fortsetzte, nahm er wahr, daß die Stämme vieler Bäume, namentlich ältere,
völlig hohl waren. Man findet zwar auch in andern Welttheilen hohle Bäume,
aber deren lange nicht so viele, als er hier fand. Diese Erscheinung
rührte, wie er späterhin wahrnahm, von zwei Arten in Australien häufig
vorkommenden Ameisen, den weißen und den schwarzen, her. Die weißen werfen
sich zuerst auf einen solchen Baum, den sie sich zum Sitze ausersehen
haben, und bohren ihn von unten bis oben voll Löcher, so daß er fast zum
Siebe wird. Haben Sie ihre Brut gemacht, so folgen ihnen die schwarzen
nach, die die von ihnen gemachten Löcher wieder so genau mit Erde
ausfüllen, daß kein einziges leer bleibt. Aber die so durchbohrten Theile
des Stammes sterben mit der Zeit ab und dies macht, daß man in Australien
so viele hohle Bäume findet. Noch auffallender dürfte es für Euch, meine
Theuren, sein, daß Reisende uns die Mittheilung machten, daß eine Menge
Bäume in Australien ein _unverbrennliches_ Holz liefern. Dies soll
daher rühren, daß das Holz sehr viele Alauntheile enthält, die dem
Verbrennungsprozesse bekanntlich hinderlich sind. Man benutzt diese
unverbrennlichen Bäume daher gern zum Zimmerholze, indem sie dem Brande
eben so gut widerstehen, als Häuser es thun würden, die ganz von Stein
aufgeführt wären.
Auch Mannabäume -- der Botaniker nennt sie in der Kunstsprache =Eucalyptus
mannifera=, welchen Namen Ihr Euch merken mögt -- fand unser William auf
seiner Wanderung; er kannte aber weder ihren Namen, noch wußte er, daß
man dieses, in Flocken an den Bäumen hängende Harz in unsern Apotheken als
Arzneimittel gebraucht. Ein Glück war es für ihn, daß er dießmal nichts
davon genoß, denn es ist ein tüchtiges Abführungsmittel, wie er späterhin
gewahr werden sollte, als er sich in einer Anwandlung von Naschhaftigkeit
zum Genusse dieses süßlichen Saftes verleiten ließ.
Zu seinem nicht geringen Erstaunen fand unser William hier, wo Alles
so ganz anders, als in Europa war, eine gute alte Bekannte, die Nessel
nämlich. Als er sie erblickte, glaubte er, doch vielleicht eine andere, nur
der äußern Form nach ähnliche Pflanze vor sich zu haben, auch war sie hier
viel größer und üppiger; als er sich aber bückte, um sie leise anzurühren,
entdeckte er, daß sie ganz dieselbe Eigenschaft besitze, wie die
europäische: er verbrannte sich nämlich recht derb die Hand, an der gleich
eine Menge von Pusteln aufliefen, die heftig juckten. Hätte er die Nessel
nur recht derbe angegriffen, so würde das nicht geschehen sein, denn dann
würden die feinen Härchen, womit Blatt und Stengel dieser Pflanze übersät
sind und die durch ihr Eindringen in die Haut eben die Pusteln und das
lästige Jucken hervorbringen, von seinen Fingern _niedergedrückt_ worden
und hätten ihm nicht schaden können. Den Versuch könnt Ihr jederzeit in
unsern Gärten und Feldern machen.
Da das Jucken von der unvorsichtig berührten Nessel fast unerträglich war
und William sich erinnerte, daß man es durch Eintauchen in kaltes Wasser
lindern könne, sah er sich nach seiner lieben Quelle um: wo aber war die
jetzt? Vergebens durchsuchte er die Stellen, wo das Gras etwas dichter, als
an den übrigen stand; vergebens durchstreifte er, trotz seiner Müdigkeit,
noch eine große Strecke: die Quelle war wie verschwunden und er entdeckte
auch keine andere, wenigstens für den Augenblick nicht.
Das war denn sehr traurig für unsern armen jungen Freund. Wenn er das
lästige Jucken auch geduldig ertragen hätte, so stellte sich doch ein so
brennender Durst bei ihm ein, daß er ihn mit den Kirschen, deren er noch
einige fand, nicht zu löschen vermochte, um so weniger, da hier diese
Frucht weder so angenehm schmeckend, noch saftig war, wie in Europa.
Zu dieser großen Plage gesellte sich bald eine zweite: eine so große
Ermüdung, daß seine Beine ihn nicht weiter zu tragen vermochten. Dabei
brannten seine Füße wie Feuer, da sie stets auf einem fast glühend heißen
Boden fortgewandelt waren. Zwar war dieser, wie schon gesagt, mit Gras
bedeckt; allein es stand in einzelnen Büscheln ziemlich weit auseinander
und ließ große freie Zwischenräume, auf die William treten mußte, wenn er
nicht alle Augenblicke über die sehr hohen Grasbulte stolpern wollte. Die
Ursache, weßhalb das Gras in Australien, trotz der so außerordentlichen
Fruchtbarkeit des Bodens, nur in einzelnen Büscheln steht, ist die, daß
es hier nur sehr wenige Arten von Futterkräutern gibt, während ein
Naturforscher, _Sainclair_, auf einen Quadratfuß Wiesenland in England zwei
und zwanzig Arten davon entdeckte. Diese große Verschiedenheit der Gräser
bewirkt, daß der Rasen in unserm Welttheile so dicht und schön ist; denn
jedes dieser Kräuter zieht _andere_ Nahrungsstoffe aus der Erde an sich,
folglich können sie sehr gut neben einander bestehen, ohne sich in Hinsicht
der Nahrung zu beeinträchtigen. Ich will Euch, meine Geliebten, dies durch
ein Beispiel zu erläutern suchen. Gesetzt, man sperrte zwei oder
drei verschiedenartige Vögel in einem Käfige ein und gäbe ihnen
verschiedenartiges Futter in hinlänglicher Menge, so würden sie recht gut
neben einander bestehen und sich lange ernähren können, wenn der eine Vogel
diese, der andere jene Körner zu seiner Nahrung erwählte; würden aber alle
nur die _eine_ Sorte von Körnern fressen wollen, so würde der Vorrath bald
aufgezehrt sein und Mangel für alle entstehen. Aus eben dem Grunde gedeiht
der nur mit sehr wenigen Grasarten bedeckte australische Rasen nicht so gut
wie der unsrige.
Nachdem William noch über eine Stunde gelaufen war, um seine geliebte
Quelle oder auch eine andere wieder zu finden, wollten seine Kräfte
zum fernem Umherlaufen nicht mehr ausreichen und er sank in tödtlicher
Ermattung unter einem großen Baume nieder, der ihm wenigstens einigen
Schatten gewährte. Die Plage, welche der brennende Durst ihm verursachte,
war so groß, daß er sich zuerst von seinem bisherigen Muthe verlassen
fühlte und sich hinsetzte und bitterlich zu weinen anfing. Was sollte
auch in der That aus ihm werden, wenn er kein Wasser mehr fände, um seinen
brennenden Durst zu löschen.
Da aber nichts so leicht müde macht, als das Weinen, und er überdies durch
das lange Umherstreifen in der brennenden Sonnenhitze völlig ermattet war,
fiel er bald in einen tiefen Schlaf und vergaß, wenigstens auf einige Zeit,
seine Leiden.
O, welche Wohlthaten der Natur oder vielmehr der Gottheit sind Wasser und
Schlaf, und wie Wenige danken doch ihrem himmlischen Vater für beide
großen Gaben! Nur der Verschmachtende, der plötzlich eine frisch sprudelnde
Quelle, der Kranke, welcher nach langem, den letzten Rest seiner Kräfte
verzehrendem Wachen endlich einen erquickenden Schlaf findet, nur sie
werden vielleicht die Pflicht des Dankes gegen den Schöpfer aller Dinge
erfüllen.
Elftes Kapitel.
William würde, trotz des ihn quälenden Durstes, vielleicht noch länger
geschlafen haben, wenn die Berührung eines eiskalten Gegenstandes, der
über seine am Boden ruhende Hand hinkroch, ihn nicht geweckt hätte. Diese
Berührung weckte ihn auf und er zog die Hand, welche sie erlitten hatte,
eilig an sich. In demselben Augenblick schoß eine wohl 12 bis 14 Fuß lange
Schlange mit der größesten Schnelligkeit und wie erschreckt durch seine
rasche Bewegung durch die hohen Grasbüschel fort. Sein Schrecken bei diesem
Anblicke war, wie Ihr Euch vorstellen könnt, nicht gering, denn er wußte,
daß es viele giftige Schlangen gibt und fürchtete sich so mit Recht vor
der Nähe dieser Thiere. Seine Furcht war dießmal vergeblich gewesen, wie er
späterhin erfahren sollte. Die Schlange, welche über seine Hand gekrochen
war, war die Diamant-Schlange, die einzige _nicht_ giftige dieser Gegend,
weßhalb sie auch von den Eingeborenen als ein Leckerbissen verzehrt wird.
Ihr möchtet wohl nicht darauf zu Gaste gehen? -- Ich auch nicht.
Die Furcht, eine Beute dieses häßlichen Reptils zu werden, trieb William
nicht nur vom Boden empor, sondern sogar zur eiligen Flucht: konnten doch
noch mehrere dieser Thiere an dem Orte sein. Da der Schlaf ihn gestärkt
hatte, eilte er rasch von dannen; nach welcher Richtung? das wußte er
selbst nicht; auch konnte es ihm ja so ziemlich gleichgültig sein, da er
nun aufs Geradewohl fortlaufen mußte, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben.
Ihm war nur darum zu thun, so weit als möglich aus dem Bereiche der
häßlichen Schlangen zu kommen, vor denen er, ihrer giftigen Eigenschaften
wegen, eine große Furcht hatte. Diese war in der That so groß, daß er fast
seines Durstes darüber vergaß und erst wieder daran erinnert wurde, als
plötzlich ein Rauschen, wie von herabfallendem Wasser, an sein Ohr drang.
Er stand still, um zu lauschen; dann rief er plötzlich mit dem Tone des
höchsten Entzückens aus:
»Ja! das ist Wasser!«
Vor ihm lag ein mäßiger Hügel und obgleich, in der Ebene geboren, des
Bergsteigens nicht gewohnt, klomm er ihn so schnell hinan, als wäre er ein
Kind der Alpen. Auf der Spitze des Hügels angelangt, zeigte sich seinen
Blicken ein entzückendes Schauspiel. Zwischen einer Reihe mäßiger Hügel lag
ein schönes, mit dem lieblichsten Grün bekleidetes, den herrlichsten, nie
zuvor gesehenen Blumen besä'tes Thal, durch das sich ein silberheller Bach
murmelnd hinwand. Dieser stürzte sich von der Spitze des Hügels, auf dem er
stand, in das schöne Thal hinab und bildete, indem er von Zeit zu Zeit über
hervorspringende Felsstücke hinrauschte, die anmuthigsten Wasserfälle, von
denen ein schneeweißer Schaum emporspritzte; unten am Fuße des Hügels
aber angelangt, wurde das Wasser hell wie Bergkrystall, so daß sich der
tiefblaue Himmel darin abspiegelte.
Ein Freudenruf, nur von Gott und der schweigenden Natur gehört, entfuhr bei
diesem entzückenden Anblick den Lippen unsers jungen Freundes. Er glaubte
das Paradies vor sich zu haben, denn etwas so Reizendes, wie dieses Thal,
hatte er in seinem Leben noch nicht gesehen. Wie ein Vogel flog er den
Hügel hinunter, zu dem schönen Bache hin, legte sich an denselben nieder
und schöpfte seine erquickliche Fluth mit der Hand; er ließ sich in
seiner Freude und seinem großen Durste nicht erst die Zeit, sein ledernes
Trinkgefäß hervorzuziehen, um Wasser darin zu schöpfen, sondern bediente
sich lieber des jedem Menschen angebornen Schöpfgefäßes, der hohlen Hand,
um zu trinken. Als er seinen Durst gelöscht und somit das erste dringendste
Bedürfniß befriedigt hatte, dachte er schon an Luxus, denn so machen es die
Menschen in allen Verhältnissen des Lebens. Schnell warf er seine Kleider
ab und stand mit _einem_ Sprung mitten im Bache. Welche Erquickung, als
die kühle Fluth seine heißen Glieder berührte; aber zugleich auch welche
Unvorsichtigkeit, so erhitzt ins Wasser zu springen. Die Folgen davon
sollte er nur zu bald empfinden.
Zuerst hatte er nichts als Wohlbehagen und Erquickung davon; allein der
hinkende Bote kam nach. Als er sich gehörig erfrischt und längere Zeit im
Wasser geplätschert hatte, verließ er den Bach endlich wieder und fühlte
sich so leicht und frisch, als wäre er neugeboren. Eines Handtuchs, um
sich abzutrocknen, bedurfte er unter diesem Himmelsstriche nicht: die
liebe Sonne verrichtete dieses Geschäft in wenigen Minuten, so daß er seine
Kleider gleich wieder anziehen konnte. Vielleicht wäre selbst jetzt noch
Alles gut gegangen, wenn er sich auf die heftige und plötzliche Abkühlung
im Wasser gleich wieder in starke Bewegung, wo möglich in Schweiß gesetzt
hätte. Daran dachte aber unser Unbesonnener nicht, sondern er legte sich,
etwas ermüdet durch das genommene Bad, neben dem Stamme eines sehr großen
und schönen Gummi-Baumes nieder, dessen breite und blätterreiche Krone ihm
einen vollkommenen Schutz gegen die Strahlen der Sonne gewährten.
Er schlief nicht, denn er war nur etwas ermüdet und fühlte das Bedürfniß
des Schlafes nicht, sondern er ruhte nur und schaute mit aufmerksamem
Auge um sich, schon aus Furcht vor den Schlangen, mit denen er keine
Gemeinschaft pflegen mochte. Zu seiner nicht geringen Verwunderung sah er
zwischen dem Grase Frösche umherhüpfen, die eine schöne, dunkelgrüne Farbe,
hellgelbe Streifen über den Rücken und viele schwarzen Punkte hatten. Da
Niemand sie in dieser Wildniß störte und verfolgte, thaten sie nicht im
geringsten schüchtern, sondern krochen zutraulich heran oder hüpften dicht
neben ihm im Grase.
Noch eine andere alte Bekannte, die Eidechse, traf er hier an; sie
schlüpfte aus einem kleinen Loche in der Erde hervor und sah ihn mit ihren
klugen, glänzenden Augen so verständig an, als wolle sie eine Conversation
mit ihm anknüpfen. Wie zudringlich und wenig scheu diese Thiere, sowie auch
die Frösche waren, sollte er in der Folge in Erfahrung bringen, da sie sich
in Menge in seiner Wohnung einfanden und so bekannt mit ihm thaten, als
wären sie eingeladene liebe Gäste. Sie schliefen oft bei ihm auf seinem
Graslager, thaten ihm aber nie etwas, so daß er ganz vertraut mit ihnen
wurde und sie nicht selten mit gefangenen Fliegen und andern geflügelten
Insekten fütterte, die, wie er aus der Naturgeschichte wußte, ihre
Lieblingsspeise waren. Er sah sie auch auf die Bäume klettern; allein
zu ihrem Verderben; denn hier lauerten einige Raubvögel ihnen auf und
verzehrten sie, ohne viele Complimente zu machen.
Nachdem William allerlei Beobachtungen und Betrachtungen angestellt
hatte, erhob er sich wieder, um weiter zu wandern; denn kaum war das eine
Bedürfniß befriedigt, so meldete sich schon ein anderes, der Hunger.
Indem er so durch das reizende Thal hinstreifte, kam er zu einer Stelle,
wo das hohe Gras sichtbar niedergebrannt war, und als er etwas weiter ging,
zeigte sich ein Haufen Asche, um den einige Knochen umherlagen, seinen
nicht wenig überraschten Blicken; sogar einige halbverbrannte Holzstücke
lagen umher. Hier hatten also Menschen gehaus't; -- welche Entdeckung!
Vor Erstaunen wurzelte sein Fuß am Boden. Er bückte sich, um die Asche zu
befühlen und überzeugte sich auch durch das Gefühl, daß sein Auge ihn
nicht getäuscht habe. Hier waren demnach -- wie hätte er noch länger
daran zweifeln können? -- Menschen gewesen und hatten sich aller
Wahrscheinlichkeit nach Speise bereitet; denn wozu sonst Feuer anzünden? Es
waren vielleicht gar welche ganz in der Nähe, etwa hinter den Hügeln,
die das Thal einschlossen? Welcher Art aber waren sie? und hatte er das
Begegnen nicht viel mehr zu fürchten, als zu wünschen? Hatte er doch von
Menschenfressern unter den Wilden gehört? Er wußte nicht, ob er sich über
eine solche Nähe freuen oder betrüben sollte.
Eine andere Entdeckung, die er machte, erfüllte ihn indeß mit der reinsten
Freude. Er sah an einer Stelle eine Pflanze aus dem Boden hervorgewachsen,
deren Kraut einige Aehnlichkeit mit dem unserer Kartoffel hatte, nur daß
der Stamm höher und dicker und die Blätter etwas anders geformt waren. Um
sich zu überzeugen, ob er sich nicht in seiner Voraussetzung geirrt habe,
grub er mit seinem Taschenmesser ein Loch in die Erde und wühlte bald eine
längliche, ziemlich große Knolle daraus hervor. Der Zufall hatte ihn die
wilde Patate, die unsern Kartoffeln sehr ähnlich ist, entdecken lassen.
Wie glücklich würde ihn dieser Fund gemacht haben, wenn er zugleich Feuer
gehabt hätte, um sie zu braten; das aber fehlte ihm, und wie sich welches
verschaffen?
Die Noth indessen ist die Mutter der Erfindungen. William hatte noch nicht
lange nachgesonnen, so glaubte er es schon zu haben. Er dachte an sein
ziemlich großes, starkes, vom besten Stahl gemachtes Taschenmesser, dessen
Rücken gar füglich die Stelle eines Feuerstahls vertreten konnte. Es kam
also nur noch darauf an, einen Feuerstein und etwas Zunder zu finden,
denn um Holz durfte er nicht verlegen sein und nur zu der Brandstätte
zurückkehren, um es zu finden; auch für Zunder trug er keine Sorge: ein
Eckchen von seinem dünnen baumwollenen Taschentuche konnte gar füglich die
Stelle desselben vertreten.
Der Stein aber machte ihm Sorge und so emsig er auch suchte, so konnte er
doch keinen entdecken, der dem Kieselsteine nur entfernt ähnlich gewesen
wäre. Endlich, als er bereits die Hoffnung aufgeben wollte, das Gewünschte
zu finden, fiel ihm ein, daß er beim Baden in dem Bache auf Steinchen
getreten war und sich an einem derselben den Fuß leicht geritzt hatte: das
konnte möglicherweise ein Kieselstein gewesen sein, und er glaubte dies
um so eher, als er von Europa her wußte, daß die Bäche gern ein Bett von
Kieseln habe.
Er eilte also mit schnellen Schritten zu seinem geliebten Bache zurück,
zog Schuhe und Strümpfe aus und watete mit bloßen Füßen mitten in denselben
hinein. Es dauerte auch nicht lange, so fühlte er seine Fußsohlen wieder
von einem etwas scharfen Gegenstande berührt; er bückte sich, langte auf
den Grund des Baches nieder und brachte mit der Hand eine Menge Steine
herauf, worunter sich ein prächtiger Kieselstein befand, der fast die Form
eines Flintensteines hatte und also zu dem beabsichtigten Zwecke vollkommen
dienen konnte.
Wer war froher als er! Er trocknete den Stein, ging damit zu der
Brandstelle, sammelte die angebrannten Holzstückchen zusammen, raufte
einige Hände voll gänzlich vertrockneten Grases aus, sammelte ein Häufchen
von der abgefallenen Baumrinde, die so trocken wie Stroh war, und riß, als
er dieses Alles vorbereitet hatte, ein Stück von seinem Taschentuche ab,
das die Stelle des Zunders vertreten sollte.
Er hatte die Sache sich aber leichter gedacht, als sie in der That war:
sein Zunder taugte nichts und wenn auch wirklich ein Fünkchen auf das
baumwollene Zeug fiel und zündete, so verlosch es doch sogleich wieder.
Eine halbe Stunde und länger mühte er sich mit dem Feuerschlagen ab und
wollte schon den Gedanken aufgeben, sich Feuer zu verschaffen, als ihm
einfiel, das Stückchen Zeug zwischen zwei Steinen gleichsam zu einer Art
von Pulver zu zerreiben, was nach seiner Meinung besser zünden würde,
als das Läppchen von dem Tuche. Auch diese Arbeit war nicht ohne Mühe und
kostete viele Zeit; endlich siegte er aber doch durch Beharrlichkeit über
alle Hindernisse und siehe da! der Sieg war sein. Kaum waren ein Paar
Fünkchen in den Zunder gefallen, so glimmte das Ganze; er legte schnell
erst von dem trockenen Grase darauf und blies es zur Flamme an, dann
legte er von der Rinde dazu und endlich die gefundenen angebrannten
Holzstückchen, die bald in einer lustigen Flamme emporloderten.
Als er damit zu Stande war, holte er eine gute Hand voll von seinen
herrlichen Pataten, wusch sie an der Quelle rein und legte sie an das
Feuer, wo sie schnell brieten; ein grüner, sehr biegsamer Baumzweig, den er
wie eine Zange zusammenbog, mußte die Stelle der Feuerzange beim Umwenden
der Pataten vertreten; mit der Hand konnte er diese nicht anfassen, da sie
bereits glühend heiß vom Feuer waren.
Sein Appetit war durch den Anblick der kartoffelartigen Frucht so
gestachelt worden, daß er ihn kaum mehr zu zügeln vermochte und
wahrscheinlich -- er selbst hat nichts davon gesagt -- einige davon halbroh
verzehrte, welche Gier ihm unter diesen Umständen schon nachzusehen sein
durfte, so schlecht eine solche sonst auch für uns Menschen läßt, indem sie
uns den Thieren ähnlich macht.
Nie hat wohl dem ärgsten Prasser, dem größesten Leckermaul eine Mahlzeit,
mochte sie auch noch so ausgesucht, noch so trefflich bereitet sein,
so geschmeckt, wie dieses Gericht Pataten unserm ausgehungerten William
mundete. Er hatte weder Butter noch Fett, ja nicht einmal Salz dazu; aber
an solche Leckereien dachte der gute Junge gar nicht; überdies hatten die
Pataten einen etwas süßlichen, mehr dem Obste ähnlichen Geschmack, als
unsere gewöhnlichen Kartoffeln.
Wie schmeckte, nach eingenommenem Mahle, auch ein frischer Trunk aus
dem Bache, und wie lustig sangen buntgefiederte Vögel in den Zweigen des
Gummi-Baumes, unter dem er sich zur Ruhe niederlegte; wie dufteten Blumen
und Kräuter, die ihm zum Lager dienten; O, er wäre vollkommen glücklich
gewesen, und hätte kaum noch einen Wunsch übrig gehabt, wenn er seine
geliebte Mutter bei sich haben und ihr den Reichthum und die Herrlichkeit
dieser Wildniß hätte zeigen können.
Sein erster Gedanke, nachdem er sich unter dem Gummi-Baume zur Ruhe
niedergelegt hatte, war ein Gebet an Gott, ein heißes, inniges Dankgebet;
sein letzter, bevor er einschlief, der an seine Mutter und die theure
Heimath.
Eine empfindliche Kälte erweckte ihn gegen Morgen. Es hatte, wie es in
diesen Gegenden der Fall zu sein pflegt, stark gethaut und Gesicht,
Haare und Kleidung waren ganz naß davon. Schauder, wie von Fieberfrost,
durchströmten sein Gebein; er zitterte vor Kälte und innerem Unbehagen,
obgleich es eben nicht kalt, sondern die Luft nur etwas frischer, als
gewöhnlich war. Er wollte, trotz dem daß der Tag nur erst zu grauen begann,
aufstehen und sich durch Bewegung etwas zu erwärmen suchen; allein es
verursachte ihm große Beschwerde, sich vom Boden zu erheben. Seine Glieder
wurden steif und so wie er Hand, Fuß oder Nacken bewegte, hatte er den
empfindlichsten Schmerz auszustehen.
Trotz dem erhob er sich; allein er wäre bald wieder umgefallen, so
schwindelte ihm der Kopf, der obendrein sehr wehe that; auch wurde ihm das
Schlucken schwer. Dies waren die traurigen Folgen des kalten Badens nach
einer großen Erhitzung. Wenn es nun schon ein großes Ungemach ist, krank
zu sein, wenn uns alle erdenkliche Hülfe geleistet, jegliche mögliche
Erleichterung verschafft wird, ein wie viel größeres mußte es nicht für
unsern William sein, dem Keiner zu Hülfe kommen, den Keiner hegen und
pflegen konnte. Trotz dem raffte er sich auf und taumelte eine Strecke
fort. Alle Gegenstände drehten sich im Kreise um ihn her; das Sehen fiel
ihm schwer; sein Athem war kurz und beengt und Hände und Füße versagten ihm
den Dienst; er fühlte sich so krank, wie er noch nie im Leben sich gefühlt
hatte, selbst damals nicht, als die Masern bei ihm zum Ausbruche kamen, und
er glaubte, daß sein letztes Stündchen gekommen sei, als er in tödtlicher
Ermattung und unter den heftigsten Gliederschmerzen in der Nähe des Baches
zur Erde sank.
Erst jetzt dachte er über die vermuthliche Ursache einer so plötzlichen
Erkrankung nach, und hatte sie bald ausgefunden. Wie oft hatte seine
sorgsame Mutter ihn nicht vor plötzlicher Erkältung nach großer Erhitzung
gewarnt, und ihm die so leicht schädlichen Folgen einer solchen Erkältung
vorgestellt; wie oft hatte sie ihm nicht das Glas vom Munde genommen, wenn
er nach einem raschen Gange trinken wollte! Und jetzt hatte er an alle
diese wohlgemeinten Warnungen nicht gedacht, sondern war, fast triefend von
Schweiß, in das kalte Wasser des Baches gegangen. Mit wie vielen Leiden
und Schmerzen mußte der Arme diese Unvorsichtigkeit und ein Gefühl
augenblicklichen Wohlbehagens nicht bezahlen!
Bald wechselte der Frost, der seine Glieder geschüttelt hatte, mit einer
brennenden Hitze ab. Sein Gesicht, seine Hände, seine Fußsohlen glühten:
dabei schmerzte ihn jedes Glied seines Körpers; seine Zunge klebte vor
Durst am Gaumen fest; seine Augen waren roth und brannten wie Feuer. Er
hatte das größeste Verlangen, aus dem nahen Bache seinen glühenden Durst zu
löschen; allein er vermochte nicht aufzustehen, nicht die wenigen Schritte
bis zu demselben zu machen.
Seine Lage war in der That die schrecklichste und preßte ihm Wehklagen und
Jammern aus. Bedenkt, Kinder, was es sagen will, von aller Welt verlassen,
ohne Erquickung, ohne eine Handreichung, ja, ohne liebevollen Zuspruch, so
in einer Wüste krank da zu liegen, und schenkt unserm armen Freunde Euer
aufrichtiges Bedauern, verargt es ihm auch nicht, daß er wimmerte und
weinte. Thut ihr das doch wohl auch einmal in schweren Krankheiten, trotz
dem daß Alles liebevoll um Euch bemüht ist und die Kunst Alles aufbietet,
Euch Linderung zu verschaffen; ja, klagt und wimmert Ihr vielleicht nicht
blos -- denn das würde Euch im Uebermaße der Schmerzen schon nachzusehen
sein -- sondern werdet sogar ungeduldig und gegen Eure Umgebung undankbar
und ungerecht! Das Letztere aber ist eine Sünde; jeder Kranke sollte
dankbarer sein, als der Gesunde, weil ersterer noch weit mehr Liebe und
Sorgfalt bedarf und findet als letzterer.
Unser William konnte aber weder dankbar noch undankbar sein: es nahm sich
Keiner seiner an; keine Hand schob ihm ein weiches Kopfkissen unter
sein armes, heftig schmerzendes Haupt; keine trocknete ihm die hellen
Schweißperlen von der glühenden Stirn; keine reichte ihm den kühlen Trunk,
nach dem er schmachtete; er war allein, verlassen von aller Welt und selbst
unfähig, irgend Etwas für sich zu thun. Der arme, arme William!
Zwölftes Kapitel.