Trotz der großen Schmerzen, die es ihm verursachte, mußte der Kranke doch

aufstehen, um seinen Durst zu löschen, der endlich zu einer unerträglichen

Qual für ihn wurde, um so mehr, da er die Rolle des Tantalus zu spielen

gezwungen war und ganz in der Nähe des köstlichsten Wassers, das er rieseln

und rauschen hörte, vor Durst verschmachten sollte. Er erhob sich also;

allein seine Beine versagten ihm den Dienst und er sank mehrere Male um;

endlich erreichte er aber doch den Bach und trank nun mit vollen Zügen. Er

konnte sich nicht wieder von dem herrlichen erquicklichen Wasser trennen

und eingedenk der Mühseligkeiten und Schmerzen, die es ihm gemacht hatte,

bis zu demselben zu gelangen, legte er sich ganz in der Nähe des Baches

nieder.

Ein Glück war es für ihn, daß er keinen Hunger verspürte, wie man dies bei

Kranken in der Regel bemerkt, denn wie hätte er, der kaum seine Hände zu

rühren und keine zehn Schritte ohne die entsetzlichsten Schmerzen zu gehen

vermochte, sich Nahrungsmittel suchen sollen?

Dieser schreckliche Zustand dauerte volle drei Tage und der arme William

glaubte sich dem Tode nahe. Er würde in seiner völlig hülflosen Lage,

verlassen von aller Kreatur, völlig haben verzweifeln müssen, wenn er

nicht von seiner Mutter zur Frömmigkeit angehalten worden wäre und ein

unbegrenztes Vertrauen zu seinem himmlischen Vater gehabt hätte. Dieses

Vertrauen und ein inbrünstiges Gebet zu Gott erhielten seinen Muth aufrecht

und wurden vielleicht seine Lebensretter; denn wie sehr würde es seinen

Zustand verschlimmert haben, wenn er, statt sein Leben und Schicksal in die

Hände seines himmlischen Vaters zu legen, sich einer wilden Verzweiflung

überlassen hätte.

Seine größte Plage war die Schlaflosigkeit, die theils durch seine großen

Schmerzen, theils dadurch herbeigeführt wurde, daß er sich gar keine

Bewegung machen konnte. Da war es denn eine gute Sache für ihn, daß er

sich zeitig daran gewöhnt hatte, auf Alles Achtung zu geben, was um ihn her

vorging, denn sonst würde er die tödtlichste Langeweile gehabt haben. Am

Tage schenkte er den ihn umstehenden Gräsern und Blumen, den schöngefärbten

Schmetterlingen und Libellen, die ihn umflatterten, den Käfern und

Würmchen, die sich auf den Spitzen der Grashalme wiegten, oder am Boden

hinkrochen, seine Aufmerksamkeit und jeder Gegenstand gab ihm hinlänglichen

Stoff, Betrachtungen anstellen zu können, da Alles hier ganz anders als

in Europa war. In der Nacht beschäftigte er sich damit, die Gestirne

zu beobachten und mit seinen Blicken ihren Lauf zu verfolgen, sich die

Stellung zu bemerken, in der die einzelnen Gestirne gegeneinander standen.

Zuweilen gewährte das Flattern oder der Ruf eines Nachtvogels ihm eine

angenehme Unterhaltung; selbst das Quacken der Frösche, die am Rande des

Baches ihr eintöniges Nachtlied anstimmten, war für sein Ohr jetzt

kein unangenehmer Ton, so wenig er früher auch dieser Musik der

Sumpf-Nachtigallen Geschmack hatte abgewinnen können: belebte es doch die

sonst so schweigsame Natur!

Nachdem unser William drei volle Tage und Nächte so gelegen, ohne irgend

Etwas zu sich zu nehmen, als das Wasser, das er aus seinem lieben

Bache schöpfte, fing er endlich an, eine leise Anwandlung von Hunger zu

verspüren; dies war das erste Zeichen der wiederkehrenden Genesung und er

dankte Gott dafür, obgleich er nicht wußte, wie er den erwachenden Appetit

stillen solle; war er doch noch zu schwach, um mit seinem Messer sich

Pataten aus der Erde graben zu können, und woher hätte er vollends die

Kraft nehmen sollen, Feuer anzumachen, um sie zu braten? Er mußte sich

also einer neuen Geduldsprobe und Hungerkur unterwerfen, bis er sich wieder

etwas stärker fühlen würde. Dieser Mangel an Nahrung -- so unglaublich

diese Behauptung Euch auch klingen mag -- beförderte seine Genesung

bedeutend. Ein kranker Körper bedarf in der Regel gar keiner Nahrung, ja

sie schadet ihm in den meisten Fällen, und vermöchten alle Kranke es über

sich, die strengste Diät zu halten, so würden sie noch einmal so schnell

genesen. Zu einer solchen Enthaltsamkeit sah sich aber unser William durch

seine Lage gezwungen und erst am fünften Tage, als sein Appetit recht groß

geworden war, zwang ihn dieser, den Versuch zum Aufstehen zu machen, und

jetzt ging es.

Zwar schwankte er noch wie ein vom Winde hin und her bewegtes Rohr; zwar

drehten sich scheinbar alle Gegenstände um ihn her im Kreise, wie es bei

großer Schwäche der Fall zu sein pflegt; zwar mußte er sich nach zehn bis

zwanzig zurückgelegten Schritten erst niedersetzen, um auszuruhen; allein

es ging doch immer besser und besser und in der Zeit von einer Stunde hatte

er eine gute Strecke zurückgelegt, indem er immer dem Laufe des Baches

folgte.

Ein zwar niedriges, aber dem Anscheine nach dichtes Gebüsch zeigte sich in

einiger Entfernung. In der Hoffnung, dort vielleicht irgend etwas Eßbares

zu finden, strengte er den letzten Rest seiner Kräfte an, um es zu

erreichen. Wie belohnte sich aber diese Anstrengung nicht für unsern armen

Hungernden! Als er sich dem Gesträuche bis auf einige wenige Schritte

genähert hatte, sah er fast jeden Zweig desselben mit schwellenden,

dunkelrothen Beeren bedeckt, die traubenweise daran hingen und auf den

ersten Blick von ihm für Himbeeren erkannt wurden. Seine Schwäche gänzlich

vergessend, stürzte er auf diese labenden, duftigen Früchte zu und aß eine

gute Menge davon. Es war ein Glück für ihn, daß er keine festere Nahrung

gefunden hatte, weil er sich mit einer solchen den völlig ausgehungerten

Magen gewiß gänzlich verdorben haben würde. Jetzt aber fühlte er sich nach

dem Genusse der kühlenden und duftigen Frucht außerordentlich erquickt

und so behaglich, wie seit längerer Zeit nicht; ja, er konnte sogar ohne

allzugroße Beschwerde zu seiner geliebten Quelle zurück kehren, denn von

dieser trennte er sich nur ungern.

Es ging von nun an immer besser; ja er konnte sogar seinen Appetit wieder

an den nährenden Pataten stillen, die, nächst dem Wasser, die größeste

Wohlthat für ihn waren.

So wie er nun seine ersten Bedürfnisse befriedigt sah, dachte er bereits

auf andere. Obgleich der Himmelsstrich, unter dem er sich befand, einer

der wärmsten, mildesten der Erde war, so empfand er doch oft, des stark

fallenden Thaues wegen, Nachts ein heftiges Frösteln, besonders gegen

Morgen, wo die Nachtkühle immer am empfindlichsten ist. Er sah sich also,

so wie seine Kräfte es nur erlaubten, nach einem schützenden Obdache um,

das aber nicht allzuweit von seinem geliebten Bache entfernt sein durfte.

Er hatte mehrfach gelesen und gehört, daß manche Berge Höhlen enthielten

und seine Gedanken waren auf eine solche gerichtet. Er umkreißte also

die nächsten Hügel und war bald so glücklich, eine geräumige Höhle

zu entdecken. Der Boden derselben war zwar mit Staub und Schmutz, die

Seitenwände mit Spinnenweben bedeckt; auch zeigten viele Thierspuren,

sowohl von Vögeln als vierfüßigen Thieren, daß die Höhle diesen seither

zum Aufenthalte gedient hatte; allein der Unrath konnte leicht beseitigt

werden, und dann bot sie ihm einen willkommenen, schützenden Aufenthalt.

Ein Besen war sehr leicht gemacht, indem er eine Handvoll von den ziemlich

starken Blättern des Farrenkraut-Baumes vermittelst des zähen und langen

Grases zusammenband und in diesen Bündel einen starken Stock steckte, um

ihn gehörig handhaben zu können. Er war so ämsig bei der Arbeit und vergaß

seine gegenwärtige verlassene Lage so gänzlich, daß er sich mehrere Male

auf das Verdeck des Schiffes versetzt glaubte, wo er Arbeiten der Art zu

verrichten gehabt hatte und bald mit Diesem, bald mit Jenem der Mannschaft

eine Unterhaltung anzuknüpfen im Begriff war. Aber ach! keine Stimme

antwortete ihm, kein Auge blickte wohlwollend auf ihn: er war verlassen von

aller Welt, gleichsam abgetrennt von aller menschlichen Gesellschaft, und

mit einem tiefen Seufzer setzte er bei diesen niederschlagenden Gedanken

sein Reinigungsgeschäft fort.

Bald jedoch kehrte, zugleich mit dem unbegrenztesten Vertrauen zu seinem

himmlischen Vater, seine ihm angeborene Heiterkeit zurück und mit lauter

Stimme sang er demselben ein Dank- und Loblied. Wie angenehm wurde er bei

dieser Gelegenheit nicht überrascht, als eine andere Stimme der seinigen

gleichsam zu antworten schien. Er stand halb erschrocken, halb erfreut,

still und schaute sich nach allen Seiten um; nun aber schwieg die Stimme

und ließ sich erst wieder vernehmen, als er sein Lied fortsetzte. Jetzt

begriff er, was es war: er hatte das nahe Echo durch seine eigene Stimme

geweckt und seine eigenen Laute waren es, die, von einer etwa 60 Schritt

von ihm entfernten Felsenwand zurückgeworfen, ihm antworteten. Er lächelte,

als er diese Entdeckung machte, und diese Laute in der Einöde, dieser Ton

einer menschlichen Stimme, wenn gleich nur seiner eigenen, machten ihm so

viele Freude, daß er mehrere Male den geliebten Namen seiner Mutter, so wie

der frühern Bekannten, rief, um ihn von dem Echo wiedergegeben zu hören.

Daß er keinen menschlichen Laut in dieser ganzen Zeit vernommen, dies

hatte ihn besonders in seiner jetzigen Einsamkeit betrübt und so enthob die

Entdeckung des Echos ihn eines beklemmenden Gefühls, indem es diese Einöde

gleichsam belebte.

Endlich war unser William mit seinem Reinigungs-Geschäfte fertig und jetzt

konnte er auf ein weiches, bequemes Lager für die Nacht denken. Auf die

Entdeckung eines zu diesem Zwecke besonders sich eignenden Mooses glaubte

er verzichten zu müssen, da er auf seiner Wanderung keine Pflanze der

Art erblickt hatte; allein das hohe Gras und mehr noch die Blätter des

Farrenkraut-Baumes versprachen ihm eine erwünschte Aushülfe. Zwar machte es

ihm keine kleine Mühe, mit seinem Taschenmesser so viel Gras abzuschneiden,

als er zu einem Lager bedurfte; zwar vergoß er Ströme von Schweiß bei

dieser in der brennendsten Sonnenhitze verrichteten Arbeit; aber er ließ

doch nicht davon ab: war er doch auf dem Schiffe an eine oft eben so

ermüdende Thätigkeit gewöhnt worden. Auch stärkte ihn der Gedanke, wie süß

es sich im kühlen Schatten der Höhle, auf dem weichen, duftigen Lager ruhen

würde, bei seiner mühevollen Arbeit, und wie schmeckten ihm seine Pataten,

wie der Trunk aus kühler Quelle nach derselben.

Er war jedoch so ermüdet, daß er, als er sich mit Anbruch der Nacht zur

Ruhe niederlegte, keines Schlummerliedes bedurfte, um einzuschlafen. Wie

lange er geschlafen haben mochte, als er sich, noch mitten in der Nacht,

und in der größesten Dunkelheit, durch einen rauhen Gegenstand geweckt

fühlte, der über sein Gesicht hinstrich, vermochte er nicht zu bestimmen.

Er fuhr erschrocken in die Höhe und wußte sich im ersten Augenblick nicht

zu besinnen, wo er sich befände, noch weniger aber sich zu sagen, was es

gewesen war, das ihn so unerwartet geweckt hatte. Er rieb sich die Augen,

als wenn er auch in der ihn umgebenden rabenschwarzen Finsterniß so besser

sehen könne, und schaute sich nach allen Seiten mit lautpochendem Herzen

um.

Lange sah er nichts; endlich aber erblickte er in einiger Entfernung vor

sich zwei glänzende Punkte, die, da sie oft ihre Stelle veränderten, von

einem lebenden Geschöpfe herkommen mußten. Dieser Anblick erfüllte ihn

mit solcher Angst, daß ihm der Schweiß aus allen Poren seines Körpers

hervorbrach und er regungslos nach dem Winkel schaute, wo er die beiden

feurigen Punkte erblickte. Bald vernahm er auch ein erst leises, dann immer

stärker werdendes Schnurren, wie von einer großen Katze. An eine solche

dachte er in seiner Angst nicht, sondern an Löwen und Tiger, die, wie er

aus der Naturgeschichte wußte, gleichfalls zum Katzengeschlechte gehörten

und, wie er meinte, recht gut Bewohner dieses Landes sein könnten. Sein

Wissen reichte nicht so weit, wie ohne Zweifel das eurige, meine geliebten

Kinder! Ihr würdet Euch in Australien nicht vor Löwen und Tigern gefürchtet

haben, weil Euch gewiß bekannt ist, daß dieser Welttheil keine Thiere der

Art besitzt.

Unser William wagte nicht, sich zu bewegen, aus Furcht, die Aufmerksamkeit

seines vermeintlichen Feindes und Verschlingers durch das leiseste Geräusch

auf sich zu ziehen. Starr waren seine Augen auf die beiden beweglichen

leuchtenden Punkte gerichtet und mit immer mehr steigendem Entsetzen

erfüllte ihn das Schnurren, das aus demselben Winkel hervorkam. Jeden

Augenblick glaubte er die Beute des vermeintlichen Ungeheuers zu werden und

seine Angst war so groß, daß er nicht einmal Gott um die Erhaltung seines

Lebens zu bitten vermochte.

Unter welchen Empfindungen er den Rest der Nacht verbrachte, vermöcht Ihr

Euch nicht vorzustellen. Kein Schlaf kam mehr in seine Augen und um die

eben so nöthige als ersehnte Ruhe war es geschehen; ja, er wagte nicht

einmal, sich wieder niederzulegen, aus Furcht, daß er durch irgend ein

Geräusch die Aufmerksamkeit seines Feindes auf sich ziehen möchte.

Endlich brach der so heiß ersehnte Tag an und zu seiner eigenen

Verwunderung lebte er noch. Er sah durch die Oeffnung der Höhle einen

schwachen Lichtschimmer dringen, und nicht lange dauerte es, so fiel selbst

ein Sonnenstrahl auf den Vordergrund des Einganges. Dieser Anblick, den er

nicht mehr zu erleben gehofft hatte, stillte sein Bangen in Etwas und er

wagte es jetzt, sich zu erheben, um wo möglich die Höhle zu verlassen und

auf irgend einem Baume eine Zuflucht gegen seinen vermeintlichen Feind zu

suchen.

So wie er sich aber erhob -- o Schrecken! erhob sich dieser auch; allein

er sprang nicht auf ihn zu, um ihm seine kralligen Tatzen in den Leib zu

schlagen, sondern schlüpfte, schnell und geschmeidig wie ein Aal, zur Höhle

hinaus.

»Wer war denn aber dieser böse nächtliche Störenfried?« höre ich Euch

neugierig fragen.

»Eine Katze.«

»Eine Katze? Du spaßest mit uns! Wie sollte die dorthin gekommen sein?«

Und doch war es eine Katze, geliebte Kinder; zwar keine gezähmte, wie

die, welche wir der Mäuse und Ratten wegen in unsere Wohnungen aufgenommen

haben, sondern eine _wilde_ Katze, ähnlich der, die man auch noch in

einigen Wäldern Europas antrifft. Sie sind in Australien aber kleiner, als

bei uns, braun und schwarz gestreift, lang, dünn und lang geschwänzt;

ihre Krallen sind sehr lang und scharf und ihre Schnauze gleicht der eines

Ferkels. Sie fallen übrigens nie Menschen und größere Thiere an, sondern

begnügen sich mit Vögeln, die sie in ihren Nestern auf den Bäumen im

Schlafe überraschen.

Als unser William dieses winzige Thierchen erblickte, das wahrscheinlich

eine noch weit größere Furcht vor ihm, als er vor dem vermeintlichen Löwen

oder Tiger gehabt hatte, und zugleich seiner ausgestandenen Angst gedachte,

mußte er unwillkührlich lächeln; dies war wohl das erste Lächeln, das seit

seinem Schiffbruche ihm auf den Lippen schwebte.

Bald zog ihn ein leises Wimmern im Innern der Höhle wieder in diese zurück;

er lauschte und vernahm fest deutlich Töne, die nur von jungen Kätzchen

herkommen konnten. In dieser Voraussetzung hatte er sich nicht geirrt;

schon nach kurzem Suchen entdeckte er in einer Felsenspalte ein Nest mit 7

bis 8 jungen Kätzchen, die wahrscheinlich ein solches Klaggeschrei erhoben,

weil ihre Mutter und Ernährerin sie verlassen hatte. Der Anblick dieser

artigen Thierchen erfreute Williams Herz: er kroch auf dem Bauche in die

Felsenspalte und holte sich eins davon heraus, um es zu streicheln; aber es

erhob ein noch lauteres Klaggeschrei, was vermuthlich die draußen ängstlich

harrende Mutter vernahm. Mit _einem_ Satze war diese in der Höhle, mit

einem zweiten auf Williams Schulter und ehe er es sich versah, hatte sie

mit ihrem Maule das schreiende Kätzchen erfaßt und sprang damit zum Neste,

wo sie es zu den andern Thierchen legte; bald sogen alle begierig an ihr,

sie aber sah sehr zornig aus, und sowie sich William nur der Felsenspalte

näherte, erhob sie sich, sträubte das Haar empor, machte einen Katzenbuckel

und schlug mit dem Schwanze um sich. Trotz ihrer Furcht vor dem ihr

völlig unbekannten Geschöpfe, trotz der großen Ueberlegenheit an Größe und

körperlichen Kräften, die dasselbe vor ihr hatte, bereitete sie sich doch

aus mütterlicher Liebe auf einen Kampf mit unserm William vor und würde

wahrscheinlich lieber ihr Leben, als eins ihrer Kätzchen in seinen Händen

gelassen haben. William ehrte ihre Gefühle und erkannte ihre Rechte an.

Er beschloß, die arme, so rührend zärtliche Mutter nicht ferner zu

beunruhigen, sie aber wo möglich durch Wohlthaten für sich zu gewinnen. Er

ließ sie daher in Ruhe; als er aber sein Mittagsessen verzehrte, warf er

ihr einige von seinen gebratenen Pataten in die Felsenspalte und suchte

zu beobachten, welche Wirkung diese Gabe auf seine Nachbarin hervorbringen

würde. Ohne Zweifel hatte unser Freund auf einige Erkenntlichkeit

gerechnet; allein er sah sich in dieser Erwartung getäuscht. Zwar beroch

die Katze die Pataten, dann aber ließ sie sie unangerührt liegen und kehrte

zu ihren Jungen zurück. Dies setzte ihn einigermaßen in Erstaunen: er wußte

nicht, daß diese zu den Raubthieren gehörenden Geschöpfe im wilden Zustande

nur animalische Nahrung zu sich nehmen und Vegetabilien oder Pflanzenkost

gänzlich verschmähen.

Die Katze wollte also von ihm nichts wissen; trotz dem aber war ihm ihre

Gesellschaft sehr angenehm, seit er sich nicht mehr vor ihr fürchtete,

und als die Nacht heran kam, legte er sich völlig unbesorgt vor seiner

Nachbarschaft zur Ruhe nieder; ja, er schlief auf seinem Lager von Gras

und Blättern vollkommen so gut, wie in einem weichen Bette: gesünder,

naturgemäßer aber gewiß.

Dreizehntes Kapitel.

Das Allernothwendigste hatte unser William jetzt: Wasser, um seinen Durst

zu löschen, die Pataten, welche seinen Hunger stillten und endlich gar ein

schützendes Obdach mit einem guten Lager; selbst an Leckereien fehlte es

ihm nicht, da die schönsten Himbeeren, obschon an so niedrigen Sträuchen

wie bei uns die Heidelbeeren, in so großer Fülle vorhanden waren, daß er

sich vom Morgen bis zum Abende daran hätte satt essen können. Trotz dem

aber fehlte ihm nicht nur Etwas, sondern sogar sehr Viel; besonders trug er

ein großes Verlangen nach einer animalischen oder thierischen Kost, an die

er von frühester Jugend auf gewöhnt worden war. Wie sich aber eine solche

verschaffen? Er hatte weder eine Flinte noch Bogen und Pfeile, ja nicht

einmal eine Schlinge vermochte er zu machen, weil er sich nicht darauf

verstand, um irgend ein Thier darin zu fangen. Zwar hätte er Nachts, wo

die wilde Katze oft auf längere Zeit auf Beute ausging, leicht eines der

Kätzchen nehmen und es tödten können, dagegen aber sträubte sich sein

Gefühl, auch vielleicht ein ihm selbst kaum bewußter Eckel gegen eine so

ungewohnte Kost, und so blieben die wilden Kätzchen ungefährdet von ihrem

menschlichen Nachbar.

Da das Verlangen nach einer veränderten Nahrung immer stärker wurde,

beschloß er, den Weg zum Strande zu suchen. Er hegte die Hoffnung, dort

vielleicht eine Schildkröte oder doch Muscheln zu finden, die er dann am

Feuer braten und zur Speise bereiten wollte. Da ihm sehr daran gelegen sein

mußte, den Rückweg zu seiner Höhle nicht zu verfehlen, ging er erst immer

hart am Bache hin, dann aber, als dieser sich nach und nach zwischen dem

immer höher und dichter werdenden Grase verlor, schnitt er mit seinem

Messer ziemlich große Kerben an die zu Seiten seines Weges stehenden Bäume,

wodurch er sich den Rückweg offen erhielt.

Lange wanderte er fort, ohne das Meer zu entdecken; endlich hörte er es,

zu seiner nicht geringen Freude, hinter einem Felsen brausen und rauschen.

Schnell erklomm er den Felsen und hatte jetzt das unermeßliche Meer vor

sich, das an der Stelle, wo er sich befand, einen ziemlich tief in das Land

hineingehenden Meerbusen bildete. Erstaunt und entzückt schaute er auf

das großartige Schauspiel, das sich seinen Blicken darbot. Durch die lange

Fahrt auf dem Ocean war er so vertraut mit dem Meere und dieses ihm so lieb

geworden, daß ihm beim Anblick desselben die hellen Freudenthränen über die

Wangen schossen. Hatte er doch auch besondere Ursache, es zu lieben, da ihm

allein Rettung durch ein etwa an der Insel landendes Schiff kommen konnte.

Nachdem er sich längere Zeit an Betrachtungen vergnügt hatte, stieg er den

Felsen hinab, um am Strande nach eßbaren Muscheln -- er träumte sogar von

Austern, die man ihm in Hamburg als große Leckerbissen gerühmt hatte -- zu

suchen. Er fand zwar eine Menge der allerschönsten, buntesten Muscheln, die

er unter andern Umständen gewiß begierig aufgelesen haben würde, jetzt

aber unbeachtet liegen ließ, weil sie leer und von ihren frühern Bewohnern

sämmtlich verlassen waren.

Statt des vergebens Gesuchten that er aber einen Fund, dessen Wichtigkeit

ihm bald einleuchten sollte. Eine ziemliche Strecke vom Wasser entfernt,

aber doch an der Grenze des Strandes, sah er einen Stein liegen --

wenigstens hielt er eine Zeitlang den ihm auffallenden Gegenstand dafür

-- dessen regelmäßige Form seine Aufmerksamkeit erregte. Er näherte

sich demselben mit eiligen Schritten und wie ward ihm, als er, statt des

erwarteten Steins, eine braunroth angemalte Kiste fand! Er erkannte sie auf

den ersten Blick für die des Schiffs-Zimmermanns der »Hoffnung«, auch war

der Name dieses Mannes, wenn auch die mit weißer Oelfarbe darauf gemalten

Buchstaben zum Theil abgerieben waren, noch ganz deutlich darauf zu lesen;

über diesem Namen war das ihm so wohlbekannte Hamburger Wappen, die drei

Thürme, mit dem sie haltenden Löwen daneben, in bunten Farben abgebildet.

Die hellen Thränen schossen ihm über die Wangen bei dieser unerwarteten

Erinnerung an die geliebte Vaterstadt, an das Schiff, auf dem er den

weiten Ocean durchschwommen, an die Mannschaft desselben, die jetzt tief

im Meeresgrunde lag oder wohl schon die Beute gefräßiger Hayfische geworden

war. Mit unaussprechlicher Rührung mußte er in diesem Augenblicke jedes

gütigen, freundlichen Worts gedenken, das der Eine oder Andere dieser

Männer während seines langen und steten Beisammenseins mit ihnen zu

ihm gesprochen hatten, der fröhlichen Gesänge, die sie in ihren wenigen

Musestunden erschallen ließen, der Mährchen und Sagen, deren sie eine so

große Menge wußten, und mit anmuthiger Einfachheit zu erzählen verstanden;

der kleinen Neckereien, die sie sich im harmlosen Scherze gegen einander

erlaubten; der Belehrungen, die er von den Aelteren und Ernsteren empfing,

wenn er diese oder jene Sache noch nicht anzugreifen verstand. Und das

Alles war nun todt und hin; die fröhlichen Laute der bekannten Stimmen

waren für immer erstorben; die bald heitern, bald ernsten Blicke erloschen,

die Kraft dieser Muskeln gelähmt -- todt! todt war so viel Leben und

Regsamkeit!

Wer würde in diesem Augenblick wohl ungerührt geblieben sein? wer hätte

in demselben wohl an die, unter den gegenwärtigen Umständen unermeßlichen

Schätze denken können, die eben diese Kiste, welche unserm William

heiße Thränen entlockte, in ihrem Innern barg? Er dachte gewiß im ersten

Augenblick nicht daran, sondern kniete neben derselben nieder, küßte sie

unter Thränen und nannte mit leiser, von Schluchzen unterbrochener Stimme

den Namen des ehemaligen Besitzers. Dieser war, obschon äußerlich ein

ernster, fast rauher Mann, doch im Grunde ein vortrefflicher, wohlmeinender

Mensch gewesen, der besonders unserm jungen Freunde sehr gewogen war und

ihm manchen Liebesdienst erwiesen hatte.

William war so in Schmerz und Erinnerung versunken, daß er nicht bemerkte,

daß es bereits Abend geworden war, und zu dunkeln begann. Als er sich

endlich aufraffte und an die Rückkehr nach seiner Höhle dachte, war es

bereits zu spät dazu und er mußte sich entschließen, die Nacht am Strande

zuzubringen, da er, wenn er den Rückweg angetreten, sich leicht hätte

verirren können, weil er die an den Bäumen gemachten Einschnitte nicht mehr

erkennen konnte. Er bereitete sich daher ein Lager am Strande, indem er

sich gewissermaßen in den warmen Sand einwühlte, und lehnte das müde Haupt

gegen die geliebte Kiste.

Erst spät, als bereits der Vollmond hoch am Himmel stand, schlief er ein

und träumte von der geliebten Heimath, von der theuren, über Alles theuren

Mutter, von seinen Gespielen und Schulgenossen. O, er war noch einmal

vollkommen glücklich; aber ach! der erste im Osten sich zeigende Strahl der

Sonne verscheuchte dieses holde Glück, indem er ihn weckte. Er rieb sich

die Augen, seufzte tief auf, indem er um sich blickte, und erhob sich

schwankend von seinem beweglichen Lager.

Robinson in Australien: Ein Lehr- und Lesebuch für gute Kinder · 第 7 / 16 段