
entblößten Theilen ihres Körpers -- der arme Kolbi über seinen ganzen
nackten Leib -- empfunden, mehreremale aufgeweckt; sie waren aber so
schlaftrunken, daß sie sogleich wieder einschliefen und erst gegen Morgen
völlig munter wurden. Wie erschracken aber Beide, als sie sich anblickten!
Jeder war über den ganzen Leib mit Ameisen bedeckt, die ihnen zwar nichts
thaten, sondern nur über die beiden Schläfer weg, zu dem Honig krochen,
dessen Geruch die ganze Ameisen-Nachbarschaft in die Höhle gelockt hatte;
denn Süßigkeiten sind für diese Thierchen ein wahrhafter Leckerbissen, und
sie gehen ihnen emsig nach.
Sobald Kolbi sah, was es gab, sprang er auf, entkleidete sich von der
Binde, die er um seine Lenden gewunden hatte, und eilte, die Binde
schwankend und schüttelnd, um sie von den lästigen Gästen zu befreien, dem
Bache zu, indem er sich tüchtig badete und abwusch, um das lästige Brennen
und Jucken los zu werden. William begriff, daß die von seinem Gefährten
ergriffene Maßregel eine sehr ersprießliche sey, und folgte seinem
Beispiele, was ihn sehr erfrischte.
Ein schlimmer Umstand trat aber jetzt ein: die Höhle war für sie, wenn auch
vielleicht nicht für immer, doch für längere Zeit, verloren und man mußte
sich beeilen, die darin geborgenen Sachen herauszunehmen. So lange die
Ameisen nach dem Geruch des Honigs witterten, drangen sie in großen Zügen
in die Höhle und es war nicht darauf zu rechnen, daß dieser Geruch sich
sobald wieder verlieren würde, selbst wenn man den Honig herausnähme. Das
war dann freilich eine betrübte Sache; sie entmuthigte indeß unsere Beiden
nicht; hatte man doch jetzt Holz und Bretter genug, um sich eine Hütte
bauen zu können, und noch an demselben Tage wurde der Anfang damit gemacht.
William wollte aber eine solche nicht bloß für eine kurze Zeit, sondern
gleich gehörig herstellen, und so mußte man es sich gefallen lassen, einige
Nächte unter freiem Himmel zuzubringen. Man legte die Hütte auf einem
kleinen Vorsprunge des Hügels, von wo aus man eine sehr reizende Aussicht
auf das umliegende Thal hatte, an, und machte sie so geräumig, daß man
nicht nur selbst Platz darin fand, sondern auch alle Geräthschaften
bewahren und gegen die Einflüsse von Luft und Wetter schützen konnte.
Kolbi zeigte sich auch bei diesem Geschäfte überaus thätig und gelehrig.
Man sah es ihm an, daß dieß nicht die erste Hütte war, die er erbaute;
nur mit den europäischen Geräthschaften wußte er nicht umzugehen, und sah
besonders William mit großem Erstaunen zu, als dieser vermittelst einer
Säge, die von den Handwerkern der Fuchsschwanz genannt wird, ein Brett
durchschnitt, das für den beabsichtigten Zweck zu lang war.
Beim Einrammen der das Dach der Hütte tragen sollenden Pfähle bewies
sich Kolbi so geschickt, daß er William weit hinter sich ließ. Dieser war
nämlich sehr um eine Schaufel oder eine Grabscheit verlegen, und wußte
nicht, wie er ohne diese, ihm unentbehrlich scheinenden Instrumente ein
gehörig tiefes Loch in die Erde graben sollte. Das verstand Kolbi aber
vortrefflich: er suchte sich unter den vielen umherliegenden Steinen einen
Stein aus, der fast die Form einer Schaufel hatte, legte sich neben der
Stelle, wohin der Pfahl kommen sollte, auf den Bauch nieder und schaufelte
jetzt mit beiden Händen die Erde so schnell weg, daß schon nach wenigen
Minuten ein ziemlich tiefes Loch da war. Auch beim Befestigen der Pfähle
zeigte er sich eben so geschickt. Erst schaufelte er alle ausgeworfene Erde
davon, dann klopfte er den Boden fest und endlich trieb er in diesen noch
Steine und Holzsplitter ein, was wesentlich dazu beitrug, die Stäbe recht
fest zu machen.